Die Entstehung der +Londoner Docks+ (mit Ausnahme eines einzigen

kleinen, auf dem südlichen Ufer der Themse gelegenen und für die

Walfischfänger bestimmten, das schon 1660 als erstes Dock Englands

erbaut wurde) fällt in das letzte Jahr des vorigen und die ersten

Jahre dieses Jahrhunderts. Der Handel der Themse-Metropole, der im

16. Jahrhundert den Händen der Hanseaten entrissen und auf Grund

ähnlicher Privilegien, wie sie diese einst besaßen, in die Hände

der Engländer gegeben worden war, hatte schon eine Zeit erheblichen

Wachstums hinter sich. Aber der Hafen Londons hatte bis zum Schluß

des 18. Jahrhunderts unter vollständig ungenügenden Hafenanstalten

zu leiden. Die Legal Wharves, die einzigen für die vom Ausland

kommenden Schiffe zulässigen Landungsplätze, alle auf der kurzen

Stromstrecke zwischen Tower und London Bridge gelegen, waren nur 460

m lang und vollkommen unfähig, den riesigen Verkehr zu bewältigen.

Der langjährige Kampf, den die Kaufleute und Reeder gegen die

monopolisierten Besitzer der Legal Wharves führten, war vergeblich;

der größte Schaden durch Zeitverlust, Diebstahl (bis über 200000

Pfd. St. in einem einzigen Jahre[198]) und Gefahr mußte ertragen

werden, weil jene nicht auf ihre Vorrechte verzichten wollten. Doch

endlich schwand auch der Glaube an die unantastbare Heiligkeit solcher

Monopole, und 1799 wurde den westindischen Kaufleuten die Erbauung

großer künstlicher Häfen freigegeben. Dieselben schufen sich in den

noch heute bestehenden Westindia-Docks die ersten großen modernen und

leistungsfähigen Kunsthäfen. Im Widerstreit mit dieser Unternehmung

setzten andere Kaufleute ein Jahr später den Bau der viel näher bei

der City gelegenen London-Docks durch. Im Jahre 1806 wurde dann für

den Handel der ostindischen Kompagnie das Eastindia-Dock gebaut.

Ungefähr gleichzeitig ging auch das alte Grönland-Dock in den Besitz

einer neuen Gesellschaft über, die am südlichen Ufer der Themse

neue Docks und Floßteiche für den Holzhandel schuf. Allen diesen

Unternehmungen waren wiederum gewisse Monopole erteilt worden, und

zwar für 21 Jahre, so daß für diesen Zeitraum an Neubauten nicht zu

denken war. Obwohl nun im Vergleich zu den Nöten des frühern Zustandes

unendlich viel gewonnen war, so empfanden viele Kaufleute auch die

Privilegien der neuen Docks als einen harten Druck, und kaum war die

21jährige Frist abgelaufen, so bildete sich eine neue Gesellschaft,

um hart an den Wällen des altersgrauen Tower und nahe der City die

St.-Katherines-Docks zu errichten. Seitdem sind noch entstanden die

Surrey- und Commercial-Docks, die Millwall-Docks, das Victoria-Dock,

das Albert-Dock und das Tilbury-Dock.

Wir wollen nun einzelne der Londoner Docks des nähern kennen lernen.

Diejenigen Docks, die der Fremde als Sehenswürdigkeit am ersten

zu sehen bekommt, sind die +London-Docks+. Hier kommen großartige

Quantitäten von Waren zur Lagerung; denn die gesamte Landfläche (24 ha)

ist beinahe ausschließlich von Speichern, in zweiter Linie auch von

Schuppen in Anspruch genommen. Trefflich ist namentlich die Ausstattung

der Speicher. Mächtige Kellergewölbe dienen zur Lagerung von Wein,

Spirituosen und Öl. Die langen Reihen von Pfeilern, zwischen denen

die aufgestapelten Fässer hohe Wälle bilden, lassen nur schmale Gänge

und Rollpfade für die Fässer frei. Aus den dunkeln Tiefen schimmern

vereinzelte Gasflammen zweifelhaft hervor, und noch unheimlicher

wirkt es, wenn man im tiefen Hintergrunde die Lichter sich bewegen

sieht, ohne einen Menschen zu hören; denn der Fußboden ist dicht mit

Sägespähnen belegt. Für das bequeme Rollen der Fässer sind flache

Schienen angebracht, welche ihnen ein Abweichen von der Richtung

unmöglich machen. Die sämtlichen Keller können 50000 Pipen Wein, 50000

Oxhoft Cognac, 8000 Puncheons Rum und 2500 Tons Öl fassen.

In den oberen Räumen, aus denen kleine praktische hydraulische Winden

hervorragen, lagern Waren verschiedener Art, namentlich dienen einige

Speicher ganz der Aufnahme von Wolle, andere bergen Thee, Gewürze oder

Zucker. Hier hat man durchweg vortrefflich für Licht gesorgt; denn

hier ist stets große Warenschau. Die obersten Böden haben durch breite

und lange Fenster ein schönes Licht; aber auch in den unteren Böden

ist teilweise die ganze Wand in eine Fensterreihe aufgelöst, oder

es sind breite senkrechte Lichtschachte zu beiden Seiten der Böden

hinabgeführt. Im Wollspeicher liegen die Ballen womöglich einzeln

aufgeschnitten und ungestapelt nebeneinander; abwärts transportiert man

sie auf Rutschbahnen, oder man wirft sie auch wohl einfach zur Luke

hinaus. Ein solcher Speicher faßt ein Quantum Wolle von solchem Werte,

daß die Versicherung erschwert wurde; deshalb zerlegt man eben jetzt

die Speicher durch Aufführung von Brandmauern in mehrere Gelasse. Auch

kommt niemals künstliches Licht in diese Räume. Abends oder an dunkeln

Tagen leuchten Lampen mit Reflektoren von +außen+ in die Speicher. Ihre

Lagerkapacität beträgt 100000 Ballen.

Auf besonders lichtreichen Böden lagern die Gewürze, welche dem ganzen

Gebäude einen wunderbaren Wohlgeruch verleihen. Hier stehen in langen

Reihen die Zimmet-, Nelken-, Muskatnuß-, Chinarinde-Ballen; hier

liegen überraschende Quantitäten von Elfenbein, teils ganz roh, teils

in verschiedene Teile durchsägt, so daß die ganz hohlen und ziemlich

wertlosen hinteren Teile von den schon kompakteren und endlich von den

ganz massiven vorderen Teilen gesondert verkauft werden können.

Im London-Dock sind zu Zeiten 1200 Arbeiter in Thätigkeit.

Eine eigenartige Lagergelegenheit besitzt das +Victoria-Dock+ in den

unter einigen Schuppen befindlichen Kellern für gefrorene Schafe, die

auf Schiffen mit Refrigerationsmaschinen von Australien kommen. Die

Keller, welche ebenfalls eine solche Kältemaschine haben, werden auf

-8° R. gehalten. Das Fleisch der Hämmel, die alle einzeln in Kattun

eingenäht und alsdann aufgestapelt sind, ist denn auch steinhart

gefroren. Das Lager reicht für 40000 Schafe aus.

Eines der am vorteilhaftesten angelegten Docks ist das +Albert-Dock+.

Vor allem ist hier die Verbindung zwischen Eisenbahn und Schiffahrt am

glücklichsten durchgeführt. Zwischen Schuppen und Quai ist nämlich ein

breiter Raum gelassen, auf dem zwei Schienenstränge für die Eisenbahn

und ein dritter, breiterer für die hydraulischen Laufkräne liegen. Die

Beleuchtung ist elektrisch. Nicht weniger als 45 hydraulische Laufkräne

mit einer Stärke von à 1500 kg sind hier in Thätigkeit, außerdem noch

vier schwimmende Riesenkräne mit Dampfbetrieb von 15, 20, 30 und 60 t

Tragfähigkeit. -- Die Landfläche des Albert-Dock beträgt 136½ ha.

Das jüngste Dock ist das +Tilbury-Dock+. Es besteht aus einem Hauptdock

von 488 m Länge und 183 m Breite nebst drei sich rechtwinklig

anschließenden Querdocks. Die Uferlänge des Docks beträgt ca. 3950 m

und ermöglicht es, daß 42 der größten Dampfer gleichzeitig landen. Auch

von vielen Schienensträngen ist dasselbe umzogen; ungefähr 80 km sollen

sich in und am Dock befinden. Seine Wasserfläche wird auf 28,8 ha

angegeben, die dazu gehörige Landfläche auf 210,2 ha. Der Kostenpreis

der ganzen Anlage einschließlich des Landerwerbs beträgt 2 Mill. Pfd.

St. (= 40 Mill. M.).

Die Gesamtheit der von den Londoner Dockgesellschaften engagierten

Kapitalien beträgt:

London-St.-Katherines-Dock-Kompagnie 10609648 Pfd. St.

East-West-India-Dock-Kompagnie 4237700 „ „

Milwall-Dock-Kompagnie 1125000 „ „

Surrey-Comercial-Dock-Kompagnie 1716654 „ „

-----------------

17689002 Pfd. St.

Einschließlich der für das Tilbury-Dock erwachsenen Kosten beziffert

sich demnach der +Aufwand+ für die Dockbauten Londons rund auf 20 Mill.

Pfd. St. (= 400 Mill. M.).

Die +Wasserfläche+ aller Londoner Docks beträgt heute nicht weniger

als 223,2 ha, also zehnmal soviel wie die der drei prächtigen Docks

zu Bremerhaven. Dazu gehören nicht weniger als 600 ha Landfläche,

welche mit Schienensträngen, Fahrstraßen, Schuppen, Speichern,

Kränen, Maschinenhäusern u. s. w. bedeckt sind. Die +Quais+ sind etwa

30000 m lang, würden also, wenn sie alle in einer Linie lägen, eine

Längsausdehnung von vier deutschen Meilen haben. Die Zahl der in ihnen

ein- und auslaufenden Seeschiffe beträgt per Jahr über 50000.

In +Liverpool+ beträgt die Wasserfläche der Docks 204,4 ha, bleibt also

nur wenig hinter jener der Londoner Docks zurück. Auch verschlangen die

Mersey-Docks ungefähr dieselbe Summe wie die Londoner: 20 Mill. Pfd. St.

[Illustration: Fig. 141. Die Tilbury-Docks.]

Außer den +nassen+ oder +Handelsdocks+ giebt es noch sogen.

+Trockendocks+, die vorzugsweise bei Reparaturen von Schiffen

Verwendung finden. Dieselben sind aus dem Erdreich ausgehobene Räume,

im Grundzuge von der Form eines Rechtecks, dessen Längsrichtung

senkrecht zur Uferlinie steht. Die ins Land hinein gelegenen drei Wände

sind fest mit Steinplatten ausgemauert und zeigen ringsumlaufende

Stufen in amphiteatralischer Anlage, welche die Fußpunkte für die

+Stützen+ abgeben, mittels deren das Schiff in aufrechter Stellung

erhalten wird. Die Größenverhältnisse der sogen. +Dockkammer+ sind dem

lokalen Bedürfnis angepaßt; die Länge wechselt zwischen 60 und 300

m. In der mittlern Längsachse stehen die +Kielklötze+, auf welchen

der Kiel des gedockten Schiffes ruht, und ihnen zur Seite auf

Gleitbahnen eine Anzahl Kimmschlitten, die den Schiffsboden in der

Kimm stützen. Die nach dem Wasser zu gelegene Seite der Dockkammer

zeigt zwischen zwei das +Dockhaupt+ bildenden Einfassungsmauern

eine Öffnung von genügender Größe, um ein Schiff bequem durchholen

zu können. Die Benützung dieses Docks geschieht nun auf folgende

Weise: Soll ein Schiff repariert werden, so fährt es aus dem Bassin

oder Hafen, mit dem ein solches Trockendock kommuniziert, durch

die Einfahrt ins Trockendock. Ist dies geschehen, so wird das Dock

entweder durch Schleusenthore geschlossen, oder es wird ein aus Eisen

gefertigtes Verschlußponton „eingefahren“, versenkt und dadurch die

Einfahrtsöffnung wasserdicht abgesperrt. Jetzt wird das Wasser, welches

im Hohlraume des Trockendocks vom Wasser des Hafenbassins abgeschlossen

ist, mittels kräftiger Pumpen ins Hafenbassin zurückbefördert und der

Raum, in welchem sich das Schiff befindet, vollständig trockengelegt.

Die Arbeiten am Schiff können nun beginnen. Sind dieselben beendet,

und soll das Schiff wieder in See gehen, so füllt man das Dock durch

Öffnungen in den Seitenmauern oder im Dockhaupt wieder mit Wasser, hebt

das Verschlußponton durch Auspumpen des Wassers aus den Kasten der

obern Etage, führt es wieder aus und holt das Schiff aus dem Dock.

[Illustration: Fig. 142. Schwimmdock bei Steinwärder.]

Trockendocks anderer Art sind die +Schwimmdocks+; die neuere Technik

erbaut dieselben ganz aus Eisen. Boden und Seitenwände enthalten

zellenförmig angelegte wasserdichte Abteilungen; die Querwände fehlen

ganz. Um ein Schiff einzubringen, wird das Dock versenkt, indem man

die entsprechende Anzahl Zellen sich mit Wasser füllen läßt. Ist das

Schiff im Dock, so pumpt man das Wasser durch das aus einer Längswand

aufgestellte Schöpfwerk aus und verholt unter Umständen den ganzen

schwimmenden Apparat nach der zur Vornahme der Bauarbeiten bestimmten

Stelle.

Sonstige Trockendocks sind noch die +hydraulischen+ und die +Rostdocks+.

Auf dem Kontinente hat in jüngster Zeit besonders +Antwerpen+ gewaltige

Summen für die Verbesserung seiner Hafenanlagen aufgewendet. Die

Gesamtausgabe für die neuen Quaibauten an der Schelde betrug nicht

weniger als 80 Mill. Frcs.

Bedeutende Hafenbauten werden gegenwärtig auch in den beiden

wichtigsten deutschen Seehandelsplätzen ausgeführt: in +Bremen+ und

+Hamburg+.

+Bremen+ (Stadt) sah entsprechend der alten Fahrwassertiefe der

Unterweser (5-6 Fuß) bis vor wenigen Jahren fast nur leichtere

Fahrzeuge. Der Seeverkehr konzentrierte sich fast ganz in den

Unterweserhäfen und war an der Stadt äußerst winzig; dem entsprechend

waren auch die Lösch- und Ladevorrichtungen ganz primitiv. Bis

noch vor einem Jahrzehnt fand eine Verbindung zwischen Schiff

und Eisenbahn nur am Weserbahnhof statt. Später kam dann der

„Sicherheitshafen“ hinzu, ein sehr kleines, aber mit Schuppen,

Schienen, Dampfkraft, Getreide-Elevatoren, Gaskränen u. s. w. gut

ausgestattetes offenes Bassin, das 450 m Ladequai hat. Zur Zeit aber

wird der sogen. „Freihafen“ gebaut, der nach Umfang und Tiefe geeignet

ist, dem Schiffsverkehr zu dienen, wie er sich nach Vollendung der

Weserkorrektion gestalten wird. Er ist ebenfalls offen, 1850 m lang,

120 m breit und 6½ m unter Null tief. Diese Tiefe reicht für Schiffe

von 5 m, kann aber noch um 1 m vermehrt werden. Die Wasserfläche des

Freihafens beträgt 22 ha, die Landfläche 68 ha. Die Quaimauer erhält

eine Länge von 3750 m; Schienenstränge für Eisenbahn (zwei) und

hydraulische Laufkräne liegen am Ufer; hinter ihnen befinden sich 40

m breite Schuppen, dann eine Straße mit Schienen, dann Speicher, dann

wieder Schienen. Alle Fußböden haben Perronhöhe. Die Kraftleistung von

Kränen, Winden, Drehscheiben und Spillen geht von einer hydraulischen

Centralleitung aus.

+Hamburg+ hatte bis vor wenigen Jahrzehnten seine Seeschiffe sämtlich

auf dem offenen Strom liegen; von dort holten die Schuten die Waren

ab, um sie vor die an den Fleeten liegenden Speicher zu bringen. Die

ersten eigentlichen Häfen im modernen Sinn hat es vor 20 Jahren in dem

Sandthorhafen und dem Grasbrokhafen erbaut; jener ist 1030 m lang und

in der Mitte ca. 100 m breit; dieser ist an seiner längsten Seite 880 m

lang. Beide Häfen sind ohne Schleusen. Die Rückseite der Landzunge, die

den Grasbrokhafen bildet (der Strandhafen), ist ebenfalls Ladequai, so

daß die ganze Quailänge dieses Hafenkomplexes 4113 m beträgt. In diesen

mäßig großen, aber vorzüglich ausgestatteten Häfen liegen vorzugsweise

die Dampfer der großen Fahrt. An den Quais liegen zunächst verschiedene

Eisenbahngeleise, sowie Schienen für fahrbare Dampfkräne, die hier

zahlreich aufgestellt sind. Sodann kommen Durchgangsschuppen, hinter

welchen abermals zahlreiche Schienenstränge liegen. Am linken Elbe-Ufer

liegt sodann der Petroleumhafen, ein ca. 500 m langes, offenes, nur mit

einer Spuntwand eingeschlossenes Bassin, ohne Eisenbahnverbindung.

Durch den Eintritt Hamburgs in das Zollgebiet des Deutschen Reichs

werden indes die +bisherigen+ Hafenverhältnisse gänzlich umgestaltet.

Der oberhalb des Grasbrokhafens gelegene Baakenhafen wird in einen

tiefen Hafen für überseeische Dampfer verwandelt. Auch dieser 1200 m

lange Hafen wird offen bleiben. An beiden Seiten wird er eine Reihe

Durchgangsschuppen und eine Anzahl Schienenstränge erhalten. Außerdem

wird die Stromseite der den Hafen bildenden Landzunge mit Quaimauern

versehen, so daß die Gesamtquailänge hier auf 4000 m geschätzt wird.

Gegenüber, am linken Ufer, wird, abgesehen von dem Oberländerhafen

für Fluß- und Kanalschiffe, der ebenfalls offene Segelschiffhafen mit

ca. 3100 m Quaimauern, mit Schuppen und Schienensträngen ausgestattet

werden. Das sind also 7100 m neue Quais zu den 4000 m alten, im

ganzen also 11100 m, ausschließlich des Petroleumhafens, der Häfen

für oberländische Schiffe und des alten Schiffslagers auf dem offenen

Strom, betreffs dessen es allerdings fraglich ist, ob es noch fernerhin

benutzt werden kann.

Die Kosten dieser Umgestaltung, einschließlich der im übrigen

Freigebiet gebauten Speicher, werden auf nicht weniger als ca. 106

Mill. M. geschätzt. Dafür wird aber der Hafen von Hamburg nach

Vollendung dieser Bauten auch einer der besteingerichteten und

schönsten der Welt sein.

In der That großartig und staunenerregend sind die Fortschritte, welche

Wissenschaft und Technik auf dem Gebiete des Seewesens in neuester

Zeit gemacht haben. Und gleichwohl gelten noch immer, wie sogleich das

nächste Kapitel des nähern zeigen wird, die ergreifenden Worte des

englischen Dichters:

Wog, Ocean, du dunkelblauer, wog!

Zehntausend Kiele furchen dich vergebens!

Wohl zwang der Mensch die Erde in sein Joch,

Du aber bist die Grenze seines Strebens.

Er nennt sich stolz den mächt’gen Herrn der Welt,

Doch sieht an dir er seine Macht zerschellen.

Du spottest sein! und wenn es dir gefällt,

Begräbst du ihn im Gischte deiner Wellen.

Er sandte Flotten ohne Zahl hinaus,

Im grimmen Kampfe sich mit dir zu messen.

Wo sind geblieben sie? Im Sturmgebraus

Sind sie verweht, versunken und vergessen.

Du aber wogest fort! Es grub die Zeit

In deine Azurstirne keine Falten;

Wie Gott dich anfangs schuf, so wogst du heut’,

So wird in Ewigkeit er dich erhalten.

Ob wilde Stürme -- peitschend deine Flut --

Am eisumstarrten Pole dich umtosen,

Ob in des milden Südens Sommerglut

Balsam’sche Lüfte linde mit dir kosen --

Du bleibst dir gleich! Erhaben, mächtig, groß,

Abbild der Ewigkeit, der Schöpfung Krone --

So wallest du, -- unendlich, bodenlos,

Unwandelbar von Zon’ zu Zone.

Fünftes Kapitel.

Gefahren der Schiffahrt[199].

Bei der Großartigkeit des heutigen Verkehrs auf den Oceanen kann

es nicht überraschen, wenn zwischen den durch weite Wasserwüsten

getrennten Kontinenten auch die +Unfallsstatistik+ eine hervorragende

Rolle spielt. Die Zahl der Fahrzeuge, welche alljährlich auf dem

Ocean Beschädigungen erleiden oder ganz verloren gehen, ist geradezu

ungeheuer; der Verlust an Menschenleben geht in die Tausende und jener

an Hab und Gut in die Millionen. Allerdings hat die Vervollkommnung

der Schiffahrtskunde den Seeleuten manche Mittel an die Hand gegeben,

Gefahren zu vermeiden oder Schwierigkeiten zu begegnen, welchen die

Nautik früherer Zeiten nicht gewachsen war; aber das menschliche

Vermögen gegenüber den Naturgewalten hat am Ende doch seine bestimmten

Grenzen, und es treten im Seeverkehr häufig genug Momente ein, wo

alle technischen Errungenschaften, alle Erfahrungen und Hilfsmittel

der Wissenschaft, einschließlich der todestrotzigen Energie der

Mannschaften, nichts gegen die furchtbare Zerstörungswut der Elemente

auszurichten vermögen.

Ganz besonders gefürchtet sind von den Schiffern die +Wirbelstürme+

im Atlantischen, Indischen und Stillen Ocean. Die Chroniken der

oceanischen Schiffahrt sind voll von diesbezüglichen Mitteilungen.

Einer der verrufensten Wirbelstürme Westindiens war z. B. jener vom

10. Oktober 1780. „Sein Lauf begann in der Nähe der Insel Barbados,

einer der südlichen Kleinen Antillen. Vor ihm blieb nichts aufrecht

stehen, keine Wohnung, kein Baum, kein Strauch, kein Grashalm. Die

in die Keller geflüchteten Einwohner der Hauptstadt merkten vor

dem wilden Tosen des Oceans nicht, daß über ihren Häuptern die

Gebäude zusammengestürzt waren. Aber nicht überall gab es so sichere

unterirdische Räume, und Tausende von Unglücklichen wurden unter den

Trümmern zerschmettert. Keine Feldschlacht zwischen zwei feindlichen

Armeen richtet ähnliche Greuel an, wie dieser Cyklon es gethan.

Weiter voranrückend traf er in den Gewässern von Santa Lucia eine

ganze englische Kriegsflotte und versenkte sie mit Mann und Maus in

die Abgründe des tobenden Meeres. Die Insel verwüstete er ebenso

vollständig wie Barbados und begrub 6000 Einwohner unter den Trümmern

der Wohnungen. In der Nähe von Martinique ergriff er die französische

Transportflotte, und, mit ihr ebenso kurzen Prozeß machend, begrub

er in den Wogen 40 Schiffe mit 4000 Mann Truppen. Auf dem Lande aber

fegte der Sturm und die ihm folgende Flutwelle die Stadt St. Pierre

und andere Ortschaften einfach vom Boden weg, so daß hierbei allein

9000 Menschen ums Leben kamen. So ging er von Insel zu Insel, auch nach

St. Thomas, alles mit Entsetzen, Verzweiflung und Tod erfüllend. Sogar

weiter nördlich bei den Bermudas, weit außerhalb seines Centrums, fand

er noch Kraft genug, mehrere englische Kriegsschiffe zu versenken, die

eben auf der Rückkehr in ihre Heimat begriffen waren.“

Furchtbar war auch der Cyklon bei Guadeloupe vom 26. Juli 1825. „Die

Schiffe auf der Reede von Basse Terre verschwanden, und einer der

Kapitäne, der dem Tode entrann, erzählte, daß seine Brigg vom Sturm aus

dem Wasser gehoben worden sei und sozusagen in der Luft Schiffbruch

gelitten habe. Die Häuser von Guadeloupe wurden teilweise zertrümmert,

zerbrochene Möbel wurden fortgeschleudert und gelangten über den

zehn Meilen breiten Meeresarm bis Montserrat; man sah auch, wie ein

dritthalb Centimeter dickes Brett, vom Sturme gepackt, einen Palmstamm

von fast einem halben Meter Dicke durchschnitt.“

Zu den schrecklichsten Taifunen, die je erlebt worden, zählt ferner

derjenige vom 22.-23. September 1874, der in +Hongkong+ und +Macao+ die

greulichsten Verheerungen anrichtete. Im erstgenannten Hafen gingen

allein 14 große Hochseefahrer zu Grunde, und vier weitere scheiterten

an der Küste, darunter der große Postdampfer „Alaska“; 15 verloren die

Masten oder erlitten andere Havarieen, sechs verschwanden spurlos. Im

ganzen Bereiche der Stadt sah man nur Ruinen. Alle Hafendämme, mit

Ausnahme eines einzigen, wurden zerstört. Die materiellen Verluste

waren enorm. Fast alle Wohnungen wurden mehr oder weniger beschädigt,

und die stärksten Bäume lagen geknickt auf dem Erdboden. Die Zahl

der bei diesem Elementarereignisse ums Leben gekommenen Menschen

schätzten die damaligen Berichte auf 2000-5000. Die Wogen trieben

Stunden hindurch unausgesetzt Leichen ans Land. Mehr als die Hälfte

der chinesischen Schiffsmannschaften hatte das Leben verloren. In dem

Augenblicke, wo die Dampfer „Albay“ und „Leonor“ mit ihren Mannschaften

und Passagieren scheiterten, schloß sich dem Schrecken dieser Nacht

noch der einer Feuersbrunst an. Zum Glücke wurde das Feuer durch die

ungeheuer heftigen Windstöße und die vom Himmel herabrauschende

gewaltige Regenflut in kurzer Zeit wieder gelöscht. Als der Tag

angebrochen war, hätte man glauben können, die Stadt sei durch ein

Bombardement vernichtet worden.

Womöglich noch ärger wütete der Orkan in +Macao+. In wenigen

Stunden wurde die Stadt in einen Schutthaufen verwandelt, ihr

gesamter Wohlstand vernichtet. Am Abend des 22. September kündigten

atmosphärische Symptome und der Stand des Barometers an, daß sich etwas

sehr Bedenkliches vorbereite. Indessen war der Wind nicht stark, aber

das Meer sehr erregt. Es war noch nicht der eigentliche Sturm, aber

man verspürte bereits etwas von seiner Wut, wenn sich die Wogen auf

die Küste warfen. Der Wind blies aus Norden und nahm fortschreitend

an Heftigkeit zu. Um Mitternacht fing das Innere des Hafens an, das

Schauspiel der Zerstörung darzubieten; die Vertäuungen und Ankerkabel

zerrissen, und im Nu lagen die vielen Dschonken in einem wirren Haufen

aufeinander und zerschellten.

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 37 / 50 段