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[Illustration]
Der Sohn
_Ein Drama in fünf Akten_
von
Walter Hasenclever
_Kurt Wolff Verlag_ · _Leipzig_
[Illustration]
=Geschrieben 1913=
=Erstmals erschienen im Frühjahr 1914=
=Das Recht der Aufführung ist
durch den Bühnenvertrieb Paul
Cassirer, Berlin, zu erwerben=
=Sechstes bis zehntes Tausend=
Copyright 1917 Kurt Wolff Verlag, Leipzig
Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig
Personen:
Der Vater
Der Sohn
Der Freund
Das Fräulein
Der Hauslehrer
Der Kommissar
Adrienne
Cherubim
Herr von Tuchmeyer
Fürst Scheitel
* * * * *
_Zeit_: Heute.
In einem Verlaufe von drei Tagen.
Erster Akt.
Erste Szene.
Das Zimmer des Sohnes im elterlichen Hause. In der Mittelwand ein
großes Fenster mit Ausblick in den Park, fern die Silhouette der
Stadt: Häuser, ein Fabrikschornstein.
Im Zimmer die mäßige Eleganz eines angesehenen Bürgerhauses. Möbel
in Eichenholz; die Ausstattung eines Studierzimmers: Bücherschränke,
Arbeitstisch, Stühle, Landkarte. Tür rechts und links. Die Stunde vor
der Dämmerung.
_Der Sohn._ _Der Hauslehrer._
Der Sohn:
Ich bin zwanzig Jahre alt und könnte am Theater sein oder in
Johannisburg Viadukte bauen. Weshalb muß es an der Formel für den
abgestumpften Kegel scheitern! Alle Professoren waren mir gewogen,
sogar der Direktor sagte mir vor. Ich hätte die Aufgabe glänzend
gelöst -- wäre ich nicht im letzten Augenblick geflohn. Ich glaube, es
gibt etwas, das zwingt uns zum Schmerz. Ich hätte die Freiheit nicht
ertragen. Vielleicht werde ich niemals ein Held.
Der Hauslehrer:
Sie haben also die Matura nicht bestanden. Wie oft habe ich mit Ihnen
hier an diesem Tische gesessen und mit Ihnen die Formeln gepaukt. Habe
ich Ihnen denn nicht erklärt, daß man den kleinen vom großen Kegel
subtrahiert! Antworten Sie!
Der Sohn:
Ja, Herr Doktor. Sie haben es mir erklärt. Ich verstehe Ihren Schmerz.
Sie sind traurig, weil dieser Kegel in der Welt ist. Glauben Sie mir,
ich bin es nicht mehr! Mir fehlt sogar die vergängliche Pose, die sich
noch unter Tränen verhöhnt. Sie werden sagen, ich sei ein Schwächling
oder ein Schurke. Aber ich sage Ihnen: ich stand im schwarzen Rock
vor der schwarzen Tafel -- und wußte genau, daß ich die Kreide in der
Hand hatte. Ich wußte sogar, daß man den kleinen vom großen Kegel
subtrahiert und trotzdem -- ich habe es nicht getan.
Der Hauslehrer:
Aber weshalb nicht! Ich frage Sie, weshalb?
Der Sohn:
Jemand wurde vor mir in Geschichte geprüft: 1800 so und so viel war die
Schlacht bei Aspern. Und während meine Hand unwirklich die Kreise an
der Tafel beschrieb, sah ich Erzherzoginnen und fliehende Boulevards
... Sie werden begreifen, daß man in dieser Süßigkeit allein schon die
Mathematik vernichtet. Die Auflösung einer einzigen Klammer hätte mich
gerettet. Ich habe es vorgezogen, mich in ihr zu verachten.
Der Hauslehrer:
Wir hätten in den letzten Tagen nicht so viel arbeiten sollen. Ihr
Zustand ist begreiflich. Sie stehen unter einer seelischen Depression.
Der Sohn:
Ich glaube, die Seele der Menschen ist nicht so einfach. Dieser Tag ist
ein Erlebnis. Meine Sehnsucht, frei zu werden, war zu groß. Sie war
stärker als ich, deshalb konnte ich sie nicht erfüllen. Ich habe zu
viel empfunden, um noch Mut zu haben. Ich bin an mir selber verblutet.
Ich werde wohl niemals die Kraft haben, das zu tun, wofür ich da bin.
Jetzt sehen Sie ein, daß ich die Matura nicht bestehen konnte: ich wäre
an irgend etwas zugrunde gegangen.
Der Hauslehrer:
Beruhigen Sie sich. Es ist nicht so schlimm.
Der Sohn:
Ich danke Ihnen. Sie sind gut zu mir. Man wird Sie davonjagen, weil ich
ein Idiot bin.
Der Hauslehrer:
Ich wollte, ich könnte Ihnen helfen.
Der Sohn:
Mein Vater wird dafür sorgen, daß es nicht geschieht.
Der Hauslehrer:
Wie werden Sie es ihm sagen?
Der Sohn:
Bitte telegraphieren Sie ihm, Sie wissen seine Adresse. Es ist mir
unmöglich, das selber zu tun. Ich fürchte seinen Zorn nicht, doch ich
leide an jedem Menschen und an jeder Straße. Ich bin gedemütigt durch
jede Existenz, die meine Sehnsucht nach ihr verringert. Ich finde es
empörend, daß ein Gebäude entsteht, aus dem man vermittels elektrischer
Wellen die Lüfte ruiniert. Wie hasse ich dies Communiqué zwischen
Kaiser und Kommis! Der Teufel hat dafür gesorgt, daß sich jede Braut
und jeder Sterbende noch um die Erde drahtet.
Der Hauslehrer:
Ich möchte Ihnen etwas sagen. -- Seien Sie nicht bekümmert meinetwegen,
wenn Ihr Vater mich nach Ihrem Durchfall entläßt ...
Der Sohn
(schnell):
Sie haben Familie und müssen sorgen. Ich bin schuld wenn Sie unser Haus
verlassen. Das tut mir leid.
Der Hauslehrer:
Das soll Ihnen nicht leid tun! Denken Sie an sich. Wenn ich auch nur
Ihr Hauslehrer bin -- glauben Sie mir -- ich liebe Sie trotzdem!
Der Sohn
(ergreift seine Hände):
Mein alter Freund, ich wußte es, daß Sie mich lieben. Eines Tages,
wenn ich geerbt habe, will ich Sie einladen auf eine Reise nach Paris
oder Hindostan. Dann werden wir in den Louvre gehn und mit arabischen
Mädchen soupieren. Die Erde, die uns trennt, ist nicht so groß! Auch
für Sie leben die Götter Homers und Schillers Lied an die Freude.
Der Hauslehrer:
Was werden Sie jetzt tun?
Der Sohn:
Vielleicht einen Monolog halten. Ich muß mich aussprechen mit mir. Sie
wissen, daß man sonst diese Mode verachtet. Ich habe es niemals als
schimpflich empfunden, vor meinem eignen Pathos zu knien, denn ich
weiß, wie bitterernst meine Freude und mein Schmerz ist. Seit meiner
frühesten Kindheit hab ich gelernt, die Einsamkeit um mich her zu
begeistern, bis sie in Tönen zu mir sprach. Noch heute kann ich in den
Garten gehn und vor etwaigen Bäumen eine Symphonie dirigieren und mein
eigner Tenor sein ... Kennen Sie das Gefühl nicht?
Der Hauslehrer
(bescheiden):
Wir wohnen auf einer Etage.
Der Sohn:
Wenn sie Beifall rufen und man sich verbeugen muß mit einer Nelke im
Knopfloch ...
Der Hauslehrer:
Wer ruft denn?
Der Sohn:
Die Leute, die nicht da sind! Begreifen Sie doch, Mensch: man lebt ja
nur in der Ekstase; die Wirklichkeit würde einen verlegen machen. Wie
schön ist es, immer wieder zu erleben, daß man das Wichtigste auf der
Welt ist!
Der Hauslehrer:
Was soll ich Ihrem Vater telegraphieren?
Der Sohn:
Schonen Sie ihn nicht: er haßt mich! Ich weiß, er wird rasen. Ich bin
feige, sonst würde ich lügen, man habe mich von der Schule gejagt, daß
um eine Stunde seine Wut sich vergrößert. Telegraphieren Sie ihm alles,
was Sie wollen -- nur nicht, daß Sie mich lieben.
Der Hauslehrer:
Ich verstehe Ihren Vater nicht.
Der Sohn:
Wenn Sie selber einmal Vater sind, werden Sie genau so wie er. Der
Vater -- ist das Schicksal für den Sohn. Das Märchen vom Kampf des
Lebens gilt nicht mehr: im Elternhaus beginnt die erste Liebe und der
erste Haß.
Der Hauslehrer:
Aber sind Sie nicht der Sohn?
Der Sohn:
Ja, deshalb bin ich im Recht! Das kann keiner verstehn außer mir.
Später verliert man die Balance mit sich in dieser Zeit. Lieber Doktor:
vielleicht werden wir uns nicht wiedersehn. Hören Sie noch einen
blutenden Rat aus meinem Herzen: wenn Sie jemals einen Sohn haben,
setzen Sie ihn aus oder sterben Sie vor ihm. Denn der Tag kommt, wo Sie
Feinde sind, Sie und Ihr Sohn. Dann gnade Gott dem, der unterliegt.
Der Hauslehrer:
Lieber Freund, wir werden uns allesamt in dieser Welt verirren. Weshalb
wollen Sie so grausam sein! Gehn Sie doch auf die Straße und sehen Sie
ein Tier an, das vor dem Donner erschrickt. Wissen Sie, wie hungrigen
Mädchen zumute ist, und sind Sie einmal einem Krüppel begegnet, der
morgens um 6 Uhr Brot holt? Dann werden Sie dankbar sein, einen Vater
zu haben. Jedem von uns geschieht unrecht, und jeder tut unrecht. Wer
wirft den ersten Stein! Ich war ein armer Hund, und mein Vater hat für
mich gearbeitet. Ich habe gesehn, wie er gestorben ist. Und ich habe
geweint. Wer das erlebt hat, der richtet nicht mehr.
Der Sohn:
Wer hilft _mir_, wenn ich traurig bin? Glauben Sie, _ich_ kann
einschlafen jeden Abend, wenn ich schlafen muß? Glauben Sie, ich wüßte
nicht, wie weh es tut, wenn man am Sonntag nicht aus dem Hause darf, wo
doch jedes Dienstmädchen zum Tanze geht?
Mein Vater wird niemals dulden, daß jemand auf der Welt mein Freund
ist. Ich habe die Süßigkeit eines ärmsten Bewohners noch nie gekostet.
Und weshalb redet er nicht mit mir über Gott? Weshalb spricht er
nicht von Frauen? Weshalb muß ich heimlich Kant lesen, der mich nicht
begeistert? Und weshalb dieser Hohn über alles, was doch weltlich ist
und schön? Glauben Sie, es genügt, wenn er mir manchmal am Abend das
Sternbild des großen Bären zeigt? Er sitzt mit seiner Zigarre unten auf
der Terrasse, wenn längst kein Automobil mehr in die Stadt fährt. Aber
ich stehe oben und kämpfe mit allen Göttern und sterbe vor einer Frau,
die ich noch nicht kenne. Wie oft bin ich des Nachts im Hemd über die
Stiegen gewandelt, sehnsüchtig wie ein Geist, der keine Ruhe findet.
Der Hauslehrer:
Hätten Sie noch eine Mutter, Ihnen wäre wohl.
Der Sohn:
Meine Mutter starb bei meiner Geburt. Ich weiß nichts von ihr. Alle
schlafen in der Nacht, wenn ich unglücklich bin. Meine Mutter ist mir
nie erschienen im Gold eines Himmeltags. Sie hat mich nie getröstet,
wenn das Fieber kam. Ich glaube, sie ist zu jung, um das zu verstehn.
Meine Mutter hat mit achtzehn Jahren geheiratet. Wie fern und kindlich
ist die Zeit, in der ich geboren bin!
Der Hauslehrer:
Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Ich möchte nicht, daß diese
Stunde in den Brunnen fällt, ohne daß ein Tropfen von Güte über Sie
komme. Vielleicht meint Ihr Vater es dennoch gut mit Ihnen! Später
werden Sie erfahren, wie schwer es ist, einen andern zu lieben. Heute
kennen sie keinen als sich. Ich habe viel Übles erduldet in meinem
Leben, aber ich möchte niemandem dafür etwas antun. Und weil ich das
erkannt habe, will ich meiner grauen Haare froh sein.
Lieber Junge, es kommt noch so viel Zeit zum Hassen. Ich fühle, ich bin
arm vor Ihnen, denn ich kann Ihnen nicht helfen. Sie rühren mich so ...
verzeihen Sie ... (er weint) ...
Der Sohn:
Vor einem Jahre hätte ich mit Ihnen geweint aus Angst. Heute muß ich
lachen. Mich ekelt vor diesen Gefühlen. Wollen Sie ein Glas Wasser?
Der Hauslehrer:
Ich danke, es ist vorüber. Ich würde Sie nicht überzeugen, und wenn
ich der Prophet Jesaia wäre. Darüber muß ich viele Tage nachdenken, um
wieder an Gott zu glauben. Weshalb gibt es Feindschaft auf der Welt!
Der Sohn:
Es riecht nach Heilsarmee.
Der Hauslehrer:
Leben Sie wohl. Sie sind jung. Sie sollen wissen, daß Sie leben. Alles
was Sie tun, wird deshalb gut sein: wie könnte es anders geschehn!
Jetzt lachen Sie über mich, weil ich von Liebe spreche. Einmal wird es
auch über Sie kommen und Sie werden weinen. Dann denken Sie an mich! --
Jetzt will ich Ihrem Vater telegraphieren. (Er geht ab.)
Zweite Szene.
Der Sohn
(allein. Er geht zum Fenster und öffnet es. Die Abendsonne scheint):
Dort unten, tief und herrlich ohnegleichen,
Sind Wundernächte, die mich nie erreichen
Im dumpfen Raum, der meine Kindheit sah.
Ihr Bücherschränke und ihr Schülerhefte,
Erhebt euch, süße, zauberische Kräfte
Und du, mein erster Weg nach Golgatha.
Die Sonne sinkt. Riviera meiner Träume,
Im Tenniskleide, wo ich dunkel stand --:
Ich ruf euch her, ihr Wege und ihr Bäume,
Du Sonntagsball in meiner Kinderhand!
O komm, im Schweben eines Nachbarhauses,
Liebliches Mädchen, das ein Gruß entzückt;
Steig auf, Geruch des festlichen Geschmauses,
Hast oft den Einsamen zur Nacht beglückt.
In meinem alten Zimmer will ich knieen --
Mein ganzes Leben stürzt in diesen Saal:
Mein Tisch, mein Stuhl, ihr Wände sollt nicht fliehen --
O Erde, nimm mit mir das Abendmahl!
(Er kniet nieder mit ausgebreiteten Armen.)
Vergebens klopf ich an dem bronzenen Tore
Das mein Gefängnis von den Gärten trennt,
Musikkapellen und den Tanz im Ohre,
Ein armer Körper, der am Staub noch brennt.
Und doch, ich lebte, lebte unermessen,
Auf diesem Boden, den ich nie besessen
Das Leben grenzenloser Sehnsucht hin.
Und hab ich nicht die Kraft, es zu erringen
Will ich mich rückwärts in die Leere schlingen,
Aus der ich mutlos nur gelandet bin.
Hinauf denn, seidne Schnur, mich zu vernichten!
Ich habe nie geliebt und bin allein.
Du letzter Kreis von sterblichen Gesichten --
Beflügle mich zu einem neuen Sein!
(Er hat eine grüne Schnur aus der Tasche gezogen und am Fenster
befestigt.)
Grünes Geschöpf aus fremder Menschen Hände:
Was überwältigt mich dein Anblick so?
Bin ich nicht auch ein Mensch -- ist das das Ende --
O Abendsonne! Herz, ich bin so froh.
Mußt du mich hier an dieser Stelle finden!
Hand läßt nicht los, und Erde will nicht schwinden.
Ein unbekanntes Feuer macht mich beben --
In dieser Stunde kehrt mein Herz sich um:
_Ich bin bei euch --: so will ich mit euch leben!_
Wo ist dein Stachel, Tod -- -- -- -- Elysium -- --
(Er taumelt, von großer Erregung übermannt, rückwärts ins Zimmer.)
Geheimnis, du bist auch in mir entsprungen!
Ich ahne Frauen, die niemand kennt;
Ich fühle Arme, die einst mich umschlungen,
Ein süßes Gesicht meinen Namen nennt.
Ich höre im drohenden Abendwind
Viele, die arm und unglücklich sind;
Ich seh im Sarge ein Kind, das schwebt:
Ich weiß, daß viel Leid und viel Freude lebt.
Vielleicht ist auf dieser Erde weit
Noch ein Trost, eine Brücke zur Seligkeit --
Ich will nicht sterben mit zwanzig Jahren.
Ich muß noch leben. Ich muß das erfahren.
(Er kommt zum Fenster zurück. Die Sonne geht unter.)
Unendliches Gefühl! Du gabst ein Zeichen.
Das Wunder soll mein erster Glaube sein.
Konzert und Stadt -- ich werde euch erreichen!
Mein Auto naht im Dämmerschein.
Ich bin in Logen, ich werde soupieren
Mit Schauspielerin und Champagnerwein;
Bei einer Fürstin in London sein,
Und die Brillantnadel wird mich zieren.
Ich werde ein neues System entdecken,
Mit dem Fallschirm stürzen aus einem Haus.
Mein Schauspiel wird Parterre erschrecken:
Ich werde leben! O Gold! O Applaus!
Zerreiße denn, Schnur, und vergehe statt meiner --
Ihr aber, Gestalten des Abendscheins,
Gebt mich noch einmal, beglückter und reiner,
Zurück an die Freude des ewigen Seins!
(Er zerreißt die Schnur und wirft die Stücken aus dem Fenster.)
Dritte Szene.
(Der Freund tritt ein.)
Der Freund:
Du redest mit dir selber. Wie mutig du bist!
Der Sohn:
Ich sehe dich heute zum erstenmal ...
Der Freund:
Wir haben uns lange nicht gesehn. Ich komme von der Bahn. Das wundert
dich?
Der Sohn:
Daß ich noch hier bin -- das wundert mich noch mehr.
Der Freund:
Ich hörte, du seiest durchgefallen. Wolltest du dich umbringen?
Der Sohn:
Um es einfach zu sagen: ja.
Der Freund:
Weshalb tatest du es nicht?
Der Sohn:
Ich blieb am Leben.
Der Freund:
Du verdankst dein Leben einem Plagiat an Faust. Darfst du noch immer
nicht Goethe lesen? Läßt dein Vater dich wenigstens ins Theater gehn?
Der Sohn:
Nein.
Der Freund:
Daß uns so oft der Tod begegnet! Heute auf der Bahn ist ein Kind
überfahren worden.
Der Sohn:
Ich habe das Kind gesehn. Als ich mich töten wollte, erschien es mir.
Es ist ein Mädchen, klein, mit schwarzen Locken, im weißen Kleid ...
Der Freund:
Es _ist_ ein Mädchen -- woher weißt du das??
Der Sohn:
Ich weiß mehr, als du ahnst. Doch habe keine Angst! Noch rede ich nicht
aus dem Jenseits. Ich hatte eine Offenbarung, hier. Ich glaube, daß
alles auf der Welt in tiefer Gemeinschaft steht. Das wußte ich bis
heute nicht! Ich bin am Leben geblieben, weil ich wieder froh bin.
Wenn Gott mir gnädig ist, werde ich eines Tages auch die Liebe und den
Schmerz erfahren. -- Wie soll ich das erklären! Von der Matura zum
Überirdischen ist ein weiter Weg.
Der Freund:
Ich bin hergelaufen, dich zu sehn. Ich ahnte, du würdest etwas tun.
Der Sohn:
So sind wir uns auf der Strecke des ~D~-Zugs im Abend begegnet.
Der Freund:
Warte einen Augenblick. Laß uns von der Wirklichkeit reden. Mein Herz
klopft so. Gestern habe ich von dir geträumt: wir liebten zusammen eine
Frau. Ich fühlte, daß wir uns nicht kannten. Wir gingen beide fern über
Schneefelder vor einem knabenhaften Horizont. Jetzt, wo ich hier bin,
bist du mir so nah!
Der Sohn:
Du trittst in dieses Zimmer zur rechten Zeit. Nicht umsonst hast du
zwei Jahre vor mir die unfaßbare Welt gesehn. Eine Stimme rief dich, um
mir armem Geschöpf zu helfen. Alles in mir ist heute so hochgespannt,
daß die Töne der elektrischen Bahn vor unserm Haus, obwohl ich sie
verachte, mich an die Ewigkeit erinnern.
Der Freund:
Kann ich dir helfen?
Der Sohn:
Schon hat für mich das Diesseits begonnen. Hilf mir, die kommende Erde
empfangen! Du sahst ein Kind sterben, das mich vom Tode erlöst hat.
Aus seinen kleinen Händen ist die Macht des Daseins über mich gefallen,
wie ein goldner Regen auf die Saat der Hirten. Nun, wo ich lebe,
will ich vieles erfahren, denn ich werde geliebt sein. Früher konnte
ich keine Straße sehen, weil am Übermaß des Geschauten mein Gehirn
zersprang. Jetzt will ich gerne mit den Metallarbeitern in die Tiefe
fahren, um auch dort noch zu empfinden, daß ich ein Mensch bin.
Der Freund:
Du bist trunken vom Dasein, aber du kennst sein Gift nicht. Ich sehe
mit tiefem Schrecken, wie verändert du bist. Heute beginnt dein
Sterben, wo du zu leben beginnst.
Der Sohn:
Ich glaube an alles, was ich sah. Weshalb willst du an mir zweifeln?
Der Freund:
Das Kind auf den Schienen ist dein Untergang. Du hast die Seligkeit der
Welt gekostet an deinem Firmament. Aber ich hasse diese Sterne und die
Liebe ekelt an, denn ich habe zu tief ihre Schwäche gespürt. Alles was
mich reizte, das hab ich genossen. Das Zuwenig hat mich getötet, nicht
das Zuviel. Ich kam zu dir, weil ich glaubte, du seiest noch rein und
unberührt. Ich wollte dich warnen, hör auf mich! Ich bin verdorben im
Paradiese und nun, wo ich fliehe, bin ich allein. Weshalb hat man mich
nicht als Krüppel geboren, dann hätte ich nie eine Frau besessen oder
einen Freund, und dann wäre ich nicht hier.
Der Sohn:
Wir stehn einander gegenüber, jeder an seinem Pol. Doch es gibt noch
ein Zenit, zu dem werden wir aufsteigen, du und ich.
Kann ich etwas für _dich_ tun?
Der Freund:
Gib mir den Duft wieder einer Blume im Sommer, als noch verboten war,
sie für die Geliebte zu pflücken. Gib mir die Sehnsucht zurück nach
jenem Trick im Varieté, mit dem man Bürger begeistert. Laß mich noch
einmal reisen, in kindlicher Phantasie, auf einem Regenbogen von
Argentinien nach Venedig. Wie hat mich das erste Lächeln eines Mädchens
bewegt auf der Konfirmandenbank neben mir in der Kirche! Und die kleine
Vorstadt, wenn sich am Himmel die Röte der Nacht erhob, wie hat sie
mich schauernd entführt nach Berlin! Nun schreite ich wieder dieselben
Alleen, wo einst Unsterblichkeit in mir wurde, und weine in mich
hinein, daß ich nichts mehr erlebe und nichts mehr opfern kann.
Der Sohn:
Ich durchschaue dich -- du sprichst wahr. Du hast deine höchste Kurve
noch nicht erreicht aus Schwäche und Unvollkommenheit. Aber jeder lebt
nur, der am stärksten weiß, was er ist! Ich möchte zu dir sagen »steh
auf und folge mir«. Wenn mir die Tore der Welt sich öffnen, kann es
nur aus Schönheit und Größe geschehn. Vielleicht aber kannst du, der
manches erfahren hat, mir die Schlüssel zeigen. Darum bitte ich dich,
weil ich so hilflos bin ...
Vierte Szene.
(Das Fräulein tritt ein.)
Das Fräulein:
Es wird dunkel. Soll ich die Lampe bringen?
Der Sohn:
Ja, Fräulein. Wann werden wir zu Abend essen?
Das Fräulein:
In zehn Minuten ist es neun.
Der Sohn:
Bringen Sie dann die Lampe. (Das Fräulein geht.)
Fünfte Szene.
Der Freund:
Ein schönes Mädchen!
Der Sohn:
Kennst du sie nicht? Das ist die dritte Gouvernante. Ich muß jeden
Abend mit ihr essen um neun Uhr. Mein Vater will es so.
Der Freund:
Hast du gesehn, wie sie zu uns ins Zimmer trat! Kannst du es ermessen,
wenn eine Frau zu dir kommt, wo die Erde doch voll ist von andern!
Bist du ein Mensch und fühlst nicht das Ewige ihres Schrittes in der
Dämmerung? Du solltest deinen Vater segnen, daß er dich jeden Abend mit
ihr leben läßt -- jeden Abend, o Mensch! Weißt du denn, wie lange du
lebst? Bist du nicht glücklich, daß so viel dir geschieht! Sie ißt von
der gleichen Speise wie du und trinkt aus dem gleichen Krug. Welche
Harmonie, welch erschütterndes Wort, daß sie schlafen muß wie wir alle
und Tee kocht und Zimmer staubt, wo sie doch ein göttliches Wesen ist
und auf Inseln wohnt.
Der Sohn:
Was du sagst, habe ich nie gewußt. Wie kann etwas so Schönes lebendig
sein?
Der Freund:
Denk an Penelope!
Der Sohn:
Seitdem ich dies Wort auch auf Kabarettnummern las, schwindelt mir
nicht mehr im Palaste des Homer.
Der Freund:
Du wirst einmal erfahren, weshalb Gott alle Frauen eins sein ließ --
zum Fluch und zum Segen.
Der Sohn:
Sprich weiter von dieser Frau. Ich habe Angst.
Der Freund:
Eine Welle ihres Haares schwimmt noch im Raum. Weshalb liebst du sie
nicht?
Der Sohn:
Wie kann ich das?
Der Freund:
Sie wird deine Augen sehend machen -- du Narr am verschlossenen Tor.
Durch sie sind die Riegel gesprengt, und du wirst etwas erkennen von
dem Schauspiel der Welt. Hab keine Angst, sie ist gütig. Auch deine
Mutter war eine Frau wie sie. Du wirst ihr Kind sein.
Der Sohn:
Eine tiefe Trauer erfüllt mich vor dem, was ich niemals werde sehn
und nie werde sagen können. Ich denke nur an die Steppen Sibiriens,
obwohl ich manchmal einen alten Mann im Graben finde und weiß, daß
viele im Schnee verhungern. Ein Schauer erfaßt mich, daß ich nirgends
die Schöpfung begreife! Ich denke des Augenblicks, da ich mitten im
Frühling gehe und doch nur ein Fingerzeig bin am Himmel, der über mir
lastet. Alles, was mir geschieht, ist ja ewig geschehn! Was bleibt denn
von mir in dieses Daseins ruhloser Kette!?
Der Freund:
Die Not deines Herzens, die Träne in der Nacht und die Auferstehung am
Morgen!
Der Sohn:
Komm bald wieder, dann werde ich dir näher sein. Ich will das Wunder
kennen lernen, ehe der Schatten meines einsamen Zimmers mich wieder
umhüllt. Ich will diesen Zaubergarten betreten, und koste es mein
Augenlicht! Vor einer halben Stunde hab ich geschworen, der Freude zu
gehören, die ich noch nicht kenne. Einmal muß mein Dasein mich erhören,
vielleicht heute, vielleicht in hundert Tagen. Ich fühle, die Zeit ist
nicht fern.
Der Freund:
Ich bin so zuversichtlich: dich führt ein gutes Gestirn. Ich komme
wieder, wenn du mich brauchst. So entfliege denn!
Der Sohn:
Auch du, mein Freund, im grenzenlosen Gefühl!
Der Freund:
Dich trägt die Woge noch hin. Mich rief sie zurück. Leb wohl. (Er
geht.)
Sechste Szene.
(Der Raum wird dunkler. Das _Fräulein_ tritt ein mit der Lampe. Sie
deckt den Tisch und trägt das Essen auf.)
Der Sohn:
Fräulein! Ich sehe, daß Ihr Haar blond ist. Sie stehn zwischen Lampe
und Dämmerung.
Das Fräulein
(am Fenster):
Die Wolken sind noch hell. In unserm Dorf kommen die Kühe heim. Wie
schön ist dieser Abend!
Der Sohn
(leise):
Und wie schön sind Sie!
Das Fräulein
(sieht ihn aufmerksam an):
Sind Sie traurig?
Der Sohn:
Traurig? Weshalb? Weil ich durchgefallen bin? O nein. -- Ich bin froh.
Das Fräulein:
Dann wollen wir zu Abend essen. (Sie setzen sich.)
Der Sohn
(ohne etwas zu berühren):
Wir haben so oft an diesem Tisch gesessen; fremd. Und wir sind es
gewöhnt.
Das Fräulein:
Bin ich Ihnen immer so fremd gewesen?
Der Sohn:
Fräulein, man hat mir gesagt, daß Sie leben und auf der Erde sind.
Ich muß lernen, viel zu verstehn. Daß Sie eine Stimme haben und auf
silbernen Füßen durch das Zimmer gehn.
Das Fräulein
(lächelnd):
Ach, wer hat Ihnen das alles geschwindelt! Das glauben Sie doch nicht.
Der Sohn
(mit großem Ernst):
Ich glaube _alles_ und noch mehr.
Das Fräulein:
Soll ich Ihnen ein Brot streichen?
Der Sohn:
Ich kann nichts essen.
Das Fräulein:
Ich habe oft an Sie gedacht und Mitleid mit Ihnen, weil Sie so strenge
gehalten sind. Ich möchte gern, aber ich darf ja nicht anders.
Der Sohn:
Das ist wahr, es ist düster hier.
Das Fräulein:
Sie müssen nicht daran denken. Es kommen wieder gute Zeiten.
Der Sohn:
Wenn ich Sie um etwas bitte, würden Sie es tun?
Das Fräulein:
Was soll ich für Sie tun?
Der Sohn:
Ich muß eine Frau lieben. Lassen Sie mich fort heute abend.
Das Fräulein:
Kleiner Junge! Seit wann ist das über Sie gekommen?
Der Sohn:
Seit heute, Fräulein, seit heute.
Das Fräulein:
Hat Ihr Vater nicht strenge verboten, daß Sie am Abend ausgehn?
Der Sohn:
Fräulein! Als ich sieben Jahre war, nahm mein Vater mich mit auf eine
Fahrt. Wie erschrak ich vor dem Tunnel -- ich dachte, es sei die Hölle.
Wir fuhren im Dampfboot den Fluß hinab und standen einen Augenblick
im Maschinenraum. Da sah ich zum erstenmal die riesige Glut und die
schwarzen Menschen voll Schweiß. Wissen Sie, was mein Vater tat? Er gab
jedem Heizer eine Mark. Ich war mit den armen Teufeln so froh.
Das Fräulein:
Sie haben ein gutes Herz.
Der Sohn:
Als ich größer war, hab ich oft gewünscht, mein Vater möge auch mir
eine Mark schenken, denn ich wollte mir Süßigkeiten kaufen. Aber das
hat er nie getan. Ich weiß nicht warum. Er sagte, ich könnte mir
Krankheiten holen.
Das Fräulein:
Wenn ich jetzt eine Mark hätte, dann schenkte ich sie Ihnen.
Der Sohn:
Was nützt mir heute die Mark! Ich kann nicht die Droschke bezahlen, mit
der ich fahren will.
Das Fräulein:
Es gibt böse Frauen. Vielleicht kommen Sie traurig zurück.
Der Sohn:
Kann ich noch trauriger werden als in den zwanzig Jahren meines Harrens
auf diesem nahen Stern! Wann endlich werden mir die Fanfaren tönen? Ach
Fräulein, und doch gab es Stunden, in denen man traumhaft seine Sphäre
verließ -- wenn wir im Sommer in Konzerten saßen mit rosa Damen am
Geländer des ewigen Stroms.
Geben Sie mir den Hausschlüssel!
Das Fräulein
(nimmt den Hausschlüssel und gibt ihn):
Hier haben Sie ihn.
Der Sohn
(ergreift ihn):
So halte ich denn dies kostbare Gut, (er springt auf und taumelt) ach,
ich bin wie ein Blinder. Meine Augen sind die Helle nicht gewöhnt. Ich
fürchte, ich könnte ihn verlieren. Nehmen Sie ihn wieder! (Er gibt ihn
zurück.)
Das Fräulein:
Werden Sie nicht ausgehn?
Der Sohn
(aufmerksam):
Fräulein, war das nicht ein Opfer -- ein Geschenk von Ihnen? Wenn mein
Vater das wüßte, es kostet Sie Ihre Stellung ...
Das Fräulein
(lächelnd):
So helfen Sie mir dafür Ihrem Vater schreiben. Er will doch jeden Tag
einen Brief haben, wie es geht im Hause. Ich weiß nicht, was ich ihm
schreiben soll! (Sie nimmt Feder und Tinte.)
Der Sohn:
Übrigens: ich will mit meinem Vater reden! Schreiben Sie ihm, er soll
wiederkommen.
Das Fräulein
(sitzt bei der Lampe und schreibt):
Der wievielte ist heute? Der Zwanzigste.
Der Sohn:
Ja, ich will mit ihm reden. Er soll es wissen. Ich muß bald etwas
Großes tun. Ich höre auf, in dieser Schule zu lernen. Wie viel werde
ich ihm sagen ..!
Das Fräulein
(sieht ihn an):
Soll ich das alles schreiben?
Der Sohn:
Ich werde nach Hamburg fahren und die transatlantischen Dampfer sehn.
Ich will mir auch Frauen halten. Glauben Sie es nicht, Fräulein?
Das Fräulein:
Aber das kann ich doch Ihrem Vater nicht schreiben!
Der Sohn
(steht hinter ihr und zeigt über sie weg auf das Papier):
Dann schreiben Sie ihm, er soll wiederkommen.
Das Fräulein
(schreibt).
Der Sohn
(legt die Hände auf ihre Schultern und zittert).
Das Fräulein
(ohne sich umzuwenden):
Was machen Sie da -- so kann ich nicht schreiben!
Der Sohn
(öffnet ihre Bluse am Hals und berührt sie).
Das Fräulein:
Ah, jetzt ist ein Flecken auf dem Papier --
Der Sohn
(beugt sich tiefer zu ihr).
Das Fräulein
(zurückweichend, fast über dem Papier):
Nicht doch; wenn Ihr Vater --
Der Sohn:
Ich liebe Sie! (Sie wendet sich um. Er küßt sie mit schneller,
ängstlicher Gewalt.)
Das Fräulein
(steht auf und wendet sich ab. Dann ordnet sie ihr Haar. -- Nach
einer Weile):
Was soll nun werden!
Der Sohn
(in großer Verwirrung):
Es ist etwas vorgegangen ... zürnen Sie mir nicht ...
Das Fräulein
(mit leiser, guter Stimme):
Sie sind mir niemals fremd gewesen. (Sie nimmt die Lampe.) Gute Nacht!
(Sie geht schnell.)
Siebente Szene.
Der Sohn
(allein. Nacht. Augusthimmel):
Da mir unendliche Gestirne scheinen,
Wie bin ich anders jedem Stern geweiht!
Sie schufen mich zu leben und zu weinen.
Ich bin dem Ewigen näher, bin bereit.
Nicht wildem Rausch, noch schmerzlichem Erkennen --
Gib, Stunde, mich der tiefen Wonne hin:
Daß ich im ungeheuersten Verbrennen
Auf dieser Welt erfahre, wer ich bin.
Schon hör ich, wie die Nächte sich erschließen
Dem unbekannten Geist in Glück und Leid;
Mein Leben wird von Segen überfließen --
Wie jedem Menschen, kam auch mir die Zeit.
Denn ein Geschöpf, das liebend sich erneuert,
Wird größer an der Fülle seines Tags;
Von diesem Größten bin ich angefeuert,
Und die Gewißheit ruft mich: nimm und trag's!
Und laß mich sein in tausendfacher Nähe
Daß ich die Wunder meines Lebens schau.
Daß ich in allem werde und vergehe --
Gott ist mir gut. Wie schön ist diese Frau!
_Ende des ersten Aktes._
Zweiter Akt.
Erste Szene.
Ein Tag später.
Der gleiche Raum. Die gleiche Stunde.
_Der Sohn._ _Das Fräulein._
Der Sohn:
Eine schöne Frau in unsrer Stadt hat sich das Leben genommen. Man sucht
den Vierwaldstätter See ab mit Booten und mit Lichtern, aber ihre
Leiche findet man nicht. Einige behaupten, sie sei nicht gestorben,
sondern lebe noch. Ich erschaure, wenn ich das höre! Wird sie
auferstehen von den Toten? Wie gleichgültig, ob ihr Mann eine Mätresse
hat.
Ich konnte nicht schlafen die Nacht. So ging ich in den Park und legte
mich ins Gebüsch unter den schweflig gelben Mond.
Welch ein Wind aus dem ungezügelten Raum hat diese Frau fortgerissen
von ihrem Sessel in der Loge, wo man sie erblicken konnte wöchentlich
zweimal im Theater. In welche Finsternis ist sie geschwunden! Wer half
ihr in der Not? Weiß jemand um die Tränen, eh ihr gekräuseltes Antlitz
versank im See!
Das Fräulein:
Sie hat zwei Kinder; ein kleines Mädchen.
Der Sohn:
Deshalb kann sie nicht aufgehn in Staub oder Wasserdunst. Der Genius
lebt weiter -- ihr Kinder! Sie wird euch beistehn in der schmerzlichen
Tageszeit. Wieviel Unvergängliches ist in uns!
Als ich mich erhob vom Boden, schrie ein Vogel über dem Teich; da sah
ich Ihre Brüste, weiß im Schatten des Gemachs.
Das Fräulein:
Es war so schwül. Auch ich konnte nicht schlafen. Ich stand am Fenster
lange Zeit.
Der Sohn:
Und ich empfand auch Sie süß in meiner Heimat und fühlte mich in Ihrer
Hut.
Das Fräulein:
Wir sind schlecht. Wir sinken immer tiefer. Und Ihr Vater vertraut mir.
Der Sohn:
Welche Wollust, ihn zu betrügen! Als ich Sie gestern in seinem Zimmer
küßte, wie genoß ich dieses Glück. Und das Sofa, auf dem wir uns
umarmten, hat meine Rache gespürt. Und die toten, höhnischen Möbel, vor
denen mein Vater mich prügelt, haben alle, alle das Wunder gesehn. Ich
bin nicht mehr der Verachtete. Ich werde Mensch!
Das Fräulein:
Ihr Vater hat vielen, die in Not sind, geholfen. Wir müssen ihm dankbar
sein! Oft, wenn die Nachtklingel durchs Haus schrillte, stand Ihr Vater
auf und holte Wein aus dem Keller und eilte zu einem Kranken, der am
Sterben war. Es geht ein Trost von ihm aus in der Dunkelheit des Todes
und der Armut. Er hat mehr Gutes getan als wir.
Der Sohn:
Ja Fräulein, und deshalb will ich mit ihm reden. Er muß mich hören,
er muß mir helfen -- er, der ein Arzt ist und am Bette von Tausenden
steht. Sollte er den eignen Sohn in der Verzweiflung verlassen? Ich
will ihm alles sagen, was mir auf der Seele ist. Ich will darauf bauen,
daß meine Kraft stärker wird als sein Mißtrauen in all den Jahren. So
will ich vor ihn hintreten: es tut not, daß wir uns fester aneinander
halten, wieder einer am andern.
Lassen Sie mich noch Ihre Wärme fühlen, ehe der Frost des Wiedersehens
mir am Herzen würgt. Könnt ich ihn überwinden! Durch Ihren Mund hörte
ich die Stimme des Lebendigen und der Gnade. Doch werde ich versuchen,
meinen Vater in Erhabenheit zu finden, wie der Gott der Freude mir in
dieser Nacht verkündet ist. Die Rosse Achills sollen feurig vor meinen
Wagen gespannt sein! Jetzt habe ich Mut, alles zu tun, denn ich glaube
an mich.
Das Fräulein:
Deine Augen leuchten -- wie schön ist diese Glut! Noch bist du bei mir,
noch habe ich dich. Und weiß doch, daß ich dir nur eine kleine Spur
bin im Garten des großen Gefühls. Komm, vielleicht hast du mich morgen
schon vergessen. Und heute lieb ich dich so.
Der Sohn:
Liebes Fräulein, laß mich bei dir sein diese Nacht. Ich will dich
lieben! Erfülle, was kindliche Ehrfurcht noch scheu mir verhüllt hat.
Dieser Tag des harrenden Schicksals muß in purpurnem Glücke enden.
Ihr Feuer am Himmel meiner Heimat! Ihr Hochöfen und ihr Pappeln!
Vor azurner Helligkeit laßt mich zum Manne werden! Auch das muß ich
besitzen, damit ich ganz erfahre, wes Geistes ich bin.
Das Fräulein:
Mein kleiner Junge, komm zu mir, wenn es dich glücklich macht. Ich
mochte dir so nahe sein! Ich streichle ja deine Hände, und wenn
das geschieht, kann es nicht verloren gehn. Du sollst einmal voll
Dankbarkeit an mich denken. Geh zu keiner andern Frau. Ich will für
dich sorgen. Und bei mir darfst du alles tun.
Der Sohn:
Sage, daß du mich liebst, dann brauche ich nichts mehr zu fürchten. Ich
könnte dir eine Schlacht gewinnen. Ich will es, wenn ich vor meinem
Vater bin.
Das Fräulein
(streichelt ihn):
Und doch, wie wenig wird das, was du in dieser Nacht tust, aus Liebe
geschehn. Was weißt du vom Leiden und vom Opfertod! In dir ist das
Männliche: Du wirst kämpfen. Ich wollte, du kämest wieder, zerrissen,
mit blutiger Stirn, dann würdest du erfahren, was eine Frau ist. Aber
nein -- du sollst siegen! Du liebst mich nicht, weil du mich liebst. Du
mußt mich besitzen. Und weißt nicht, was ich für dich tue.
Der Sohn:
Ich werde dich nicht berühren, wenn du es nicht willst.
Das Fräulein:
Ich bin trotzdem bei dir. Liebt' ich dich denn, wenn ich dir nicht
ein Opfer brächte? Ich weiß, daß ich zu vielen Tränen verurteilt bin.
Aber das muß wohl so sein. Welche schmerzliche Seligkeit auf der
schwankenden Brücke der Lust!
Der Sohn:
Ich werde jeden töten, der dich verletzt: und wäre es mein Vater.
Das Fräulein:
Wie unverständig bist du und wie süß! In wieviel Stärke, wieviel
Kühnheit stehst du vor mir. Ich muß dich küssen, mein kleiner süßer
Held. Daß Gott solche Jünglinge schuf! Denk an mich, wenn eine andere
Frau dich so in ihren Armen hält. Und töte dich nicht -- du wirst mir
bald sehr wehe tun. Jetzt ist der Stern deines Wagens am höchsten mir
zugekehrt, jetzt, wo du noch nichts geliebt und bald alles genossen
hast. Diese Stunde kommt nicht wieder. Der Himmel soll dich behüten vor
Traurigkeit.
Der Sohn:
Heute Nacht -- schwör mir, daß du kommst!
Das Fräulein:
Ja, ich komme! Es muß doch ein Wesen sein auf der Welt, durch das sich
zum erstenmal deine Seele ergießt. Ein Wesen, das dich beschützt, das
dich begleitet zum Licht.
Der Sohn:
Fräulein! Mir ist so schwer und dunkel. Da seh ich uns beide stehn in
Wolken, mitten zwischen Erwartung und Schmerz. Sind wir nicht im Hause
meines Vaters, das uns alt und feindlich umschließt! Und du redest zu
mir schöne und fremde Worte wie nie zuvor. Kehrt das Rätsel wieder in
des Träumenden düstre Gewalt? Ist Aladins Wunderlampe da im Märchen
auf der Amme Knie? O Wunder, das Gott mir verheißen! Wie kann ich das
deuten -- heute ist eine Nacht und morgen ein Tag -- werde ich die
Sonne sehn, die uns alle umstrahlt?
Das Fräulein
(nach einer Weile leise und bitterlich):
Es gibt viele Sonnen, die wirst du sehn.
Der Sohn:
Was kann ich denn für _dich_ tun? Soll ich meinem Vater sagen, daß ich
dich liebe?
Das Fräulein:
Und was geschieht, wenn er es glaubt? Willst du mich mit dir nach
Hamburg nehmen?
Der Sohn:
Ja, Fräulein.
Das Fräulein:
Ich fühl es, du hast Mut. Aber wer soll das Billett bezahlen?
Der Sohn:
Kann man nicht zu Fuß hingehn? Jemand wird uns schon weiterhelfen. Es
muß doch noch Menschen geben, wie im goldenen Zeitalter, die einander
Brot reichen von Meer zu Meer. -- Ich brauche meinen Vater nicht.
Wenn ich sterben konnte ohne ihn, so werde ich doppelt ohne ihn leben
können. Ein Geräusch deines Kleides, und ich betrete dies Haus nicht
mehr.
Das Fräulein:
Ja, du würdest mich entführen auf Sternschnuppen. Du glühst. Und wie
verlegen wirst du sein, wenn dich der erste Portier nach unserm Namen
fragt. Und wie ungeschickt, wenn du am Abend Butter und Brot kaufst. In
welchem Traumland hast du gelebt! Du sprichst von Hamburg und denkst an
Babylon und die Gewässer des Roten Meeres ...
Nein, sage deinem Vater nichts. Du wirst bald gehn; aber mich laß
bleiben. Hier werde ich immer etwas haben, eine Kraft von dir, etwas
Festes im Raum. Wenn ich nun fort müßte, wie unterirdisch würde
mein Schritt! Ich will den Tag erleben, der dich wiederbringt als
Triumphator über all deine Kinderzeit. Die Wiesen und Bäume vor deinem
Vaterhause -- vielleicht fährst du vorüber und kehrst nicht ein --
werden dir offenbaren, was du gelitten hast. Du wirst glücklich sein.
Der Sohn:
Weshalb willst du nicht mit mir kommen?
Das Fräulein:
Weil ich dich schon verloren habe, ehe du es ahnst. Weil du mich
verlassen _mußt_. Weil du leben und kämpfen wirst.
Der Sohn:
So hilf mir!
Das Fräulein:
Heute kann ich es noch. Morgen tut es ein andrer.
Der Sohn:
Werde ich manchmal dich sehen auf meinem Wege? Wirst du mir erscheinen,
körperlos, am Rande der großen Alleen?
Das Fräulein:
Wir vielen, die begnadet sind, können nicht verschwinden einer in des
andern Herz. Im höchsten Gefühl erinnere dich des Wortes! Wer kann
sagen, daß ein Schicksal zu Ende ist, und wo ist der Anfang unsres
Sterns.
Der Sohn:
Ein kindliches Gesicht steigt mir auf. Ich brachte meinem Vater Tulpen,
als einst sein Geburtstag war. Er hob mich an seine Brust -- da wußt'
ich, daß ich lebte, daß ich war.
Eine Gouvernante, deine Vorgängerin, schlug mich einmal, weil ich im
Bette noch leise sang. Nun fühl ich es wieder.
Geburt und Dasein -- O Seligkeit! Ich werde ewig -- ewig sein --
(Er kniet vor sie hin.)
Das Fräulein
(hält ihn):
Alles flieht. Eins nur bleibt mir: Dein Glück. Und wenn ich dich jetzt
noch fest in meinen Armen halte, und du aufsiehst zu mir, so weiß ich
-- eine Botschaft des Lebens ist dir verkündet; deshalb bin ich hier.
Der Sohn:
Ich werde dich nie verlassen.
Das Fräulein:
Und wenn der Engel mich holt mit dem Schwert?
Der Sohn:
Ich halte dich! Ich seh dich wieder! Ich zaubre dich aus den Veilchen
des Acheron! Geliebte Frau, ich würde dich finden, morgen abend im Kino
als Königin unerreichbar und erträumte schöne Kokotte in einem Pariser
Montmartre-Lokal. Oh, daß ich dies erleben durfte! Die Welt wird immer
herrlicher vor meinem Blick.
(Ein Wagen rollt, er springt auf.)
Das wird mein Vater sein ... Komm zu mir diese Nacht ... ich erwarte
dich hier ...
(er eilt zum Fenster)
Ein Wagen, der vorm Hause hält! Er ist es. Ich erkenne seinen
Schritt. Nun mag es beginnen! Mit dieser Fülle im Herzen will ich ihm
entgegengehn.
(Das Fräulein geht ab nach rechts. Der Sohn kommt zurück.)
Zweite Szene.
(Der Vater tritt ein.)
Der Sohn
(geht ihm einen Schritt entgegen):
Guten Abend, Papa!
Der Vater
(sieht ihn eine Weile an, ohne ihm die Hand zu reichen):
Was hast du mir zu sagen?
Der Sohn:
Ich habe mein Examen nicht bestanden. Diese Sorge ist vorbei.
Der Vater:
Mehr weißt du nicht? Mußte ich deshalb zurückkehren?
Der Sohn:
Ich bat dich darum -- denn ich möchte mit dir reden, Papa.
Der Vater:
So rede!
Der Sohn:
Ich sehe in deinen Augen die Miene des Schafotts. Ich fürchte, du wirst
mich nicht verstehn.
Der Vater:
Erwartest du noch ein Geschenk von mir, weil sich die Faulheit gerächt
hat?
Der Sohn:
Ich war nicht faul, Papa ...
Der Vater
(geht zum Bücherschrank und wirft höhnisch die Bücher um):
Anstatt diesen Unsinn zu lesen, solltest du lieber deine Vokabeln
lernen. Aber ich weiß schon -- Ausflüchte haben dir nie gefehlt.
Immer sind andere schuld. Was tust du den ganzen Tag? Du singst und
deklamierst -- sogar im Garten und noch abends im Bett. Wie lange
willst du auf der Schulbank sitzen? All deine Freunde sind längst fort.
Nur du bist der Tagedieb in meinem Haus.
Der Sohn
(geht hin zum Schrank und stellt die Bücher wieder auf):
Dein Zorn galt Heinrich von Kleist; (er berührt das Buch zärtlich) der
hat dir nichts getan. -- Welchen Maßstab legst du an!
Der Vater:
Bist du schon Schiller oder Matkowski? Meinst du, ich hörte dich
nicht? Aber diese Bücher und Bilder werden verschwinden. Auch auf
deine Freunde werde ich ein Auge werfen. Das geht nicht so weiter. Ich
habe kein Geld gespart, um dir vorwärts zu helfen; ich habe dir Lehrer
gehalten und Stunden geben lassen. Du bist eine Schande für mich!
Der Sohn:
Was hab ich verbrochen? Hab ich Wechsel gefälscht?
Der Vater:
Laß diese Phrasen. Du wirst meine Strenge fühlen, da du auf meine Güte
nicht hörst.
Der Sohn:
Papa, ich hatte anders gedacht, heute vor dir zu stehn. Fern von Güte
und Strenge auf jener Wage mit Männern, wo der Unterschied unseres
Alters nicht mehr wiegt. Bitte, nimm mich ernst, denn ich weiß wohl,
was ich sage! Du hast über meine Zukunft bestimmt. Ein Sessel blüht
mir in Ehren auf einem Amtsgericht. Ich muß dir meine Ausgaben
aufschreiben -- ich weiß. Und die ewige Scheibe dieses Horizontes wird
mich weiterkreisen, bis ich mich eines Tages versammeln darf zu meinen
Vätern.
Ich gestehe, ich habe bis heute darüber nicht nachgedacht, denn die
Spanne bis zum Ende meiner Schule erschien mir weiter als das ganze
Leben. Nun aber bin ich durchgefallen -- und ich begann zu sehn. Ich
sah mehr als du, Papa, verzeih.
Der Vater:
Welche Sprache!
Der Sohn:
Eh du mich prügelst, bitte, hör mich zu Ende. Ich erinnre mich gut der
Zeit, als du mich mit der Peitsche die griechische Grammatik gelehrt
hast. Vor dem Schlaf im Nachthemd, da war mein Körper den Striemen
näher! Ich weiß noch, wie du mich morgens überhörtest, kurz vor der
Schule; in Angst und Verzweiflung mußt ich zu Hause lernen, wenn sie
längst schon begonnen hatte. Wie oft hab ich mein Frühstück erbrochen,
wenn ich blutig den langen Weg gerannt bin! Selbst die Lehrer hatten
Mitleid und bestraften mich nicht mehr. Papa -- ich habe alle Scham
und Not ausgekostet. Und jetzt nimmst du mir meine Bücher und meine
Freunde, und in kein Theater darf ich gehn, zu keinem Menschen und
in keine Stadt. Jetzt nimmst du mir von meinem Leben das Letzte und
Ärmste, was ich noch habe.
Der Vater:
Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Sei froh, daß ich dich nicht
längst aus dem Hause gejagt.
Der Sohn:
Hättest du es getan, ich wäre ein Stück mehr Mensch als ich bin.
Der Vater:
Du bist noch mein Sohn, und ich muß die Verantwortung tragen. Was du
später mit deinem Leben tust, geht mich nichts an. Heute habe ich zu
sorgen, daß ein Mensch aus dir wird, der sein Brot verdient, der etwas
leistet.
Der Sohn:
Ich kenne deine Sorge, Papa! Du bewahrst mich vor der Welt, weil
es zu _deinem_ Zwecke geschieht! Aber wenn ich das Siegel dieser
geistlosen Schule, die mich martert, am Ende auf meinem Antlitz trage,
dann lieferst du mich aus, kalt, mit einem Tritt deiner Füße. O,
Verblendung, die du Verantwortung nennst! O Eigennutz, Väterlichkeit!
Der Vater:
Du weißt nicht, was du redest.
Der Sohn:
Und trotzdem will ich versuchen, noch heute in dieser Stunde, mit aller
Kraft, der ich fähig bin, zu dir zu kommen. Was kann ich denn tun,
daß du mir glaubst! Ich habe nur die Tränen meiner Kindheit, und ich
fürchte, das rührt dich nicht. Gott, gib mir die Begeisterung, daß dein
Herz ganz von meinem erfüllt sei!
Der Vater:
Jetzt antworte: was willst du von mir?
Der Sohn:
Ich bin ein _Mensch_, Papa, ein Geschöpf, ich bin nicht eisern, ich bin
kein ewig glatter Kieselstein. Könnt ich dich erreichen auf der Erde!
Könnt ich näher zu dir! Weshalb diese schmerzliche Feindschaft, dieser
in Haß verwundete Blick? Gibt es ein Nest, einen Aufstieg zum Himmel --
ich möchte mich an dich ketten -- hilf mir! (Er fällt vor ihm nieder
und ergreift seine Hand.)
Der Vater
(entzieht sie ihm):
Steh auf und laß diese Mätzchen.
Ich reiche meine Hand nicht einem Menschen, vor dem ich keine Achtung
habe.
Der Sohn
(erhebt sich langsam):
Du verachtest mich -- das ist dein Recht; dafür leb ich von deinem
Gelde. Ich habe zum ersten Male die Grenzen des Sohnes durchbrochen mit
dem Sturm meines Herzens. Sollte ich das nicht? Welches Gesetz zwingt
mich denn unter dieses Joch? Bist du nicht auch nur ein Mensch, und bin
ich nicht deinesgleichen? Ich lag zu deinen Füßen und habe um deinen
Segen gerungen, und du hast mich verlassen im höchsten Schmerz. Das ist
deine Liebe zu mir. Hier endet mein Gefühl.
Der Vater:
Hast du so wenig Ehrfurcht vor deinem Vater, daß du ihn zum Hehler
deiner Schuld machst? Du Landstreicher auf der Straße des Gefühls --
was hast du schon Großes getan, daß du von Liebe und von Haß hier
redest? Bist du betrunken, was kommst du denn zu mir? Geh in dein Bett.
Kein Wort mehr.
Der Sohn:
So höre, Papa, noch _ein_ Wort! Du sollst erfahren, daß ich gehungert
habe in deinem Hause! Die Gouvernanten haben mich geschlagen, und
trotzdem hast du ihnen geglaubt! Du hast mich auf den Speicher
gesperrt. Ich bin oft schuldlos gestraft worden, keiner hatte Mitleid
mit mir. Papa! Es gibt doch Freude -- etwas, was golden an die
Firmamente rollt -- weshalb war ich verstoßen von allen wie ein Mensch
mit der Pest? Weshalb muß ich weinen, wenn ein armer Affe im Zirkus
aus einer künstlichen Tasse trinkt? Ich kenne die Qual der unfreien,
der friedlosen Kreatur. Das ist gegen Gott! Du hast mir die Kleider
verboten und mir die Haare geschoren, wenn ich aus glühender Eitelkeit
sie anders wollte als du. Soll ich noch weiter in diesem Schlunde
wühlen, wo doch an tausend Zacken mein Fleisch klebt! Sieh mich an --
was hab ich getan? Kann es nicht bald genug sein. So hör doch und laß
mich endlich einen Strahl des allerbarmenden Lichtes sehn. Es steht ja
in deiner Macht. Du hast dich verschlossen -- tu dich mir auf! Gib mir
die Freiheit, um die ich dich grenzenlos bitte.
Der Vater:
Welche Freiheit soll ich dir geben? Ich verstehe nicht, wovon du
sprichst.
Der Sohn:
Nimm mich von dieser Schule fort -- gib mich dem Leben. Sei gut zu mir,
wie zu einem Kranken, der vielleicht morgen schon sterben muß. Auch mir
gib Wein, den du für ihn aus dem Keller holst. Auch mich laß trinken,
denn sieh, ich bin ganz vom Durste zerfressen.
Papa! Nie bist du zärtlich zu mir gewesen, wie zu dem niedersten Wesen
in deinem Spital. Nie hast du mich umarmt, wenn ich ängstlich dir am
Schreibtisch gute Nacht sagen kam. Und doch hab ich es gefühlt, und
ich habe unendlich begriffen, daß ich dein Sohn bin. Die Wüste meines
Bettes, wo jedes Körnchen gezählt war, ist nicht so groß, wie dieses
Wort der Verzweiflung. Und ich _will_, ja, ich will _etwas_ von dir
erreichen, und sei es nur eine Wimper deines Auges -- und wenn du mich
wieder fortstößt: mein Wunsch ist doch größer als du in dieser Sekunde.
Der Vater:
Erspar' dir die Mühe, so fängst du mich nicht. Welch ein greisenhaft
trauriger Narr stehst du vor mir! Ist das deine ganze Weisheit? Und so
sprichst du über deine Jugend, über die Erziehung in deinem Vaterhaus.
Schämst du dich nicht? Wenn du mich verletzen wolltest -- jetzt hast du
es erreicht.
Der Sohn:
Nein, Papa. Uns trennt ein Andres. O schrecklicher Zwiespalt der Natur!
Soll es denn keine Brücke mehr geben, wo doch zwischen Nordpol und
Südpol die Erde gebaut ist. Papa! Blut stürze neu aus dem Raum! Ich
will dein Feind nicht mehr sein. Nimm mich an als Mann.
Der Vater:
Ich brauche deine Belehrung nicht. Dir ist nichts geschehen, was du
nicht selber verschuldet hast. Was weißt du von jenen in den Baracken,
die leiden! Du, ein Knabe, der noch keinen Ernst und keine Pflicht
gelernt hat. Wenn ich nicht doch noch hoffte, dich das zu lehren, wäre
ich nicht wert, dein Vater zu sein. Ich hätte dich strenger erziehen
sollen, das seh ich an den Folgen.
Der Sohn:
Du entmutigst mich nicht!
Ich werde immer wieder kommen und dich bitten. Bis du mich erhörst.
Der Vater:
Hast du mich nicht verstanden? Was willst du denn noch von mir?
Der Sohn
(feurig):
Das Höchste! Zerreiße die Fesseln zwischen Vater und Sohn -- werde mein
Freund. Gib mir dein ganzes Vertrauen, damit du endlich siehst, wer ich
bin. Laß mich sein, was du nicht bist. Laß mich genießen, was du nicht
genossen hast. Bin ich nicht jünger und mutiger als du? So laß mich
leben! Ich will reich und gesegnet sein.
Der Vater
(hohnlachend):
Aus welchem Buch kommt das? Aus welchem Zeitungshirn?
Der Sohn: