Das +Sturmwarnungswesen+, wie es gegenwärtig gehandhabt wird,

wurde im Herbst 1876 in vollem Umfange für die ganze deutsche

Küstenstrecke eröffnet. Der Zweck desselben ist, die an- und

auslaufenden Schiffsführer, sowie die Küstenbevölkerung über die

jeweilige Wetterlage und ihre wahrscheinliche Änderung, insbesondere

wenn dieselbe gefahrdrohend erscheint, zu unterrichten. Diese

Mitteilungen erfolgen entweder regelmäßig durch die bereits erwähnten

Hafentelegramme oder durch besondere Telegramme an die +Signalstellen+

der Seewarte, deren Zweck es ist, möglichst rasche und allseitige

Verbreitung der Sturmwarnungen sowohl durch Anschlag, als auch durch

Signale zu bewerkstelligen. Der Mast, welcher zum Signalisieren

in Anwendung kommt (siehe Fig. 132), trägt oben eine Raa; an der

einen Seite derselben werden die Signalkörper, an der andern die

Signalflaggen angebracht. Die Signalkörper, deren Durchmesser 1 m

beträgt, bestehen aus einem Ball, zwei Kegeln und einer Trommel, so

daß dieselben in der Ferne überall als Kreis, gleichseitige Dreiecke

und Quadrate gesehen werden. Die Anordnung und Bedeutung der Signale

ist aus Fig. 133 ohne weiteres verständlich. Die Signale beziehen sich

immer auf die nächsten 36 Stunden.

[Illustration: Fig. 132. Wetter-Signal-Apparat.]

Die Warnungstelegramme, welche außer dem Signal auch den Grund der

Warnung in möglichster Kürze enthalten, werden, nachdem das Signal

gehißt, sofort dem Publikum zugänglich gemacht, und der Signalist

übermittelt der Seewarte als Empfangsbestätigung unverzüglich ein

kurzes, den augenblicklichen Zustand der Atmosphäre und der See

enthaltendes Telegramm, welches dieselbe in den Stand setzt, sich

schon wenige Stunden nach gegebener Warnung ein Bild über die

Witterungsverhältnisse der Küste zu verschaffen und hiernach unter

Umständen weitere Anordnungen zu treffen. Auch ohne vorhergegangene

Warnung berichtet der Signalist telegraphisch an die Seewarte, sobald

stürmische Winde zur Entwicklung kommen.

An allen Signalstellen wird regelmäßig Tagebuch über Wind und Wetter

geführt, und zwar werden die Beobachtungen um 8 Uhr morgens, 2 Uhr

mittags und 8 Uhr abends eingetragen; zur Zeit unruhiger Witterung

werden in noch kürzeren Zwischenräumen Beobachtungen angestellt und

aufgezeichnet. Damit die Seewarte die Sturmanzeichen schon bald nach

ihrem Auftreten verfolgen kann, sind alle Signalisten mit Postkarten

versehen, welche zur Zeit unruhiger Witterung auszufüllen und an die

Seewarte einzusenden sind. Durch diese Einrichtung erhält die Seewarte

ein sehr umfassendes und wertvolles Material, wodurch es möglich

wird, die Wetterlage und deren Änderung an der Küste in sehr kurzen

Zeitabschnitten bis ins kleinste zu verfolgen. Nach Ablauf eines jeden

Monats werden die Sturmwarnungen einer sorgfältigen Prüfung unterzogen,

deren Ergebnis alljährlich zur Veröffentlichung gelangt. Die folgende

Übersicht giebt eine annähernde Vorstellung über die bisher erzielten

Erfolge. In derselben sind die Signalstellen nach den bei denselben

erzielten Prozenten der eingetroffenen Warnungen in folgende Gruppen

geordnet: 1. von 50% und darunter, 2. über 50 bis einschließlich 60%,

3. über 60 bis einschließlich 70%, 4. über 70 bis einschließlich 80%,

5. über 80%. Für die einzelnen Gruppen sind dann noch die Mittelwerte

und die Durchschnittszahl der Anordnungen gebildet, und in der letzten

Spalte ist schließlich die Anzahl der Anordnungen aufgeführt, welche

zum Hissen und Senken der Signale von der Seewarte gegeben wurden.

[Illustration: Fig. 133. Sturmsignale.

Die Flaggen deuten auf vermutliches Umlaufen des Windes, und zwar:

1 Flagge = rechtsdrehend (~N E~, ~S W~),

2 Flaggen = zurückdrehend (~N W~, ~S E~).]

-----+-------------------------------------------------------+-------

| +Gruppen der Signalstellen.+ |Anzahl

+---------+-----------+-----------+-----------+---------+

| 1. | 2. | 3. | 4. | 5. | der

Jahr.|50 % und |über 50 bis|über 60 bis|über 70 bis| über |Anord-

|darunter.| einschl. | einschl. | einschl. | 80%. |nungen.

| | 60%. | 70%. | 80%. | |

+------+--+-------+---+-------+---+-------+---+------+--+-------

| An- | |An- | | An- | | An- | | An- | |

|zahl. |%.|zahl. | %.|zahl. | %.|zahl. | %.|zahl. |%.|

-----+------+--+-------+---+-------+---+-------+---+------+--+-------

1877 | 11 |42| 7 | 55| 9 | 66| 5 | 73| 1 |82| 880

1878 | 7 |44| 7 | 56| 14 | 66| 3 | 72| 1 |82| 1489

1879 | 15 |33| 8 | 56| 6 | 62| 4 | 78| 1 |81| 1098

1880 | 10 |43| 6 | 55| 9 | 63| 12 | 74| 1 |86| 2463

1881 | 15 |43| 4 | 56| 7 | 67| 2 | 73| 4 |87| 1621

-----+------+--+-------+---+-------+---+-------+---+------+--+-------

Durchschnitt bz. | | | | | | | |

Summe| 12 |41| 6 | 56| 9 | 65| 5 | 74| 2 |84| 7551

Jedenfalls ist es als ein entschieden günstiges Ergebnis der

Sturmwarnungen anzusehen, daß nur höchst selten ausgedehnte, besonders

heftige Stürme, die schwere Verluste an Menschenleben und Hab und Gut

veranlaßten, ungewarnt die Küste trafen. Ausführliche Mitteilungen

hierüber sind in den von der kaiserlichen Admiralität herausgegebenen

Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, Januarheft 1882,

und in der Einleitung zum Jahrgang 1882 der „Monatlichen Übersicht

der Witterung“ (Herausgeber: Deutsche Seewarte) enthalten. Daß die

deutsche Seewarte auch nach dieser Richtung hin einen vollen Erfolg

zu verzeichnen hat, wird durch eine Reihe von Gutachten bestätigt,

welche ihr von zuständiger Seite, und zwar von Lootsencommandeuren,

Hafenmeistern und Vorständen der Signalstellen u. s. w. zugestellt

worden sind. Sie alle sprechen sich fast ausnahmslos sowohl über die

Einrichtung, als auch über die Wirksamkeit des Sturmwarnungswesens sehr

günstig aus[171].

Gegenwärtig haben fast alle civilisierten Staaten auf der Nord- und

Südhalbkugel einen telegraphischen Witterungsdienst eingeführt, in

großartigster Weise aber die +Vereinigten Staaten von Amerika+. Um sich

wenigstens annähernd eine Vorstellung von der großartigen Organisation

dieses Dienstes machen zu können, erwähnen wir, daß die Ausgaben des

Signal Office nach dem ~Report of the chief signal office for 1881/82~

nicht weniger als 1021614,84 Dollar betrugen[172].

=Abteilung IV.=

Diese hat es mit der +Chronometerprüfung+ zu thun. Die Untersuchung

derselben geschieht in einem durch besondere Heizvorrichtungen auf

bestimmte Temperaturen (zwischen +5° und +30°) zu bringenden Raume. Auf

Grund genauer Beobachtungen der Gänge erfolgt dann die Ausrechnung der

Temperatur- und Zeit-Koefficienten, die entweder mitsamt dem Stand im

Augenblick der Abgabe an die Schiffe im Chronometerjournal bemerkt und

während der Reise beständig auf den Gang angewendet werden, oder, wenn

es sich um ein von einem Chronometermacher erbetenes Gutachten handelt,

den Maßstab für die Güte des Instruments liefern.

Zur Beobachtung werden die Chronometer der deutschen und auch

ausländischer Schiffe, zur Prüfung nur diejenigen deutscher und

ausnahmsweise schweizerischer Fabrikanten zugelassen. Für diese

Leistungen wird eine mäßige Gebühr erhoben, von welcher nur die das

meteorologische Journal führenden Schiffer und die ein neues Modell

vorlegenden Chronometermacher frei sind.

Da die Aufgaben der Seewarte großenteils einen unmittelbaren Verkehr

mit den Schiffsführern, oft auch den Besuch eines Vertreters auf den

Schiffen erfordern, so sind außer der Hauptanstalt eine Reihe von

Nebenstellen an den wichtigsten deutschen Küstenplätzen errichtet

worden. Es sind dies die Agenturen, Normalbeobachtungsstationen und die

schon erwähnten Signalstationen.

[Illustration: Fig. 134. Dienstgebäude der deutschen Seewarte.]

Stolz erhebt sich das Gebäude der Seewarte -- eine Zierde Hamburgs --

auf dem Aussichtsplatz „Stintfang“, dem Ausgangspunkt der öffentlichen

Anlagen an der Elbe, herabblickend auf die den Hafen füllende deutsche

Kauffahrteiflotte, deren Bestem sie dient, und dieser ein unmittelbares

Wahrzeichen der Fürsorge des Reichs[173]. -- Möge die Anstalt

den gesteigerten Anforderungen der fortschreitenden Technik und

Wissenschaft stets wie bisher gewachsen bleiben und bei dem durch die

überseeischen Erwerbungen bedingten, hoffentlich mächtigen Aufschwung

der deutschen Schiffahrt, soweit dies an ihr liegt, gebührend mitwirken!

VI. Schiffsbau.

Schon der Gebrauch von Dampf und Schraube hat hinsichtlich des Baues

und der Ausrüstung der Schiffe große Veränderungen nach sich gezogen;

im Laufe der Zeit sind aber noch sehr wesentliche Verbesserungen

hinzugekommen.

Einer der bedeutsamsten Fortschritte im Schiffsbau ist die Verwendung

des +Eisens+ an Stelle des Holzes als Schiffsbaumaterial. Der Vorteile,

die hierdurch erzielt werden, sind mehrere. So wird die Tragfähigkeit

der Schiffe wesentlich gesteigert, der Raum für die Fracht beträchtlich

vergrößert und die Stabilität der Fahrzeuge bedeutend erhöht. Die

Einführung des Eisens in den Schiffsbau beginnt um das Jahr 1810 mit

den dahingehenden Vorschlägen +Trevethicks+ und +Dickensons+; 1818

wurde das +erste eiserne Schiff+ erbaut; die +ausgedehntere+ Verwendung

des Eisens im Schiffsbau gehört indes erst den letzteren Jahrzehnten

an; jetzt hat es freilich das Holz als Schiffsbaumaterial fast gänzlich

verdrängt. Neben dem Eisen beginnt übrigens neuestens auch der +Stahl+

mehr und mehr im Schiffsbau Bedeutung zu gewinnen. Das zeigt sich

namentlich auf den Werften des Clydeflusses. Erst vor wenigen Jahren

wurde dort das erste Stahlschiff vom Stapel gelassen, und vor vier

Jahren noch betrug der Gesamtraumgehalt der daselbst aus Stahl gebauten

Schiffe nur 18000 Tonnen. 1882 stieg diese Zahl schon auf 100000

Tonnen und 1883 auf fast 130000 Tonnen, d. i. etwa ein Drittel des

Tonnengehalts aller am Clyde gebauten Schiffe.

Sehr folgenreich wurde ferner die Einführung der sogen.

+Compound-Maschinen+ wegen der durch sie ermöglichten Ersparung

an Feuerungsmaterial. Letztere ist sogar so bedeutend, daß

beispielsweise der tägliche Kohlenverbrauch bei den Schiffen der

Hamburg-Amerikanischen Paketfahrt-Aktien-Gesellschaft, nachdem die

bisherigen gewöhnlichen Niederdruckmaschinen gegen ~compound engines~

ausgewechselt waren, sich um ~ca.~ 50 % verminderte. Außerdem nehmen

diese Maschinen im Vergleiche zu anderen Systemen auch den geringsten

Raum ein.

Trotz dieser großen Vervollkommnung der Schraubendampfer führen

letztere gleichwohl auch heute noch eine mehr oder minder vollständige

Takelung. Es erscheint dies als Aushilfe bei solchen Beschädigungen der

Schraube oder Schraubenwelle, die während der Fahrt schwer repariert

werden können, dringend geboten. Zudem wird die Schwierigkeit, mit

voller Takelage gegen einen heftigen Wind zu kämpfen, während einer

langen Reise mehr als genügend aufgewogen durch den Vorteil, den die

ausgespannte Leinwand bei günstigem Winde darbietet.

Eine andere wichtige Neuerung, welche die jetzigen Eisenschiffe

aufweisen, sind die +wasserdicht voneinander abgeschlossenen

Abteilungen+, die sogen. ~water-tight-compartments~. Der Vorteil, der

hierdurch erzielt wird, besteht darin, daß, selbst wenn eine Abteilung

des Schiffes leck wird, doch der Untergang des ganzen Schiffes verhütet

wird.

Als ein Fortschritt muß es auch bezeichnet werden, daß im Vergleich zum

frühern Schiffsbau in neuester Zeit +der Rumpf des Schiffes bedeutend

verlängert wurde+; denn gerade durch diese Konstruktionsart wird der

Widerstand von Wind und Wasser am leichtesten überwunden. Auf ihr

beruht denn auch zu nicht geringem Teile die große +Schnelligkeit+,

welche die jetzigen Dampfer durchschnittlich erzielen.

Was diese letztere betrifft, so hielt man in den 50er Jahren 16 Tage

für eine angemessene Geschwindigkeit, um den Ocean von +Europa nach

New-York+ zu kreuzen. Dann sank die Durchschnittsdauer der Reise zum

Erstaunen der Welt auf 11 Tage herab. Aber auch damit gab sich der

spekulative Unternehmungsgeist nicht zufrieden. Im konkurrierenden

Wettstreit führten die Schiffe der 1856 gegründeten +Inmanlinie+,

welche Liverpool über Queenstown mit New-York und Philadelphia

verbindet, und die zwischen Liverpool und New-York laufenden

+White-Star-Dampfer+ eine Reihe immer rascherer Fahrten aus und machten

dadurch für sich Reklame. Vom 10. bis 17. August 1877 legte der der

letztgenannten Gesellschaft gehörige Dampfer „Britannic“ die Strecke

von Queenstown nach Sandyhook (Feuerturm bei New-York) in 7 Tagen 10

Stunden 53 Minuten zurück. Um Minuten verkürzten sich dagegen die

Fahrten der „Servia“ und „Arizona“. Die Dampfer des Norddeutschen Lloyd

machen dermalen mit beinahe zuverlässiger Regelmäßigkeit die Fahrt

von New-York nach Southampton und umgekehrt in 8mal 24 Stunden. Von

Southampton nach Bremen benötigen sie noch circa 20-24 Stunden. Die

schnellste aller Fahrten über den Atlantischen Ocean hat bis jetzt der

Cunard-Dampfer „Etruria“ ausgeführt; er machte die Reise von Queenstown

(Südirland) nach New-York sogar in 6 Tagen 5 Stunden 32 Minuten. Der

vor kurzem untergegangene Dampfer „Oregon“ von derselben Linie, der

bisher im Rufe stand, die größte Schnelligkeit erreicht zu haben,

bedurfte zu der nämlichen Fahrt 6 Tage 9 Stunden 22 Minuten. Auch die

„Eider“, eines der Schnellschiffe des Norddeutschen Lloyd, befuhr im

April 1884 die Strecke von Southampton nach New-York in 7 Tagen 16

Stunden, welche Leistung einer Passage von 6 Tagen 21½ Stunden auf

der Route Queenstown-New-York entspricht, somit nur wenig hinter den

Ergebnissen des „Oregon“ zurückbleibt.

Welch gewaltiger Fortschritt in dieser Beziehung in jüngster Zeit

gemacht wurde, erhellt am besten aus dem Hinweis auf die Zeitdauer

ähnlicher Fahrten in früheren Perioden. So durchfuhr, wie schon

erwähnt, 1819 die „Savannah“ den Atlantischen Ocean in 26 Tagen.

Benjamin Franklin bedurfte 1775 zu seiner Reise von Amerika nach Europa

42 Tage, und Christoph Kolumbus erreichte die Bahama-Inseln erst nach

70 Tagen.

Gleich großartig ist die Verkürzung der Fahrten nach Indien und

Australien. Vasco de Gama fuhr von Lissabon nach Calicut 314 Tage,

während der erste Dampfer, der von Falmouth nach Calcutta ging, in

nicht ganz 4 Monaten (vom 16. August bis 9. Dezember 1825) den Weg

zurücklegte. Gegenwärtig beträgt die gewöhnliche Fahrzeit von Plymouth

(Süd-England) nach Sydney (~via~ Kapstadt) 45-50 Tage; ja vom Dampfer

„Orient“ wurde die Reise von England nach Australien, und zwar

ebenfalls um das Kap der guten Hoffnung, 1879 in 38 Tagen 14½ Stunden

ausgeführt. Noch rascher kann die Fahrt nach Indien und Australien

über Suez erfolgen, und vollends dann, wenn man auch noch die Bahnen

benutzt. In diesem Falle ist z. B. Calcutta von London aus in nur 18

Tagen zu erreichen. Die schnellste Reise von China nach England wurde

1882 von dem Dampfer „Stirling Castle“ in 29 Tagen 22 Stunden gemacht.

Bezüglich der Fahrten über den Atlantischen Ocean sei übrigens noch

bemerkt, daß Reisen wie die der „Etruria“ oder des „Oregon“ zu den

seltensten Ausnahmen zahlen. Kürzlich sind von der White-Star-Linie

zwei neue Zwillingsschrauber in Auftrag gegeben worden; sie sollen

täglich nicht mehr als 100 t Kohlen verbrauchen, 3000 t Güter laden bei

einem mittlern Tiefgange von 8 m, 200 Salonpassagiere aufnehmen und --

die Reise in 7 Tagen machen, d. h. von Sandyhook nach Queenstown. Damit

ist das Ziel ausgedrückt, welches alte, erfahrene, große Gesellschaften

als für jetzt erreichbar anstreben. Allerdings erhebt sich in neuester

Zeit, besonders von amerikanischer Seite, immer mehr der Ruf nach

Sechstage-Dampfern. Die Erfüllung dieser Forderung ist indes wohl nur

möglich mit +Schiffskesseln+, welche Dampf von einer Spannung bis zu

12 Atmosphären liefern, +ohne zu lecken+, und mit +dreicylindrigen

Expansionsmaschinen großen Stils+[174].

Die +mittlere+ Geschwindigkeit der Dampfer der größeren

Schiffahrtsgesellschaften ist +auf den Linien nach Amerika+ 13-14

Knoten[175] per Stunde. Die sogenannten Schnelldampfer hingegen

erzielen auf den +transatlantischen+ Fahrten eine solche von 16-17

Knoten per Stunde. Die Durchschnittsgeschwindigkeit der „Etruria“

gelegentlich der oben erwähnten Schnellfahrt von Queenstown nach

New-York betrug sogar an 19 Knoten per Stunde. -- +Auf den Linien nach

Asien und Australien+ kommen derartige Verhältnisse vorerst nicht in

Frage. Die für die ostasiatische und australische Fahrt bestimmten

Schiffe des Norddeutschen Lloyd müssen nach der mit der deutschen

Regierung getroffenen Vereinbarung eine Durchschnittsgeschwindigkeit

von nur 12, beziehungsweise 11½ Knoten pro Stunde erzielen. Trotzdem

ist dies eine Geschwindigkeit, welche nach den vertragsmäßigen

Festsetzungen von den Dampfern keiner einzigen fremden Nation für die

asiatischen und australischen Linien verlangt wird. Es sind nämlich

vertragsmäßig vorgeschrieben: ~a.~ von Frankreich für die Linie

Indien-China 9½ Knoten, für die Linie Marseille-Numea 11-2/10 Knoten;

~b.~ von England für die Linien Brindisi-Alexandrien und Suez-Bombay

11 Knoten, für die Linie Suez-Shanghai 10½ Knoten; ~c.~ von den

australischen Kolonieen für die Linie San-Francisco-Auckland-Sydney 11

Knoten, für die Linie Aden-Brisbane 9⅙ Knoten; ~d.~ von Österreich für

die Linie Triest-Singapore gar nur 8 Knoten.

+Das zur Zeit schnellste Seeschiff überhaupt+ ist vor kurzem von der

Fabrik Schichau in Elbing an die chinesische Regierung abgeliefert

worden. Das Fahrzeug ist ein sogenanntes Ocean-Torpedoboot von 45 m

Länge und 6 m Breite; es hat eine Maschine von 1500 Pferdekräften und

läuft mit voller Ausrüstung und Besatzung an Bord 24-25 Knoten (47 km)

in der Stunde. Beachtenswert ist dieses Fahrzeug auch um deswillen,

als die gesamte Dampfkraft für die Leistung von 1500 Pferdekräften

in nur +einem+ Dampfkessel erzeugt wird, eine Einrichtung, die bis

jetzt ebenfalls als einzig in der Maschinentechnik dasteht und berufen

sein wird, eine große Umwälzung im gesamten Schiffsmaschinenbau

hervorzurufen[176].

Neuestens behauptet der Kapitän +John Giles+ in den Vereinigten

Staaten von Amerika, daß man durch Veränderung sowohl der Lage der

Schraube, als auch ihrer Neigung zur Längsachse des Schiffes eine

weit größere Geschwindigkeit erzielen könne, als das bisher der Fall

gewesen. Er will die Schraube unter dem Kiel, etwas vor dem Besanmast,

anbringen und ihr eine Neigung von 45° zur Ebene der Schiffsbewegung

geben. Mit einer derart angebrachten Schraube glaubt der Erfinder die

Geschwindigkeit der Schiffe auf 40 Knoten in der Stunde steigern zu

können, während jetzt bei den schnellsten Dampfern etwa 21 Knoten als

Maximum gelten[177].

Gewaltig ist auch die +Größe der Oceandampfer+ gewachsen[178]. Die in

neuerer Zeit für die Hauptverkehrslinien erbauten Postdampfer haben

meist einen Gehalt von 4000-5000 t. Die zwischen Europa und Nordamerika

fahrenden englischen, französischen und deutschen Postdampfer gehen

selbst noch über 5000 t hinaus in ihrem Gehalte. Beispielsweise hat

die „Aller“, einer der Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd, einen

Brutto-Raumgehalt von 5380,7 t. Von den englischen Dampfern erreichen

„Austral“ 5589, „Amerika“ 5528, „Alaska“ 6932, „Aurania“ 7269,

„Servia“ 7342, „Umbria“ und „Etruria“ je 7718 Brutto-Tonnen. Die drei

letztgenannten Dampfer sind Eigentum der Cunard Steamship Company.

Ferner besitzt die ~Compagnie générale transatlantique~ Schiffe mit

einem Brutto-Gehalt von 6800 t.

Der größte Postdampfer der Welt ist dermalen die „+City of Rome+“. Sie

ist Eigentum der englischen Anchor-Linie, hat eine Länge von 560,2,

eine Breite von 52,3 und eine Tiefe von 37 englischen Fuß. Getrieben

wird das Schiff durch eine Schraube von 24 Fuß Durchmesser, und diese

erhält wiederum ihre Bewegung durch Dampfmaschinen von zusammen 10000

Pferdekraft. Der Raumgehalt des Schiffes beträgt 8144 Brutto-Tonnen. In

Bezug auf den +Netto+-Raumgehalt nimmt übrigens die City of Rome mit

3453 t unter allen Dampfern der Erde erst die zehnte Stelle ein; die

+erste+ Stelle behauptet in dieser Beziehung die der englischen Cunard

Steamship Company gehörige „+Aurania+“ mit 4030 t.

Dampfer wie die eben erwähnten sind in der That kleine schwimmende

Städte, die sogar mit Bezug auf die an Bord vorkommenden Geburten und

Todesfälle ihr eigenes +Standesamtsregister+ führen.

+Das größte Schiff, das überhaupt jemals konstruiert worden+, ist der

„+Great Eastern+“. Dieses Schiff, 1854-59 von dem Ingenieur +Brunel+

auf den Werften von Scott Russel & Komp. in Millwall an der Themse

erbaut, ist 679,6 englische Fuß lang, 82,8 Fuß breit, 31,6 Fuß tief

und hat einen Brutto-Raumgehalt von 18915 t. Die Motoren des Schiffes

sind Schaufelräder von dem kolossalen Durchmesser von 17 m und eine

aus vier Flügeln bestehende Schraube (mit 60 t Gewicht und 7⅓ m

Durchmesser), zu deren Betrieb 10 Dampfkessel mit 5 Schornsteinen und

112 Feuerstellen vorhanden sind. Die Radmaschinen allein entwickelten

einen Effekt von 1000, die Schraubenmaschinen einen solchen von 1600

Pferdekräften. Außer den Betriebsmaschinen hat das Schiff noch sechs

andere Maschinen zur Verrichtung einer Menge von einzelnen Arbeiten,

sowie einen vollständigen Apparat zur Beleuchtung aller Schiffsräume

mit Gas, und eine Telegraphenleitung vom mittlern Teile des Schiffes

nach beiden Enden hin, zu den Maschinenräumen und zu allen Stellen,

wohin die Anordnungen des Kapitäns gelangen müssen. In unbeladenem

Zustande ist das Schiff so geräumig, daß es in seinen vier übereinander

liegenden Verdecken 10000 Menschen fassen kann. Der Innenraum desselben

ist größer als der des Kölner Doms. An Feuerungsmaterial vermochte

der „Great Eastern“ 10000 t Kohle zu fassen, ein Quantum, das zu einer

Reise um die Erde ausreichen dürfte, da der tägliche Kohlenverbrauch

auf 360 t veranschlagt wird. Der +praktische+ Erfolg des Schiffes

war freilich kein großer. Der ursprünglich für 3000 Passagiere

eingerichtete Dampfer wurde bald nur zur Legung von Telegraphenkabeln

verwendet, und vor kurzem wurde derselbe um den geringen Betrag von

524000 Mark verkauft, um in Gibraltar als schwimmendes Kohlenlager

benutzt zu werden[179]. Auf dem Gebiete des +Kriegsschiffbaues+

sind dermalen die großartigsten Schöpfungen die italienischen

Schlachtschiffe „Italia“ und „Lepanto.“ Die Italia hat eine Länge

von fast 400,3 englischen Fuß, ist 74 Fuß breit und hat bei einem

Tiefgang von 27,8 Fuß ein Deplacement von 13680 t. Um diese gewaltige

Eisenmasse in Bewegung zu setzen, bedarf es vier getrennter Maschinen

zu je drei Cylindern; jede dieser Maschinen repräsentiert 4500

indizierte Pferdekräfte, so daß alle vier zusammen eine Leistungskraft

von 18000 Pferdekräften repräsentieren; es ist hierdurch möglich, dem

schwimmenden Ungetüm trotz seines enormen Gewichts in der Fortbewegung

eine Geschwindigkeit von 17 Knoten zu geben. An Kohlen führt das Schiff

bei normaler Ausrüstung nicht weniger als 1600 t, kann aber dieses

Quantum bei Hinzuziehung der Zellen im Deckgebälke auf 3680 t oder

73600 Ctr. erhöhen -- eine ganz fabelhafte Fracht.

Auch die Größe der +Segelschiffe+ ist, um dies nebenbei zu erwähnen,

zuweilen sehr bedeutend. Die zwei größten von den in Verwendung

stehenden sind „+Palgrave+“ und „+Three Brothers+“; ersteres hat

3112, letzteres 2936 Netto-Tonnen; beide sind Eigentum der britischen

Handelsmarine.

Die +Kosten+ solcher Seeriesen sind nun freilich auch ganz enorm.

So belief sich der Aufwand für den Schnelldampfer „Fulda“ des

Norddeutschen Lloyd auf 3380000 M. Das Prachtschiff „City of Rome“

kostete 6 Mill. M., und das Kriegsschiff „Lepanto“ verschlang mit

seiner vollständigen Ausrüstung volle 22 Mill. M.

Am besten veranschaulicht wohl dem Leser all die Fortschritte der

Nautik in technischer Beziehung die genauere Schilderung eines

speciellen Dampfers. Wir wählen hierzu einen der neuesten Dampfer des

Norddeutschen Lloyd, die „+Ems+“[180].

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 33 / 50 段