neuerer Zeit die +See-Uhren+ oder +Chronometer+. Zur Erfindung
derselben gab die englische Regierung die Veranlassung, welche
1714 einen Preis von 20000 Pfund Sterling (400000 Mark) demjenigen
aussetzte, der es verstünde, die Länge zur See bis auf ½° genau zu
bestimmen. Der Engländer +Henry Sully+ (geb. 1679, gest. 1728 in
Paris) beschäftigte sich schon seit seiner frühesten Jugend mit der
Lösung des Längenproblems und brachte 1724 auch eine Marine-Uhr zu
stande; sie bewährte sich jedoch nicht bei den Versuchen zur See;
erst +John Harrison+, der ursprünglich Zimmermann war und sich später
als vollständiger Autodidakt mit der Uhrmacherei beschäftigte, hat
1728 die Aufgabe in vollendeterer Weise gelöst und ist daher als der
eigentliche Erfinder der Chronometer zu betrachten. Von der englischen
Regierung erhielt er 10000 Pfund als Belohnung, unter der Bedingung,
daß er seine Uhr genau beschreibe, was er in der Schrift „~Principles
of time-keeper~“ auch that. Die +heutigen+ Uhrmacher haben die
Chronometer durch unendlichen Aufwand von Kunst und Scharfsinn
zu solcher Vollkommenheit gebracht, daß jenes alte Ideal mit ½°
Ungewißheit bedeutend überholt ist. Trotz dieser großen Fortschritte
bildet die Chronometrie auch heute noch einen Teil der Nautik, der
sowohl durch die Wissenschaft wie durch die Mechanik gefördert werden
kann. -- Die Zuverlässigkeit des Chronometers beruht vor allem auf
dessen sorgfältiger Behandlung und Aufbewahrung; übrigens gewährt +ein+
Chronometer allein nicht immer die genügende Sicherheit, weshalb auf
Kriegsschiffen gewöhnlich +drei+ mitgeführt werden.
7. +Barometer, Thermometer.+ Was zunächst das +Barometer+ betrifft, so
ist es besonders in solchen Gegenden höchst notwendig, die von Orkanen
und Wirbelstürmen heimgesucht werden; denn der jeweilige Stand des
Barometers ist hier für die Maßnahmen des Schiffskapitäns von größter
Wichtigkeit. Auf Kriegsschiffen werden Quecksilberbarometer, von denen
sich die bei weitem größte Zahl auf die +Torricellische+ Röhre gründet,
und Aneroidbarometer, deren Erfindung in ihrer Form von einem Franzosen
+Vidi+ (1844) herrührt, verwendet. -- Das +Thermometer+ verrät in
Meeresgegenden, die in undurchdringliche Nebel gehüllt sind, oft einzig
und allein die Nähe eines gefahrdrohenden Eisberges.
8. +Zeitball.+ Zur Kontrolle des Standes und Ganges der Chronometer
dienen die +Zeitbälle+. Es sind das schwarze, ballonähnliche Körper
von 1-2 m Durchmesser, die weithin sichtbar an Masten angebracht sind,
genau zu einer bestimmten Normalzeit herabgleiten und hierdurch den
Seefahrern ein Mittel zur Berichtigung ihrer Uhren bieten. Ein solcher
Zeitballapparat steht mit einer Sternwarte in elektrischer Verbindung,
wo in der Regel eine Normaluhr durch Schließung oder Öffnung des
elektrischen Stromes in dem betreffenden Augenblick die Auslösung
eines Sperrhakens vermittelt, der den Ballon bis dahin auf der Höhe
des Mastes festhielt. Der erste Zeitball wurde 1833 in Greenwich
eingerichtet; seitdem haben viele Hafenplätze derartige Apparate.
9. +Fern- und Sprachrohr.+ In der Reihe der Instrumente, die dem
Seemann nicht fehlen dürfen, sind endlich noch das +Fern+- und
+Sprachrohr+ zu erwähnen.
IV. Seekarten[169].
Zu den wichtigsten nautischen Hilfsmitteln zählen neben den
seemännischen Instrumenten auch die +Seekarten+; es ist das dermalen
in um so höherem Grade der Fall, als die nautische Kartographie in den
letzten Jahrzehnten ganz enorme Fortschritte gemacht hat.
Die Seekarten, deren man sich jetzt allgemein bedient, sind nach
+Mercators+ (s. S. 305) System; sie weichen ihrer Konstruktion nach
von den Landkarten dadurch ab, daß die Meridiane alle parallel
miteinander laufen und von den Breitenparallelen im rechten Winkel
durchschnitten sind. Man nennt sie +wachsende Karten+. Die Längengrade
in ihnen sind auf allen Breiten einander gleich, also nach den
Polen hin zu groß; dafür aber sind die Meridiane nach den Polen hin
verlängert, so daß die parallelen der Breite immer weitere Abstände
voneinander erhalten, daher der Name „+wachsende Karten+“. Diese
Verlängerung der Paralleldistanzen ist jedoch derart vorgesehen, daß
das wahre Verhältnis zwischen den Längen- und Breitengraden überall
gewahrt bleibt. -- Die wachsenden Karten bieten den Vorteil, daß die
loxodromischen Linien, d. h. die schiefen Linien der Schiffskurse,
einen gleichen Winkel mit allen Meridianen bilden, die von denselben
durchschnitten werden, wodurch die Schiffsrechnung (Besteck) bedeutend
vereinfacht wurde. -- In neuester Zeit wurden die Seekarten durch die
mannigfachen wissenschaftlichen Expeditionen und die aufopfernden
Bestrebungen einzelner bedeutend vervollkommnet, so daß eine moderne
Seekarte in der That eine Fülle von Material dem betrachtenden
Auge darbietet; man ersieht da nicht nur die Inseln und sichtbaren
Felsen, sondern auch die verborgenen Riffe, Klippen und Sandbänke,
die örtliche Tiefe des Wassers in Faden oder Metern, den Ankergrund,
die Strömungen, die Zeit des Hochwassers am Neu- und Vollmondstage
an verschiedenen Punkten, die Leuchttürme, Seezeichen und Baken, die
Fluß- und Hafenmündungen, die Leuchtschiffe und Tonnen zur Bezeichnung
der Untiefen, die Mißweisung des Kompasses etc. Auch Windrosen sind
an verschiedenen Stellen der Karte angebracht, um mit ihrer Hilfe
schnell den innegehaltenen Kurs des Schiffes bezeichnen zu können.
Endlich finden sich oft auch die besten von einem Hafen zum andern
führenden Wege als Linien eingezeichnet. Ferner verdient ganz besonders
hervorgehoben zu werden, daß in jüngster Zeit fast alle kultivierten
Staaten von ihren Küsten genaue und zuverlässige Aufnahmen veranlaßten.
In den unkultivierten Erdteilen haben sich wiederum die am meisten
beteiligten Handelsnationen den Küstenvermessungen unterzogen.
Hervorragende Verdienste um die nautische Kartographie erwarb sich
der Nordamerikaner +Maury+ († 1874). Welchen Nutzen derselbe durch
seine Wind- und Stromkarten, sowie durch seine Segelanweisungen der
Schiffahrt gewährt hat, ist kaum zu berechnen. Mit den Spurkarten an
der Hand wird jede Reise schneller zurückgelegt, da diese Karten für
alle Monate des Jahres die kürzeste einzuschlagende Route auf Grund der
durch reiche Erfahrungen gesammelten Kenntnisse über herrschende Winde
und Strömungen angeben. „Solange daher die oceanischen Strömungen das
Meer durchfurchen und die Winde den Luftraum durcheilen werden, solange
wird der Ruhm des verewigten Seemannes bleiben.“
V. Hydrographische Institute.
+Deutsche Seewarte.+
Anstalten, welche im Dienst einzelner seemännischer Hilfswissenschaften
stehen, besitzen die größeren Seestaaten zum Teil schon seit
Jahren. Die größte praktische Bedeutung hat unter ihnen das
National-Observatorium in Washington gewonnen, welches unter Maury
zum erstenmal das bis dahin bekannt gewordene meteorologische und
hydrographische Beobachtungsmaterial in umfassender Weise zur
Vorzeichnung von Seewegen für alle möglichen Reisen ausbeutete. Um
ähnliche Anstalten haben sich +Fitz-Roy+ in England, +Buys Ballot+
in den Niederlanden verdient gemacht. Auch in Deutschland war durch
+v. Freeden+ im Jahre 1867 zu Hamburg die „Norddeutsche Seewarte“
gegründet worden, aber erst durch kaiserliche Verordnung vom Januar
1875 wurde eine Anstalt ins Leben gerufen, welche für sämtliche Zweige
der seemännischen Wissenschaften und die zugehörige Technik, mit
Ausnahme der dem hydrographischen Amte der Admiralität anvertrauten
Kartenzeichnung, sowohl selber eine Pflegestätte, als auch ein zwischen
der Schiffahrt und ihren Hilfswissenschaften vermittelndes Organ
sein sollte. Diese Anstalt ist die +Deutsche Seewarte zu Hamburg+,
eines der hervorragendsten Institute des Deutschen Reichs. Indem wir
im folgenden die Organisation dieser großartigen Anstalt des nähern
darlegen, glauben wir unsere Leser zugleich über Zweck und Aufgabe der
hydrographischen Institute überhaupt am besten zu orientieren. Wir
folgen hierbei der ausgezeichneten Arbeit +Nees’ von Esenbeck+, die
derselbe über die deutsche Seewarte im elften Jahrgang der „Deutschen
Rundschau“ veröffentlichte.
Die deutsche Seewarte zu Hamburg gliedert sich in vier Abteilungen:
Abteilung I: Maritime Meteorologie.
Abteilung II: Beschaffung und Prüfung der Instrumente (Chronometer
ausgenommen), schiffsmagnetische Arbeiten, Verwaltung der
Instrumenten-Sammlung.
Abteilung III: Witterungskunde, Küstenmeteorologie, Sturmwarnungswesen.
Abteilung IV: Chronometer-Prüfung.
In dienstlicher Hinsicht steht die Seewarte unter der Admiralität,
unterhält jedoch den vielseitigsten selbständigen Schriftverkehr mit
deutschen und ausländischen wissenschaftlichen Anstalten.
=Abteilung I.=
+Aufgabe der Abteilung I ist die Sammlung und Verwertung der
meteorologischen Beobachtungen.+ Die Sammlung derselben erfolgt auf
Grund eines an die Schiffsführer ausgegebenen Journals, welches
nicht nur die Anstellung bestimmter Beobachtungen zu bestimmten
Zeiten sichert, sondern durch die Frage nach den Korrektionen der
benutzten Instrumente dem Eindringen der gefährlichen unzuverlässigen
Beobachtungen in die Rechnung steuert. Das Journal schreibt für
sechs bestimmte Tageszeiten einen Beobachtungssatz vor, bestehend
in Angabe der Zeit, des Ortes, des Kurses, des Windes nach Richtung
und Stärke, des Barometer-, Thermometer-, Psychrometer-Standes, der
Wolkenbildung, des Wetters (ob Regen u. s. w.), des specifischen
Gewichts und der Temperatur des Wassers, der Strömungen, des Aussehens
der Meeresoberfläche. Solcher Journale wurden von der Seewarte und
ihren Nebenstellen in den sechs Jahren von 1875 bis 1881 über 1400
ausgegeben, abgesehen von den durch die dazu angewiesenen deutschen
Konsulate der Hauptwelthäfen verliehenen, sowie den ganz gleich
geführten Journalen der Kriegsmarine. Bereits Ende des Jahres 1879
wurde das Journal von rund dreihundert deutschen Kauffahrteischiffen
geführt.
Zur Gewinnung und Heranziehung guter Beobachter wird den
Schiffsführern, welche sich zur Anstellung der Beobachtungen bereit
erklären, unentgeltlich die ausgedehnteste Unterstützung seitens der
Seewarte zu teil, bestehend in Untersuchung der Schiffsinstrumente
und Chronometer, Raterteilung in Bezug auf Seewege, Gebrauch der
Bibliothek, Mitteilung von Schriften und anderem mehr. Außerdem ist
für solche Schiffsführer, welche sich im Dienst der Seewarte besonders
auszeichnen, eine in Instrumenten oder wissenschaftlichen Büchern
bestehende Prämie ausgesetzt worden.
Die an Bord benutzten Instrumente werden vor Beginn und womöglich
auch am Schluß der Seereisen mit den Normalinstrumenten der Anstalt
verglichen und die Korrektionen in das Journal eingetragen. Es liegt in
der Absicht, die Beobachtungen an Bord künftig nur mit von der Seewarte
zu entleihenden Instrumenten machen zu lassen -- ein Ziel, dem nur
langsam, in dem Maße, als die alten Instrumente abgenutzt werden, näher
zu kommen ist. Ende 1880 waren z. B. 131 Barometer, 652 Thermometer aus
den Beständen der Seewarte verliehen.
Um auch eine korrekte, den Einrichtungen der Instrumente, sowie den
internationalen Abmachungen entsprechende Ablesung und Beobachtung
zu sichern, wird den Schiffsführern bei Empfang der Journale eine
Unterweisung erteilt, welche sich einer dem Journal beigefügten
Instruktion anschließt und insbesondere auch die Anbringung der
Instrumente berücksichtigt -- ein Punkt, in dem vielfach gefehlt
worden ist; so dürfen gerade die bequemsten Plätze, in der Nähe von
Deckfenstern und Niedergängen, wo die Instrumente vor Stößen am
sichersten sind, wegen der durch die Schiffsluft bewirkten Störungen
nicht gewählt werden.
Obgleich in solcher Weise fehlerhafte Beobachtungen möglichst
ausgeschlossen werden, sind die Angaben der einlaufenden Journale
doch von sehr verschiedenem wissenschaftlichem Wert. Es werden
daher die Journale bei ihrem Eintreffen nach Maßgabe einer Reihe von
vorgeschriebenen Fragen in Betreff ihrer Zuverlässigkeit abgeschätzt
und erhalten je nach dem Ausfall eine der Qualitätsnoten 1-5, von denen
5 soviel wie „unbrauchbar“ bedeutet. Von 405 Segelschiffsjournalen,
welche in der Zeit von 1875 bis 1879 eingingen, erhielten in runden
Zahlen: 4% die Note 1, 26% die Note 2, 52% die Note 3, 17% die Note 4
und 1% die Note 5.
Seit dem Bestehen der Seewarte ist bereits eine bedeutende Verbesserung
wahrzunehmen; unter den vor dieser Zeit eingelaufenen Journalen
befanden sich 58% von den Qualitätsnoten 1, 2 und 3, 37% von Note 4, 5%
von Note 5, während nachher die Sätze 81%, 18%, 1% lauten.
Was die Verwertung der Beobachtungen betrifft, so sind praktische und
wissenschaftliche Zwecke zu unterscheiden. Unmittelbar praktischen
Wert haben die größtenteils aus den Bemerkungen der Journale
zusammengestellten Reiseberichte, welche unter dem Namen „Auszüge
aus eingelieferten Schiffsjournalen“ in den vom hydrographischen Amt
herausgegebenen „Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie“
erscheinen. Diese Aufsätze werden auch als Sonderabzüge herausgegeben
und erfüllen, jahrgangsweise geordnet, einen ähnlichen Zweck wie die
systematischer verfaßten Segelhandbücher. Eine besondere Verwendung
finden zweitens die aus dem Nordatlantischen Ocean stammenden
Beobachtungen, indem dieselben zur Herstellung des Abschnitts
„Atmosphärische Vorgänge über dem Atlantischen Ocean“ in der von der
Seewarte herausgegebenen Monatsschrift „Monatliche Übersicht der
Witterung“ dienen. Hierzu gehören die den Witterungszustand für acht
Uhr morgens angebenden synoptischen Karten, d. h. Karten, welche
den gleichzeitigen Zustand der Atmosphäre über dem Gebiet der Karte
angeben. Da die hierfür erforderlichen Beobachtungen zum größten Teil
von den Dampfern der deutsch-amerikanischen Gesellschaften geliefert
werden, daher sehr schleunig und regelmäßig einlaufen, haben die
„Monatlichen Übersichten“ einen besondern Wert für die Berechnung der
Ankunftszeiten der im Nordatlantischen Ocean unterwegs befindlichen
Segelschiffe.
Wir kommen zu derjenigen Verwertung der Journale, welche das Hauptziel
der ganzen Arbeit darstellt und neben ihrem praktischen Nutzen auch
eine hervorragende wissenschaftliche Bedeutung hat. Es ist die
Diskussion der Beobachtungen für denjenigen Teil des Meeres, welchen
bei der internationalen Verteilung des meteorologischen Gebietes
Deutschland übernommen hat, nämlich für den Atlantischen Ocean östlich
von 30° w. L. und zwischen 50° und 20° n. Br. An eine endgültige
Zusammenstellung des Beobachtungsmaterials kann erst bei einem Stande
der Sammlung gedacht werden, welcher die Wahrscheinlichkeit bald
erforderlich werdender Veränderungen ausschließt. Auf diesem Stande
jedoch ist die Arbeit noch nicht angelangt, und zwar in Deutschland
hauptsächlich deshalb, weil das Londoner ~Meteorological Office~
auf den Austausch der beiderseitigen Beobachtungen bis jetzt
nicht eingegangen ist. Wohl aber erfolgt der Austausch zwischen
der deutschen Seewarte und dem holländischen meteorologischen
Institut. Beide Anstalten haben sich auch über eine Form der
vorläufigen Veröffentlichung geeinigt, welche eine Benutzung des
vorhandenen Beobachtungsstoffs, sowie eine bequeme Eintragung des neu
hinzukommenden gestattet.
Eine fernere Aufgabe der Abteilung I ist die Herstellung von
Segelhandbüchern. Ein solches für den Atlantischen Ocean, zu welchem
ein die physikalischen Verhältnisse und Verkehrsstraßen darstellender
Atlas gehört, ist bereits erschienen, andere Handbücher sind in Arbeit.
=Abteilung II.=
Eine der wichtigsten Aufgaben der Abteilung II ist die +Prüfung der
nautischen Instrumente+. Dieselbe erstreckt sich auf die Vergleichung
mit den der Seewarte gehörenden Normalinstrumenten (bei den Barometern,
Thermometern, Psychrometern, Aräometern), auf die Bestimmung der Fehler
bei den Winkelmaßinstrumenten (Sextanten, Oktanten, Spiegelkreisen),
auf die Feststellung der magnetischen Kraft bei den Kompassen und den
Magnetometern.
Diese Untersuchung der Instrumente kommt ebensowohl der deutschen
Instrumententechnik, wie auch der Schiffahrt unmittelbar zu gute.
So hat die Seewarte durch ihren Verkehr mit den Instrumentenmachern
einerseits und den seemännischen Kreisen andererseits die Einbürgerung
+deutscher+ Instrumente auch in der Kauffahrtei-Schiffahrt erfolgreich
angebahnt. Dank ihren Bemühungen wird es auch, wenigstens in Hamburg,
mehr und mehr Regel, daß Instrumente von den Reedern nach oder vor
dem Ankauf und selbst von den Instrumentenmachern ihr zur Prüfung
zugeschickt werden.
Dieser Abteilung ist auch die Führung der schon oben besprochenen
+Deviationsbücher+ zugeteilt.
Der Abteilung II liegt ferner die Aufsicht über die
Instrumenten-Sammlung ob. Obgleich die Seewarte nur meteorologische
Instrumente, welche den Schiffen für die Dauer der Reise geliehen
werden, in größerer Anzahl selber beschafft, muß doch die Anstalt
allen übrigen nautischen Instrumenten ihre Aufmerksamkeit zuwenden,
um für Beschaffung und Gebrauch derselben den Seeleuten und Reedern
Rat und Unterweisung erteilen zu können. Bei der Menge der alljährlich
auftauchenden Erfindungen kann das Urteil, welches Instrument jeder
Gattung im Augenblick das beste ist, nur dann ein zuverlässiges sein,
wenn es sich auf die Anschauung einer fortdauernd ergänzten Sammlung
stützt. Eine solche Sammlung von Instrumenten zu meteorologischen,
magnetischen, hydrographischen Beobachtungen, von Chronometern und
Uhren ist daher in Bildung begriffen.
Fügen wir noch hinzu, daß die meteorologischen Beobachtungen der
Seewarte, als einzelner meteorologischer Station, von dieser Abteilung
angestellt werden, so ist damit die Aufgabe der Abteilung II erschöpft.
=Abteilung III.=
Dieser Abteilung obliegt die +Pflege der Witterungskunde+, der
+Küstenmeteorologie+ und des +Sturmwarnungswesens+. Bei der großen
Bedeutung dieser Materie ist es wohl gestattet, etwas näher auf die
Sache einzugehen[170].
Was vorerst das +Material+ betrifft, welches für die Pflege der
Witterungskunde auf der deutschen Seewarte zusammenfließt, so hat
dasselbe durch die Bemühungen der Seewarte sich im Laufe der Zeit
bedeutend vermehrt und jetzt einen sehr ansehnlichen Umfang erreicht.
Gegenwärtig erstreckt sich das Gebiet, von welchem die Seewarte täglich
Telegramme erhält, von West-Irland bis zur Linie Archangelsk-Charkow
und von Bodö im arktischen Norwegen südwärts bis zur Südspitze
Italiens, so daß im Laufe des Vormittags aus dem Inlande von etwa 30,
aus dem Auslande von etwa 70, also zusammen von ungefähr 100 Stationen
Wettertelegramme einlaufen.
Sofort nach ihrem Eingange werden die Telegramme bearbeitet, und
zwar werden dieselben entziffert, in die dazu bestimmten Formulare
und Karten eingetragen und gleichzeitig die Wetterberichte für die
Zeitungen, Häfen, Institute u. s. w. ausgearbeitet und die Wetterkarten
für den Druck vorbereitet.
Das Eintragen der Beobachtungsdaten in die Karten geschieht auf
folgende Weise. Die zu diesem Zweck verwendeten Karten (Skelettkarten)
enthalten außer Gradnetz und Küstenumriß eine große Anzahl kleiner
Kreise, welche die Stationsorte angeben. Neben diesen wird zunächst
der (auf 0° C. und das Meeresniveau reduzierte) Barometerstand der
betreffenden Station eingetragen, dann die Windrichtung durch einen
kleinen Pfeil angegeben, so daß dieser mit dem Winde fliegt, und die
Windstärke durch angehängte Federn bezeichnet. Bei Windstille wird um
den Stationskreis noch ein zweiter Kreis gelegt. Die Bewölkung wird
durch die Ausfüllung der Kreise veranschaulicht. Die im Momente der
Beobachtung stattfindenden Hydrometeore werden durch internationale
Zeichen neben die Stationsorte gesetzt (siehe Fig. 131).
Die Temperaturen werden ohne Rücksicht auf die Seehöhen der Stationen
(die Temperatur nimmt nämlich mit der Zunahme der Seehöhe um ungefähr
1° auf 200 m im Durchschnitt ab) neben der Station eingetragen, und
gleichzeitig werden auf der Karte die Hydrometeore und die gefallenen
Niederschlagsmengen der letzten 24 Stunden eingezeichnet.
Hieraus geht hervor, daß das so gewonnene Kartenmaterial ein
umfassendes und sehr anschauliches Bild der gesamten Wetterlage und
ihrer Änderungen enthält.
+Die tägliche Berichterstattung der Seewarte an das Publikum+ erfolgt
sowohl +telegraphisch+ wie durch die +Post+.
[Illustration: Fig. 131. Wetterkärtchen.]
Die +telegraphische+ Berichterstattung umfaßt:
1. die Hafentelegramme,
2. die telegraphischen Abonnementsberichte für die Zeitungen etc.,
3. besondere tägliche Mitteilungen für Zeitungen und an Private in
kürzeren, vollbezahlten Telegrammen und
4. die Telegramme zur Konstruktion von Wetterkarten außerhalb Hamburgs
(Isobarentelegramme).
Die +Berichterstattung der Seewarte durch die Post+ erfolgt durch
autographierte Wetterberichte, welche die Seewarte als eigene
Publikation herausgiebt, und welche die dieser zur Verfügung stehenden
Daten am vollständigsten und vielseitigsten wiedergeben.
Mit dem 1. September 1876 wurde in dem autographierten Wetterbericht
eine ständige Rubrik mit der Bezeichnung: „+Witterungs-Aussichten+“
am Fuße der Wetterkarten eingefügt und diese Rubrik allmählich
weiter ausgebildet. Die verhältnismäßig günstigen Erfolge, welche
mit diesen Wetter-Vorhersagungen erzielt wurden, veranlaßten die
Seewarte, im Sommer des Jahres 1877 einen Schritt weiter zu thun und
die Vorhersagungen auch telegraphisch an Zeitungen u. s. w. abzugeben.
Diese telegraphische Herausgabe wurde indes im Sommer 1884 wieder
eingestellt.
Die von der Seewarte ausgegebenen Wetter-Vorhersagungen werden auf ihre
Treffsicherheit einer strengen Prüfung unterworfen, wobei man die in
denselben enthaltenen Elemente in drei Gruppen einteilt, und zwar: in
Treffer, Halbtreffer und Mißerfolge. Von den Halbtreffern wird sodann
noch die Hälfte den Treffern und die andere Hälfte den Mißerfolgen
hinzugefügt. Auf diese Weise ergiebt sich für die Jahre von 1877-1882
folgende Zusammenstellung der Ergebnisse an vollen Treffern der für das
nordwestdeutsche Küstengebiet aufgestellten Vorhersagungen, wie sie in
den Zeitungen Hamburgs und der Umgegend zum Abdruck gekommen sind.
Jahr. Wetter. Wind. Temperatur. Übersicht.
1878 80 % 81 % 82 % 81 %
1879 77 „ 81 „ 77 „ 78 „
1880 82 „ 82 „ 80 „ 81 „
1881 81 „ 85 „ 84 „ 83 „
1882 79 „ 77 „ 77 „ 78 „
---------------------------------------------------------
Mittel 80 % 81 % 80 % 80 %
Es dürfte nicht zweifelhaft sein, daß diese Wetter-Vorhersagungen mit
durchschnittlich 80 % Treffern, die sich ziemlich gleichmäßig auf alle
Monate des Jahres verteilen, wohl im stande sind, dem praktischen
Leben, besonders aber der Landwirtschaft, erhebliche Dienste zu leisten.