eine brandende Wassermauer von mehreren Metern Höhe stromaufwärts
läuft. Das Gefälle des Flusses wird dadurch vermindert, ja häufig
wird seine Strömung völlig zum Stillstand gebracht. Natürlich ist
dieses Phänomen nur bei oceanischen Flüssen von Bedeutung. So dringt
die Flutwelle in der Weser 67, in der Elbe 148, in den Hauptarmen
des Ganges ca. 250, im Amazonas sogar 320 km flußaufwärts. Ihr
Endpunkt ist die +eigentliche Grenze von Land und Meer+. -- Daß die
Kenntnis dieser Verhältnisse für die Schiffahrt von großer Bedeutung
ist, liegt auf der Hand; denn soweit die Flut einen Fluß aufwärts
zieht, soweit vermögen auch die großen +Seeschiffe+ einzudringen.
An diesen Endpunkten des Flutstroms entwickelten sich deshalb
auch zahlreiche bedeutende Handelsstädte. -- Den Zeitunterschied
zwischen der Kulmination des Mondes und dem wirklichen Eintreffen des
Hochwassers nennt man +Hafenzeit+. Sie ist für verschiedene Punkte
eine verschiedene. Namentlich bewirken Untiefen des Meeres, daß selbst
sehr nahe gelegene Häfen von den Flutwellen zu sehr verschiedener Zeit
erreicht werden. -- Linien, welche die Orte mit gleicher Hafenzeit
verbinden, heißen +Isorachien+[164] (auch ~cotidal lines~). Karten mit
solchen Linien (bezogen auf den Meridian von Greenwich) konstruierte
zuerst der Engländer +Whewell+. Diese Linien stimmen zwar mit den
beobachteten Hafenzeiten an den Küsten überein, aber ihre Verlängerung
in das Meer hinaus ist lediglich ein Phantasiegemälde. Nach dieser
Darstellung trifft z. B. an der Themsemündung die Flut 11^h nach dem
Meridiandurchgang in Greenwich ein. Es ist klar, daß auch die Kenntnis
der Hafenzeit dem Seefahrer unerläßlich ist.
Die Bewegung der Ebbe und Flut erfordert zu ihrer Hervorbringung
eine Kraft, die ganz ungeheuer ist. Nimmt man, sagt +Klein+, die
Höhe der Flut nur zu 1 Fuß an, so ergiebt sich, daß im Laufe eines
jeden Tages eine Wassermasse von 120 Kubikmeilen um die Erde bewegt
wird. Bedenkt man nun, daß das größte Bauwerk der Menschen, die große
ägyptische Pyramide, etwa den millionsten Teil von +einer+ Kubikmeile
beträgt, so erhält man wenigstens eine Ahnung von der enormen
Arbeitsleistung. Vielleicht kommt man noch darauf zurück, die in den
Flutwellen liegenden ungeheuren Kraftquellen auch zu mechanischen
Zwecken zu verwenden. -- Die Erscheinung der Flut spielt auch noch
eine wichtige Rolle in der Physik der Erde. Da sich nämlich die Erde
von West nach Ost um ihre Achse dreht, während die Flutwellen die
direkt entgegengesetzte Bewegung haben, so muß die durch die Strömung
der Gewässer bewirkte Reibung und insbesondere der Druck, den die
Flutwellen gegen die festen Rindenteile der Erde, die Kontinente,
ausüben, die Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde vermindern, respektive
die Gesamtdauer von Tag und Nacht verlängern. Die Verlangsamung ist
übrigens praktisch nur eine sehr geringe; sie beträgt im Laufe
mehrerer hunderttausend Jahre kaum +eine+ Sekunde.
[Illustration: Fig. 118. Isorachien.]
Endlich verdient wohl noch Erwähnung, daß alle barbarischen
Küstenvölker eine Theorie von Ebbe und Flut in ihren symbolischen
Dichtungen aufstellten. Die skandinavischen Sagas stellen Thor, den
Gott der Luftgewalten, dar, wie er aus einem Horne, das in die Tiefen
des Oceans taucht, das Wasser aufsaugt und mit seinem gewaltigen
Atem die Fluten abwechselnd sich heben und senken macht. Noch im 17.
Jahrhundert meinte +Fournier+, daß Ebbe und Flut etwas Ähnliches
seien, wie das Fieber im menschlichen Körper. Selbst der geniale
+Kepler+ glaubte, die Erde sei ein mit Vernunft begabtes Untier, dessen
Respiration, Schlaf und Erwachen, die Ebbe wie die Flut hervorbringe.
Wir gehen über zu den +Meeresströmungen+. Die +bedeutendsten+ derselben
sind folgende: Aus dem +Nördlichen Eismeere+ kommt der +Polarstrom+
oder die +arktische Strömung+; sie geht zwischen Grönland und Island in
den Nordatlantischen Ocean, wendet sich dann zurück gegen Norden in die
Davisstraße und, vereinigt mit der Strömung der Hudsonsbai, abermals
gegen Süden nach Neufundland; hier begegnet sie dem aus der Straße von
Florida kommenden und die Ostküste Nordamerikas begleitenden Golfstrom.
-- Aus dem +Südlichen Eismeere+ zieht die +antarktische Strömung+ ohne
Widerstand bis zur Südspitze Amerikas und teilt sich hier in zwei
Arme, von denen der eine der Richtung der Südwestküste Amerikas nach
Norden folgt und der +Peruanische Strom+ oder die +Humboldts-Strömung+
heißt, der andere Arm aber um das Kap Hoorn herumbiegt und sich
ebenfalls nach Norden in den Atlantischen Ocean wendet. -- Auch an der
Südspitze Afrikas geht eine Abzweigung der antarktischen Strömung an
der Westküste Afrikas -- als +Westafrikanischer Strom+ -- gegen Norden.
[Illustration: Fig. 119. Meeresströmungen. Die Pfeile deuten die
Richtung der Ströme an, die +warmen+ Ströme sind durch die ganzen
Linien, die +kalten Polarströme+ durch die punktierten Linien
angedeutet.]
Den +Atlantischen Ocean+ durchschneidet längs des Äquators von
Ost nach West der warme +Äquatorialstrom+; er teilt sich an der
äußersten Ostspitze Südamerikas (Kap S. Roque) in zwei Arme: einen
+südlichen+, die +Brasilianische Strömung+, und einen nördlichen,
den +Guyana-Strom+, der durch die Karibische See in den +Golf+ von
+Mejico+ geht, aus welchem er durch den Kanal von Florida als sogen.
+Golf+strom heraustritt; dieser begleitet dann die Küste Nordamerikas,
bis ihm bei Neufundland eine +kalte+ Polarströmung (die arktische oder
Labrador-Strömung) entgegentritt, wodurch er sich teils gegen Nordosten
wendet und bis ins Nördliche Eismeer vordringt, teils gegen Südosten
der Küste Afrikas zugeht als +Nordafrikanische Strömung+. -- Innerhalb
des großen nordatlantischen Stromwirbels liegt eine ruhige See, welche
schwimmende Tangmassen vom Sargassumgeschlecht bedecken, und die unter
der stark übertriebenen Bezeichnung Sargasso+meer+ bekannt ist. --
Charakteristisch für den Golfstrom ist die schöne +blaue Farbe+ seines
Wassers, die sich scharf gegen die Ränder hin abgrenzt; besonders
merkwürdig aber ist er durch die +hohe+ (bis 24°) +Temperatur+ seiner
Gewässer, wodurch er sehr wohlthätig auf das Klima von Nordwesteuropa
einwirkt. Doch ist seine Bedeutung in dieser Beziehung bisher ohne
Zweifel überschätzt worden. An der beträchtlichen Temperaturerhöhung
des genannten Gebietes sind wohl weit mehr die aus den tropischen
Gegenden langsam nach Nordost fließenden Oberflächenwasser beteiligt.
-- Der Golfstrom bildet auch die Bahn +mächtiger Wirbelstürme+, weshalb
ihn der Seemann gerne den „Sturmkönig“ nennt.
Was die Strömungen des +Indischen Oceans+ betrifft, so wechseln
dieselben im +nördlichen Teile+ halbjährig ihre Richtung nach den
Monsuns. Im +südlichen Teil+ herrscht eine +beständige Strömung+ des
warmen Wassers dieses Oceans nach Südwest gegen Afrika, durch dessen
Ostküste sie gegen Süden in den Kanal von Mozambique und nach dem
Vorgebirge der guten Hoffnung gedrängt wird; sie geht aber nicht in den
Atlantischen Ocean, sondern biegt hier um und geht wieder nach Osten
zurück.
Dem +Großen Ocean+ strömt von Süden her eine Strömung kalten Wassers
zu, die schon genannte +Peruanische+ oder +Humboldts-Strömung+ an der
Westküste Südamerikas; ebenso mündet in denselben aus dem Nördlichen
Eismeere ein Strom kalten Wassers. -- Zwischen den Wendekreisen strömt
die warme +Äquatorialströmung+ westwärts nach Australien und zur
hinterindischen Inselwelt. Bei letzterer beginnt eine nordöstliche
Strömung, welche durchaus dem Golfstrom des Atlantischen Oceans
entspricht. Es ist der +Kuro Siwo+ der Japaner, d. h. Schwarzer Strom,
der den äußersten Saum der ostasiatischen Inselreihen begleitet, an
den Küsten Nordamerikas umbiegt, um sich dann wieder mit der großen
Äquatorialströmung zu vereinigen. Ihm verdanken die Alëuten und
Kamtschatka ebenso ihr milderes Klima, wie das nördliche Skandinavien
dem Golfstrome. Ein anderer Teil der Äquatorialströmung fließt an der
Ostküste von Australien nach Süden. -- In der Äquatorialregion ist
ferner (wie auch im Atlantischen Ocean) eine rücklaufende, von West
nach Ost gerichtete Strömung bemerkbar. -- Wie das nordatlantische
Becken, zeigt auch der Nordpacifische Ocean eine Kreisströmung, in
deren Mitte sich eine ruhige Meeresfläche befindet, die gleichfalls
von Seetang bedeckt ist. -- Als die +wichtigste Ursache+ der
Meeresströmungen gelten die +Winde+. Es geht dies hervor aus der großen
Übereinstimmung zwischen vorherrschenden Winden und vorherrschenden
Oberflächenströmungen der Meere. Der Richtung der Passate entsprechen
z. B. die großen äquatorialen, von Ost nach West gerichteten Ströme.
Die Strömungen des Indischen Oceans stimmen mit den Monsuns überein.
Außerdem kommen noch in Betracht: +Ungleiches Meeresniveau+,
verursacht durch beträchtliche Unterschiede in der Verdunstung des
Wassers und der Regenmenge; so ergießen sich in das so ungemein stark
verdampfende Mittelmeer vom Atlantischen Ocean wie vom Schwarzen Meere
her Strömungen zur Ausgleichung der so erzeugten Niveau-Differenz;
ferner +Unterschiede+ in +der Temperatur sowie im Salzgehalte und
dadurch bedingte Ungleichheit des specifischen Gewichtes+. So fließt
das schwere kalte Polarwasser in der Tiefe von den Polen zum Äquator
und das leichte warme Wasser der Tropenmeere an der Oberfläche vom
Äquator zu den Polen. -- Auf die +Richtung+ der Meeresströmungen ist
von wesentlichem Einfluß die +Rotation der Erde+. Jeder Meeresstrom
nämlich, welcher aus höheren Breiten in niedrigere vordringt, muß, weil
er aus Gegenden geringerer Rotationsgeschwindigkeit in solche größerer
Rotationsgeschwindigkeit eindringt, zurückbleiben und wird daher in
+westlicher+ Richtung abgelenkt; jeder Meeresstrom dagegen, welcher aus
niedrigen in höhere Breiten vordringt, wird aus dem entgegengesetzten
Grunde in +östlicher+ Richtung abgelenkt. -- Die +Bedeutung+ der
Meeresströmungen ist eine mannigfache. Sie sind von großer Wichtigkeit
zunächst für das +Klima+, so der Golfstrom und der Kuro Siwo;
auch für die +Verbreitung von Organismen+. Es ist z. B. ziemlich
wahrscheinlich, daß die Kokospalme von den Küsten Amerikas durch
die Äquatorialströmung des Stillen Oceans bis nach Ceylon gekommen
ist; ferner für den +Fischfang+. So folgen z. B. der Polar- oder
Labrador-Strömung unzählige Massen von Fischen, denen aber das warme
Wasser des Golfstromes nicht zusagt, so daß sie sich an seinen Rändern
wie an einer undurchdringlichen Mauer sammeln. Daher liegen hier die
unerschöpflichen Fischereigründe auf der Neufundlands-Bank. Endlich
sind die Meeresströmungen ganz besonders wichtig für die +Schiffahrt+;
denn seit der genauen Kenntnis derselben ist die Schiffahrt viel
weniger gefahrvoll geworden, und die Wege werden in viel kürzerer Zeit
durchmessen.
Wir schließen diesen Abschnitt mit der Betrachtung der +Wirkungen des
Meeres+.
[Illustration: Fig. 120. Beispiel von Felsauswaschungen.]
Die +Wirkungen des Meeres+ sind, wie die des fließenden Wassers,
+chemische und mechanische+. Was die +chemischen+ Wirkungen betrifft,
so bestehen sie hauptsächlich in dem Absatze der in ihm gelösten
Salze. Ein solcher Absatz findet hauptsächlich dort statt, wo das
Meerwasser in abgeschlossenen Buchten oder Becken durch Verdunstung und
fortgesetzte Salzzufuhr nach und nach zu einer übersättigten Salzlauge
wird, aus der sich dann die im Überschuß gelösten Salze absetzen. Auf
solche Weise sind z. B. alle unsere zahlreichen Steinsalz-Ablagerungen
in den Alpen und in den Karpaten entstanden. Die +mechanischen+
Wirkungen des Meeres sind vor allem +zerstörender+ Art. Großartig
treten diese Zerstörungen besonders an der Wind- und Wetterseite der
Festlande auf. Dabei ist nicht ohne Belang die Beschaffenheit des
Ufergesteins, die Höhe, Richtung und Geschwindigkeit der Wellen. Die
Küste von Suffolk z. B. (in England) ist in wenigen Jahren um 16 m
zurückgewichen, und gleichzeitig nahm die Meerestiefe so zu, daß
Fregatten gefahrlos da segeln, wo sich vor einem halben Jahrhundert ein
Fels erhob. Reich an Beispielen von der landzerstörenden Wut des Meeres
ist auch die Küste der Nordsee von Holland bis Jütland. Von Texel bis
zur Eider waren zu der Römer Zeiten noch 23 Inseln vorhanden; 7 von
ihnen sind spurlos verschwunden, und die übrigen gehen alle demselben
Schicksale entgegen. Noch zu Anfang des 13. Jahrhunderts war keine
Spur von den großen Meerbusen vorhanden, die jetzt als Dollart und
Jadebusen einen Raum von über 300 qkm einnehmen. Ebenso wurde die große
Zuyder-See vom Meere (1219-1287) in einen Meerbusen verwandelt. An
manchen Stellen wirkt das Meer aber auch +aufbauend+, besonders da, wo
es an sandige, flache Küsten grenzt, wenn anders die Verhältnisse von
Wind und Wetter hierzu günstig sind.
II. Meteorologie[165].
Außer dem wässerigen Ocean hat für den Schiffer auch der +Luftocean+
die größte Bedeutung. Schon im Altertum hat sich deshalb die Schiffahrt
mit der Erforschung desselben beschäftigt, aber erst der neuesten Zeit
ist es gelungen, eine gründlichere Kenntnis des Luftmeeres und seiner
Gesetze anzubahnen. Nicht alle Teile der Meteorologie haben indes
für die Schiffahrt gleich große Wichtigkeit; obenan steht in dieser
Beziehung die +Wissenschaft von den Winden+. Ihre wichtigsten Lehren
sollen daher im folgenden nach dem dermaligen Stande der Forschung im
Überblick dargelegt werden.
Winde überhaupt sind Luftströme, die von Stellen höhern Luftdruckes
nach Stellen niedrigern Luftdruckes gehen. Ihre +Richtung+ wird stets
durch den Ort des niedrigern Luftdruckes bestimmt, und ihre +Stärke+
hängt ab vom +Gradienten+. Unter letzterem versteht man die Abnahme
des Luftdruckes in Millimetern von Isobare zu Isobare. Je größer nun
der Gradient ist, desto größer ist die Geschwindigkeit des Windes. --
Von besonderer Bedeutung sind die +Maxima und Minima+ des Luftdruckes.
Die Stelle, wo das Barometer höher steht, der Luftdruck somit größer
ist als in der ganzen Umgebung, nennt man das +barometrische Maximum+.
Es ist dadurch charakterisiert, daß die Luft nach allen Seiten von ihm
+wegströmt+. Die Stelle, wo das Barometer tiefer steht, der Luftdruck
also geringer ist als in der ganzen Umgebung, heißt das +barometrische
Minimum+. Es ist dieses der Ort, wohin von allen Seiten am Boden die
Luft +zuströmt+. Die Luftbewegung vom Gebiete des hohen Druckes nach
demjenigen des niedern erfolgt indes nicht direkt in gerader Linie,
sondern die Luft wird auf ihrer Bahn auf der nördlichen Hemisphäre
nach +rechts+, auf der südlichen nach +links+ abgelenkt. Dadurch ist
die +Bewegung der Luft im Wirbel+ bestimmt, die Luft umkreist das
Minimum in spiralförmigen Bahnen. Auf der nördlichen Halbkugel ist
diese Bewegung der +Drehung des Uhrzeigers entgegengesetzt+ (+cyklonale
Luftbewegung+). Die Luftbewegung im Maximum erfolgt ebenfalls in
spiralförmigen Bahnen, nur drehen sich in diesem Falle die Luftmassen
+wie die Zeiger einer Uhr+ (+anticyklonale Luftbewegung+). Die Ursache
dieser Ablenkung der Winde ist die +Rotation der Erde+, infolge
deren +horizontale Bewegungen von jeder beliebigen Richtung+ auf der
nördlichen Halbkugel rechts, auf der südlichen links abgelenkt werden.
[Illustration: Fig. 121.
Cyklonale Bewegung um ein Luftdruckminimum.
Anticyklonale Bewegung um ein Luftdruckmaximum.]
Was die +Verteilung der Winde auf der Erde+ betrifft, so sei hierüber
folgendes bemerkt: In der Nähe des Äquators wird infolge der starken
Erwärmung durch die scheitelrechte Sonne die Luft in viel stärkerem
Grade als in den höheren Breiten aufgelockert und ausgedehnt. Da
demnach die Flächen gleichen Luftdruckes in der Äquatorialgegend
mehr gehoben werden als die Flächen desselben Luftdruckes in den
benachbarten Gegenden, so findet in der Höhe ein Abfließen der Luft
nach den beiden Polen statt. Die nächste Folge aber dieses Abfließens
der Luft über dem Äquatorialgebiete ist die, daß der Luftdruck hier
sinkt; denn das Gewicht der drückenden Luftsäule hat sich um die
abgeflossene Luftmenge vermindert. Etwa 30° nördlich und südlich von
diesem Hitzegürtel sinkt, wenigstens großenteils, die oben abfließende
Luft wieder auf die Oberfläche der Erde herab; es geschieht das
vor allem infolge der in der Höhe eintretenden Abkühlung. Dadurch
nun, daß in diesen höheren Breiten die Luft wieder herniedersteigt,
entsteht hier eine Erhöhung des Luftdruckes, und infolge davon
tritt ein Abströmen vom Orte des höhern gegen den des niedrigern
Luftdruckes ein, d. h. aus den höheren Breiten strömt die Luft an der
Erdoberfläche beiderseits gegen den Äquator. +Zwischen Äquator und
etwa 30° findet also ein vollständig geschlossener Kreislauf statt.+
Jenseits dieser Breiten und dieses Gürtels hohen Luftdruckes folgen
die +Zonen der veränderlichen Winde+, die unter dem wechselnden
Einflusse des Äquatorial- und Polarstromes stehen. -- Nach dem bereits
oben erwähnten Gesetze der Ablenkung der Winde erfahren die Winde der
nördlichen Halbkugel eine Ablenkung nach rechts, die der südlichen
Halbkugel nach links. Daher erscheinen die unteren Luftströmungen
zwischen 0° und 30° als nordöstliche auf der nördlichen und als
südöstliche auf der südlichen Halbkugel; es sind das die sogen.
Passate, die ihren Namen davon haben, daß die Segelschiffe ihn zur
Überfahrt (~passata~) von Spanien nach Brasilien benützen. Die oben
abfließenden Winde der Tropenzone und die polwärts gerichteten Winde
der höheren Breiten, die sogen. +Antipassate+, werden dagegen auf der
nördlichen Halbkugel zu südwestlichen, auf der südlichen Halbkugel zu
nordwestlichen Winden. -- Die westliche Richtung der Antipassate ist
durch verschiedene Beobachtungen bestätigt worden. So kann man an den
mehr gegen die Tropenzone liegenden hohen Bergen, wie an dem Pic de
Teyde (auf Teneriffa) oder an den Vulkanen Mauna-Loa und Mauna-Kea der
Sandwich-Inseln, bemerken, wie die unteren Teile unter dem Einflusse
des Passates, die Spitzen dagegen unter jenem des Antipassates stehen.
Die Engländer in ihrem auf das Kaufmännische gerichteten Sinne nennen
die Passatwinde „Handelswinde“ (~trade-winds~), der galante Spanier
jedoch ~Vientes de las Señoras~ -- „Damenwinde“. Letzterer Ausdruck
hat auch seine volle Berechtigung, da hier die Schiffahrt so wenig
schwierig ist, daß selbst die zartesten Hände das Steuer zu führen
vermöchten.
Der schmale Gürtel zwischen den beiden Passaten heißt der
+Kalmengürtel+ (vom lat. ~calmus~, ruhig, still) des Äquators, weil
hier fast immer +Windstille+ herrscht; er bezeichnet im allgemeinen
die Zone der größten Erwärmung und folgt der Sonne im Laufe des
Jahres gegen Norden und Süden. Die Luft steigt hier, infolge ihrer
Erhitzung besonders leicht gemacht, nur aufwärts, es herrscht der
Ascensionsstrom, eine wagerechte Luftbewegung kommt nicht zu stande.
Ebenso sind die Gebiete des hohen Luftdruckes an der Polargrenze der
Passate, etwa 30° nördlich und südlich vom Äquator, durch größere Ruhe
charakterisiert; man bezeichnet sie als „Roßbreiten“, wohl auch als
+Kalmen der Wendekreise+. Der erstere, etwas seltsame Name kommt daher,
daß früher die von Neu-England nach Westindien mit einer Deckladung
von Pferden bestimmten Schiffe in dieser Kalmenregion oft so lange
aufgehalten wurden, daß man aus Mangel an Wasser einen Teil der Pferde
über Bord werfen mußte.
Ein Bild der Windverteilung auf der Erde giebt Fig. 122.
[Illustration: Fig. 122. Windverteilung auf der Erde.]
Das hier geschilderte +herrschende Windsystem+ erfährt freilich
mannigfache Abänderungen, besonders durch die kalmenbildende Kraft der
Kontinente. Am großartigsten tritt diese Erscheinung im nördlichen
Teile des Indischen Oceans auf. Hier weht im Winterhalbjahr (vom
Oktober bis April) Nordostwind und im Sommerhalbjahr (vom April bis
Oktober) Südwestwind. Diese Winde heißen +Monsune+, ein Name, der wohl
von dem arabischen Worte ~mausim~ = Jahreszeit abgeleitet ist, also
einen mit den Jahreszeiten wechselnden Wind bezeichnet. Die Erklärung
dieser Erscheinung liegt in folgendem: Die über Arabien, Persien und
Indien im Sommerhalbjahre gesteigerte Hitze und die große Erwärmung der
Landmasse von Asien überhaupt hat einen luftverdünnten Raum zur Folge,
der die kühlere Luft des Indischen Oceans gewaltsam herbeizieht. So
entsteht ein Südwind, der durch die Ablenkung nach rechts ein Südwest
wird. Im Winterhalbjahre dagegen ist das Festland kühler als der Ocean;
die Luft fließt daher von dem kältern Lande nach dem wärmern Meere;
durch die Ablenkung wird nun aus dem Nordwind ein Nordost. Dieser
Nordost ist aber nichts anderes als der gewöhnliche Passat, der nur
hier den Namen Nordost-Monsun führt.
Wie die Monsune von den Jahreszeiten, so hängen die +Land- und
Seewinde+ von den Tageszeiten ab. Bei Tag ist das Land bekanntlich
wärmer als das Meer, daher weht bei Tag +Seewind+; nachts ist das Land
kühler als das Meer, daher weht +Landwind+. In den Tropen ist der
Seewind sehr kräftig, erfrischend und gesund, so daß er hie und da
geradezu „+der Doktor+“ genannt wird.
Durch Einwirkung von Gebirgen, Flußthälern, Wüsten u. s. w. werden
ganz specielle, nur in beschränkten Gebieten auftretende Winde
hervorgerufen. Ein solch lokaler Wind ist z. B. der +Föhn+ auf der
Nordseite der Alpen; derselbe hat durchaus nicht seinen Ursprung in der
Sahara, wie lange behauptet worden, sondern ist einfach ein über die
Alpen herabgestiegener und dadurch in seinen Eigenschaften abgeänderter
Luftstrom. Nach +Hann+ tritt der Föhn auf der Nordseite der Alpen nur
dann auf, wenn hier der Luftdruck geringer ist als auf der Südseite.
In diesem Falle strömt die Luft vom Südabhange über die Pässe in die
nördlichen Alpenthäler hinein und kommt hier, da durch die Abkühlung
der aufsteigenden Luft am Südabhang häufig Niederschläge erzeugt
werden, ziemlich trocken an. Indem dann der Luftstrom in die nördlichen
Alpenthäler infolge des hier herrschenden geringen Luftdrucks gleichsam
herabgesaugt wird, gelangt er zugleich unter höhern Luftdruck und wird
also durch Volumverminderung auch +erwärmt+. Wärme und Trockenheit
sind aber die charakteristischen Eigenschaften des +Föhns+. Föhnwinde
giebt es übrigens nach +Hann+ überall dort, wo höhere Gebirgsketten von
stürmischen feuchten Winden überweht werden. Es hat deshalb auch die
Südseite der Alpen ihren +Nordföhn+. Andere Beispiele +lokaler+ Winde
sind die +Bora+ am Nordende des Adriatischen Meeres und der +Mistral+
in Südfrankreich; beides kalte Winde. -- Der +Samum+ in Arabien, der
+Chamsin+ in Ägypten sind staubreiche, versengende Wüstenwinde.
+Stürme+, d. i. Winde mit 30-50 m Geschwindigkeit per Sekunde, sind
Wirbelbewegungen der Luft um ein Minimum des Barometerstandes. Die
heftigsten Stürme sind die +Cyklone+ der tropischen Gegend, die
+Hurricanes+ in den westindischen und die +Teifune+ in den chinesischen
Gewässern. -- Die +Stärke+ eines Sturmes wächst von außen nach innen;
in der Mitte selbst aber herrscht entweder völlige +Windstille+, oder
es wehen nur schwächere und unregelmäßige Winde. -- Sehr bedeutend ist
in den Tropen die +Luftdruckerniedrigung im Centrum des Wirbelsturmes+.
Auf der Insel Nassau (Bahama) fiel z. B. das Barometer gelegentlich
des Sturmes am 1. Oktober 1866 in +einer+ Stunde um 18 mm, und bei
dem Cyklon am 12. Oktober 1846 zu Havannah soll sogar die Abnahme des
Luftdrucks so rasch gewesen sein, daß die Fenster nach außen gedrückt
wurden.
Die +Bewegung+ der Stürme ist eine zweifache: eine +kreisende+ und
eine +fortschreitende+. Die +kreisende+ erfolgt, entsprechend dem
Ablenkungsgesetze, auf der nördlichen Halbkugel entgegengesetzt
der Uhrzeigerrichtung, auf der südlichen Halbkugel mit dieser
übereinstimmend; die +fortschreitende+ besteht darin, daß das Minimum
und mit ihm der ganze Wirbelsturm oft Hunderte von Meilen fortzieht.
Fig. 123, die einen Wirbelsturm der nördlichen Halbkugel darstellt,
läßt entnehmen, wie die Windrichtung wechselt an einem Orte, über
den ein Wirbelsturm hinwegschreitet. Liegt der Ort z. B. in der Bahn
des Centrums, so wütet der erste Teil des Sturmes unausgesetzt aus
Nordost; den heftigsten Stößen folgt, während das Centrum passiert,
eine unheimliche Totenstille; nachher bricht der Sturm mit erneuter Wut
aus Südwest herein.
Aus der Art der kreisenden Bewegung folgt von selbst die +Buys
Ballotsche+ Regel, daß, wenn man dem Sturme den Rücken kehrt, +das
Centrum sich zur Linken in der nördlichen Halbkugel und zur Rechten in
der südlichen Halbkugel+ befindet, und zwar in beiden Fällen ein wenig
nach vorne. Die +Sturmbahnen+ sind bei den Wirbeln der gemäßigten Zone
meist östlich; bei den tropischen Cyklonen (Fig. 124), und zwar auf der
nördlichen Halbkugel, zieht die Sturmbahn in der heißen Zone von Südost
nach Nordwest; auf dem Wendekreise aber biegt dieselbe um und verläuft
nach Nordost. In der südlichen Halbkugel haben die Cyklone gerade
umgekehrt in der heißen Zone eine südwestliche und in der gemäßigten
Zone eine südöstliche Richtung.
[Illustration: Fig. 123.]