Das Dampfschiff „+Ems+“ ist der fünfte Schnelldampfer des Norddeutschen

Lloyd, der auf der Werft von John Elder & Komp. in Govan bei Glasgow

erbaut wurde. Die Dimensionen des Schiffes sind: Länge über Deck 450

englische Fuß, Breite 47 englische Fuß, und Tiefe 36,5 englische

Fuß. Sein Raumgehalt beträgt 5250 t. Es zählt demnach mit der

„+Eider+“, welche denselben Tonnengehalt besitzt und der gleichen

Gesellschaft gehört, zu den größten unter deutscher Flagge fahrenden

Passagierdampfern resp. Seeschiffen. Die Maschine ist nach dem

Dreicylindersystem, welches von John Elder & Komp. zuerst adoptiert

wurde, konstruiert. Der Hochdruckcylinder hat einen +Durchmesser+

von 62 Zoll, die beiden Niederdruckcylinder von je 86 Zoll bei einem

Hub von 5 Fuß. Sechs Doppelkessel von je 14½ Fuß Durchmesser und

16½ Fuß Länge mit je 6 Feuerungen, also 36 im ganzen, und einer

Gesamtheizfläche von über 20000 Quadratfuß erzeugen den für den Betrieb

der Maschine erforderlichen Dampf. Die Kessel sind von den besten

Stahlblechen für einen Druck von 95 Pfd. auf den Quadratzoll gebaut

und auf einen Maximaldruck von 190 Pfd. auf den Quadratzoll geprüft.

Außerdem befindet sich in der Höhe des Hauptdeckes ein Krankessel von

800 Quadratfuß Heizfläche, welcher während der Liegezeit im Hafen

den zum Betriebe erforderlichen Dampf erzeugt. Die Wellenleitung ist

durchaus von Vickers Stahl, die Schraubenflügel von Manganbronze, dem

zähesten Metall, welches bis jetzt erfunden; die Schraube hat einen

Durchmesser von 21 Fuß 6 Zoll und eine Steigung von 30 Fuß 6 Zoll; die

Schraubenflügel sind jeder mit 10 Bolzen an der Nabe befestigt, können

einzeln abgeschraubt und, wenn schadhaft, durch neue ersetzt werden,

welche stets in Reserve vorrätig sind.

[Illustration: Fig. 135. Schnelldampfer „Ems“.]

Die Maschinen indizierten auf der Probefahrt 7260 Pferdekräfte,

womit die „Ems“ eine Geschwindigkeit von 18,3 Seemeilen per Stunde

erreichte; während der Reise nach New-York beträgt die gewöhnliche

Durchschnitts-Fahrgeschwindigkeit nahezu 17 Seemeilen die Stunde. Die

„Ems“ ist ebenso, wie sämtliche Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd,

nach den Erfordernissen der höchsten Klasse des Bureau Veritas gebaut

und entspricht zudem allen Anforderungen, welche das englische Board of

Trade an Passagierdampfer stellt.

Sie hat vier eiserne Pfahlmasten und zwei Schornsteine; der Fockmast

trägt Rahen, die übrigen Gaffelsegel. Die Laderäume haben einen

Raumgehalt von 1400 t, die Kohlenbunker einen solchen von 1500 t.

Vier Luken (von denen die größte 12 Fuß im Geviert mißt), welche zu

den Laderäumen führen, sowie sechs Dampfwinden von je 25 Pferdekraft

ermöglichen ein rasches Entlöschen und Beladen des Schiffes; drei

dieser Dampfwinden sind zugleich mit sechszölligen Druckpumpen

versehen, mit denen sowohl aus dem Schiffsraume, als auch aus See

gepumpt werden kann.

Außerdem sind zwei siebenzöllige Downston-Druckpumpen, je eine auf

dem Vorder- und eine auf dem Hinterdeck in der Nähe der Dampfwinden

aufgestellt, welche mit Hilfe der letzteren und einer endlosen Kette,

aber auch mit der Hand getrieben werden können; auch liegen stets

1500 Fuß teils Leder- teils Hanfschlauch in Bereitschaft, um an die

verschiedenen Pumpen angeschraubt zu werden; sie sind wohl mehr als

hinreichend, um ein etwa ausbrechendes Feuer sofort zu löschen.

Noch einer andern Einrichtung verdient Erwähnung gethan zu werden,

welche die Gefahr eines Feuers an Bord für die Dampfer des Lloyd

vollständig beseitigt; nach jedem Teile des Schiffes, nach jedem Raume

und Kompartiment ist nämlich ein zweizölliges Dampfrohr geleitet;

sollte nun in irgend einem Teile des Schiffes Feuer ausbrechen, so läßt

man sofort den Dampf einströmen und erstickt dadurch jedes Feuer im

Keime.

Das Schiff ist durch sieben wasserdichte Schossen in acht vollständig

voneinander getrennte Kompartiments eingeteilt; die Gefahr eines

etwaigen Sinkens des Schiffes infolge eines Leckes ist dadurch auf ein

Minimum beschränkt; die in diesen wasserdichten Schossen befindlichen

Thüren und Schleusen sind sämtlich vom Hauptdeck aus zu öffnen und zu

schließen.

Die „Ems“ hat eine Einrichtung für 1100 Zwischendeckspassagiere, 150

Passagiere der ersten und 170 Passagiere der zweiten Kajüte, also im

ganzen für 1420 Passagiere. Sämtliche Einrichtungen entsprechen den

höchsten Anforderungen an Ventilation und Komfort.

Die Zwischendecksräume sind luftig, geräumig und hell; auch hat jedes

Gemach seinen eigenen Eingang.

Die zweite Kajüte liegt im Hinterteile des Schiffes und ist durch

zwei Oberlichter von 16 Fuß Länge und 6 Fuß Breite erhellt und

ventiliert; die Seitenwände dieser Kajüte sind von poliertem Satin- und

Mapleholz angefertigt und mit polierten Nußbaumsäulen und vergoldeten

Kapitälen geschmückt; eine sehr gefällige geschnitzte Leiste in Blau

und Gold dient als Abschluß gegen die Decke, welch letztere, in

Weiß und Gold gehalten, einen sehr freundlichen Eindruck macht. Zu

beiden Seiten des Salons liegen die sehr geräumigen Schlafzimmer,

mit je vier Betten und sonstiger zweckgemäßer Ausrüstung versehen.

Unmittelbar vor dem Salon führt eine bequeme Treppe direkt auf das

Oberdeck und das Promenadendeck der Passagiere der zweiten Kajüte;

im Treppenhause befindet sich auch das Rauchzimmer zweiter Kajüte,

welches, geschmackvoll dekoriert und prächtig ventiliert, ein

Lieblingsaufenthalt derjenigen ist, welchen Gott Neptun den Geschmack

am edlen Kraut nicht zu verderben im stande war.

Vor dem zweiten Salon liegt noch das helle und mit seinem blanken

Silbergeschirr gar verlockend aussehende Speise-Anrichtezimmer.

Von der zweiten Kajüte führt auf beiden Seiten an Maschinen- und

Kesselräumen vorbei ein heller, luftiger Gang nach den ausschließlich

für die Reisenden erster Klasse reservierten Räumen; von jedem Gange

aus führt ein Eingang in den ersten Salon, welcher vor dem Kesselraume

liegt; die Gänge selbst sind mit Brüsseler Teppichen belegt. Ganz

besonders feine Ausführung zeigt der große Speisesaal von 50 Fuß Länge

und 46 Fuß Breite; hier herrscht reiche Pracht, feiner Geschmack,

künstlerische Darstellung und höchste Eleganz in voller Harmonie.

Die Möbelstoffe von apfelgrünem Sammt harmonieren mit den Farben

des reichen türkischen Teppichs, welcher den Boden deckt, sowie mit

den mit schweren altdeutschen Borten verzierten Tischdecken und den

aus Seidenchenille angefertigten Fenstergardinen und Portieren; die

getäfelten Wände aus poliertem Ahorn- und Nußbaumholz sind mit reichen

Schnitzereien verziert, die freien Felder mit prächtigen Gemälden

geschmückt. Die Mitte des Saales nehmen zwei lange Tafeln ein, während

vier kleinere Tische an jeder Seite zu je acht Personen den Passagieren

Gelegenheit bieten, ~en famille~ zu speisen. Trotz dieser Tische und

120 vor denselben angeschraubten sehr bequemen Dreharmstühlen bleibt

noch genügender Raum zu freier Bewegung. Der Haupttreppeneingang

zum Salon, sowie die Treppe selbst zeigen reiche Holzschnitzereien;

zwei ruhende Löwen bilden die beiden untersten Treppenpfeiler. Das

Treppenhaus schließt nach oben mit einem glatten Glasdache mit

überraschend schöner Glasmalerei ab. Den Glanzpunkt des Salons indessen

bildet der überaus prachtvolle Lichtschacht von 24 Fuß Höhe und 17 Fuß

im Geviert, dessen Glasdach ähnliche Glasmalerei zeigt, wie das Dach

des Treppenhauses.

Das geräumige Rauchzimmer von 20 Fuß Länge und 18 Fuß Breite, auf dem

Hauptdeck gelegen, ist luxuriös und mit Komfort ausgestattet. Sofas

und Lehnsessel mit Gobelinpolstern, viereckige Spieltische und runde

Tische mit eingelegten Schachbrettern, polierte Teakholzwände mit

Schnitzereien und Ledertapeten, Ölgemälde mit allegorischen Figuren,

welche die sämtlichen bekannten Getränke darstellen, lassen vergessen,

daß man sich auf einem Schiffe befindet.

Das am luxuriösesten eingerichtete Zimmer im ganzen Schiffe ist

jedoch der Damensalon, über dem Rauchzimmer in der Höhe des

Promenadendeckes gelegen. Die schwellenden Divans und Sessel mit

echtem genuesischen Sammet in Terracotta und Altgold, der kostbare

türkische Teppich, in welchen der Fuß weich und tief einsinkt, das

schwarze Ebenholzmeublement, die Thüren, die Täfelung der Wände mit

ihren reichen Schnitzereien und Seidendamasttapeten, die Zimmerdecke

von poliertem Satinholze in verschiedenen Farbentönen und reich

vergoldet, die drei prachtvollen Ölgemälde von Dielitz, welche die

Wände schmücken, all dies Schöne und Liebliche macht in dem angenehm

gedämpften Lichte des Salons den Eindruck des Trauten und Kosigen und

erweckt ein Gefühl unendlicher Behaglichkeit.

Die Schlafzimmer für die Passagiere der ersten Klasse liegen teils

hinter, teils vor dem Speisesalon, sämtlich an den Schiffsseiten,

und sind hell, luftig, geräumig und mit allem Komfort ausgestattet.

Jedes Schlafzimmer ist zudem mit einer pneumatischen Klingel versehen,

welche mit dem Servicezimmer in Verbindung steht. -- Drei luftige

Badezimmer mit Marmorbadewannen und Kalt- und Warmwasserleitung, sowie

die elektrische Beleuchtung aller Räume sind weitere Vorzüge dieses

Dampfers.

Das Promenadendeck für die Passagiere der ersten Kajüte befindet

sich in der Mitte des Schiffes und ist 180 Fuß lang; der Zugang zu

demselben wird durch die Haupttreppe, welche ihren Anfang im ersten

Salon hat und an Rauchzimmer und Damensalon vorbeiführt, sowie durch

eine andere, welche direkt von den hinteren Gängen zwischen Maschinen-

und Kesselraum nach oben führt, vermittelt; im Treppenhause der

letztern ist auf dem Promenadendeck noch ein Entrezimmer eingerichtet,

welches zum Rauchzimmer benutzt wird und einen Lieblingsaufenthalt der

Passagiere bildet.

Die „Ems“ ist mit zehn großen Rettungsbooten ausgerüstet, welche,

sämtlich von Metall gebaut, stets fertig und mit ihrer Ausrüstung

komplett versehen, in drei Minuten zu Wasser gelassen werden können.

Auch die Dienst- und Wohnräume der Besatzung vom Schiffsführer herab

bis zum Schiffsjungen sind behaglich und wohnlich eingerichtet;

dieselben befinden sich größtenteils auf dem Oberdeck unter dem

Promenadendeck, wie auch die Küchen, Bäckereien und sämtliche zum

Passagierbetriebe nötigen Räumlichkeiten; die Besatzung der „Ems“

besteht bei voller Passagieranzahl aus 175 Mann.

Selbstverständlich ist die „Ems“ mit den denkbar besten Einrichtungen

und Instrumenten zur sichern Führung des Schiffes ausgerüstet; an

verschiedenen Teilen des Schiffes sind Kompasse aufgestellt, und auf

der Kommandobrücke selbst befindet sich ein Patentkompaß von Sir

William Thomson mit Azimutvorrichtung etc.

[Illustration: Zu S. 365.

Fig. 136. +Dampfer „Elbe“+, gebaut 1881 bei John Elder & Komp. in

Glasgow.

1. Ruder. -- 2. Schraube. -- 3. Sternbuchse. -- 4. Dampfsteuerung.

-- 5. Stewards. -- 6. Zwischendeck. -- 7. Oberlicht. -- 8.

Luke. -- 9. Dampfwinde. -- 10. Oberlicht. -- 11. Zweiter Salon.

-- 12. Zwischendeck. -- 13. Laderaum. -- 14. Wellentunnel. --

15. Niedergang -- 16. Zweites Rauchzimmer. -- 17. Luke. -- 18.

Niedergang. -- 19. Luke. -- 20. Dampfwinde. -- 21. Pantry für den

zweiten Salon. -- 22. Drucklager. -- 23. Maschinen-Oberlicht.

-- 24. Maschine. -- 25. Promenadendeck. -- 26. Oberdeck. --

27. Hauptdeck. -- 28. Zwischendeck. -- 29. Kohlenbunker. --

30. Kesselraum. -- 31. Erste Küche. -- 32. Erste Pantry. --

33. Niedergang. -- 34. Niedergang. -- 35. Laderaum. -- 36.

Kohlenbunker mit Tunnel. -- 37. Damensalon. -- 38. Rauchzimmer.

-- 39. Oberlicht. -- 40. Erster Salon. -- 41. Zwischendeck. --

42. Kartenhaus. -- 43. Ruderhaus. -- 44. Zimmermann. -- 45.

Niedergang. -- 46. Luke. -- 47. Dampfwinde. -- 48. Hauptdeck. --

49. Luke. -- 50. Laderaum. -- 51. Laderaum -- 52. Zwischendeck.

-- 53. Wassertank. --- 54. Dampfküche. -- 55. Laufbrücke. --

56. Leuchtturm. -- 57. Dampfwinde. -- 58. Eiskeller. -- 59.

Luke. -- 60. Proviantraum. -- 61. Luke. -- 62. Fleischräume. --

63. Wassertanks. -- 64. Dampfspill. -- 65. Ankerkran. -- 66.

Ankerwinde. -- 67. Mannschaftsräume. -- 68. Ankerkettenkasten. --

69. Kettenklüse. -- 70. Kartoffelraum. -- 71. Inventarienraum.

Maßstab: 1/200 natürl. Größe.

10 5 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 engl. Fuß.

|---------------------------------------------|

]

Eine Telegraphenleitung verbindet die Kommandobrücke mit der Maschine,

dem hintern Steuerhause und dem hintern Turtledeck; die besten

Patent-Lot- und Log-Apparate erleichtern dem Schiffsführer seinen

schwierigen Beruf und tragen zur sichern Navigierung wesentlich

bei; ein Dampfsteuerapparat von Muir & Caldwell in Glasgow, der

vollkommenste seiner Art, ermöglicht eine Kursveränderung resp. Drehung

des Schiffes in kürzester Frist und trägt zur Verhütung von Kollisionen

bei; kurz, es ist nichts unterlassen und nichts gespart, was zur

Sicherheit des Schiffes und seiner wertvollen Fracht beitragen kann.

Ebenso vortrefflich, wie Ausstattung und Einrichtung des Schiffes,

ist auch die +leibliche Verpflegung+. In den Vorratsmagazinen liegen

gewaltige Mengen von Nahrungsmitteln aufgespeichert: Gemüse aller

Art aus den berühmtesten Konservenfabriken, Südfrüchte von Malaga,

Smyrnaer Traubenrosinen, amerikanische Schnittäpfel, pulverisierter

Zucker, kondensierte Milch in Blechdosen, aller Art konservierte

Früchte zu Kompotts, kalifornische Aprikosen, englisches Tafelsalz,

westfälische Schinken; dann Austern-, Sardinen-, Hummer-, Lachs- und

Anchovis-Konserven, Kaffee, Zucker, frische Gemüse und frisches Obst,

Fleischmassen in Eisbehältern u. s. w. Ein Blick in den Kellerraum

zeigt uns wiederum ein reichhaltiges Lager der mannigfaltigsten Rot-

und Rheinweine, von Champagner, Cognac etc. der berühmtesten Firmen

u. s. w.

So ist die „Ems“ ein Schiff, das den besten Dampfern der Jetztzeit

gleichkommt; es vereinigen sich in demselben Gefälligkeit im Äußern,

Schönheit der Linien, Stärke, Schnelligkeit, Eleganz und Komfort.

Hiezu kommt noch vorzügliche leibliche Verpflegung, wie überhaupt

das Bestreben, dem verwöhntesten Geschmacke des reisenden Publikums

Rechnung zu tragen und das Beste zu bieten, was die mannigfachen

Erfindungen der Neuzeit und die Verbesserungen im Schiffsbau erreichen

lassen.

Dampfer ähnlicher Art sind die gleichfalls dem Norddeutschen Lloyd

gehörigen Schnelldampfer „+Elbe+“ (siehe Beilage Fig. 136), „+Weser+“,

„+Werra+“, „+Fulda+“, „+Eider+“, „+Aller+“, „+Saale+“ und „+Trave+“. An

Bord der „+Trave+“ z. B. befinden sich 33 selbständige Dampfmaschinen

mit 65 Cylindern[181].

„Die Großartigkeit der modernen Seeriesen,“ sagt darum +v. Henk+ mit

Recht, „erregt denn selbst noch in +unserem+ Zeitalter Staunen und

Bewunderung. Fast alle realen Wissenschaften -- Mathese, Physik,

Ingenieurkunst, Chemie und Astronomie -- haben sich ja verbunden, diese

schwimmenden Kolosse zu schaffen und zu lenken, und so sind sie in der

That die gewaltigsten und imposantesten Schöpfungen kalkulierenden

Geistes und werkthätiger Hand.“

VII. Seebauten und Hafenanlagen.

1. Interoceanische Kanäle.

a. Ausgebaute Kanäle.

+Der Suezkanal[182].+ 1. +Geschichtliches.+ Die ersten Bemühungen,

eine zunächst freilich nur indirekte Verbindung zwischen dem

Mittelländischen und dem Roten Meer herzustellen, gehören schon dem

Zeitalter der Pharaonen an. Champollion schreibt die Erbauung des

ersten Kanals vom Nil zum Roten Meer dem König Ramses II. zu, der etwa

1300 v. Chr. regierte. Geschichtlich sicher ist die Thatsache, daß

Necho, der Sohn Psammetichs, einen solchen Kanal zu bauen beschloß und

den Bau auch wirklich begann. Dies war etwa 650 v. Chr. Er hielt jedoch

inmitten des Unternehmens ein, weil ein Orakel verkündet hatte, daß er

mit dem Kanal den Fremden den Weg nach Ägypten erleichtere. Zunächst

nahm Darius Hystaspes († 485 v. Chr.) das Werk wieder auf; aber auch er

ließ den Bau wieder unterbrechen, da man ihm vorstellte, daß infolge

des höhern Niveaus des Roten Meeres das ganze Land überschwemmt würde.

So hat denn erst Ptolemäus II. den Kanal 277 v. Chr. vollendet. Die

kostspielige Unterhaltung und der geringe Verkehrsnutzen desselben

scheinen indes später seinen Verfall herbeigeführt zu haben. Die Kaiser

Trajan und Hadrian stellten ihn jedoch zum Teil wieder her, und noch

in der Mitte des sechsten Jahrhunderts war er schiffbar. Um 650 regte

Amru, der arabische Eroberer Ägyptens, die Idee eines +direkten+,

beide Meere verbindenden Kanals an. Der Kalif Omar verwarf dieselbe

aber, hauptsächlich um den Korsaren des Mittelmeeres nicht die Pforten

zum Roten Meere zu öffnen. Dafür ließ Amru zum Zwecke der Verbringung

von Getreidevorräten nach Arabien am alten Kanal nicht unerhebliche

Verbesserungen vornehmen. Von da, also von der Mitte des siebenten

Jahrhunderts an, blieb der Kanal offen und schiffbar bis 767, in

welchem Jahre der Kalif Almansor die Verschüttung des Kanals befahl, um

einem von seinem Oheim zu Medina angeführten Rebellenheer die Zufuhr

zu erschweren. Überdies erschien es der Handelspolitik des Kalifates

zweckmäßiger, den indischen Handel über den persischen Golf und das

aus den Trümmern des alten Babylon neugeschaffene Bagdad zu leiten.

So endete der „Kanal der vier Könige“ (Ramses, Necho, Darius und

Ptolemäus). Dreimal noch tauchte die Idee Amrus auf, den Isthmus von

Suez zu durchstechen: um das Jahr 1500 bei den Venetianern und später

wieder seitens des Sultans Mustapha III. (1757-1773) und des Konsuls

Bonaparte. Aber erst dem Franzosen +Ferdinand von Lesseps+ gelang es,

den Plan trotz aller sich auftürmenden Hindernisse durchzuführen und

damit den Traum eines Jahrtausends zu erfüllen.

[Illustration: Fig. 137. Ferdinand von Lesseps.]

+Ferdinand von Lesseps+, geb. 1805 in Versailles, trat in jungen

Jahren, dem Beispiel seines Vaters folgend, in die diplomatische

Laufbahn ein. Im Jahr 1825, also kaum zwanzig Jahre alt, war er

Konsulatsattaché in Lissabon, dann wurde er in den Bureaus der

Handelsdirektion des Auswärtigen Amtes beschäftigt. 1828 erhielt er

eine Sendung nach Tunis, und erst die folgenden Jahre führten ihn

nach Ägypten. Zuerst Konsulatseleve und Vicekonsul in Kairo, wurde er

daselbst 1833 zum Konsul zweiter Klasse befördert. In dieser Zeit nun

erwachte in Lesseps auch die Idee von der Herstellung des Suezkanals.

Zurückzuführen ist dieselbe auf das Studium einer Denkschrift von

+Lepère+ (über die Verbindung des Mittelländischen mit dem Roten

Meere), auf die ihn sein Vorgesetzter, der Generalkonsul +Mimaut+,

aufmerksam gemacht hatte[183]. 1842 wurde indes Lesseps durch seine

Ernennung zum Konsul in Barcelona dem Pharaonenlande wieder entrückt.

Er bekleidete dann noch die Stelle eines Gesandten am Hofe von Madrid

und wurde auch noch mit einer Mission nach Rom betraut. Der Ausgang

dieser Sendung aber schreckte Lesseps für immer von der Diplomatie

und Politik ab. Er zog sich nach seinem Landsitze in Berry zurück

und befaßte sich von jetzt an ausschließlich mit dem Projekte des

Suezkanals. 1854 erlangte er denn auch die Konzession zur Herstellung

des Kanals von seiten Said Paschas, dem zu Ehren später die Stadt am

nördlichen Ausgang des Kanals den Namen Port-Said erhielt; jedoch

erst 1858 konnte sich die Baugesellschaft ~La Compagnie Universelle

du Canal maritime de Suez~ konstituieren. Am 25. April 1859 erfolgte

bei Port-Said der erste Spatenstich, und Lesseps selbst hatte sich mit

den oberen Beamten und Ingenieuren der Kompagnie zu diesem Zwecke nach

dem Orte der künftigen Mündung des Kanals begeben. Eine angemessene

Feier weihte hier den Beginn der Arbeiten ein, welche, indem sie

zwei Weltteile zu trennen schienen, zur Herstellung einer engern

Verbindung von vier Weltteilen bestimmt waren. Der Bau selbst währte

von 1859-1869 und war mit den größten Schwierigkeiten verbunden. Wie

mühevoll war nur die Versorgung der Arbeiter mit Trinkwasser in diesem

Wüstengebiet! 1862 waren von den 1800 Lastkamelen der Kompagnie allein

1600 für den täglichen Transport des Trinkwassers für 20-25000 Mann in

Anspruch genommen. Die tägliche Gesamtausgabe für diesen Zweck betrug

8000 Francs. Sehr bedeutend fielen neben den Wasserkarawanen auch

die Transporte der Nahrungsmittel, Werkzeuge, Kleider und Schuhe und

der Wäsche ins Gewicht; denn die Verwaltung mußte für alles bis auf

die Nähnadeln, Knöpfe und Kämme sorgen, da für die in der Wüste von

aller Kommunikation abgeschnittenen Leute durchaus keine Gelegenheit

bestand, diese Artikel sich zu beschaffen. Zu alledem kamen dann noch

politische und finanzielle Schwierigkeiten und 1865 der Ausbruch

der Cholera unter der Arbeiter-Kolonie. Von den 8000 Arbeitern von

damals hatten nicht weniger als 5000 die Flucht ergriffen. Über die

Großartigkeit des Unternehmens in +technischer+ Beziehung geben wohl

folgende Angaben genügenden Aufschluß. Die Maschinenwerkstätte der

Firma +Borel+, +Lavalley+ & Komp. in Port-Said, welche die Austiefung

des Kanals übernommen hatte, verwendete 1868 außer 10000 Menschen

noch 10000 Pferdekräfte Dampf mit einem täglichen Verbrauch von 12000

Centner Kohlen. Infolge dieser gewaltigen Betriebskräfte waren damals

in Gang 10 mechanische Zermalmer, 4 Hand-Baggermaschinen, 18 kleine

und 58 große Baggermaschinen, 30 Schuttdampfschiffe mit Seitenplatten,

79 Schuttdampfschiffe mit Grundklappen, 68 Elevatoren, 90 Barken

mit Schuttkisten, 30 Dampfwidder, 15 Dampfbarken, 60 Lokomobilen, 15

Lokomotiven, 20 Dampf-Erdheber für den trockenen und nassen Boden, 1800

Erdwagen, 25 Dampfcanots und Remorqueurs und 200 eiserne Barken. Ein

anderes hochwichtiges Etablissement zu Port-Said war die Steinfabrik

der Gebrüder +Dussaud+, in der jene riesigen künstlichen Blöcke erzeugt

wurden, die zur Herstellung der Moli dienten. Jeder dieser Blöcke maß

10 cbm, wog 400 Centner und kostete ungefähr 300 Francs.

Die Masse des auf der ganzen Kanalstrecke abgehobenen Materials

beträgt 74 Mill. cbm, ein Quantum, das hinreichen würde zum Baue einer

Pyramide, deren Grundflächenkante 1 km und deren Höhe 225 m betrüge.

Gleichzeitig mit dem Beginne der Arbeiten am Kanal schritt man auch

zur Anlage eines +Süßwasserkanals+, ohne dessen Existenz das ganze

Unternehmen unmöglich gewesen wäre. Die Eröffnung dieses Kanals, der

das notwendige Trinkwasser zuführte, erfolgte 1864. Derselbe nimmt vom

Nil unterhalb Kairo seinen Ausgang und zieht über Ismailia nach Suez;

ein Arm führt nach Port-Said.

Die feierliche +Eröffnung+ des Kanals erfolgte am 16. November 1869

unter der Regierung +Ismail Paschas+. Die Kaiserin Eugenie von

Frankreich, der Kaiser von Österreich, der Kronprinz von Preußen, viele

andere Fürstlichkeiten und über 30000 anderweitige Besucher aus allen

Weltteilen waren Zeugen dieses welthistorischen Ereignisses.

Seinem Werk zuliebe und auch vermöge seiner Blutsverwandtschaft mit

+Eugenie de Montijo+ hatte sich Lesseps mit dem Kaiserreiche und

dem Kaiser versöhnt, obwohl er einer der aufrichtigen Gegner des

Staatsstreiches gewesen und anläßlich des Plebiscites gegen Napoleon

III. gestimmt hatte. Die Kaiserin insbesondere wandte ihm ihre

Protektion zu, und mehr als einmal dankte es Lesseps der Verwendung des

Kabinetts der Tuilerien und der persönlichen Gunst des Kaisers, daß

die Intriguen der Engländer fehlschlugen. Zum Lohne dafür beschützte

Lesseps am 4. September 1870 die Kaiserin Eugenie auf ihrer Flucht aus

den Tuilerien.

Auch die Pariser Akademie der Wissenschaften hatte Lesseps zu ihrem

Mitgliede ernannt und dadurch eines der thätigsten und rührigsten

Mitglieder gewonnen. Auf ihre Einladung legte er jene fünfbändige

Urkundensammlung an, die vereint mit seinen Briefen und dem an Frau

+Delamalle+ gerichteten Tagebuche die ganze Geschichte des Suezkanales

bietet und den Titel trägt: ~Lettres, Journal et documents pour servir

à l’histoire du Canal de Suez~ (~Paris~ 1875-1881, 5 Bde. in gr.

8^o). Namentlich aber sind es drei große Projekte, die er im Schoße

der Akademie vertrat: die Schaffung eines Binnenmeeres im Innern von

Nordafrika, das Projekt des verstorbenen Majors +Roudaire+, der Bau

einer Eisenbahn durch das Innere von Asien, für deren Studium sein

ältester Sohn große Forschungsreisen an Ort und Stelle unternommen

hat, und die Durchstechung der Landenge von Panama. Lesseps’ indirektes

Werk ist auch der in Ausführung begriffene Kanal von Korinth.

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 34 / 50 段