In ersterer Beziehung sind nicht nur Teile der Erde in den Bereich

des Güteraustausches einbezogen worden, welche bisher völlig

außerhalb solcher Verbindung lagen, sondern es ist auch innerhalb

der Kulturländer das Absatzgebiet beträchtlich erweitert worden.

Belege dafür giebt das tägliche Leben in Hülle und Fülle. In der

Vielartigkeit und dem Preise unserer +Nahrungsmittel+, in der

Weise unserer +Bekleidung+, in der +Bauart+, in der +Heizung+ und

+Beleuchtung+ unserer Wohnungen liegen sie vor Augen. Kaffee, Thee,

Gewürze und andere Erzeugnisse der Tropen, die ehedem nur für den

Wohlhabenden zu erlangen waren, sind jetzt +Volks+nahrungsmittel

und Gegenstände des Massenverbrauchs. Man genießt im Norden frische

Südfrüchte von den Küsten des Mittelmeeres und aus Kleinasien zu

Preisen, die selbst dem Armen ihren Genuß ermöglichen. Frische

Seefische werden in das Binnenland auf Hunderte von Meilen ohne

erhebliche Verteuerung befördert; im Winter sendet uns Algier frische

Gemüse und sommerliche Früchte, die Riviera frische Blumen; Rhein- und

Moselwein, die sonst im Osten Europas nur vereinzelt getrunken wurden,

sind zur Zeit daselbst voll eingebürgert, und das bayerische Bier hat

sich in allen Zonen der Erde, nicht allein da, wo Deutsche wohnen,

heimisch gemacht. ~Corned-beef~ aus den Vereinigten Staaten und aus

Argentinien, australische Rinderzungen, amerikanisches Schweinefleisch

füllen die Fleischmärkte von London; ebendorthin sendet Frankreich

täglich Millionen von Eiern. Californischer Wein und preußischer Sprit

ergänzen in Bordeaux die Lücken, welche durch die Verheerungen der

Phyloxera entstanden sind; norddeutsche Brenner machen Branntwein aus

amerikanischem Mais; Europas Bedarf an Weizen bringen im Wetteifer

die Dampfer aus dem Norden und Westen Amerikas, aus Chile, aus den

La-Plata-Staaten, aus Indien und Australien. Dies sind nur einige

Beispiele, die leicht vermehrt werden könnten.

Im Bereich der +Kleidung+ tritt mehr die Ermäßigung der Preise, zu

welcher Eisenbahnen und Dampfschiffe durch billige Zuführung der

Rohstoffe und Verbreitung der Fabrikate mitwirken, in die Erscheinung,

als die Beschaffung neuen, bisher unbekannten oder nicht erreichbaren

Materials. Nur der Jute möchte in letzterer Beziehung zu gedenken

sein. Daß Seide, die zu tragen in früherer Zeit ein Vorrecht der

Reichsten war, jetzt auch von den Frauen der minder wohlhabenden

Klassen getragen werden kann, und daß baumwollene Stoffe, die noch vor

hundert Jahren ebenfalls ein Luxusartikel waren, heutzutage auch von

dem geringsten Haushalt zur Bekleidung des Körpers und der Lagerstätten

beschafft werden können, ist nicht zum kleinsten Teil den modernen

Verkehrsmitteln zu danken, wenngleich einen wesentlichen Faktor auch

die durch den Dampfbetrieb erleichterte und vermehrte Fabrikation

bildet. Das Gleiche gilt für viele ähnliche Stoffe.

Die Verdienste endlich, welche Eisenbahnen und Dampfschiffe sich um

unsere +Wohn+- und +andere Bauten+ erworben haben, liegen zu Tage in

der Verwendung soliden Materials, wie von Sandstein und Marmor, auch in

solchen Gegenden, die dem Gewinnungsorte fernliegen, in den mächtigen

Trägern und anderen Bauteilen von Eisen an Häusern und Brücken, in den

Granitplatten, mit denen wir die Straßen pflastern, in den riesigen

Eisen- und Thonröhren großstädtischer Wasserleitungen und Kanäle. Die

Kohlen, mit denen wir heizen, und aus denen das Leuchtgas bereitet

wird, das Petroleum, das in der Lampe des kleinen Mannes brennt,

alle diese dem modernen Leben unentbehrlich gewordenen Dinge, die

vermöge ihrer Schwere ehedem in den engsten Umkreis ihres natürlichen

Vorkommens gebannt waren, befördern Lokomotive und Dampfschiff nunmehr

in die entlegensten Thäler und an transoceanische Küsten, wo immer

nur Menschen wohnen. Welche Summe von Verbesserungen des menschlichen

Daseins, welche Erleichterung in Befriedigung der wichtigsten

Bedürfnisse, welche Erhöhung und Erweiterung der Genüsse ist uns jetzt

Lebenden hiedurch beschieden!

Der Handel hat sich übrigens nicht bloß räumlich und sachlich

erweitert, es hat sich derselbe unter dem Einflusse der modernen

Verkehrsmittel auch +hinsichtlich der Art des Betriebes+ geändert. So

hat sich dermalen namentlich die Menge der +Mittelspersonen+ zwischen

getrennt wohnenden Käufern und Verkäufern durch die Eisenbahnen und

Dampfschiffe im Vergleiche zu früheren Zeiten wesentlich vermindert.

Selbst auf die weitesten Entfernungen besteht gegenwärtig direkte

Verbindung zwischen Absender und Empfänger.

Wie Eisenbahn und Dampfschiff, so leistet auch der Telegraph dem Handel

die besten Dienste. Von den fast 200 Millionen Telegrammen, welche zur

Zeit die elektrischen Leitungen über die Erde tragen, betrifft der

bei weitem größere Teil Handelsgeschäfte. Im Großhandel übermittelt

z. B. der Telegraph ausschließlich alle wichtigeren Aufträge; der

Spekulationshandel, die Arbitrage haben ihn derart zur notwendigen

Voraussetzung, daß sie ohne ihn nicht bestehen können. Er ist ferner

der Hauptträger dessen, was in der ganzen modernen Gestaltung des

Handels das Bedeutsamste ist, der zunehmenden +Solidarität+ der

Handelsinteressen durch die ganze bewohnte Welt. In diesem Sinne sieht

erst die jetzige Generation einen +Welt+handel. Der Zusammenhang zeigt

sich am deutlichsten im Handel mit den Gütern des großen Konsums,

als da sind: Baumwolle, Eisen, Petroleum, Kaffee und vor allem das

Getreide. Um die Mittagsstunde jedes Tages z. B. meldet der Telegraph

in der Börse zu Chicago die Mengen von Weizen, die an demselben Tage

in London und an anderen großen Getreidemärkten Europas sowie der

amerikanischen Kontinente umgesetzt, und die Preise, welche dafür

gezahlt worden sind. Danach und nach den angebotenen Vorräten regelt

sich dort der Preis, der dann die momentane Preishöhe des Weizens

überall beeinflußt, wo immer in der Welt solcher gehandelt wird.

Für Baumwolle bilden in ähnlicher Weise New-Orleans und Liverpool

Mittelpunkte des Welthandels. Zwischen den Börsen von New-York und

London vermittelt das unterseeische Kabel täglich Geldtransaktionen im

Betrage von Millionen Dollars mit einer Promptheit, die nicht größer

sein könnte, wenn die City von Wall-Street nur durch die Themse, nicht

durch den Atlantischen Ocean, getrennt wäre.

Ferner sei darauf verwiesen, daß es erst infolge der modernen

Verkehrsmittel möglich geworden, +Bedarf und Überfluß an

Nahrungsmitteln+ selbst auf die größten Entfernungen hin mit

Leichtigkeit auszugleichen. Früher war Mangel und Überfluß rein

örtlich fixiert, so daß bei ungleichem Ernteausfall in verschiedenen

Ländern und Landstrichen an der einen Stelle empfindlicher Notstand

herrschte, während gleichzeitig an der andern die Überfülle der Güter

wegen mangelnden Absatzes zu Grunde ging. Ein klassisches Beispiel

der durch die Eisenbahnen bewirkten Ausgleichung der Bodenprodukte

oder Lebensmittel bietet die große Hungersnot, die in Indien in den

Jahren 1873/74 wütete. In einem Zeitraum von elf Monaten wurde dort

ein Quantum von ca. 21 Mill. Ctr. Reis und anderer Brotfrüchte in die

von Dürre und Teuerung heimgesuchten Gegenden Bengalens befördert und

daselbst zur Verteilung gebracht; infolgedessen waren denn auch damals

nur 26-30 Menschenleben direkt als Opfer der Teuerung zu verzeichnen,

während noch bei der in den 60er Jahren dreimal wiedergekehrten

Hungersnot in Indien, wo eine derartige Hilfeleistung nicht oder

unzureichend oder verspätet eintrat, nach authentischen Angaben

nahezu 3½ Mill. Menschen dem Hungertode erlagen, von den noch weit

schrecklicheren Daten aus früherer Zeit ganz abgesehen.

Hand in Hand mit dieser vervollkommneten Ausgleichung der Vorrats-

und Bedarfsmengen geht natürlich auch eine +Ausgleichung der

Produktenpreise+. So betrug im Jahre 1817, dem bekannten Mißjahre,

der Preisunterschied pro Hektoliter Getreide zwischen Straßburg und

den Städten im Innern Frankreichs bis 40 Frcs., 1866 dagegen, wo

gleichfalls in Frankreich teilweise sehr schlechte Ernte gemacht

wurde, nur 3 bis 4 Frcs. An Stelle der alten Lokal-Marktpreise

tritt heutzutage mehr und mehr ein Welt-Marktpreis, wie schon oben

hervorgehoben wurde.

Freilich hat diese weite Erstreckung der Interessengemeinschaft auch

ihre Schattenseiten. Die Leichtigkeit, mit welcher große Gütermengen

aus Gegenden, wo sie unter günstigen Bedingungen im Überfluß erzeugt

werden, zu Wasser und zu Lande nach solchen geschafft werden können, wo

die Produktion nicht gleichmäßig begünstigt ist, bringt den Produzenten

in letzteren durch Herabdrücken der Preise unter Umständen schwer

empfundene Nachteile. Die erdrückende Konkurrenz des amerikanischen

und indischen Weizens auf den europäischen Märkten, über welche unsere

Landwirtschaft sich beklagt, weil sie dadurch in ihrem wirtschaftlichen

Bestande sich gefährdet sieht, ist ein naheliegendes Beispiel dafür.

Indessen treten diese negativen Wirkungen der im Welthandel sich

manifestierenden Solidarität der Interessen, wie hart sie auch

zeitweilig das Einzelwohl berühren, doch weit zurück gegen den Nutzen,

welcher aus jener Gemeinsamkeit der Wohlfahrt des Ganzen erwächst.

Wieder eine Folge der modernen Verkehrsmittel ist die +Steigerung

der Produktion nach Menge, Art und Güte+. Erst durch sie gewann die

Industrie der Gegenwart einerseits für ihre reiche Produktion den

erforderlichen Absatz, andererseits erreichte sie, daß Rohstoffe und

Betriebskraft auf dem Punkte vereinigt werden konnten, wo die geeignete

menschliche Arbeitskraft und die für die Fabrikation günstigsten

anderweiten Bedingungen sich vorfanden. Kohle und Kalk trug die

Eisenbahn nunmehr an die Gewinnungsstätte der Eisenerze, die Baumwolle

in die Gebirgsthäler, wo menschliche Hände und wertvolle Wasserkräfte

der Benutzung harrten. Die Industrie war aus ihrer Gebundenheit an

solche Gebiete, wo +alle+ Bedingungen ihres Gedeihens vereinigt waren,

gelöst; sie war mobil geworden. Es genügte fortan, wenn eine oder die

andere jener Bedingungen irgendwo gegeben war; was fehlte, ließ sich

einschließlich der menschlichen Arbeitskräfte unter verhältnismäßig

geringen Opfern durch die Eisenbahn herbeischaffen.

So hat sich wesentlich unter deren Einfluß die +Großindustrie+

herangebildet. Einzelne Zweige derselben, namentlich die

Metallindustrie, nahmen infolge der durch die Bahnen so sehr

erniedrigten Transporttarife einen geradezu bewundernswerten

Aufschwung. Aber auch die Entwicklung zahlreicher anderer

Industriezweige knüpft sich sehr enge an die Ausbreitung der Bahnnetze,

so besonders jene der Glas- und Spiegelfabrikation. Vor der Einführung

der Bahnen war infolge des mangelhaften Transportwesens ein Aufblühen

dieser Geschäftsbranche geradezu unmöglich. Augustin Cochin berichtet

in dieser Beziehung, daß ehemals von 72 von Chauny nach Paris

transportierten Spiegeln durchschnittlich nur zwölf in unversehrtem

Zustande eintrafen. Heutzutage ist es diesen Geschäften möglich,

ihre Produkte in alle Teile der Welt fast ohne Risiko zu versenden.

-- Bemerkenswerte Folgen des Überhandnehmens der Großindustrie

auf wirtschaftlichem Gebiete sind einerseits die Arbeitsteilung,

andererseits die Tendenz nach Ausgleichung der Arbeitslöhne.

Wie im Welthandel, so besteht nunmehr eine Interessengemeinschaft

auch im Bereiche der Industrie. Jeder Fortschritt der Technik wird in

kurzer Zeit bekannt und Gemeingut. Ebenso machen örtliche Absatz- und

Produktionskrisen sich den verwandten Industrieen auch weit ab von

der Ursprungsstätte geltend. Freilich liegt in der Beweglichkeit und

Leistungsfähigkeit der Verkehrsmittel eine wesentliche Mithilfe zur

Überwindung solcher Krisen und zur Ausgleichung ihrer nachteiligen

Folgen.

Übrigens haben nicht bloß Eisenbahnen und Schiffe Bedeutung für

das Geschäftsleben; auch die Telegraphie erweist sich für manche

Erwerbszweige höchst nützlich. So bedient sich derselben die Produktion

im Bergwerkswesen und Fabrikbetriebe; in Norwegen wird die Ankunft

der Heringszüge auf telegraphischem Wege nach den verschiedenen

Fischerdörfern gemeldet, um das bedeutende Fischereigewerbe dieses

Landes in den Stand zu setzen, sich rechtzeitig auf ergiebigen Fang

und schleunigste Versendung der Beute einzurichten. Der Schiffahrt

wird nicht nur durch die telegraphisch vermittelten Zeitangaben

mittels der Zeitbälle, sondern auch durch die Sturmwarnungen auf

Grund der Wettertelegramme ein äußerst schätzbares Hilfsmittel

gewährt. Die submarine Telegraphie hat sogar in der Herstellung der

sogen. Guttaperchadrähte und in der weitern Verarbeitung derselben

zu Telegraphen-Kabeln eine ganz neue Industrie geschaffen, der sich

verschiedene großartige Etablissements fast ausschließlich widmen.

2.

Nicht minder kräftig als die Bewegung der körperlichen Sachen durch

die Eisenbahnen und Dampfschiffe hat die der +Personen+ zugenommen. In

den bereits erwähnten „Übersichten der Weltwirtschaft“ wird die Zahl

der Passagiere, welche die Eisenbahnen in allen Erdteilen im Jahre

1882 befördert haben, auf 2400 Mill. berechnet, was im Durchschnitt

für jeden Tag etwa 6½ Mill. ergiebt. Die absolute Zahl der Passagiere

auf Dampfschiffen ist geringer; aber auch hier kommt, wie beim

Gütertransport, in Betracht, daß in der Regel die Entfernung weiter

und die Reisedauer länger ist als auf der Eisenbahn, so daß, wenn die

Meile oder der Tag als Maßeinheit gewählt würde, die Leistung der

Dampfschiffe auch in der Personenbeförderung erheblich größer erschiene.

Die Bedeutung der Erleichterung der Ortsveränderung für die Menschen

äußert sich in socialer und wirtschaftlicher Beziehung. Die in

letzterer Hinsicht wichtigsten Erscheinungen sind die +Auswanderung+

und die +Freizügigkeit+.

Auswanderung hat es allerdings schon vor den Eisenbahnen und

Dampfschiffen gegeben; in großem Maßstabe aber hat sie sich erst unter

deren Einwirkung entwickelt. Von den 12½ Mill. Einwohnern, die den

Vereinigten Staaten von Amerika seit deren Anerkennung (1783) bis zum

Jahre 1883 zugeflossen sind, entfällt auf die Zeit bis zur Herstellung

einer regelmäßigen Personen-Dampfschiff-Verbindung mit Europa, die

man in das Jahr 1844 setzen kann, noch nicht voll eine Million. Erst

infolge dieser Verbindung, welche den Segelschiffen auch die ärmeren

Passagiere allmählich entzog, und im Zusammenhang mit der Erbauung von

Eisenbahnen, welche das Stromgebiet des Mississippi und den Westen des

Kontinents erschlossen, nahm die Auswanderung dorthin die kolossalen

Proportionen an, welchen die Vereinigten Staaten ihr unvergleichlich

rasches Wachstum an Volkszahl, Wohlstand und Macht verdanken. Der

ursächliche Zusammenhang liegt in der Erleichterung der Überfahrt, zu

der auch den Auswanderern zugängliche Dampfer gegenwärtig nur zehn

bis zwölf Tage bedürfen, in der Verbesserung der Verpflegung, welche

durch die Kürze der Fahrtdauer ermöglicht ist, in der Billigkeit der

Passage, welche vermöge des größern Raumgehaltes der Dampfschiffe

und der Abkürzung der Verpflegungszeit gewährt werden kann, und in

der Pünktlichkeit sowie der relativ großen Sicherheit der Reise. Im

Vergleich zu der Dauer, den Leiden und den Gefahren der Überfahrt,

wie wir sie aus den ergreifenden Schilderungen deutscher Auswanderer

nach Amerika gegen Ausgang des vorigen Jahrhunderts kennen, ist jetzt

die atlantische Tour selbst für Zwischendeckspassagiere eine harmlose

Vergnügungsfahrt, jedenfalls mit seltenen Ausnahmen ohne Gefahr für

Gesundheit und Leben.

Kaum geringer als die Mühsale der Seefahrt waren ehedem für solche

Auswanderer, welche in das Innere des Landes strebten, die Beschwerden

der +Landreise+. Wochen, ja Monate vergingen, ehe sie in langsamer

Wanderung unter harten Entbehrungen das Ziel erreichten. Auf alles,

was sie nicht mitgeführt hatten, mußten sie bei der Schwierigkeit des

Nachtransportes verzichten oder es mit besonderen Kosten erkaufen.

Heutzutage führt sie von dem Ankunftshafen ein Eisenbahnzug in soviel

Tagen, als vorher Monate erforderlich waren, nach dem fernsten Westen,

und wenn sie anlangen, stehen sie nicht verloren in der Wildnis,

lediglich gewiesen auf die eigene Kraft; die Eisenbahn, die in leicht

erreichbarer Nähe liegt, führt zu ihnen, was des Lebens Notdurft

erfordert; sie trägt die Erzeugnisse des Bodens, den sie bearbeitet

haben, auf den Markt und hält sie in steter Verbindung mit der

Civilisation. Von den Vereinigten Staaten läßt sich mit Grund sagen,

daß die Eisenbahnen an die Stelle der Pioniere getreten sind, welche

in früheren Zeiten den Urwald Schritt für Schritt erringen mußten; sie

werden nicht wie in Europa dorthin gelegt, wo der bereits entwickelte

Verkehr sie zu erhalten verspricht; sie brechen vielmehr dem Verkehr

die Bahn; sie folgen nicht ihm, er folgt ihnen. Nur so ist es möglich

geworden, daß die Bevölkerung der Vereinigten Staaten von Amerika seit

dem Jahre 1850 sich mehr als verdoppelt und in deren westlichsten

Gebieten, den Staaten am Stillen Ocean und in den sogen. Territorien,

sich verzehnfacht hat. In derselben Periode hat sich der Ertrag des

Landes an Mais verdreifacht, an Weizen verfünffacht.

Diesen großen Verschiebungen, durch welche die Wanderer ihrer Nation

oder doch dem bisherigen Staatsverbande in der Regel entfremdet werden,

gehen die kleineren zur Seite, welche die durch die Eisenbahnen

gebotene Erleichterung +der Personenbewegung innerhalb der einzelnen

Länder+ zur Folge hat. Sie sind in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung

weniger augenfällig, aber nicht weniger wichtig. Das dafür oben

gewählte Wort Freizügigkeit, obwohl es in der Regel gebraucht wird,

um die Beseitigung der rechtlichen Schranken, welche der Wahl des

Wohnsitzes bisher entgegenstanden, auszudrücken, läßt sich mit Grund

auch auf die Freiheit der Ortsveränderung anwenden, welche durch die

Wegräumung ihrer thatsächlichen Hindernisse oder Erschwerungen gewonnen

worden ist. Hier haben die Eisenbahnen derart eingegriffen, daß das

Recht, auch wo es bereits gesetzlich ausgesprochen war, doch durch

sie erst praktischen Wert erhalten, seine Verwirklichung gefunden

hat. Der Arme hatte wenig davon, daß ihm das Gesetz die Freizügigkeit

gewährleistete; er blieb an die Scholle gebunden wegen des Mangels

an Mitteln, sie zu verlassen. Erst durch die Eisenbahn ist ihm die

Möglichkeit gebracht worden, mit erschwinglichem Aufwand an Geld und

Zeit die Stelle zu verlassen, an welche er durch die Geburt gesetzt

war, und andere Stätten zu suchen, wo er seine Arbeitskraft besser

verwerten und günstigere Existenzbedingungen finden kann. Die Wirkungen

der damit praktisch gewordenen Bewegungsfreiheit haben sich danach

vornehmlich für die ärmeren Volksklassen, die Arbeiter, geltend gemacht

und deren Stellung gründlich verändert. Auf wirtschaftlichem Gebiet

treten sie u. a. zu Tage in dem Zuströmen der Arbeiter zu den Centren

der Großindustrie und dem damit zusammenhängenden Wachstum der großen

Städte, in dem örtlichen Mangel an Handarbeitern in der Landwirtschaft,

in der Umgestaltung der gewerblichen Verfassung. Die alte Ordnung der

letztern hat vornehmlich die Beweglichkeit der arbeitenden Bevölkerung

neben dem Übergange zur Fabrikation durchbrochen. Zünfte, Innungszwang,

gewerbliche Zwangsrechte, die Einordnung der Arbeiter in Rangstufen

haben sich als unverträglich mit der Flüssigkeit erwiesen, in welche

die früher festgegliederten Massen der gewerblichen Arbeiter durch die

Leichtigkeit, den Ort ihrer Beschäftigung zu wechseln, geraten sind.

Der Arbeitsmarkt hat sich dadurch in ähnlicher Weise erweitert wie der

Gütermarkt; die gewerbliche Arbeitsleistung ist mehr und mehr zur Ware

geworden, deren Preis sich nach den großen Konjunkturen der Geschäfte

regelt; das persönliche Verhältnis zwischen Arbeiter und Unternehmer,

das früher wenigstens im Handwerk ein familienhaftes war, ist völlig

gelöst oder doch gelockert.

Die Übersicht über die Leistungen dieser Transportmittel auf

wirtschaftlichem Gebiet würde nicht vollständig sein, wenn nicht der

wertvollen Dienste Erwähnung geschähe, welche sie der +Post+ leisten.

Sie fallen vorwiegend unter den Gesichtspunkt der Beförderung von

Gedanken, welche neben derjenigen der Güter und Menschen gleichfalls

Aufgabe der modernen Verkehrsmittel ist, jedenfalls soweit der

Telegraph in Betracht kommt, aber auch bezüglich der Beförderung von

Briefen und Drucksachen, insbesondere von Erzeugnissen der Presse,

welche den wichtigsten Teil des Postdienstes bildet. Was die Post

hierin für den geistigen Verkehr der Menschen leistet, beschränkt

sich allerdings nicht auf das eigentlich wirtschaftliche Feld, aber

es kommt auf diesem am erkennbarsten zur Erscheinung. Handel und

Gewerbthätigkeit und damit das ganze wirtschaftliche Leben sind ohne

die mitwirkende Thätigkeit der Post heute kaum zu denken. Und daß sie

ihre Leistungsfähigkeit in Sicherheit, Häufigkeit und Billigkeit der

Beförderung auf ein Maß gesteigert hat, das ans Wunderbare reicht,

das ist wiederum nur durch den Gebrauch der Eisenbahnen, Dampfschiffe

und Telegraphen möglich geworden, welche die Postverwaltung, zumal in

Deutschland, mit hoher Umsicht für ihre Zwecke dienstbar gemacht hat.

Weder das gleichmäßige niedrige Briefporto innerhalb des Einzelstaates,

noch das geringe Briefporto im Weltpostverein, dessen Begründung einen

der merkwürdigsten Fortschritte in der Kulturentwicklung der Menschheit

darstellt, hätte uns geboten werden können, wären nicht Eisenbahnen und

Dampfschiffe die bereitwilligen, billigen und zuverlässigen Träger der

Korrespondenz.

3.

+Großartige Wirkungen haben die modernen Verkehrsmittel auf dem Gebiete

des Kriegswesens nach sich gezogen, und zwar sowohl in dem zu Wasser,

wie in dem zu Lande.+ In der Kriegsmarine aller Staaten ist in den

letzten 30 Jahren das Dampfschiff an die Stelle des Segelschiffes

getreten, so daß letzteres nur noch ausnahmsweise zu Kriegszwecken

verwendet wird. Damit im Zusammenhange steht die Veränderung der

Geschütze, die Bekleidung mit Panzerplatten, die Ausstattung mit Türmen

und die Umgestaltung der Gefechtsweise. Die größere Tragfähigkeit und

die größere Lenkbarkeit der Dampfschiffe haben diese tiefgreifende

Umgestaltung der Kriegsmarine zur Folge gehabt.

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 44 / 50 段