Große Gefahren bereiten den Schiffen in den höheren Breiten die

+Eismassen+, die oft einen Meeresraum von vielen Quadratmeilen

bedecken. Als Kapitän +Mac Clintock+, dem wir Aufklärung über Franklins

Schicksal verdanken, mit seinem Schiffe „Fox“ 1857 von der Melville-Bai

querüber nach dem Lancastersunde zu fahren gewillt war, wurde er von

Eismassen eingeschlossen, fror fest und trieb nicht weniger als 242

Tage in und mit diesem Eise 1194 Seemeilen südwärts. Die „Hansa“, ein

deutsches Nordpolfahrerschiff, wurde 1869 am 19. Oktober unter 70°

50′ n. Br. gegenüber der Küste von Ostgrönland vom Eise zerquetscht.

Das Eisfeld, auf welches sich die Mannschaft rettete, war 15 m dick,

und der Umfang desselben, der sich allmählich stark verminderte,

betrug anfänglich 2½ Stunden. Die Mannschaft legte bekanntlich

auf dieser Scholle in 243 Tagen eine Strecke so weit wie die von

Konstantinopel nach Berlin zurück. -- Weiter als die +Eisfelder+

dringen die +Eisberge+ von beiden Polen her gegen den Äquator vor. Sie

kommen in den Golfstrom und selbst bis in die Westindischen Gewässer,

und +antarktische+ Eisberge sind schon bis ans Kapland gelangt. Es

unterliegt kaum einem Zweifel, daß viele von den Schiffen, die von

Europa nach Amerika fuhren, und von denen nie wieder eine Kunde zu

uns drang, an Eisbergen Schiffbruch litten und in den Abgrund des

Meeres versanken. Das Schicksal des Dampfers „Pacific“, der 1861

sein Ziel nicht erreichte, wurde z. B. nur durch eine Notiz in einer

treibenden Flasche aufgeklärt, welche besagte, daß er durch einen

Eisberg zum Sinken gebracht worden sei. So wurde auch am 7. November

1879 dem Dampfer „Arizona“ bei Neufundland durch Zusammenstoß mit einem

Eisberge der Bug weggerissen, so daß die Rettung des Schiffes nur mit

Mühe gelang. Am 24. Mai 1882 passierte ein nach New-York bestimmter

deutscher Postdampfer während 24 Stunden nicht weniger als 351 Eisberge

der verschiedensten Größe. Der Anblick solcher Eisberge ist übrigens

ein majestätisches Schauspiel. Ihre phantastischen Gestalten prangen

in der herrlichsten Farbenpracht. Bei Nacht und bei Tage glänzen sie an

den weißen Stellen wie Silber und an den übrigen in den lebhaftesten

Regenbogenfarben. Im Sommer vollends, wenn das Eis durch die Wirkungen

der Sonnenstrahlen geschmolzen wird, strömt das Wasser in großen

Wasserfällen vom Kamme solcher Eisgebirge hernieder.

Zu den schlimmsten Feinden der Schiffahrt zählen ferner die +Nebel+;

denn selbst auf den bekanntesten Straßen, dicht vor dem Hafen kann

ein Nebel alle menschliche Kunst nutzlos machen, wie uns noch in

jüngster Zeit der Untergang der „+Cimbria+“ gezeigt hat. Ein echtes

„Nifelheim“ ist besonders die nördliche Hälfte des Südsee-Beckens,

das zuweilen wochenlang in undurchdringlichen Nebel gehüllt ist.

Eine Fahrt durch solch ein Nebelmeer gehört in der That zu den

unheimlichsten und aufregendsten Vorkommnissen des menschlichen Lebens.

Bald droht ein Zusammenstoß mit einem in entgegengesetzter Richtung

steuernden Dampfer; bald verkündet der tiefe Stand des Thermometers die

unheilvolle Nähe eines gewaltigen Eisberges; bald besteht die Gefahr,

an einer Klippe zu scheitern u. s. w. Die Schiffsmannschaft ist in

ununterbrochener Thätigkeit. Da wird gelotet, laviert, manövriert,

die Dampfpfeife oder das Nebelhorn in Aktion gesetzt, langsamer oder

schneller gefahren, bald mit halber Dampfkraft, bald mit gerefften

Segeln; es ist ein ununterbrochenes Tappen und Suchen, Ausforschen und

Ausklügeln mit furchtbar angespannten Sinnen, bis endlich der Glanz der

Sonne den Nebelschleier durchbricht. Wer solch eine Fahrt mitgemacht,

der hat die Sonne gewiß so freudig begrüßt, wie der Gefangene, der am

Tage der Begnadigung aus seinem finstern Kerker zu neuem Leben in die

sonnige Welt hinausschreitet.

Vielen Schiffen bringt die +Küste+ Verderben und Untergang; namentlich

sind es die +Flachküsten+, welche der Schiffahrt infolge der Sandbänke,

von denen dieselben umgürtet sind, oft recht verhängnisvoll werden.

Ein Meer, reich an solchen Sandbänken, ist z. B. die Nordsee. Die

Westküste von Jütland führt geradezu den Namen der „+eisernen+“ Küste;

denn jedes Schiff, welches auf diese Sandbänke gerät, ist unrettbar

verloren und in der kürzesten Zeit in Sand begraben. Von ähnlicher

Beschaffenheit ist auch die Küste der Sahara. Ganz besonders gefährlich

sind solche Küsten dann, wenn in einiger Entfernung vom Ufer die Tiefe

des Meeres +plötzlich+ zunimmt. Da nämlich im tiefen Wasser die Wellen

rascher gehen als im seichten, so überholen sich an der Grenze des

seichtern und tiefern Wassers die Wellen und bilden auf diese Weise

furchtbare Brandungen. An der Koromandelküste ist diese Erscheinung

unter dem Namen des +Surf+ bekannt. Hier ankern die Schiffe im offenen

Meere, und nur die Eingeborenen verstehen es, mit ihren Booten durch

den Wasserwall sich hindurchzuarbeiten. -- Außer den Flachküsten sind

auch die +Klippenküsten+ den Schiffen vielfach verderblich. Es sind

das Meeresbegrenzungen aus zerstückelten Felsen, die oft regellos,

labyrinthisch zerstreut den Küstensaum bilden. Diese Klippen bestehen

bald aus größeren oder kleineren Inseln, bald erreichen sie eben die

Meeresoberfläche, bald bleiben sie als blinde Klippen in der Tiefe.

Dadurch wird das Fahrwasser, welches zu den auf solche Weise von der

Natur verschanzten Häfen führt, häufig bis zu äußerst geringer Breite

eingeengt, und seine Richtung in dem Insel- und Klippengewirr wechselt

mit Wind und Jahreszeiten. An solchen Küsten vermag sich nur der

Einheimische zurechtzufinden. Der Fremde wird nur schwer dem Verderben

entgehen. In Europa gewährt für diese Küsten ein ausgezeichnetes

Beispiel +Norwegen+. Hier schneiden tiefe Spalten, die sogen. +Fjorde+,

mit steil geneigten Hängen in das Plateau des Landes ein und gewähren

den größten Seeschiffen den Zugang ins Innere; aber die Eingänge zu

diesen Buchten sind durch ein Gewirr unzähliger Inseln, Inselchen und

Klippen, die sogen. +Schären+, verschlossen. Eine besondere Art von

Klippenküsten sind die +Korallenküsten+, d. i. solche Küsten, denen

Korallenriffe vorgelagert sind. Im Stillen Ocean erstreckt sich z. B.

von der durch Koralleninseln fest vermauerten Torresstraße fast

300 Meilen weit an der Ostküste von Australien das große australische

Barrière-Riff; ähnliche Riffe finden sich auch in Westindien, und

das warme Wasser des Golfstroms ermöglicht noch das Vorkommen von

riffbauenden Korallen bei den Bermudas-Inseln. Sichere Küsten sind

nur die Steilküsten; sie haben keine Klippen und Sandbänke und sind

meist reich an einschneidenden Buchten und Häfen. Eine derartige Küste

ist die Ostküste der Vereinigten Staaten bis zum Kap Hatteras, und in

Europa zeigen das ausgezeichnetste Beispiel die Küsten Englands von der

Mündung der Themse bis nach Liverpool hin.

Nicht so selten, als man glauben möchte, gehen Schiffe auch

durch +Feuersbrünste+ zu Grunde[200]. Einer der erschütterndsten

diesbezüglichen Seeunfälle in neuerer Zeit war z. B. der Brand des

englischen Auswandererschiffes „+Cospatrick+“ am 19. November 1874.

Inmitten des Atlantischen Oceans, Hunderte von Seemeilen vom nächsten

Lande entfernt, ward das Riesenschiff ein Raub der Flammen, und alle

Eingeschifften, drei Personen von der Equipage abgerechnet, fanden

ihren Tod in den Wellen.

Viele Unfälle sind ferner der +Gewissenlosigkeit+ von

Schiffsgesellschaften zuzuschreiben; denn manche derselben verwenden

noch Schiffe im Seeverkehr, die nicht mehr seetüchtig sind, oder sie

versäumen es, ihre Fahrzeuge mit den im Interesse der Sicherheit

nötigen Instrumenten, Apparaten und Karten zu versehen.

Zuweilen werden Schiffbrüche auch durch die +Pflichtvergessenheit+

des diensttuenden Personals veranlaßt, manchmal sogar durch

+Verbrecherhand+. Eines der schaurigsten Beispiele in letzterer

Beziehung ist die Frevelthat eines gewissen +Thomas+, der vor mehreren

Jahren in Bremerhaven ein eben zur Abfahrt nach Amerika bereitliegendes

Schiff durch einen teuflischen Apparat mitsamt der ganzen Besatzung in

die Luft sprengte.

Zahlreich waren in früherer Zeit die durch +Blitzschläge+ verursachten

Schiffbrüche. Nach dem von der britischen Admiralität im Jahre 1854

dem Parlamente vorgelegten Blaubuche wurden in den Jahren 1805-1815

nicht weniger als 40 Linienschiffe, 20 Fregatten und 10 Korvetten vom

Blitze getroffen und manche dieser Fahrzeuge hierdurch für längere Zeit

dienstuntüchtig gemacht; ebenso sind in der englischen Handelsmarine

von 1820 bis 1854 nicht weniger als 33 Schiffe durch den Blitz völlig

zerstört und 45 schwer beschädigt worden. In +unseren+ Tagen macht man

von der Erfindung Franklins auch auf den Schiffen den ausgedehntesten

Gebrauch, und der Blitzableiter erweist sich auch hier als wahrer

Schutzengel.

In früherer Zeit erlitt endlich die Schiffahrt noch große Schädigung

durch die +Piraterie+ oder den +Seeraub+. Klagen hierüber kommen schon

aus dem fernsten Altertum. Als Telemach, des Odysseus Sohn, mit Mentor

aus Ithaka in Pylos bei Nestor eintrifft, wird an beide die Frage

gerichtet:

„Fremdlinge, sagt, wer seid ihr? Woher durchschifft ihr die Wogen?

Trieb ein Geschäft euch über die See her? Schweifet ihr planlos

Über das Meer in der Irre dahin, wie Räuber umherzieh’n,

Keck einsetzend ihr Leben, +um anderen Not zu bereiten+?“

Wie beschwerlich die Korsaren den Römern geworden, weiß jeder Kenner

der Geschichte. Auch während des Mittelalters dauert der Seeraub im

Mittelmeer fort, aber erst anfangs des 16. Jahrhunderts gelangte

hier die Piraterie zu solcher Entwicklung, daß sie fast eine eigene

Epoche des Seeverkehrs bildet. Um diese Zeit entstanden nämlich an der

Nordküste Afrikas die +mohammedanischen Barbareskenstaaten+, deren

Flotten Jahrhunderte hindurch der Schrecken aller Seefahrer waren. Noch

1817 jagte ein Korsar aus Algier einen Kauffahrer aus Lübeck bis in die

Nähe von Island. Erst 1830 wurde der beispiellosen Wirtschaft durch die

Landung der Franzosen in Algier ein Ende bereitet. Wie das Mittelmeer,

so wurden auch +Nord+- und +Ostsee+ geraume Zeit hindurch von

Seeräubern durchschwärmt. Daß die +Normannen+ ihre Herrschaft zur See

als Piraten begannen, ist jedem bekannt, der von „Wikingerzügen“ gehört

oder altnordische Geschichte gelesen. Die vielgenannten Seekönige

waren im Grunde nichts anderes als gekrönte Korsarenhäuptlinge, deren

Ressourcen hauptsächlich im Seeraube lagen. Später, besonders seit

dem Ende des 14. Jahrhunderts, waren wieder die +Vitalienbrüder+

oder +Likendeeler+[201] fast ein halbes Jahrhundert lang eine wahre

Geißel der nordischen Meere und Küsten. -- Ein anderer Schauplatz der

Seeräuberei waren die +westindischen Gewässer+, wo in der Mitte des 17.

Jahrhunderts die +Boucaniers+ und +Flibustiers+ ihr Unwesen trieben; ja

dieselben waren -- unterstützt durch den zwischen Spanien und England

bestehenden Antagonismus -- sogar so übermütig geworden, daß sie an die

Gründung eines selbständigen Staates dachten. Den großartigsten Umfang

nahm die Piraterie jedoch im +indischen Archipel+ an, wo sie mit dem

gesellschaftlichen und staatlichen Leben vieler Stämme innig verwachsen

war und zugleich durch die örtlichen geographischen Verhältnisse in

hohem Grade begünstigt wurde. Selbst bis heute ist weder hier noch an

den +Küsten des chinesischen Reichs+ dem Unwesen völlig gesteuert.

In diesem Zusammenhange sei auch der +Seekrankheit+ gedacht. Zwar ist

sie nicht lebenbedrohend, aber doch sehr belästigend. „Man stirbt nicht

daran, aber wenn man sie hat, möchte man doch am liebsten tot sein.“

Noch ist es der ärztlichen Kunst nicht gelungen, ein wirksames Mittel

gegen dieses Übel zu finden, ja alle ihre physiologische Weisheit

vermag nicht einmal deren Entstehung zu erklären. „Wann wird der

Wohlthäter geboren werden, der diese schreckliche Plage aus der Welt

schafft?“[202]

Sechstes Kapitel.

Mittel zur Sicherung des Seeverkehrs[203].

Angesichts der vielen Gefahren, welche der Schiffahrt drohen, war

man seit alter Zeit schon bedacht, sich Mittel zur Sicherung des

Seeverkehrs zu schaffen. Auch in neuerer und neuester Zeit ist man in

diesem Streben nicht müde geworden, und so bestehen denn dermalen eine

ganze Reihe von Vorkehrungen zur Minderung der Schiffsunfälle.

Bereits im grauen Altertum machte sich die Notwendigkeit geltend,

die Häfen und mit der Zunahme der Schiffahrt auch einzelne wichtige

Punkte an den Küsten während der Nacht durch +Leuchtfeuer+ kenntlich

zu machen. Seit aber der Verkehr sich vervielfacht hat und namentlich

die Fahrzeiten sich nicht mehr auf den Tag beschränken, die

Fahrgeschwindigkeit selbst bei den Segelschiffen eine bedeutend größere

geworden, trat dieses Bedürfnis nach ausreichender Beleuchtung der

befahrensten Wasserstraßen selbstverständlich noch weit dringender

zu Tage. Besonders wichtig wurde eine solche Beleuchtung, seit sich

die Kraft des Dampfes auf dem Wasser geltend machte; denn „Zeit ist

Geld“, sagt ein altes Sprichwort, Zeitersparnis ein Faktor, der bei

dem Kohlenverbrauch der Dampfschiffe ganz speziell in Betracht kommt.

Der berühmteste unter allen +Leuchttürmen+ des Altertums war der zu

Alexandria, der nach der kleinen Insel, aus welcher er stand, +Pharos+

hieß, welcher Name später mit +Leuchtturm+ überhaupt gleichbedeutend

wurde. Der Pharos von Alexandria gehörte zu den sogenannten sieben

Wunderwerken des Altertums und wurde von Sostratus aus Knidos erbaut.

Seine Höhe wird auf 550 Fuß angenommen, seine Vollendung fällt in das

Jahr 283 v. Chr. Nach Plinius kostete sein Bau 800 Talente (4 Mill.

M.). Mehr als 1500 Jahre warf er seine Strahlen über die unruhigen

Gewässer des Mittelländischen Meeres, ~nocturnis ignibus cursum navium

regens~, wie Plinius sagt. -- Die Erbauung des Pharos von Alexandria

gab die Anregung zur Errichtung vieler anderer Leuchttürme. Es ist

wahrscheinlich, daß Karthago seine Seefahrer durch Leuchttürme zu

schützen suchte, und es ist gewiß, daß die Römer solche in Caprea,

Ostia, Puteoli und Ravenna errichteten. Letztere ließen es übrigens

nicht bei der Aufführung der segenspendenden Baulichkeiten an der

italienischen Küste bewenden, sondern erbauten sie auch in Ländern,

die sie eroberten, so daß sich unter ihrem Scepter die Linie der

Leuchttürme vom Atlantischen Ocean bis zum Euxin, von Britannien

bis zum Pontus erstreckte. Besonders bemerkenswert von römischen

Leuchttürmen ist die Säule des Pompejus, die merkwürdigerweise nach

Pompejus genannt wurde, obwohl sie unter Diokletian errichtet wurde.

Nach der Ausbreitung des Christentums machten sich Klöster und

Mönchsorden um die Sicherheit auf dem Meere verdient. Sie unterhielten

die Feuer der Leuchttürme, und wo sich solche nicht vorfanden,

entzündeten sie Holzstöße oder Teerfackeln. So warnten zu Sagres, am

Kap St. Vincenz, einem der wildesten Vorgebirge Europas, das ewig

gepeitscht wird von den donnernden Wogen des Atlantischen Oceans, die

menschenfreundlichen Patres durch ihre Feuerzeichen den Schiffer, in

offene See zu stechen.

Zu den berühmteren Leuchttürmen der Neuzeit gehören der zu Corduan auf

einer Felsbank vor der Mündung der Garonne, der Turm auf Eddystone

(Fig. 143), einer Klippe im englischen Kanal, 14 Seemeilen südlich

vom Kriegshafen von Plymouth, der im Firth of Forth auf dem Bell Rock

stehende u. a.

Ein Denkmal fortgeschrittener Technik ist auch der am 1. November 1885

in Betrieb gesetzte +Weserleuchtturm+ auf dem Roten Sande.

Der Turm selbst ist ganz aus Eisen gebaut und hat unten einen annähernd

ovalen Querschnitt von 114 qm, oben ist derselbe dagegen kreisrund mit

5,1 m Durchmesser. Die ganze Konstruktionshöhe des Turmes vom Fundament

bis zur Spitze beträgt 52,5 m. Davon ist der untere Teil in Höhe von

30 m massiv in Portlandcementbeton hergestellt und kann als Monolith

angesehen werden. Zur Aufbewahrung des Trinkwassers befindet sich in

diesem massiven Körper eine hinreichend große Cisterne. Der Oberbau,

dessen Wände durch doppelte Luftschichten gegen die Temperatureinflüsse

geschützt sind, enthält vier Räume übereinander, welche zum Lagern,

Kochen, Wohnen u. s. w. dienen; darüber erhebt sich die 3 m im

Durchmesser haltende Hauptlaterne mit einer kleinern Nebenlaterne.

Der Turm ist oben durch drei erkerartige runde Ausbauten gekrönt, von

denen zwei zum Auslugen dienen und die Orientierungsfeuer aufnehmen.

Im dritten Erker ist die nach der Laterne führende Wendeltreppe

untergebracht.

[Illustration: Fig. 143. Eddystone.]

In den 8 m über der Ebbe liegenden Unterraum, dessen zwei Thüren

wasserdicht verschlossen werden können, gelangt man mittels eiserner

Steigtreppen, während in den Turmräumen sich bequeme Wendeltreppen

vorfinden. Der Fuß der Laterne ist mit einer Galerie umgeben; auch ist

in dieser Höhe ein leichtes Rettungsboot untergebracht. Der Anstrich

des Turmes ist sehr glücklich gewählt, indem die etwa 4 m breiten

roten und weißen Streifen, welche über dem schwarz angestrichenen Fuß

in horizontalen Linien abwechseln, dem Auge schon auf zehn bis zwölf

Seemeilen sichtbar werden und jede Verwechslung mit anderen Körpern

ausschließen.

Das Fundament des Turmes ist, unter Anwendung von starkem Luftdruck, 14

m tief in den festen Sand getrieben, und die Umgebung des Turmes hat in

15 m Breite ein mit großen Steinen beschwertes Bett von Senkfaschinen

erhalten. Die Befestigung des Sandes ist damit vollständig gelungen, so

daß die Sicherheit des Bauwerks gegen Unterspülung über allen Zweifel

gestellt ist.

Auf dem Leuchtturm befindet sich eine Telegraphenstation, deren

Bedienung durch die angestellten drei Turmwärter wahrgenommen wird.

Dieselbe meldet nicht nur die aus- und eingehenden Schiffe u. s. w.,

sondern befördert auch alle daselbst aufgegebenen Telegramme.

Von großem Wert, namentlich in wissenschaftlicher Beziehung, ist

ferner der am Turm aufgestellte, selbstregistrierende Flutmesser,

besonders weil wegen der flachen Ufer an den vorgeschobenen Punkten

der deutschen Nordseeküste zuverlässige Beobachtungen über die

Wasserstandsverhältnisse kaum ausführbar sind[204].

Im ganzen besitzt Deutschland an seinen Küsten 32 Feuerschiffe

und 130 Leuchttürme. -- Die Zahl der Leuchttürme an der Küste von

Großbritannien und Irland beträgt über 600. Über alle Leuchttürme der

Erde wird Register geführt; die Art ihres Lichtes und ihr Standpunkt

sind genau bekannt. Der großartigste Leuchtturm der Gegenwart ist

wohl der auf Hallets Point bei New-York. Er ist völlig aus Eisen

konstruiert, hat eine Höhe von 85 m und neun große elektrische

Bogenlampen mit einer Stärke von je 6000 Kerzen.

Wo Leuchttürme sich nicht anbringen lassen, werden +Leuchtschiffe+

verankert, welche, außenbords mit einem roten Anstrich versehen,

zu beiden Seiten mit großen weißen Lettern den Namen ihrer Station

führen. +Bei Tage+ haben sie die Nationalflagge am Heck gehißt; ihr

Mast, resp. ihre Masten sind am Top mit großen Ballen oder Kugeln aus

Flechtwerk versehen, entsprechend der Zahl der Laternen, die sie +bei

Nacht+ führen. Neustens ist man bemüht, die Leuchtschiffe telegraphisch

mit der Küste zu verbinden, um auf diese Weise die Herbeirufung von

Rettungs-Booten und -Mannschaft in Fällen der Gefahr zu ermöglichen.

Leuchtschiffe waren übrigens schon den Römern bekannt. -- Zur

Unterscheidung der an den einzelnen Orten aufgestellten Leuchtfeuer

bedient man sich am Lande teilweise farbiger Gläser der Laternen,

ferner außer den festen Feuern der sogen. Drehfeuer, Blickfeuer u. s. w.

Auch kommt erfreulicherweise in neuester Zeit das +elektrische+

Licht bei den Leuchtfeuern erster Ordnung zur Verwendung. So ist z. B.

vor dem Hafen von New-York eine Laterne mit elektrischem Licht

angebracht, die eine Lichtstärke von 54000 Kerzen und eine Sichtweite

von 40 Meilen besitzt. Freilich ist dieses Leuchtfeuer auch das

stärkste der Erde. -- Die Zahl der ausschließlich der Seeschiffahrt

dienenden Leuchtfeuer erreicht nahezu 4000; ihre Herstellung hat

Milliarden erfordert, und auch ihre Unterhaltung beansprucht jährlich

viele Millionen. Beispielsweise kostete der Bell-Rock-Feuerturm an

der Ostküste Schottlands 61350 Pfd. St. (1227000 M.), das Feuerschiff

„Weser“ 212466 M. Die durchschnittlichen Unterhaltungskosten eines

Leuchtturms betragen in England 200-400 Pfd. St., in Frankreich 8000

Frcs., in Deutschland 5500 M.

Seit alten Zeiten errichtet man ferner an den Küsten zur Bezeichnung

der Sandbänke hohe turmartige Gerüste aus eichenen Balken oder

Eisenstäben, die sogen. +Baken+, während das Fahrwasser, wie auch

verborgene Klippen, gesunkene Schiffe u. dgl. durch vor Anker liegende,

grell angestrichene eiserne Tonnen, sogen. +Bojen+, bezeichnet sind. Da

Bojen nicht immer weit sichtbar sind, so hat man sie hörbar gemacht;

man benutzt nämlich Luft und Wasser, um einer Dampfpfeife ähnliche Töne

hervorzubringen.

[Illustration: Fig. 144. Leuchtschiff mit Bake.]

Von wesentlichem Belange für die Sicherung des Seeverkehrs ist dann

das +Lootsenwesen+. Wo nämlich die Einfahrt in einen Hafen oder in

eine Strommündung mit Schwierigkeiten verbunden, wie das ja meistens

der Fall ist, da legt der Kapitän die Führung des Schiffes nieder

und nimmt als Kommandanten einen +Lootsen+ an Bord, der mit den

Lokalverhältnissen aufs genaueste vertraut ist. Gegenwärtig sind die

Lootsen wohl überall, wo geordnete Zustände herrschen, von Behörden

geprüfte und angestellte Leute. Ihr Geschäft ist vielfach recht mühsam

und gefahrvoll, für alle Falle sehr verantwortlich. -- Zu den anerkannt

tüchtigsten und unerschrockensten Lootsen zählen die norwegischen. Aber

auch die englischen und die an den deutschen Nordseeküsten angestellten

kommen an Gewandtheit, Pflichttreue und Aufopferung ihren nordischen

Genossen fast völlig gleich.

In Großbritannien hat man in jüngster Zeit auch die

Küstenbeobachtungsstationen durch +Telephonleitungen+ mit den

nächstgelegenen Hafenplätzen in Verbindung gesetzt, um eintretenden

Falls Schiffe in Not den Lootsenstationen melden zu können; und diese

Einrichtung hat sich bisher durchaus bewährt.

Die Einführung des Dampfes als Treibkraft der Schiffe, durch welchen

dieselben unabhängig vom Winde wurden, machte die Navigierung oder

Führung eines Schiffes während der Nacht unsicher und gefährlich.

Begegneten sich früher Segelschiffe, so konnte der Seemann aus dem

Winde schließen, welche Richtung das entgegenkommende Fahrzeug

nehmen werde, und sich danach richten. Dies fiel nun weg, und so

ergab sich für die Schiffahrt treibenden Nationen die Notwendigkeit,

+einheitliche internationale Vorschriften über das Ausweichen der

Schiffe auf See und über das Führen von Lichtern während der Nacht zu

vereinbaren+. So müssen z. B. Dampfschiffe, welche in Fahrt sind, +an

oder vor dem Fockmast+ (vorderer Mast) in einer Höhe von mindestens

6 m über dem Schiffsrumpf ein +helles weißes Licht+ führen, und zwar

von solcher Lichtstärke, daß es in dunkler Nacht bei klarer Luft

auf eine Entfernung von mindestens fünf Seemeilen (9 km) sichtbar

ist; ferner an +der Steuerbordseite[205]+ ein +grünes Licht+ und

an der +Backbordseite[206]+ ein +rotes Licht+. Ein Dampfschiff,

welches ein anderes schleppt, muß zur Unterscheidung von anderen

Dampfschiffen +außer den Seitenlichtern zwei helle weiße Lichter+

führen und zwar senkrecht übereinander, nicht weniger als ein Meter

voneinander entfernt. Ähnlich genau sind die Vorschriften über das

Ausweichen der Schiffe, ebenso bezüglich der +Schallsignale bei

Nebel+. Bei Nebel, unsichtigem Wetter oder Schneefall muß z. B. ein

Dampfschiff in Fahrt mittels einer +Dampfpfeife+ oder eines andern

+Dampfsignalapparats+ mindestens alle zwei Minuten einen +langgezogenen

Ton+ geben. Dampfschiffe und Segelschiffe, welche nicht in Fahrt

sind, müssen mindestens +alle zwei Minuten die Glocke läuten etc.

etc.+ -- Wie notwendig derartige Vorschriften sind, erhellt am besten

daraus, daß trotz derselben fast täglich Zusammenstöße und Havarieen

gemeldet werden, die mit dem Verlust von Menschenleben verbunden

sind. -- Im Interesse der Sicherung des Schiffsverkehrs ist, um

dies gleich hier zu erwähnen, auch die +Einführung einheitlicher

Ruderkommandos auf den Schiffen sämtlicher civilisierter Nationen

dringend zu wünschen+. Die folgenden Beispiele werden selbst dem Laien

das Gefahrvolle der bestehenden Bestimmungen vor Augen führen. Wenn

z. B. auf einem französischen oder schwedischen Schiffe den Leuten

am Ruder das Kommando gegeben wird: „+Steuerbord+“, so bedeutet

dasselbe: die nach vorn zeigende Ruderpinne soll nach „+Backbord+“

gelegt werden, so daß der +Kopf des eventuell in Fahrt befindlichen

Schiffes+ sich nach „+Steuerbord+“ dreht. Auf englischen Schiffen

bedeutet es das Gegenteil; dort wird auf dies Kommando die nach vorn

zeigende Ruderpinne nach „+Steuerbord+“ gelegt, so daß der +Kopf des

eventuell in Fahrt befindlichen Schiffes+ sich nach „+Backbord+“

dreht. Möglichkeit zu Irrtümern und Verwirrungen ist unter solchen

Verhältnissen nicht ausgeschlossen.

Mit Hilfe der Meteorologie und Telegraphie weiß man heutzutage, wie

oben des nähern bereits dargethan wurde, auch dem +Sturme+ oftmals zu

begegnen.

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 38 / 50 段