Viele Unfälle werden auch dadurch verhütet, daß die +Anforderungen

bezüglich der Ausbildung der Seeleute im Vergleich zu früher

wesentlich gesteigert wurden+. So kann jetzt in Deutschland kein

der Seefahrt Beflissener eine Stelle als Steuermann erhalten, ohne

seine Befähigung zur Übernahme eines so schweren und wichtigen

Postens im Steuermannsexamen theoretisch bewiesen zu haben. Die

Vermittlung geeigneter Schiffahrtskenntnisse besorgen dermalen die

+Navigationsschulen+, die in allen größeren seefahrenden Staaten zu

finden sind. Von den Navigationsschulen sind zu unterscheiden die

+Seemannsschulen+, welche dazu bestimmt sind, junge Leute, die sich dem

Seewesen widmen wollen, praktisch zu demselben heranzubilden, damit sie

schneller das Stadium des Schiffsjungen überschreiten und zu Matrosen

vorrücken können. Eine solche ist die Schule zu Steinwärder bei Hamburg.

Ferner sei noch erwähnt, daß im Interesse der Sicherheit des

Seeverkehrs das Projekt besteht, im Atlantischen Ocean eine Reihe

von +Wachtleuchtschiffen+ zu stationieren. Da die einzelnen

Schiffsstationen sowohl unter sich, als auch mit dem Festlande

durch ein Kabel in Verbindung stehen und nur 200 km voneinander

entfernt sein sollen, so würde kein deren Linie folgendes Schiff

von einem Kommunikationspunkte mit dem Festland, beziehungsweise

von einem Zufluchtsorte für Passagiere und Mannschaften im Falle

eines Schiffsunglückes weit entfernt sein. Es könnten dann auch

die Bewegungen des Schiffsverkehrs fast täglich der kaufmännischen

Welt mitgeteilt und außerdem die so wichtigen Nachrichten über

Witterungsveränderungen, das Treiben von Eisbergen, das Herannahen von

Stürmen u. s. w. den Häfen des Festlandes wie den aus See befindlichen

Dampfern, letzteren durch Vermittlung der Schiffsstationen,

telegraphisch übermittelt werden.

Wird nun aber trotz aller Vorsichtsmaßregeln ein Schiff von einem

Unfalle betroffen, so sind es die +Seeversicherungsgesellschaften+,

welche dem Eigentümer den erlittenen Schaden ersetzen[207]. Freilich

übernimmt eine derartige Versicherungsgesellschaft das Risiko,

für Schiffsunfälle aufkommen zu müssen, nur dann, wenn das Schiff

in dem Augenblicke, da es eine Seereise antritt, seetüchtig ist.

Darüber wachen nun wieder besondere Vereinigungen, die sogen.

+Klassifikationsgesellschaften+[208], die sich ausschließlich

damit befassen, die Schiffe nach dem Grad ihrer Seetüchtigkeit zu

qualifizieren. Die Höhe der Versicherungssumme eines Schiffes richtet

sich darum stets nach dem von einer solchen Gesellschaft ausgestellten

Certifikat.

Das älteste und bedeutendste Klassifikationsinstitut in England und

auf der ganzen Erde überhaupt ist +Lloyd’s Register of British and

Foreign Shipping+ in London. Von der ausgedehnten Thätigkeit dieser

Gesellschaft, die an allen größeren Hafenplätzen der Erde vertreten

ist, erhält man eine Vorstellung, wenn man erfährt, daß von den im

Jahre 1885 auf der ganzen Erde gebauten 692 Schiffen (von 100 t

und darüber) mit einem Raumgehalt von 624658 t mehr als die Hälfte

der Schiffe (355) mit über ⅔ ihres Tonnengehaltes (427045 t) von

Lloyd’s Register klassifiziert wurden. In Großbritannien und Irland

steht nahezu der +gesamte+ Schiffsbau unter der Aufsicht von Lloyd’s

Register; denn 1885 wurden in dem Vereinigten Königreiche nur 382

Schiffe mit 449875 t gebaut. Die Gesamtzahl der von Lloyd’s Register

klassifizierten Schiffe beträgt bis jetzt 8374.

Die sonstigen größeren Klassifikationsgesellschaften der Erde,

abgesehen von Lloyd’s Register, sind folgende:

-------------------------------------------+--------------------

Name der Gesellschaften. | Zahl der

| klassifizierten

| Schiffe.

-------------------------------------------+--------------------

Liverpool Underwriter’s Registry[209] | 994

Bureau Veritas (Paris) | 6960

Germanischer Lloyd (Berlin) | 1812

Nederlandsche Vereeniging van Assuradeuren | 1997

Norske Veritas | 3642

Registre Maritime | 544

Record of American and Foreign Shipping | 2374

Registro Italiano | 915

Veritas Austro-Ungarico | 796

Veritas Ellenico | 216

Siebentes Kapitel.

Das Rettungswesen[210].

Trotz aller Vorsichtsmaßregeln, die jetzt zur Verhütung von

Schiffsunfällen getroffen sind, ist die Zahl der Schiffbrüche noch

immer eine bedenklich hohe. Es begreift sich, daß man angesichts dieser

Thatsache eifrigst auf Mittel dachte, den in Seenot Befindlichen zu

Hilfe zu eilen.

Die Anfänge des organisierten Rettungswesens reichen bis ins vorige

Jahrhundert zurück. Das erste +Rettungsboot+ zum Zwecke der Bergung von

Schiffbrüchigen, von welchem wir Kenntnis haben, wurde im Jahre 1784

für den Dienst auf der Themse fertiggestellt. Konstrukteur und Erfinder

desselben war ein gewisser +Lukin+. Aus wasserdichten Luftbehältern

im Innern bestehend, mit Korkgürteln an den äußeren Rändern und einem

schweren, mit Eisen beschlagenen Kiel versehen, behufs Vergrößerung

der Stabilität und Schwimmkraft, leistete dieses Boot vorzügliche

Dienste und rettete noch im selben Jahre mehrere Menschen aus der

Sturmnot. Das allgemeine Interesse an der Sache war indes vorerst noch

gering; erst als 1789 das Newcastler Handelsschiff „Adventure“ hart

an der Mündung des Tyne-Flusses mit Mann und Maus zu Grunde ging, da

wurden die Geister nachhaltig aufgerüttelt. Es ward ein Preis für das

beste Rettungsboot ausgeschrieben, und ein gewisser +Greathead+ aus

Süd-Shields stellte das beste Modell eines solchen Fahrzeuges fertig.

Es war ähnlich wie das +Lukin+sche Boot konstruiert, nur hatte es

statt der luftdichten Behälter auch im Innern einen Korkgürtel. Nach

diesem Modelle wurde 1789 das erste zu Rettungszwecken bestimmte Boot

gebaut und sofort in Dienst gestellt. Im Laufe der nächsten 10 Jahre

wurden mit solchen Booten allein in der Mündung des Tyne 200 Menschen

dem Wellengrabe entrissen. +Greathead+ erhielt vom Parlamente eine

Belohnung von 1500 Pfd. St. und ward auch sonst vielfach ausgezeichnet.

1824 trat auf Anregung Sir +William Hillarys+ in England die erste

+organisierte Lebensrettungs-Gesellschaft+ in Thätigkeit, und in den

nächsten 25 Jahren wurden durch sie über 6700 Schiffbrüchige vom

Ertrinkungstode gerettet. Trotzdem war die Beteiligung noch immer

sehr gering, und erst als 1850 der +Herzog von Northumberland+ die

Angelegenheit in die Hand nahm und die Gesellschaft organisierte --

sie führte von nun an den Namen „National Lifeboot Institution“ --,

da kam in das Rettungswesen ein dauernder Aufschwung. Der Herzog von

Northumberland hatte gleichzeitig auch einen Preis in der Höhe von 100

Pfd. St. für das beste Modell eines Rettungs-Bootes ausgeschrieben. Als

Sieger unter den Bewerbern ging ein gewisser +Blanching+ hervor, doch

erwies sich sein Boot in der Praxis als nicht sonderlich verwendbar,

so daß das betreffende Komitee durch eines seiner Mitglieder, den

Bootsbauer +Peake+, einen andern Plan einreichen ließ. So entstand das

+Peakesche Rettungsboot+, das noch heute allenthalben in Verwendung

steht. Das erste derartige Boot hatte eine Länge von 30 Fuß, 8 Fuß

Breite und 3½ Fuß Höhe. Das +Selbstaufrichten+ nach dem Kentern

(Umschlagen) erfolgt in 2 Sekunden, die Wasserentleerung in kaum einer

Minute. Dermalen besitzt die „National Lifeboot Institution“ über 250

Rettungsboote, die fast alle nach dem Peakeschen Systeme gebaut sind.

Nach dem englischen Muster bildeten sich bald auch in den übrigen

Ländern Rettungsgesellschaften; in +Deutschland+ entstand die erste

1860. Hier haben besonders +Bermpost+ und +Kuglmay+, später +Breusing+

und +Merk+ sich um das Rettungswesen große Verdienste erworben. 1865

wurde die „Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ (mit

dem Sitze in +Bremen+) gegründet, und zur Zeit (1886) giebt es im

ganzen an der deutschen Küste 100 Rettungsstationen, von denen 43 an

der Nordsee liegen und 57 an der Ostsee. Unter diesen befinden sich

33 Doppelstationen, mit Rettungsboot und Raketenapparat ausgerüstet,

47 Bootsstationen und 20 Raketenstationen. Für die Anerkennung und

den Anklang, den das hochherzige Unternehmen überall gefunden hat,

sprechen die Tatsachen, daß zur Gesellschaft 57 Bezirksvereine und 217

Vertreterschaften gehören, sowie das stetige Wachstum an Mitgliederzahl

und Einnahmen. Im Jahre 1865 zählte die Gesellschaft 3874 Mitglieder

mit einer ordentlichen Jahreseinnahme von 14179 M. 25 Pf., 1875 bereits

26319 Mitglieder mit 94679 M. 52 Pf., am 1. Juni 1886 aber 45516

ordentliche Mitglieder mit 140055 M. Jahresbeiträgen. Die Zahl der

außerordentlichen Mitglieder betrug zur gleichen Zeit 1728, und die

Gesamtsumme der Jahreseinnahmen erreichte 217416 M. Die +Gesamtzahl

der geretteten Menschenleben+ beläuft sich auf 1578 oder auf einen

jährlichen Durchschnitt von 77 Personen.

Obige Zahlen sind Erfolge, auf die wir mit Befriedigung blicken

dürfen, die aber dazu aufmuntern sollen, daß sich noch immer weitere

Kreise unseres Volkes an dem segensreichen Werke bethätigen. Die Zahl

der Mitglieder macht jetzt kaum den hundertsten Teil der Einwohner

Deutschlands aus, und es ist deshalb dringend zu wünschen, daß die

Beteiligung eine noch regere werde, zumal der Jahresbeitrag nur die

geringfügige Summe von M. 1,50 beträgt. Ein sehr erfreuliches Resultat

haben die aller Orten aufgestellten Sammelbüchsen ergeben; sie brachten

1884/85 nicht weniger als 20000 M. auf, und ebenso ist hervorzuheben,

daß sich nach dem Vorbilde anderer Länder, namentlich Englands auch

die Legate zu mehren beginnen; einzelne derselben erreichen sogar eine

beträchtliche Höhe. Selbst ein +Franzose+, Herr +Emil Robin+ aus Paris,

hat der deutschen Gesellschaft 10000 M. mit der Bestimmung überwiesen,

die Zinsen dieser Gabe alljährlich demjenigen deutschen Kapitän in

transatlantischer Fahrt auszuzahlen, welcher während des letzten

Jahres die Mannschaft eines Schiffes irgend welcher Nationalität aus

Lebensgefahr errettet hat. Auch den Seerettungsgesellschaften anderer

Länder hat Robin ein gleich hohes Kapital zu demselben Zwecke übergeben.

[Illustration: Fig. 145. Rettungsboot mit Transportwagen. (Aus

+Spemanns+ illustrierter Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“.)]

Was die einzelnen +Rettungsmittel+ betrifft, so sind die wichtigsten

die +Rettungsboote+. Bei ihrer Konstruktion legte man, nach

+englischem+ Muster, ein wesentliches Gewicht auf Selbstentleerungs-

und Selbstaufrichtungsfähigkeit; sie waren aus Holz gebaut. Da sie aber

wegen ihrer Schwere und ihres Tiefganges sich für die flachen, sandigen

Küsten Deutschlands weniger geeignet erwiesen haben, so gebraucht

man jetzt andere von +deutscher+ Konstruktion aus Eisenblech, mit

Luftkasten vorn und hinten, sowie zu beiden Seiten. Füllen sie sich

mit Wasser, so müssen sie freilich ausgeschöpft werden, auch fehlt

ihnen die Selbstaufrichtungsfähigkeit; dagegen sind sie verhältnismäßig

leicht, und die Luftkasten halten sie über Wasser.

[Illustration: Fig. 146. Raketenapparat. (Aus Spemanns illustrierter

Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“.)]

[Illustration: Fig. 147. Rettungsleine mit Hosenboje. (Aus +Spemanns+

illustrierter Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“.)]

Andere Auskunftsmittel in Fällen von Schiffsnot sind die +Mörser-+

und +Raketenapparate+, mittels welcher Wurfleinen auf beträchtliche

Entfernungen geschleudert werden können. Diese Leinen sind wahre

„Rettungsfäden“; denn so dünn sie auch sein mögen, sie stellen die

Verbindung zwischen der Küste und dem Wrack her, und wenn einmal die

Wurfleine über das Schiff sich gelegt hat, so genügen einige rührige

Hände, um der dünnen Leine ein starkes Seil, das an jene befestigt

wird, folgen zu lassen. Ein solches Seil aber hat seine ausreichenden

Rettungsvorrichtungen. Es läuft vom Schiff zum Festlande hinüber und

wieder zurück, und jede Tour bringt ein gerettet Menschenleben. --

Gewissermaßen die Vermittlung zwischen den Rettungsbooten und den

Rettungsgeschossen bildet das Cordessche +Handgewehr+, da es dazu

dient, in dem Falle, daß ein Rettungsboot wohl auszulaufen, aber

der Wogen wegen nicht an das Wrack zu kommen vermag, die Verbindung

zwischen diesem und dem Boot durch Hinüber+schießen+ einer Leine

herzustellen. Die Tragweite dieses Geschosses beträgt etwa 70 m. --

Ein weiteres Rettungsmittel bilden die +Rettungsringe+. Sie sind aus

großen Korkstücken zusammengesetzt und mit einem hellfarbigen Stoffe

überzogen, so daß sie, den Sinkenden zugeworfen und auf dem Wasser

schwimmend, weithin gesehen werden können. In Fällen, wie „Mann

über Bord“, d. h. wenn jemand ins Meer gestürzt ist oder ein Boot

umschlägt (kentert), sind diese Ringe das nächste Rettungsmittel, und

das nicht bloß für Passagiere, sondern auch für Matrosen und Seeleute

überhaupt, da, sonderbar genug, die letzteren bisher grundsätzlich

nicht schwimmen lernten, weil dadurch, wie sie sagen, in vielen Fällen

der Todeskampf in den Wellen nur verlängert werde. -- Endlich ist noch

der +Korkjacken+ zu erwähnen. Dieselben sind aus einzelnen dicken, auf

Segeltuch genähten Korkstücken zusammengesetzt und umschließen in einem

Ringe von ziemlich großem Umfange die ganze Brust. Jede Korkjacke wird

auf größte Tragfähigkeit geprüft. Die Jacke muß 10 kg Eisen 24 Stunden

lang im Wasser tragen können und darf in dieser Zeit nicht über 500

g Wasser ziehen. Eine solche Korkjacke läßt erfahrungsmäßig auch den

schwersten Mann, bekleidet mit dickem Wollenzeug und Seestiefeln,

nicht untersinken, sondern trägt ihn 24 Stunden lang und länger mit

den Schultern über Wasser. Die Mannschaften in den Rettungsbooten der

Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger müssen stets, sowohl

auf Rettungs-, wie auch auf Übungsfahrten, mit Korkjacken bekleidet

sein. Die deutschen Passagier-Dampfschiffe zwischen Hamburg oder Bremen

und Amerika haben sowohl für jeden Mann der Besatzung, als auch für die

volle möglicherweise anzunehmende Anzahl der Passagiere Korkjacken an

Bord, was von großer Wichtigkeit ist. Es kommt z. B. öfter vor, daß,

wenn ein Schiff strandet, von den über das Schiff brechenden Sturzseen

einige „Mann“ der Besatzung über Bord gespült werden, bevor man ihnen

vom Lande aus Hilfe leisten kann. Tragen die Fortgespülten Korkjacken,

so ist es in der Regel der Fall, daß sie von den Wellen dem Strande

zugetrieben und vom Lande aus durch zugeworfene Leinen dem Wassertode

entrissen werden, wogegen sie sonst in der Regel rettungslos verloren

sind.

[Illustration: Fig. 148. Korkjacke und Korkring. (Aus +Spemanns+

illustrierter Zeitschrift „Vom Fels zu zum Meer“.)]

Wir geben hier noch drei Rapporte wieder, welche von einzelnen

Stationen an das Bureau der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger

eingegangen sind, und welche mit schlichten Worten thatsächliche

Vorkommnisse schildern.

1. Am 30. April 1882 wurde der deutsche Schooner „Henriette“, Kapitän

Hansen, mit Kohlen von Warkworth nach Wyck auf Föhr bestimmt, in der

Nähe der Insel Sylt von einem orkanartigen Sturm aus WSW. überfallen,

welcher die See fortwährend hoch über das Schiff trieb und die

Besatzung zwang, in die Masten zu flüchten. Da auch die Ladung

überschoß und das Schiff auf die Seite legte, so befand sich die

Besatzung in der größten Gefahr. Glücklicherweise wurde auf Sylt die

Not des Schiffes rechtzeitig bemerkt und der Raketenapparat der Station

Rantum sofort nach derjenigen Stelle gefahren, in deren Nähe das Schiff

mutmaßlich stranden würde. Dies geschah auch bald darauf; gleich durch

die erste Rakete wurde die Verbindung mit dem Lande hergestellt und

die aus fünf Personen bestehende Besatzung mittels des Rettungskorbes

gerettet.

2. Nach Aussage der Besatzung der deutschen Bark „Ceres“, Kapitän

Bartels, hat dieses Schiff in der Nacht vom 17. auf den 18. November

1882 vor Zingst geankert, ist aber, in der Befürchtung, auf den Strand

zu geraten, gegen drei Uhr unter Segel gegangen, hat dann später auf

der Prerowbank heftig gestoßen, ist leck geworden und darauf ungefähr

um 6½ Uhr auf dem Darserort-Riff gestrandet. Die furchtbare Brandung

ging sofort über das Schiff hinweg und riß Boote, Schanzverkleidung

u. s. w. von Bord; der Besanmast brach, der Hauptmast mußte, um das

Kentern und Zerbrechen des Schiffes zu verhüten, gekappt werden, zwei

Leute wurden über Bord gerissen, und die übrige Mannschaft mußte sich

am Maststumpf etc. festbinden.

Um 7 Uhr erhielt die Rettungsstation Prerow Nachricht, und schon um

7½ Uhr fuhr das Rettungsboot „Graf Behr-Negendank“, mit sechs Pferden

bespannt, aus dem Schuppen dem Strande zu und ging um 8 Uhr zwischen

Prerow und Zingst in See. Bei der furchtbaren Brandung, den hohen

Wellen und dem rasenden Strome erreichte es, nachdem es wiederholt

vollgeschlagen worden, nach unsäglicher Anstrengung ungefähr um 12 Uhr

das verunglückte Schiff. Über dasselbe rasten aber die Wellen förmlich

hinweg, und Trümmer trieben auf der Leeseite daneben, so daß es dem

Rettungsboote unmöglich war, sich an das Schiff zu legen. Es mußte

also so nahe wie irgend thunlich vor Anker gehen. Das Rettungswerk

geschah nun in der Weise, daß jeweils ein Mann sich an die dem Wrack

zugeworfene Leine befestigte, dann von dem bereits glatt rasierten

Verdeck in die Brandung sprang und darauf ins Boot gezogen wurde.

Als nun auf diese Weise sechs Mann in anderthalbstündiger schwerer

Arbeit mit größter Lebensgefahr vom Rettungsboote aufgenommen waren,

erfuhr die Bootsbesatzung, daß der Kapitän allein noch in der Kajüte

sei, welche er vorhin auf Bitten und Zureden sowohl des Steuermanns

als auch der Leute nicht habe verlassen wollen, vielleicht auch nicht

habe verlassen können. Da derselbe trotz Rufens auch jetzt noch nicht

zum Vorschein kam, vom Rettungsboote es aber unmöglich war, an Bord

zu kommen, auch das Boot sich nicht mehr aufhalten konnte, da die See

noch wilder wurde und letzteres immer wieder vollschlug, so mußte man

den Kapitän leider zurücklassen. Auch die Rückfahrt war mit größter

Gefahr verknüpft; jedoch erreichte das Boot gegen 2 Uhr glücklich das

Ufer, seine Besatzung freilich total durchnäßt und entkräftet, die

Schiffbrüchigen in einem traurigen Zustande; keiner konnte mehr gehen,

und der Koch starb bald nach der Ankunft, wogegen die übrigen sich bald

erholten. Alsbald nachdem nun bekannt wurde, daß der Kapitän noch an

Bord sei, versuchten acht kühne und gewandte Männer noch einmal an das

Wrack zu kommen; aber bevor sie dasselbe erreichen konnten, wurde es

vollständig zertrümmert. Bald war nichts mehr von dem Schiffe zu sehen

als die Trümmer, die ans Ufer trieben, so daß bestimmt anzunehmen ist,

daß der Kapitän in den Wellen sein Grab gefunden.

3. Am 3. Dezember 1882, circa 5½ Uhr nachmittags, sah man vom zweiten

Elbleuchtschiff „Kaspar“ einen Schooner auf Scharhörn auf Grund kommen

und Notsignale machen, worauf das Rettungsboot sofort fertig gemacht

wurde. Da es mittlerweile aber Hochwasser geworden war, so konnte

man wegen des herrschenden schweren Schneesturmes aus Südost erst

um 11½ Uhr nachts mit der kommenden Flut abfahren; man hatte aber

in der Zwischenzeit Raketen steigen lassen, um den Schiffbrüchigen

anzuzeigen, daß Hilfe geleistet würde. Nachdem das Rettungsboot um 1½

Uhr nachts die Unglücksstelle erreicht hatte, war das Boot, Bootsgerät

und selbst die Mannschaft von einer dicken Eiskruste umgeben, so daß

es erst nach sehr schwerer und gefährlicher Arbeit gelang, die aus

fünf Mann bestehende Besatzung im Rettungsboot aufzunehmen. Um 3½ Uhr

morgens wurde das Leuchtschiff erreicht, woselbst die Insassen des

Rettungsbootes, des furchtbaren Seeganges halber, einzeln mit einem

Tau übergeholt werden mußten, eine gefährliche und mühevolle Arbeit,

so daß das Rettungsboot, welches eher einem Eisklumpen als einem Boote

ähnlich sah, erst um 5¾ Uhr wieder auf Seite geholt werden konnte.

Das verunglückte Schiff war der deutsche Schooner „Geskea“, Kapitän

Sielmann, von Danzig nach Harburg bestimmt.

Wenn nun auch schon schöne Erfolge im Gebiete des See-Rettungswesens

errungen worden sind, so ist doch noch nicht genug geschehen. Unsere

Küsten sind noch nicht genügend mit Hilfsmitteln ausgerüstet; noch

stehen uns andere Länder im Rettungswesen voran, und das ist die

Ursache, daß noch so mancher Schiffbrüchige, der gerettet werden

könnte, sein Grab in der Tiefe findet.

„Wenn der Orkan durch die Straßen heult und die Gebäude in ihren

Grundfesten erschüttert, wenn die Wolken, am düstern Himmel

dahinjagend, Regen und Schlossen herniederpeitschen, dann fühlt sich

der Landbewohner behaglich und glücklich im warmen Zimmer und empfindet

wohlthuend den Gegensatz zwischen dem Sturm draußen und dem Frieden des

Hauses. Möge er dann nicht vergessen, wie der Orkan die Meereswogen

zu gigantischer Höhe türmt, Schiffe entmastet und sie steuerlos der

Küste zutreibt, über deren Riffe sich die Brandung donnernd wälzt und

ihren Gischt himmelan sprüht! Möge er sich dann erinnern, für wie viele

seiner Mitmenschen sich in solchem Sturme ein nasses Grab öffnet! Möge

er aus dem Brausen des Windes stets die Mahnung heraushören: Gedenket

eurer Brüder zur See!“[211]

Achtes Kapitel.

Die bedeutendsten Dampfschiffahrts-Gesellschaften der Erde.

Der Erfolg der ersten oceanischen Dampfschiffahrts-Gesellschaft, welche

durch +Stephan Cunard+ 1840 gegründet und von der englischen Regierung

subventioniert wurde, regte allenthalben die Idee an, Dampferlinien

ins Leben zu rufen. Zunächst freilich stellten sich der Entwicklung

der überseeischen Dampfschiffahrt noch mancherlei Hindernisse

und Schwierigkeiten entgegen, trotzdem aber bildeten sich in

verhältnismäßig kurzer Zeit zahlreiche Dampfschiffahrts-Gesellschaften,

die für einen regelmäßigen Verkehr zwischen den Haupthandelshäfen der

Welt sorgten. In Europa sind die bedeutendsten derselben, nach Ländern

geordnet, folgende:

I. Deutsches Reich.

In Deutschland stehen unter den Dampfschiffahrts-Gesellschaften

obenan der +Norddeutsche Lloyd+ und die +Hamburg-Amerikanische

Paketfahrt-Aktien-Gesellschaft+. Beide Gesellschaften unterhalten

vorzugsweise den Verkehr mit +Amerika+.

Der +Norddeutsche Lloyd+[212] wurde am 20. Februar 1857 durch

den vielverdienten Konsul H. H. +Meier+ in Bremen gegründet und

gelangte allmählich zu solcher Blüte, daß er nun +das erste und

bedeutendste See-Institut Deutschlands+ ist[213]. Die Gesellschaft,

welche anfänglich nur über vier Schiffe verfügte, besaß Ende 1885

eine Flotte von 40 Seedampfern mit rund 100000 t (genau 103466 t).

Die +gesamte+ Flotte des Norddeutschen Lloyd hatte im gleichen Jahr

(ohne die Schleppkähne) einen Brutto-Raumgehalt von 106838 t und

einschließlich der Schleppkähne mit 11501 Registertonnen 118339 t. Der

Anschaffungswert der Schiffe betrug im ganzen 69½ Mill. M.

=Größe und Preis der acht Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd.=

----------+---------------+------------

Name des | Brutto- | Totalpreis

Dampfers. | Tonnengehalt. | in Mark.

----------+---------------+------------

Elbe | 4510 | 3150000

Werra | 4815 | 3600000

Fulda | 4814 | 3830000

Eider | 4719 | 3770000

Ems | 4728 | 3710000

Aller | 5380 | --

Trave | -- | --

Saale | -- | --

An Bequemlichkeit der Passagierräume, an Sauberkeit und Reinlichkeit,

an Behaglichkeit und luxuriöser Ausstattung der Salons, an

Vorzüglichkeit und Reichhaltigkeit des Tisches stehen die

+Lloyddampfer+, wie uns bereits früher die Betrachtung der „Ems“

dargethan, unerreicht da. Jedem Schiffe ist auch ein +Arzt+ beigegeben.

Ebenso vereinigen die Dampfer alle Fortschritte im Bau der

Schiffsmaschinen und Motoren.

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 39 / 50 段