Der Sohn:
Die Wolke am Himmel raucht. Ich könnte beten: Wende das Übel von mir ...
Der Freund:
Du brauchst keinen Christus am Kreuz. Töte, was dich getötet hat!
Der Sohn
(in Tränen):
Ich bin schwach wie das kleinste Opfertier. Und doch. Ich habe die
Kraft.
Der Freund
(in tiefer Ergriffenheit):
Auch der Zweifel und die Versuchung sind uns gegeben und das
Unendliche, damit wir fort und fort am eignen Willen scheitern, dennoch
zum Größten gelangen. Glaub mir, der in alle Wasser getaucht ist, ich
muß es zitternd sagen: Wir leben ja, um immer mehr und immer herrlicher
zu sein. Und Glück und Qual und Wahnsinn sind nicht vergeblich -- so
laß uns wirken, Bruder, zwischen den Schatten, daß uns der Tod nicht
erreicht vor unserm Ende.
Nur ein kleiner Raum ist noch zwischen uns beiden -- schon wölbt sich
die Brücke des gemeinsamen Stroms.
Da gehst du nun hin. Und ich nenne deinen Namen mit Ehrfurcht; bald
werden viele ihn nennen.
Der Sohn:
Gibt es denn Absolution für das, was ich tue?
Der Freund:
Sie ist im Glauben der Menschen, deren Retter du wirst.
Der Sohn:
Und wenn es mißlingt? Wenn ein Spuk mich narrt? Wenn die Hoffnung
scheitert?
Der Freund:
Dann ständen wir nicht hier. Unsre kleine Existenz ist das Korn der
großen Erfüllung. Du lebst nur das Schicksal deiner Geburt. Was einst
dir die Brust bewegt hat -- heute wirst du's vollenden.
Der Sohn:
Mir ist, als hätte ich längst gelebt.
Der Freund:
So lebe von neuem! Lebe, deines Daseins endlose Kette zu begreifen.
Zweifle nicht mehr! Ein Strahl bricht in unser armes Geschick. Bruder
vor dem Tode -- wir dürfen noch einmal beisammen sein.
Der Sohn
(in großer Bewegung):
Gib mir deine Hand!
Der Freund:
Kann ich noch etwas für dich tun?
Der Sohn:
Hier nimm das Geld. Ich erhielt es gestern. (Er gibt es ihm.) Arm ging
ich aus meinem Vaterhaus, und so will ich zurückkehren. -- Glaube an
mich!
(Sie stehn sich hochentschlossen gegenüber.)
Dritte Szene.
(Man klopft an der Türe.)
Der Sohn
(mit lauter Stimme):
Herein!
(Kriminalbeamte treten ein.)
Der Kommissar:
Welcher von den Herren ist der Sohn des Geheimrats?
Der Sohn:
Der bin ich.
Der Kommissar
(tritt auf ihn zu):
Bitte, folgen Sie uns.
Der Sohn:
Ihr Ausweis?
Der Kommissar
(zeigt ein Schild):
Hier.
Der Sohn
(höflich):
Ich danke. Erlauben Sie zur Klärung noch eine Frage: hat Sie mein Vater
geschickt?
Der Kommissar:
Wir haben Auftrag, Sie zu ihm zu führen.
Der Sohn:
Es ist gut.
(Der Sohn und der Freund sehen sich an.)
Der Kommissar
(tritt einen Schritt näher):
Da Fluchtverdacht vorliegt, muß ich Ihnen die Hände fesseln.
Der Sohn:
Sie führen also einen Verbrecher?
Der Kommissar
(achselzuckend mit Entschuldigung):
Ich bedaure ...
Der Sohn
(reicht beide Hände hin):
Ich sträube mich nicht.
(Er wird gefesselt. Die Beamten nehmen ihn in die Mitte. Sie
entfernen sich.)
Vierte Szene.
Der Freund
(allein, öffnet das Fenster):
In den Wagen stoßen sie ihn. In Ketten! Nun stellt auf die Guillotine,
ihr Henker! _Euer_ Kopf wird fallen. (Er kommt nach vorne.) Er wird
es tun. Triumph! -- Hier ist meine Kraft zu Ende. (Er sinkt in einen
Stuhl.) Mir scheint, an mir ist die Reihe ... (Er betrachtet sich wie
ein Photograph.) Ist die Pose gut so? Bitte recht freundlich! Wer
knipst den Moment der Verwesung? (Er zieht eine kleine Flasche hervor.)
Nichts mehr als diese Sensation auf der Erde -- das ist wenig. Man
sollte nicht an sein Ende denken. (Er öffnet die Flasche und riecht
daran.) Verdammt! Die Neugierde ist groß. Stirbt man wirklich aus
Interesse? Könnte man die Memoiren dieser Sekunde schreiben!? Aber der
Ruhm ist traurig, und die Kunst reizt nicht mehr.
Nein, lieber so.
Und selbst wenn er die Tat begeht, was ist geschehn? Er lebt und wird
mich doppelt hassen -- wenn der Mantel fällt.
Was hab ich ihm denn zugeredet? Ich werde verduften und mich Lügen
strafen. Die Bejahung des Lebens ist nur einem Spitzbuben erlaubt, der
im voraus weiß, wie er endet.
Es wird Zeit.
Monologe, bevor man stirbt, sind häufig. Ich lebte zu meiner
Zufriedenheit. Ich schwör es: der Wahnsinn soll mich hier nicht
erreichen! Ich komme den Geistern zuvor -- (Er gießt die Flüssigkeit
in ein Glas und besinnt sich.) Herrliche Dinge fallen mir ein.
Geist-Fabrikanten könnten an meinem Tode reich werden. Teufel, weshalb
rede ich noch! _Ich fürchte mich, so allein ins Jenseits zu traben!!!_
(Er springt zitternd auf und horcht.) Was ist da: ein Schritt auf der
Treppe? Das wird die süße Adrienne sein! Der Himmel gab ihr einen
Beruf: sie soll mir die Vernichtung in einem Tropfen Champagner reichen
...
(Er geht ihr entgegen.)
Ende des vierten Aktes.
Fünfter Akt.
Erste Szene.
Wenige Stunden später.
Das Sprechzimmer des Vaters im elterlichen Hause. Ein langer Raum;
in der Mittelwand rechts und links eine Türe, an den Seitenwänden
je eine. Links steht der Tisch des Vaters mit Büchern, Telephon;
davor Sessel mit Holzlehne. An der Mittelwand Glasschränke mit
ärztlichen Utensilien, rechts ein Untersuchungstisch, aufklappbar.
An der rechten Seitenwand der Bücherschrank. Davor, gegenüber dem
Arbeitstisch des Vaters, ein kleinerer Tisch mit Stühlen. An der Wand
die Rembrandtsche Anatomie.
_Der Vater._ _Der Kommissar._
Der Vater:
Ich danke Ihnen, Herr Kommissar. -- Hat mein Sohn sich zur Wehr gesetzt?
Der Kommissar:
Der junge Mann war ganz ruhig. Wir hatten erwartet, einen Rasenden zu
finden. Statt dessen trafen wir zwei Herren im Gespräch. Ein Anlaß,
Gewalt anzuwenden, lag nicht vor. Trotzdem haben wir auf Ihren Wunsch
die Hände gefesselt. Auch die Fahrt hierher verlief in voller Ruhe.
Vielleicht, Herr Geheimrat, war die Maßregel etwas zu strenge. Ich als
alter Menschenkenner habe nur mit Bedauern das Zwangsmittel ergriffen.
Vielleicht ist es in Güte möglich, den jungen Mann auf die rechte Bahn
zu führen. Ich bin überzeugt, er ist kein schlechter Mensch. Es gibt
schlimmere Sorte!
Der Vater:
Herr Kommissar, ich habe ihn zwanzig Jahre beobachtet. Ich bin sein
Vater, außerdem bin ich Arzt. Ich muß es wissen.
Der Kommissar:
Verzeihung, Herr Geheimrat, ich wollte keineswegs ...
Der Vater:
Im Gegenteil: ich bitte um Ihr Urteil! Sie sind sicher ein erfahrener
Mann, doch betrachten Sie die Dinge unter Ihrem Winkel. Ich glaube,
ich täusche mich nicht. Ich habe reiflich überlegt, bevor ich mich
entschlossen habe. Es ist keine Güte mehr möglich! Nur die äußerste
Strenge kann ihn noch bessern. Dieser Junge ist verdorben bis auf den
Grund seines Charakters. Er will sich meinem Willen entziehen -- das
darf unter keinen Umständen geschehn. Sie haben seine Reden nicht
gehört! Die Jugend von heute läuft ja Sturm gegen alle Autorität und
gute Sitten. Seien Sie froh, daß Sie nicht einen solchen Sohn haben.
Der Kommissar:
Herr Geheimrat: ich _habe_ Söhne. Und ich liebe sie! Ich könnte den
Fluch der Schändung nicht auf ihr Haupt rufen. Ich kenne die furchtbare
Tragödie zu sehr! Wir haben mit Tieren und Verbrechern zu tun. Bevor
ich mein eignes Blut in diesen Abgrund stoße, lieber lebe ich nicht
mehr. Selbst bei jugendlichen Kriminellen kennen wir vor dem Gesetz
noch Verweise und Strafaufschub. Was hat Ihr Junge denn Schlimmes
getan? Hat er geraubt, gefälscht, gemordet? Das sind die Kreaturen,
mit denen wir rechnen müssen; das ist die Gesellschaft, in die Sie ihn
treiben. Verzeihn Sie mir noch ein offenes Wort: Sie brandmarken ihn
für sein Leben. Sie stempeln ihn mit der Marke des Gerichts. Er hat
einen kleinen Ausflug gegen Ihren Willen unternommen ...
Der Vater
(lacht höhnisch):
Einen kleinen Ausflug!!
Der Kommissar:
Sie sind im Recht und werden ihn strafen. Aber rechtfertigt das eine
Erniedrigung? Ich fürchte, die Fesseln sind nicht mehr gut zu machen.
Herr Geheimrat -- es kann ein Unglück geben!
Der Vater:
Er hat mir den Gehorsam verweigert; es ist nicht das erstemal. Wenn
er, der doch mein Sohn ist, schimpflich mein Haus verläßt -- was kann
ich anders tun, als ihn meine Macht fühlen lassen! Ich bin sonst der
Entehrte. Was wird man von mir denken? Wie wird man mich ansehn! Ich
_muß_, wenn kein Mittel mehr hilft, zu diesem letzten greifen. Das
schulde ich meiner Pflicht gegen mich -- und gegen ihn. Ich glaube
noch, ich _kann_ ihn bessern. Er ist jung: dies sei ihm eine Warnung
für sein ganzes Leben.
Herr Kommissar, Sie sind mir ein Fremder. Trotzdem habe ich Ihnen mehr
gesagt, als je einem Menschen. Bitte, vertrauen Sie mir. Alles lastet
ja auf mir in dieser Stunde -- ich will nur das Beste nach meinem
Gewissen. Aber das darf ich nicht auf mir sitzen lassen! Sie sind
selber Vater. Was täten Sie an meiner Stelle?
Der Kommissar:
Ein Wesen aus meinem Geschlecht, das in meinem Leben entsprungen ist,
kann nicht verworfen sein. Das ist für mich das höchste Gesetz! Auch
wir altern. Weshalb soll unser Sohn nicht jung sein?
Der Vater:
Und wenn er Sie beleidigt?
Der Kommissar:
Mein Sohn ist doch ärmer und schwächer als ich. Wie kann er mich
beleidigen!
Der Vater:
Herr Kommissar, ich bin aktiv gewesen; ich habe für meine Ehre mit dem
Säbel gefochten. Ich trage noch die Spuren (er weist auf eine Narbe in
seiner Wange): ich muß mein Haus rein halten. Ich kann mich auch von
meinem Kinde nicht ungestraft beschimpfen lassen. Außerdem erachte ich
die Verantwortung des Erziehers zu hoch, sich einem Zwanzigjährigen
gleichzumachen.
Der Kommissar:
Ich fürchte, wir reden einander vorbei. Ich habe auch in meiner Jugend
gefochten. Aber die Zahl der Semester und Mensuren erscheint mir kein
Maßstab. Unsere Söhne verlangen, daß wir ihnen helfen. Herr Geheimrat:
_Das müssen wir tun_. Ob sie besser sind oder schlechter als wir, ist
eine Frage der Zeit -- nicht des Herzens.
Der Vater:
Ich bin bestürzt -- verzeihn auch Sie mir die Offenheit in einer
ernsten Stunde. Wie kann ein Vater, wie kann ein Beamter so reden!
Unsre jungen Leute werden schlimmer und verderbter von Tag zu Tag. Das
ist notorisch! Und dieser Fäulnis im kaum erwachsenen Menschen soll
man nicht steuern!? Ich halte es für meine heiligste Pflicht, gegen
die Verirrung zu kämpfen, und ich werde es tun, solange ich atme. In
welcher Zeit leben wir denn? Hier lesen Sie in der Zeitung, wie weit
es schon gekommen ist! (Er nimmt das Blatt und weist auf die Stelle.)
Gestern hat in einer geheimen Versammlung ein Unbekannter gegen die
Väter _gepredigt_. Das kann nur ein Wahnsinniger sein!! Aber das Gift
hören Tausende und saugen es gierig. Weshalb schreitet die Polizei
nicht ein? Diese Bürschchen sind staatsgefährlich. Hinter Schloß und
Riegel mit allen Verführern; sie sind der Auswurf der Menschheit.
Der Kommissar
(mit einem Blick in die Zeitung):
Diese Versammlung war der Polizei bekannt. Es ist ein Klub junger
Leute. Er steht unter dem Protektorate einer hohen Persönlichkeit ...
Der Vater:
Auch das noch! Dann haben wir ja bald die Anarchie.
Der Kommissar:
Ich kann Sie über diesen Vortrag beruhigen. Er war nur gegen die
unmoralischen Väter gerichtet.
Der Vater
(höhnisch):
Also gegen die Unmoralischen. Und die Regierung unterstützt das
Treiben? Um so mehr ist es unsere Pflicht, sich gegen den Verrat in
der eigenen Familie zu schützen. Nein, Herr Kommissar, die äußerste
Strenge. Die äußerste Strenge!
Der Kommissar:
Wir sind die Leute des Gerichts. Wieviel Verdammnis sehn wir! Glauben
Sie mir, ich will keinen Unschuldigen henken, geschweige denn meinen
eigenen Sohn. Und wenn er mir tausendfach unrecht tut -- ich bin doch
sein Vater! Soll er andere mehr lieben als mich? Wir Väter müssen erst
unsre Söhne erringen, ehe wir wissen, was sie sind.
Der Vater:
Sie scheinen unter Söhnen etwas Absonderliches zu verstehn.
Der Kommissar
(bescheiden):
Ich verstehe darunter ein Wesen, das mir geschenkt ist, dem ich dienen
muß.
Der Vater
(erhebt sich):
Herr Kommissar -- wie gesagt: ich danke Ihnen. Auch ich kenne meine
Pflicht als Vater, allerdings in einem andern Sinne. Ich wünsche Ihnen
keine Enttäuschungen! Ich werde es versuchen, selbst in diesem Falle
noch, mit meinem Sohne in Güte zu reden -- solange ich das vermag. Mehr
kann ich nicht sagen. Ich bitte, führen Sie ihn mir jetzt zu.
Der Kommissar:
Ich werde Ihrem Sohne die Fesseln abnehmen. Er wird den Weg zu Ihnen
allein finden. (Er verbeugt sich und geht. Der Vater setzt sich in den
Stuhl links an seinen Tisch.)
Zweite Szene.
(Der Sohn tritt durch die Mitteltüre langsam ein. Er ist noch immer
im Frack und bleibt an der Tür in abwartender Haltung stehn.)
Der Vater
(steht auf, ihm entgegen):
Da bist du. -- (Er streckt die Hand aus): -- Willst du mir nicht die
Hand geben?
Der Sohn:
Nein, Papa.
Der Vater:
Wir haben miteinander zu reden. Setz dich. (Er geht zu seinem Tisch und
betrachtet ihn.) Du siehst nicht wohl aus -- willst du etwas essen?
Der Sohn:
Ich habe keinen Hunger.
Der Vater:
Willst du dich erst umziehn und auf dein Zimmer gehn?
Der Sohn:
Nein; ich danke.
Der Vater
(sitzt in seinem Sessel rückwärts zum Tisch):
Nun, dann setz dich. Dann wollen wir reden.
Der Sohn
(setzt sich, ihm gegenüber, an den kleinen Tisch nach rechts).
Der Vater:
Du bist gestern abend, trotz des Verbotes, aus deinem Zimmer heimlich
entflohn. -- Wo warst du die Nacht?
Der Sohn:
Du hast die Polizei gerufen. Du hast mich gefesselt hierher bringen
lassen.
Der Vater:
Ich wünsche eine Antwort auf meine Frage: wo warst du die Nacht?
Der Sohn:
Du hast, unter dem Deckmantel der Erziehung, ein _Verbrechen_ an mir
begangen. Dafür wirst du Vergeltung finden.
Der Vater
(springt auf, beherrscht sich aber):
Ich warne dich!
Der Sohn:
Ich bin nicht hier, um in Tönen des gestrigen Tages dich um etwas zu
flehn, für das ich zu klein und zu niedrig dich erkannte. Ich bin hier,
Rechenschaft von dir zu fordern -- und Sühne: Auge um Auge. Du wirst
kein überflüssiges Wort von mir hören. Heute werde ich die nüchterne
Rolle spielen, in der du gestern verunglückt bist. Laß alle Gefühlchen
beiseite. Willst du mich auf meinen Geisteszustand untersuchen -- es
steht dir frei. Ich phantasiere nicht. Soll ich mich auf diesen Tisch
legen ...? (Er wendet sich zum Untersuchungstisch.)
Der Vater
(zieht hinter dem Schreibtisch eine Hundepeitsche hervor und beugt
sie, wie um sie zu prüfen, übers Knie):
Sprich weiter!
Der Sohn
(fährt auf die Geste mit der Peitsche schnell in seine Tasche und
läßt die Hand dort):
Als Auskultator minderer Individuen hast du vielleicht deine
Verdienste. Doch hüte dich, die Peitsche zu berühren! (Er hebt, vom
Vater unbemerkt, den Revolver halb aus der Tasche.) Ich besitze mein
eignes Attest. Ich bin durchaus gesund und weiß, was ich tue.
Der Vater
(unwillkürlich eingeschüchtert, läßt momentan die Peitsche sinken;
gleichzeitig verschwindet der Revolver in der Tasche des Sohnes):
Man hat dich -- in einem verrufenen Hotel -- heute morgen gefunden. Was
hast du darauf zu sagen?
Der Sohn:
Es ist die Wahrheit. Ich befand mich dort.
Der Vater
(erstaunt):
Du leugnest also nicht?
Der Sohn:
Keineswegs. Weshalb soll ich leugnen?
Der Vater
(nimmt einen Bogen Papier und notiert, wie bei einem Verhör):
Was tatest du dort?
Der Sohn:
Ich habe mit einer Frau geschlafen.
Der Vater
(richtet sich starr auf):
Du hast ... Genug. -- Aus meinem Zimmer!
Der Sohn
(ohne sich zu rühren):
Unser Gespräch ist noch nicht zu Ende. Setz dich wieder. Ich sagte dir
schon: es handelt sich um _dich_.
Der Vater:
Ich sage dir: hinaus!!
Der Sohn
(erhebt sich ebenfalls):
Du erlaubst also, daß ich mich entferne?
Der Vater:
Das Weitere hörst du auf deinem Zimmer.
Der Sohn
(geht zur Mitteltür und verschließt sie):
Dann muß ich dich zwingen, mich zu hören. (Er nimmt den Schlüssel an
sich und streckt drohend den Arm aus.) Setz dich, oder es gibt ein
Unglück! Du willst es nicht anders -- du sollst es haben. (Er tritt
auf ihn zu. Der Vater erhebt die Peitsche, als wollte er zuschlagen,
aber von plötzlichem Schwindel ergriffen, fällt er rückwärts in den
Sessel.) Zum letzten, blutigsten Male frag ich dich hier: läßt du mich
in Frieden aus deinem Hause? Du hast mich lange genug gequält. Doch
die Gewalt am wehrlosen Kinde ist nun vorbei. Vor dir steht einer zum
Äußersten entschlossen. Wähle! (Er wartet auf eine Antwort. Sie erfolgt
nicht. Er geht zurück zu seinem Tische und setzt sich wieder.) Reden
wir weiter.
Der Vater
(kommt langsam aus der Abwesenheit zu sich):
Meine Haare sind weiß geworden ...
Der Sohn:
Was geht mich dein Haar an -- denke an deine Worte gestern! Ersparen
wir uns die Altersjournale. Wir sind unter Männern: wenigstens halte
ich mich dafür.
Der Vater:
Was willst du noch hier?
Der Sohn:
Mein Recht. Und diesmal bin ich willens, es durchzusetzen -- bis zu
Ende.
Der Vater:
Danke deinem Schöpfer, daß ich in dieser Stunde zu alt war. Sonst ...
Aber noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Rede also! Auf meinem
Totenbette will ich den Vorwurf nicht tragen, der Erste gewesen zu
sein. Rede zu Ende! Ich will volle Klarheit über dich haben, eh ich
auch das Band zerreiße, das dich noch an mich kettet.
Der Sohn:
Papa, du wirst nichts mehr zerreißen. Ob so oder so auf deinem
Totenbette -- mich rührst du nicht mehr. Überlasse mich nur den Furien:
sorge du, daß du in Ruhe sterben kannst.
Deshalb höre und glaube, was ich dir sage: _gib mich frei_. Ich stehe
in furchtbarem Ernste vor dir!
Der Vater:
Ich lache über deinen Ernst. Ein Irrer steht vor mir.
Der Sohn:
Papa -- laß uns alles vergessen. Aber hör diese Pose auf! Es geht um
dein Leben!! Alles sei ungeschehen, Qual und Rache und Hinterlist.
Streiche mich in deinem Herzen als Sohn. Und laß mich jetzt gehen!
Der Vater
(höhnisch):
Noch nicht, mein Sohn.
Der Sohn:
Nun denn --: als ich gestern aus deiner Gewalt entfloh, begleiteten
mich viele, die im Garten versteckt waren, mit Revolvern.
Der Vater
(aufmerksam):
Was -- soll das heißen?
Der Sohn
(fortfahrend):
Und in derselben Nacht, eine Stunde später, hab ich zu ihnen geredet
gegen euch, ihr Tyrannen, ihr Väter, ihr Verächter alles Großen --
ja, erblasse nur -- ich bin nicht mehr in deine Hände gegeben: Dein
Intellekt reicht nicht aus zum Gedanken, so beuge dich vor der Tat! Wir
sind keine Irren, wir sind _Menschen_, und wir _leben_: leben doppelt,
weil ihr uns töten wollt. Du wirst keinen Schritt aus diesem Zimmer
tun, ohne daß Tausende, die ich rief, dich zerschlagen, bespeien,
zertreten. So rächen wir uns an euch und eurer Macht, und keiner von
den Göttern wird uns verlassen. (Da er antworten will): Ja, ich habe
die Revolution begonnen, inmitten der Folterkammer, wo ich stehe -- und
bald wird mein Name über Leitartikeln stehn. Jetzt kämpft ein Volk von
Söhnen, wenn du längst in Staub zerfallen bist.
Hier -- lies in deiner Zeitung, (er wirft ihm ein Blatt entgegen):
zitterst du? Das ist dein wahres Gesicht! Ja, ich bin es gewesen! Ich
habe geredet!
Der Vater:
Du lügst! Du lügst!
Der Sohn:
Hier ist die Maske des Unbekannten! (Er zieht sie hervor und schwingt
sie durch die Luft.) Zweifelst du noch? Ich bin es!! Nun will ich dein
Ende sehn -- in deinem eignen Zimmer --
Der Vater
(schwankend über den Tisch):
Sage, daß du lügst, ich vergesse mich sonst ...
Der Sohn
(hochaufgerichtet):
Läßt du mich frei? Ich will dein Geld nicht. Ich schenke es den
Armen. Du darfst mich enterben. Ich will nur mein Leben, das Ärmste
und Höchste! Ich habe noch viel zu tun auf der Welt. Ich will nicht
verbluten an diesen Sekunden ...
Der Vater:
Ich bin dein Vater nicht mehr.
Der Sohn:
Du warst es _nie_! Vater -- wer kennt es heute! Wo bin ich geboren! Ich
war ein Stiefkind nur. Habe ich je einen Sohn, so will ich gut machen
an ihm, was mir Übles geschehen. O wunderbar großes Licht, könnt ich es
erleben, eines süßen Kindes Behüter zu sein!
Der Vater
(in ganzer Härte vor ihm):
Dein Wunsch ist erfüllt: Du hast keinen Vater mehr. Ich habe dir seine
Hand geboten -- du hast sie verächtlich von dir gewiesen. Der Fluch
komme über dich. Ich verstoße dich.
Aber weil du in dieser Nacht die Schande über mich gebracht hast,
deshalb lösche ich dich aus. In meiner Todesstunde will ich an mein
Wort denken --: ich habe vergessen, daß du mein Sohn bist.
Du siehst mich heute zum letztenmal.
Wage nicht mehr, mein Haus zu betreten; ich jage dich durch die Hunde
hinaus. Hier nehme ich die Peitsche und werfe sie dir vor die Füße. Du
bist nicht wert, daß meine Hand dich berührt. (Er tut es.) Jetzt kannst
du gehen.
Der Sohn:
Papa ...
Der Vater:
Sprich den Namen nicht aus!
Der Sohn:
Läßt du mich frei!?
Der Vater:
Frei! (Er lacht gellend.) Noch ein Jahr bist du in meiner Gewalt. Noch
ein Jahr kann ich wenigstens die Menschheit vor dir schützen. Es gibt
Anstalten zu diesem Zweck.
Verlaß jetzt mein Zimmer und betritt es nicht mehr!
Der Sohn
(Mit eiserner Ruhe):
Das Zimmer ist verschlossen. Hier geht keiner heraus.
Der Vater
(steht auf und geht langsam, schwerfällig zur linken Seitentür).
Der Sohn
(Mit furchtbarer Stimme):
Halt! Keinen Schritt!!
Der Vater
(einen Augenblick wie gelähmt von dieser Stimme, setzt sich an den
Tisch.)
Der Sohn
(zieht den Revolver unbemerkt jetzt ganz aus der Tasche.)
Der Vater:
Hilfe gegen den Wahnsinn ... (Er ergreift das Telephon).
Der Sohn
(hebt den Revolver in die Höhe):
Der Vater
(am Telephon):
Bitte das Polizeiamt.
Der Sohn:
Sieh hierher! (Er zielt auf ihn und sagt mit klarer Stimme): Noch ein
Wort -- und du lebst nicht mehr.
Der Vater
(macht unwillkürlich eine Bewegung, sich zu schützen. Er hebt den
Arm, das Telephon entfällt ihm. Er läßt den gehobenen Arm sinken. Sie
sehen sich in die Augen. Die Mündung der Waffe bleibt unbeweglich auf
die Brust des Vaters gerichtet -- Da löst sich der Zusammengesunkene,
ein Zucken geht durch seinen Körper. Die Augen verdrehen sich und
werden starr. Er bäumt sich kurz auf, dann stürzt das Gewicht langsam
über den Stuhl zu Boden. Der Schlag hat ihn gerührt.
Der Sohn mit unverändertem Gesicht nimmt diese Stellung wahr. Sein
Arm fällt herunter, dumpf schlägt der Revolver auf. Dann sinkt er
automatisch, als setze sein Bewußtsein aus, in einen Stuhl nahe am
Tisch.)
Dritte Szene.
(Durch die Seitentür rechts tritt das Fräulein. Sie erblickt den
Vater, eilt auf ihn zu und sieht, daß er tot ist. Dann erkennt sie
den Sohn im Stuhl und kommt langsam auf ihn zu.)
Das Fräulein:
Nun bist du wieder hier -- und dir zu Füßen
Vermischt sich Heimat mit dem Wunderland.
Ist keine Stimme nah, dich zu begrüßen:
Sei nun willkommen einer Mutter Hand!
Und deine Stirne, die so heiß gestritten,
Ich will sie trocknen dir in Angst und Not.
Ich frage nicht; ich weiß, du hast gelitten.
Er wird dich nicht mehr hassen. Er ist tot.
Der Sohn:
Kennst du den Knaben noch, der dir entschwindet?
O glaube nicht, ich kehrte dir zurück. --
Wo ist ein Mensch, der das noch überwindet!
Das Fräulein:
Mein armer Freund! Du bist nicht mehr im Glück.
Der Sohn:
Nein, Fräulein, die vergänglichen Gebärden
Entrücken mich des Horizonts nicht mehr.
Ich weiß, daß Taten nur durch Opfer werden:
Mein Herz war übervoll -- jetzt ist es leer.
Doch hab ich es vollbracht, ich bin verschwendet.
Vorbei ist nun die große Leidenschaft.
Viel ist erfüllt -- noch ist mir nichts vollendet;
Die Wolke zog dahin. Es blieb die Kraft.
Und wenn ich über Tote jetzt ins Leben
Noch einmal schreite: dem hier bin ich fern.
Vermag ich nicht im Rausche zu entschweben,
Entschweb ich denn auf einem neuen Stern --
Und was in meinem Geist steht ungeheuer,
Bald seh ich es in letzter Klarheit Schein:
Entzünd ich weiter, immer weiter Feuer,
Dann bin ich mehr als _bin_ -- dann _werd' ich sein_!
(Sie kniet vor ihn hin, wie er vor sie im zweiten Akt.)
Ich seh den Himmel über Ihnen scheinen,
Den ich in meiner ersten Nacht gesehn.
Und könnt ich heut an Ihrem Busen weinen
Sie würden meine Träne nicht verstehn.
Und könnt ich heute noch die Worte sagen:
Geburt und Dasein -- einst in Ihrem Schoß --
Mich würde Ihre Liebe nicht mehr tragen,
Ich bin zu arm. Die Erde ließ mich los.
(Sie erheben sich langsam beide.)
Ins schmerzlich Ungeliebte, in die Schwere
Des tief Erkannten treibt mein Körper hin.
Umfängt mich auch die grenzenlose Leere:
Voll Frucht und voller Segen ist mein Sinn.
Denn dem Lebendigen mich zu verbünden,
Hab ich die Macht des Todes nicht gescheut.
Jetzt höchste Kraft in Menschen zu verkünden,
Zur höchsten Freiheit, ist mein Herz erneut!
(Sie reichen sich die Hände und gehen ab nach verschiedenen Seiten.
Der Tote, in der Mitte des Saales, bleibt allein.)
_Ende des fünften Aktes._