GNADENREICHE, UNSERE KÖNIGIN

Tanzten schwarze Ringe.

Durch das Zittern in der Luft, daß alle Bäume sich hinaufrecken und die

Knospen springen, geht die Frau. Verwachsen mit dem dampfenden Boden, ein

flimmernder Kelch. Die Sonne treibt vorwärts, die Trambahn hält. Eigentlich

hat sie gesagt, sie wird bald zurückkommen. Die Trambahn fahrt. Die Frau

trägt Bücher im Arm. Auch Briefe: Ich denke immer an dich, ich bin

hineingewachsen -- schrieb sie vor Jahren. Ihre Briefe. Aber der andere

wartet. Auch der eine. Sie fröstelt. Sie rückt hin und her. Sie schaut über

die goldenen Häuser auf die Wipfel, die sich im weiten Blau schaukeln.

Morgen werd ich's ihm sagen. Er wird sie durchdringend ansehen. Sie ist als

Kind die Straße hastig auf und ab gegangen. Der andere fürchtet sich sehr.

Er schweigt, wenn sie nur den Namen nennt. Er wird traurig, sieht sie

hilflos an. Er fragt, weiß er denn, daß du bei mir bist? Aber es ist etwas

an ihm, das sich schnell verkriechen möchte. Sie kann ihm nicht antworten.

Oder sie muß lügen. Sie wird ihn allmählich aufblättern. Er soll alle Wärme

und Schönheit haben, daß er zu ihm und ihr hinauf gedeihen mag. Er trägt

seine hohe Stirn gegen das Gesindel. Vielleicht, daß er noch gegen diese

Welt streitet. Und siegen wird, ohne sich umzusehen. Ihm ein Kamerad

werden. Sie hob mit einem Ruck ihren Kopf. Sie wurde rot. Wollte sich

umwenden. Befreit aufatmen. Vielleicht laut sprechen. Aber sie merkte, daß

alle Leute sie haßten. Um so besser.

Sie war daran, mit dem Blonden ein Nest zu bauen. Und die Kinder werden

dann alle miteinander spielen. Sie besucht mit ihm Konzerte. Über alle

Stimmen, die sie trafen, hinweg glühte ein Klang, der wuchs, sich wölbte zu

einem Dom und sie verschlang. Wie in Zeiten, da alles um die Menschen herum

noch stark war, daß sie sich selbst nicht merkten. Er blühte ihr entgegen,

aus Chorälen, die sie gemeinsam sangen. Er schwebte vor ihr, wenn sie sich

in die Augen sahen. Er strahlte über sie, wenn sie die Straße entlang

gingen. Der eine merkte dies alles und wurde unruhig, daß sie nicht zu ihm

sprach. Ich fürchte, du wirst alles zerstören, wenn du nicht zu mir

sprichst. Er beunruhigte sich. Er sprach hart und abgerissen. Er ging mit

ihr dieselbe Straße entlang. Er sprach von Chorälen. Er sprach von dem

Klang. Da spuckte sie aus. Sie wies auf Vorübergehende, die sich nach ihr

umsahen. Sie schrie: Schweine, Säue und Ähnliches. Die Leute blieben

stehen. Sie ballte die Fäuste, sie zitterte. Er merkte, daß sie ihn ganz

vergaß. Er redete auf sie ein. Er hielt sie eisern umklammert, als sie

einer fremden Frau nachstürzen wollte. Die Augen quollen hervor, dann

weinte sie lautlos. Unaufhörlich. Beängstigend. Sie hörte, wie er sagte, zu

jeder Reinheit gehört eine Sicherung, sie kann niemals zufällig sein. Er

sah, wie sie darüber hinwegglitt. Später hörte sie demütig seinen

Entwicklungen zu. Er muß vorher alles wissen, man kann nicht auf seine

Kosten leben, Bezahlung schwächt. Er erinnerte sich, daß sie ihn vor

einigen Tagen einen Heiligen genannt hatte. Er erinnerte sich, daß sie ihn

scheu gestreichelt hatte. Er war still geblieben, die Zähne

zusammengebissen. Gestöhnt, warum sagst du mir nichts. Sie fällt wieder

zusammen, vermorscht, klagt und muß um Hilfe winseln. Er wird wieder Wärter

sein. Eine Glut war über ihm zusammengeschlagen. Er hätte sich quälen

mögen, um sie zum Sprechen zu bringen. Er blieb einsam. Und wollte es

nicht. Und durfte es nicht. Sie stöhnte zwischendurch, ich bin so dreckig,

ich bin ein Hund. Er lauschte. Aber sie sagte nicht: verzeih. Sie schmähte

den Blonden. Er widersprach. Er ist schuldlos, du hast ihn genommen. Sieh,

daß ein Ende wird. Sie weinte lange. Er sprach viel. Er verteidigte ihn

heftiger, aber er schloß immer, der soll sich beweisen . . . . Es war, als

ob sie den andern schützen müßte. Er kann sich nicht beweisen, dachte sie.

Er ist noch so schwach und klein. Nun gut, hätte er da schließen wollen.

Aber sie ging aus seinen Armen und lächelte scheu. Er blieb gebannt stehen.

Er brachte keinen Laut hervor. Alles Blut drängte sich zusammen. Er blieb

zusammengekauert. Sie war sehr lange aus. Er wühlte sich in die Kissen. Ich

hab euch lieb, fühlte er und zuckte.

Es half nichts, daß ihm war, als müßte er ersticken. Daß er verbrannte. Er

blieb angeschmiedet und ohne Waffen. Er erinnerte sich, daß sie gestern

gewünscht hatte: Eine Stube voll Jungerle. Er erinnerte sich, daß manchmal

ihr Gesicht hohl und wie entschwunden war. Hergerichtet zum Schlag und

unempfindlich. Er wurde nicht erlöst, das Feuer prasselt. Eine furchtbare

Angst war um ihn: ich bin ausgestoßen. Da tauchte eine Tote vor ihm auf,

der sein Wesen unaufhaltsam zuströmte. Er dehnte sich beglückt. Er wurde

ruhiger. Er merkte, wie sehr er mit einem blassen lustigen Gesicht

verbunden war. Er sah dünne goldene Haare, einen flimmernd bleichen Körper.

Er mußte ein quälendes Gefühl zurückscheuchen, daß er sie bedrückend

empfunden hatte. Ihre Nähe war heiß und fiebrig. Auch glitschig. Aber er

sah jetzt in eine Werkstatt. Er sah ihre Kräfte an der Arbeit. Ihn

schmieden. Dort war sein Leben. Er versank in ein wohliges Träumen. Er

kroch ganz in sich zusammen. Er hörte die Schritte der Frau und wühlte sich

tiefer ein. Er hätte rufen mögen, jetzt wenigstens laßt mich in Ruh. Da

bebte er in Erschütterungen. Wie Nebel über dem Waldhange sich wölbt,

zerreißt und sich wieder fängt. Er quälte diese Frau, er drängte ihr ein

Leben auf, das in einem dunklen Land verankert war. Vor dem sie zitterte.

Sie liebt die Sonne. Sie umspannt das weite graue Feld. Sie ist im

quellenden Wasser, in den Katarakten des Stromes. Sie will leuchten und

Glück sein . . . . Er versank in ein dumpfes Weh. Und doch merkte er noch,

wie er daran ging, sich aus dem Drohenden, Ungeheuren Kräfte zu ziehen. Er

sah sich panzern. Die Augen ausschlagen. Sein Weg ging steil und schmal. Er

fühlte, jeder Schritt ist gegen die Welt. Gegen das Glück. Gegen alles

höchstes Leben. Und doch . . . .

Aber er mußte es ablehnen . . . .

Denn er mußte es ablehnen, ein Krüppel zu sein.

Gnadenreiche, unsere Königin · 第 2 / 5 题