»Ich will nicht mehr,« sagte Maria und warf die Karten hinter sich auf das
Fensterbrett. Draußen regnete es.
Der Wald klebte an den Bergwänden wie ein schleimiger, schwammiger Aussatz.
Sie spielten den ganzen Tag Karten, er gab sich Mühe, geschickt zu
verlieren. Von Zeit zu Zeit sagte sie: »Ich will nicht mehr« und warf die
Karten hinter sich auf das Fensterbrett. Sie sprach nur, was auf das Spiel
Bezug hatte. Wenige Worte. Sie sahen sich schweigend an, als ob jeder in
dem anderen etwas tief Geheimnisvolles, eine letzte Erkenntnis ergründen
müßte. Sie merkten nicht, daß sie aneinander vorbeisahen, durch die
Fenster, den Wald und die Berge hindurch in eine unendliche Ebene, in der
sie sich verloren. Von Zeit zu Zeit sagte er: »Was wird nun --« und
versuchte, sich aufzurichten. Er vergaß, daß er wohl eine Antwort überhört
haben mochte. Er nahm wieder die Karten auf und sagte einen Trumpf an.
Und doch glimmte ein Funken, für Sekunden leckten Stichflammen an die
Oberfläche empor, es zog den Körper auf und nieder, etwas Weiches,
Glitschiges, das sich ansaugte und Ekel erregte.
»Ich will nicht,« hörte er wieder und meinte, eine frische Brise müsse ihn
forttragen, hinaus, weit fort. Weg von dieser Frau, und ihm Frieden geben.
Blitzschnell durchzuckte ihn der Gedanke, daß er ihre körperliche Nähe
nicht mehr ertragen könnte, und ließ ein Gefühl von Unbehagen zurück, das
sich steigerte.
»Neulich träumte ich von dir. Du warst von mir gegangen, und ich suchte
dich. In einem Konzertgarten glaubte ich dich gefunden zu haben. Du saßest
in einem Kreise von Männern, die wie Kellner und Zuhälter aussahen, und
schienst sehr vertraut zu sein. Ihr lachtet alle sehr laut, du erzähltest
etwas und langtest ständig mit den Armen über den Tisch. Ich mußte denken,
so muß es sein wenn man den Kindern Brot schneidet, und ich entdeckte an
deinem Körper, daß er eckig war und starke Knochen hatte. Es war so, daß
man hätte sagen müssen, diese Frau hat viele Kinder. Sie ist gut für den
Staat. Ich war sehr bestürzt. Ich lief in weitem Bogen um den Tisch und
traute mich nicht mehr, mich bemerkbar zu machen. Ich fühlte, daß du von
mir sprachst. Aber seltsam, es traf mich nicht. Ich wußte wohl, daß alle
über mich lachten, aber ich war so ruhig und dachte, das ist gut so, daß
alle über mich lachen. Es ist ein so weiter Abstand. Nur die Neugierde
empfand ich, zu sehen, ob du das wirklich warst, du verstehst, ich
zweifelte noch. Einer der Männer hatte einen Buckel. Ich erinnerte mich,
daß du von einem Vetter gesprochen hattest, der nach der ganzen Schilderung
einen Buckel haben mußte. Ich war erlöst. Ich hatte Mitleid mit dir. Ohne
daß es mich quälte. Doch wollte ich Gewißheit haben, ich merkte, wie ich
mit dir rang, ich dachte mir, laß doch, es hat ja doch keinen Zweck, es ist
gut so. Ich mochte wohl lange Zeit überlegt haben, auf einmal rief ich laut
mehrmals hintereinander: Hilpert -- Hilpert. Wie wenn man kurz eine Kugel
nach dem Ziel stößt. Ich dachte, der Buckelige würde erschrecken oder
schnell sich umdrehen und nach einem Bekannten ausschauen, aber er drehte
nur langsam den Kopf mir zu und drohte lächelnd mit dem Finger. Wie wenn
ein Vater sein Kind schilt und sagt: Sei brav. Mir war, als hätte ich einen
Schlag bekommen. Ich sah, daß alle von meiner Anwesenheit wußten, sie war
selbstverständlich. Es quälte mich so, daß ich erwachte. Ich hörte dich im
Nebenzimmer im Bett, und ich gestand mir ein, du seiest vielleicht doch
anders als jene Frau.«
Sie sahen wieder lange Zeit schweigend durcheinander hindurch.
Sie hatte den Kopf gestützt und schien zu lauschen.
Er hätte es gern gesehen, wenn sie gelächelt oder irgendeine Bemerkung
gemacht hätte. Sie blieb unbeweglich und schwieg. Er dachte an die
Möglichkeit, daß sie eingeschlafen war. Er empfand seine Unruhe wachsen. Es
lastete etwas auf ihm und drohte ihn zu ersticken. Sein Atem ging kurz. Er
sah sie mit flackernden Blicken an. Seine Stimme bekam einen rissigen
Klang.
»Manchmal erinnere ich mich jenes Auftrittes, als ich mit dir in einer
fremden Stadt in ein Tanzlokal ging. Es war ein Lokal, das in sehr
schlechtem Rufe stand, aber ich wollte durchaus hin, du weißt, es spielte
ein Orchestrion.« Er sprach schneller, als wollte er etwaigen Einwendungen
zuvorkommen. Er sprach über sie hinweg wie zu einer fremden Person, die
hinter dem Fenster stand. Ach was, dachte er, ich werde es ihr zeigen,
nein, ich muß das sogar und gerade jetzt. Er suchte in ihrem Gesicht nach
Spuren von Unruhe und lächelte boshaft.
»Du mußt verstehen, ich konnte nicht anders, ich mußte hingehen und um
Entschuldigung bitten. Es war ja lächerlich, er kommt auf dich zu, schlägt
dir mit der Faust ins Gesicht und schreit, du hättest ihm Geld genommen.
Warum du nur darauf eingingst -- es war ja gleich, was er auch sagte, aber
du gebrauchtest Ausdrücke -- du sagtest damals, du wärest noch nie dort
gewesen, es war seltsam.« Er schwieg plötzlich. Ihr Gesicht bekam einen
abweisenden Zug, wurde kalt, fremd, als wollte sie einem hinzutretenden
Unbekannten zurufen: Wer spricht eigentlich hier?
Er nahm schnell die Karten wieder auf und sagte einen Trumpf an. Die
Erkenntnis seiner Feigheit war ihm so beschämend, daß das Blut in den Kopf
stieg. Er wartete nicht erst ab, ob sie auf das Spiel einging, und legte
die Karten wieder hin. Er tat es behutsam, als habe er Kostbares in den
Händen, und hielt den Kopf gesenkt.
Sie fragte leichthin: »Wo hast du deine Freundinnen eigentlich kennen
gelernt?« Er schwankte einen Augenblick, als ob er auffahren wollte, und
antwortete ruhig: »Du weißt es ja, bei jenem Fest.«
»Ich hatte das nicht von dir gedacht.« Sie sprach leise mit zitternder
Stimme, in Erinnerungen versunken: »Du solltest ganz mein sein, ich wollte
jemanden haben, zu dem ich hätte aufblicken können.«
Er stieß hervor: »Und da hast du das Schlimmste getan, was überhaupt ein
Weib tun kann . . .«
»Was habe ich denn getan . . .« sagte sie leise, »alles ist von dir
ausgegangen, du hast mich gehetzt, wo ich bei dir die Ruhe gesucht habe.«
»Und was ist schließlich, es war ja nicht so schlimm, du hättest zu mir
kommen sollen.« Eine Flut widersprechender Gedanken stieg in ihm auf.
»Du hast mich gebeten, immer ganz offen zu sein. Ich habe in der ersten
Minute unseres Zusammenseins gezittert, enttäusche mich nicht, nur du
nicht, es tut mir so weh, aber ich habe das nicht gefunden, was ich
suchte.«
»Was soll ich denn tun . . .« schrie er, brach ab und bereute seine Worte.
Sie sprach unbeirrt weiter: »Du hast mich immer allein gelassen. Du hast
deine Freunde und deine Vergnügungen. Was habe ich, und ich habe dich so
lieb . . .« Sie schwiegen wieder eine Zeitlang.
Die Stille des Zimmers und das gleichmäßige langsame Anklatschen der
Regentropfen ließen ein Grauen entstehen, das riesengroß emporwuchs. Es war
ein unförmiger Koloß, der lautlos und unabwendbar niederglitt. Es war, daß
man lauscht nach dem Knistern der erwürgten Fleischmassen und den Splittern
der zerriebenen Knochen, daß man sich sehnt nach Krachen und Getöse und man
nichts hört. Es war, als ob ihre Körper sich in einem verzweifelten Grinsen
schüttelten. Er fühlte: Vielleicht hat sie recht. Sie ist eine Spinne, ich
verstehe es nicht -- hat sie nach mir gefragt?
Sie saß ihm gegenüber wie festgebannt.
Sie starrte ihn unverwandt an. In seinen Blicken lag der Todesschrei eines
Tieres.