müssen uns helfen, da keiner uns hilft«! Sie küssen ihm die Hände --
welch ein Tumult! Sie tragen ihn auf Schultern -- zum Saale hinaus ...
(Immer neue Hochrufe.)
Der Freund:
Er hat den Bund gegründet der Jungen gegen die Welt! Listen auf -- alle
sollen sich unterschreiben!
von Tuchmeyer
(reißt sein Notizbuch entzwei):
Alle sollen sie unterschreiben! Mein Vater lebt nicht mehr. Heute ist
er zum zweiten Mal gestorben. (Er wirft Blätter auf den Tisch.)
Cherubim:
Tod den Toten! Der meine schickt mir kein Geld mehr. (Mit lauter
Stimme.) Ich unterschreibe!
Der Freund
(zum Fürsten):
Und Sie, Majestät, wie wird Ihnen? (Er hält ihm die Blätter entgegen.)
Der Fürst:
Geben Sie her!
Der Freund:
Das nennt man Revolution, Bruder Fürst!
Der Fürst
(ekstatisch, springt auf einen Tisch, reckt seinen Arm empor wie das
Schwert der Freiheitsstatue):
Meine Herren! Wir sind ein Menschenalter! So jung werden wir nie mehr
sein. Es gibt noch viele Idioten -- aber -- zum Teufel: wir leben
länger!
(Er beginnt, auf dem Tisch stehend, die Marseillaise. Die andern
singen mit. Stimmen im Saal fallen ein):
»~Aux armes, citoyens!
Formez vos bataillons!
Marchons! Marchons!~«
_Ende des dritten Aktes._
Vierter Akt.
Erste Szene.
Am nächsten Morgen.
Ein Hotelzimmer im Stil der ~Chambres garnies~, jedoch ohne Bett.
Auf dem Tisch ist das Frühstück gedeckt.
_Adrienne_, vor einem Spiegel, frisiert sich.
_Der Sohn_, nachlässig im Frack.
Der Sohn:
Jetzt, wo du die Haare kämmst, fällt mir ein, daß du schon viele vor
mir geliebt hast.
Adrienne:
Wieso?
Der Sohn:
Mich quält eine sonderbare Eitelkeit.
Adrienne
(kämmt weiter):
Ich liebe dich.
Der Sohn:
Du hast doch Geld von mir genommen!
Adrienne:
Und du? Lebst du von der Luft? Hast du nicht auch Geld genommen gestern
für deine Rede? Wir müssen alle essen.
Der Sohn:
Das ist richtig. Ich nahm Geld. Ich habe dafür einen Akt aus meiner
Jugend gespielt.
Adrienne:
Mit wem ich morgen schlafe, geht heute keinen an. Ich bin ein Weib und
kann nicht mehr tun.
Der Sohn:
Man hat mich auf die Schultern gehoben. Ich muß nachdenken, dann wird
es mir klar. Ich bin in einer andern Welt.
Adrienne:
Du hast doch Revolution gemacht gestern! Weißt du das nicht mehr?
Vielleicht steht es schon in der Zeitung.
Der Sohn:
Was vor acht Stunden war, ist für mich schon historisch; gestern habe
ich noch Geschichte gepaukt.
Adrienne
(nachdenklich):
Da sieht man, wie Revolutionen entstehn!
Der Sohn
(lächelnd):
Nein, du irrst! Ich bin gar nicht so raffiniert. Ich bin kein
Schauspieler. Ich war echt.
Adrienne:
Du weißt nicht mehr, was du gemacht hast?
Der Sohn:
Ich erinnere mich, wir nahmen einen Wagen und fuhren in die Vorstadt
hinaus. Ich sah dich nur flüchtig -- du schienst mir sehr schön. Mein
Gott, ich habe ganz vergessen, mich bei den Studenten zu bedanken. Sie
trugen mich wohl eine halbe Stunde im Regen herum. Jemand drückte mir
Geld in die Hand.
Adrienne:
Ist es viel?
Der Sohn:
Es wird langen.
Adrienne:
Du bist aus vornehmem Haus. Man sieht es an der Wäsche.
Der Sohn:
Wie kommst du darauf?
Adrienne:
Mein Kleiner! Du hast keine Erfahrung in der Liebe, und von den
schönsten Spielen verstehst du nichts. Du mußt erst erzogen werden. Ein
Mann von deinem Stande braucht das.
Der Sohn:
Ich dachte, das kommt von allein.
Adrienne:
So klug sind die Männer nicht! Du willst doch einmal heiraten. Du
könntest böse hereinfallen; deine Frau wird dich betrügen -- weil du
nichts verstehst.
Der Sohn:
Adrienne, das wußte ich nicht. Was ist da zu machen!
Adrienne:
Willst du bei mir lernen? Ich bringe dir alles bei. Und du wirst sehr
klug werden.
Der Sohn:
Mein Vater hat mich nicht einmal gelehrt, was man nach dem Lieben tun
soll. Es war doch zum mindesten seine Pflicht.
Adrienne:
Die Väter schämen sich vor ihren Söhnen. Das ist immer so. Weshalb
schickt man sie nicht zu uns? Man schickt sie auf Universitäten.
Der Sohn:
Wieviel Ekel und Unglück könnte verhütet werden, wenn ein Vater
moralisch wäre! Er ist der nächste dazu.
Adrienne:
Statt dessen verfolgt uns die Sittenpolizei.
Der Sohn:
Ich verstehe. Ihr fangt an, eine Rolle zu spielen. Man muß von seinem
Vater verlangen, daß er uns mit freiem Herzen zur Hure führt. Ein neuer
Passus für unsern Bund. Ich werde ihn in meiner nächsten Rede sagen ...
(Er geht erregt umher.)
Adrienne
(mit ihrer Frisur zu Ende):
Frühstücken wir derweilen.
(Sie setzen sich.)
Adrienne
(kauend):
Hast du noch nie mit einer Dame gefrühstückt -- nach der ersten Nacht?
Der Sohn:
Noch nie. Weshalb?
Adrienne:
Du bist ungeschickt. Alle haben mir die Bluse zugeknöpft -- du kennst
die einfachsten Anstandsregeln nicht.
Der Sohn:
Ich bin ein Anfänger in der Liebe: das wird mir mit Schrecken klar.
Aber die Kunst ist groß, und ein junger Mann muß Bescheid wissen, bevor
er die höhere Mathematik versteht. Ich nehme deinen Vorschlag an --
unterrichte mich! Ich bewundere dich: du weißt viel mehr als ich. Ich
war so ängstlich, als wir heute Nacht die Treppe hinaufgingen, an den
frechen Kellnern vorbei. Wir sind durch die Mitte des Lebens gewandert
... aus allen Zimmern dieses verrufenen Hotels brachen Ströme, dunkle
und unbewußte ...
Adrienne:
Gib mir die Butter!
Der Sohn:
Ja, und wie du den Mantel nahmst und aufs Bett warfst -- das werde
ich nicht vergessen. So selbstverständlich, so klar in sich! Ich weiß
jetzt, mit welchem Ton man eine Kerze verlangt, die nicht da ist.
Adrienne:
Du mußt nächstens nicht so unruhig sein.
Der Sohn:
Ich sah zum ersten Male, wie man sich auszieht. Und das langsam
genießen! Wie schön ist ein Geldgeschäft: man ist ganz unter sich.
Adrienne:
Habe ich dir gefallen?
Der Sohn:
Erst blau und dann rosa; das Schwarz der Strümpfe! Mir gefielen die
Spitzen sehr.
Adrienne:
Und ich?
Der Sohn:
Ich weiß nicht mehr, wie du aussahst.
Adrienne
(mit großer Ruhe, nimmt ein neues Stück Brot):
Du liebst mich noch nicht.
Der Sohn:
Im Ernst -- sei nicht böse. Ich war enttäuscht. Wie nüchtern ist ein
Körper und ganz anders, als man sich denkt. Adrienne, du lebst für
mich, wie du aus dem Wagen in den Korridor tratest. Wie du in einem
fremden Hause Bescheid weißt! Du bist eine Heldin. Ohne dich wäre ich
vor Scham in die Erde gesunken. Auf verschossenem Samt am Geländer --
ich glaube, das ist die gleiche Anmut, über Goldfelder und malayische
Spelunken zu gehn. Ich habe nichts Irdisches mehr an deinen Füßen
bemerkt --
Adrienne:
Manche Herren lieben _nur_ meine Füße. Ich muß nackt auf dem Teppich
tanzen.
Der Sohn:
Wohin führt dieses Wort! Welch ein Zauberkreis. Im Panoptikum einst
eine Dame war blautätowiert ... viele Dinge gibt es, von denen man
trotzdem weiß.
Adrienne:
Weshalb hast du nicht geschlafen?
Der Sohn:
Ich war nicht müde. Ich liebte dich sehr in der Dämmerung, ruhend auf
dem gleichen Lager, als du mich nicht mehr empfandest. Ich glaube, erst
da liebte ich dich ganz.
Adrienne
(mit ruhiger Überlegenheit):
Du kannst es noch nicht. Aber du wirst es lernen.
Der Sohn:
Ich bin begierig auf diese Kunst. Welche Angst, zu nehmen, was einem
geboten ist! Doch man muß sie überwinden.
Adrienne:
Ich hab meine Handschuhe verloren. Schenk mir ein Paar neue!
Der Sohn
(legt ein Goldstück auf den Tisch):
Ich weiß nicht, was Handschuhe kosten.
Adrienne:
Das ist zuviel! Ich bring dir zurück.
(Sie setzt ihren Hut auf.)
Der Sohn:
Wo gehst du hin?
Adrienne:
Nach Hause, mich umziehn.
Der Sohn:
Wann kommst du wieder?
Adrienne:
Soll ich dich abholen?
Der Sohn:
Ich warte auf dich.
Adrienne:
Hast du noch einen Groschen für die Bahn?
Der Sohn
(gibt ihr):
Hast du Geschwister?
Adrienne:
Ach, reden wir nicht davon. Meine Schwestern sind anständig.
Der Sohn:
Es ist doch merkwürdig, das zu bedenken.
Adrienne:
Weshalb willst du es wissen?
Der Sohn:
Ich suche ein Äquivalent für meine Schwäche. Du bist mir zu überlegen.
Adrienne:
So schnell verliere ich das Gleichgewicht nicht!
Der Sohn:
Ich hasse jeden, der meine Zustände weiß. Ich begreife einen Mann, der
ein Weib tötet, das ihn durchschaut.
Adrienne:
Aber Bubi! Wer wird schon von so etwas reden -- in deinem Alter.
Der Sohn:
Du weckst meine schlummernden Talente. Seitdem ich dich kenne, seh ich
manches klarer in mir. Die Freude an euerm Geschlecht regt zum Denken
an. Man findet immer wieder einen Weg zu sich.
Adrienne
(zuversichtlich):
Heute abend ist Tanz in Pikkadilly. Ich führe dich ein! Nachher gehn
wir in die Bar.
(Sie ist in Hut und Mantel.)
Der Sohn
(betrachtet ihre schlanke Figur):
»Auf, in den Kampf, Tore-ro ...«
Adrienne:
Adieu, Bubi!
Der Sohn
(küßt weltmännisch ihre Hand):
Adieu, Madame!
(Sie geht, ihm zuwinkend, ab.)
Zweite Szene.
(Er zündet sich eine Zigarette an und geht mit langen Schritten,
gewiegt, durch das Zimmer. Die Asche legt er auf einen Teller.
Eintritt _der Freund_.)
Der Freund:
Guten Morgen!
Der Sohn:
Bist du schon da?
Der Freund:
Du scheinst nicht erfreut, mich zu sehn.
Der Sohn
(verlegen):
Oh doch -- wie spät ist es?
Der Freund:
Es ist elf Uhr. Du hast erst gefrühstückt? Um diese Zeit pflegtest du
zu Hause nicht aufzustehn.
Der Sohn:
Ich brauche einen neuen Anzug. Wo bekomme ich den?
Der Freund:
Hör' mal, ich sah eben die süße Adrienne entschreiten.
Der Sohn:
Ich liebe sie.
Der Freund:
Nein, du irrst.
Der Sohn:
Sie wird es mich lehren.
Der Freund:
Das meinte ich nicht. Was wird sie dich lehren? Überspringe diese
Schulklasse ruhig -- du hast Besseres vor. Eine Dame ihres Genres ernst
nehmen, ist eine Sache, nicht ganz deiner würdig. Du kommst in Konflikt
mit den Ärzten. Ich rate ab.
Der Sohn:
Es reizt mich, eine neue Gefahr zu erleben. Ich lungre förmlich nach
ihr.
Der Freund:
Du wirst sie bald genug haben.
Der Sohn:
Auf welchem Gebiet?
Der Freund:
Hast du vergessen, daß dein Vater dich jeden Augenblick zurückholen
kann? Du bist minderjährig, mein Sohn.
Der Sohn:
Jetzt -- wo ich im Leben stehe zum erstenmal -- jetzt wieder in die
Knechtschaft zurück? Nie.
Der Freund:
Nenn diesen gemeinplätzigen Zustand doch nicht _Leben_. Eine witzlose
Nacht mit einem Weibe -- und du bist nicht einmal enttäuscht? Du warst
nie so flach als bei dieser Dame. Jedes deiner Wahnsinnsworte am
Abend, wo ich dich überraschte, ist größer.
Ich komme, einen Propheten zu sehn und finde einen kleinen Flüchtling,
der verliebt ist. Du spielst deine eigne Persiflage! Dein Fräulein
im Elternhaus war ungeheuer. Aber diese Hure, welch eine geistlose
Attrappe!
Der Sohn:
Sie ist zum mindesten in meinem Leben so wichtig wie du.
Der Freund:
Teufel, laß uns ernst sein. Könntest du dein Gefühlchen unter der Lupe
sehn, du würdest staunen, wie es von Läusen wimmelt.
Der Sohn:
Ich will aber nicht! Ich sage dir, die Kleine wird mich abholen, und
dabei bleibt es.
Der Freund:
So werde glücklich.
(Er nimmt seinen Hut.)
Der Sohn:
Wohin?
Der Freund:
Ich überlasse dich den Huren. Schade um dich.
Der Sohn:
Bist du verrückt? Rennt man so aus dem Zimmer?
Der Freund:
Nein, mein Junge. Entweder -- oder. Zuhälter werden alle Tage geboren.
Der Sohn:
Ich will, nach so viel Stationen, endlich eine Sache ganz tun.
Der Freund:
Dazu hast du Gelegenheit.
Der Sohn:
Und wie?
Der Freund:
Wann ist das Rendezvous?
Der Sohn:
In einer halben Stunde.
Der Freund:
Dann können wir zwanzig Minuten reden. Setzen wir uns dazu. (Sie sitzen
sich gegenüber.)
Der Freund:
Du bewunderst dieses Mädchen? Sie mag dressiert sein und tüchtig in
ihrer Branche. Zugegeben. Das ist viel!
Aber hast du nicht vor wenigen Stunden etwas getan? Mensch, du standest
in einer europäischen Halle -- bedenk' das! Was für ein Ruhm lastet
auf deinen Schultern! Meinst du, so leicht kann man die Verantwortung
von sich abschütteln? Dann verdienst du, daß man dich hängt. Wer einen
Gedanken in die Welt schleudert und bringt _den_ nicht zu Ende, soll
des höllischen Feuers sterben. Das ist das Einzige, dem ich rückhaltlos
das Recht der Existenz bekenne: _Die Tat_. Und wie stehst du jetzt da?
Man sah dich von vorne, Prometheus, und nun sieht man dein Hinterteil
-- Nachtigall und Kindskopf. Man muß dir die Hosen halten.
Der Sohn:
Wovon reden wir? Von _deiner_ Tat, nicht von der meinen. Du bist schuld
an mir -- ich stand unter deiner Suggestion; das weiß ich. Weshalb
tatest du es nicht selber? Gib zunächst einmal darauf Antwort!
Der Freund:
Mich kennen sie; leider. Ich habe ihre Notdurft zu oft geteilt. Ich bin
kein Redner. Die Flamme ist mir versagt; ich würde am Ende selber gegen
mich sprechen.
Aber _du_ hast die Gemüter. Ich weiß nicht, wieso, aber du hast sie.
Die größte Macht -- und du brauchst sie nicht. Das ist doch zum
verzweifeln! Erst hole ich dich aus deinem Käfig, und zwei Stunden
lang bist du die Gewalt meiner Ideen. Und schon verrätst du mich und
verkriechst dich hinter die Instinkte des Pöbels.
Der Sohn:
Als ich heute morgen in der Dämmerung mit mir selber ins Reine kam,
da erkannte ich nebenbei dies seltsame Theaterspiel. Ich mußte mich
fragen, wer ich bin. Der Verdacht liegt nahe, daß deine Hilfe nicht
ganz so parteilos war. Ich beklage mich nicht über meine Rolle -- aber
--
Der Freund:
Ich gebe zu, daß mein Wille über dir geherrscht hat. Ich mißbrauchte
dich von Anfang an. Sogar während der Rede habe ich dir, ohne daß du
es wußtest, Worte und Gesten diktiert. Dein Haß gegen mich ist also
vollkommen begreiflich.
Der Sohn
(erhebt sich):
Ach so!
Der Freund
(drückt ihn nieder):
Noch einen Augenblick. Jetzt ist das Reden bei mir. Als ich dich sah,
damals in der Stunde des Selbstmords blutend an deinem Kampf, fiel es
mir wie Schuppen von den Augen: hier war der Mann, den ich brauchte!
Denn ich sah in ungeheuerster Erregung -- du hattest, was uns allen
fehlte --: Jugend und die Glut des Hasses. Nur solche Menschen können
Reformatoren sein. Du warst der Einzige, der Lebendige, der Rufer: Gott
will es.
Und so beschloß ich, dich auf einen Sockel zu heben, von dem hinunter
du nicht mehr stürzen kannst.
Der Sohn:
Bist du dessen so gewiß?
Der Freund:
Ja. Eine unzerstörte, unverbrauchte Kraft in dir bewegt dich nach
vorne. Es hätte vielleicht nicht geschehen _sollen_. Aber wo es
geschehen ist, _kannst_ du nicht mehr zurück.
Der Sohn:
Und was soll ich tun?
Der Freund:
Die Tyrannei der Familie zerstören, dies mittelalterliche Blutgeschwür;
diesen Hexensabbat und die Folterkammer mit Schwefel! Aufheben die
Gesetze -- wiederherstellen die Freiheit, der Menschen höchstes Gut.
Der Sohn:
An diesem Punkt der Erdachse glühe ich wieder.
Der Freund:
Denn bedenke, daß der Kampf gegen den Vater das gleiche ist, was vor
hundert Jahren die Rache an den Fürsten war. Heute sind _wir_ im
Recht! Damals haben gekrönte Häupter ihre Untertanen geschunden und
geknechtet, ihr Geld gestohlen, ihren Geist in Kerker gesperrt. Heute
singen wir die Marseillaise! Noch kann jeder Vater ungestraft seinen
Sohn hungern und schuften lassen und ihn hindern, große Werke zu
vollenden. Es ist nur das alte Lied gegen Unrecht und Grausamkeit. Sie
pochen auf die Privilegien des Staates und der Natur. Fort mit ihnen
beiden! Seit hundert Jahren ist die Tyrannis verschwunden -- helfen wir
denn wachsen einer neuen Natur!
Noch haben sie Gewalt, wie einst jene. Sie können gegen den
ungehorsamen Sohn die Polizei rufen.
Der Sohn:
Man sammle ein Heer! Auch für uns sind die Burgen der Raubritter zu
erobern.
Der Freund:
Und zu vernichten bis ins letzte Glied. Wir wollen predigen gegen das
vierte Gebot. Und die Thesen gegen den Götzendienst müssen abermals an
der Schloßkirche zu Wittenberg angenagelt werden! Wir brauchen eine
Verfassung, einen Schutz gegen Prügel, die uns zur Ehrfurcht unter
unsere Peiniger zwingt. Dies Programm stelle ich auf, denn ich kann es
beweisen. Führe du das Heer.
Der Sohn:
Aber wer hilft uns? Bis zum einundzwanzigsten Jahre sind wir
preisgegeben der Peitsche und dem Wahnsinn des väterlichen Gespenstes.
Der Freund:
Ist es das erstemal, daß ein Werk für die Freiheit geschieht? Auf, die
Fahnen und Schafotte der Revolution! Wenn das alte tot ist, macht man
ein neues Gesetz. Wir wollen brüllen, bis man uns im Parlament unter
der goldenen Kuppel hört. Um nichts Geringes wagen wir unser Blut. Und
der Gedanke, dies Feuer, mächtig zu allen Tagen der Welt, wird nicht
erlöschen vor Übermacht und Hinterlist. Wir _müssen_ siegen, weil wir
stärker sind.
Der Sohn:
Sind wir nicht allein -- wir zwei in diesem Zimmer? In welchen Räumen
tönt Widerhall?
Der Freund:
In allen, wo junge Menschen sind. Hast du nicht geredet in der
gestrigen Nacht? Hörtest du nicht die Stimmen des einen tausendfach? So
glaube nur: die Stunde ist da. Und sie fordert das Opfer.
Der Sohn:
Was kann ich tun! Ich bin nur ein armer Teufel, der selber vertrieben
ist.
Der Freund:
Du hast begonnen -- vollende das Werk. Tu nun das Letzte. Empfange die
heilige Pflicht.
Der Sohn:
Was hab' ich Großes getan, daß du alles auf mich setzest!?
Der Freund:
Das Schicksal von Millionen ist in deiner Hand. Was du gestern sahst,
ist nur ein kleiner Teil des mächtigen Volkes von Söhnen, die auf
deine Taten bereit sind. Der Funke ist entzündet -- schleudre ihn
ins Pulverfaß. Jetzt muß ein Fall kommen, ein ungeheurer, noch nicht
dagewesener, der die ganze Welt in Aufruhr setzt. Auf diesem Boden an
einer Stätte muß der Umsturz beginnen. Gestern klang deine Rede hinaus
-- heute mußt du es tun.
Der Sohn:
So sage mir, wie schon einmal an der Wende meines Lebens -- was ich tun
soll.
Der Freund
(zieht einen Browning aus der Tasche):
Kennst du dies schwarze Instrument? Es beherbergt den Tod. Ein kleiner
Griff -- und Leben erlischt. Betrachte es genau: mit diesem Metall
hätte ich gestern _dich_ vernichtet; aber du hast gesiegt. Du hast den
Tod überwunden: das macht dich unsterblich zum Leben.
Sieh an, es ist scharf geladen. Ich gebe es dir. Dasselbe, das noch
gestern hinter deinem Atem stand. (Er reicht es ihm hinüber.) Nimm es.
Der Sohn:
Gegen wen?
Der Freund:
Bald bist du gefangen.
Der Sohn:
Nein!!!
Der Freund:
Doch die Häscher sind dir auf der Spur.
Der Sohn:
Nein!! Nein!!
Der Freund:
Dein Vater weiß, wo du bist. Er rief die Polizei.
Der Sohn:
Wer -- hat das getan?
Der Freund:
Du willst es wissen: Ich.
Der Sohn:
Du ...!
Der Freund
(mit aller Ruhe):
Ich teilte deinem Vater deinen Aufenthalt mit.
Der Sohn
(reißt den Revolver an sich und zielt):
Verrat! Stirb dafür!
(Er drückt ab. Der Revolver versagt.)
Der Freund
(ohne sich zu verändern):
Du hast ihn nicht aufgezogen. Ich wußte, du würdest auf mich schießen.
Aber es ist noch zu früh. Ich bin nicht das richtige Ziel -- deshalb
ersparte ich mir den Griff.
Du mußt ihn auseinanderziehn -- so -- jetzt ist die Kugel im Lauf --
(Er tut es und reicht es ihm hin.) Jetzt kannst du schießen.
Der Sohn
(läßt den Revolver sinken):
Verzeih. -- (Er steckt ihn zu sich.) Ich behalte dein Geschenk.
Der Freund:
Und nun auch die letzte Klippe umschifft ist -- wie zwecklos wäre ein
Mord in diesem Moment -- so will ich dir sagen, _weshalb_ ich es tat.
Ich kenne die Versuchung, mit Ruhm und mit Weibern zu schlafen. Doch
brauchte ich nichts zu fürchten -- ich sehe, du brennst noch. So ist
es gut. Aber jeder hat die Probe auf sein Exempel zu machen; schon der
Kleingläubigen willen und des Unverstandes. Mit beiden muß ein Feldzug
rechnen. (Er sieht auf die Uhr.) In nicht mehr zehn Minuten, am Schritt
der Polizisten gemessen, wirst du in Ketten deinem Vater zugeführt. Du
stehst vor ihm, der Ketten ledig, Aug in Auge. Und er wird dein Urteil
sprechen: es lautet auf Zwangsarbeit. Was -- wirst du dann tun?
(Er steht vor ihm, ganz nahe.)
Der Sohn
(weicht zurück):
An welchem Ende der Welt stehn wir ... kann der Gedanke noch weiter ...
mir schwindelt ...
Der Freund
(folgt ihm nach):
Was wirst du tun? Wohin gehst du?
Der Sohn
(an die Mauer gedrängt):
Du bist furchtbar. -- Hier ist nichts mehr -- (schreiend) Vatermord!!!!
Der Freund
(tritt zurück):
Gott ist bei dir.
Der Sohn
(stürzt heftig nach vorne, packt ihn am Arm):
Ich _kann_ es nicht! Ich _kann_ es nicht! (In gräßlicher Angst.) Laß
mich los! (Er fällt ihm zu Füßen.) Ich bitte dich!
Der Freund
(eisern):
Mensch! Nachdem der ungeheure Gedanke in dein Inneres zog, wirst du ihm
nicht mehr entrinnen. Du bist ihm verfallen mit Leib und mit Seele. Du
hast keine Ruhe mehr. Geh hin und führe ihn aus!
Der Sohn
(nach einer langen Weile):
Wie darf ich ein Leben töten -- ich -- der ich kaum geboren bin. -- Es
gehört unmenschlicher Mut dazu, das kleinste Tier zu vernichten. --
-- Ich habe einmal einen Hund erdrosselt und konnte zehn Nächte nicht
schlafen. Ich bin zu schwach. Mache mich nicht zum Mörder. Schon jetzt
sind die Erinnyen in mir.
Der Freund:
Ist Feigheit Trumpf? Und du wolltest in die Schlacht?
Der Sohn:
Rette mich vor dem furchtbaren Alp!
Der Freund:
Und doch hast du eben mit kaltem Blut auf mich geschossen! Wie reimt
sich das? Weshalb verfolgt dich mein Schatten nicht? Hab ich dir mehr
getan als dein Vater? Antworte, weshalb konntest du es bei mir?
Der Sohn:
Wie gut gelang dieser Effekt. Ich verstehe -- die Falle ist hinter mir
zu. Ich bin um eine Festigkeit ärmer. Weh dir, du rettest mich nicht.
Ich hasse dich maßlos! Jetzt fühl ich: ich könnte es tun.
Der Freund:
Was liegt an uns und einem Toten. Hunderttausende werden leben.
Der Sohn:
Es gibt edle Väter!
Der Freund:
Wir kämpfen nicht für die Ausnahme -- wir kämpfen für die Tat!
Der Sohn:
Weshalb muß _ich_ sie schaudernd vollbringen?
Der Freund:
Weil dir und keinem anderen die Macht gegeben ist.
Der Sohn
(stolz empor):
Was ich auch tue: nicht um deretwillen werd ich es tun. Was gehn mich
diese an! Für mein eigenes, armes Geschlecht will ich zu Ende leiden.
Mir allein ist das große Unrecht geschehn. _Ich werde es tun!_ -- Mit
dir habe ich nichts mehr gemein.
Der Freund:
Du gabst dein Wort. (Stille tritt ein.)
Der Freund:
Wenige Minuten noch, und man hat dich befreit von meiner Gegenwart.
Werden wir uns wiedersehn? Vielleicht nicht. Einer von uns könnte den
großen Sprung machen -- möglicherweise nicht einmal du. Ich meine (mit
Geste) die restlose Entfernung ...
(Der Sohn antwortet nicht.)
Der Freund:
Ich könnte dir in spiritistischen Zirkeln erscheinen. Doch ich lege
keinen Wert darauf. Dann schon lieber monistisch verwesen.
Indessen, auf dem schwankenden Boden noch nebeneinander, sollten wir
uns beide wenigstens klar sein.
Der Sohn
(wie abwesend):
Schon aus diesem goldenen Sterne entschwinden ... wieder in die Nacht
... wer wird mir _jetzt_ im Unglück helfen?
Der Freund
(mit starker Stimme):
Zum ersten, zum gewaltigsten Male: du selbst dir! _Hier im Tode beginnt
dein Leben._ Du stehst im größten aller Geschicke! Was du bis dahin
gelebt hast, waren Stubenarrest und Nachtkapellen. Dir schien es nur
so! Aber man lebt nicht mit seinen Reklamesäulen. Zeige, mein Junge,
daß du nicht verloren bist!
Der Sohn
(leise und demütig):
Ich fürchte mich so vor dem Sterben.
Der Freund:
Bist du noch nie gestorben? Wieso denn überraschte ich dich dabei?
Der Sohn:
Da kannte ich die Welt nicht. Da war ich reich. Da konnte ich sterben.
Der Freund:
Sei mutig; heute bist du besser.
Der Sohn:
Und als ich im Saale stand -- vergißt du?
Der Freund:
Jetzt erst wirst du ganz du selbst sein. Ich nehme Abschied von dir. Du
hast mich überholt. Ich kann dir nichts mehr geben.
Der Sohn:
Ich gehe zum Tode. Weißt du, was das heißt?
Der Freund:
Er oder du! Der muß sterben, der sein Lebendigstes nicht vollbracht
hat. Wer das Leben in einem andern Menschen haßt, darf den eignen Tod
nicht fürchten. Kein Hund unterliegt ohne Kampf! Das beste an uns ist,
daß wir die Gefahren _wollen_, daß wir ohne sie nicht geboren sind. So
rette denn dein Geschlecht -- unser aller Geschlecht: das Höchste,
was wir besitzen. Wenn auch schlimm und vergänglich, einmal müssen wir
dahin gelangen.
Der Sohn:
Und das Eine gegen Alles! Hat es Raum auf der alten Welt?!
Der Freund:
Nieder, was uns bewuchert! Gib keinen Pardon -- auch dir hat man nichts
gegeben.
Schaudre nicht: Gott will, daß die Gesetze sich ändern.
Der Sohn:
Erwarten wir die Polizei. Diese kurzen Sekunden sind das Gottesgericht.
Ich bin bereit zu gehn. Die Henker sollen mich mutig finden.
Nein, ich unterwerfe mich nicht.
Tritt keiner hier ein, mich zu fesseln, so will ich fliehn, und kein
Haar soll ihm gekrümmt sein. Wenn aber ja, (er hebt den Finger) ich
schwöre! Und fordre den gräßlichen Zweikampf heraus. Aber ich will das
Verbrechen sehn, daß ein Vater seinen Sohn den Schergen überliefert.
Wenn das geschieht, ist die Natur entmenscht. Dann führe ein andrer
meine Hand.
Der Freund: