Kein Franzose ist in seinem Lande so allgemein und unbestritten

anerkannt, wie der Schöpfer der Seewege über die Landenge von Suez; er

heißt einfach der „große Franzose“.

Versailles ließ an seinem Geburtshause eine Marmortafel mit der

Inschrift anbringen: „In diesem Hause ist +Ferdinand von Lesseps+, der

große Franzose, geboren, welcher die Welt durch friedliche Thaten und

ohne Blutvergießen umgestaltet hat.“

[Illustration: Fig. 138. Der Suezkanal.]

2. Die +Kanalroute+. Am Nordende des Kanals, am Mittelmeer,

liegt +Port-Said+ mit 16500 Einwohnern. Die Stadt ist mit allen

Erfordernissen eines guten Hafenplatzes versehen; es finden sich hier

Agenturen der großen Dampfschiffahrtsgesellschaften, Konsulate, Post-

und Telegraphenämter; vor allem aber besitzt sie einen ausgezeichneten

Hafen; zwei ungeheure Molen von 2300 m und 1600 m Länge erstrecken

sich frei in das Meer hinaus. 1859 betrug die Bevölkerung dieses

Erdfleckens 12 Europäer und 100 Fellahs. -- Von Port-Said geht der

Kanal zuerst durch die Lagune des Menzaleh-Sees, dann durch den

Landrücken von Kantara in den kleinen Ballah-See, weiter durch die

16 m hohe Schwelle El Gisr in den Timsah-See. An letzterem liegt die

junge Stadt +Ismailia+, die zu Ehren des Vicekönigs Ismail Pascha ihren

Namen trägt. Sie verdankt ihre ganze Existenz dem Süßwasserkanal. Von

Ismailia führt die Kanalroute zunächst nach dem durch Kalksteinfels

gebrochenen Durchstich von Tussum; hierauf in die großen Bitterseen.

Aus diesen Seen ausgetreten, durchzieht der Kanal die Schwelle

Schaluff und tritt dann in den Bereich von Ebbe und Flut des Roten

Meeres, das er bei +Suez+ erreicht. Die Kanalrinne selbst ist noch

4 km weit in das Meer hineingeführt. Auch Suez, vor dem Kanalbau

noch ein elender Ort, ist jetzt zu einer Stadt von 11000 Einwohnern

emporgewachsen. Früher wurde hier mitunter ein Schlauch (3 Eimer) süßen

Wassers mit 300 Francs bezahlt, jetzt quillt dieses Lebenselement in

unerschöpflicher Fülle.

Der ganze Kanal hat von Port-Said bis Suez eine Länge von 160 km, eine

Breite von 58-100 m am Wasserspiegel und von 22 m an der Sohle, sowie

eine Tiefe von 8 m. Von fünf zu fünf Seemeilen sind Ausweichestationen

errichtet, da des engen Fahrwassers halber stets nur +ein+ Schiff die

Strecke zwischen zwei solchen Stationen passieren kann. Die Stationen

selbst stehen denn auch untereinander in telegraphischer Verbindung

und signalisieren durch Semaphoren den Schiffen die entsprechenden

Avisos. Die durchschnittliche Dauer der Fahrt durch den Kanal beträgt

43 Stunden.

Sehr bemerkenswert ist der Einfluß, welchen der Kanal auf das Klima

seiner Nachbarschaft ausgeübt hat. Von 1854-1870 regnete es in der

Umgebung desselben äußerst selten, jetzt taut es stark und regnet

wenigstens zweimal im Monat. Die Bewohner von Suez beklagen sich

weniger als früher über die Hitze des Sommers, und längs des Kanals

bildet sich eine Vegetation, die ihren Ursprung den neu hervorgerufenen

atmosphärischen Niederschlägen verdankt.

3. +Entwicklung des Verkehrs.+ Dieselbe hat alle Erwartungen weit

übertroffen. Ja der Kanal vermag den Bedürfnissen der Schiffahrt schon

nicht mehr zu genügen, so daß eine +Erweiterung+ desselben bereits in

Angriff genommen ist[184]. Über den Umfang des Kanalverkehrs giebt die

nachstehende Tabelle Auskunft, welche zugleich den überwiegenden Anteil

der englischen Schiffahrt erkennen läßt:

----------+----------------------+----------------------+--------------

| Gesamtverkehr. | Britischer Verkehr. | Kanalabgaben

+--------+-------------+--------+-------------+--------------

Jahr. |Zahl der| Netto- |Zahl der| Netto- | der Schiffe

|Schiffe.|Tonnengehalt.|Schiffe.|Tonnengehalt.|in Mill. Frcs.

----------+--------+-------------+--------+-------------+--------------

1869 | 10 | 6576 | 9 | 6286 | --

(30 Tage.)| | | | |

1870 | 486 | 435911 | 314 | 289234 | 5,1

1871 | 765 | 761467 | 502 | 546453 | 8,9

1872 | 1082 | 1160754 | 761 | 835490 | 16,4

1878 | 1593 | 2269678 | 1268 | 1809887 | 31

1880 | 2026 | 3057421 | 1592 | 2432932 | 39,8

1882 | 3198 | 5074808 | 2565 | 4126245 | 60,5

1883 | 3307 | 5776823 | -- | -- | 65,8

1884 | 3284 | 5871501 | 2474 | -- | 64,4

1885 | 3624 | -- | -- | -- | --

Im Jahre 1884 verteilten sich die Schiffe nach ihrer +Flagge+ wie folgt:

----------------+--------+--------+----------------+--------+--------

Flagge. |Schiffe.| Tonnen.| Flagge. |Schiffe.| Tonnen.

----------------+--------+--------+----------------+--------+--------

Englische | 2474 |4466930 |Schwedische und | |

Französische | 300 | 567874 | Norwegische | 18 | 24236

Niederländische | 145 | 264240 |Japanische | 13 | 12566

Deutsche | 130 | 168904 |Belgische | 5 | 7162

Italienische | 54 | 114246 |Türkische und | |

Österreichische | 65 | 106368 | Ägyptische | 8 | 4507

Spanische | 46 | 96351 |Portugiesische | 4 | 2824

Russische | 17 | 29616 |Andere | 5 | 5677

Zusammen 3284 Schiffe mit 5871501 t.

Der +prozentuale Anteil der einzelnen Handelsflaggen+ im ersten

Jahrzehnt des Suezkanalverkehrs von 1870-1879 betrug:

-----------------+---------+--------+-------------+---------+--------

|nach der |nach der| |nach der |nach der

Länder. |Anzahl d.|Tonnen- | Länder. |Anzahl d.|Tonnen-

|Schiffe. |zahl. | |Schiffe. |zahl.

-----------------+---------+--------+-------------+---------+--------

England | 73,50 | 75,98 |Deutschland | 1,79 | 1,24

Frankreich | 6,67 | 8,63 |Spanien | 1,40 | 1,57

Österreich-Ungarn| 4,18 | 2,87 |Ägypten | 1,27 | 0,55

Italien | 3,98 | 2,64 |Türkei | 1,23 | 0,52

Niederlande | 3,40 | 4,14 |Andere Länder| 2,58 | 1,87

Im Jahre 1882 war Englands Anteil an dem Tonnengehalt der durch den

Kanal gegangenen Schiffe sogar auf 81% gestiegen[185]; indessen ergiebt

ein Vergleich der Jahre 1881 und 1882 für Deutschland, Frankreich und

Italien relativ nicht unerheblich höhere Steigerungen; denn es betrug

der Gesamtverkehr 5074808 t, Zunahme 23 %,

für England 4126245 t, „ 20 „

„ Italien 102047 t, „ 28 „

„ Frankreich 239042 t, „ 63 „

„ Deutschland[186] 122557 t, „ 226 „

Ganz außerordentlich ist hiernach die Steigerung des +deutschen+

Verkehrs[186]. Hoffentlich ist sie keine zufällige und vorübergehende,

sondern ein Beweis von dem zunehmenden und nachhaltigen Erfolge der

deutschen Bestrebungen zur Hebung des direkten Exports.

Die Zahl der +Reisenden+, welche den Kanal 1885 passierten, belief sich

auf 205951 (gegen 151916 im Jahre 1884), darunter 43813 Engländer.

Im allgemeinen haben zu dieser günstigen Verkehrsentwicklung auf

dem Suezkanal vor allem die guten Ernten der letzten Jahre an Reis,

Getreide, Baumwolle und Thee in Indien, China und Australien, ferner

die Verdrängung der Segelschiffahrt durch die Dampfschiffahrt und

endlich die Zunahme des direkten Verkehrs mit Australien am meisten

beigetragen. Andererseits hat der Suezkanal befruchtend auf den Handel

gewirkt und namentlich den indischen Handel, welcher im Jahre 1882

zu 86,61% über den Kanal verkehrte, rasch anwachsen lassen. Nach

konsularischen Ermittlungen gestaltete sich der Warenverkehr wie folgt:

=Warenbewegung durch den Suezkanal im Jahr 1882, in Tonnen.=

+Von Europa.+ +Nach Europa.+

Fabrikate 1830197 Getreide 462380

Kohlen 474440 Ölsamen 359510

Eisen, Schienen 17150 Reis 344850

Petroleum 9950 Thee 147020

Salz 6150 Jute und Hanf 68680

Kabeldraht 3880 Baumwolle 64810

--------- Zucker 38930

Zusammen 2341767 Kupfer, Zink 31340

Häute 25400

Kaffee 18340

Tabak 17400

Wolle 15800

Verschiedenes 216325

---------

Zusammen 1810785

Bezüglich der +Kanalabgaben+ sei noch bemerkt, daß der Zoll vom

Netto-Tonnengehalt der Schiffe in Höhe von 9,50 Frcs. per Tonne erhoben

wird. Da die Schiffe im Durchschnitt einen Netto-Raumgehalt von 2000 t

haben, so beträgt die Kanalabgabe für ein Schiff im Durchschnitt die

respektable Summe von 19000 Frcs. Auch jeder Passagier hat für die

Kanalfahrt 10 Frcs. zu entrichten.

4. +Finanzielle Verhältnisse.+ Das kühne und bedeutsame Unternehmen

der Durchstechung der Landenge von Suez hat sich auch als ein

+geschäftlich+ glückliches erwiesen[187]. Das nominelle Aktienkapital

verzinste sich 1882 auf 20%. Das Jahr 1872 ergab +zuerst+ einen

Überschuß und zwar von 2071279 Frcs.; derselbe hat sich im Jahre 1883

auf 35,8 Mill. Frcs. gesteigert (1884: 34 Mill. Frcs., d. i. 17,45%).

Die Gesamtkosten für den Bau und die erste Einrichtung des Kanals

(inkl. der Kosten für die Verbesserung des Kanals und die Anleihen)

betrugen bis Ende 1878: 479175683 Frcs.

5. +Bedeutung des Kanals für den Weltverkehr.+ Die große Umwälzung,

welche durch den Suezkanal im Weltverkehr hervorgerufen wurde, besteht

vor allem darin, daß der Handel zwischen Europa einerseits und Ostasien

und Australien andererseits den Weg um das Kap größtenteils verlassen

und nunmehr die weit kürzere Route an der Ostseite Afrikas benützt.

Diese Wegverkürzung beträgt von +Southampton+ in England, von wo die

meisten großen ostasiatischen Dampfer ausgehen:

--------------+----------+----------+---------------------------

| | | Unterschied

nach | ums Kap. |über Suez.+----------+----------------

|Seemeilen.|Seemeilen.|Seemeilen.|Tage für Dampfer

| | | |~à~ 200 Seemeilen.

--------------+----------+----------+----------+----------------

Sansibar | 8000 | 6040 | 1960 | 10

Bombay | 10740 | 5940 | 4800 | 24

Point de Galle| 10500 | 6580 | 3920 | 19

Calcutta | 11600 | 7680 | 3920 | 19

Singapur | 11780 | 8070 | 3710 | 18

Hongkong | 13180 | 9500 | 3680 | 18

Melbourne | 11140 | 11200 | 60 | ⅓

Die Wegeunterschiede zwischen anderen europäischen Häfen und +Bombay+

sind folgende:

--------------+----------+----------+--------------------

| | | Unterschied

von | ums Kap. |über Suez.+----------+---------

|Seemeilen.|Seemeilen.|Seemeilen.| Tage

| | | |

--------------+----------+----------+----------+---------

Brindisi | 11107 | 3703 | 7404 | 37

Triest | 11504 | 4100 | 7404 | 37

Genua | 10696 | 4208 | 6488 | 32

Marseille | 10560 | 4280 | 6280 | 31

Bordeaux | 10640 | 5752 | 4868 | 24

Liverpool | 10896 | 6008 | 4888 | 24

London | 10912 | 6024 | 4888 | 24

Amsterdam | 10694 | 6076 | 4618 | 23

Hamburg | 11222 | 6332 | 4890 | 24

Noch viel größer ist natürlich die Zeitersparnis eines ~via~ Suez

gehenden Dampfers gegen einen ~via~ Kap gehenden Segler. In diesem Falle

beträgt die Reise von +Southampton+:

------------+----------------+------------+------------

nach | ums Kap | über Suez | Ersparnis.

|per Segelschiff.|per Dampfer.|

------------+----------------+------------+------------

Bombay | 100 Tage | 27 Tage | 73 Tage

Calcutta | 103 „ | 37 „ | 66 „

Hongkong | 100 „ | 44 „ | 56 „

Übrigens hat die Ausdehnung des Kanalhandels, so groß die Zeitersparnis

auch ist, und so sehr dieselbe vom Kaufmann wegen des Zinsengewinns,

der Erhaltung der Waren in gutem Zustande, der Versicherungsprämie

u. s. w. veranschlagt werden muß, doch auch ihre Grenzen. Der

Dampferverkehr ~via~ Suez ist nämlich gegenüber der Segelschiffahrt

um das Kap kostspieliger als letztere. Diese Mehrauslagen können aber

nur dann getragen werden, wenn die zu transportierenden Güter einen so

hohen Wert haben, daß sich die Mehrkosten der Fracht durch Ersparnis

an Zinsen des in den Waren engagierten Kapitals und die verminderte

Versicherungsprämie wieder einbringen lassen. Im allgemeinen nimmt man

an, daß Waren kanalfähig, d. h. rentabel durch den Suezkanal zu führen

sind, wenn ein Centner derselben 30 M. kostet.

Durch die Umlegung der asiatischen Welthandelsstraße vom Kap nach

Suez sind ferner die +Mittelmeerhäfen+ mehr und mehr wieder in jene

begünstigte Stellung eingerückt, die ihnen einst so große Blüte und

Bedeutung verschaffte. Die Seestädte am Mittelmeere, Triest, Genua,

Marseille u. s. w., liegen wieder an der Weltpassage und sind aufs

neue befähigt, England, das bisher auf Grund seiner Überlegenheit zur

See in Mitteleuropa sein Großhandelsmonopol geübt, an die Peripherie

zu drängen, wo es sich bis zur Entdeckung der Seewege nach Ost- und

Westindien befunden. Dermalen zwingt England mit seiner gewaltigen

Kapitalkraft freilich noch viele aus Indien und Ostasien kommende und

dorthin gehende Waren, an den Mittelmeerhäfen vorbei ihren Weg nach

und von den mitteleuropäischen Bestimmungsorten über London, Liverpool

und Southampton u. s. w. zu nehmen. Baumwolle und Wolle aus Indien und

Australien, Thee und Kaffee aus China, Java und Ceylon, Indigo und

Gewürze aller Art aus Ostasien u. a. m. werden, selbst wenn sie für

Österreich und Süddeutschland bestimmt sind, an Triest und Genua vorbei

nach England geführt, um von dort aus über die niederrheinischen und

deutschen Nordseehäfen nach Mitteleuropa verbracht zu werden. Ebenso

schlagen deutsche Ausfuhrartikel nach dem fernen Orient, namentlich

Erzeugnisse der Textilindustrie, Nürnberger- und Kurzwaren u. s. w.,

vielfach den Weg über England ein, anstatt die kürzere Straße nach den

Mittelmeerhäfen zu nehmen. Gleichwohl lassen sich die ersten Anfänge

des Umschwungs zu Gunsten der Mittelmeerhäfen bereits erkennen, und

die englischen Handelsämter selbst sind es, die nicht ohne Besorgnis

darauf hinweisen, zunächst in Bezug auf die Handelsbeziehungen zwischen

England und Ostindien.

Ähnliche Beobachtungen haben, nebenbei bemerkt, auch die Niederländer

in Bezug auf die Entwicklung ihrer Handelsbeziehungen zu ihren

ostindischen Kolonieen gemacht.

So waren also die Engländer und Niederländer von ihrem besondern

Interessenstandpunkt aus im Recht, als sie sich seiner Zeit gegen die

Durchstechung der Landenge von Suez sträubten und in der Verkürzung

des Seeweges nach Ostindien nur eine Benachteiligung ihres Handels und

ihrer Schiffahrt erblickten. Einen nicht unbeträchtlichen Einfluß auf

die Verwaltung des Kanals hat sich die englische Regierung übrigens

dadurch zu verschaffen gewußt, daß sie die im Besitze des Khedive von

Ägypten befindlichen Kanalaktien in der Höhe von 176602 Stück für 80

Mill. M. erworben hat[188].

Der Tag der Eröffnung des Suezkanales wird endlich auch in der

Geschichte der Nautik immer höchst denkwürdig bleiben; denn die Fahrten

via Suez sind in erster Linie nur für Dampfer praktisch; dieser Umstand

aber beförderte die +Umgestaltung der Handelsflotten von Segel- zu

Dampferflotten+ in ganz außerordentlichem Maße.

Nur angedeutet sei schließlich die großartige Rolle, welche der Kanal

auch in kultureller Beziehung spielt. Unaufhaltsam dringt jetzt die

Phalanx der abendländischen Kultur nach dem Orient vor.

~b.~ Im Bau befindliche Kanäle.

~a.~ Der +Panama-Kanal+[189]. Die Untersuchungen und Arbeiten zur

Herstellung einer direkten Seeverbindung zwischen dem Atlantischen

und Stillen Ocean in Mittelamerika datieren schon seit der Entdeckung

dieser Länder. Daß aber die Ausführung des interoceanischen Kanals in

Mittelamerika erst in allerneuester Zeit energisch in die Hand genommen

worden, hat in Verschiedenem seinen Grund. Zunächst wollte Spanien, das

ja im Besitze dieser Gebiete sich befand, in kürzester Zeit möglichst

viel Gold aus seinen Besitzungen ziehen, aber nicht große Summen für

die wirkliche Erschließung dieser Länder opfern. Dazu kamen dann in

der ersten Zeit der Besitznahme dieser Gebiete die blutigen Fehden der

Eroberer untereinander, später die berechtigte Sorge, durch leichte

Zugänglichkeit auch die grimmigen Feinde der Spanier, die Engländer

und die Filibusteros (Seeräuber), in die Länder zu locken. Neuerdings

war der Ausführung des Riesenwerkes besonders das Sinken der Macht

Spaniens hinderlich, und dann erklärt -- bis in die neueste Zeit -- die

Schwierigkeit, aus den zahlreichen verschiedenen Projekten das beste zu

erwählen, in erster Reihe die Thatsache, daß erst gegen Ende des 19.

Jahrhunderts der Kanalbau in Angriff genommen wurde.

Groß ist die Anzahl der im Verlaufe von über drei Jahrhunderten

aufgetauchten Projekte und Routen. Fast jeder „Entdecker“ pries

seine Route als die beste der möglichen. Aber gerade infolge davon

wurden Staatsmänner, Geographen und besonders Kapitalisten sehr

mißtrauisch gegen alle derartigen Pläne. In dieser Beziehung besserten

sich die Verhältnisse in neuester Zeit, und zwar einerseits durch

die Fertigstellung der Panama-Bahn und des Suezkanals, wodurch die

Möglichkeit der Herstellung und Erhaltung solcher Riesenwerke, sowie

die Rentabilität derselben nachgewiesen wurde, andererseits hatten

die verschiedenen Expeditionen, welche zur Prüfung einer Anzahl von

Routen ausgesandt worden waren, in die ganze Angelegenheit mehr Licht

gebracht. Durch die Berichte der letzteren wurde bald eine große Zahl

von Projekten als wertlos dauernd beseitigt, so daß schließlich nur

noch drei ernstlich in Erwägung gezogen wurden; es sind dies die Route

Atrato-Cupica-Bai, dann ein Kanal durch den Nicaragua-See und ein

solcher von der Limon-Bai nach Panama. Man entschied sich in letzter

Instanz für die Panama-Route.

Der +Isthmus von Panama+ hat schon vom 16. Jahrhundert an als

Transitweg gedient. Balboa und Morgan machten zuerst auf den Wert

desselben aufmerksam. Das erste wissenschaftliche Nivellement des

Isthmus ließ Bolivar 1828 aufnehmen, und die erste Gesellschaft, die

sich zur Erbauung eines Kanals an dieser Stelle bildete, war die von

Salomon und Talie (1838). 1844 ließ die +französische+ Regierung

den Isthmus aufnehmen; dabei wurde die Möglichkeit einer Eisenbahn

festgestellt. Energisch ging man indes erst ans Werk seit der glücklich

erfolgten Erbauung des Suezkanals durch Lesseps. Im Auftrage einer

1875 zusammengetretenen Kommission erforschten 1877 und 1878 unter

anderen +Reclus+ und +Wyse+ die Panama-Routen, und 1879 entschied sich

die internationale Kommission in Paris für den Kanal Colon-Panama.

Unter +Lesseps’+ Leitung sind denn auch die Arbeiten 1881 begonnen

worden. Der Kanal beginnt in der Bai von Limon, westlich von der Insel

Manzanillo, auf welcher Aspinwall erbaut ist. Er durchschneidet die

Sümpfe von Mindi und erreicht den Fluß Chagres bei Gatun. Er bleibt

dann in der Nähe desselben, ihn mehrfach durchschneidend, und verläßt

ihn bei Matachin; hier befinden sich die tiefsten Durchstiche. Der

Kanal verläuft dann weiter in der Nähe des Rio Obispo bis zum Thale des

Rio Grande. Er endet in der Bucht von Panama.

Die Hauptschwierigkeit, welche der Ausführung des Panama-Kanals

entgegensteht, bildet der +Rio Chagres+, in dessen Thal der Kanal

gegraben werden muß, und dessen vielfach gewundenen Lauf er mehrfach

durchschneidet. Dieser Chagresfluß nimmt nämlich eine sehr große Anzahl

von Wasserläufen der verschiedensten Dimensionen in seinem Laufe auf,

schwillt in der Regenzeit ganz ungeheuer an und überschwemmt dann

weithin seine Ufer. So stieg er einmal in zwölf Stunden um 42 Fuß. Er

bedarf also einer sorgfältigen Regulierung.

Die Länge des Kanals ist auf 75 km (gegen 160 km des Suezkanales)

festgesetzt, die Tiefe wird 8,5, die Breite an der Sohle 22,5, an

der Wasserlinie 32-60 m betragen; der Kanal wird also ähnliche Maße

zeigen, wie der Suezkanal. Doch soll er nicht, wie letzterer, getrennte

Ausweichestellen, sondern nur eine einzige große von 5 km Länge

zwischen km 26 und 31 erhalten. Die auszuhebenden Erdmassen betragen

nach dem ursprünglichen Plane ca. 120 Mill. cbm[190]. Der letzte

Verwaltungsbericht vom 29. Juli 1886 deutet übrigens eingreifende

Entwurfsänderungen an, welche die Eröffnung des Kanals vor Ende 1889

und mit der bisher in Aussicht genommenen Gesamtaufwendung von etwa

1200 Mill. Frcs. sicherstellen sollen. Die jährlichen Einnahmen dürften

nach Vollendung des Kanals bei einem Durchgangsverkehr von 5 Mill. t

und einer Abgabe von 12 M. pro Tonne 60 Mill. M. erreichen[191].

[Illustration: Fig. 139. Der Panama-Kanal.]

Was den +Nutzen+ des +Kanals für den Welthandel+ betrifft, so wird

zunächst +England+ großen Vorteil aus demselben ziehen. Zwar wird

er den Verkehr zwischen England und Indien, China oder Japan vom

Suezkanale nicht ableiten können, und ebenso dürfte sein Einfluß

betreffs des englischen Handels mit den meisten australischen

Kolonieen ein verschwindend geringer sein. Dagegen wird derselbe

dem Verkehr Großbritanniens und Europas überhaupt mit der gesamten

Westküste Amerikas jeder andern Route gegenüber großartige Vorteile

bieten. Es werden nicht nur die Gefahren, welche der Schiffahrt aus

der gewundenen Magellanstraße und den schweren Stürmen beim Kap Hoorn

erwachsen, vermieden, sondern auch gewaltige Entfernungen auf der

Seekarte gleichsam mit dem Zauberstabe beseitigt werden, wie aus

folgender Tabelle hervorgeht.

---------+-------------+-----------------------+---------------

| | ~via~ |

Von | nach +----------+------------+ Raumersparnis.

| |Kap Hoorn.|Panamakanal.|

| |Seemeilen.| Seemeilen. | Seemeilen.

---------+-------------+----------+------------+---------------

Hamburg |Valparaiso | 9528 | 8110 | 1418

„ |Callao | 10947 | 7393 | 3554

„ |San Francisco| 16037 | 9413 | 6624

Liverpool|Valparaiso | 9528 | 8110 | 1418

„ |Callao | 11370 | 6581 | 4789

„ |San Francisco| 16463 | 8598 | 7865

Die Entfernung zwischen Europa und der Westküste von Mittel- und

Nordamerika wird also um die Hälfte, jene nach der Westküste von

Südamerika um ca. ⅓ abgekürzt werden. Die Stadt San Francisco wird für

unsere Schiffe in derselben Zeit zu erreichen sein, wie das Kap Hoorn

an der Südspitze Südamerikas, Valparaiso ebenso schnell wie Montevideo,

die Hauptstadt von Uruguay. Die Segelschiffe werden zur Fahrt nach San

Francisco 60 Tage, zu jener nach Valparaiso 30 Tage weniger brauchen

als dermalen.

Darf somit der englische Handel bedeutende Vorteile von dem

Kanale erwarten, so wird doch der +Löwenanteil+ am Gewinne dem

+nordamerikanischen+ Verkehr zu gute kommen. New-York besonders

rückt den Handelsemporien auf beiden Seiten des Stillen Oceans ganz

wesentlich näher.

Es beträgt z. B. die Entfernung

von +New-York+ nach +Hongkong+:

durch den Suezkanal 11796 engl. M.

um das Kap der guten Hoffnung 14701 „ „

um das Kap Hoorn 17680 „ „

durch den Panama-Kanal 11238 „ „

von +New-York+ nach +Yokohama+:

durch den Suezkanal 13471 engl. M.

um das Kap der guten Hoffnung 15690 „ „

um das Kap Hoorn 17180 „ „

durch den Panama-Kanal 9563 „ „

Direkte Verschiffungen zwischen China bezw. Japan und den am

Atlantischen Ocean gelegenen nordamerikanischen Häfen, insbesondere

auch die gewaltigen Theesendungen, welche schon jetzt vielfach die

Route über San Francisco benutzen, werden daher sich fortan dem

Panama-Kanal zuwenden.

Die Wegverkürzung zwischen dem Westen und Osten der Vereinigten Staaten

veranschaulichen die nachstehenden Zahlen.

Von +New-York+ nach +San Francisco+:

um das Kap Hoorn 13601 engl. M.

durch den Panama-Kanal 5260 „ „

Auch der nordamerikanische Handel mit Australien und Neuseeland dürfte

rasch in großartiger Weise aufblühen. Es beträgt der Abstand

von +New-York+ nach +Melbourne+:

durch den Suezkanal 13162 engl. M.

um das Kap der guten Hoffnung 13030 „ „

um das Kap Hoorn 12900 „ „

durch den Panama-Kanal 10260 „ „

von +New-York+ nach +Auckland+:

durch den Suezkanal 14637 engl. M.

um das Kap der guten Hoffnung 14505 „ „

um das Kap Hoorn 11860 „ „

durch den Panama-Kanal 8940 „ „

So wird der Panama-Kanal, der allerdings dem Suezkanal an kommerzieller

Bedeutung nicht gleichkommen wird, den seefahrenden Völkern der Erde

meist große Vorteile bieten.

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 35 / 50 段