der Fürst und ich, in einer unscheinbaren Bar. Mit einigen Libertinen,
die uns die Zwischenräume diskutierter Nächte durch angenehme Spiele
vertrieben, taten wir uns zusammen zu einem Klub und nannten ihn »Zur
Erhaltung der Freude.« Wir haben uns seitdem des öftern gesehen und
einige Orgien gefeiert. Aber ich frage dich: Was ist geschehn? Kein
Dogma wurde verkündet, dagegen schlossen etliche Jünglinge, deren
Wechsel klein ist, und einige unbefriedigte Damen sich uns an. -- Habe
ich unrecht, so unterbrich mich!
Es ist nicht nötig, daß wir mit den Sternen in Konkurrenz treten,
in China Revolution machen oder eine Entdeckung im Nervensystem des
Frosches -- all das können wir nicht. Wir haben den Ehrgeiz, es auch
nicht zu tun. Aber es ist wichtig, daß man jene, die gleich dort im
Saale sitzen, für etwas begeistert. Man muß ihnen klarmachen, daß im
Verlaufe dieser zwölf Monate keiner von uns gestorben ist. Und das ist
viel! Bedenke, was das Leben heißt.
von Tuchmeyer:
Ist das ein Widerspruch zu diesem Jahr?
Cherubim:
Es ist ein Widerspruch. Hör mich zu Ende. Zwar haben wir in zwölf
Monaten gelebt -- aber wir wußten nicht wozu. Das Leben allein genügt
nicht. Auf _die_ Frage will ich heute Antwort geben: _Wir leben für
uns!_ Und ich werde diesen Passus meiner Rede zu ungeheurem Pathos
steigern: wir wollen dem Tode, der uns verschont hat, ein Opfer bringen!
von Tuchmeyer:
Nicht aus Angst vor dem Publikum, sondern aus Neugierde: worin soll das
Opfer bestehn?
Cherubim:
Darin, daß wir den Gott der Schwachen und Verlassenen von seinem Throne
stürzen. An seine Stelle heben wir die Posaune der Freundschaft:
unser Herz. Denn wir Vielfachen, wir Gestalten von heute, leben dem
unermeßlich Neuen. Wir sind berufen für einander -- so laßt uns die
kleinen Gesetze der Schöpfungen korrigieren, Kampf, Entbehrung und
die Grenze der unvollkommenen Natur -- laßt uns den Mut haben zur
Brutalisierung unsres Ichs in der Welt!
Zweite Szene.
(Der Vorhang zerteilt sich. _Fürst Scheitel_, in Frack und Mantel,
tritt ein.)
Der Fürst:
Guten Abend, meine Herren! Lassen Sie sich nicht stören.
(Er legt ab.)
Cherubim
(ihm entgegen):
Fürst Scheitel -- Sie sind es! Sie kommen wie gerufen. Ich mache einen
Staatsstreich heute Nacht!
von Tuchmeyer:
Fürst -- wir bewundern Ihre Treue. Sie bringen uns das größte Opfer:
das gefährlichste für Sie. Wie gelang es Ihnen, dem hohen Souverän,
Ihrem Vater, diesen Abend zu entkommen? Wir haben Sie nicht mehr
erwartet.
Fürst Scheitel:
Meine Herren! Wozu haben wir den Kintopp? Man lernt auch hier. Ich sah
neulich ein Intrigantenstück, die verkappte Geschichte meines Vetters,
des Herzogs. Sie wissen, er hatte eine Liaison mit seiner Soubrette,
und man hat das für eine Pariser Firma bearbeitet. Ich machte es
genau wie er: mischte meinem Adjutanten ein Schlafmittel ins Glas und
entwischte hinter einer Gardine. Bemerken Sie, daß Adjutanten immer
trinken müssen! Nun, ich fühle mich ganz im Zauber des schlechten
Romans; schade, daß kein Weib hier ist. -- Doch Sie sprachen von etwas
anderm. Bitte fahren Sie fort.
Cherubim
(mit Herzlichkeit):
Lieber Fürst! Augenblicklich sind wir beschäftigt, unser aller
Verdienste hier auf der Börse zu notieren. Da durften Sie nicht fehlen.
Ich gestehe, daß ich manchmal bei Ihnen ein leises Mißtrauen hatte,
vor Ihrer allzu soignierten Gestalt. Jetzt erkenne ich, wie recht Sie
haben. Ihre stille Anmut stürzte uns oft in die Eleganz der Sphären.
Von Ihnen empfingen wir den Ruhm des Monokels im Auge und die Krone
des stummen Saluts, wenn Sie einst als regierender Fürst, unerkannt, im
Trommelwirbel an uns vorüberfahren. Wirklich: Ihre Freundschaft ist die
höchste, weil sie die schwerste war.
Der Fürst:
Aber meine Herren -- Sie beschämen mich! Sie sind viel mehr und haben
mehr Chancen als ich in meiner Stellung. Leider ist der Luxus auf
unsern Thronen noch nicht bis zum Geiste gelangt, sonst wäre ich der
erste für eine Republik. Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich mich
auf diese Nacht freue -- und weil ich in Ihrem Klub bin. »Klub zur
Erhaltung der Freude«! Meine Herren, ich finde noch immer, daß dieser
Klub gut ist. Im übrigen will ich an einem so wichtigen Feste, wenn
auch hinter den Kulissen, nicht fehlen.
von Tuchmeyer:
Wie kamen Sie her?
Der Fürst:
Standesgemäß, doch zu Fuß. Als ich die Treppe hinaufstieg, fuhren
gerade Automobile vor, und in der Garderobe legt man bereits ab. Zu
nett ist dieses Volk -- wir werden ein großes Publikum haben! Von
Tuchmeyer, Sie müssen mir hinter dem Vorhang Gesellschaft leisten, und
wir wollen den Erfolg sehn. Ich möchte die Nationalhymne singen: Gott
erhalte meinen Vater am Leben, daß ich noch lange Ihr Freund sein kann.
Wenn er tot ist, muß ich mich auf den Thron setzen, schon der Presse
wegen. Ich kann es nicht ändern. Und ich werde mich prinzipiell an
keinem Umsturz beteiligen, denn ich habe aufs Gehirn meiner Nachkommen
Rücksicht zu nehmen. Außerdem finde ich es albern -- für einen
Fürsten. Sie, meine Herren, dürfen allzeit die Welt verändern. Ich muß
sie, aus größerer Klugheit, beim Alten lassen.
Cherubim:
Und von diesem Rechte, Fürst, machen wir Gebrauch! Wenn schon mit dem
Gedanken vertraut unsrer minderen Wichtigkeit auf der Erde, wollen wir
uns wenigstens zu höchster Steigerung bringen. Ich habe das Mittel
dafür gefunden, und ich werde es anwenden. Vertrauen Sie mir.
(Sie setzen sich, Zigaretten im Mund.)
Cherubim
(mit oratorischer Bewegung):
Ich werde unten im Saale jeden beim Namen nennen. Er nehme sein
Champagnerglas und stelle sich neben mich, und ich werde rufen: Du
lebst -- empfinde, daß du glücklich bist!
Und dann werde ich auf meinem Pult, wie Apollo im Tale Edymion, von
Frauen umringt, die Heiterkeit um mich versammeln. Sie kennen die
Adrienne mit ihrem süßen Gesicht? Denken Sie sich dies Weib in ihren
strahlenden Schultern! Ich will mich über sie beugen und verkünden, daß
alle Menschen zum Glücke geboren sind. Und ich will sehn, ob Sie mir
nicht zujubeln, trotz Angst und Verwirrung; ob unter uns ein Verräter
ist.
Der Fürst:
Bravo! Zwar eine Farce gegen die Statistik, aber immerhin sehr amüsant.
Sie werden neben Ihrem Pulte einen Korb Rosen finden. Ich ließ ihn
hinstellen für Sie. Vielleicht werfen Sie bei dieser Stelle die Rosen
ins Publikum!
Cherubim:
Ja, ich bin für die Wirkung! Sie hören es jetzt: einen Bund zur
Propaganda des Lebens -- deshalb muß ich die Freude predigen,
skrupellos. Genießt den Duft der Rose ohne Dorn! Stellt Tische hin, an
denen gespielt und nicht verloren wird! Zieht Frauen auf, die uns alle
lieben! Es lebe unser herrlich weltliches Gefühl!!
Dritte Szene.
(_Der Freund_ tritt plötzlich durch die Türe ein.)
Der Freund:
Du lügst, Cherubim!
(Alle fahren erschrocken herum. Er reißt die Maske ab und steht vor
ihnen, im Frack.)
Cherubim:
Hallo! -- Du bist's.
Der Freund:
Ja. Ich bekenne mich schuldig: ich habe vor der Türe gelauscht. Es
braucht also der Wiederholung nicht. Ich habe alles gehört. Und ich
erkläre dir den Kampf!
Cherubim:
Was soll das heißen?
Der Freund:
Das heißt: in zehn Minuten ist der Saal drüben voll. Du wirst heute
Nacht _keine_ Rede halten.
Cherubim:
Bist du des Teufels! Ich _muß_ reden. Woher dieser Ton?
Der Freund:
Das wirst du erfahren. Ich kann dich zwar am Reden nicht hindern; doch
ich rede nach dir.
Cherubim
(erblaßt):
Was wirst du reden?
Der Freund:
Die Wahrheit, mein Lieber. Du hast dir viel Mühe gegeben, man muß es
sagen. Nur fürchte ich, diesmal versagen deine Tricks.
Cherubim:
Meine Tricks ..!
Der Freund:
Und die Rosen, mein Freund. Hüte dich, daß sie sich nicht in faule Eier
verwandeln und auf _deinem_ Haupte enden.
(Sie umdrängen ihn alle.)
Cherubim:
Jetzt sprich: was hat dich in vierundzwanzig Stunden so verändert?
Der Freund:
Ihr seid, scheint's, alle sehr gespannt. Das führt zu weit. Die Stunde
heischt Kürze. Cherubim! Diesen schönen Namen hast du dir beigelegt.
Sonst hab ich nie mich besonnen, das Wort mit vollem Klange zu sagen.
Nun bin ich voll Ekel. Ich kann dir nicht mehr in die Augen sehn. Wie
hast du gewagt, dich mit dem Namen des Engels zu nennen -- du Spiel
und Laune von einigen Nächten! Und wirklich: du willst weiter diesen
Betörten Taumel und Trunkenheit predigen? Empört sich nicht etwas in
dir gegen die Lüge? Betrogene Bewunderung, die wir deinem Lockenhaar
zollten! Du Verkünder Gottes auf Erden -- wie schal ist dein Reich.
Cherubim
(springt mit allen Zeichen des Entsetzens zurück):
Ein Aussätziger ist unter uns!
Der Freund
(mit tiefem Ernst):
Nein! Einer, der den Stachel erkannt hat. Was genießt ihr denn? Was
habt ihr vollbracht? Habt ihr im Überfluß etwas Gutes oder Böses getan,
das euch die Augen öffnet? Hattet ihr Tränen, wenn am Morgen nach
vergeudeter Nacht ein Unglück in eurer Zeitung stand? Habt ihr einen,
der euer Feind war, umgebracht? Und selbst wenn ihr die Ohnmacht alles
Irdischen fühltet -- war euch damit geholfen?
Was soll diese Geste, dies tönende Barock? Mir ist übel. Ihr wollt in
Heiterkeit entfliegen und seid tiefer im Dreck. Das nennt ihr ein neues
Programm?
von Tuchmeyer:
Man höre nicht auf ihn. Er ist verrückt.
Der Freund:
Herr von Tuchmeyer! Es ist wahr: Sie haben Ihr Erbe dem Gedanken der
Freude geopfert -- aber wie, wenn dieser Gedanke ein Trugschluß war?
Wer beweist Ihnen die Richtigkeit einer Tat? Ihr Geld und Ihre Seele
stecken in diesem Klub -- was würden Sie sagen, wenn das, wofür Sie
leben, nur ein lächerlicher Fall ist? Ja, ihr kindlichen Gemüter:
_der_ Beweis fällt nicht schwer, angesichts solcher Helden. Wenn man
zu Ende ist mit einer Weisheit, fängt meistens das Gegenteil an. Mit
einem Wort, Verehrte, wozu leben Sie noch? Ihr Ziel ist doch erreicht!
Man verschwinde also. (Keiner antwortet ihm.) Euer Schweigen redet
lauter! Weshalb kamen euch sonst diese Fragen nicht? Worüber habt
ihr eigentlich nachgedacht? Verteidigt euch! Ist ein Fehler in meiner
Rechnung? Nun, ihr Monumente aus dem Nichts, begebt euch doch in euer
Kartenhaus!
Cherubim:
Ich will nur das eine gegen dich sagen, bester Freund: wie schmerzlich
wäre es doch, wenn selbst du uns heute abend entrückt wärest -- in die
Gefilde jenseits dieser lachenden Erde.
Der Freund:
Sagt das etwas gegen mich? _Muß_ man denn leben? Und rechtfertigt es
euern Mummenschanz? Ich bin hier, um zu verhindern, daß andre, denen es
schlecht geht, eure Fröhlichkeit teilen. Die Freude zu besitzen, tötet.
Ich rotte diesen Bazillus aus! Freut euch deshalb nicht über mich. Es
ist noch zu früh.
von Tuchmeyer:
Welcher Irrsinn, gegen die Welt zu reden, weil Sie _leben_! Eine
Falle Ihres Geistes, den wir bewundert haben. Sie sind erbärmlich
gestrauchelt. Ein Büßer mutet immer komisch an. Gehn Sie ins
Kloster; oder liegt Ihnen die Rolle des Clowns besser, treten Sie im
amerikanischen Zirkus auf.
Der Freund:
Lieber Herr, ich bin ein Jahr lang mit Ihnen vergänglich geworden --
deshalb tu ich das Eine nicht und auch nicht das Andre. Doch hab ich,
begreiflicherweise, den Wunsch, mich von Ihnen zu befreien -- das
würden Sie an meiner Stelle auch tun. Also lassen Sie mich doch reden!
Cherubim:
Kurz und gut: was willst du?
Der Freund:
Jene dort überzeugen, daß es keinen Zweck hat.
Cherubim
(auf ihn zustürzend):
Das tust du _nicht_!
Der Freund:
Zurück! Ist das dein Gesicht? Aus dieser Larve entpuppst du dich mir:
Ich meine, dein Wille ist so fest! Weshalb wagst du denn nicht den
Kampf? Laß uns doch beide reden, einer nach dem andern -- oder fielst
du schon heimlich um? So hab doch den Mut, es zu bekennen, und geh
lautlos ab. Weshalb der Lärm?
Cherubim:
Verräter! Hinaus!
(Er und von Tuchmeyer drängen ihn gegen die Türe.)
Der Fürst
(fällt ihnen in den Arm):
Meine Herren, halt! Lassen Sie mich auch ein Wort sagen. Sind wir denn
hier im Parlament? Soll doch jeder tun, was er will. Ich habe durchaus
nichts gegen Rebellen und Antimonarchie. Und ich sage es offen: ich
stelle mich auf seiten des Rebellen -- ich finde, er hat recht! Er
fragt: weshalb. Seine Fragestellung imponiert mir. Können _Sie_ ihm
denn Antwort geben? Wenn er es kann -- weshalb soll er es nicht?
Cherubim
(trocknet sich die Stirn):
Mein Gott, ja! Aber doch nicht heute -- dies paradoxe Gewäsch -- wo
alles auf dem Spiel steht.
Der Fürst:
So lassen Sie es doch -- das Spiel. Es siegt, wer stärker ist. Ich
glaube an keinen von beiden. Aber wer will, soll ruhig auf der Kippe
stehen. Sie _wollen_ ja etwas -- also streiten Sie! Ich kann mir nicht
helfen: da hat er recht. Ich finde es zwar belanglos, sich aufzuregen
über Aktionen jeglicher Art, aber wenn es geschieht, soll es ehrlich
geschehn. Sie machen mir, Cherubim, nicht mehr den Eindruck eines so
sichern Menschen.
Cherubim:
Fürst! Ich habe doch nicht umsonst gearbeitet! Ich kann nicht kämpfen,
denn ich bin auf alle Register der Begeisterung eingestellt. Wenn jetzt
etwas schief geht, stürzt alles ...
Der Fürst:
Lassen Sie's stürzen! Eins stürzt nach dem andern. Sie brauchen mit
Ihrer geistigen Apanage nicht hauszuhalten: seien Sie froh. Mit Ihnen
ist doch nichts verloren -- oder haben Sie im Ernste an sich geglaubt?
Sie haben noch eben von Ihrer kleinen Wichtigkeit gesprochen. Dann
haben Sie gelogen! Sie haben sich dem ewig Neuen unterworfen -- tun
Sie's jetzt!
Cherubim
(in Verzweiflung):
Nein, ich tu es nicht! Und ich will es auch nicht! Ich kann nicht.
Der Freund
(tritt auf ihn zu):
Cherubim! Zum letztenmal diesen lästernden Namen und dann ins
namenlose Zelt. Etwas Größeres, was du nicht bist, kam hier herein --
dem füge dich. Du hast deinen Teil gehabt am Rosa-Gestirn: laß ab,
einen falschen Glanz auf die Urne zu heften. Du hast dein ganzes Herz
verschwendet, deshalb haben wir dich geliebt. Wenn du auch irrtest,
was tut es: du hast gelebt. Zum Höchsten bist du nicht gelangt.
Trotzdem (er reicht ihm die Hand) hab Dank!
Cherubim
(stößt ihn fort):
Ich will Euern Dank nicht. Ich lebe noch! Ich nehme den Kampf auf. (Er
richtet sich empor.) Wo sind meine Freunde? Wollen sehn, ob sie mich
alle verlassen ...
(Er blickt um sich.)
von Tuchmeyer
(tritt zu ihm):
Ich bleibe bei dir!
Der Freund:
Gut. Du willst, ich soll dir vor allen die Maske vom Gesicht zerren.
Ich werde dich nicht schonen. Kampf bis aufs Messer. Fällst du, wirst
du mit Füßen getreten -- und du fällst! (Die Musiker im Saal stimmen
ihre Instrumente. Lichtschein und stärkeres Geräusch von vielen, schon
Versammelten setzt ein.) Hörst du die Töne? Wirklich -- bist du ohne
Angst? Gib acht, ich rede gegen alles -- und gegen dich. Deine Weiber
und deine Locken nützen dir nichts. Ich _weiß_ ja, wozu die Rosen und
der Sekt dient! Bei _meiner_ Rede wird nicht gespielt. Ich werde die
Nichtigkeit deiner Argumente nachweisen -- ich kenne dich auswendig!
Ich lasse die Haubitzen des Zweifels auffahren: sieh zu, daß nicht all
deine Freuden wie Luftblasen zerplatzen vor diesem Salut. Mein Sohn,
es kommt die Stunde des Gerichts; auch ich bin gewappnet mit Feuer.
(Brausende Versammlung im Saal.) Hörst du! Hörst du! Schon wirst du
blaß. Nicht ein Erdbeben -- ein kleines Wort wird dein Himmelreich
vernichten. Ich hole die Gespenster aus allen Ecken hervor und lasse
sie Walzer tanzen. Ich mache einen Totenkopf aus deinem Gesicht. Wie
ein Revisor die Unterschlagung: ich deck dich auf! Man wird dich aus
dem Saale steinigen, mein Freund!
Cherubim
(zitternd, ergreift eine Sektflasche und trinkt).
Der Freund:
Du trinkst noch? Mut! Du könntest stottern. Du willst keine Schonung --
nun denn: ich bin verrucht genug, die Justiz zu rufen. Ich lasse dich
wegen Aufreizung zur Unzucht verhaften. Da kannst du eine Zeitlang über
deinen Blödsinn nachdenken. Weshalb sollst du nicht die Konsequenzen
deiner Lehre tragen? Bessere als du sind am Kreuze gestorben.
Der Fürst:
Um Gottes willen, man rede nicht so vor meinem Staat! Ich bitte Sie,
es ist doch kein Spaß. Wenn wirklich die Polizei kommt: ich kann Ihnen
nicht helfen, ich bin noch nicht mündig. Wie denken Sie sich das?
Der Freund:
In dem Falle verschwinden Sie durch den Notausgang.
von Tuchmeyer
(mit kalter Ruhe):
Solange ich hier bin, wird nichts geschehn.
Der Freund:
Herr von Tuchmeyer, ich weiß, Sie haben Geld. Andre haben das
auch; deshalb sind Sie nicht schlechter -- aber hüten Sie sich vor
Dummheiten. Übrigens wird es _Ihnen_ immer gut gehen: Machen Sie doch
nicht andre zu Genossen Ihres subalternen Gefühls. Sie können ruhig
Ihr Geld verschwenden, einst wird es wieder auf Ihren Schultern rollen.
Aber was soll uns diese Welt mit Operetten und Monte Carlo? Sind wir
nicht an jedem Brunnen älter, und ein anderes Dunkel umhüllt uns! Leben
wir denn, um immerfort in Kasernen dies Wort herzhaft zu bewegen?
Verdammt mit solchen Scherzen! Ich hasse alle Menschen, die sterbend
noch das Grün im Spiegel der Bäume sehn. Aufhängen soll man jeden, der
nicht Unlust und Verzweiflung und das penetrante Risiko verspürt hat,
sich von diesem Miststern geräuschlos zu entfernen. Begreife man, daß
wir uns durch Gefahr der Ewigkeit nähern. Was nützt uns der Hahnschrei
des Glücks. Verehrte, lernt euch verachten! Wen Gott straft, der
genießt zuviel.
von Tuchmeyer:
Haben Sie nicht Schwüre der Freundschaft begeistert mit uns getauscht?
Weshalb verlassen Sie uns? Sie sind meineidig. Ich schäme mich Ihrer.
Der Freund:
Lieber Tuchmeyer, gehn Sie ab vom Kreuzzug. Sie dürfen noch in Sekt und
Umarmungen selig sein. Wir können das nicht mehr. Erlauben Sie deshalb,
daß wir darüber nachdenken. Wir bleiben nicht immer zwanzig Jahre, und
Genies dürfen hier keine sein, (er dreht sich zum Fürsten um) außer
Ihnen, Majestät.
Also ich erkläre es zum letztenmal: ich _bin_ wurmstichig und habe den
Mut, es vor aller Öffentlichkeit heute zu bekennen. Mag vor mir oder
nach mir reden, wer will: ich werde das Gegenteil beweisen.
Und wenn Sie mir nicht glauben, so kommen Sie her: mein Herz klopft
gar nicht -- ich habe nicht mehr als 80 Pulsschläge in der Minute.
(Er stellt sich und öffnet leicht den Rock. Erneutes Brausen im Saal.
Dann Stille. Die Ouvertüre beginnt.)
Der Freund:
Ich hör schon die Ouvertüre. Ein gutes Arrangement! (Zu Cherubim.)
Präparier' deine Handgelenke. Es geht los.
Cherubim
(schwer atmend überm Tisch):
Schließen wir einen Kompromiß. Ich rede nicht. Sprich _du_ aber auch
nicht!
Der Freund:
Nichts. Kein Kompromiß. Einer _wird_ reden.
Cherubim:
Also du willst den Skandal ...
Der Freund:
Ich laß dir einen Ausweg: es redet ein Dritter!
Cherubim:
Wer ist dieser Dritte?
Der Freund:
Fügst du dich! Entscheide!
Cherubim:
Mein schönes, strahlendes Werk ...
von Tuchmeyer:
Tu's nicht! Ich steh dir bei!
Cherubim
(durch diese Stimme geweckt, richtet den Blick starr auf ihn):
Ich gebe nach. Ich rette dein Geld!
Der Freund:
Jetzt hab ich dich, Freundchen! Du sicherst dir das Kapital. Glückauf!
Wir brauchen es nicht. Diesen Schlußeffekt hast du dir nicht erspart.
Du Streiter in Gottes Hand! Nun Ischarioth und Co., tut euch von neuem
auf: Gott gebe euch Treue und tröste eure Witwe.
von Tuchmeyer:
Halt -- ich bin noch hier! Wer ist nun der Verräter an uns allen? Du,
Cherubim, hast feige deine Größe verlassen. Und Sie -- wer sind Sie auf
einmal? Nun sind mir die Fäden zerrissen -- auch ich schwanke -- wem
glaub ich denn noch? War mein Geld umsonst und, was schlimmer ist: mein
Glaube? Rächt sich schon mein seliger Papa? Macht man so Bankerott ...?
(Die Ouvertüre ist zu Ende. Es wird laut geklatscht. Das Brausen im
Saale schwillt an.)
Die erste Nummer ist vorbei. Jetzt schnell! Es muß doch weitergehn. Ich
fange an, mein eigner Regisseur zu werden. Wir können doch nicht mitten
im Programm aufhören ... nach der ersten Nummer!
(Verzweifelt zum Fürsten):
Fürst! Sagen Sie etwas. Jetzt kommt doch die Hauptsache. Wenn nichts
passiert, die Leute töten uns ja ... Auch Sie schweigen! Hier ist kein
Notausgang ... Gibt keiner ein Zeichen???
Der Freund
(hebt den Arm):
Schweigt alle jetzt -- kein Wort! Kein Wort mehr, hört ihr? Ich geb
euch das Zeichen!
(Er eilt zur Tür, reißt sie auf, ruft):
Komm nun!
Vierte Szene.
(_Der Sohn_ mit der schwarzen Maske, im Frack, tritt ein.)
Der Freund
(führt ihn, der nicht sieht, hypnotisch, ohne ihn zu berühren, mit
den Fingern näher):
Atme! Hier sind Menschen. Die Fahrt ist vorbei! Nicht mehr die
angstvolle Enge der ~III.~ Klasse im Zug. Keiner verfolgt dich. Hier
wirst du leben!
(Er lüftet einen Augenblick seine Maske und sieht in sein visionäres
Gesicht):
Hebe dein Antlitz! Die Erde geht auf -- es sind keine Wärter, die dich
prügeln!
(Er führt ihn vor den Vorhang, dicht an den Saal):
Hörst du die -- dort? Sie erwarten dich. Rede zu ihnen! Beschwöre die
Qual deiner Kinderzeit! Sage, was du gelitten hast! Ruf sie zu Hilfe --
ruf sie zum Kampf --
(Leise Musik im Saal, wie am Ende des zweiten Aktes, aus der ~IX.~
Symphonie.)
Der Freund:
Was siehst du?
Der Sohn
(unter der Suggestion fern und entrückt):
Dieser Glanz, dieser Glanz! Auge, du scheinst. Hier ist es schön. Hier
grüßt mich der Stern.
Der Freund:
Wen siehst du?
Der Sohn
(mit tastenden Armen):
Als Kind oft durfte ich, wenn ein Fest bei uns war, zum Dessert vor den
Damen erscheinen. Wie steh ich nun wieder in Früchten und Eis unter dem
strahlenden Leuchter. Ihr Damen und Herren -- ich kenne euch ja -- ein
linkischer Knabe begrüßt euch --
(Er verneigt sich langsam im Kreis.)
Ich hab Ihre Spuren in Nächten gesehn! O, daß ich bei ihnen sein darf!
Aus dem lichtlosen Äther komme ich her; der Ärmsten einer, und doch bin
ich hier. Daß mir das Wunder zuteil ward!
Der Freund
(reißt den Vorhang auf und stößt ihn aufs Podium in den Saal):
Nun sprich zu ihnen! Ein Toter nicht mehr -- du bist frei!
Fünfte Szene.
(Das Brausen im Saal, die Musik verstummt. Man sieht kurz den
erleuchteten Raum voller Menschen. Ein langer Ton der Erwartung,
Überraschung, des Staunens setzt ein. Dann wird es still.)
Der Freund
(gedämpft):
Stellen Sie sich an den Vorhang, von Tuchmeyer, und hören Sie zu!
(Er eilt nach vorn, als dirigiere er hinter dem Vorhang unsichtbar
einen Chor.)
Nehmen wir alle teil an diesem Akt -- jetzt gilt es --
(Man hört im Saal die Stimme des Redenden, doch ohne die Worte zu
verstehn. Alle sind in höchster Erregung im Zimmer verteilt.)
Der Freund:
Dort steht ein Mensch, der in zwanzig Jahren mehr Leid erfahren hat,
als wir Freude in einem Jahr. Deshalb hat Gott ihn gesandt ...
(Unruhe im Saal.)
Was ist?
von Tuchmeyer:
Er reißt die Maske ab. Seine Augen sehen noch nicht. Er redet von
seiner Kindheit. Viele können ihn nicht verstehn ... da, jetzt spricht
er lauter. Einige stehen auf und kommen näher ...
Der Freund
(die Hände ballend):
Bewegt er die Hände?
von Tuchmeyer:
Nein. Doch -- jetzt --
Der Freund
(öffnet die Arme):
-- streckt er sie aus: so?
von Tuchmeyer:
Er ist irre! Er sagt --: er nimmt die Marter unser aller Kinderzeit auf
sich!
Der Freund:
Ah -- er redet wahr! Weiter, was tut er?
von Tuchmeyer:
Jetzt ist er vom Podium gesprungen. Er steht mitten unter den Leuten.
Er sagt --: daß wir alle gelitten haben unter unsern Vätern -- in
Kellern und in Speichern -- vom Selbstmord und von der Verzweiflung --
Der Freund
(beugt sich, mit allen Muskeln gespannt, vorwärts):
Die Geister stehn ihm bei!
(Er bewegt die Glieder und die Züge seines Gesichts mit magischer
Gewalt):
Hörst du! Sag es!
(Ein furchtbarer Wille ist in ihm, den Redenden unter seine Gedanken
zu zwingen.)
von Tuchmeyer:
Es gibt ein Unglück!!! Er sagt: die Väter, die uns peinigen, sollen
_vor Gericht_! Das Publikum rast -- --
(Ungeheurer Tumult im Saal.)
Cherubim und der Fürst
(rechts und links am Vorhang):
Alles in Aufruhr. -- Sie dringen auf ihn ein. -- Die Stühle sind los --
die Tische --
Cherubim
(hysterisch schreiend):
Bravo. Ein herrlicher Fall!
Der Freund
(ganz vorn):
Ruhe! (Er holt einen Revolver aus der Tasche.) Ich töte ihn, wenn er
verliert!
von Tuchmeyer
(am Vorhang):
Da -- jetzt --
Der Freund
(mit dem Rücken zum Saal, ohne sich umzuwenden):
Was?
von Tuchmeyer:
Er reißt sich die Kleider vom Leibe. Er entblößt die Brust. Er zeigt
die Striemen, die ihm sein Vater schlug -- seine Narben! Jetzt kann man
ihn nicht mehr sehn, so viele sind um ihn. Jetzt -- sie ergreifen seine
Hände -- sie jubeln ihm zu --
Der Freund
(im Triumph):
Jetzt hat er gesiegt! Jetzt hat er's vollbracht! (Er steckt den
Revolver ein und wendet sich um. Im Saale brausender Beifall.
Hochrufen.)
von Tuchmeyer:
Sie heben ihn auf die Schultern! Die Studenten tragen ihn!
Der Freund:
Was sagt er?
von Tuchmeyer: