Karlsbad bis auf den Brenner

Den 3. September 1786.

Früh drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad, weil man mich sonst nicht

fortgelassen hätte. Die Gesellschaft, die den achtundzwanzigsten

August, meinen Geburtstag, auf eine sehr freundliche Weise feiern

mochte, erwarb sich wohl dadurch ein Recht, mich festzuhalten; allein

hier war nicht länger zu säumen. Ich warf mich ganz allein, nur einen

Mantelsack und Dachsranzen aufpackend, in eine Postchaise und gelangte

halb acht Uhr nach Zwota, an einem schönen stillen Nebelmorgen. Die

obern Wolken streifig und wollig, die untern schwer. Mir schienen das

gute Anzeichen. Ich hoffte, nach einem so schlimmen Sommer einen

guten Herbst zu genießen. Um zwölf in Eger, bei heißem Sonnenschein;

und nun erinnerte ich mich, daß dieser Ort dieselbe Polhöhe habe wie

meine Vaterstadt, und ich freute mich, wieder einmal bei klarem Himmel

unter dem funfzigsten Grade zu Mittag zu essen.

In Bayern stößt einem sogleich das Stift Waldsassen

entgegen--köstliche Besitztümer der geistlichen Herren, die früher als

andere Menschen klug waren. Es liegt in einer Teller-, um nicht zu

sagen Kesseltiefe, in einem schönen Wiesengrunde, rings von

fruchtbaren sanften Anhöhen umgeben. Auch hat dieses Kloster im Lande

weit umher Besitzungen. Der Boden ist aufgelöster Tonschiefer. Der

Quarz, der sich in dieser Gebirgsart befindet und sich nicht auflöst,

noch verwittert, macht das Feld locker und durchaus fruchtbar. Bis

gegen Tirschenreuth steigt das Land noch. Die Wasser fließen einem

entgegen, nach der Eger und Elbe zu. Von Tirschenreuth an fällt es

nun südwärts ab, und die Wasser laufen nach der Donau. Mir gibt es

sehr schnell einen Begriff von jeder Gegend, wenn ich bei dem

kleinsten Wasser forsche, wohin es läuft, zu welcher Flußregion es

gehört. Man findet alsdann selbst in Gegenden, die man nicht

übersehen kann, einen Zusammenhang der Berge und Täler gedankenweise.

Vor gedachtem Ort beginnt die treffliche Chaussee von Granitsand; es

läßt sich keine vollkommenere denken; denn da der aufgelöste Granit

aus Kiesel und Tonerde besteht, so gibt das zugleich einen festen

Grund und ein schönes Bindungsmittel, die Straße glatt wie eine Tenne

zu machen. Die Gegend, durch die sie geführt ist, sieht desto

schlechter aus: gleichfalls Granitsand, flachliegend, moorig, und der

schöne Weg desto erwünschter. Da nun zugleich das Land abfällt, so

kömmt man fort mit unglaublicher Schnelle, die gegen den böhmischen

Schneckengang recht absticht. Beiliegendes Blättchen benennt die

verschiedenen Stationen. Genug, ich war den andern Morgen um zehn Uhr

in Regensburg und hatte also diese vierundzwanzig und eine halbe Meile

in einunddreißig Stunden zurückgelegt. Da es anfing, Tag zu werden,

befand ich mich zwischen Schwanendorf und Regenstauf, und nun bemerkte

ich die Veränderung des Ackerbodens ins Bessere. Es war nicht mehr

Verwitterung des Gebirgs, sondern aufgeschwemmtes, gemischtes Erdreich.

Den Regenfluß herauf hatte in uralten Zeiten Ebbe und Flut aus dem

Donautal in alle die Täler gewirkt, die gegenwärtig ihre Wasser

dorthin ergießen, und so sind diese natürlichen Polder entstanden,

worauf der Ackerbau gegründet ist. Diese Bemerkung gilt in der

Nachbarschaft aller größern und kleinern Flüsse, und mit diesem

Leitfaden kann der Beobachter einen schnellen Aufschluß über jeden der

Kultur geeigneten Boden erlangen.

Italienische Reise — Band 1 · 第 4 / 68 题