direkten Kampfmittels zwar nicht erhalten, da die Versuche, gepanzerte
Lokomotiven als solches zu gebrauchen, nur vereinzelt gemacht und nicht
weiter verfolgt worden sind; jedoch haben Eisenbahnen und Telegraphen
auch das Wesen des Landkrieges gründlich verändert. Schon in der
Vorbereitung: Mit ihrer Hilfe vollzieht sich die Mobilisierung des
Heeres und die Zusammenziehung seiner getrennten Teile auf die für den
Angriff oder die Verteidigung geschickten Punkte in einem Zeitraume,
dessen Kürze gegen die bei der frühern Art der Truppenbewegung
erforderliche Zeit verschwindend klein ist. Die geschickte und
energische Benützung dieser Hilfsmittel giebt unter Umständen einen
Vorsprung, der für den Ausgang des Krieges entscheidend werden kann.
Sie sind nicht minder wichtig während des Krieges, sofern sie für
Beförderung der Truppen und Kampfmittel benutzbar sind. Die Armee,
welche die Eisenbahnen beherrscht und im Besitz ihres Betriebsmaterials
ist, beherrscht das Feld. Die Aufgabe des Feldherrn ist, aus ihnen
die Bewegungen der Truppen so zu kombinieren, daß diese im gegebenen
Zeitpunkte an bestimmter Stelle den feindlichen Kräften überlegen sind
und diese entweder zum Rückzuge oder unter ihnen ungünstigen Umständen
zum Kampfe nötigen. Die moderne Strategie besteht daher zu nicht
geringem Teile in dem Wissen und dem Geschick, mit den Eisenbahnen als
den mächtigsten Bewegungsfaktoren zu operieren und die Schlachten, in
denen nach der gegenwärtigen Art der Bewaffnung mehr die Menge der
Truppen als die persönliche Tapferkeit ausschlaggebend ist, nur da zu
schlagen, wo diese entscheidende Überlegenheit der Massen gesichert ist.
Von eminenter Wichtigkeit ist sodann, daß durch die Eisenbahnen
Proviant und Munition, sowie der erforderliche Ersatz an Mannschaften
und Waffen der Armee nachgeführt und die Verwundeten aus der Nähe
des Schlachtfeldes entfernt und in zurückliegende Lazarette oder in
die Heimat verbracht werden können. Zahlreiche Leben werden dadurch
gerettet. Wer dächte nicht mit inniger Dankbarkeit an diese Leistungen
der Eisenbahnen in den letzten schweren Kriegen, welche Deutschland
zu kämpfen hatte, und zugleich nicht auch an die Wirksamkeit
des Telegraphen, der von Tag zu Tag über die Ereignisse auf dem
Kriegsschauplatze berichtete und die spannende Sorge unzähliger Herzen,
welche um das Vaterland und um teure Angehörige bangten, verkürzte oder
löste?
Wenn man mit Recht sagen kann, daß die Kriege der Jetztzeit blutiger
geworden sind, so sind sie dafür kürzer und in gewissem Sinne
menschlicher; letzteres nicht bloß insoweit, als die Opfer des Kampfes
bessere Pflege erhalten, sondern auch darin, daß die friedliche
Bevölkerung des von dem Kriege heimgesuchten Landes, dank den neuen
Verkehrsmitteln, nicht so schwer wie in früheren Zeiten von der Last
des Unterhaltes der kriegführenden Heere und ihres Trosses zu leiden
hat. Ein großer Teil des grausigen Elends und der Barbarei früherer
Kriege hatte darin seinen Grund, daß die Truppen von dem Lande
verpflegt werden mußten, wo sie lagen, und daß die Notwendigkeit der
Selbsterhaltung für sie jede Schonung der Bevölkerung ausschloß. Die
Gegenden, in denen der Krieg gehaust hatte, verödeten oder verarmten
auf Jahre hinaus. Das ist jetzt besser geworden. Auch jetzt noch
ist der Krieg zwar eine harte Geißel; aber die Ordnung der Proviant-
und Fouragelieferungen und des Requisitionswesens, welche durch die
Eisenbahnen möglich geworden ist, setzt die Heeresleitung in den
Stand, das Land vor erschöpfender Aussaugung zu bewahren und die
Ausschreitungen der Truppen, welche in mangelhafter Verpflegung
begründet sind, zu verhüten. Die Erhaltung besserer Manneszucht
schützt gleichzeitig vor der Verrohung der Sitten und der Neigung
zur Gewaltthätigkeit unter den Soldaten, welche sonst eine der
beklagenswertesten Folgen der Kriege zu sein pflegten. Wenn auch
das Ziel der menschlichen Kultur, ohne Kriege bestehen zu können,
in unabsehbarer Ferne liegt, so ist es doch immerhin ein namhafter
Fortschritt zu ihm, die Greuel, mit denen der Krieg verbunden ist, zu
beschränken und zu mildern.
In diesem Zusammenhange ist auch der segensreichen Wirkungen der
Feldpost zu gedenken. Zwar obliegt der Post auch in Friedenszeiten
eine schöne ethische Aufgabe. „In den Falten der Briefe,“ sagt
~Dr.~ von Stephan so schön, „sind Freundestreue und Liebesglück,
Vaterwort und Mutterthränen geborgen. Durch sie wird der sittliche
Wert des Seelenumgangs zur Potenz erhoben, die pädagogische Wirkung,
der ethische Gehalt des Familienlebens in Zeit- und Raumformen
übertragen. Sie bringen den Frühling gleich den Scharen der Zugvögel,
und sie streuen, wie beschwingte Boten des Äolus, den Blütenstaub
der Heimat auch auf den entlegensten Pfad des fernen Wanderers.“
Niemals aber kommt diese ethische Wirkung der Post mehr zur Geltung,
als in kriegerischen Zeiten. Das hat sich besonders während des
großen deutschen Einheitskrieges der Jahre 1870 und 1871 gezeigt.
„Der begeisterte Dank des Vaterlandes, die frischen Schilderungen
der unmittelbaren Eindrücke, welche die Kunde von den großen Siegen
hervorgerufen, vor allem aber die +Wärme des Gefühls+ in den stets so
freudig empfangenen Boten der Heimat,“ schreibt wiederum +Stephan+,
der Augenzeuge jener welthistorischen Aktionen, „stärkte und belebte
den Krieger; und daß diese Wärme auch ihr mechanisches Äquivalent
besaß, zeigte sich in den siegreichen Schlachten.“ Wer übrigens die
ethische Wirksamkeit einer geregelten Feldpost bezweifeln möchte, der
sei auf die gleichfalls von unserem Generalpostmeister berichtete
Thatsache verwiesen, wonach demselben bei Sedan gefangene Franzosen
erzählten, sie hätten seit ihrem Abrücken aus der Heimat keine Briefe
erhalten, und dieser Mangel an Nachrichten von den Ihrigen habe zu
der Niedergeschlagenheit und Apathie der besiegten Armee nicht wenig
beigetragen.
Auch in den +friedlichen Beziehungen der Staaten+ treten deutlich genug
die Einflüsse der modernen Verkehrsmittel zu Tage, sowohl +bezüglich
des Verhältnisses der Staaten zu einander, als auch hinsichtlich des
innern politischen Lebens der Einzelstaaten+.
Man wird in der erstern Richtung nicht fehlgehen, wenn man den
Eisenbahnen und Telegraphen einen wesentlichen Anteil beimißt an
der der Zeit eigenen Tendenz zur Bildung von Großstaaten und zur
staatlichen Zusammenfassung von Nationen. Die Gleichartigkeit und die
Verdichtung der Interessen auf dem durch die Verkehrsmittel erweiterten
wirtschaftlichen Gebiete verträgt nicht dessen Stückelung in staatliche
Kleingebilde. Die materiellen Interessen verlangen vielmehr, um
gedeihen zu können, möglichst weit reichende Gleichmäßigkeit der
Gesetzgebung und Verwaltung, sowie eine starke staatliche Macht,
welche sie nach außen und innen zu schützen vermag. Weder das eine
noch das andere vermag der Kleinstaat zu bieten. Wenn in den Tagen
des heiligen römischen Reiches deutscher Nation ein Chronist spotten
konnte, daß ein guter Sechzehnender an einem Tage über die Länder von
siebzehn Herren setzen konnte, so hatte dies für den Verkehr nicht
viel zu sagen, da Menschen und Waren soviel langsamer gingen. Heute
haben die Eisenbahnen die Schnelligkeit des Hirsches, und die Welt
würde es nicht bloß lächerlich, sondern unerträglich finden, wenn das
wirtschaftliche Leben, das sie entwickelt haben, in jedem Ländchen
die besonderen Hemmungen neu erleiden müßte, welche dessen besondere
Finanz- und Polizeihoheit ihm aufzulegen für gut finden möchte. Der
festeste Halt des deutschen Zollvereins, bis die Zeit für das Deutsche
Reich reif war, sind wohl die Schienen der Eisenbahnen gewesen. Heute
freilich besteht Einheit im Deutschen Reiche hinsichtlich des Post-
und Telegraphenwesens, des Münz-, Maß- und Gewichtssystems, des
Militärwesens, und bald auch bezüglich der Rechtspflege.
Dazu kommt ein anderes wichtiges Agens, das Bewußtsein der nationalen
Zusammengehörigkeit, welches durch den gesteigerten Verkehr zwischen
den durch gemeinsame Sprache und Abstammung Verbundenen geweckt und
lebendig erhalten wird. Es sucht seinen Ausdruck und findet sein
Genügen nur in dem Aufbau eines entsprechenden staatlichen Organismus,
der das Verwandte zusammenfaßt und durch diese Vereinigung stark
genug wird, sich und jedem seiner Angehörigen auch in der Welt
Ansehen und Geltung zu verschaffen. Der deutsche wie der italienische
Einheitsgedanke sind auf diesem Wege aus dem Reiche gestaltlosen
Wünschens und Sehnens zur thatkräftigen Verwirklichung gediehen. Sah
doch K. Becker in seinen „gepanzerten Liedern“ und in seinem „fahrenden
Poeten“ schon 1838 in den Eisenbahnaktien „Wechsel, ausgestellt
auf Deutschlands Einheit“, und in den Schienen „Hochzeitsbänder,
Trauungsringe“.
Der äußern Anziehungskraft entspricht nach innen eine +Stärkung und
Konzentrierung der Regierungsgewalt+. Die Eisenbahnen und Telegraphen
sind ein politisches Machtmittel ersten Ranges, in werdenden Staaten
zur Befestigung des Staatsverbandes, in fertigen zur Kräftigung der
Exekutive und zur Vermehrung des politischen Einflusses der Regierung.
In Argentinien rühmt man, daß die Ära der Revolutionen geschlossen sei,
seit die Centralregierung ein Telegraphennetz über das Land gelegt
hat. Aufstände und Pronunciamentos in den entlegenen Provinzen waren
früher an der Tagesordnung und hatten Zeit, sich auszubreiten, da
Wochen vergingen, ehe die Kunde davon zum Sitze der Bundesgewalt drang.
Gegenwärtig ist die telegraphische Meldung von der nächsten sichern
Stelle und der telegraphische Befehl an die nächsten zuverlässigen
Truppen Sache von ebensovielen Stunden, und es gelingt dadurch meist,
aufständische Erhebungen im Keime zu ersticken. In den europäischen
Kulturstaaten wird man keinen Anlaß haben, diese Wirksamkeit des
Telegraphen an erster Stelle rühmend hervorzuheben; indessen giebt
er in Verbindung mit der Eisenbahn auch hier der Regierung die
Möglichkeit, sich von allen wichtigeren Vorkommnissen fast im
Augenblick des Geschehens zu unterrichten und, wo es not thut, das
geeignete Einschreiten anzuordnen. Es führt dies des weiteren dazu, daß
die beschließende Gewalt in den Centralinstanzen sich zusammenzieht,
dagegen die Selbständigkeit und die Verantwortlichkeit der lokalen
Behörden beschränkt wird. In manchen, insbesondere kleineren Staaten
resultiert daraus die Möglichkeit, Zwischenstellen zu beseitigen und
den Behördenorganismus zu vereinfachen.
Die Eisenbahnen speciell verstärken die Staatsgewalt in doppelter
Weise. Wo der Betrieb in den Händen der Regierung liegt, vermehrt sich
die Zahl der ihr untergebenen Beamten, denen Pflicht und Interesse
gebietet, da, wo politische Parteien bestehen, sich auf die Seite der
Regierung zu stellen, deren Berufung und Anstellung aber in jedem
Falle der Regierung auf Bewerber und Beliehene Einfluß sichert. Sie
hat ferner durch die Regulierung der Frachttarife und die Ordnung
der Fahrpläne eine ausnehmend starke Einwirkung auf den Betrieb des
Handels und der Großindustrie, die sich eines andern Verkehrsmittels
nicht mehr bedienen können, und durch die Erteilung oder Versagung
von Konzessionen, die Unterstützung oder Erschwerung von neuen
Unternehmungen die Entscheidung über das Gedeihen oder Nichtgedeihen
ganzer Landstriche und Berufsklassen. In den Händen einer redlichen und
gewissenhaften Regierung wird die Handhabung dieser Gewalt zum Nutzen
des Landes gereichen; wo jene Voraussetzungen aber fehlen, ist die
Gefahr schädlichen Mißbrauches sehr groß. Welche Macht über den Verkehr
die Verwaltung der Eisenbahnen giebt, und wie empfindlich derselbe
getroffen werden kann, wenn nicht unparteiische Rücksichtnahme auf
das Gesamtwohl für die Leitung maßgebend ist, zeigt sich wie in einem
verzerrten Spiegelbilde da, wo der Staat sich des Einflusses darauf
begeben und den Betrieb Privatunternehmungen überlassen hat. Beispiele
dafür giebt Frankreich in der Abhängigkeit von den sechs großen, den
Eisenbahnverkehr beherrschenden Gesellschaften, und Nordamerika in dem
bekannten Tarifunwesen der Vereinigten Staaten.
Die Anspannung, welche durch die Eisenbahnen und Telegraphen dem
staatlichen Organismus gegeben wird, beschränkt sich indes nicht auf
die Regierungsgewalt; sie kann sich auch offenbaren und offenbart
sich thatsächlich in der +gesteigerten Teilnahme des Volkes am
politischen Leben+. Auch dies geschieht auf doppeltem Wege: +durch die
Erleichterung des persönlichen Verkehrs und durch die Beschleunigung
und Ausdehnung der Gedankenmitteilung in Presse und Briefwechsel+. Was
die Erleichterung des Reisens wirkt, das sehen wir deutlich während der
politischen Wahlen in den Fahrten der Kandidaten, die den Wählern sich
vorstellen wollen, wie der Abgeordneten, die ihnen über die Ausführung
ihres Mandates Rechenschaft geben, oder der Volksvertreter, die während
der Parlamentssitzungen das Bedürfnis fühlen, sich durch Berührung mit
ihrem Wahlkreise die Kräfte zu stählen.
Bei weitem größer noch ist der Einfluß des gedruckten Wortes, das in
Tagesblättern und anderen periodischen Zeitschriften verbreitet wird,
so zahlreich, schnell und billig, daß vor fünfzig Jahren verlacht
worden wäre, wer dies mit Ziffern hätte ausdrücken wollen. Hierzu
haben zwar noch andere Ursachen mitgewirkt: Vervollkommnungen in
der Technik des Buchdrucks und der Papierfabrikation, die höhere
Durchschnittsbildung infolge des verbesserten Schulunterrichts, das
Bedürfnis des Handels; allein wenn die Leichtigkeit der Produktion
auch noch größer wäre, als sie bisher geworden, sie wäre praktisch
doch wertlos ohne die Leichtigkeit der Vertreibung. Von deren Umfang
giebt es, wenn keine genaue Vorstellung, so doch eine Empfindung,
daß im Jahre 1882 mehr als 2½ Milliarden Zeitungsnummern im Bereiche
des Weltpostvereins zur Versendung aufgegeben worden sind, von denen
ein nur ganz kleiner Teil anders als durch die Eisenbahn befördert
worden ist. Da die Mehrzahl der Zeitungen vorwiegend oder teilweise
politischen Inhalts ist, läßt sich ermessen, welchen Anteil jene
Verbreitung politischer Nachrichten und Meinungen an der politischen
Bildung der Bevölkerung, welche daraus fast ausschließlich schöpft,
und an ihren politischen Strebungen hat, welchen Anteil, auch über
politische Fragen hinaus, an der Entstehung und der Gestaltung der
öffentlichen Meinung überhaupt, die heute mehr als je eine Macht ist.
4.
+Auch die Denk- und Handlungsweise und im weitern Verfolge die daraus
sich niederschlagende Sitte des Volkes haben durch die veränderten
Verkehrsmittel höchst bedeutsame Veränderung erfahren.+
Zu den Lichtseiten ist in erster Linie die ganz unermeßliche Vermehrung
von Kenntnissen, Vorstellungen und Begriffen zu rechnen, welche der
Bevölkerung von Ländern zu teil wird, deren Verkehr Eisenbahnen und
Telegraphen vermitteln. Es bewirkt eine solche teils die Presse, deren
bezüglicher Einfluß, soweit er die Kenntnis politischer Angelegenheiten
und die Anregung der Teilnahme dafür betrifft, bereits erwähnt worden
ist, die aber auch darüber hinaus in allen wissenswerten Dingen täglich
Belehrung verbreitet, der Bewässerung gleich, die in zahlreichen
kleinen Rinnsalen das befruchtende Naß über weite Flächen verteilt;
teils und mit nicht geringerem Erfolge ist hieraus das Reisen von
Einfluß, zu welchem die Eisenbahnen Möglichkeit und Anreiz geben.
Wie leicht diesem Anreiz nachgegeben und wie gern die Neigung dazu
befriedigt wird, lehrt die tägliche Erfahrung. Man fährt heute in
derselben Zeit und mit nicht viel größeren Kosten an die Küsten der See
oder in die Alpen, wie früher die Strecke von einigen Meilen, und man
nützt die Gunst der veränderten Lage mit aller Ausgiebigkeit, sei es
um Schäden der Gesundheit auszubessern oder zu verhüten, sei es um der
geistigen Erholung, sei es um der Belehrung, sei es um des Vergnügens
willen. Die Frequenz der Bäder, das Aufkommen der Sommerfrischen und
Luftkurorte, die Urlaube für alle Kategorieen von Beamten, die eine
ständige Einrichtung geworden sind, während sie ehedem nur wegen
Krankheit erteilt zu werden pflegten, der allgemeine Auszug zur Zeit
der Schulferien, Vergnügungs- und Extrazüge an Sonn- und Feiertagen,
Stangensche Expeditionen nach dem Nordkap, nach Palästina oder um die
Welt, alles dies sind Beweise für die Reiselust, die in die modernen
Menschen gefahren ist, und für die Leichtigkeit, sie zu befriedigen.
Eine noch besonders hervorzuhebende Species bilden die Reisen zu
Versammlungen von Berufsgenossen, zu wissenschaftlichen Kongressen,
oder zu geselligen Zusammenkünften, die zumal in Deutschland in Blüte
stehen. Es giebt kaum einen Stand oder eine Berufsgemeinschaft,
die nicht das Bedürfnis fühlte, daß die Genossen sich ab und zu
persönlich zusammenfinden und an wechselnden, möglichst angenehmen
Orten miteinander „tagen“. Ärzte, Naturforscher, Armenpfleger,
Gewerbetreibende aller Art, Lehrer, der Handelstag, der Juristentag,
Ingenieure, Forstleute, -- wer vermöchte die Fülle der Vereinsfreudigen
und Kongreßbedürftigen zu erschöpfen? Dann kommen die Musik- und
Liederfeste, die Schützenfeste, nicht zuletzt die Ausstellungen, in
denen Fischerei und Landwirtschaft, die Industrie wie die schönen
Künste ihre Leistungen zeigen und vergleichen, und die ihre höchste
Vollendung in den periodischen Weltausstellungen gewonnen haben. Ohne
die Eisenbahnen wäre diese leichte Beweglichkeit, diese Lösbarkeit
des Menschen vom Boden, die einer tiefen Sehnsucht seiner Natur
entgegenkommt, überhaupt nicht oder nur in beschränktem Umfange möglich.
Unleugbar ist damit eine bedeutende Bereicherung durch neue
Anschauungen und Wahrnehmungen, eine namhafte Erweiterung des geistigen
Gesichtskreises und eine Fülle von Anregung zu geistiger Thätigkeit
verbunden, selbst da, wo die Absicht darauf nicht gerichtet war.
Irrtümer werden aufgeklärt, Vorurteile überwunden; heimische Mängel
machen sich durch den Vergleich mit Fremdem fühlbar, und das als besser
Erkannte wird nachgeahmt und übernommen. +Neben der Intelligenz gewinnt
auch der Wille.+ Die Eisenbahnen verlangen genaue Innehaltung der Zeit
und zwingen alle, die sich ihrer bedienen, sich nach ihrer Ordnung
zu richten. Sie erziehen dadurch in ganz hervorragender Weise zur
Pünktlichkeit und zu richtiger Schätzung des Zeitwertes, zum raschen
Entschließen und zur Ablegung der Umständlichkeit, Eigenschaften, die
sich dann auf das Handeln im Leben überhaupt übertragen. Man kann
den Mangel dieser Disciplinierung an der Bevölkerung in Gegenden
beobachten, in welchen Eisenbahnen neu eröffnet werden, ihre günstigen
Wirkungen hingegen schon wahrnehmen bei den Schulknaben, die auf den
Tramways fahren, oder auf den Schülerzügen, welche die Eisenbahnen in
der Nähe größerer Städte eingerichtet haben.
Neben diesen im ganzen wohlthätigen Folgen treten jedoch nach dem
aller menschlichen Entwicklung immanenten Gesetze auch solche in
die Erscheinung, welche nachteilig sind. Wenn die Leichtigkeit
der Ortsveränderung die Möglichkeit bietet, die Vorstellungen und
Kenntnisse zu erweitern, so verführt sie andererseits leicht zur
Oberflächlichkeit der Beobachtung, die an Gründlichkeit und Tiefe
verliert, was sie an Ausdehnung gewinnt. Man reist heutzutage weit,
aber man sieht flüchtig. Zwischen dem Anfang und dem letzten Ziele
der Reise hält der Passagier in der Regel nur so lange an, als der
Eisenbahnzug hält, oder er überschlägt auf wichtigen Stationen
höchstens einmal einen Zug. Was dazwischen liegt, fliegt vorüber wie
ein Wandelbild im Theater oder wird überschlafen. Bädeker oder Murray
genügen als Führer und Leuchte. Für manche ist die Zahl der Meilen,
die sie zurücklegen, die Hauptsache. ~Globetrotters~ nennt man sie in
England, wo diese Species besonders gedeiht. Daß bei solcher Art zu
reisen nicht viel Nützliches herauskommt, liegt auf der Hand; wohl
aber bringt sie Blasiertheit auf der einen, Neigung zu absprechendem
Urteil auf der andern Seite zuwege. Naheliegende Beispiele sind
die hauptstädtischen Kinder, die schon in früher Jugend auf allen
Eisenbahnen herumgefahren werden, nicht bloß zum Schaden ihres Körpers,
sondern auch ihrer innern gesunden Entwicklung. Von der Frühreife,
der Voreiligkeit des Urteils, dem Mangel an Innerlichkeit, der
Nervosität, die bei vielen solchen Kindern aus den wohlhabenden Klassen
zu Tage treten, ist ein gut Teil der Überreizung durch zu frühes
und zu ausgedehntes Reisen beizumessen, wenn auch für den Mißbrauch
nicht sowohl die Eisenbahn, als vielmehr der Unverstand der Eltern
verantwortlich zu machen ist.
+Andere unerwünschte Folgen sind, daß über dem Fernen und dem
Streben danach das Nahe vernachlässigt wird+; gar viele wissen mehr
vom Auslande als von ihren nächsten Umgebungen. Damit geht die
Anhänglichkeit an die Heimat und die Wertschätzung des Heimischen
vielfach verloren. Denn nur was man kennt, liebt man mit Treue. Von der
Gleichgültigkeit zur Geringschätzung ist aber nur ein kurzer Schritt.
Es erklärt sich daraus das Verschwinden alter Gebräuche, die dem
Zusammenleben in Familie und Gemeinde Halt geben, die Unzufriedenheit
mit der häuslichen Beschränktheit, wohl auch eine Lockerung der
persönlichen Autoritätsverhältnisse, insbesondere dem Alter gegenüber,
das mit seinen im engen Kreise gesammelten Erfahrungen gegen das Viel-
und Besserwissen der gereisten Jugend nicht aufkommen kann.
+In weiterem Bereiche erklärt sich daraus die rasche Verbreitung der
Moden, sowie eine gewisse Nivellierung der Lebenshaltung und Sitten.+
Die Herrschaft der Mode wird zwar aus allen Zeitaltern berichtet,
und ihre Excesse scheinen ehedem noch bedeutender gewesen und für
gefährlicher erachtet worden zu sein als heute; sie brauchte aber
eine längere Zeit, ehe sie von den tonangebenden Plätzen oder Klassen
nach außerhalb oder in andere Schichten der Bevölkerung durchdrang.
Charakteristisch ist ihr jetzt, durch die Verkehrsmittel begünstigt,
die Schnelligkeit der Bewegung insbesondere durch die verschiedenen
Stände hindurch und das Streben nach Ausgleichung zwischen Stadt und
Land. Städtische Tracht und städtischer Hausrat verdrängen selbst in
den entlegensten Dörfern die dort bisher gewohnten Kleider und Geräte
und ebnen städtischem Brauche bei häuslichen Festen und sonst den
Weg. Die Unterschiede zwischen bürgerlichem und bäuerlichem Leben
vermindern sich namentlich da, wo die Großindustrie im Gefolge der
Eisenbahn auf dem Lande sich einrichtet und die ländliche Bevölkerung
zur Fabrikarbeit anzieht.
Zum Schlusse mag hier auch der Förderung gedacht werden, welche die
+Wissenschaften+ durch die modernen Verkehrsmittel erfahren haben
und teilweise noch jetzt erfahren. So stellt sich der telegraphische
Dienstbetrieb für zahlreiche Fragen der Physik, der Mechanik und der
Chemie als ein Experiment im großen dar. Die Anlage telegraphischer
Linien trug bei zur Aufhellung unbekannter Länder und zur Erforschung
von Meerestiefen. Selbst für zoologische Forschungen hat sich der
Telegraph insofern nützlich erwiesen, als bei der Wiederaufnahme
versenkter Kabel nicht selten früher unbekannte Tiefseetiere ans Licht
gezogen wurden. Mindestens ebenso hoch ist der unmittelbare Nutzen
zu veranschlagen, welcher der Wissenschaft aus dem astronomischen,
geodätischen und meteorologischen Dienste der Telegraphie erwächst.
Die Meteorologie hat durch die Organisation der Wettertelegramme,
welche sich nahezu über die ganze kultivierte Welt erstreckt, einen
Wirkungskreis von ungeahnter Ausdehnung und einen Beobachtungsapparat
von unübertroffener Genauigkeit und schnellster Funktion erlangt.
Welchen Gewinn zogen die Wissenschaften aus der Erbauung der
Eisenbahnen? Sämtliche Ingenieurwissenschaften, wie die Meßkunst, die
Mechanik, Statik und Dynamik sind durch den Bahnbau in kürzester
Zeit in ganz außerordentlicher Weise gehoben worden. Auch die
Metallurgie ist in ein ganz neues Stadium getreten und besonders das
Eisen in vollstem Umfang als Baumaterial zur Verwendung gelangt. Für
die Geographie kommen zwar die Beiträge zur Höhenkunde, welche die
Eisenbahn-Nivellements liefern, in denjenigen europäischen Ländern,
welche eine gute Landesaufnahme besitzen, weniger in Betracht,
obwohl die Eisenbahnbauten auch hier insofern indirekt von Nutzen
waren, als sie den Wert einer möglichst guten Landesaufnahme recht
augenfällig machten; in nicht vermessenen Ländern dagegen haben die
Voruntersuchungen und Nivellements die Kenntnis des Bodenreliefs ganz
außerordentlich gefördert. So danken wir einen guten Teil dessen, was
wir von den Gebirgen und Plateaux im Westen der Vereinigten Staaten
wissen, den großartigen Forschungen zur Ermittelung der besten
Eisenbahnroute vom Mississippi nach dem Großen Ocean.