dein. Du hast es erarbeitet, aber du hast auch gelebt. An dir ist
es nun, zu finden, was nach diesem Leben kommt -- freue dich deines
Geschlechts! Was du hast, gehört mir, ich bin geboren, es einst für
mein Dasein zu besitzen. Und ich bin da!
Der Vater:
So. Und was willst du mit -- meinem Gelde tun?
Der Sohn:
Ich will in die Ungeheuerlichkeit der Erde eintreten. Wer weiß, wann
_ich_ sterben muß. Ich will, ein Gewitter lang, das Erdenkliche meines
Lebens in den Fingern halten -- dieses Glück werde ich nicht mehr
erlangen. Im größten, ja im erhabensten Blitzesschein will ich über die
Grenzen schauen, denn erst, wenn ich die Wirklichkeit ganz erschöpft
habe, werden mir alle Wunder des Geistes begegnen. So will ich atmen.
Ein guter Stern wird mich begleiten. Ich werde an keiner Halbheit zu
Grunde gehn.
Der Vater:
Weit ist es mit dir gekommen! Du läßt mich deine ganze Niedrigkeit
sehn. Danke deinem Schöpfer, daß ich dein Vater bin. Mit welcher Stirne
hast du von mir und meinem Gelde gesprochen! Mit welcher Schamlosigkeit
meinen Tod im Munde geführt. Ich habe mich in dir getäuscht -- du bist
schlecht -- du bist nicht von meiner Art. Aber noch bin ich dein Freund
und nicht dein Feind, deshalb züchtige ich dich für dieses Wort, wie
du es verdient hast. (Er tritt auf ihn zu und schlägt ihn kurz ins
Gesicht.)
Der Sohn
(nach einer langen Weile):
Du hast mir hier im Raum, auf dem noch der Himmel meiner Kindheit
steht, das Grausamste nicht erspart. Du hast mich ins Gesicht
geschlagen vor diesem Tisch und diesen Büchern -- _und ich bin doch
mehr als du_! Stolzer hebe ich mein Gesicht über dein Haus und erröte
nicht vor deiner Schwäche. Du hassest ja nur den in mir, der du nicht
bist. Ich triumphiere! Schlag mich weiter. Klarheit übermannt mich,
keine Träne, kein Zorn. Wie bin ich jetzt anders und größer als du. Wo
ist die Liebe, wo sind die Bande unseres Blutes hin! Selbst Feindschaft
ist nicht mehr da. Ich sehe einen Herrn vor mir, der meinen Körper
verletzt hat. Und doch war einst aus seinem Körper ein Kristall zu
meinem Leben gestimmt. Das ist das unbegreiflich Dunkle. Unter uns trat
Schicksal. Gut. Ich lebe länger als du! (Er taumelt.)
Der Vater:
Du zitterst. Nimm einen Stuhl. Ist dir nicht wohl? -- Willst du etwas
haben?
Der Sohn
(einen Augenblick etwas schwach in seinen Armen):
Ach, ich habe so viel auf dem Herzen.
Der Vater
(in verändertem Ton):
Ich strafte dich, weil ich mußte. Das ist nun vorbei. Komm. Es geht dir
nicht gut.
Der Sohn:
Als ich einmal von der Leiter fiel, und mein Arm war gebrochen, da
hast du für mich gesorgt. Als mein kindliches Gewissen schlug, weil
ich einen Schaffner betrog, hast du ihn beschenkt und mein strömendes
Weinen geheilt. Heute kam ich zu dir in größerer Not, und du hast mich
geschlagen. -- Es ist wohl besser, du lässest mich nun aus deinem Arm.
(Er richtet sich auf.)
Der Vater:
Du kamst nicht in Not, du kamst in Ungehorsam. Deshalb schlug ich dich.
Du kennst mich und weißt, was ich von meinem Sohne verlange.
Der Sohn:
Wie kannst du ein Wort auf der Zunge bewegen und sagen: so ist es!
Siehst du nicht stündlich den Tod in den Baracken und weißt nicht, daß
alles anders ist in der Welt!
Der Vater:
Ich bin ein Mann und habe Erfahrungen, die du nicht hast. Du bist noch
ein Kind.
Der Sohn:
Wenn Gott mich leben läßt, darf ich alles beginnen. Weshalb willst
du mich darum verleugnen! Hast du nicht auch auf der blumigen Erde
gespielt und manches geträumt, was dir nicht erfüllt ist?
Der Vater:
Ich habe meine Pflicht getan, das war mir das Höchste. Und du machst
hier einen Unhold aus mir und bedenkst nicht: ich habe an deiner Wiege
gestanden und du _warst_ geliebt! Glaubst du nicht, daß ich auch
heute noch manch schlaflose Nacht deinetwegen verbringe? Was soll
aus dir werden! Wo sind deine Kinderworte geblieben, deine reine und
unbefangene Brust? Du bist störrisch hingezogen, und verlacht hast
du Rat und Hilfe. Und jetzt soll ich dir helfen, wo du zu mir kommst
übernächtig und schlimm! Jetzt soll ich dir vertrauen?
Der Sohn:
Du bist mir ein Fremder geworden. Ich habe nichts mehr gemein mit dir.
Das Gute, von dem du glaubtest, es sei so leicht, hat mich nicht in
deinen Zimmern erreicht. Du hast mich erzogen in den Grenzen deines
Verstandes. Das sei deine Sache. Jetzt aber gib mich frei!
Der Vater:
Wie sehr hat dich schon die Fäule dieser Zeit zerstört, daß du so
trübe empfindest. Tat ich nicht recht, dich fernzuhalten von allem,
was häßlich und gemein ist! Du bist entzündet von Begierden, die ich
mit Schrecken erkenne. Wer hat dich so im Herzen verdorben? Ich habe
dich als Arzt behütet vor dem Gift unsrer Zeit, denn ich weiß, wie
gefährlich es ist. Dafür wirst du mir später noch dankbar sein. Aber
wie ist das gekommen -- es hat dich doch erreicht! Aus welchem Kanal
brach die Ratte in deine Jugend ein? Mein armer Junge, wie verirrt du
bist! Komm, laß uns das vergessen.
(Er legt die Hand auf seine Schulter.)
Der Sohn
(weicht zurück):
Nein, Papa. Ich liebe meine Zeit und will dein Mitleid nicht. Ich
verlange nur eins noch von dir: Gerechtigkeit! Mach, daß ich nicht
auch darin an dir zweifle. Mein Leben komme nun über _mich_! Es ist
Zeit, Abschied zu nehmen, deshalb stehn wir hier voreinander. Nein, ich
schäme mich nicht der Sehnsucht nach allem, was heute und herrlich ist.
Hinaus an die Meere der Ungeduld, des befreienden Lichts! Verlassen sei
die Öde deines Hauses und die Täglichkeit deiner Person. Ich fühl es,
ich gehe einer glücklichen Erde entgegen. Ich will ihr Prophet sein.
Der Vater:
Sind das deine letzten Worte im Hause, das dich genährt und beschützt
hat viele Jahre? Wer bist du, wenn du die edelste Schranke, Vater und
Mutter, in Unkeuschheit zerbrichst? Weißt du denn, _was_ du verlässest,
und wohin du gehst? Tor! Wer gibt dir morgen zu essen? Wer hilft dir
in Trübsal und Unverstand? Bin ich denn schon tot, daß du so zu mir
sprichst!
Der Sohn:
Ja, Vater, du bist mir gestorben. Dein Name zerrann. Ich kenne dich
nicht mehr; du lebst nur noch im Gebot. Du hast mich verloren in
den Schneefeldern der Brust. Ich wollte dich suchen im Wind, in der
Wolke, ich fiel vor dir auf die Kniee, ich liebte dich. Da hast du
in mein flammendes Antlitz geschlagen -- da bist du in den Abgrund
gestürzt. Ich halte dich nicht. Jetzt wirst du bald mein einziger, mein
fürchterlicher Feind. Ich muß mich rüsten zu diesem Kampf: jetzt haben
wir beide nur den Willen noch zur Macht über unser Blut. Einer wird
siegen!
Der Vater:
Es ist genug. Noch einmal hör auf mich! Ist denn kein Atem des Dankes,
keine Ehrfurcht mehr auf deinen schäumenden Lippen? Weißt du nicht, wer
ich bin!?
Der Sohn:
Das Leben hat mich eingesetzt zum Überwinder über dich! Ich muß es
erfüllen. Ein Himmel, den du nicht kennst, steht mir bei.
Der Vater:
Du lästerst!
Der Sohn
(mit zitternder Stimme):
Ich will lieber Steine essen als noch länger dein Brot.
Der Vater:
Erschrickst du nicht selber vor dem, was du sagst?
Der Sohn:
Ich fürchte dich nicht! Du bist alt. Du wirst mich nicht mehr zertreten
in eifernder Selbstigkeit. Wehe dir, wenn du deinen Fluch rufst in die
Gefilde _dieses_ Glücks -- er fällt auf dich und dein Haus!
Und wenn du mich mit Stockhieben von dir treibst -- hab ich einst
gebebt vor dir in armer und heimatloser Angst -- ich werde dich nicht
mehr sehn, nicht deine Tyrannenhand und nicht dein graumeliertes Haar:
nur die mächtige, die stürzende Helle über mir. Lerne begreifen, daß
ich in eines andern Geistes Höhe entschwebt bin. Und laß uns in Frieden
voneinander gehn.
Der Vater:
Mein Sohn, es ist kein Segen über dir! ... Wie, wenn ich dich jetzt
ziehn ließe in deiner Verblendung? Laß dich warnen vor den süßen
Würmern dieser Melodie. Willst du mich nicht begleiten an die Betten
meines Spitals (höhnisch): da krümmt die Röte deiner Jugend sich
verdorben in Schaum und Geschwulst, und was aus deinem Mund sich
beschwingt in die Lüfte erhob, bricht als Wahnsinn in des Verwesenden
traurige Flur. So zerreißt Gott die Flügel dem, der in Trotz und
Hochmut entrann! Stoß in dieser Stunde meine Hand nicht zurück, wer
weiß, ob ich sie je dir so warm wieder biete.
Der Sohn:
In deiner Hand ist mancher gestorben, dessen Nähe uns umwittert. Aber
was sind all diese Toten gegen mich, der ich in Verzweiflung lebe! Wär
ich vom Krebse zerfressen, hättest du mir jeden Wunsch erfüllt. Denn
ein Kranker, dem niemand helfen kann, darf noch im Rollstuhl an die
Küste der blauen Meere fahren. Ihr Lebenden, wer rettet _euch_! Du
rufst das Grauen aus den Gräbern auf; doch dem schönen Glücke mißtrauen
darf nur, auf wessen Haupt die Drommete des Todes erschallt ist. Aus
zwanzig Jahren, aus zwanzig Särgen steig ich empor, atme den ersten,
goldenen Strahl -- du hast die Sünde gegen das Leben begangen, der du
mich lehrtest, den Wurm zu sehen, wo ich am herrlichsten stand --
Zerstäube denn in den Katakomben, du alte Zeit, du modernde Erde!
Ich folge dir nicht. In mir lebt ein Wesen, dem stärker als Zweifel
Hoffnung geblüht hat.
Wohin nun mit uns? In welcher Richtung werden wir schreiten?
Der Vater
(geht nach links und verschließt die Türe):
In dieser.
Der Sohn:
Was soll das bedeuten?
Der Vater:
Du wirst das Zimmer nicht verlassen. Du bist krank.
Der Sohn:
Papa!
Der Vater:
Nicht umsonst hast du den Arzt in mir gerufen. Dein Fall gehört in
die Krankenjournale, du redest im Fieber. Ich muß dich so lange
einschließen, bis ich dich mit gutem Gewissen meinem Hause zurückgeben
kann. Man wird dir Essen und Trinken bringen. Geh jetzt zu Bett.
Der Sohn:
Und was soll weiter mit mir geschehn?
Der Vater:
Hier gilt noch _mein_ Wille. Du wirst dein Examen machen, auf der
Schule, wo du bist. Ich habe deinen Hauslehrer entlassen. Von jetzt ab
werde ich selber bestimmen. In meinem Testamente setze ich dir einen
Vormund, der in meinem Sinne wacht, wenn ich vorher sterben sollte ...
Der Sohn:
Also Haß bis ins Grab!
Der Vater:
Du beendest dein Studium und nimmst einen Beruf ein. Das gilt für die
Zukunft. Fügst du dich meinem Willen, wirst du es gut haben. Handelst
du aber gegen mich, dann verstoße ich dich, und du bist mein Sohn nicht
mehr. Ich will lieber mein Erbe mit eigner Hand zerstören, als es dem
geben, der meinem Namen Schande macht. Du weißt nun Bescheid.
Und jetzt wollen wir schlafen gehn.
Der Sohn:
Gute Nacht, Papa.
Der Vater
(geht zur Türe; kommt noch einmal zurück):
Gib mir alles Geld, was du bei dir hast!
Der Sohn
(tut es):
Hier.
Der Vater
(von einer Rührung übermannt):
Ich komme morgen nach dir sehen. -- Schlaf wohl!
(Er entfernt sich und schließt die Türe.)
Der Sohn
(bleibt unbeweglich).
Dritte Szene.
Der Sohn
(allein. -- Eine Klingel im Hause ertönt. Er eilt zur Türe. Sie ist
verschlossen. Er rüttelt. Sie gibt nicht nach. Die Klingel ertönt
wieder. Stimmen werden laut, den Besucher abzuweisen. -- Er taumelt
in einen Sessel; sitzt mitten im Zimmer. Am dunkelnden Fenster
erscheint jetzt groß die Scheibe des gelben Mondes):
Mond ist wie gestern um diesen Ort. Ich lebe zu sehr. Schick' mir
deinen Engel, Gott! Gefangen in bitterster Not -- ich Geknechteter im
steigenden Licht -- (Er sieht aufwärts.) Da bist du mir angesteckt,
Baum voller Kerzen. Lausch ich dir wieder an Zimmers Rand, o Geschenk,
o Geschenk! Weshalb kommst du, mein Auto, nicht? Muß ich Qualen
erdulden der Freude so nah? Die Verzweiflung erstickt mich. Könnt ich
weinen! Könnt ich geboren sein!
(Im Fenster, vom Monde beglänzt, steht das Gesicht des Freundes aus
dem ersten Akt.)
Der Freund:
Verzage nicht!
Der Sohn:
Wer bist du, helles Gesicht?
Der Freund:
Die Türen sind verschlossen. Ein Diener wies mich hinaus. Der Weg ist
etwas ungewöhnlich.
Der Sohn:
Du bist es! Du liebst mich! Gott! Gott!!
Der Freund
(erhebt sich im Fenster zu halber Höhe):
Nah ich zur rechten Stunde?
Der Sohn:
Kann mir denn ein Mensch noch Freund sein, wo ich so verlassen bin?
Der Freund:
Hast du vergessen, daß Beethoven lebt? Weißt nicht mehr, daß wir
gesungen haben im Chor der ~IX.~ Symphonie? Wolltest du nicht alle
Menschen umfangen? Auf, mein Junge, es tagt! Erfülle dein Herz bis zur
Schale des Mondes --: unter den Klängen der Freude laß uns wandeln, wie
einst, als die Halle des Konzertes erlosch, vereint in der Nacht. Die
Stunde ist da, wo du sie erfahren wirst.
Der Sohn:
Was soll ich tun?
Der Freund:
Fliehe!
Der Sohn:
Ich bin zu arm. Ich habe kein Geld.
Der Freund:
Aber du hast einen Frack dort im Schrank. Den zieh an. Ich will dich
zu einem Feste führen! In dreißig Minuten geht der Zug. Hier nimm die
Maske. Ich erwarte dich am Ausgang des Parks.
(Er gibt ihm eine schwarze Maske.)
Der Sohn:
Es geht um Leben und Tod. Wenn ich entdeckt werde -- ich bin verloren
-- mein Vater erschlägt mich! Ist ein Auto da?
Der Freund:
Viele Freunde, die du nicht kennst, sind heute Nacht bereit, dir zu
helfen. Sie stehn mit Revolvern hinter den Bäumen im Park.
Der Sohn:
Und wohin in der Nacht?
Der Freund:
Zum Leben.
Der Sohn:
Wie komm ich hinaus?
Der Freund:
Steig leise durchs Fenster. Wir nehmen dich in die Mitte. Fürchte
nichts.
(Er verschwindet.)
Vierte Szene.
(Der Sohn eilt zum Schrank und wühlt unter Anzügen einen Frack
heraus. Er reißt sich den Rock vom Leibe und beginnt, ihn anzulegen.
In der Weite des Fensters entzünden sich Lichter der Stadt. Wie
Walzermusik aus Lokalen ertönt jetzt fern, schwach im Wind das Finale
der ~IX.~ Symphonie):
~Allegro assai vivace.
Alla marcia.~
Tenorsolo und Männerchor.
»Froh wie seine Sonnen fliegen
Durch des Himmels prächt'gen Plan,
Laufet, Brüder, eure Bahn,
Freudig, wie ein Held zum Siegen.«
Fünfte Szene.
(Ein Schlüssel wird im Schloß gedreht. Die Tür geht auf. Das Fräulein
steht auf der Schwelle, in der Hand eine Kerze und ein Tablett.)
Das Fräulein:
Ich bringe das Essen!
Der Sohn:
Ach Fräulein -- Sie sind es! Ich hatte Sie ganz vergessen.
Das Fräulein:
Ihr Vater ist schlafen.
Der Sohn:
Um so besser für ihn.
Das Fräulein
(kommt näher):
Was ist geschehn?
Der Sohn:
Sie sehn mich im schwarzen Rock, damit ich würdig aus diesem Hause
trete. Schon brennen mir drüben die Lampions! Sehn Sie die Lichter
am Horizont? Hören Sie Musik, Walzer und Klarinette? Der Duft von
jubelnden Häusern umschwebt mich. Alle Züge werden mich heute fahren in
die ungeheure singende Nacht.
Das Fräulein:
Hat er Sie geschlagen?
Der Sohn:
Wie können Sie noch von ihm reden, der kleingläubig in seinem Bette
zerfällt. Sehen Sie in sein Gesicht morgen -- da wird es blaß sein vor
ohnmächtiger Angst und Wut. Dieser Held im Familienkreise -- ein Blitz
aus dem Äther hat ihn gerührt. Seine Macht war groß vor Knaben und
Kellnern -- nun ist sie gebrochen. Die Krankenkasse betet ihn an; ich
lache ihn aus. Er fahre hin!
Das Fräulein:
Vielleicht ist noch Licht in seinem Zimmer. Er kann Sie im Garten sehn.
Der Sohn:
Seine Peitsche erreicht mich nicht mehr. Unten wartet meine Schar. Es
sind Kerle mit Waffen darunter. Vielleicht fühlen sie alle wie ich,
dann will ich sie rufen zur Befreiung des Jungen und Edeln in der Welt.
Tod den Vätern, die uns verachten!
(Wieder erscheint, sekundenlang, das Gesicht des Freundes am Fenster
und verschwindet.)
Das Fräulein:
Wollen Sie nicht etwas essen? Der Weg ist lang.
Der Sohn:
Nein, Fräulein, hier im Hause rühre ich keinen Bissen mehr an. Bald
werde ich fern im Schoße geliebter Frauen Nektar und Ambrosia genießen.
Das Fräulein
(mit zitternder Stimme):
O dunkle und gefährliche Nacht!
Der Sohn:
Ängstigen Sie sich nicht! Ich gehe meinem Stern entgegen; ich folge dem
Gebot. Weil in meinen Adern Blut des Geschändeten aus der Knechtschaft
brennt, deshalb werde ich in Kraft aufstehn zum Kampf gegen alle Kerker
der Erde. Wie ein Verbrecher im Finstern, ohne Habe, steig ich durchs
Gitter. Mein Haus! Dies Feuer allein trage ich von dir, es auszugießen
über Menschen und Stadt. Die Kette fällt. Ich bin frei! Nur ein Schritt
noch im Mantel der Bäume ... Pforte, wie ich dich liebe, und du,
Landstraße, silbern dem erwachenden Blick! Ich verzage nicht mehr. Ich
weiß, für wen ich lebe.
(Er hat das Letzte an seiner Kleidung beendet. So steht er vor ihr.)
Das Fräulein:
Sie haben die Binde vergessen! -- Ich will es tun.
(Sie tritt zu ihm und bindet die Schleife.)
Der Sohn
(beugt sich mit vollendeter Form auf ihre Hand):
Ich danke Ihnen, Fräulein. Leben Sie wohl!
(Er schwingt sich durchs Fenster und entflieht. Man sieht stärker die
Lichter und hört die Musik. Ein Zug rollt.)
Sechste Szene.
Das Fräulein
(allein am Fenster, beugt sich ihm nach. Sie nimmt ein kleines Kissen
und preßt es an sich):
Da eilt er durch den Park mit blauem Flug
Dem Gotte zu, der schon sein Haupt umkränzt.
Ihm lebt der Tag, die Nacht ihm unbegrenzt;
Zwölf weiße Adler folgen seinem Zug!
Ihn führt der Röte Dämmerung nicht zurück,
Solang die Welt in seinem Herzen steigt;
Solang sich eine Frau, ein Stern dir neigt:
Zieh hin, mein süßer Freund, und sei im Glück!
Mich aber trug des Himmels reiche Stund'
Vom kleinen Zimmer fort ins große Meer;
Die Welle, ach die Nacht wird mir zu schwer --
Wo find ich Ruh und Trost mit meinem Mund.
O könnt ich etwas sein und für ihn tun!
Nur dieses kleine Kissen will ich nähn,
Drauf soll er freundlich jeden Abend ruhn
Und soll behütet sein und mich nicht sehn.
Und wenn sein Aug' sich schwingt in goldner Luft,
So will ich nah sein dem geliebten Bild,
Und wachen will ich, ob es einst mich ruft,
In Dunkelheit und Tränen ungestillt.
(Sie beugt sich über das Kissen und beginnt zu nähen, von vielem
Weinen verhüllt.)
_Ende des zweiten Aktes._
Dritter Akt.
Erste Szene.
Wenige Stunden später. Gegen 12 Uhr nachts.
Das Vorzimmer vor einem Saal. In der Mitte ein Vorhang, hinter diesem
Vorhang, unsichtbar, ein Podium und die Perspektive eines dicht mit
Stühlen und Tischen besetzten Saals. Im Vorzimmer stehn nur wenige
Möbel, Klubsessel und ein kleiner Tisch mit Gläsern. An der Wand sind
Haken, um die Kleider aufzuhängen. Rechts und links kleine Türen. Der
Raum erweckt den Eindruck einer geschlossenen Gesellschaft vor einer
Veranstaltung.
_Cherubim_, im Frack, mit dem Konzept einer Rede, im Zimmer wandernd.
_Von Tuchmeyer_ tritt ein, ebenfalls im Frack.
Cherubim:
Ist alles bereit?
von Tuchmeyer
(legt ab):
Alles. Wie wird deine Rede?
Cherubim:
Ich halte sie in der Hand. -- Sind die Lichter an im Saal? Ist ein Glas
Wasser auf meinem Tisch?
von Tuchmeyer
(hebt den Vorhang etwas):
Du kannst dich überzeugen: alles ist besorgt. In zwanzig Minuten,
pünktlich um Mitternacht, werden sich die Bänke füllen. Ich höre,
viele Studenten kommen. Die Stunde ist gut gewählt. Jene, an die wir
uns wenden, werden zahlreich sein. Sie erwarten das Höchste von dir!
Und wer, um die Mitte der Nacht, ist nicht feurig, Offenbarungen zu
empfangen.
Cherubim:
Und wie steht es mit der Polizei?
von Tuchmeyer:
Wir sind unter uns. Ich habe angegeben, wir feiern den Jahrestag
unseres Klubs »Zur Erhaltung der Freude«. Wenn Gäste kommen, so steht
es ihnen frei: Diesen Bescheid erhielt ich. Sei also unbesorgt.
Cherubim:
Ich werde unerhört politisch werden und aufreizend im bürgerlichen
Sinne. Freund, mir ist die Brust voll von neuen Gedanken, die ich zum
ersten Male verkünden werde. Ich zweifle nicht am Erfolg! Wenn je, dann
gründe ich heute mit euch meinen Bund zur Umgestaltung des Lebens.
Ich sage dir, es wird ganz anarchistisch zugehn. Deshalb soll auch
fortgesetzt, während ich rede, die Musik spielen; die Leute sollen Sekt
trinken und wer tanzen will, soll tanzen. -- Sind wir alle versammelt?
von Tuchmeyer
(zieht ein Telegramm aus der Tasche):
Eben telegraphiert mir der Freund: er ist in wenigen Minuten bei uns.
Eine wichtige Sache führt ihn zurück ... Wir werden also noch vor
Beginn des Festes von ihm hören.
Cherubim:
Seit wann hast du diese Nachricht?
von Tuchmeyer:
Seit zwei Stunden etwa. Sie ist aus seiner Heimatstadt. Gestern reiste
er plötzlich ohne Abschied fort ... Vielleicht führt er uns neue
Freunde zu.
Cherubim:
Von Tuchmeyer: unter uns -- hast du nie etwas an ihm bemerkt?
von Tuchmeyer:
Wie meinst du das?
Cherubim:
Ich fürchte seinen unsteten Sinn. Er ist keiner von denen, die um einer
Idee willen alles opfern.
von Tuchmeyer:
Ich habe nie einen Zweifel an ihm bemerkt. Im Gegenteil: er gehört uns
mit Leib und Seele. Wie kommst du darauf?
Cherubim:
Seine plötzliche Abreise beunruhigt mich. Was bewog ihn? Wollte er an
diesem Feste fehlen? Weiß er nicht selber, wie wichtig er ist?
von Tuchmeyer:
Er gehört zu den kritischen Temperamenten, die immer das Gegenteil
von sich erstreben. Er ist sein eigner Widerspruch, aber gerade darin
liegt die Bejahung seiner Natur. Ich schätze in ihm, wie auch du,
etwas Geistiges, das verborgen wirkt. Deshalb auch stelle ich ihn
bedingungslos unter dich, der du den Mut hast zur Exhibition. Du bist
das repräsentative Ideal unsrer Idee; er ist ihr Kontrapunkt. Ihr
bedingt euch gegenseitig, wenn etwas werden soll.
Cherubim:
Seine Abreise beschäftigt mich. Er weiß doch, was auf dem Spiel steht
...
von Tuchmeyer:
Du vergißt seine Hemmungen. Er muß sich auseinandersetzen, ehe er eine
Sache tut. Du lebst der Eingebung; er verachtet sie. Und er liebt die
lauten Feste nicht. Aber er ist uns unentbehrlich -- wie wir das alle
einander geworden sind. Vielleicht ist er der Stärkste; der Größte ist
er jedenfalls nicht.
Cherubim:
Ich habe manchmal vor ihm, wie vor einem Rivalen, gezittert. Ich sag es
offen! Heute abend aber, zum ersten Male, bin ich ihm ganz überlegen.
Er mag kommen oder nicht -- ich fühle keine Angst mehr. Mein Wille ist
fest.
von Tuchmeyer:
Bald wirst du im Saal stehn!
Cherubim:
Laß uns die Zeit bis dahin nützen. Ich meine, ich muß mit dir reden:
denn du, der Sohn des Geheimen Kommerzienrats, hast dein Erbe für
uns verschwendet. Mit dir steigen und fallen wir. Mein lieber von
Tuchmeyer! Der Teufel hole deinen Vater, hätte er etwas erworben, was
auf die Dauer seinem Sohne weniger Nutzen brächte als eine gute Fabrik
oder ein Bergwerk. Deshalb unterrichte ich dich über alle Schwankungen,
denen dein Kapital ausgesetzt ist, und ich glaube, ich bin heute Abend
zu einer befriedigenden Bilanz gelangt.
von Tuchmeyer:
Lieber Cherubim! Solange mein Vater lebte, saß ich jeden Tag in seinem
Bureau als armer Kommis, und der Tod war für mich eine heitre Sache.
Erst, seitdem ich dich kenne, weiß ich, daß man trotz seines Geldes
leben kann: Deshalb ist mein Glaube an dich ungeheuer.
Mein Vater hat mich für seine Rechnung arbeiten lassen und mich ebenso
betrogen, wie jeden Koofmich in Russisch-Polen. Wäre er nicht zur
rechten Zeit gestorben, als ich die hundsföttische Sklaverei erkannte,
ich glaube, ich hätte ihn ... und so weiter. Noch heute denke ich mit
Übelkeit an dies väterliche Instrument mit der doppelten Buchführung,
an diesen jüdischen Jobber, der mir mit seiner Speckigkeit die
schönsten Jahre verdorben hat. Deshalb bitte ich dich -- sprich mir
nicht von Bilanzen: ich werde sonst wahnsinnig!
Cherubim:
Ich fühle mich verantwortlich -- mehr als du glaubst. Ich weiß, du
bist nicht fähig, einen Wechsel zu lösen, und wenn du die Seligkeit
mit einer Unterschrift beglaubigen müßtest, du würdest sie lieber
verschlafen. Du bist herrlich, aber du hast von Werten keine Ahnung.
Ich will nicht, daß du eines Tages arm bist. Dein Vermögen fundiert
unsre Idee. Was wären wir ohne dich? Kleine Schlucker, die nicht einmal
ein Lokal hätten, wo sie diskutierten. Ich habe dich zu einem Edelmut
verlockt, den du eines Tages bereuen könntest. Nein, erröte nicht --
es ist so! Übrigens werde ich ja gleich im Saale ganz anders reden. Es
handelt sich doch hier um dich und um mich -- deshalb unter vier Augen.
von Tuchmeyer:
Auf alles, was du mir sagst, werde ich immer erwidern: ich wäre
tief unglücklich, könnte ich das blöde Geld, das mein Vater
zusammengemistet, nicht irgendeinem gemeinsamen Gedanken unter Menschen
zurückgeben. Es ist doch nur gerecht, wenn in Unfreude Erworbenes,
an dem so viel Unglück klebt, wieder der Freude fruchtbar wird! Ich
brenne förmlich auf ungeahnte Sensationen, daß man sie, allen Idioten
zum Trotz, auf der Erde verwirklicht. Wie herrlich ist dieser Kampf
gegen die Welt! Und wenn es schon die zehn Gebote gibt, eins davon sehe
ich darin, meinen Vater aus der Erinnerung der Lebenden auszulöschen.
Nebenbei bin ich durchaus ein Egoist und habe mein Vergnügen dran.
Cherubim:
Gut; so höre!