LÄUTERUNG

Er liegt am Boden. Hat sich eingewühlt in die harten Schollen. Eine Straße

atmet und dehnt sich, steigt, keucht schwer im Dahingleiten, reißt -- daß

er zittert und sich enger preßt. Grüne Halme ballen sich dichter, weiten

sich, Wolken tupfen auf blauem Bogen. Er möchte schreien.

Hinten drängen die vielen Menschen. Wimmeln. Weiße Schuhe. Lächelnd

verstohlen sehnsüchtig. Straffen sich. Beine. Ein Kind springt. Lockendes

Parfüm aus der Zeit, als er zwölfjährig neben einer hochgestellten Dame im

Parkett des Provinztheaters saß, die Treppe hinter einer Ingenieursgattin

hinaufstieg, die Fäuste gegen die Wand schlug und sich würgte, später:

Steine, Segel, Meer, schließlich enger zusammenkroch, heiß, Blut rieselt,

bunte lachende Menschen zueinander, alle -- Sonne --

Atmete fiebernd, schlug den Hinterkopf gegen das Grau des Himmels, fraß

sich tiefer in die Schollen, weinte und schluchzte und wollte beten, ein

Duft zog über allen und schlug nieder. Eine ferne Häuserreihe schob sich

näher.

Er wehrte sich, dachte sich die Achseln zucken. Aufstehen. Das Gesicht

abwischen. Langsam den Leuten zugehen.

Eine Gaslampe, die so lange niedergehalten war, flackert heller und surrt.

Angst schreit. Nicht sich aufblättern zu können. Die Welt zieht vorbei. Das

Blut kreist enger.

Die Gemeinschaft wird wieder brechen. Eher gegen alles, als in sich.

Revolution. Sich selbst zerstören. Glück des Gehenkten. Wenn man sich

selbst erstickt, bleibt noch ein dünnes Leben. Klingt weiter. Er hört sich

beten, anschwellen, Wände schwinden, Weiten tun sich auf, aber

angeschmiedet . . . durchbohrt . . . kreisend in fremder Qual . . . Hilfe,

knirscht er.

Jetzt baut er still, voll Sicherheit, ein Werk vor sich her. Unbeirrt. Wenn

es auch wächst, streng, fest gefügt -- er schaut kaum hin, keine Freude,

keine Zweifel, die Uhr zählt die Zeit, die Arbeit, die Steine, die er

aufschichtet, Menschen gliedern sich an. Er bebt nicht vor Ungeduld, obwohl

das Herz schlägt.

Da steht jemand auf, dreht das Licht aus.

Ein Stuhl wird gerückt.

Alle merken, daß es fast hell ist.

Während sich alle rekeln, den Kopf wieder in die Kissen wühlen, der Wächter

hängt sich die Kontrolluhr über, rafft am Tisch Papiere zusammen, Sindbad

den Seefahrer, -- sagt der Nachbar von Nr. 12 nach der hinteren Wand zu und

steigert schnarrend: Morgen, Leute. Merkwürdig, wie er die Worte quetscht.

Alle Wärter sind auf ihn ärgerlich. Meistens hören sie später, daß er ein

Schneider ist namens Erb. Sollen glauben, daß Erb Beziehungen hat, in

Verbindung mit Regierungsstellen, andererseits Intrigen, die Frau spielt

eine Rolle, will ihn los werden. Graf braucht Ehescheidung. Dann aber

lassen sie an Erb die Wut über den Schneider aus.

Erb mit dem schmalen spitzen Kopf, knallrotes Gesicht, springt im Bett auf,

wiederholt. Sieht sich enttäuscht um.

Ganz vorn an der Tür lacht ein hübscher junger Mensch. Erb schaut

strafenden Blickes hin. Der Junge schüttelt sich vor Lachen.

Erb schreit: Heute nehme ich euch alle mit raus.

Schmidt fragt: Wie denn -- raus -- mein Kopf tut mir so weh. Verzieht das

Gesicht zum Weinen. Die beiden neuen Wärter kennen ihn noch nicht und

tuscheln.

Es wird jetzt gekehrt, gewischt, Eimerklappern. Die Fenster sind

aufgerissen. Es scheint, als ob die Eisenstäbe in der Sonne glitzern

wollen.

Dann erinnert sich Schmidt, daß er einen Hammer sich vor den Kopf

geschlagen hat. Er erzählt, daß er einmal sich halb die Zunge abgebissen

hat. Er macht eine gute Figur, früher trug er schwarzen Bart, die Haare

etwas wirr. Er hat sehr viel in seinem Leben studiert. Allerdings ist er

unter gewissen Voraussetzungen bereit, heute mit Erb gleich wieder

wegzugehen, er trinkt indessen keinen Schnaps. Erb würde Wein trinken.

Beide sind schließlich vergnügt.

Der Wärter denkt, es ist ekelhaft hier drin. Man sitzt und sitzt. Die

Toilette, die zwischen den beiden Sälen eingebaut ist, stinkt. Er kocht vor

Wut. Was? Ach so, austreten. Die Wände des Kastens werden heruntergelassen.

Los! Der schiebt sich den Gang entlang. Der Kollege im anderen Saal erzählt

sich was mit seinen Leuten.

Wenn Frühling ist, singen draußen die Vögel. Einige dürfen aufstehen und

sitzen an ihrem Bett. Schmidt denkt, ob er hier von seiner Frau erzählen

soll, vielleicht wissen die was? -- Ob sie den Erb wirklich kennt --

manches stimmt ja. Schönauer liegt dem Schmidt gerade gegenüber. Er soll in

Paris Ringkämpfer gewesen sein. Schmidt denkt nach. Er weiß nicht, ob seine

Frau solche Muskelmenschen mag. Schmidt quält sich. Er gibt dem Erb keine

Antwort.

Der Oberwärter flitzt durch die Säle. Alle sind einen Augenblick in

gehobener Stimmung. Schmidt fühlt ein ungeheures Loch in seiner Seele, das

immer weiter noch reißt. Und doch glaubt er nicht an Gott. Genossen, möchte

er losheulen. Ich weiß nicht, was das für Leute sind. Einer heißt Draqua,

einer Schubert. Die Frau, die Frau, sie spricht mit allen Menschen. Er kann

sich nichts wegseufzen.

Während alle aufhorchen, die Becher werden aufs Brett gestellt, man hört

schon Tritte, ein hübsch aufgeputztes Mädchen schleppt das Tablett, einer

nimmt Becher für Becher ab, Brot mit rotem Mus, die Uhr geht ganz genau,

selbst der Wärter ißt Brot, das Mädchen mit der weißen Schürze . . .

Ein Vergnügen, wie schnell die Tage vergehen. Mehr als jede Wohltat.

Schmidt lebt in seine Leute um ihn herum mehr hinein. Hört, daß einer, den

er schon lange wegen seines gequälten Gesichtsausdrucks beobachtet, ein

Ofensetzer ist. Zu dem kommt öfters eine Frau, setzt sich zu ihm, bringt

Milch, Eier, Bonbons. Jedesmal dreht sich der Ofensetzer weg, wenn die Frau

erscheint. Einmal begleitet sie ein junger schmächtiger Mann, vielleicht

der Sohn, er steht verlegen am Bett herum, die Frau stopft dem Manne

Eßwaren in den Mund. Der spuckt wütend alles aus. Die Frau ist fiebrig an

der Arbeit. Der Mann hebt den Kopf der Hals quillt an, wird blutrot, er

gurgelt etwas, dann kann er nicht mehr sprechen, hält den Arm weit weg. Der

ganze Körper erstarrt. Die Frau dreht sich gekränkt zum Wärter um. Der

Ofensetzer möchte hinausgehen, schreitet durch den Gang, bis er gefaßt und

ins Bett geworfen wird. Die Wärter schreien, das Aas führt uns an. Die

anderen sagen: wenn einer geht, soll man ihn gehen lassen. Einige lachen

aber, wenn er Prügel bekommt.

Es geschieht sonst nichts. Nr. 5 hat die Faust in den Vorhang gewickelt,

schlägt die Fensterscheiben ein, geht dann langsam ins Bett zurück, lacht.

Draußen scheint die Sonne. Eigentlich freuen sich alle, sprechen

miteinander, fragen, warum denn eigentlich -- nur die Wärter, der Vize, der

Oberwärter -- Erb freut sich kindisch. Prophezeit, es wird noch schlimmer

kommen, das schlechte Essen muß herhalten, auch von draußen werden sie

kommen. Zwei Stunden später ist völliger Aufruhr. In allen Stockwerken. In

den anderen Häusern.

Schmidt quälte sich mehr. Er hörte in sich etwas aufbrüllen. Laut sagte er:

Ordnung muß sein. Jeder muß sich in etwas hineinfügen, sonst kann eine

menschliche Gemeinschaft nicht bestehen, da muß der eine dem andern

nachgeben, aber er fühlte zu tiefst eine qualvolle Fessel, es würgte ihn.

Er begann wieder, andere Menschen um dessentwillen zu hassen.

Dennoch wehrte sich Schmidt weniger heftig gegen das zarte einspinnende

Wesen vieler Gegenstände, die scheinbar von selbst sich zu ihm ordneten.

Der Tisch, Schrank, Stühle, die Bettstellen, der Fußboden, die Lampe --

sprachen vertraut dämmernd auf ihn ein und umrankten seine Unterhaltung mit

den Freunden in zunehmend bestätigender Herrlichkeit. Er lernte viel und

streichelte die Bettdecke zaghaft, manchmal beruhigt und voll Erwartungen,

einer bisher fremden Seligkeit den Weg bereiten zu helfen.

Draußen -- zwischen den Stäben, Verzierungen, Rosetten und Kreisen, die das

Fenster vergitterten, schwand Tag um Tag das Licht, sprach in der

Dämmerung, summte von Glück. Weiter hinaus stand ein Fabrikschornstein

starr gegen den Dunst, ein Gewimmel schwarzer Häuser, daneben ein Stück

Laubwald, der bis an den schmalen Garten heranlief. Und wieder daneben

Ackerland, die Männer vom anderen Haus gingen häufig drüber hin, aus

versteckter Feldhütte kräuselt Rauch. Schmidt hört Schaufeln, metallischen

Klang, kurzen Ruf eines Aufsehers, drei große Buchen standen allein, ganz

scharf, und weiter weg zog sich der Bahndamm. Tag für Tag.

Schmidt hörte das Rollen der Eisenbahn und lauschte, bis es verklang, die

Sirenen der Fabriken, Glockenläuten von fern her, und spürte keinerlei

Sehnsucht, so stark lebte er in sich und in allem, was ihn umgab.

Bis er auch nach Wochen selbst in den Garten hinaustrat und immer in der

Runde herum und dann kreuz und quer ging, anfangs scheu allein, dann auch

mit anderen zusammen. Kinder wurden im geschlossenen Zuge herumgeführt.

Hinkten, stolperten, schleppten sich nach, hingen so schleimig aneinander

und sangen. Schmidt ging immer den Kindern nach. Da krampfte wer sein Herz

zusammen.

Da stand auf einmal alles um ihn herum still. Wurde schwarz. Trocknete ein.

Verkroch sich. Wind pfiff.

Da rief wer.

Dann sah er den Wärter auf sich zukommen. Er hätte noch etwas schnell sagen

wollen. Aber er mußte sogleich mitgehen. Es war alles so eisig. Die Zäune,

Mauern, Stufen, die Glastür. Drin stand der Doktor, eine Frau, ein dicker

Beamter, der freundlich lächeln wollte. Plötzlich mußte er daran denken,

wie peinlich es sei, draußen sagt einer, Schmidt wird außer der Reihe

vorgerufen. Er wurde glühend rot. Sah sich scheu im Vorzimmer um. Die Dame

sprach hastig auf ihn ein. Der Doktor sagte etwas zur Dame. Der Beamte

klopfte ihm auf die Schulter. Der Doktor maß ihn mit einem scharfen Blick.

Schmidt verzog das Gesicht. Die Frau sah gleichfalls sich scheu um. Eine

Pause. Eine Frau. Dann drängte der Doktor weiter. Dem Schmidt stieg ein Haß

gegen die Frau auf. Er merkte, es beginnt schon zu schlucken, es steigt

auf. Willst Du was haben, hörte er. Alles wurde glitschig. Er klammerte

sich wo an. Er verzog noch mehr das Gesicht. Bitten kann man hier nicht,

dachte er noch. Und doch hätte er die Frau am Arm fassen wollen und auf sie

einreden. Der Haß wanderte zum Doktor. Schmidt sagte etwas leise zum

Beamten. Der verstand nicht. Wurde plötzlich größer, ein fetter Koloß.

Immerhin fühlte sich Schmidt zu ihm hingezogen. Er setzte alles daran, mit

dem Mann weiter zu reden. Er merkte, daß er der Frau unrecht tat. Sie wird

bald weinen. Er fühlte auch in sich etwas, das unsagbar weh tat. Und ihn

wohlig überzog. Dann gingen alle. Er gab die Hand. Und fiel in einen

Abgrund.

Schreiend.

Er hörte sich noch einem hinzutretenden Aufseher sagen, ich will heute

nicht in den Saal, ich will eine Zelle. Ich halt's nicht aus. Eine Zelle

für mich allein. Der bot ihm eine Zigarette an, draußen im Garten, ein paar

Züge --? Es sieht niemand.

Schmidt aber dachte, ich habe ihr sehr weh getan. Ich habe sie irgendwo

getroffen.

Dann begann er zu fiebern.

Es ist alles doch nicht so! Brüchig. Faulig. Bedreckt. Immer gefesselt,

unlösbar verstrickt, angeschmiedet. Er fühlte sich das Maul aufreißen.

Hinten im Kopf hing ein Grinsen: Vorsicht! Dann schlich er weiter. Pah. Die

Frau. Soll sie sehen . . . ich will nicht mehr. Die andern! Aber es war

keiner mehr da. Schmidt brach ganz zusammen. Er schlich im Gang herum,

pickte an die Fensterscheiben. Dachte noch, es wird dunkel, man wird bald

zur Nacht essen. Es quälte sich immer höher. Stand schließlich: Ich hab'

mich verschrieben, -- ich muß folgen, demütig sein, ich muß . . . dann

wollte er Tränen herauspressen, sich selbst beflecken, stellte Stationen

auf, haßte sich, wollte sich an die Gurgel fahren, auf heulen -- bald wird

man mich rufen, ängstigt er sich -- nein oder ja? Ja!

Er mußte lachen.

Er wurde dann gerufen.

Dann träumte er, schwer, interessiert, in Schweiß gebadet.

Er träumte voller Auf und Nieder. Versuche, Zusammenbrüche. Er träumte,

träumte zäh und krallte sich am Bettpfosten fest. Noch, als man ihm Trional

geben wollte, das er ausspie. Es nützte nichts, daß man gewaltsam die Zähne

auseinanderbrachte.

Stotternd sagte er: Lassen Sie mich doch, ich bin gleich ganz ruhig. Der

Oberwärter war geradezu erstaunt. Wollte nochmals zugreifen, ließ aber,

während er schon fest den Kopf hielt, plötzlich ab. Er nahm das Glas und

trug's hinaus, ohne dem Aufsichtführenden noch ein Wort zu sagen. Draußen

rollte die Bahn.

An einem der nächsten Morgen wurde Schmidt zum Doktor gerufen. Ein

Schreiber saß da, mit aufgedunsenem Gesicht, Triefaugen, die Hand zitterte

schrecklich, dann der Doktor, hinter einem Stoß Akten; auf einem Stuhl

dicht an der Tür nahm Schmidt Platz.

Die Personalien -- der Vater etc. Der Doktor horcht auf, der Schreiber

schreibt auf einen Wink. »Und Sie?« »Nichts.« Schmidt gibt an: Nichts.

Mutter lungenleidend. »Lieben Sie Ihre Mutter?« »Nein.« »Warum?« »Sie

lügt.« Der Doktor rückt auf dem Sessel herum. Schmidt schweigt auf die

nächste Frage.

»Ja, aber nun sagen Sie mal, wie lange leben Sie mit Ihrer Frau zusammen?«

»--« »--« »Also« -- nach einer peinlichen Pause -- »hier ist angegeben, Sie

haben sich mit einem Hammer auf die Stirn geschlagen. Sie leiden an

Krämpfen?« »Ich weiß nicht.« Der Doktor steht auf. Lang, hager, faltiges

Gesicht, die Augen blinzeln über dem Klemmer hinweg. »Kommen Sie doch

näher, fürchten Sie sich denn?« Schmidt lächelt verlegen. »Na also -- sagen

Sie mir doch, quält Sie die Frau nicht? Man weiß doch, wie das ist.«

Schüttelt den Kopf, reckt sich. »Ja?« »Nein« -- ehrlich überzeugt. Der

Doktor fragt schnell: »Trinken Sie?« »--« »Stottern Sie immer?« So ein

Hund, denkt Schmidt. Vorwurfsvoll: »Schmidt --?« »Nein.« Der Doktor legt

seine Hand Schmidt auf den Arm. »Vertrauen Sie mir doch.« »Ja, um Gottes

willen, was soll ich denn sagen,« sprudelt der hervor. »Sehen Sie, so was

tut man doch nicht.« Der zuckt die Achseln. Pause. Dann sagte er leise:

»Manchmal kann ich mich nicht halten. Ich muß einfach.« »Wie --« »Ich will

nicht mehr leben, es ist so furchtbar, ich halt's nicht aus, ich will

nicht, es ist geradezu . . .« Ein Gewicht fällt nieder. Der Doktor verzieht

nervös das Gesicht. »Sie sind jetzt sehr aufgeregt.« Schweigt. Sieht dann

zum Doktor auf. Der lächelt etwas. Man hat das Gefühl, die werden

zueinander gehen. Schmidt steht auf und sieht zur Tür. »Fehlt Ihnen hier

was?« Schmidt verbeugt sich, will gehen. »Warten Sie, lieben Sie Ihre

Frau?« »--« Doktor zuckt nervös. »Sehen Sie, Sie sind doch ein prächtiger

vernünftiger Mensch, ich glaube, Sie passen nicht zusammen, ha?« Ach --

denkt Schmidt geringschätzig, bereitet eine lange Rede vor. Dann sagt er:

»Ich prügle sie manchmal.« »--« »Ich muß. Viel schlimmer, als wenn ich mich

prügle.« Der Doktor winkt ärgerlich ab, murmelt: »Sie werden doch einen

Grund haben.« Schmidt möchte den Doktor in die Gurgel beißen. Er ist hier

so machtlos. Schmidt will sprechen. Da kommt schon der Nächste.

So glücklich wurde Schmidt, daß er fest daran glaubte, es würde ihm noch

gelingen, den Doktor zu retten.

Es blieb dabei, draußen leuchtete die Sonne blutrot. Die Vorhänge wurden

vorgezogen, es hieß schlafen gehen, und sein Glaube wuchs und wurde so

übermächtig, daß alle Glieder bebten.

In solcher Nacht lauschte Schmidt dem Ablauf jedes Lebens. Und es kam vor,

daß sein Nachbar Schubert sich aufrichtete, stöhnte, einige Worte stammelnd

starr gegen das Fenster sah. Auch Schmidt richtete sich auf, er dachte,

Schubert wird jetzt zu ihm sprechen wollen. Aber der sah angstverzerrt zum

Fenster hin, stöhnte . . . Die Augen, die Augen . . . und brach in Weinen

aus. Jammerte: Ich kann nicht hier bleiben, wand sich hin und her, bis er

nur noch krampfhaft zuckte. Es half nichts, daß der Wärter ihn festhielt,

er begann aufzustehen, es hielt ihn keine Gewalt, er schrie: Ich muß hier

fort, liebe liebe Leute. Half nichts, daß man ihn schlug, die Arme und

Beine binden wollte -- die Wärter schwitzten -- er gurgelte und stöhnte und

brachte immer neue Kraft auf, alle ringsum im Saal wurden unruhig, Schmidt

fieberte vor unerträglichstem Schmerz -- dann glitt ein leuchtender Strahl

über den Jammernden hin, er lauschte gespannt, Verzerrungen lösten sich,

man ließ von ihm ab, Schmidt sah, wie er das eingefallene Gesicht zu einem

Lächeln verzog.

Dann fühlte er, wie Schubert nebenan sich lang hinstreckte, den Kopf unter

die Decke vergrub. Er fühlte deutlich die entsetzliche Spannung hoch- und

niedergehen. Fühlte, wie dessen Körper mitging, er mußte ganz

zusammengeballt verkrochen sein. Zwar waren die Hände mit Fausthandschuhen

bedeckt am Bettpfosten angebunden, aber sein Blut bebte ruckweise, atmete

schwer und sehnsüchtig, bis er erlöst abbrach, ein lauter heller Ton

schwebte noch im Saal, dann fiel Schubert wieder völlig zusammen, der Kopf

hing zur Seite über das Bett hinaus, der Körper schrumpfte sich mit ein, es

war unschwer, auch die Hände wieder aus der Fesselung zu befreien.

Dennoch hatte alle ein ungeheuer lastendes Grauen gepackt, sie schwangen

mit diesem Körper mit und waren erstarrt, daß sie nicht mit erlöst wurden.

Eine Würgehand hielt alles nieder. Es war entsetzlich, daß niemand die

Kraft hatte, laut zu schreien. Nur der Wärter lächelte verzweifelt an

seinem Tisch. Er kam allen auf einmal klobig und eckig vor. Ein plumpes

glotzendes Stück Menschenfleisch, völlig außerhalb. Er konnte durch das

Grauen hindurch kaum deutliche Worte sprechen. Es klang blechern, klapperte

vor Unruhe, er hätte sagen wollen, auch das ist eine Krankheit wie zu

vieles Saufen oder so etwas. Schmidt sah, daß er sich lieber meilenweit

fortwünschte. Es war eine maßlose Überlegenheit vieler Menschen über den

Wärter hereingebrochen. Der dachte noch daran, daß Schubert eine junge Frau

hatte, der viele Männer auch hier im Hause nachsahen. Er erzählte dann noch

jemandem, daß Schubert bei seiner Einlieferung einen feinen Anzug hatte, er

sei sicher was Besseres und seufzte zu guter Letzt.

Schmidt wälzt sich noch ruhelos herum, in steigender Angst. Sie greifen

wieder in das Leben ein, denkt er. Widerwillen bis zum Speien. Die

Eingeweide schmerzen. Kein Fleck an seinem Körper, der nicht wieder

betastet werden wird. Es fließt ekle Weichheit über ihn. Er möchte sich

aufbäumen und ist doch so wehrlos. Sieh mal, hört er eine ferne Stimme sich

zusprechen, die Menschen sind aufeinander angewiesen. Nein, will er

schreien, doch doch, sie sollen sich ergänzen, auch trägt die Kraft des

einen viele anderen mit. Ich habe keine Kraft, begehrt er auf. Allerdings

bin ich auch zu viel mit anderen Menschen verbunden, gesteht er sich zu --

darum will ich jetzt allein sein. Aber die Glut, die über ihm ist, läßt

nicht locker: Sei doch stark. Er beginnt schon nachzugeben, Tränen steigen

auf. Wenn ich auch wollte, ich kann doch nicht, fühlt er noch. Dann ist er

bereiter. Vielleicht soll man sich wieder mitten in die Welt hineinstellen,

beschließt er. Ich habe die Frau doch nicht geliebt, fällt ihm ein. Ich muß

erst einsehen, daß sie mich völlig trägt. Vielleicht wird sie bald zu mir

kommen, fühlt er. Muß daran denken, daß sie bei ihren Besuchen immer Tränen

in den Augen hat. Es braucht nicht alles glitschig und schmierig zu sein.

Er ist schuld, daß sie nicht freier atmet. Es nützt nichts, sich selbst zu

zerstören. Alles Betrug. Warum sollen die andern ersticken, daß er nicht

leben will? Er beginnt sich glühender zu schämen. Wie ein schmerzendes Netz

liegen die Gedanken über ihm. Er muß die Knoten von innen her ausbrennen.

Freies Leben. Frohlocken.

Dann spinnt er ruhiger seine Pläne fort. Er fühlt, daß er unendlich stolz

geworden ist. Jetzt merkt er erst, daß er schon viele Menschen in sich

lebt. Sehnsucht quillt. Wenn er die Tiere liebt, Blumen, den Horizont, den

blauen Strich ferner Wälder und im Menschen das alles zusammen? Zuerst in

dem einen einmal bestimmten und gewählten Menschen -- niemals mehr Ekel

empfinden, sich gehen lassen. Mag er selbst noch gezogen, gezwungen,

bestimmt sein -- los! Er wartet alle Tage auf die Frau. Schillernder

Frühling macht alles weit, das Feld dehnt sich und lockt. Er muß ganz

schnell im Garten hin- und herlaufen. Er muß den Doktor, den Oberwärter,

gar den Professor glückstrahlend grüßen, dankend aufatmen. Das Lächeln

verstrickter Gewohnheiten ist hinter ihm. Klammert sich an. Gibt mir Kraft,

fühlt er. Ganz frei.

Wenn auch draußen die Sonne steigt und fällt, freches Grün zwitschert,

Schmidts Sehnsucht klammerte sich nicht daran. Eine andere Arbeit hielt ihn

im Bann und zwang und lockte. Es galt, sich tiefer zu festigen. So, daß er

täglich mit sich rang und Erinnerungen vor sich ausbreitete, die zwar tiefe

Wunden geschlagen hatten und immer wieder das Blut sieden ließen, aber

dennoch eine mehr regelmäßige Bewegung loslösten, auf deren Zügelung

Schmidt alle Hoffnung setzte. Darin war der Glanz seiner Umwelt mit

einbegriffen.

Er dachte -- zwischen blutheißen Schauern und bohrenden Erbitterungen -- an

den Musiker, zu dem erst noch unlängst die Frau gelaufen war: Sie muß ihm

helfen, ruft er mich nicht -- ist nicht auch dort mein Platz? Sicherlich

hat sie so gesprochen, jedenfalls lief sie hin, sie blieb Nacht für Nacht

dort, gleichwohl er sie schlug, sich selbst das Haar raufte, auf dem Boden

lag und mit den Füßen schlug. Schmidt fühlte, es wird nie sein, daß er das

begreift. Damals hatte er auch noch gejammert: Ich hab' ihr doch nichts

getan. Bald wußte er, das war es nicht. Auch der andere nicht. Ich hätte

auch sein Freund sein können, erinnerte er sich. Und das Schlimmste --

schließlich versank wieder alles. Die Frau ließ allmählich den Musiker

fallen. Es wurde eher, daß Schmidt ihn hätte verteidigen wollen, er fühlte

sich immer näher, er kam nie dazu, sich klar auszusprechen, die Frau stritt

gegen ihn, sie wurde so leidzerrissen, daß er erschrak und verstummen

mußte. Das Leid dieser Frau schob sich dazwischen und verlangte nach ihm,

fraß sich ein und erstickte alles. Das Leid dieser Frau. Manchmal war es so

lächerlich klar, daß er sie nicht liebte. Er dachte daran, Liebe ist etwas

Befreiendes, es muß aufstürmen, Empörung, ungeheueres Glück sein. Alles das

aber kann es nicht sein, grübelte er. Eher eine Erweiterung voll gräßlicher

Anstrengungen, sich zu ertragen in all dem Mehr. War der Musiker ein Stück

Holz -- mußte er nicht ein Mensch sein, der auch zu ihr strebte, und

dennoch wußten sie voneinander nichts. Sie vereinten sich niemals. Schmidt

konnte keine Antwort geben. Biß sich die Faust, das Blut sickerte. Er

stellte sich hin und hämmerte sich in den Kopf. Ich will dennoch aushalten.

Ihr Blut strömt zu einem andern, sie schließt mich aus. Gut, ich ersticke

trotzdem nicht. Aber er weinte.

Es war so schwer, wenn sie dann später zu ihm sprach, neben ihm ging, er

erlebte jede Sekunde beider Zusammensein. Das Blut sehnte sich zu beiden.

Ob er sich auch empörte, und wurde verschmäht und wandte sich gegen ihn daß

er zitterte und zerriß.

Die Birken im Garten wußten darum.

Auch die Frau kam häufiger und küßte ihn. Auch sonstige Menschen von

draußen kamen und sprachen zu ihm, Schmidt richtete sich langsam darin ein,

wenngleich überlegener. Aber er dachte: die Frau soll gehen. Ich will

aufmerken, daß ihr nichts fehlt, daß ich für sie da bin. Die Frau drängte

ihn wieder zu sich. Sie war zu scheu, ihm aufzuzeigen, ob sie litt. Das

Wesen der Frau war ihm so fremd. Er wollte ihr glauben und liebte sie.

Und zu verschweigen, daß er ins Bordell gegangen war in der Hoffnung,

aufgeblättert zu werden, emporgerissen, endlich ein neuer Mensch, um

enttäuscht wieder herauszulaufen, Gelächter hinter ihm.

So lebte Schmidt zwischen den Tagen aufblühender Klarheit. Aber es fügte

sich so, daß Schmidt, als er viel später eines Tages plötzlich auf die

Straße entlassen wurde und an der Seite der Frau zur Bahn ging durch ein

hohes altertümliches Tor hindurch, an dem kunstvolle Schmiedearbeit

besonders auffiel, fügte es sich, daß Schmidt alle äußere Sicherheit wieder

verlor, die Kameraden, Kinder, Birken und den Rauch aus der kleinen

Waldhütte.

Er erschrak vor den Menschen, die jetzt um ihn herum sein wollten. Sie

waren so aufgequollen, grob-stier, eckig und zuckten wie Hampelmänner,

waren wirklich so klobig, er ekelte sich und schrie verzweifelt in sich

hinein. Die lächerliche Bahnfahrt.

Er schritt dann am Arm der Frau ihrer Wohnung zu. Sonne grinste herbstlich.

Die Frau war mild befangen, zutunlich, zuweilen aufgeregt, sie störte nicht

und bestärkte ihn. Er wird es nie merken, daß sie vielleicht für ihn in

sich die Welt trägt. Aber Schmidt kriselte. Kruste auf Kruste fiel. Ein

Leben umspannender Schrei dehnte sich, eine namenlose Furcht -- er hörte

die Menschen sprechen, als ob sie bellen, beißen werden -- doch das Wunder

hielt stand: er wußte, von ihm selbst wird's abhängen. Sollte er auch

allein sein -- und hätte der Frau die Hand küssen wollen.

Gnadenreiche, unsere Königin · 第 3 / 5 题