+Robert Fulton+, 1765 in Little-Britain (Pennsylvanien) geboren, war

seines Zeichens Uhrmacher, pflegte jedoch schon seit seiner frühesten

Jugend Studien über Mechanik und Malerei. Zur Vervollständigung

seiner Bildung hielt er sich zwei Jahre in der eminent industriellen

Stadt Birmingham auf. Hierauf übersiedelte er nach Paris und begann

dort seine Experimente mit Torpedos und Torpedobooten. Von der

französischen Regierung unterstützt, brachte er ein solches Fahrzeug

zu stande; die Versuche ließen indes keinen Zweifel übrig über die

Unzweckmäßigkeit seiner Erfindung. Schon war Fulton bereit, die Alte

Welt zu verlassen, um sich nach seiner Heimat zu begeben, als er die

Bekanntschaft Livingstons machte, der damals (1801) als Gesandter der

Union in Paris weilte. Livingston und Fulton vereinigten nun ihre

Kräfte, und während ersterer die Herbeischaffung der nötigen Kapitalien

besorgte, machte sich Fulton daran, ein Dampfschiff zu konstruieren. Am

9. August 1803 steuerte sein erstes fertiges Dampfschiff stromaufwärts

auf der Seine und erreichte eine Geschwindigkeit von 6 km per Stunde.

So erfolgreich dieser Versuch genannt werden mußte, so bemühte sich

Fulton doch umsonst, für sein Unternehmen die Unterstützung des ersten

Konsuls Bonaparte zu erlangen. Dieser machte sich vielmehr über Fultons

Erfindung lustig und nannte sie einen „Schwindel“. Infolgedessen

verließen Livingston und Fulton Europa, um ihre Erfindung in Amerika

zur vollen Geltung zu bringen. Fulton hatte aber wohl erkannt, daß

die üblen Ausgänge der bisherigen Unternehmungen größtenteils in den

mangelhaften und unkräftigen Dampfmaschinen ihren Grund hatten; er

wandte sich deshalb an die damals beste Firma der Welt, Boulton & Watt

in England, um eine Maschine, wie er sie brauchte. Sie wurde 1806

nach New-York geliefert, und Fulton gab nun sofort den Befehl zum Bau

des Bootes, auf welches sie gesetzt werden sollte. Fultons Landsleute

zeigten nun freilich seinem Unternehmen gegenüber ganz denselben Mangel

an Verständnis und Vertrauen, wie das große Publikum der Alten Welt.

Der im Entstehen begriffene „Clermont“ war die Zielscheibe beißender

Kritiken und Spöttereien: man nannte das Schiff nicht anders als

„Fultons Narrheit“. Als dasselbe zur ersten Probefahrt fertig war,

bestieg es Fulton unter dem Hohngelächter von vielen Tausenden, das

sich noch wesentlich steigerte, als das Fahrzeug auf das Signal zur

Abfahrt sich zwar eine kleine Strecke bewegte, dann aber ruhig stehen

blieb. Fulton hatte indes den Fehler in der Maschinerie bald gefunden

und beseitigt, und als dann das Schiff mit zunehmender Geschwindigkeit

vom Werft in den Hudson einlief, verwandelte sich der Spott in Staunen,

und brausender Jubel empfing den Erfinder. Der „Clermont“ hatte eine

Länge von 44 m und eine Tragkraft von 160000 kg; die Maschine war 18

Pferdekräfte stark.

Am 17. August 1807 unternahm Fulton die erste größere Probefahrt, und

zwar von New-York bis Albany und wieder zurück. Hierbei legte das

Schiff die Entfernung von 150 Meilen bei der Hinfahrt in 32, bei der

Rückfahrt in 30 Stunden zurück.

Dies war die +erste+ größere Reise, die je auf einem Dampfer gemacht

worden war.

Nachdem Fulton noch manches schöne Schiff gebaut hatte, beschloß

er seine Laufbahn mit einem seiner würdigen Werke, einer mächtigen

Dampferfregatte, die der Kongreß infolge der im Jahre 1814

eingetretenen kriegerischen Aussichten erbauen ließ. Es war dies die

+erste+ Anwendung der Dampfmaschine für Kriegsschiffe, die für die

damalige Zeit zugleich als vortrefflich gelungen zu bezeichnen ist.

Fulton erlebte jedoch die Vollendung seiner schwimmenden Festung nicht;

er starb, erst 50 Jahre alt, am 24. Februar 1815. Sein Tod wurde als

ein +nationales+ Unglück betrauert. Materiellen Erfolg scheint Fulton

übrigens nicht erzielt zu haben; denn bei seinem Tode hinterließ er

eine Schuldenlast von 100000 Dollars.

Gegenüber den amerikanischen Erfolgen konnte man nun auch in Europa

und vor allem in England nicht gleichgültig bleiben. Im Kometenjahre

1811 baute der schottische Ingenieur +Heinrich Bell+ das Dampfschiff

„Komet“, das die Verbindung zwischen Glasgow und Greenock zu

unterhalten bestimmt war. Es fand sich indes niemand, der sich ihm

anschließen wollte, und selbst nachdem Bell mit seinem Schiffe eine

Fahrt um ganz England gemacht hatte, waren seine Geschäfte noch so

schlecht, daß er kaum die Betriebskosten deckte. Selbst an formeller

Opposition fehlte es nicht, namentlich seitens der Bootführer. Die

Klagen kamen 1817 sogar ins Parlament, aber der Ausschuß wies die

Beschwerde ab, da „die Einführung des Dampfes ein mächtiges Agens

von fast universeller Anwendbarkeit sei“. Bald bedeckten sich auch

alle Ströme und Flüsse der civilisierten Länder mit Dampfbooten.

Auf dem Mississippi war schon 1811 das erste Dampfschiff vom Stapel

gelassen worden, in Schottland betrug 1815 die Zahl der im Betrieb

befindlichen Dampfer bereits 20; auch auf den deutschen Flüssen begann

die Dampfschiffahrt schon 1816, und die französischen Gewässer befuhren

Dampfschiffe seit 1820. Die +Flußdampfschiffahrt+ war somit gesichert.

[Illustration: Fig. 112. Älterer transatlantischer Raddampfer.]

Länger verzögerte sich die +Entwicklung der Dampfschiffahrt auf hoher

See. Die erste Dampfschiffahrt über den Ocean+ wurde zwar schon

1819 gemacht. Am 20. Juni dieses Jahres war nämlich in Liverpool

die „+Savannah+“ eingetroffen, welche in 26 Tagen die Reise von

dem +amerikanischen+ Seehafen gleichen Namens zurückgelegt hatte.

Der Versuch der „Savannah“ war jedoch noch nicht entscheidend;

denn für einen Teil der überseeischen Reise waren auch die Segel

benutzt worden. In England fanden daher in jener Zeit über das Für

und Wider dieser Angelegenheit zahlreiche Diskussionen statt, und

noch 1836 reiste der englische Professor und Physiker +Dionysius

Lardner+ eigens nach Bristol, um daselbst vor der britischen

+wissenschaftlichen+ Gesellschaft eine Vorlesung über die Unmöglichkeit

einer transatlantischen Dampfschiffahrt zu halten. „Der Gedanke, eine

oceanische Dampfschiffahrt eröffnen zu wollen, gleicht vollkommen

jenem andern einer Reise nach dem Monde“, das waren die Schlußworte

dieser berühmten Rede. So waren 19 Jahre vergangen, ehe ein +zweiter+

Versuch einer transoceanischen Fahrt, diesmal von englischer Seite,

angestellt wurde. Derselbe war jedoch von glänzendem Erfolge begleitet.

Im April des Jahres 1838 verließen die Dampfer „+Sirius+“ und „+Great

Western+“ die englische Küste, ersterer am 4., letzterer am 8. April,

und beide kamen in New-York am gleichen Tage -- am 23. April -- an. In

New-York wurden die Schiffe mit dem größten Enthusiasmus empfangen.

Von den Forts wie von den im Hafen liegenden Kriegsschiffen wurden sie

mit Freudenschüssen begrüßt; die Kauffahrer neigten ihre Flaggen, die

Bürger versammelten sich auf dem Hafendamm und fuhren ihnen jubelnd

entgegen. Die Tagesblätter waren voll von Berichten über die Reise,

sowie von den Beschreibungen der Dampfer und ihrer Maschinen. Wenige

Tage später traten die beiden Schiffe ihre Rückfahrt nach England an.

Der „Sirius“ erreichte Falmouth pünktlich in 18 Tagen, der „Great

Western“ gelangte nach Bristol in 15 Tagen. Damit war der Sieg des

Dampfers über das Segelschiff entschieden, und es eröffnete sich dem

transatlantischen Handel eine großartige Perspektive. Die +ersten+,

welche, von der Überlegenheit des Dampfschiffes Gebrauch machend,

+Postdampfschiffskurse+ zwischen England und Nordamerika errichteten,

waren die praktischen +Engländer+. Im Jahre 1840 schloß die englische

Regierung mit dem Reeder +Samuel Cunard+ in Halifax einen Vertrag,

nach welchem sich letzterer verpflichtete, gegen Gewährung einer

jährlichen Subvention von 65000 Pfd. St. eine monatlich einmalige

regelmäßige Dampfschiffverbindung für den Post- und Personenverkehr

zwischen Liverpool und Halifax (Boston) zu unterhalten. Am 4. Juli

1840 lief denn auch das erste Schiff Cunards, die „Britannia“, von

Liverpool aus. Dies war der Anfang des jetzt so großartig entwickelten

transatlantischen Dampferverkehrs, der, von etwa zweihundert Dampfern

vermittelt, gleich einer mächtigen Brücke Europa und Amerika verknüpft.

[Illustration: Fig. 113. Skizze zur Darstellung der Schraube und des

Steuers.]

Zur höchsten Vollendung sollte indes die Dampfschiffahrt erst nach

Erfindung der +Schraube+ kommen. Denn die +Raddampfer+ haben, vom

Standpunkt des Seemanns aus, manch unliebsame Eigenschaften. Das

+erste+ Schraubenboot in Europa soll +Joseph Ressel+, aus Chrudim

in Böhmen gebürtig, 1829 in Triest gebaut haben. Ein Unfall bei

der Probefahrt, so wird weiter berichtet, habe jedoch die Polizei

zum Verbote weiterer Versuche veranlaßt, und so sei die Sache in

Deutschland nicht weiter verfolgt worden. In Frankreich gilt +Frederic

Sauvage+, dem in Boulogne ein Denkmal errichtet wurde, als Erfinder

der Schraube, während England die endgültige Einführung des neuen

Motors von den durch den schwedischen, seit 1839 in New-York wohnenden

Ingenieur-Kapitän +John Ericsson+ vorgenommenen Verbesserungen

datiert, auf Grund deren sein Schiff „Francis Ogden“ 10 Knoten

Geschwindigkeit erreichte. Schon 1845 war der „Great Britain“ als

+erstes Schraubenschiff+ über den Ocean gedampft, und seitdem hat die

verbesserte Schiffsschraube die Räderdampfer fast gänzlich vom hohen

Meere verdrängt.

Viertes Kapitel.

Die Fortschritte der Nautik in neuester Zeit.

Die Fortschritte, welche die Nautik, das Wort in seinem weitesten Sinne

genommen, in jüngster Zeit gemacht hat, sind teils +wissenschaftliche+,

teils +technische+. Von beiden soll im folgenden des nähern gehandelt

werden.

I. Oceanographie[163].

Unter allen wissenschaftlichen Disciplinen steht an Bedeutung für die

Schiffahrt obenan die +Oceanographie+. Die Resultate dieses gerade

in der jüngsten Zeit so eifrig gepflegten Zweiges der Nautik dürfen

daher wohl in keinem Werke, das sich mit der Schiffahrt beschäftigt,

ignoriert werden. Allerdings kann es sich hier nur darum handeln,

die bedeutsamsten Ergebnisse der +Wissenschaft vom Meere+ den Lesern

vorzuführen.

Was zunächst die +Gesamtfläche der Oceane+ betrifft, so nimmt dieselbe

(nach Krümmel) 72% der Erdoberfläche ein, während auf das Land nur 28%

entfallen.

Die +Hauptmeere der Erde+ sind, ihrer Größe nach geordnet, nach

+Guthe-Wagner+ folgende:

------------------------------------------------------------------

Meere. | Q.-Meilen.| qkm. | Nördl. Eismeer

| | | = 1.

------------------------------------------------------------------

1. Nördliches Eismeer | 278000 | 15,3 Mill. | 1

2. Südliches Eismeer | 372000 | 20,5 „ | 1,3

3. Indischer Ocean | 1340000 | 74 „ | 4,8

4. Atlantischer Ocean | 1610000 | 88,6 „ | 5,8

5. Großer Ocean | 3190000 | 175,6 „ | 11,5

Hiernach ist das Südliche Eismeer 1⅓mal, der Indische Ocean 4⅘mal,

der Atlantische Ocean 5⅘mal und der Große Ocean 11½mal größer als das

Nördliche Eismeer.

Einen umfassenden und ideenreichen Versuch, die Meeresflächen nach

Umriß-, Tiefen- und Strömungsverhältnissen zu klassifizieren, hat

neuestens +Krümmel+ gemacht; doch kann hier nicht weiter die Rede davon

sein.

[Illustration: Fig. 114. Verteilung der Land- und Wassermassen.]

In Bezug auf die +Oberflächengestalt+ des Meeres ist besonders das

+Niveauverhältnis+ beachtenswert. Auf Grund der hydrostatischen

Gesetze sollten nämlich die verschiedenen Teile des Weltmeeres, da sie

unter sich zusammenhängen, mit einander kommunizieren, in Bezug auf

ihre Oberflächen einander entsprechen, d. h. alle in einer sphärisch

gekrümmten Fläche -- man nennt diese Fläche in der Theorie eben den

+Meeresspiegel+ oder das +Niveau des Meeres+ -- zusammenfallen. In

der That erfahren jedoch die Niveauflächen des Meeres mannigfache

Störungen, z. B. durch die von den Kontinenten auf das Wasser

ausgeübte Attraktion, durch die stete Wellenbewegung, durch Ebbe und

Flut, wechselnden Luftdruck u. s. w. Die Erde hat daher auch keine

rein sphäroidale Gestalt, vielmehr hat man die ihr eigentümliche

Oberflächenform das +Geoid+ genannt.

Die +Tiefe+ des Meeres ist sehr ungleich. Die größte bis jetzt

ermittelte Tiefe findet sich im +Großen Ocean+ südöstlich von Japan

unter 44° 45′ n. Br. und 152° 26′ östl. L. und beträgt 8513 m (Mount

Everest 8840 m). Die größte bekannte Tiefe des Atlantischen Oceans,

100 Seemeilen nordwestlich von St. Thomas, erreicht 8341 m. Im ganzen

haben die neueren Messungen nur sehr selten eine Tiefe von mehr als

6000 m ergeben, dagegen hat man Tiefen bis zu 5000 m (Montblanc 4800 m)

in fast allen Oceanen gefunden. Die +mittlere Tiefe+ der großen Oceane

beträgt gegen 3700 m. Da nun die Kontinente eine Mittelhöhe von 440

m haben, so liegen die großen Thalebenen der Oceane etwa achtmal so

tief unter dem Meeresspiegel, als sich die Gesamtheit der Ländermassen

darüber erhebt. Da ferner die Volumina der Kontinente, soweit sie über

dem Meeresspiegel liegen, und jene der Weltmeere sich zu einander

verhalten wie 1:21,4, so könnten die festländischen Massen auch

21,4mal in die vom Meere erfüllten Räume hineingeschüttet werden. Die

Weltmeere erlitten daher, würden alle Unebenheiten der Festländer bis

zum Wasserspiegel abgetragen und in jene geworfen werden, einen kaum

merklichen Verlust an Tiefe. Krümmel schätzt diesen Tiefenverlust auf

nur 160 m.

Der +Meeresgrund+ ist vor allen jenen zerstörenden Einwirkungen

geschützt, die an der trockenen Oberfläche eine der Hauptursachen der

Unebenheiten sind. Die Weltmeere haben daher auf ihrem Grund und Boden

keine Gebirge und Thäler, wie die Kontinente. Wohl zeigt das Meer

Unebenheiten, aber diese Niveau-Unterschiede sind durch sehr sanft

geböschte Abhänge miteinander verbunden. Eine Ausnahme machen nur die

vulkanischen und die Korallen-Inseln, die oft plötzlich aus großen

Meerestiefen aufsteigen.

Die +Farbe+ des Meeres ist nach den neueren Beobachtungen ein schönes,

reines Blau. Sehr salzhaltige Gewässer, wie der Golfstrom, der Kuro

Siwo, haben eine rein indigoblaue Farbe. Im übrigen sind auf die

Farbe verschiedene Ursachen von Einfluß, wie das Hindurchschimmern

des Untergrundes, dem Meere zugeführter Schlamm, Infusorien und

Korallenbänke.

Eine über alle Beschreibung prächtige Erscheinung ist das +Leuchten

des Meeres+; es wird durch kleine Meertiere verursacht, besonders

aus den Klassen der Krebse und Quallen, welche, ähnlich unseren

Johanniswürmchen, während ihres Lebens Licht zu entwickeln im stande

sind.

Der +Salzgehalt+ des Meeres beträgt im freien Ocean durchschnittlich

3½%; er ist geringer in Binnenmeeren, in welche viele Flüsse münden,

wie im Schwarzen Meere (2%), größer in geschlossenen Binnenmeeren,

die eine sehr starke Verdunstung haben, wie im Mittelmeer (4%); in

letzterem würde infolge der starken Verdunstung das Wasser unfehlbar

beständig abnehmen, wenn nicht eine durch die Straße von Gibraltar

aus dem Atlantischen Ocean eintretende Strömung das Gleichgewicht

herstellte.

Was die +Meerestemperatur+ betrifft, so erwärmt sich die Oberfläche der

Tropenmeere bis zu 32° C., dagegen zeigt die Oberfläche der Polarmeere

eine Temperatur selbst bis zu -3°. Es ist ferner bemerkenswert, daß in

den offenen Meeren der gemäßigten und heißen Zone die Temperatur erst

ziemlich rasch, dann langsamer abnimmt, bis sie auf 4° C. gesunken ist;

letzteres ist der Fall bei einer Tiefe von 730-1100 m. Von da ab fällt

die Temperatur noch langsamer, bis sie auf dem Meeresboden zwischen

2° und 0° und in den kälteren Meeren sogar bis zu -2,5° beträgt. Die

Bodentemperaturen des Meeres schwanken somit zwischen -2° und -2,5°,

die der Oberflächen der Meere aber zwischen +32° und -3°. -- Daß

die Temperatur der Tiefsee in den wärmeren Meeren verhältnismäßig

niedriger ist als diejenige, welche ihr nach den bekannten niedersten

Oberflächen-Temperaturen zukäme, erklärt sich aus einer mächtigen, aber

langsamen Wasserbewegung der gesamten unteren Meeresschichten von den

Polen nach dem Äquator zu.

Das Meer ist nicht eine leblose, öde Wasserwelt, sondern wird von einer

zahllosen Menge +organischer+ Wesen belebt. Außerordentlich mannigfach

ist z. B. die +Tierwelt+; es finden sich nicht bloß Fische im Meere,

sondern Tiere aller Klassen in großer Masse, besonders gewisse

mikroskopische Schalen-Organismen. Dabei ist die Thatsache höchst

bemerkenswert, daß die Tierwelt des Meeres keine Tiefengrenze hat; denn

Tiere wurden am Meeresboden in allen Tiefen gefunden. -- Die +Flora+

des Meeres besteht, wenige Ausnahmen abgerechnet, aus +Tangen+, die

bekanntlich zu den elementarsten Gebilden des Pflanzenlebens gehören.

[Illustration: Fig. 115. Schlick oder Tiefseeschlamm vom Grunde des

Atlantischen Oceans. (Nach Geikie.)]

Bezüglich der +Bewegung des Meeres+ unterscheidet man eine dreifache:

+Wellenbewegung, Ebbe und Flut+ (Gezeiten oder Tiden) und +Strömungen+.

Die +Wellenbewegung+ entsteht durch den Druck des Windes auf die

Oberfläche des Wassers. Eigentümlich ist dabei, daß die Wasserteilchen

sich wesentlich nur auf und ab bewegen, aber nicht seitwärts

fortschreiten. Die Wasserteilchen beschreiben Kreise oder Ellipsen um

ihre Ruhelage, nur die Bewegungs+form+ pflanzt sich fort. Von dieser

Art der Bewegung überzeugt schon ein einfacher Versuch. Wirft man einen

Stein in einen Teich, auf dessen Oberfläche Blätter schwimmen, so sieht

man letztere wohl sich heben und senken, aber ihren Ort verändern sie

nicht. -- Der große, lange und breite Wogengang, den man auf offener

See bemerkt, und der in majestätischer Gemessenheit voranschreitet,

wird +Dünung+ genannt. -- Bei der Welle unterscheidet man +Wellenthal+

und +Wellenberg+. Der vertikale Abstand ihrer äußersten Punkte ist

die +Höhe+ der Welle. Diese erreicht auf hoher See wohl nicht über 15

m; jedenfalls sind die früheren Erzählungen von turm- und berghohen

Wellen stark übertrieben. Wo dagegen Steilufer dem Anpralle des Meeres

sich entgegensetzen, wird der Gischt der Wellen wohl um das Vierfache

höher geschleudert. -- Von der Höhe der Wellen ist auch die +Tiefe+

abhängig, bis zu welcher das Wasser an der schwingenden Bewegung

teilnimmt; nach den Versuchen der Gebrüder +Weber+ ist dieselbe 350mal

größer als die Höhe. Die höchsten Wellen des Oceans würden also das

Wasser bis zu einer Tiefe von ca. 4500 m aufwühlen, aber schon in

130-260 m Tiefe beträgt die Wellenhöhe nur mehr 1/500 derjenigen an der

Oberfläche. -- Die +Gewalt+ der Wellen, besonders der brandenden, ist

zuweilen eine ganz außerordentliche; so werden am Bell-Rock-Leuchtturm

an der schottischen Küste oft bis 40 Centner schwere untermeerische

Rollsteine an den Leuchtturm emporgerissen, und bei der Insel Barbados

trugen die Sturmwellen untergesunkene Kanonenrohre ans Land. -- Wie

die Höhe der Wellen, wird auch gerne deren +Steilheit+ überschätzt;

bei den steilsten verhält sich nach +Klein+ Höhe zur Breite wie 1:12;

bei Wellen von 8 m Höhe haben also die Thäler gegen 100 m Länge. Man

kann daraus auf das imposante Aussehen dieser bewegten Wassermasse

schließen. -- Die +Geschwindigkeit+ des Fortschreitens der Wellen

beträgt bis 30 m per Sekunde; sie ist also eine dreimal größere als

die eines schnellen Windes; ein hoher Seegang kann dem Seefahrer darum

schon einen Sturm ankünden, bevor noch andere Anzeichen desselben

eingetreten sind.

[Illustration: Fig. 116. Die Bewegung der Wellen.]

Wesentlich verschieden von den Windwellen sind die +Seebebenwellen+,

die mit den Erdbeben in Verbindung stehen. Von einer solchen

Seebebenwelle war z. B. der Ausbruch des Vulkans der Insel Krakatau vom

26. August 1883 begleitet. Dieselbe, von der Sundastraße ausgehend,

erschütterte nicht nur den ganzen Indischen Ocean, sondern pflanzte

sich auch in den Pacifischen fort und wurde sogar noch im Atlantischen

Ocean (an der französischen Küste des Biscaya-Golfes) verspürt.

Unter +Ebbe und Flut+ versteht man das regelmäßige, zweimal des

Tages (genauer 24 Stunden 50 Minuten) eintretende Anschwellen und

Zurückweichen des Meeres. Die +Ursache+ dieser Erscheinung ist

vorzugsweise die Anziehungskraft unseres nächsten Weltkörpers, des

+Mondes+, zum geringern Teil der Sonne. Es sei in Fig. 117 ~M~ der

Mond und ~ABCD~ die Erde, die wir uns ganz mit Wasser bedeckt denken

wollen. Die Erdstelle ~A~, weil dem Monde näher als der Mittelpunkt

~O~, wird stärker angezogen als dieser, sobald der Mond über ~A~

kulminiert. Andererseits wird aus dem gleichen Grunde ~O~ stärker vom

Monde angezogen als die Gegend bei ~B~. Dadurch erfährt nun allerdings

die feste Masse der Erde keine Veränderung ihrer Gestalt, wohl aber

das Meer mit seinen leicht verschiebbaren Teilchen. Dieses schwillt

nämlich sowohl bei ~A~, als auch bei ~B~ zu einer flachen Welle an,

weil es beiderseits das Streben erhielt, sich vom Anziehungspunkte ~O~

zu entfernen; es ist +Flut+. Dagegen ist auf den von der beiderseitigen

Welle um 90 Längengrade entfernten Meridianen +Ebbe+, weil von dort

die Wasserteilchen nach den Flutseiten abgelenkt werden; es geht also

in ~C~ das Wasser nach ~C_{1}~ zurück und ebenso in ~D~ nach ~D_{1}~.

-- Die Gezeiten wirken jeden Monat zweimal, zur Zeit des Neu- und

Vollmondes, am stärksten (+Springfluten+), und zweimal, zur Zeit

des ersten und letzten Viertels, am schwächsten (+Nippfluten+). Bei

Neumond, wo Sonne und Mond auf derselben Seite der Erde stehen und in

derselben Richtung die Erde anziehen, wird durch das Zusammenwirken die

Zenithflut verstärkt; bei Vollmond stehen sich Sonne und Mond diametral

gegenüber, und die Sonne verstärkt durch ihre Anziehung die Nadirflut.

Beim ersten und letzten Viertel stehen Sonne und Mond rechtwinklig

zur Erde, und der Mond bewirkt da eine Flut, wo die Sonne eine Ebbe

hervorruft. Daher ist die Flut geringer, eine Nippflut; beide Wirkungen

schwächen einander. -- Im offenen Weltmeere beträgt der Unterschied

zwischen Ebbe und Flut höchstens 2½ m, in engen Kanälen aber steigt die

Flut weit höher; so im Kanal von Bristol bis auf 15 m, im hintersten

Ende der Fundy-Bai (Nordamerika) sogar bis auf 30 m. -- Sehr bedeutend

wird Höhe und Gewalt der Flutwellen, wenn die Richtung von Orkanen mit

der Flut zusammentrifft. In diesem Falle entstehen dann sogenannte

Sturmfluten, welche, wenn sie niedrige Küsten erreichen, in Verbindung

mit dem während des Sturmes niederstürzenden wolkenbruchartigen Regen

weite Landstrecken plötzlich unter Wasser setzen. Die Sturmchroniken

der Nord- und Ostseegestade sind voll von derlei furchtbaren

Elementarereignissen. So entstanden im 12. und 13. Jahrhundert durch

solche Sturmfluten Dollart- und Jadebusen. Aus gleichem Grunde stieg am

4. Februar 1825 der Spiegel der Nordsee in der Jade um 6 m und ebenso

am 13. November 1872 der Spiegel der Ostsee um 4 m über den mittlern

Wasserstand.

[Illustration: Fig. 117.]

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 29 / 50 段