Regensburg liegt gar schön. Die Gegend mußte eine Stadt herlocken;
auch haben sich die geistlichen Herren wohl bedacht. Alles Feld um
die Stadt gehört ihnen, in der Stadt steht Kirche gegen Kirche und
Stift gegen Stift. Die Donau erinnert mich an den alten Main. Bei
Frankfurt haben Fluß und Brücke ein besseres Ansehn, hier aber nimmt
sich das gegenüberliegende Stadt am Hof recht artig aus. Ich verfügte
mich gleich in das Jesuitenkollegium, wo das jährliche Schauspiel
durch Schüler gegeben ward, sah das Ende der Oper und den Anfang des
Trauerspiels. Sie machten es nicht schlimmer als eine angehende
Liebhabertruppe und waren recht schön, fast zu prächtig gekleidet.
Auch diese öffentliche Darstellung hat mich von der Klugheit der
Jesuiten aufs neue überzeugt. Sie verschmähten nichts, was irgend
wirken konnte, und wußten es mit Liebe und Aufmerksamkeit zu behandeln.
Hier ist nicht Klugheit, wie man sie sich in Abstracto denkt, es ist
eine Freude an der Sache dabei, ein Mit--und Selbstgenuß, wie er aus
dem Gebrauche des Lebens entspringt. Wie diese große geistliche
Gesellschaft Orgelbauer, Bildschnitzer und Vergulder unter sich hat,
so sind gewiß auch einige, die sich des Theaters mit Kenntnis und
Neigung annehmen, und wie durch gefälligen Prunk sich ihre Kirchen
auszeichnen, so bemächtigen sich die einsichtigen Männer hier der
weltlichen Sinnlichkeit durch ein anständiges Theater.
Heute schreibe ich unter dem neunundvierzigsten Grade. Er läßt sich
gut an. Der Morgen war kühl, und man klagt auch hier über Nässe und
Kälte des Sommers; aber es entwickelte sich ein herrlicher gelinder
Tag. Die milde Luft, die ein großer Fluß mitbringt, ist ganz etwas
Eigenes. Das Obst ist nicht sonderlich. Gute Birnen hab' ich
gespeist; aber ich sehne mich nach Trauben und Feigen.
Der Jesuiten Tun und Wesen hält meine Betrachtungen fest. Kirchen,
Türme, Gebäude haben etwas Großes und Vollständiges in der Anlage, das
allen Menschen insgeheim Ehrfurcht einflößt. Als Dekoration ist nun
Gold, Silber, Metall, geschliffene Steine in solcher Pracht und
Reichtum gehäuft, der die Bettler aller Stände blenden muß. Hier und
da fehlt es auch nicht an etwas Abgeschmacktem, damit die Menschheit
versöhnt und angezogen werde. Es ist dieses überhaupt der Genius des
katholischen äußeren Gottesdienstes; noch nie habe ich es aber mit so
viel Verstand, Geschick und Konsequenz ausgeführt gesehen als bei den
Jesuiten. Alles trifft darin überein, daß sie nicht wie andere
Ordensgeistliche eine alte abgestumpfte Andacht fortsetzten, sondern
sie dem Geist der Zeit zuliebe durch Prunk und Pracht wieder
aufstutzten.
Ein sonderbar Gestein wird hier zu Werkstücken verarbeitet, dem
Scheine nach eine Art Totliegendes, das jedoch für älter, für
ursprünglich, ja für porphyrartig gehalten werden muß. Es ist
grünlich mit Quarz gemischt, löcherig, und es finden sich große Flecke
des festesten Jaspis darin, in welchem sich wieder kleine runde
Flecken von Breccienart zeigen. Ein Stück war gar zu instruktiv und
appetitlich, der Stein aber zu fest, und ich habe geschworen, mich auf
dieser Reise nicht mit Steinen zu schleppen.
München, den 6. September.
Den fünften September halb ein Uhr Mittag reiste ich von Regensburg ab.
Bei Abach ist eine schöne Gegend, wo die Donau sich an Kalkfelsen
bricht, bis gegen Saale. Es ist der Kalk wie der bei Osteroda am Harz,
dicht, aber im ganzen löcherig. Um sechs Uhr morgens war ich in
München, und nachdem ich mich zwölf Stunden umgesehen, will ich nur
weniges bemerken. In der Bildergalerie fand ich mich nicht
einheimisch; ich muß meine Augen erst wieder an Gemälde gewöhnen. Es
sind treffliche Sachen. Die Skizzen von Rubens von der Luxemburger
Galerie haben mir große Freude gemacht.
Hier steht auch das vornehme Spielwerk, die Trajanische Säule in
Modell. Der Grund Lapislazuli, die Figuren verguldet. Es ist immer
ein schön Stück Arbeit, und man betrachtet es gern.
Im Antikensaale konnte ich recht bemerken, daß meine Augen auf diese
Gegenstände nicht geübt sind, deswegen wollte ich nicht verweilen und
Zeit verderben. Vieles sprach mich gar nicht an, ohne daß ich sagen
könnte warum. Ein Drusus erregte meine Aufmerksamkeit, zwei Antonine
gefielen mir und so noch einiges. Im ganzen stehen die Sachen auch
nicht glücklich, ob man gleich mit ihnen hat aufputzen wollen, und der
Saal oder vielmehr das Gewölbe ein gutes Ansehn hätte, wenn es nur
reinlicher und besser unterhalten wäre. Im Naturalienkabinett fand
ich schöne Sachen aus Tirol, die ich in kleinen Musterstücken schon
kenne, ja besitze.
Es begegnete mir eine Frau mit Feigen, welche als die ersten
vortrefflich schmeckten. Aber das Obst überhaupt ist doch für den
achtundvierzigsten Grad nicht besonders gut. Man klagt hier durchaus
über Kälte und Nässe. Ein Nebel, der für einen Regen gelten konnte,
empfing mich heute früh vor München. Den ganzen Tag blies der Wind
sehr kalt vom Tiroler Gebirg. Als ich vom Turm dahin sah, fand ich es
bedeckt und den ganzen Himmel überzogen. Nun scheint die Sonne im
Untergehen noch an den alten Turm, der mir vor dem Fenster steht.
Verzeihung, daß ich so sehr auf Wind und Wetter achthabe: der Reisende
zu Lande, fast so sehr als der Schiffer, hängt von beiden ab, und es
wäre ein Jammer, wenn mein Herbst in fremden Landen so wenig
begünstigt sein sollte als der Sommer zu Hause.
Nun soll es gerade auf Innsbruck. Was lass' ich nicht alles rechts
und links liegen, um den einen Gedanken auszuführen, der fast zu alt
in meiner Seele geworden ist!
Mittenwald, den 7. September, abends.
Es scheint, mein Schutzgeist sagt Amen zu meinem Kredo, und ich danke
ihm, der mich an einem so schönen Tage hierher geführt hat. Der
letzte Postillon sagte mit vergnüglichem Ausruf, es sei der erste im
ganzen Sommer. Ich nähre meinen stillen Aberglauben, daß es so
fortgehen soll, doch müssen mir die Freunde verzeihen, wenn wieder von
Luft und Wolken die Rede ist.
Als ich um fünf Uhr von München wegfuhr, hatte sich der Himmel
aufgeklärt. An den Tiroler Bergen standen die Wolken in ungeheuern
Massen fest. Die Streifen der untern Regionen bewegten sich auch
nicht. Der Weg geht auf den Höhen, wo man unten die Isar fließen
sieht, über zusammengeschwemmte Kieshügel hin. Hier wird uns die
Arbeit der Strömungen des uralten Meeres faßlich. In manchem
Granitgeschiebe fand ich Geschwister und Verwandte meiner
Kabinettsstücke, die ich Knebeln verdanke.
Die Nebel des Flusses und der Wiesen wehrten sich eine Weile, endlich
wurden auch diese aufgezehrt. Zwischen gedachten Kieshügeln, die man
sich mehrere Stunden weit und breit denken muß, das schönste
fruchtbarste Erdreich wie im Tale des Regenflusses. Nun muß man
wieder an die Isar und sieht einen Durchschnitt und Abhang der
Kieshügel, wohl hundertundfunfzig Fuß hoch. Ich gelangte nach
Wolfrathshausen und erreichte den achtundvierzigsten Grad. Die Sonne
brannte heftig, niemand traut dem schönen Wetter, man schreit über das
böse des vergehenden Jahres, man jammert, daß der große Gott gar keine
Anstalt machen will.
Nun ging mir eine neue Welt auf. Ich näherte mich den Gebirgen, die
sich nach und nach entwickelten.
Benediktbeuern liegt köstlich und überrascht beim ersten Anblick. In
einer fruchtbaren Fläche ein lang und breites weißes Gebäude und ein
breiter hoher Felsrücken dahinter. Nun geht es hinauf zum Kochelsee;
noch höher ins Gebirge zum Walchensee. Hier begrüßte ich die ersten
beschneiten Gipfel, und auf meine Verwunderung, schon so nahe bei den
Schneebergen zu sein, vernahm ich, daß es gestern in dieser Gegend
gedonnert, geblitzt und auf den Bergen geschneit habe. Aus diesen
Meteoren wollte man Hoffnung zu besserem Wetter schöpfen und aus dem
ersten Schnee eine Umwandlung der Atmosphäre vermuten. Die
Felsklippen, die mich umgeben, sind alle Kalk, von dem ältesten, der
noch keine Versteinerungen enthält. Diese Kalkgebirge gehen in
ungeheuern ununterbrochenen Reihen von Dalmatien bis an den Sankt
Gotthard und weiter fort. Hacquet hat einen großen Teil der Kette
bereist. Sie lehnen sich an das quarz--und tonreiche Urgebirge.
Nach Walchensee gelangte ich um halb fünf. Etwa eine Stunde von dem
Orte begegnete mir ein artiges Abenteuer: ein Harfner mit seiner
Tochter, einem Mädchen von eilf Jahren, gingen vor mir her und baten
mich, das Kind einzunehmen. Er trug das Instrument weiter, ich ließ
sie zu mir sitzen, und sie stellte eine große neue Schachtel
sorgfältig zu ihren Füßen. Ein artiges ausgebildetes Geschöpf, in der
Welt schon ziemlich bewandert. Nach Maria-Einsiedel war sie mit ihrer
Mutter zu Fuß gewallfahrtet, und beide wollten eben die größere Reise
nach St. Jago von Compostell antreten, als die Mutter mit Tode abging
und ihr Gelübde nicht erfüllen sollte. Man könne in der Verehrung der
Mutter Gottes nie zuviel tun, meinte sie. Nach einem großen Brande
habe sie selbst gesehen ein ganzes Haus niedergebrannt bis auf die
untersten Mauern, und über der Türe hinter einem Glase das
Muttergottesbild, Glas und Bild unversehrt, welches denn doch ein
augenscheinliches Wunder sei. All ihre Reisen habe sie zu Fuße
gemacht, zuletzt in München vor dem Kurfürsten gespielt und sich
überhaupt vor einundzwanzig fürstlichen Personen hören lassen. Sie
unterhielt mich recht gut. Hübsche große braune Augen, eine
eigensinnige Stirn, die sich manchmal ein wenig hinaufwärts faltete.
Wenn sie sprach, war sie angenehm und natürlich, besonders wenn sie
kindischlaut lachte; hingegen wenn sie schwieg, schien sie etwas
bedeuten zu wollen und machte mit der Oberlippe eine fatale Miene.
Ich sprach sehr viel mit ihr durch, sie war überall zu Hause und
merkte gut auf die Gegenstände. So fragte sie mich einmal, was das
für ein Baum sei. Es war ein schöner großer Ahorn, der erste, der mir
auf der ganzen Reise zu Gesichte kam. Den hatte sie doch gleich
bemerkt und freute sich, da mehrere nach und nach erschienen, daß sie
auch diesen Baum unterscheiden könne. Sie gehe, sagte sie, nach Bozen
auf die Messe, wo ich doch wahrscheinlich auch hinzöge. Wenn sie mich
dort anträfe, müsse ich ihr einen Jahrmarkt kaufen, welches ich ihr
denn auch versprach. Dort wollte sie auch ihre neue Haube aufsetzen,
die sie sich in München von ihrem Verdienst habe machen lassen. Sie
wolle mir solche im voraus zeigen. Nun eröffnete sie die Schachtel,
und ich mußte mich des reichgestickten und wohlbebänderten
Kopfschmuckes mit ihr erfreuen.
Über eine andere frohe Aussicht vergnügten wir uns gleichfalls
zusammen. Sie versicherte nämlich, daß es gut Wetter gäbe. Sie
trügen ihren Barometer mit sich, und das sei die Harfe. Wenn sich der
Diskant hinaufstimme, so gebe es gutes Wetter, und das habe er heute
getan. Ich ergriff das Omen, und wir schieden im besten Humor, in der
Hoffnung eines baldigen Wiedersehns.
Auf dem Brenner, den 8. September, abends.
Hierher gekommen, gleichsam gezwungen, endlich an einen Ruhepunkt, an
einen stillen Ort, wie ich ihn mir nur hätte wünschen können. Es war
ein Tag, den man jahrelang in der Erinnerung genießen kann. Um sechs
Uhr verließ ich Mittenwald, den klaren Himmel reinigte ein scharfer
Wind vollkommen. Es war eine Kälte, wie sie nur im Februar erlaubt
ist. Nun aber bei dem Glanze der aufgehenden Sonne die dunkeln, mit
Fichten bewachsenen Vordergründe, die grauen Kalkfelsen dazwischen und
dahinter die beschneiten höchsten Gipfel auf einem tieferen
Himmelsblau, das waren köstliche, ewig abwechselnde Bilder.
Bei Scharnitz kommt man ins Tirol. Die Grenze ist mit einem Walle
geschlossen, der das Tal verriegelt und sich an die Berge anschließt.
Es sieht gut aus: an der einen Seite ist der Felsen befestigt, an der
andern steigt er senkrecht in die Höhe. Von Seefeld wird der Weg
immer interessanter, und wenn er bisher seit Benediktbeuern herauf von
Höhe zu Höhe stieg und alle Wasser die Region der Isar suchten, so
blickt man nun über einen Rücken in das Inntal, und Inzingen liegt vor
uns. Die Sonne war hoch und heiß, ich mußte meine Kleidung
erleichtern, die ich bei der veränderlichen Atmosphäre des Tages oft
wechsele.
Bei Zirl fährt man ins Inntal herab. Die Lage ist unbeschreiblich
schön, und der hohe Sonnenduft machte sie ganz herrlich. Der
Postillon eilte mehr, als ich wünschte: er hatte noch keine Messe
gehört und wollte sie in Innsbruck, es war eben Marientag, um desto
andächtiger zu sich nehmen. Nun rasselte es immer an dem Inn hinab,
an der Martinswand vorbei, einer steil abgehenden ungeheuern Kalkwand.
Zu dem Platze, wohin Kaiser Maximilian sich verstiegen haben soll,
getraute ich mir wohl ohne Engel hin und her zu kommen, ob es gleich
immer ein frevelhaftes Unternehmen wäre.
Innsbruck liegt herrlich in einem breiten, reichen Tale zwischen hohen
Felsen und Gebirgen. Erst wollte ich dableiben, aber es ließ mir
keine Ruhe. Kurze Zeit ergetzte ich mich an dem Sohne des Wirts,
einem leibhaftigen Söller. So begegnen mir nach und nach meine
Menschen. Das Fest Mariä Geburt zu feiern, ist alles geputzt. Gesund
und wohlhäbig, zu Scharen, wallfahrten sie nach Wilten, einem
Andachtsorte, eine Viertelstunde von der Stadt gegen das Gebirge zu.
Um zwei Uhr, als mein rollender Wagen das muntere bunte Gedränge
teilte, war alles in frohem Zug und Gang.
Von Innsbruck herauf wird es immer schöner, da hilft kein Beschreiben.
Auf den gebahntesten Wegen steigt man eine Schlucht herauf, die das
Wasser nach dem Inn zu sendet, eine Schlucht, die den Augen unzählige
Abwechselungen bietet. Wenn der Weg nah am schroffsten Felsen hergeht,
ja in ihn hineingehauen ist, so erblickt man die Seite gegenüber
sanft abhängig, so daß noch kann der schönste Feldbau darauf geübt
werden. Es liegen Dörfer, Häuser, Häuschen, Hütten, alles weiß
angestrichen, zwischen Feldern und Hecken auf der abhängenden hohen
und breiten Fläche. Bald verändert sich das Ganze; das Benutzbare
wird zur Wiese, bis sich auch das in einen steilen Abhang verliert.
Zu meiner Welterschaffung habe ich manches erobert, doch nichts ganz
Neues und Unerwartetes. Auch habe ich viel geträumt von dem Modell,
wovon ich so lange rede, woran ich so gern anschaulich machen möchte,
was in meinem Innern herumzieht, und was ich nicht jedem in der Natur
vor Augen stellen kann.
Nun wurde es dunkler und dunkler, das Einzelne verlor sich, die Massen
wurden immer größer und herrlicher, endlich, da sich alles nur wie ein
tiefes geheimes Bild vor mir bewegte, sah ich auf einmal wieder die
hohen Schneegipfel vom Mond beleuchtet, und nun erwarte ich, daß der
Morgen diese Felsenkluft erhelle, in der ich auf der Grenzscheide des
Südens und Nordens eingeklemmt bin.
Ich füge noch einige Bemerkungen hinzu über die Witterung, die mir
vielleicht ebendeswegen so günstig ist, weil ich ihr so viele
Betrachtungen widme. Auf dem flachen Lande empfängt man gutes und
böses Wetter, wenn es schon fertig geworden, im Gebirge ist man
gegenwärtig, wenn es entsteht. Dieses ist mir nun so oft begegnet,
wenn ich auf Reisen, Spaziergängen, auf der Jagd Tag und Nächte lang
in den Bergwäldern, zwischen Klippen verweilte, und da ist mir eine
Grille aufgestiegen, die ich auch für nichts anders geben will, die
ich aber nicht loswerden kann, wie man denn eben die Grillen am
wenigsten loswird. Ich sehe sie überall, als wenn es eine Wahrheit
wäre, und so will ich sie denn auch aussprechen, da ich ohnehin die
Nachsicht meiner Freunde so oft zu prüfen im Falle bin.
Betrachten wir die Gebirge näher oder ferner und sehen ihre Gipfel
bald im Sonnenscheine glänzen, bald vom Nebel umzogen, von stürmenden
Wolken umsaust, von Regenstrichen gepeitscht, mit Schnee bedeckt, so
schreiben wir das alles der Atmosphäre zu, da wir mit Augen ihre
Bewegungen und Veränderungen gar wohl sehen und fassen. Die Gebirge
hingegen liegen vor unserm äußeren Sinn in ihrer herkömmlichen Gestalt
unbeweglich da. Wir halten sie für tot, weil sie erstarrt sind, wir
glauben sie untätig, weil sie ruhen. Ich aber kann mich schon seit
längerer Zeit nicht entbrechen, einer innern, stillen, geheimen
Wirkung derselben die Veränderungen, die sich in der Atmosphäre zeigen,
zum großen Teile zuzuschreiben. Ich glaube nämlich, daß die Masse
der Erde überhaupt, und folglich auch besonders ihre hervorragenden
Grundfesten, nicht eine beständige, immer gleiche Anziehungskraft
ausüben, sondern daß diese Anziehungskraft sich in einem gewissen
Pulsieren äußert, so daß sie sich durch innere notwendige, vielleicht
auch äußere zufällige Ursachen bald vermehrt, bald vermindert. Mögen
alle anderen Versuche, diese Oszillation darzustellen, zu beschränkt
und roh sein, die Atmosphäre ist zart und weit genug, um uns von jenen
stillen Wirkungen zu unterrichten. Vermindert sich jene
Anziehungskraft im geringsten, alsobald deutet uns die verringerte
Schwere, die verminderte Elastizität der Luft diese Wirkung an. Die
Atmosphäre kann die Feuchtigkeit, die in ihr chemisch und mechanisch
verteilt war, nicht mehr tragen, Wolken senken sich, Regen stürzen
nieder, und Regenströme ziehen nach dem Lande zu. Vermehrt aber das
Gebirg seine Schwerkraft, so wird alsobald die Elastizität der Luft
wiederhergestellt, und es entspringen zwei wichtige Phänomene. Einmal
versammeln die Berge ungeheure Wolkenmassen um sich her, halten sie
fest und starr wie zweite Gipfel über sich, bis sie, durch innern
Kampf elektrischer Kräfte bestimmt, als Gewitter, Nebel und Regen
niedergehen, sodann wirkt auf den überrest die elastische Luft, welche
nun wieder mehr Wasser zu fassen, aufzulösen und zu verarbeiten fähig
ist. Ich sah das Aufzehren einer solchen Wolke ganz deutlich: sie
hing um den steilsten Gipfel, das Abendrot beschien sie. Langsam,
langsam sonderten ihre Enden sich ab, einige Flocken wurden weggezogen
und in die Höhe gehoben; diese verschwanden, und so verschwand die
ganze Masse nach und nach und ward vor meinen Augen wie ein Rocken von
einer unsichtbaren Hand ganz eigentlich abgesponnen.
Wenn die Freunde über den ambulanten Wetterbeobachter und dessen
seltsame Theorien gelächelt haben, so gebe ich ihnen vielleicht durch
einige andere Betrachtungen Gelegenheit zum Lachen, denn ich muß
gestehen, da meine Reise eigentlich eine Flucht war vor allen den
Unbilden, die ich unter dem einundfunfzigsten Grade erlitten, daß ich
Hoffnung hatte, unter dem achtundvierzigsten ein wahres Gosen zu
betreten. Allein ich fand mich getäuscht, wie ich früher hätte wissen
sollen; denn nicht die Polhöhe allein macht Klima und Witterung,
sondern die Bergreihen, besonders jene, die von Morgen nach Abend die
Länder durchschneiden. In diesen ereignen sich immer große
Veränderungen, und nordwärts liegende Länder haben am meisten darunter
zu leiden. So scheint auch die Witterung für den ganzen Norden diesen
Sommer über durch die große Alpenkette, auf der ich dieses schreibe,
bestimmt worden zu sein. Hier hat es die letzten Monate her immer
geregnet, und Südwest und Südost haben den Regen durchaus nordwärts
geführt. In Italien sollen sie schön Wetter, ja zu trocken gehabt
haben.
Nun von dem abhängigen, durch Klima, Berghöhe, Feuchtigkeit auf das
mannigfaltigste bedingten Pflanzenreich einige Worte. Auch hierin
habe ich keine sonderliche Veränderung, doch Gewinn gefunden. Äpfel
und Birnen hängen schon häufig vor Innsbruck in dem Tale, Pfirschen
und Trauben hingegen bringen sie aus Welschland oder vielmehr aus dem
mittägigen Tirol. Um Innsbruck bauen sie viel Türkisch--und Heidekorn,
das sie Blende nennen. Den Brenner herauf sah ich die ersten
Lärchenbäume, bei Schönberg den ersten Zirbel. Ob wohl das
Harfnermädchen hier auch nachgefragt hätte?
Die Pflanzen betreffend, fühl' ich noch sehr meine Schülerschaft. Bis
München glaubt' ich wirklich nur die gewöhnlichen zu sehen. Freilich
war meine eilige Tag--und Nachtfahrt solchen feinern Beobachtungen
nicht günstig. Nun habe ich zwar meinen Linné bei mir und seine
Terminologie wohl eingeprägt, wo soll aber Zeit und Ruhe zum
Analysieren herkommen, das ohnehin, wenn ich mich recht kenne, meine
Stärke niemals werden kann? Daher schärf' ich mein Auge aufs
Allgemeine, und als ich am Walchensee die erste Gentiana sah, fiel mir
auf, daß ich auch bisher zuerst am Wasser die neuen Pflanzen fand.
Was mich noch aufmerksamer machte, war der Einfluß, den die
Gebirgshöhe auf die Pflanzen zu haben schien. Nicht nur neue Pflanzen
fand ich da, sondern Wachstum der alten verändert; wenn in der tiefern
Gegend Zweige und Stengel stärker und mastiger waren, die Augen näher
aneinander standen und die Blätter breit waren, so wurden höher ins
Gebirg hinauf Zweige und Stengel zarter, die Augen rückten auseinander,
so daß von Knoten zu Knoten ein größerer Zwischenraum stattfand und
die Blätter sich lanzenförmiger bildeten. Ich bemerkte dies bei einer
Weide und einer Gentiana und überzeugte mich, daß es nicht etwa
verschiedene Arten wären. Auch am Walchensee bemerkte ich längere und
schlankere Binsen als im Unterlande.
Die Kalkalpen, welche ich bisher durchschnitten, haben eine graue
Farbe und schöne, sonderbare, unregelmäßige Formen, ob sich gleich der
Fels in Lager und Bänke teilt. Aber weil auch geschwungene Lager
vorkommen und der Fels überhaupt ungleich verwittert, so sehen die
Wände und Gipfel seltsam aus. Diese Gebirgsart steigt den Brenner
weit herauf. In der Gegend des oberen Sees fand ich eine Veränderung
desselben. An dunkelgrünen und dunkelgrauen Glimmerschiefer, stark
mit Quarz durchzogen, lehnte sich ein weißer, dichter Kalkstein, der
an der Ablösung glimmerig war und in großen, obgleich unendlich
zerklüfteten Massen anstand. Über demselben fand ich wieder
Glimmerschiefer, der mir aber zärter als der vorige zu sein schien.
Weiter hinauf zeigt sich eine besondere Art Gneis oder vielmehr eine
Granitart, die sich dem Gneis zubildet, wie in der Gegend von Elbogen.
Hier oben, gegen dem Hause über, ist der Fels Glimmerschiefer. Die
Wasser, die aus dem Berge kommen, bringen nur diesen Stein und grauen
Kalk mit.
Nicht fern muß der Granitstock sein, an den sich alles anlehnt. Die
Karte zeigt, daß man sich an der Seite des eigentlichen großen
Brenners befindet, von dem aus die Wasser sich ringsum ergießen.
Vom äußern des Menschengeschlechts habe ich so viel aufgefaßt. Die
Nation ist wacker und gerade vor sich hin. Die Gestalten bleiben sich
ziemlich gleich, braune, wohlgeöffnete Augen und sehr gut gezeichnete
schwarze Augenbraunen bei den Weibern; dagegen blonde und breite
Augenbraunen bei den Männern. Diesen geben die grünen Hüte zwischen
den grauen Felsen ein fröhliches Ansehn. Sie tragen sie geziert mit
Bändern oder breiten Schärpen von Taft mit Franzen, die mit Nadeln gar
zierlich aufgeheftet werden. Auch hat jeder eine Blume oder eine
Feder auf dem Hut. Dagegen verbilden sich die Weiber durch weiße,
baumwollene, zottige, sehr weite Mützen, als wären es unförmliche
Mannesnachtmützen. Das gibt ihnen ein ganz fremdes Ansehn, da sie im
Auslande die grünen Mannshüte tragen, die sehr schön kleiden.
Ich habe Gelegenheit gehabt zu sehen, welchen Wert die gemeinen Leute
auf Pfauenfedern legen, und wie überhaupt jede bunte Feder geehrt wird.
Wer diese Gebirge bereisen wollte, müßte dergleichen mit sich führen.
Eine solche am rechten Orte angebrachte Feder würde statt des
willkommensten Trinkgeldes dienen.
Indem ich nun diese Blätter sondere, sammele, hefte und dergestalt
einrichte, daß sie meinen Freunden bald einen leichten Überblick
meiner bisherigen Schicksale gewähren können, und daß ich mir zugleich,
was ich bisher erfahren und gedacht, von der Seele wälze, betrachte
ich dagegen mit einem Schauer manche Pakete, von denen ich ein kurz
und gutes Bekenntnis ablegen muß: sind es doch meine Begleiter, werden
sie nicht viel Einfluß auf meine nächsten Tage haben!
Ich hatte nach Karlsbad meine sämtlichen Schriften mitgenommen, um die
von Göschen zu besorgende Ausgabe schließlich zusammenzustellen. Die
ungedruckten besaß ich schon längst in schönen Abschriften von der
geschickten Hand des Sekretär Vogel. Dieser wackere Mann begleitete
mich auch diesmal, um mir durch seine Fertigkeit beizustehen. Dadurch
ward ich in den Stand gesetzt, die vier ersten Bände unter der
treusten Mitwirkung Herders an den Verleger abzusenden, und war im
Begriff, mit den vier letzten das gleiche zu tun. Diese bestanden
teils aus nur entworfenen Arbeiten, ja aus Fragmenten, wie denn meine
Unart, vieles anzufangen und bei vermindertem Interesse liegen zu
lassen, mit den Jahren, Beschäftigungen und Zerstreuungen allgemach
zugenommen hatte.
Da ich nun diese Dinge sämtlich mit mir führte, so gehorchte ich gern
den Anforderungen der Karlsbader geistreichen Gesellschaft und las ihr
alles vor, was bisher unbekannt geblieben, da man sich denn jedesmal
über das Nichtvollbringen derjenigen Dinge, an denen man sich gern
länger unterhalten hätte, bitterlich beschwerte.
Die Feier meines Geburtstages bestand hauptsächlich darin, daß ich
mehrere Gedichte erhielt im Namen meiner unternommenen, aber
vernachlässigten Arbeiten, worin sich jedes nach seiner Art über mein
Verfahren beklagte. Darunter zeichnete sich ein Gedicht im Namen der
Vögel aus, wo eine an Treufreund gesendete Deputation dieser muntern
Geschöpfe inständig bat, er möchte doch das ihnen zugesagte Reich
nunmehr auch gründen und einrichten. Nicht weniger einsichtig und
anmutig waren die Äußerungen über meine andern Stückwerke, so daß sie
mir auf einmal wieder lebendig wurden und ich den Freunden meine
gehabten Vorsätze und vollständigen Plane mit Vergnügen erzählte.
Dies veranlaßte dringende Forderungen und Wünsche und gab Herdern
gewonnen Spiel, als er mich zu überreden suchte, ich möchte diese
Papiere nochmals mit mir nehmen, vor allem aber Iphigenien noch einige
Aufmerksamkeit schenken, welche sie wohl verdiene. Das Stück, wie es
gegenwärtig liegt, ist mehr Entwurf als Ausführung, es ist in
poetischer Prosa geschrieben, die sich manchmal in einen jambischen
Rhythmus verliert, auch wohl andern Silbenmaßen ähnelt. Dieses tut
freilich der Wirkung großen Eintrag, wenn man es nicht sehr gut liest
und durch gewisse Kunstgriffe die Mängel zu verbergen weiß. Er legte
mir dieses so dringend ans Herz, und da ich meinen größeren Reiseplan
ihm wie allen verborgen hatte, so glaubte er, es sei nur wieder von
einer Bergwanderung die Rede, und weil er sich gegen Mineralogie und
Geologie immer spöttisch erwies, meinte er, ich sollte, anstatt taubes
Gestein zu klopfen, meine Werkzeuge an diese Arbeit wenden. Ich
gehorchte so vielen wohl gemeinten Andrängen: bis hierher aber war es
nicht möglich, meine Aufmerksamkeit dahin zu lenken. Jetzt sondere
ich "Iphigenien" aus dem Paket und nehme sie mit in das schöne, warme
Land als Begleiterin. Der Tag ist so lang, das Nachdenken ungestört,
und die herrlichen Bilder der Umwelt verdrängen keineswegs den
poetischen Sinn, sie rufen ihn vielmehr, von Bewegung und freier Luft
begleitet, nur desto schneller hervor.