Vom Brenner bis Verona

Trient, den 11. September, früh.

Nachdem ich völlig funfzig Stunden am Leben und in steter

Beschäftigung gewesen, kam ich gestern abend um acht Uhr hier an,

begab mich bald zur Ruhe und finde mich nun wieder imstande, in meiner

Erzählung fortzufahren. Am Neunten abends, als ich das erste Stück

meines Tagebuchs geschlossen hatte, wollte ich noch die Herberge, das

Posthaus auf dem Brenner, in seiner Lage zeichnen, aber es gelang

nicht, ich verfehlte den Charakter und ging halb verdrießlich nach

Hause. Der Wirt fragte mich, ob ich nicht fort wollte, es sei

Mondenschein und der beste Weg, und ob ich wohl wußte, daß er die

Pferde morgen früh zum Einfahren des Grummets brauchte und bis dahin

gern wieder zu Hause hätte, sein Rat also eigennützig war, so nahm ich

ihn doch, weil er mit meinem innern Triebe übereinstimmte, als gut an.

Die Sonne ließ sich wieder blicken, die Luft war leidlich; ich packte

ein, und um sieben Uhr fuhr ich weg. Die Atmosphäre ward über die

Wolken Herr und der Abend gar schön.

Der Postillon schlief ein, und die Pferde liefen den schnellsten Trab

bergunter, immer auf dem bekannten Wege fort; kamen sie an ein eben

Fleck, so ging es desto langsamer. Der Führer wachte auf und trieb

wieder an, und so kam ich sehr geschwind, zwischen hohen Felsen, an

dem reißenden Etschfluß hinunter. Der Mond ging auf und beleuchtete

ungeheuere Gegenstände. Einige Mühlen zwischen uralten Fichten über

dem schäumenden Strom waren völlige Everdingen.

Als ich um neun Uhr nach Sterzing gelangte, gab man mir zu verstehen,

daß man mich gleich wieder wegwünsche. In Mittenwald Punkt zwölf Uhr

fand ich alles in tiefem Schlafe, außer dem Postillon, und so ging es

weiter auf Brixen, wo man mich wieder gleichsam entführte, so daß ich

mit dem Tage in Kollmann ankam. Die Postillons fuhren, daß einem

Sehen und Hören verging, und so leid es mir tat, diese herrlichen

Gegenden mit der entsetzlichsten Schnelle und bei Nacht wie im Fluge

zu durchreisen, so freuete es mich doch innerlich, daß ein günstiger

Wind hinter mir herblies und mich meinen Wünschen zujagte. Mit

Tagesanbruch erblickte ich die ersten Rebhügel. Eine Frau mit Birnen

und Pfirschen begegnete mir, und so ging es auf Teutschen los, wo ich

um sieben Uhr ankam und gleich weiterbefördert wurde. Nun erblickte

ich endlich bei hohem Sonnenschein, nachdem ich wieder eine Weile

nordwärts gefahren war, das Tal, worin Bozen liegt. Von steilen, bis

auf eine ziemliche Höhe angebauten Bergen umgeben, ist es gegen Mittag

offen, gegen Norden von den Tiroler Bergen gedeckt. Eine milde,

sanfte Luft füllte die Gegend. Hier wendet sich die Etsch wieder

gegen Mittag. Die Hügel am Fuße der Berge sind mit Wein bebaut. Über

lange, niedrige Lauben sind die Stöcke gezogen, die blauen Trauben

hängen gar zierlich von der Decke herunter und reifen an der Wärme des

nahen Bodens. Auch in der Fläche des Tals, wo sonst nur Wiesen sind,

wird der Wein in solchen eng aneinander stehenden Reihen von Lauben

gebaut, dazwischen das türkische Korn, das nun immer höhere Stengel

treibt. Ich habe es oft zu zehn Fuß hoch gesehen. Die zaselige

männliche Blüte ist noch nicht abgeschnitten, wie es geschieht, wenn

die Befruchtung eine Zeitlang vorbei ist.

Bei heiterm Sonnenschein kam ich nach Bozen. Die vielen

Kaufmannsgesichter freuten mich beisammen. Ein absichtliches,

wohlbehagliches Dasein drückt sich recht lebhaft aus. Auf dem Platze

saßen Obstweiber mit runden, flachen Körben, über vier Fuß im

Durchmesser, worin die Pfirschen nebeneinander lagen, daß sie sich

nicht drücken sollten. Ebenso die Birnen. Hier fiel mir ein, was ich

in Regensburg am Fenster des Wirtshauses geschrieben sah:

Comme les pêches et les mélons

Sont pour la bouche d'un baron,

Ainsi les verges et les bâtons

Sont pour les fous, dit Salomon.

Daß ein nordischer Baron dies geschrieben, ist offenbar, und daß er in

diesen Gegenden seine Begriffe ändern würde, ist auch natürlich.

Die Bozner Messe bewirkt einen starken Seidenvertrieb; auch Tücher

werden dahin gebracht und was an Leder aus den gebirgigen Gegenden

zusammengeschafft wird. Doch kommen mehrere Kaufleute hauptsächlich,

um Gelder einzukassieren, Bestellungen anzunehmen und neuen Kredit zu

geben, dahin. Ich hatte große Lust, alle die Produkte zu beleuchten,

die hier auf einmal zusammengefunden werden, doch der Trieb, die

Unruhe, die hinter mir ist, läßt mich nicht rasten, und ich eile

sogleich wieder fort. Dabei kann ich mich trösten, daß in unsern

statistischen Zeiten dies alles wohl schon gedruckt ist und man sich

gelegentlich davon aus Büchern unterrichten kann. Mir ist jetzt nur

um die sinnlichen Eindrücke zu tun, die kein Buch, kein Bild gibt.

Die Sache ist, daß ich wieder Interesse an der Welt nehme, meinen

Beobachtungsgeist versuche und prüfe, wie weit es mit meinen

Wissenschaften und Kenntnissen geht, ob mein Auge licht, rein und hell

ist, wieviel ich in der Geschwindigkeit fassen kann, und ob die Falten,

die sich in mein Gemüt geschlagen und gedrückt haben, wieder

auszutilgen sind. Schon jetzt, daß ich mich selbst bediene, immer

aufmerksam, immer gegenwärtig sein muß, gibt mir diese wenigen Tage

her eine ganz andere Elastizität des Geistes; ich muß mich um den

Geldkurs bekümmern, wechseln, bezahlen, notieren, schreiben, anstatt

daß ich sonst nur dachte, wollte, sann, befahl und diktierte.

Von Bozen auf Trient geht es neun Meilen weg in einem fruchtbaren und

fruchtbareren Tale hin. Alles, was auf den höheren Gebirgen zu

vegetieren versucht, hat hier schon mehr Kraft und Leben, die Sonne

scheint heiß, und man glaubt wieder einmal an einen Gott.

Eine arme Frau rief mich an, ich möchte ihr Kind in den Wagen nehmen,

weil ihm der heiße Boden die Füße verbrenne. Ich übte diese

Mildtätigkeit zu Ehren des gewaltigen Himmelslichtes. Das Kind war

sonderbar geputzt und aufgeziert, ich konnte ihm aber in keiner

Sprache etwas abgewinnen.

Die Etsch fließt nun sanfter und macht an vielen Orten breite Kiese.

Auf dem Lande, nah am Fluß, die Hügel hinauf ist alles so enge an--und

ineinander gepflanzt, daß man denkt, es müsse eins das andere

ersticken.--Weingeländer, Mais, Maulbeerbäume, Apfel, Birnen, Quitten

und Nüsse. Über Mauern wirft sich der Attich lebhaft herüber. Efeu

wächst in starken Stämmen die Felsen hinauf und verbreitet sich weit

über sie; die Eidechse schlüpft durch die Zwischenräume, auch alles,

was hin und her wandelt, erinnert einen an die liebsten Kunstbilder.

Die aufgebundenen Zöpfe der Frauen, der Männer bloße Brust und leichte

Jacken, die trefflichen Ochsen, die sie vom Markt nach Hause treiben,

die beladenen Eselchen, alles bildet einen lebendigen, bewegten

Heinrich Roos. Und nun, wenn es Abend wird, bei der milden Luft

wenige Wolken an den Bergen ruhen, am Himmel mehr stehen als ziehen,

und gleich nach Sonnenuntergang das Geschrille der Heuschrecken laut

zu werden anfängt, da fühlt man sich doch einmal in der Welt zu Hause

und nicht wie geborgt oder im Exil. Ich lasse mir's gefallen, als

wenn ich hier geboren und erzogen wäre und nun von einer

Grönlandsfahrt, von einem Walfischfange zurückkäme. Auch der

vaterländische Staub, der manchmal den Wagen umwirbelt, von dem ich so

lange nichts erfahren habe, wird begrüßt. Das Glocken--und

Schellengeläute der Heuschrecken ist allerliebst, durchdringend und

nicht unangenehm. Lustig klingt es, wenn mutwillige Buben mit einem

Feld solcher Sängerinnen um die Wette pfeifen; man bildet sich ein,

daß sie einander wirklich steigern. Auch der Abend ist vollkommen

milde wie der Tag.

Wenn mein Entzücken hierüber jemand vernähme, der in Süden wohnte, von

Süden herkäme, er würde mich für sehr kindisch halten. Ach, was ich

hier ausdrücke, habe ich lange gewußt, so lange, als ich unter einem

bösen Himmel dulde, und jetzt mag ich gern diese Freude als Ausnahme

fühlen, die wir als eine ewige Naturnotwendigkeit immerfort genießen

sollten.

Trient, den 10. September, abends.

Ich bin in der Stadt herumgegangen, die uralt ist und in einigen

Straßen neue wohlgebaute Häuser hat. In der Kirche hängt ein Bild, wo

das versammelte Konzilium einer Predigt des Jesuitengenerals zuhört.

Ich möchte wohl wissen, was er ihnen aufgebunden hat. Die Kirche

dieser Väter bezeichnet sich gleich von außen durch rote

Marmorpilaster an der Fassade; ein schwerer Vorhang schließt die Türe,

den Staub abzuhalten. Ich hob ihn auf und trat in eine kleine

Vorkirche; die Kirche selbst ist durch ein eisernes Gitter geschlossen,

doch so, daß man sie ganz übersehen kann. Es war alles still und

ausgestorben, denn es wird hier kein Gottesdienst mehr gehalten. Die

vordere Türe stand nur auf, weil zur Vesperzeit alle Kirchen geöffnet

sein sollen.

Wie ich nun so dastehe und der Bauart nachdenke, die ich den übrigen

Kirchen dieser Väter ähnlich fand, tritt ein alter Mann herein, das

schwarze Käppchen sogleich abnehmend. Sein alter, schwarzer,

vergrauter Rock deutete auf einen verkümmerten Geistlichen; er kniet

vor dem Gitter nieder und steht nach einem kurzen Gebet wieder auf.

Wie er sich umkehrt, sagt er halblaut für sich: "Da haben sie nun die

Jesuiten herausgetrieben; sie hätten ihnen auch zahlen sollen, was die

Kirche gekostet hat. Ich weiß wohl, was sie gekostet hat und das

Seminarium, wie viele Tausende." Indessen war er hinaus und hinter

ihm der Vorhang zugefallen, den ich lüftete und mich still hielt. Er

war auf der obern Stufe stehengeblieben und sagte: "Der Kaiser hat es

nicht getan, der Papst hat es getan." Mit dem Gesicht gegen die

Straße gekehrt und ohne mich zu vermuten, fuhr er fort: "Erst die

Spanier, dann wir, dann die Franzosen. Abels Blut schreit über seinen

Bruder Kain!" und so ging er die Treppe hinab, immer mit sich redend,

die Straße hin. Wahrscheinlich ist es ein Mann, den die Jesuiten

erhielten, und der über den ungeheuern Fall des Ordens den Verstand

verlor und nun täglich kommt, in dem leeren Gefäß die alten Bewohner

zu suchen und nach einem kurzen Gebet ihren Feinden den Fluch zu geben.

Ein junger Mann, den ich um die Merkwürdigkeiten der Stadt fragte,

zeigte mir ein Haus, das man des Teufels Haus nennt, welches der sonst

allzeit fertige Zerstörer in einer Nacht mit schnell herbeigeschafften

Steinen erbaut haben soll. Das eigentliche Merkwürdige daran bemerkte

der gute Mensch aber nicht, daß es nämlich das einzige Haus von gutem

Geschmack ist, das ich in Trient gesehen habe, in einer älteren Zeit

gewiß von einem guten Italiener aufgeführt.

Abends um fünf Uhr reiste ich ab; wieder das Schauspiel von gestern

abend und die Heuschrecken, die gleich bei Sonnenuntergang zu

schrillen anfangen. Wohl eine Meile weit fährt man zwischen Mauern,

über welche sich Traubengeländer sehen lassen; andere Mauern, die

nicht hoch genug sind, hat man mit Steinen, Dornen und sonst zu

erhöhen gesucht, um das Abrupfen der Trauben den Vorbeigehenden zu

wehren. Viele Besitzer bespritzen die vordersten Reihen mit Kalk, der

die Trauben ungenießbar macht, dem Wein aber nichts schadet, weil die

Gärung alles wieder heraustreibt.

Den 11. September, abends.

Hier bin ich nun in Roveredo, wo die Sprache sich abschneidet; oben

herein schwankt es noch immer vom Deutschen zum Italienischen. Nun

hatte ich zum erstenmal einen stockwelschen Postillon; der Wirt

spricht kein Deutsch, und ich muß nun meine Sprachkünste versuchen.

Wie froh bin ich, daß nunmehr die geliebte Sprache lebendig, die

Sprache des Gebrauchs wird!

Torbole, den 12. September, nach Tische.

Wie sehr wünschte ich meine Freunde einen Augenblick neben mich, daß

sie sich der Aussicht freuen könnten, die vor mir liegt!

Heute abend hätte ich können in Verona sein, aber es lag mir noch eine

herrliche Naturwirkung an der Seite, ein köstliches Schauspiel, der

Gardasee, den wollte ich nicht versäumen, und bin herrlich für meinen

Umweg belohnt. Nach fünfen fuhr ich von Roveredo fort, ein Seitental

hinauf, das seine Wasser noch in die Etsch gießt. Wenn man

hinaufkommt, liegt ein ungeheurer Felsriegel hinten vor, über den man

nach dem See hinunter muß. Hier zeigten sich die schönsten Kalkfelsen

zu malerischen Studien. Wenn man hinabkommt, liegt ein Örtchen am

nördlichen Ende des Sees und ist ein kleiner Hafen oder vielmehr

Anfahrt daselbst, es heißt Torbole. Die Feigenbäume hatten mich schon

den Weg herauf häufig begleitet, und indem ich in das Felsamphitheater

hinabstieg, fand ich die ersten Ölbäume voller Oliven. Hier traf ich

auch zum erstenmal die weißen kleinen Feigen als gemeine Frucht,

welche mir die Gräfin Lanthieri verheißen hatte.

Aus dem Zimmer, in dem ich sitze, geht eine Türe nach dem Hof hinunter;

ich habe meinen Tisch davor gerückt und die Aussicht mit einigen

Linien gezeichnet. Man übersieht den See beinah in seiner ganzen

Länge, nur am Ende links entwendet er sich unsern Augen. Das Ufer,

auf beiden Seiten von Hügeln und Bergen eingefaßt, glänzt von

unzähligen kleinen Ortschaften.

Nach Mitternacht bläst der Wind von Norden nach Süden, wer also den

See hinab will, muß zu dieser Zeit fahren; denn schon einige Stunden

vor Sonnenaufgang wendet sich der Luftstrom und zieht nordwärts.

Jetzo nachmittag wehet er stark gegen mich und kühlt die heiße Sonne

gar lieblich. Zugleich lehrt mich Volkmann, daß dieser See ehemals

Benacus geheißen, und bringt einen Vers des Virgil, worin dessen

gedacht wird:

Fluctibus et fremitu resonans Benace marino.

Der erste lateinische Vers, dessen Inhalt lebendig vor mir steht, und

der in dem Augenblicke, da der Wind immer stärker wächst und der See

höhere Wellen gegen die Anfahrt wirft, noch heute so wahr ist als vor

vielen Jahrhunderten. So manches hat sich verändert, noch aber stürmt

der Wind in dem See, dessen Anblick eine Zeile Virgils noch immer

veredelt.

Geschrieben unter dem fünfundvierzigsten Grade funfzig Minuten.

In der Abendkühle ging ich spazieren und befinde mich nun wirklich in

einem neuen Lande, in einer ganz fremden Umgebung. Die Menschen leben

ein nachlässiges Schlaraffenleben: erstlich haben die Türen keine

Schlösser; der Wirt aber versicherte mir, ich könnte ganz ruhig sein,

und wenn alles, was ich bei mir hätte, aus Diamanten bestünde;

zweitens sind die Fenster mit Ölpapier statt Glasscheiben geschlossen;

drittens fehlt eine höchst nötige Bequemlichkeit, so daß man dem

Naturzustande hier ziemlich nahe kömmt. Als ich den Hausknecht nach

einer gewissen Gelegenheit fragte, deutete er in den Hof hinunter.

"Qui abasso può servirsi!" Ich fragte: "Dove?"--"Da per tutto, dove

vuol!" antwortete er freundlich. Durchaus zeigt sich die größte

Sorglosigkeit, doch Leben und Geschäftigkeit genug. Den ganzen Tag

verführen die Nachbarinnen ein Geschwätz, ein Geschrei, und haben alle

zugleich etwas zu tun, etwas zu schaffen. Ich habe noch kein müßiges

Weib gesehn.

Der Wirt verkündigte mir mit italienischer Emphase, daß er sich

glücklich finde, mir mit der köstlichsten Forelle dienen zu können.

Sie werden bei Torbole gefangen, wo der Bach vom Gebirge herunter

kommt und der Fisch den Weg hinauf sucht. Der Kaiser erhält von

diesem Fange zehntausend Gulden Pacht. Es sind keine eigentlichen

Forellen, groß, manchmal funfzig Pfund schwer, über den ganzen Körper

bis auf den Kopf hinauf punktiert; der Geschmack zwischen Forelle und

Lachs, zart und trefflich.

Mein eigentlich Wohlleben aber ist in Früchten, in Feigen, auch Birnen,

welche da wohl köstlich sein müssen, wo schon Zitronen wachsen.

Den 13. September, abends.

Heute früh um drei Uhr fuhr ich von Torbole weg mit zwei Ruderern.

Anfangs war der Wind günstig, daß sie die Segel brauchen konnten. Der

Morgen war herrlich, zwar wolkig, doch bei der Dämmerung still. Wir

fuhren bei Limone vorbei, dessen Berggärten, terrassenweise angelegt

und mit Zitronenbäumen bepflanzt, ein reiches und reinliches Ansehn

geben. Der ganze Garten besteht aus Reihen von weißen viereckigen

Pfeilern, die in einer gewissen Entfernung voneinander stehen und

stufenweis den Berg hinaufrücken. Über diese Pfeiler sind starke

Stangen gelegt, um im Winter die dazwischen gepflanzten Bäume zu

decken. Das Betrachten und Beschauen dieser angenehmen Gegenstände

ward durch eine langsame Fahrt begünstigt, und so waren wir schon an

Malcesine vorbei, als der Wind sich völlig umkehrte, seinen

gewöhnlichen Tagweg nahm und nach Norden zog. Das Rudern half wenig

gegen die übermächtige Gewalt, und so mußten wir im Hafen von

Malcesine landen. Es ist der erste venezianische Ort an der

Morgenseite des Sees. Wenn man mit dem Wasser zu tun hat, kann man

nicht sagen, ich werde heute da oder dort sein. Diesen Aufenthalt

will ich so gut als möglich nutzen, besonders das Schloß zu zeichnen,

das am Wasser liegt und ein schöner Gegenstand ist. Heute im

Vorbeifahren nahm ich eine Skizze davon.

Den 14. September.

Der Gegenwind, der mich gestern in den Hafen von Malcesine trieb,

bereitete mir ein gefährliches Abenteuer, welches ich mit gutem Humor

überstand und in der Erinnerung lustig finde. Wie ich mir vorgenommen

hatte, ging ich morgens beizeiten in das alte Schloß, welches ohne Tor,

ohne Verwahrung und Bewachung jedermann zugänglich ist. Im

Schloßhofe setzte ich mich dem alten auf und in den Felsen gebauten

Turm gegenüber; hier hatte ich zum Zeichnen ein sehr bequemes

Plätzchen gefunden; neben einer drei, vier Stufen erhöhten

verschlossenen Tür, im Türgewände ein verziertes steinernes Sitzchen,

wie wir sie wohl bei uns in alten Gebäuden auch noch antreffen.

Ich saß nicht lange, so kamen verschiedene Menschen in den Hof herein,

betrachteten mich und gingen hin und wider. Die Menge vermehrte sich,

blieb endlich stehen, so daß sie mich zuletzt umgab. Ich bemerkte

wohl, daß mein Zeichnen Aufsehen erregt hatte, ich ließ mich aber

nicht stören und fuhr ganz gelassen fort. Endlich drängte sich ein

Mann zu mir, nicht von dem besten Ansehen, und fragte, was ich da

mache. Ich erwiderte ihm, daß ich den alten Turm abzeichne, um mir

ein Andenken von Malcesine zu erhalten. Er sagte darauf, es sei dies

nicht erlaubt, und ich sollte es unterlassen. Da er dieses in

gemeiner venezianischer Sprache sagte, so daß ich ihn wirklich kaum

verstand, so erwiderte ich ihm, daß ich ihn nicht verstehe. Er

ergriff darauf mit wahrer italienischer Gelassenheit mein Blatt,

zerriß es, ließ es aber auf der Pappe liegen. Hierauf konnt' ich

einen Ton der Unzufriedenheit unter den Umstehenden bemerken,

besonders sagte eine ältliche Frau, es sei nicht recht, man solle den

Podestà rufen, welcher dergleichen Dinge zu beurteilen wisse. Ich

stand auf meinen Stufen, den Rücken gegen die Türe gelehnt, und

überschaute das immer sich vermehrende Publikum. Die neugierigen

starren Blicke, der gutmütige Ausdruck in den meisten Gesichtern und

was sonst noch alles eine fremde Volksmasse charakterisieren mag, gab

mir den lustigsten Eindruck. Ich glaubte, das Chor der Vögel vor mir

zu sehen, das ich als Treufreund auf dem Ettersburger Theater oft zum

besten gehabt. Dies versetzte mich in die heiterste Stimmung, so daß,

als der Podestà mit seinem Aktuarius herankam, ich ihn freimütig

begrüßte und auf seine Frage, warum ich ihre Festung abzeichnete, ihm

bescheiden erwiderte, daß ich dieses Gemäuer nicht für eine Festung

anerkenne. Ich machte ihn und das Volk aufmerksam auf den Verfall

dieser Türme und dieser Mauern, auf den Mangel von Toren, kurz auf die

Wehrlosigkeit des ganzen Zustandes und versicherte, ich habe hier

nichts als eine Ruine zu sehen und zu zeichnen gedacht.

Man entgegnete mir: wenn es eine Ruine sei, was denn dran wohl

merkwürdig scheinen könne? Ich erwiderte darauf, weil ich Zeit und

Gunst zu gewinnen suchte, sehr umständlich, daß sie wüßten, wie viele

Reisende nur um der Ruinen willen nach Italien zögen, daß Rom, die

Hauptstadt der Welt, von den Barbaren verwüstet, voller Ruinen stehe,

welche hundertund aber hundertmal gezeichnet worden, daß nicht alles

aus dem Altertum so erhalten sei, wie das Amphitheater zu Verona,

welches ich denn auch bald zu sehen hoffte.

Der Podestà, welcher vor mir, aber tiefer stand, war ein langer, nicht

gerade hagerer Mann von etwa dreißig Jahren. Die stumpfen Züge seines

geistlosen Gesichts stimmten ganz zu der langsamen und trüben Weise,

womit er seine Fragen hervorbrachte. Der Aktuarius, kleiner und

gewandter, schien sich in einen so neuen und seltnen Fall auch nicht

gleich finden zu können. Ich sprach noch manches dergleichen; man

schien mich gern zu hören, und indem ich mich an einige wohlwollende

Frauengesichter wendete, glaubte ich, Beistimmung und Billigung

wahrzunehmen.

Als ich jedoch des Amphitheaters zu Verona erwähnte, das man im Lande

unter dem Namen Arena kennt, sagte der Aktuarius, der sich unterdessen

besonnen hatte, das möge wohl gelten, denn jenes sei ein weltberühmtes

römisches Gebäude, an diesen Türmen aber sei nichts Merkwürdiges, als

daß es die Grenze zwischen dem Gebiete Venedigs und dem östreichischen

Kaiserstaate bezeichne und deshalb nicht ausspioniert werden solle.

Ich erklärte mich dagegen weitläufig, daß nicht allein griechische und

römische Altertümer, sondern auch die der mittlern Zeit Aufmerksamkeit

verdienten. Ihnen sei freilich nicht zu verargen, daß sie an diesem

von Jugend auf gekannten Gebäude nicht so viele malerische Schönheiten

als ich entdecken könnten. Glücklicherweise setzte die Morgensonne

Turm, Felsen und Mauern in das schönste Licht, und ich fing an, ihnen

dieses Bild mit Enthusiasmus zu beschreiben. Weil aber mein Publikum

jene belobten Gegenstände im Rücken hatte und sich nicht ganz von mir

abwenden wollte, so drehten sie auf einmal, jenen Vögeln gleich, die

man Wendehälse nennt, die Köpfe herum, dasjenige mit Augen zu schauen,

was ich ihren Ohren anpries, ja der Podestà selbst kehrte sich,

obgleich mit etwas mehr Anstand, nach dem beschriebenen Bilde hin.

Diese Szene kam mir so lächerlich vor, daß mein guter Mut sich

vermehrte und ich ihnen nichts, am wenigsten den Efeu schenkte, der

Fels und Gemäuer auf das reichste zu verzieren schon Jahrhunderte Zeit

gehabt hatte.

Der Aktuarius versetzte drauf, das lasse sich alles hören, aber Kaiser

Joseph sei ein unruhiger Herr, der gewiß gegen die Republik Venedig

noch manches Böse im Schilde führe, und ich möchte wohl sein Untertan,

ein Abgeordneter sein, um die Grenzen auszuspähen.

"Weit entfernt", rief ich aus, "dem Kaiser anzugehören, darf ich mich

wohl rühmen, so gut als ihr, Bürger einer Republik zu sein, welche

zwar an Macht und Größe dem erlauchten Staat von Venedig nicht

verglichen werden kann, aber doch auch sich selbst regiert und an

Handelstätigkeit, Reichtum und Weisheit ihrer Vorgesetzten keiner

Stadt in Deutschland nachsieht. Ich bin nämlich von Frankfurt am Main

gebürtig, einer Stadt, deren Name und Ruf gewiß bis zu euch gekommen

ist."

"Von Frankfurt am Main!" rief eine hübsche junge Frau, "da könnt Ihr

gleich sehen, Herr Podestà, was an dem Fremden ist, den ich für einen

guten Mann halte; laßt den Gregorio rufen, der lange daselbst

konditioniert hat, der wird am besten in der Sache entscheiden können."

Schon hatten sich die wohlwollenden Gesichter um mich her vermehrt,

der erste Widerwärtige war verschwunden, und als nun Gregorio

herbeikam, wendete sich die Sache ganz zu meinem Vorteil. Dieser war

ein Mann etwa in den Funfzigen, ein braunes italienisches Gesicht, wie

man sie kennt. Er sprach und betrug sich als einer, dem etwas Fremdes

nicht fremd ist, erzählte mir sogleich, daß er bei Bolongaro in

Diensten gestanden und sich freue, durch mich etwas von dieser Familie

und von der Stadt zu hören, an die er sich mit Vergnügen erinnere.

Glücklicherweise war sein Aufenthalt in meine jüngeren Jahre gefallen,

und ich hatte den doppelten Vorteil, ihm genau sagen zu können, wie es

zu seiner Zeit gewesen und was sich nachher verändert habe. Ich

erzählte ihm von den sämtlichen italienischen Familien, deren mir

keine fremd geblieben; er war sehr vergnügt, manches Einzelne zu hören,

z. B. daß der Herr Allesina im Jahre 1774 seine goldene Hochzeit

gefeiert, daß darauf eine Medaille geschlagen worden, die ich selbst

besitze; er erinnerte sich recht wohl, daß die Gattin dieses reichen

Handelsherrn eine geborne Brentano sei. Auch von den Kindern und

Enkeln dieser Häuser wußte ich ihm zu erzählen, wie sie herangewachsen,

versorgt, verheiratet worden und sich in Enkeln vermehrt hätten.

Als ich ihm nun die genaueste Auskunft fast über alles gegeben, um was

er mich befragt, wechselten Heiterkeit und Ernst in den Zügen des

Mannes. Er war froh und gerührt, das Volk erheiterte sich immer mehr

und konnte unserm Zwiegespräch zuzuhören nicht satt werden, wovon er

freilich einen Teil erst in ihren Dialekt übersetzen mußte.

Zuletzt sagte er: "Herr Podestà, ich bin überzeugt, daß dieses ein

braver, kunstreicher Mann ist, wohl erzogen, welcher herumreist, sich

zu unterrichten. Wir wollen ihn freundlich entlassen, damit er bei

seinen Landsleuten Gutes von uns rede und sie aufmuntere, Malcesine zu

besuchen, dessen schöne Lage wohl wert ist, von Fremden bewundert zu

sein." Ich verstärkte diese freundlichen Worte durch das Lob der

Gegend, der Lage und der Einwohner, die Gerichtspersonen als weise und

vorsichtige Männer nicht vergessend.

Dieses alles ward für gut erkannt, und ich erhielt die Erlaubnis, mit

Meister Gregorio nach Belieben den Ort und die Gegend zu besehen. Der

Wirt, bei dem ich eingekehrt war, gesellte sich nun zu uns und freute

sich schon auf die Fremden, welche auch ihm zuströmen würden, wenn die

Vorzüge Malcesines erst recht ans Licht kämen. Mit lebhafter

Neugierde betrachtete er meine Kleidungsstücke, besonders aber

beneidete er mich um die kleinen Terzerole, die man so bequem in die

Tasche stecken konnte. Er pries diejenigen glücklich, die so schöne

Gewehre tragen dürften, welches bei ihnen unter den peinlichsten

Strafen verboten sei. Diesen freundlich Zudringlichen unterbrach ich

einigemal, meinem Befreier mich dankbar zu erweisen. "Dankt mir

nicht", versetzte der brave Mann, "mir seid Ihr nichts schuldig.

Verstünde der Podestà sein Handwerk und wäre der Aktuar nicht der

eigennützigste aller Menschen, Ihr wäret nicht so losgekommen. Jener

war verlegener als Ihr, und diesem hätte Eure Verhaftung, die Berichte,

die Abführung nach Verona auch nicht einen Heller eingetragen. Das

hat er geschwind überlegt, und Ihr wart schon befreit, ehe unsere

Unterredung zu Ende war."

Gegen Abend holte mich der gute Mann in seinen Weinberg ab, der den

See hinabwärts sehr wohlgelegen war. Uns begleitete sein

funfzehnjähriger Sohn, der auf die Bäume steigen und mir das beste

Obst brechen mußte, indessen der Alte die reifsten Weintrauben

aussuchte.

Zwischen diesen beiden weltfremden, wohlwollenden Menschen, in der

unendlichen Einsamkeit dieses Erdwinkels ganz allein, fühlte ich denn

doch, wenn ich die Abenteuer des Tages überdachte, auf das lebhafteste,

welch ein wunderliches Wesen der Mensch ist, daß er dasjenige, was er

mit Sicherheit und Bequemlichkeit in guter Gesellschaft genießen

könnte, sich oft unbequem und gefährlich macht, bloß aus der Grille,

die Welt und ihren Inhalt sich auf seine besondere Weise zuzueignen.

Gegen Mitternacht begleitete mich mein Wirt an die Barke, das

Fruchtkörbchen tragend, welches mir Gregorio verehrt hatte, und so

schied ich mit günstigem Wind von dem Ufer, welches mir lästrygonisch

zu werden gedroht hatte.

Nun von meiner Seefahrt! Sie endete glücklich, nachdem die

Herrlichkeit des Wasserspiegels und des daran liegenden brescianischen

Ufers mich recht im Herzen erquickt hatte. Da, wo an der Abendseite

das Gebirge aufhört, steil zu sein, und die Landschaft flächer nach

dem See fällt, liegen in einer Reihe, in einer Länge von ungefähr

anderthalb Stunden, Gargnano, Boiacco, Cecina, Toscolan, Maderno,

Verdom, Saló, alle auch wieder meist in die Länge gezogen. Keine

Worte drücken die Anmut dieser so reich bewohnten Gegend aus. Früh um

zehn Uhr landete ich in Bartolino, lud mein Gepäck auf ein Maultier

und mich auf ein anderes. Nun ging der Weg über einen Rücken, der das

Tal der Etsch von der Seevertiefung scheidet. Die Urwasser scheinen

hier von beiden Seiten gegeneinander in ungeheuern Strömungen gewirkt

und diesen kolossalen Kieseldamm aufgeführt zu haben. Fruchtbares

Erdreich ward in ruhigern Epochen darüber geschlemmt; aber der

Ackersmann ist doch stets aufs neue von den immer wieder

hervordringenden Geschieben geplagt. Man sucht soviel als möglich

ihrer loszuwerden, baut sie reihen--und schichtenweise übereinander

und bildet dadurch am Wege hin sehr dicke Quasimauern. Die

Maulbeerbäume sehen wegen Mangel an Feuchtigkeit nicht fröhlich auf

dieser Höhe. An Quellen ist nicht zu denken. Von Zeit zu Zeit trifft

man Pfützen zusammengeleiteten Regenwassers, woraus die Maultiere,

auch wohl die Treiber ihren Durst löschen. Unten am Flusse sind

Schöpfräder angebracht, um die tieferliegenden Pflanzungen nach

Gefallen zu wässern.

Nun aber kann die Herrlichkeit der neuen Gegend, die man beim

Herabsteigen übersieht, durch Worte nicht dargestellt werden. Es ist

ein Garten meilenlang und -breit, der, am Fuß hoher Gebirge und

schroffer Felsen, ganz flach in der größten Reinlichkeit daliegt. Und

so kam ich denn am 10. September gegen ein Uhr hier in Verona an, wo

ich zuerst noch dieses schreibe, das zweite Stück meines Tagebuchs

schließe und hefte und gegen Abend mit freudigem Geiste das

Amphitheater zu sehen hoffe.

Von der Witterung dieser Tage her melde ich folgendes. Die Nacht vom

neunten auf den zehnten war abwechselnd hell und bedeckt, der Mond

behielt immer einen Schein um sich. Morgens gegen fünf Uhr überzog

sich der ganze Himmel mit grauen, nicht schweren Wolken, die mit dem

wachsenden Tage verschwanden. Je tiefer ich hinabkam, desto schöner

war das Wetter. Wie nun gar in Bozen der große Gebirgsstock

mitternächtlich blieb, zeigte die Luft eine ganz andere Beschaffenheit;

man sah nämlich an den verschiedenen Landschaftsgründen, die sich gar

lieblich durch ein etwas mehr oder weniger Blau voneinander

absonderten, daß die Atmosphäre voll gleich ausgeteilter Dünste sei,

welche sie zu tragen vermochte, und die daher weder als Tau oder Regen

niederfielen, noch als Wolken sich sammelten. Wie ich weiter hinabkam,

konnte ich deutlich bemerken, daß alle Dünste, die aus dem Bozner Tal,

alle Wolkenstreifen, die von den mittägigern Bergen aufsteigen, nach

den hohem mitternächtigen Gegenden zuzogen, sie nicht verdeckten, aber

in eine Art Höherauch einhüllten. In der weitesten Ferne, über dem

Gebirg, konnte ich eine sogenannte Wassergalle bemerken. Von Bozen

südwärts haben sie den ganzen Sommer das schönste Wetter gehabt, nur

von Zeit zu Zeit ein wenig Wasser (sie sagen acqua, um den gelinden

Regen auszudrücken), und dann sogleich wieder Sonnenschein. Auch

gestern fielen von Zeit zu Zeit einige Tropfen, und die Sonne schien

immer dazu. Sie haben lange kein so gutes Jahr gehabt; es gerät alles;

das üble haben sie uns zugeschickt.

Das Gebirge, die Steinarten erwähne ich nur kürzlich, denn Ferbers

Reise nach Italien und Hacquets durch die Alpen unterrichten uns

genugsam von dieser Wegstrecke. Eine Viertelstunde vom Brenner ist

ein Marmorbruch, an dem ich in der Dämmerung vorbeifuhr. Er mag und

muß, wie der an der andern Seite, auf Glimmerschiefer aufliegen.

Diesen fand ich bei Kollmann, als es Tag ward; weiter hinab zeigten

sich Porphyre an. Die Felsen waren so prächtig und an der Chaussee

die Haufen so gätlich zerschlagen, daß man gleich Voigtische

Kabinettchen daraus hätte bilden und verpacken können. Auch kann ich

ohne Beschwerde jeder Art ein Stück mitnehmen, wenn ich nur Augen und

Begierde an ein kleineres Maß gewöhne. Bald unter Kollmann fand ich

einen Porphyr, der sich in regelmäßige Platten spaltet, zwischen

Branzoll und Neumarkt einen ähnlichen, dessen Platten jedoch sich

wieder in Säulen trennen. Ferber hielt sie für vulkanische Produkte,

das war aber vor vierzehn Jahren, wo die ganze Welt in den Köpfen

brannte. Hacquet schon macht sich darüber lustig.

Von den Menschen wußte ich nur weniges und wenig Erfreuliches zu sagen.

Sobald mir vom Brenner Herunterfahrendem der Tag aufging, bemerkte

ich eine entschiedene Veränderung der Gestalt, besonders mißfiel mir

die bräunlich bleiche Farbe der Weiber. Ihre Gesichtszüge deuten auf

Elend, Kinder waren ebenso erbärmlich anzusehen, Männer ein wenig

besser, die Grundbildung übrigens durchaus regelmäßig und gut. Ich

glaube die Ursache dieses krankhaften Zustandes in dem häufigen

Gebrauch des türkischen und Heidekorns zu finden. Jenes, das sie auch

gelbe Blende nennen, und dieses, schwarze Blende genannt, werden

gemahlen, das Mehl in Wasser zu einem dicken Brei gekocht und so

gegessen. Die jenseitigen Deutschen rupfen den Teig wieder

auseinander und braten ihn in Butter auf. Der welsche Tiroler

hingegen ißt ihn so weg, manchmal Käse darauf gerieben, und das ganze

Jahr kein Fleisch. Notwendig muß das die ersten Wege verleimen und

verstopfen, besonders bei den Kindern und Frauen, und die kachektische

Farbe deutet auf solches Verderben. Außerdem essen sie auch noch

Früchte und grüne Bohnen, die sie in Wasser absieden und mit Knoblauch

und Öl anmachen. Ich fragte, ob es nicht auch reiche Bauern gäbe.

--"Ja freilich."--"Tun sie sich nichts zugute? essen sie nicht

besser?"--"Nein, sie sind es einmal so gewohnt."--"Wo kommen sie denn

mit ihrem Gelde hin? Was machen sie sonst für Aufwand?"--"O, die

haben schon ihre Herren, die es ihnen wieder abnehmen."--Das war die

Summa des Gesprächs mit meiner Wirtstochter in Bozen.

Ferner vernahm ich von ihr, daß die Weinbauern, die am wohlhabendsten

scheinen, sich am übelsten befinden, denn sie sind in den Händen der

städtischen Handelsleute, die ihnen bei schlechten Jahren den

Lebensunterhalt vorschießen und bei guten den Wein um ein Geringes an

sich nehmen. Doch das ist überall dasselbe.

Was meine Meinung wegen der Nahrung bestätigt, ist, daß die

Stadtbewohnerinnen immer wohler aussehen. Hübsche, volle

Mädchengesichter, der Körper für ihre Stärke und für die Größe der

Köpfe etwas zu klein, mitunter aber recht freundlich entgegenkommende

Gesichter. Die Männer kennen wir durch die wandernden Tiroler. Im

Lande sehen sie weniger frisch aus als die Weiber, wahrscheinlich,

weil diese mehr körperliche Arbeiten, mehr Bewegung haben, die Männer

hingegen als Krämer und Handwerksleute sitzen. Am Gardasee fand ich

die Leute sehr braun und ohne den mindesten rötlichen Schein der

Wangen, aber doch nicht ungesund, sondern ganz frisch und behaglich

aussehend. Wahrscheinlich sind die heftigen Sonnenstrahlen, denen sie

am Fuße ihrer Felsen ausgesetzt sind, hievon die Ursache.

Verona bis Venedig.

Verona, den 16. September.

Das Amphitheater ist also das erste bedeutende Monument der alten Zeit,

das ich sehe, und so gut erhalten! Als ich hineintrat, mehr noch

aber, als ich oben auf dem Rande umherging, schien es mir seltsam,

etwas Großes und doch eigentlich nichts zu sehen. Auch will es leer

nicht gesehen sein, sondern ganz voll von Menschen, wie man es neuerer

Zeit Joseph dem Zweiten und Pius dem Sechsten zu Ehren veranstaltet.

Der Kaiser, der doch auch Menschenmassen vor Augen gewohnt war, soll

darüber erstaunt sein. Doch nur in der frühesten Zeit tat es seine

ganze Wirkung, da das Volk noch mehr Volk war, als es jetzt ist. Denn

eigentlich ist so ein Amphitheater recht gemacht, dem Volk mit sich

selbst zu imponieren, das Volk mit sich selbst zum besten zu haben.

Wenn irgend etwas Schauwürdiges auf flacher Erde vorgeht und alles

zuläuft, suchen die Hintersten auf alle mögliche Weise sich über die

Vordersten zu erheben: man tritt auf Bänke, rollt Fässer herbei, fährt

mit Wagen heran, legt Bretter hinüber und herüber, besetzt einen

benachbarten Hügel, und es bildet sich in der Geschwindigkeit ein

Krater.

Kommt das Schauspiel öfter auf derselben Stelle vor, so baut man

leichte Gerüste für die, so bezahlen können, und die übrige Masse

behilft sich, wie sie mag. Dieses allgemeine Bedürfnis zu befriedigen,

ist hier die Aufgabe des Architekten. Er bereitet einen solchen

Krater durch Kunst, so einfach als nur möglich, damit dessen Zierat

das Volk selbst werde. Wenn es sich so beisammen sah, mußte es über

sich selbst erstaunen; denn da es sonst nur gewohnt, sich

durcheinander laufen zu sehen, sich in einem Gewühle ohne Ordnung und

sonderliche Zucht zu finden, so sieht das vielköpfige, vielsinnige,

schwankende, hin und her irrende Tier sich zu einem edlen Körper

vereinigt, zu einer Einheit bestimmt, in eine Masse verbunden und

befestigt, als eine Gestalt, von einem Geiste belebt. Die Simplizität

des Oval ist jedem Auge auf die angenehmste Weise fühlbar, und jeder

Kopf dient zum Maße, wie ungeheuer das Ganze sei. Jetzt, wenn man es

leer sieht, hat man keinen Maßstab, man weiß nicht, ob es groß oder

klein ist.

Wegen der Unterhaltung dieses Werks müssen die Veroneser gelobt werden.

Es ist von einem rötlichen Marmor gebaut, den die Witterung angreift,

daher stellt man der Reihe nach die ausgefressenen Stufen immer

wieder her, und sie scheinen fast alle ganz neu. Eine Inschrift

gedenkt eines Hieronymus Maurigenus und seines auf dieses Monument

verwendeten unglaublichen Fleißes. Von der äußern Mauer steht nur ein

Stück, und ich zweifele, ob sie je ganz fertig geworden. Die untern

Gewölbe, die an den großen Platz, il Brà genannt, stoßen, sind an

Handwerker vermietet, und es sieht lustig genug aus, diese Höhlungen

wieder belebt zu sehen.

Verona, den 16. September.

Das schönste, aber immer geschlossene Tor heißt Porta stuppa oder del

Palio. Als Tor und in der großen Entfernung, aus der man es schon

gewahr wird, ist es nicht gut gedacht; denn erst in der Nähe erkennt

man das Verdienst des Gebäudes.

Sie geben allerlei Ursachen an, warum es geschlossen sei. Ich habe

jedoch eine Mutmaßung: die Absicht des Künstlers ging offenbar dahin,

durch dieses Tor eine neue Anlage des Korso zu verursachen, denn auf

die jetzige Straße steht es ganz falsch. Die linke Seite hat lauter

Baracken, und die winkelrechte Linie der Mitte des Tores geht auf ein

Nonnenkloster zu, das notwendig hätte niedergelegt werden müssen. Das

sah man wohl ein, auch mochten die Vornehmen und Reichen nicht Lust

haben, sich in dem entfernten Quartier anzubauen. Der Künstler starb

vielleicht, und so schloß man das Tor, wodurch die Sache nun auf

einmal geendigt war.

Verona, den 16. September.

Das Portal des Theatergebäudes von sechs großen ionischen Säulen nimmt

sich anständig genug aus. Desto kleinlicher erscheint über der Türe

vor einer gemalten Nische, die von zwei korinthischen Säulen getragen

wird, die lebensgroße Büste des Marchese Maffei in einer großen

Perücke. Der Platz ist ehrenvoll, aber um sich gegen die Größe und

Tüchtigkeit der Säulen einigermaßen zu halten, hätte die Büste

kolossal sein müssen. Jetzt steht sie kleinlich auf einem

Kragsteinchen, unharmonisch mit dem Ganzen.

Auch die Galerie, die den Vorhof einfaßt, ist kleinlich, und die

kannelierten dorischen Zwerge nehmen sich neben den glatten ionischen

Riesen armselig aus. Doch wollen wir das verzeihen in Betracht der

schönen Anstalt, welche unter diesen Säulenlauben angelegt ist. Hier

hat man die Antiquitäten, meist in und um Verona gegraben, gesammelt

aufgestellt. Einiges soll sogar sich im Amphitheater gefunden haben.

Es sind etrurische, griechische, römische bis zu den niedern Zeiten

und auch neuere. Die Basreliefs sind in die Wände eingemauert und mit

den Nummern versehen, die ihnen Maffei gab, als er sie in seinem Werke

"Verona illustrata" beschrieb. Altäre, Stücke von Säulen und

dergleichen Reste; ein ganz trefflicher Dreifuß von weißem Marmor,

worauf Genien, die sich mit den Attributen der Götter beschäftigen.

Raffael hat dergleichen in den Zwickeln der Farnesine nachgeahmt und

verklärt.

Der Wind, der von den Gräbern der Alten herweht, kommt mit

Wohlgerüchen wie über einen Rosenhügel. Die Grabmäler sind herzlich

und rührend und stellen immer das Leben her. Da ist ein Mann, der

neben seiner Frau aus einer Nische wie zu einem Fenster heraussieht.

Da stehen Vater und Mutter, den Sohn in der Mitte, einander mit

unaussprechlicher Natürlichkeit anblickend. Hier reicht sich ein Paar

die Hände. Hier scheint ein Vater, auf seinem Sofa ruhend, von der

Familie unterhalten zu werden. Mir war die unmittelbare Gegenwart

dieser Steine höchst rührend. Von späterer Kunst sind sie, aber

einfach, natürlich und allgemein ansprechend. Hier ist kein

geharnischter Mann auf den Knieen, der eine fröhliche Auferstehung

erwartet. Der Künstler hat mit mehr oder weniger Geschick nur die

einfache Gegenwart der Menschen hingestellt, ihre Existenz dadurch

fortgesetzt und bleibend gemacht. Sie falten nicht die Hände, schauen

nicht in den Himmel, sondern sie sind hienieden, was sie waren und was

sie sind. Sie stehen beisammen, nehmen Anteil aneinander, lieben sich,

und das ist in den Steinen sogar mit einer gewissen

Handwerksunfähigkeit allerliebst ausgedrückt. Ein sehr reich

verzierter marmorner Pfeiler gab mir auch neue Begriffe.

So löblich diese Anstalt ist, so sieht man ihr doch an, daß der edle

Erhaltungsgeist, der sie gegründet, nicht mehr in ihr fortlebt. Der

kostbare Dreifuß geht nächstens zugrunde, weil er frei steht, gegen

Westen der Witterung ausgesetzt. Mit einem hölzernen Futteral wäre

dieser Schatz leicht zu erhalten.

Der angefangene Palast des Proveditore, wäre er fertig geworden, hätte

ein schön Stück Baukunst gegeben. Sonst bauen die Nobili noch viel,

leider aber ein jeder auf den Platz, wo seine ältere Wohnung stand,

also oft in engen Gassen. So baut man jetzt eine prächtige Fassade

eines Seminariums in einem Gäßchen der entferntesten Vorstadt.

Als ich mit meinem zufällig aufgegriffenen Begleiter vor einem großen

ernsthaften Tore eines wunderbaren Gebäudes vorüberging, fragte er

mich gutmütig, ob ich nicht einen Augenblick in den Hof treten wolle.

Es war der Palast der Justiz, und wegen Höhe der Gebäude erschien der

Hof doch nur als ein ungeheurer Brunnen. "Hier werden", sagte er,

"alle die Verbrecher und Verdächtigen verwahrt." Ich sah umher, und

durch alle Stockwerke gingen an zahlreichen Türen hin offene, mit

eisernen Geländern versehene Gänge. Der Gefangene, wie er aus seinem

Kerker heraustrat, um zum Verhör geführt zu werden, stand in der

freien Luft, war aber auch den Blicken aller ausgesetzt; und weil nun

mehrere Verhörstuben sein mochten, so klapperten die Ketten bald über

diesem, bald über jenem Gange durch alle Stockwerke. Es war ein

verwünschter Anblick, und ich leugne nicht, daß der gute Humor, womit

ich meine Vögel abgefertigt hatte, hier doch einen etwas schweren

Stand würde gefunden haben.

Ich ging auf der Kante des amphitheatralischen Kraters bei

Sonnenuntergang, der schönsten Aussicht genießend über Stadt und

Gegend. Ich war ganz allein, und unten auf den breiten Steinen des

Brà gingen Mengen von Menschen: Männer von allen Ständen, Weiber vom

Mittelstande spazieren. Diese letztern nehmen sich in ihren schwarzen

überkleidern aus dieser Vogelperspektive gar mumienhaft aus.

Der Zendale und die Veste, die dieser Klasse statt aller Garderobe

dient, ist übrigens eine Tracht, ganz eingerichtet für ein Volk, das

nicht immer für Reinlichkeit sorgen und doch immer öffentlich

erscheinen, bald in der Kirche, bald auf dem Spaziergange sein will.

Veste ist ein schwarztaffeter Rock, der über andere Röcke geworfen

wird. Hat das Frauenzimmer einen reinlichen weißen darunter, so

versteht sie den schwarzen an der einen Seite in die Höhe zu heben.

Dieser wird so angegürtet, daß er die Taille abschneidet und die

Lippen des Korsetts bedeckt, welches von jeglicher Farbe sein kann.

Der Zendale ist eine große Kappe mit langen Bärten, die Kappe selbst

durch ein Drahtgestell hoch über den Kopf gehalten, die Bärte aber wie

eine Schärpe um den Leib geknüpft, so daß die Enden hinterwärts

herunterfallen.

Verona, den 16. September.

Als ich heute wieder von der Arena wegging, kam ich einige tausend

Schritte davon zu einem modernen öffentlichen Schauspiel. Vier edle

Veroneser schlugen Ball gegen vier Vicentiner. Sie treiben dies sonst

unter sich das ganze Jahr etwa zwei Stunden vor Nacht; diesmal, wegen

der fremden Gegner, lief das Volk unglaublich zu. Es können immer

vier--bis fünftausend Zuschauer gewesen sein. Frauen sah ich von

keinem Stande.

Vorhin, als ich vom Bedürfnis der Menge in einem solchen Falle sprach,

hab' ich das natürliche zufällige Amphitheater schon beschrieben, wie

ich das Volk hier übereinander gebaut sah. Ein lebhaftes

Händeklatschen hört' ich schon von weiten, jeder bedeutende Schlag war

davon begleitet. Das Spiel aber geht so vor sich: In gehöriger

Entfernung voneinander sind zwei gelindabhängige Bretterflächen

errichtet. Derjenige, der den Ball ausschlägt, steht, die Rechte mit

einem hölzernen breiten Stachelringe bewaffnet, auf der obersten Höhe.

Indem nun ein anderer von seiner Partei ihm den Ball zuwirft, so

läuft er herunter dem Ball entgegen und vermehrt dadurch die Gewalt

des Schlages, womit er denselben zu treffen weiß. Die Gegner suchen

ihn zurückzuschlagen, und so geht es hin und wider, bis er zuletzt im

Felde liegenbleibt. Die schönsten Stellungen, wert, in Marmor

nachgebildet zu werden, kommen dabei zum Vorschein. Da es lauter

wohlgewachsene, rüstige junge Leute sind, in kurzer, knapper, weißer

Kleidung, so unterscheiden sich die Parteien nur durch ein farbiges

Abzeichen. Besonders schön ist die Stellung, in welche der

Ausschlagende gerät, indem er von der schiefen Fläche herunterläuft

und den Ball zu treffen ausholt, sie nähert sich der des Borghesischen

Fechters.

Sonderbar kam es mir vor, daß sie diese Übung an einer alten

Stadtmauer ohne die mindeste Bequemlichkeit für die Zuschauer

vornehmen; warum sie es nicht im Amphitheater tun, wo so schöner Raum

wäre!

Verona, den 17. September.

Was ich von Gemälden gesehen, will ich nur kurz berühren und einige

Betrachtungen hinzufügen. Ich mache diese wunderbare Reise nicht, um

mich selbst zu betriegen, sondern um mich an den Gegenständen kennen

zu lernen; da sage ich mir denn ganz aufrichtig, daß ich von der Kunst,

von dem Handwerk des Malers wenig verstehe. Meine Aufmerksamkeit,

meine Betrachtung kann nur auf den praktischen Teil, auf den

Gegenstand und auf die Behandlung desselben im allgemeinen gerichtet

sein.

St. Giorgio ist eine Galerie von guten Gemälden, alle Altarblätter, wo

nicht von gleichem Wert, doch durchaus merkwürdig. Aber die

unglückseligen Künstler, was mußten die malen! Und für wen! Ein

Mannaregen, vielleicht dreißig Fuß lang und zwanzig hoch! Das Wunder

der fünf Brote zum Gegenstück! Was war daran zu malen? Hungrige

Menschen, die über kleine Körner herfallen, unzählige andere, denen

Brot präsentiert wird. Die Künstler haben sich die Folter gegeben, um

solche Armseligkeiten bedeutend zu machen. Und doch hat, durch diese

Nötigung gereizt, das Genie schöne Sachen hervorgebracht. Ein

Künstler, der die heilige Ursula mit den eilftausend Jungfrauen

vorzustellen hatte, zog sich mit großem Verstand aus der Sache. Die

Heilige steht im Vordergrunde, als habe sie siegend das Land in Besitz

genommen. Sie ist sehr edel, amazonenhaft jungfräulich, ohne Reiz

gebildet; in der alles verkleinernden Ferne hingegen sieht man ihre

Schar aus den Schiffen steigen und in Prozession herankommen. "Die

Himmelfahrt Mariä" im Dom, von Tizian, ist sehr verschwärzt, der

Gedanke lobenswert, daß die angehende Göttin nicht himmelwärts,

sondern herab nach ihren Freunden blickt.

In der Galerie Gherardini fand ich sehr schöne Sachen von Orbetto und

lernte diesen verdienten Künstler auf einmal kennen. In der

Entfernung erfährt man nur von den ersten Künstlern, und oft begnügt

man sich mit ihren Namen; wenn man aber diesem Sternenhimmel

nähertritt und die von der zweiten und dritten Größe nun auch zu

flimmern anfangen, und jeder auch als zum ganzen Sternbild gehörend

hervortritt, dann wird die Welt weit und die Kunst reich. Den

Gedanken eines Bildes muß ich hier loben. Nur zwei Halbfiguren.

Simson ist eben im Schoße der Delila eingeschlafen, sie greift leise

über ihn hinweg nach einer Schere, die auf dem Tisch neben der Lampe

liegt. Die Ausführung ist sehr brav. Im Palast Canossa war mir eine

Danae bemerklich.

Der Palast Bevilacqua enthält die köstlichsten Sachen. Ein

sogenanntes Paradies von Tintorett, eigentlich aber die Krönung der

Maria zur Himmelskönigin in Gegenwart aller Erzväter, Propheten,

Apostel, Heiligen, Engel u. s. w., eine Gelegenheit, den ganzen

Reichtum des glücklichen Genies zu entwickeln. Leichtigkeit des

Pinsels, Geist, Mannigfaltigkeit des Ausdrucks, dies alles zu

bewundern und sich dessen zu erfreuen, müßte man das Stück selbst

besitzen und es zeitlebens vor Augen haben. Die Arbeit geht ins

Unendliche, ja die letzten in der Glorie verschwindenden Engelsköpfe

haben noch Charakter. Die größten Figuren mögen einen Fuß hoch sein,

Maria und Christus, der ihr die Krone aufsetzt, etwa vier Zoll. Die

Eva ist doch das schönste Weibchen auf dem Bilde und noch immer von

alters her ein wenig lüstern.

Ein paar Porträte von Paul Veronese haben meine Hochachtung für diesen

Künstler nur vermehrt. Die Antikensammlung ist herrlich, ein

hingestreckter Sohn der Niobe köstlich, die Büsten ungeachtet ihrer

restaurierten Nasen meistens höchst interessant, ein August mit der

Bürgerkrone, ein Caligula und andere.

Es liegt in meiner Natur, das Große und Schöne willig und mit Freuden

zu verehren, und diese Anlage an so herrlichen Gegenständen Tag für

Tag, Stunde für Stunde auszubilden, ist das seligste aller Gefühle.

In einem Lande, wo man des Tages genießt, besonders aber des Abends

sich erfreut, ist es höchst bedeutend, wenn die Nacht einbricht. Dann

hört die Arbeit auf, dann kehrt der Spaziergänger zurück, der Vater

will seine Tochter wieder zu Hause sehen, der Tag hat ein Ende; doch

was Tag sei, wissen wir Cimmerier kaum. In ewigem Nebel und Trübe ist

es uns einerlei, ob es Tag oder Nacht ist; denn wieviel Zeit können

wir uns unter freiem Himmel wahrhaft ergehen und ergötzen? Wie hier

die Nacht eintritt, ist der Tag entschieden vorbei, der aus Abend und

Morgen bestand, vierundzwanzig Stunden sind verlebt, eine neue

Rechnung geht an, die Glocken läuten, der Rosenkranz wird gebetet, mit

brennender Lampe tritt die Magd in das Zimmer und spricht:

"Felicissima notte!" Diese Epoche verändert sich mit jeder Jahreszeit,

und der Mensch, der hier lebendig lebt, kann nicht irre werden, weil

jeder Genuß seines Daseins sich nicht auf die Stunde, sondern auf die

Tageszeit bezieht. Zwänge man dem Volke einen deutschen Zeiger auf,

so würde man es verwirrt machen, denn der seinige ist innigst mit

seiner Natur verwebt. Anderthalb Stunden, eine Stunde vor Nacht fängt

der Adel an auszufahren, es geht auf den Brà, die lange, breite Straße

nach der Porta Nuova zu, das Tor hinaus, an der Stadt hin, und wie es

Nacht schlägt, kehrt alles um. Teils fahren sie an die Kirchen, das

"Ave Maria della sera" zu beten, teils halten sie auf dem Brà, die

Kavaliers treten an die Kutschen, unterhalten sich mit den Damen, und

es dauert eine Weile; ich habe das Ende niemals abgewartet, die

Fußgänger bleiben weit in die Nacht. Heute war gerade so viel Regen

niedergegangen, um den Staub zu löschen, es war wirklich ein

lebendiger, munterer Anblick.

Um mich ferner in einem wichtigen Punkte der Landesgewohnheit

gleichzustellen, habe ich mir ein Hülfsmittel erdacht, wie ich ihre

Stundenrechnung mir leichter zu eigen machte. Nachfolgendes Bild kann

davon einen Begriff geben. Der innere Kreis bedeutet unsere

vierundzwanzig Stunden von Mitternacht zu Mitternacht, in zweimal

zwölf geteilt, wie wir zählen und unsere Uhren sie zeigen. Der

mittlere Kreis deutet an, wie die Glocken in der jetzigen Jahreszeit

hier schlagen, nämlich gleichfalls zweimal bis zwölf in vierundzwanzig

Stunden, allein dergestalt, daß es eins schlägt, wenn es bei uns acht

schlüge, und so fort, bis zwölfe voll sind. Morgens acht Uhr nach

unserm Zeiger schlägt es wieder eins u. s. f. Der oberste Kreis zeigt

nun endlich, wie bis vierundzwanzig im Leben gezählt wird. Ich höre z.

B. in der Nacht sieben schlagen und weiß, daß Mitternacht um fünf

ist, so ziehe ich die Zahl von jener ab, und habe also zwei Uhr

Nachmitternacht. Hör' ich am Tage sieben schlagen und weiß, daß auch

Mittag um fünf Uhr ist, so verfahre ich ebenso und habe zwei Uhr

Nachmittag. Will ich aber die Stunden nach hiesiger Weise aussprechen,

so muß ich wissen, daß Mittag siebenzehn Uhr ist, hiezu füge ich noch

die zwei und sage neunzehn Uhr. Wenn man dies zum erstenmal hört und

überdenkt, so scheint es höchst verworren und schwer durchzuführen;

man wird es aber gar bald gewohnt und findet diese Beschäftigung

unterhaltend, wie sich auch das Volk an dem ewigen Hin--und

Widerrechnen ergötzt, wie Kinder an leicht zu überwindenden

Schwierigkeiten. Sie haben ohnedies immer die Finger in der Luft,

rechnen alles im Kopfe und machen sich gern mit Zahlen zu schaffen.

Ferner ist dem Inländer die Sache so viel leichter, weil er sich um

Mittag und Mitternacht eigentlich nicht bekümmert und nicht, wie der

Fremde in diesem Lande tut, zwei Zeiger miteinander vergleicht. Sie

zählen nur von Abend die Stunden, wie sie schlagen, am Tag addieren

sie die Zahl zu der ihnen bekannten abwechselnden Mittagszahl. Das

Weitere erläutern die der Figur beigefügten Anmerkungen.

Vergleichungskreis der italienischen und deutschen Uhren, auch der

italienischen Zeiger für die zweite Hälfte des Septembers.

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Verona, den 17. September.

Das Volk rührt sich hier sehr lebhaft durcheinander, besonders in

einigen Straßen, wo Kaufläden und Handwerksbuden aneinanderstoßen,

sieht es recht lustig aus. Da ist nicht etwa eine Tür vor dem Laden

oder Arbeitszimmer, nein, die ganze Breite des Hauses ist offen, man

sieht bis in die Tiefe und alles, was darin vorgeht. Die Schneider

nähen, die Schuster ziehen und pochen, alle halb auf der Gasse; ja die

Werkstätten machen einen Teil der Straße. Abends, wenn Lichter

brennen, sieht es recht lebendig.

Auf den Plätzen ist es an Markttagen sehr voll, Gemüse und Früchte

unübersehlich, Knoblauch und Zwiebeln nach Herzenslust. Übrigens

schreien, schäkern und singen sie den ganzen Tag, werfen und balgen

sich, jauchzen und lachen unaufhörlich. Die milde Luft, die wohlfeile

Nahrung läßt sie leicht leben. Alles, was nur kann, ist unter freiem

Himmel.

Nachts geht nun das Singen und Lärmen recht an. Das Liedchen von

Marlborough hört man auf allen Straßen, dann ein Hackebrett, eine

Violine. Sie üben sich, alle Vögel mit Pfeifen nachzumachen. Die

wunderlichsten Töne brechen überall hervor. Ein solches übergefühl

des Daseins verleiht ein mildes Klima auch der Armut, und der Schatten

des Volks scheint selbst noch ehrwürdig.

Die uns so sehr auffallende Unreinlichkeit und wenige Bequemlichkeit

der Häuser entspringt auch daher: sie sind immer draußen, und in ihrer

Sorglosigkeit denken sie an nichts. Dem Volk ist alles recht und gut,

der Mittelmann lebt auch von einem Tag zum andern, der Reiche und

Vornehme schließt sich in seine Wohnung, die eben auch nicht so

wohnlich ist wie im Norden. Ihre Gesellschaften halten sie in

öffentlichen Versammlungshäusern. Vorhöfe und Säulengänge sind alle

mit Unrat besudelt, und es geht ganz natürlich zu. Das Volk fühlt

sich immer vor. Der Reiche kann reich sein, Paläste bauen, der Nobile

darf regieren, aber wenn er einen Säulengang, einen Vorhof anlegt, so

bedient sich das Volk dessen zu seinem Bedürfnis, und es hat kein

dringenderes, als das so schnell wie möglich loszuwerden, was es so

häufig als möglich zu sich genommen hat. Will einer das nicht leiden,

so muß er nicht den großen Herrn spielen, d. h. er muß nicht tun, als

wenn ein Teil seiner Wohnung dem Publikum angehöre, er macht seine

Türe zu, und so ist es auch gut. An öffentlichen Gebäuden läßt sich

das Volk sein Recht nun gar nicht nehmen, und das ist's, worüber der

Fremde durch ganz Italien Beschwerde führt. Ich betrachtete heut' auf

mancherlei Wegen durch die Stadt die Tracht und die Manieren besonders

des Mittelstandes, der sich sehr häufig und geschäftig zeigt. Sie

schlenkern im Gehen alle mit den Armen. Personen von einem höhern

Stande, die bei gewissen Gelegenheiten einen Degen tragen, schlenkern

nur mit einem, weil sie gewohnt sind, den linken still zu halten.

Obgleich das Volk seinen Geschäften und Bedürfnissen sehr sorglos

nachgeht, so hat es doch auf alles Fremde ein scharfes Auge. So

konnt' ich die ersten Tage bemerken, daß jedermann meine Stiefel

betrachtete, da man sich derselben als einer teuern Tracht nicht

einmal im Winter bedient. Jetzt, da ich Schuh und Strümpfe trage,

sieht mich niemand mehr an. Aber merkwürdig war mir's, daß heute früh,

da sie alle mit Blumen, Gemüse, Knoblauch und so vielen andern

Markterzeugnissen durcheinander liefen, ihnen der Zypressenzweig nicht

entging, den ich in der Hand trug. Einige grüne Zapfen hingen daran,

und daneben hielt ich blühende Kapernzweige. Sie sahen alle, groß und

klein, mir auf die Finger und schienen wunderliche Gedanken zu haben.

Diese Zweige bracht' ich aus dem Garten Giusti, der eine treffliche

Lage und ungeheure Zypressen hat, die alle pfriemenartig in die Luft

stehen. Wahrscheinlich sind die spitz zugeschnittenen Taxus der

nordischen Gartenkunst Nachahmungen dieses herrlichen Naturprodukts.

Ein Baum, dessen Zweige von unten bis oben, die ältesten wie die

Jüngsten, gen Himmel streben, der seine dreihundert Jahre dauert, ist

wohl der Verehrung wert. Der Zeit nach, da der Garten angelegt worden,

haben diese schon ein so hohes Alter erreicht.

Vicenza, den 19. September.

Der Weg von Verona hieher ist sehr angenehm, man fährt nordostwärts an

den Gebirgen hin und hat die Vorderberge, die aus Sand, Kalk, Ton,

Mergel bestehen, immer linker Hand; auf den Hügeln, die sie bilden,

liegen Orte, Schlösser, Häuser. Rechts verbreitet sich die weite

Fläche, durch die man fährt. Der gerade, gut unterhaltene, breite Weg

geht durch fruchtbares Feld, man blickt in tiefe Baumreihen, an

welchen die Reben in die Höhe gezogen sind, die sodann, als wären es

luftige Zweige, herunterfallen. Hier kann man sich eine Idee von

Festonen bilden! Die Trauben sind zeitig und beschweren die Ranken,

die lang und schwankend niederhängen. Der Weg ist voll Menschen aller

Art und Gewerbes, besonders freuten mich die Wagen mit niedrigen,

tellerartigen Rädern, die, mit vier Ochsen bespannt, große Kufen hin

und wieder führen, in welchen die Weintrauben aus den Gärten geholt und

gestampft werden. Die Führer standen, wenn sie leer waren, drinnen,

es sah einem bacchischen Triumphzug ganz ähnlich. Zwischen den

Weinreihen ist der Boden zu allerlei Arten Getreide, besonders zu

Türkischkorn und Sörgel benutzt.

Kommt man gegen Vicenza, so steigen wieder Hügel von Norden nach Süden

auf, sie sind vulkanisch, sagt man, und schließen die Ebene. Vicenza

liegt an ihrem Fuße und, wenn man will, in einem Busen, den sie bilden.

Vicenza, den 19. September.

Vor einigen Stunden bin ich hier angekommen, habe schon die Stadt

durchlaufen, das Olympische Theater und die Gebäude des Palladio

gesehen. Man hat ein sehr artiges Büchelchen mit Kupfern zur

Bequemlichkeit der Fremden herausgegeben mit einem kunstverständigen

Texte. Wenn man nun diese Werke gegenwärtig sieht, so erkennt man

erst den großen Wert derselben; denn sie sollen ja durch ihre

wirkliche Größe und Körperlichkeit das Auge füllen und durch die

schöne Harmonie ihrer Dimensionen nicht nur in abstrakten Aufrissen,

sondern mit dem ganzen perspektivischen Vordringen und Zurückweichen

den Geist befriedigen; und so sag' ich vom Palladio: er ist ein recht

innerlich und von innen heraus großer Mensch gewesen. Die höchste

Schwierigkeit, mit der dieser Mann wie alle neuern Architekten zu

kämpfen hatte, ist die schickliche Anwendung der Säulenordnungen in

der bürgerlichen Baukunst; denn Säulen und Mauern zu verbinden, bleibt

doch immer ein Widerspruch. Aber wie er das untereinander gearbeitet

hat, wie er durch die Gegenwart seiner Werke imponiert und vergessen

macht, daß er nur überredet! Es ist wirklich etwas Göttliches in

seinen Anlagen, völlig wie die Force des großen Dichters, der aus

Wahrheit und Lüge ein Drittes bildet, dessen erborgtes Dasein uns

bezaubert.

Das Olympische Theater ist ein Theater der Alten, im kleinen

realisiert und unaussprechlich schön, aber gegen die unsrigen kömmt

mir's vor wie ein vornehmes, reiches, wohlgebildetes Kind gegen einen

klugen Weltmenschen, der, weder so vornehm, noch so reich, noch

wohlgebildet, besser weiß, was er mit seinen Mitteln bewirken kann.

Betrachtet man nun hier am Orte die herrlichen Gebäude, die jener Mann

aufführte, und sieht, wie sie schon durch das enge, schmutzige

Bedürfnis der Menschen entstellt sind, wie die Anlagen meist über die

Kräfte der Unternehmer waren, wie wenig diese köstlichen Denkmale

eines hohen Menschengeistes zu dem Leben der übrigen passen, so fällt

einem denn doch ein, daß es in allem andern ebenso ist; denn man

verdient wenig Dank von den Menschen, wenn man ihr inneres Bedürfnis

erhöhen, ihnen eine große Idee von ihnen selbst geben, ihnen das

Herrliche eines wahren, edlen Daseins zum Gefühl bringen will. Aber

wenn man die Vögel belügt, Märchen erzählt, von Tag zu Tag ihnen

forthelfend, sie verschlechtert, da ist man ihr Mann, und darum

gefällt sich die neuere Zeit in so viel Abgeschmacktem. Ich sage das

nicht, um meine Freunde herunterzusetzen, ich sage nur, daß sie so

sind, und daß man sich nicht verwundern muß, wenn alles ist, wie es

ist.

Wie sich die Basilika des Palladio neben einem alten, mit ungleichen

Fenstern übersäten, kastellähnlichen Gebäude ausnimmt, welches der

Baumeister zusamt dem Turm gewiß weggedacht hat, ist nicht

auszudrücken, und ich muß mich schon auf eine wunderliche Weise

zusammenfassen; denn ich finde auch hier leider gleich das, was ich

fliehe und suche, nebeneinander.

Den 20. September.

Gestern war Oper, sie dauerte bis nach Mitternacht, und ich sehnte

mich, zu ruhen. "Die drei Sultaninnen" und "Die Entführung aus dem

Serail" haben manche Fetzen hergegeben, woraus das Stück mit weniger

Klugheit zusammengeflickt ist. Die Musik hörte sich bequem an, ist

aber wahrscheinlich von einem Liebhaber, kein neuer Gedanke, der mich

getroffen hätte. Die Ballette dagegen sind allerliebst. Das

Hauptpaar tanzte eine Allemande, daß man nichts Zierlichers sehen

konnte.

Das Theater ist neu, lieblich, schön, modestprächtig, alles uniform,

wie es einer Provinzialstadt geziemt, jede Loge hat ihren

übergeschlagenen gleichfarbigen Teppich, die des Kapitan Grande ist

nur durch einen etwas längern überhang ausgezeichnet.

Die erste Sängerin, vom ganzen Volke sehr begünstigt, wird, wie sie

auftritt, entsetzlich beklatscht, und die Vögel stellen sich vor

Freuden ganz ungebärdig, wenn sie etwas recht gut macht, welches sehr

oft geschieht. Es ist ein natürlich Wesen, hübsche Figur, schöne

Stimme, ein gefällig Gesicht und von einem recht honetten Anstand; in

den Armen könnte sie etwas mehr Grazie haben. Indessen komme ich denn

doch nicht wieder, ich fühle, daß ich zum Vogel verdorben bin.

Den 21. September.

Heute besuchte ich Doktor Turra; wohl fünf Jahre hat er sich mit

Leidenschaft auf die Pflanzenkunde gelegt, ein Herbarium der

italienischen Flora gesammelt, unter dem vorigen Bischof einen

botanischen Garten eingerichtet. Das ist aber alles hin.

Medizinische Praxis vertrieb die Naturgeschichte, das Herbarium wird

von Würmern gespeist, der Bischof ist tot und der botanische Garten

wieder, wie billig, mit Kohl und Knoblauch bepflanzt.

Doktor Turra ist ein gar feiner, guter Mann. Er erzählte mir mit

Offenheit, Seelenreinheit und Bescheidenheit seine Geschichte und

sprach überhaupt sehr bestimmt und gefällig, hatte aber nicht Lust,

seine Schränke aufzutun, die vielleicht in keinem präsentablen

Zustande sein mochten. Der Diskurs kam bald ins Stocken.

Den 21. September, abends.

Ich ging zum alten Baumeister Scamozzi, der des Palladio Gebäude

herausgegeben hat und ein wackerer, leidenschaftlicher Künstler ist.

Er gab mir einige Anleitung, vergnügt über meine Teilnahme. Unter den

Gebäuden des Palladio ist eins, für das ich immer eine besondere

Vorliebe hatte, es soll seine eigne Wohnung gewesen sein; aber in der

Nähe ist es weit mehr, als man im Bilde sieht. Ich möchte es

gezeichnet und mit den Farben illuminiert haben, die ihm das Material

und das Alter gegeben. Man muß aber nicht denken, daß der Baumeister

sich einen Palast errichtet habe. Es ist das bescheidenste Haus von

der Welt, hat nur zwei Fenster, die durch einen breiten Raum, der das

dritte Fenster vertrüge, abgesondert sind. Wollte man es zum Gemälde

nachbilden, so daß die Nachbarhäuser mit vorgestellt würden, so wäre

auch das vergnüglich anzusehen, wie es zwischen sie eingeschaltet ist.

Das hätte Canalett malen sollen.

Heute besuchte ich das eine halbe Stunde von der Stadt auf einer

angenehmen Höhe liegende Prachthaus, die Rotonda genannt. Es ist ein

viereckiges Gebäude, das einen runden, von oben erleuchteten Saal in

sich schließt. Von allen vier Seiten steigt man auf breiten Treppen

hinan und gelangt jedesmal in eine Vorhalle, die von sechs

korinthischen Säulen gebildet wird. Vielleicht hat die Baukunst ihren

Luxus niemals höher getrieben. Der Raum, den die Treppen und

Vorhallen einnehmen, ist viel größer als der des Hauses selbst; denn

jede einzelne Seite würde als Ansicht eines Tempels befriedigen.

Inwendig kann man es wohnbar, aber nicht wöhnlich nennen. Der Saal

ist von der schönsten Proportion, die Zimmer auch; aber zu den

Bedürfnissen eines Sommeraufenthalts einer vornehmen Familie würden

sie kaum hinreichen. Dafür sieht man es auch in der ganzen Gegend von

allen Seiten sich auf das herrlichste darstellen. Die

Mannigfaltigkeit ist groß, in der sich seine Hauptmasse zugleich mit

den vorspringenden Säulen vor dem Auge der Umherwandelnden bewegt, und

die Absicht des Besitzers ist vollkommen erreicht, der ein großes

Fideikommißgut und zugleich ein sinnliches Denkmal seines Vermögens

hinterlassen wollte. Und wie nun das Gebäude von allen Punkten der

Gegend in seiner Herrlichkeit gesehen wird, so ist die Aussicht von

daher gleichfalls die angenehmste. Man sieht den Bachiglione fließen,

Schiffe von Verona herab gegen die Brenta führend; dabei überschaut

man die weiten Besitzungen, welche Marchese Capra unzertrennt bei

seiner Familie erhalten wollte. Die Inschriften der vier Giebelseiten,

die zusammen eine ganze ausmachen, verdienen wohl aufgezeichnet zu

werden:

Marcus Capra Gabrielis filius

qui aedes has

arctissimo primogeniturae gradui subjecit

una cum omnibus

censibus agris vallibus et collibus

citra viam magnam

memoriae perpetuae mandans haec

dum sustinet ac abstinet.

Der Schluß besonders ist seltsam genug: ein Mann, dem so viel Vermögen

und Wille zu Gebote stand, fühlt noch, daß er dulden und entbehren

müsse. Das kann man mit geringerm Aufwand lernen.

Den 22. September.

Heute abend war ich in einer Versammlung, welche die Akademie der

Olympier hielt. Ein Spielwerk, aber ein recht gutes, es erhält noch

ein bißchen Salz und Leben unter den Leuten. Ein großer Saal neben

dem Theater des Palladio, anständig erleuchtet, der Kapitan und ein

Teil des Adels zugegen, übrigens durchaus ein Publikum von gebildeten

Personen, viele Geistliche, zusammen ungefähr fünfhundert.

Die von dem Präsidenten für die heutige Sitzung aufgegebene Frage war,

ob Erfindung oder Nachahmung den schönen Künsten mehr Vorteil gebracht

habe. Der Einfall war glücklich genug; denn wenn man die in der Frage

liegende Alternative trennt, so läßt sich hundert Jahre hinüber und

herüber sprechen. Auch haben sich die Herren Akademiker dieser

Gelegenheit weidlich bedient und in Prosa und Versen mancherlei

hervorgebracht, worunter viel Gutes.

Sodann ist es das lebendigste Publikum. Die Zuhörer riefen Bravo,

klatschten und lachten. Wenn man auch vor seiner Nation so stehen und

sie persönlich belustigen dürfte! Wir geben unser Bestes schwarz auf

weiß: jeder kauzt sich damit in eine Ecke und knopert daran, wie er

kann.

Es läßt sich denken, daß Palladio auch diesmal an allen Orten und

Enden war, es mochte von Erfinden oder Nachahmen die Rede sein.

Zuletzt, wo immer das Scherzhafteste gefordert wird, hatte einer den

glücklichen Einfall, zu sagen, die andern hätten ihm den Palladio

weggenommen, er wolle dagegen den Franceschini loben, den großen

Seidenfabrikanten. Nun fing er an zu zeigen, was die Nachahmung der

Lyoner und Florentiner Stoffe diesem tüchtigen Unternehmer und durch

ihn der Stadt Vicenza für Vorteil gebracht habe, woraus erfolge, daß

die Nachahmung weit über die Erfindung erhaben sei. Und dies geschah

mit so gutem Humor, daß ein ununterbrochenes Gelächter erregt ward.

Überhaupt fanden die, welche für die Nachahmung sprachen, mehr Beifall;

denn sie sagten lauter Dinge, wie sie der Haufen denkt und denken

kann. Einmal gab das Publikum mit großem Händeklatschen einem recht

groben Sophism seinen herzlichen Beifall, da es viele gute, ja

treffliche Sachen zu Ehren der Erfindung nicht gefühlt hatte. Es

freut mich sehr, auch dieses erlebt zu haben, und dann ist es höchst

erquickend, den Palladio nach so viel Zeit immer noch als Polarstern

und Musterbild von seinen Mitbürgern verehrt zu sehen.

Den 22. September.

Heute früh war ich in Tiene, das nordwärts gegen die Gebirge liegt, wo

ein neu Gebäude nach einem alten Risse aufgeführt wird, wobei wenig zu

erinnern sein möchte. So ehrt man hier alles aus der guten Zeit und

hat Sinn genug, nach einem geerbten Plan ein frisches Gebäude

aufzuführen. Das Schloß liegt ganz trefflich in einer großen Plaine,

die Kalkalpen ohne Zwischengebirg hinter sich. Vom Gebäude her neben

der schnurgeraden Chaussee fließt zu beiden Seiten lebendiges Wasser

dem Kommenden entgegen und wässert die weiten Reisfelder, durch die

man fährt.

Ich habe nun erst die zwei italienischen Städte gesehen und mit wenig

Menschen gesprochen, aber ich kenne meine Italiener schon gut. Sie

sind wie Hofleute, die sich fürs erste Volk in der Welt halten und bei

gewissen Vorteilen, die man ihnen nicht leugnen kann, sich's

ungestraft und bequem einbilden können. Mir erscheinen die Italiener

als eine recht gute Nation: man muß nur die Kinder und die gemeinen

Leute sehen, wie ich sie jetzt sehe und sehen kann, da ich ihnen immer

ausgesetzt bin und mich ihnen immer aussetze. Und was das für Figuren

und Gesichter sind!

Besonders muß ich die Vicentiner loben, daß man bei ihnen die

Vorrechte einer großen Stadt genießt. Sie sehen einen nicht an, man

mag machen, was man will; wendet man sich jedoch an sie, dann sind sie

gesprächig und anmutig, besonders wollen mir die Frauen sehr gefallen.

Die Veroneserinnen will ich nicht schelten, sie haben eine gute

Bildung und entschiedene Profile; aber meistens bleich, und der Zendal

tut ihnen Schaden, weil man unter der schönen Tracht auch etwas

Reizendes sucht. Hier aber finde ich gar hübsche Wesen, besonders

eine schwarzlockige Sorte, die mir ein eigenes Interesse einflößt. Es

gibt auch noch eine blonde, die mir aber nicht so behagen will.

Padua, den 26. September, abends.

In vier Stunden bin ich heute von Vicenza herübergefahren, auf ein

einsitziges Chaischen, Sediola genannt, mit meiner ganzen Existenz

gepackt. Man fährt sonst bequem in vierthalb Stunden; da ich aber den

köstlichen Tag gern unter freiem Himmel genießen wollte, so war es mir

angenehm, daß der Vetturin hinter seiner Schuldigkeit zurückblieb.

Man fährt in der fruchtbarsten Ebene immer südostwärts, zwischen

Hecken und Bäumen, ohne weitere Aussicht, bis man endlich die schönen

Gebirge, von Norden gegen Süden streichend, zur rechten Hand sieht.

Die Fülle der Pflanzen--und Fruchtgehänge über Mauern und Hecken, an

Bäumen herunter, ist unbeschreiblich. Kürbisse beschweren die Dächer,

und die wunderlichsten Gurken hängen an Latten und Spalieren.

Die herrliche Lage der Stadt konnte ich vom Observatorium aufs klärste

überschauen. Gegen Norden Tiroler Gebirge, beschneit, in Wolken halb

versteckt, an die sich in Nordwest die vicentinischen anschließen,

endlich gegen Westen die näheren Gebirge von Este, deren Gestalten und

Vertiefungen man deutlich sehen kann. Gegen Südost ein grünes

Pflanzenmeer, ohne eine Spur von Erhöhung, Baum an Baum, Busch an

Busch, Pflanzung an Pflanzung, unzählige weiße Häuser, Villen und

Kirchen aus dem Grünen hervorblickend. Am Horizont sah ich ganz

deutlich den Markusturm zu Venedig und andere geringere Türme.

Padua, den 27. September.

Endlich habe ich die Werke des Palladio erlangt, zwar nicht die

Originalausgabe, die ich in Vicenza gesehen, deren Tafeln in Holz

geschnitten sind, aber eine genaue Kopie, ja ein Faksimile in Kupfer,

veranstaltet durch einen vortrefflichen Mann, den ehemaligen

englischen Konsul Smith in Venedig. Das muß man den Engländern lassen,

daß sie von lange her das Gute zu schätzen wußten, und daß sie eine

grandiose Art haben, es zu verbreiten.

Bei Gelegenheit dieses Ankaufs betrat ich einen Buchladen, der in

Italien ein ganz eigenes Ansehen hat. Alle Bücher stehen geheftet

umher, und man findet den ganzen Tag über gute Gesellschaft. Was von

Weltgeistlichen, Edelleuten, Künstlern einigermaßen mit der Literatur

verwandt ist, geht hier auf und ab. Man verlangt ein Buch, schlägt

nach, liest und unterhält sich, wie es kommen will. So fand ich etwa

ein halb Dutzend beisammen, welche sämtlich, als ich nach den Werken

des Palladio fragte, auf mich aufmerksam wurden. Indes der Herr des

Ladens das Buch suchte, rühmten sie es und gaben mir Notiz von dem

Originale und der Kopie, sie waren mit dem Werke selbst und dem

Verdienst des Verfassers sehr wohl bekannt. Da sie mich für einen

Architekten hielten, lobten sie mich, daß ich vor allen andern zu den

Studien dieses Meisters schritte, er leiste zu Gebrauch und Anwendung

mehr als Vitruv selbst, denn er habe die Alten und das Altertum

gründlich studiert und es unsern Bedürfnissen näherzuführen gesucht.

Ich unterhielt mich lange mit diesen freundlichen Männern, erfuhr noch

einiges, die Denkwürdigkeiten der Stadt betreffend, und empfahl mich.

Da man denn doch einmal den Heiligen Kirchen gebaut hat, so findet

sich auch wohl darin ein Platz, wo man vernünftige Menschen aufstellen

kann. Die Büste des Kardinals Bembo steht zwischen ionischen Säulen,

ein schönes, wenn ich so sagen soll, mit Gewalt in sich gezogenes

Gesicht und ein mächtiger Bart; die Inschrift lautet:

Petri Bembi Card. imaginem Hier. Guerinus Ismeni f. in publico

ponendam curavit ut cujus ingenii monumenta aeterna sint ejus corporis

quoque memoria ne aber posteritate desideretur.

Das Universitätsgebäude hat mich mit aller seiner Würde erschreckt.

Es ist mir lieb, daß ich darin nichts zu lernen hatte. Eine solche

Schulenge denkt man sich nicht, ob man gleich als Studiosus deutscher

Akademien auf den Hörbänken auch manches leiden müssen. Besonders ist

das anatomische Theater ein Muster, wie man Schüler zusammenpressen

soll. In einem spitzen, hohen Trichter sind die Zuhörer übereinander

geschichtet. Sie sehen steil herunter auf den engen Boden, wo der

Tisch steht, auf den kein Licht fällt, deshalb der Lehrer bei

Lampenschein demonstrieren muß. Der botanische Garten ist desto

artiger und munterer. Es können viele Pflanzen auch den Winter im

Lande bleiben, wenn sie an Mauern oder nicht weit davon gesetzt sind.

Man überbaut alsdann das Ganze zu Ende des Oktobers und heizt die

wenigen Monate. Es ist erfreuend und belehrend, unter einer

Vegetation umherzugehen, die uns fremd ist. Bei gewohnten Pflanzen

sowie bei andern längst bekannten Gegenständen denken wir zuletzt gar

nichts, und was ist Beschauen ohne Denken? Hier in dieser neu mir

entgegentretenden Mannigfaltigkeit wird jener Gedanke immer lebendiger,

daß man sich alle Pflanzengestalten vielleicht aus einer entwickeln

könne. Hiedurch würde es allein möglich werden, Geschlechter und

Arten wahrhaft zu bestimmen, welches, wie mich dünkt, bisher sehr

willkürlich geschieht. Auf diesem Punkte bin ich in meiner

botanischen Philosophie steckengeblieben, und ich sehe noch nicht, wie

ich mich entwirren will. Die Tiefe und Breite dieses Geschäfts

scheint mir völlig gleich.

Der große Platz, Prato della Valle genannt, ist ein sehr weiter Raum,

wo der Hauptmarkt im Juni gehalten wird. Hölzerne Buden in seiner

Mitte geben freilich nicht das vorteilhafteste Ansehn, die Einwohner

aber versichern, daß man auch bald hier eine Fiera von Stein wie die

zu Verona sehen werde. Hiezu gibt freilich schon jetzt die Umgebung

des Platzes gegründete Hoffnung, welche einen sehr schönen und

bedeutenden Anblick gewährt.

Ein ungeheures Oval ist ringsum mit Statuen besetzt, alle berühmten

Männer vorstellend, welche hier gelehrt und gelernt haben. Einem

jeden Einheimischen und Fremden ist erlaubt, irgendeinem Landsmann

oder Verwandten hier eine Bildsäule von bestimmter Größe zu errichten,

sobald das Verdienst der Person und der akademische Aufenthalt zu

Padua bewiesen ist.

Um das Oval umher geht ein Wassergraben. Auf den vier Brücken, die

hinaufführen, stehen Päpste und Dogen kolossal, die übrigen, kleiner,

sind von Zünften, Partikuliers und Fremden gesetzt. Der König von

Schweden ließ Gustav Adolfen hinstellen, weil man sagt, derselbe habe

einmal in Padua eine Lektion angehört. Der Erzherzog Leopold

erneuerte das Andenken Petrarchs und Galileis. Die Statuen sind in

einer braven modernen Manier gemacht, wenige übermanieriert, einige

recht natürlich, sämtlich im Kostüm ihrer Zeit und Würden. Die

Inschriften sind auch zu loben. Es findet sich nichts Abgeschmacktes

und Kleinliches darunter.

Auf jeder Universität wäre der Gedanke sehr glücklich gewesen, auf

dieser ist er am glücklichsten, weil es sehr wohltut, eine völlige

Vergangenheit wieder hervorgerufen zu sehen. Es kann ein recht

schöner Platz werden, wenn sie die hölzerne Fiera wegschaffen und eine

von Stein erbauen, wie der Plan sein soll.

In dem Versammlungsorte einer dem heiligen Antonius gewidmeten

Brüderschaft sind ältere Bilder, welche an die alten Deutschen

erinnern, dabei auch einige von Tizian, wo schon der große Fortschritt

merklich ist, den über den Alpen niemand für sich getan hat. Gleich

darauf sah ich einiges von den neusten. Diese Künstler haben, da sie

das hohe Ernste nicht mehr erreichen konnten, das Humoristische sehr

glücklich getroffen. Die Enthauptung Johannes', von Piazetta, ist,

wenn man des Meisters Manier zugibt, in diesem Sinne ein recht braves

Bild. Johannes kniet, die Hände vor sich hinfaltend, mit dem rechten

Knie an einen Stein. Er sieht gen Himmel. Ein Kriegsknecht, der ihn

hinten gebunden hält, biegt sich an der Seite herum und sieht ihm ins

Gesicht, als wenn er über die Gelassenheit erstaunte, womit der Mann

sich hingibt. In der Höhe steht ein anderer, der den Streich

vollführen soll, hat aber das Schwert nicht, sondern macht nur mit den

Händen die Gebärde, wie einer, der den Streich zum voraus versuchen

will. Das Schwert zieht unten ein dritter aus der Scheide. Der

Gedanke ist glücklich, wenn auch nicht groß, die Komposition frappant

und von der besten Wirkung.

In der Kirche der Eremitaner habe ich Gemälde von Mantegna gesehen,

einem der älteren Maler, vor denen ich erstaunt bin. Was in diesen

Bildern für eine scharfe, sichere Gegenwart dasteht! Von dieser ganz

wahren, nicht etwa scheinbaren, effektlügenden, bloß zur

Einbildungskraft sprechenden, sondern derben, reinen, lichten,

ausführlichen, gewissenhaften, zarten, umschriebenen Gegenwart, die

zugleich etwas Strenges, Emsiges, Mühsames hatte, gingen die folgenden

Maler aus, wie ich an Bildern von Tizian bemerkte, und nun konnte die

Lebhaftigkeit ihres Genies, die Energie ihrer Natur, erleuchtet von

dem Geiste ihrer Vorfahren, auferbaut durch ihre Kraft, immer höher

und höher steigen, sich von der Erde heben und himmlische, aber wahre

Gestalten hervorbringen. So entwickelte sich die Kunst nach der

barbarischen Zeit.

Der Audienzsaal des Rathauses, mit Recht durch das Augmentativum

Salone betitelt, das ungeheuerste abgeschlossene Gefäß, das man sich

nicht vorstellen, auch nicht einmal in der nächsten Erinnerung

zurückrufen kann. Dreihundert Fuß lang, hundert Fuß breit und bis in

das der Länge nach ihn deckende Gewölbe hundert Fuß hoch. So gewohnt

sind diese Menschen, im Freien zu leben, daß die Baumeister einen

Marktplatz zu überwölben fanden. Und es ist keine Frage, daß der

ungeheure überwölbte Raum eine eigene Empfindung gibt. Es ist ein

abgeschlossenes Unendliches, dem Menschen analoger als der Sternhimmel.

Dieser reißt uns aus uns selbst hinaus, jener drängt uns auf die

gelindeste Weise in uns selbst zurück.

So verweil' ich auch gern in der Kirche der heiligen Justine. Diese

vierhundertfünfundachtzig Fuß lang, verhältnismäßig hoch und breit,

groß und einfach gebaut. Heut' abend setzt' ich mich in einen Winkel

und hatte meine stille Betrachtung; da fühlt' ich mich recht allein,

denn kein Mensch in der Welt, der in dem Augenblick an mich gedacht

hätte, würde mich hier gesucht haben.

Der Brentakanal bei Padua. Zeichnung von Canaletto.

Nun wäre auch hier wieder einmal eingepackt, morgen früh geht es zu

Wasser auf der Brenta fort. Heute hat's geregnet, nun ist's wieder

ausgehellt, und ich hoffe, die Lagunen und die dem Meer vermählte

Herrscherin bei schöner Tageszeit zu erblicken und aus ihrem Schoß

meine Freunde zu begrüßen.

Italienische Reise — Band 1 · 第 6 / 68 题