Die Schiffahrt des Altertums beschränkte sich übrigens nicht allein

auf die Völker des Mittelmeeres; auch der Norden Europas entbehrte

derselben nicht. Die +Briten+ z. B. fuhren bereits vor dem Einfalle

Cäsars in ihr Land nicht nur nach den Küsten Nordfrankreichs und der

Niederlande, sondern auch an die französischen Küsten der Bucht von

Biscaya. Ja es giebt im Norden Europas sogar zahlreiche Belege für die

Pflege der Schiffahrt in vorhistorischer Zeit.

Über Größenverhältnisse, Gestalt, Konstruktion und innere Einrichtung

der Seefahrzeuge des Altertums sind uns leider genauere Angaben

nicht erhalten. Die gewöhnliche Form der auf den +altägyptischen+

Wandgemälden abgebildeten Schiffe ist die Kombination einer

Rudergaleere mit einem Segelschiff. Die Ruderer sitzen auf Querbänken

und ziehen die durch Ringe geführten Ruder an. Am Hinterteil des

Schiffes befindet sich das große Steuerruder. Wir sehen ferner einen

durch Taue in seiner Stellung befestigten Mast mit Rahen und Tauen

zum Ausspannen und Einreffen der Segel. Am vordern und hintern Ende

des Schiffes bemerken wir bereits erhöhte Teile, die man heute

als Kastelle (Back und Schanze) bezeichnet. Auf den ägyptischen

Kriegsschiffen standen auf diesen Teilen, durch eine Brustwehr

geschützt, die Bogenschützen. Auf der Spitze des Mastes befindet sich

ein „Krähennest“, welches dem „Top“ unserer Schiffe entspricht, und aus

welchem Schleuderer Steine auf den Feind herabwarfen. Das altägyptische

Schiff enthält somit schon alle wesentlichen Teile eines heutigen

Schiffes. Die +Phönizier+ hatten zwei Arten von Schiffen: Kriegs-

und Handelsschiffe; die ersteren waren lang und zugespitzt, letztere

mehr von rundlicher Form. Die +Römer+ und +Griechen+ unterschieden

die Schiffe nach der Zahl der Ruderbänke, die in verschiedenen

Reihen übereinander lagen, in Zweiruderer (~biremes~), Dreiruderer

(~triremes~) u. s. w.

[Illustration: Fig. 105. Querschnitt einer griechischen Quinquereme.

(Nach dem Buch von der Weltpost.)]

Nach +Graser+ hatten die +griechischen+ Trieren etwa 149 Fuß Länge,

14-18 Fuß Breite, 8½ Fuß Tiefgang, 19½ Fuß Gesamthöhe vom Kiel bis zum

Deck und einen Raumgehalt von 232 Tonnen[161]. Die Besatzung bestand

aus 174 Ruderern, 20 Matrosen, 10 Soldaten und zählte mit Einschluß der

Offiziere u. s. w. im ganzen 225 Köpfe.

[Illustration: Fig. 106. Griechische Pentere (Seitenansicht).]

Einzelne Schiffe des Altertums zeichneten sich bereits durch

+außerordentliche Größe+ aus. So führte der in allen Zweigen des

Kriegswesens hervorragende Demetrius Poliorketes (der Städtebezwinger)

in der 306 v. Chr. bei Salamis auf Cypern gegen den ersten in

Ägypten herrschenden Ptolemäer, Soter oder Lagi, und dessen Bruder

Menelaos gelieferten Seeschlacht außer anderen Großschiffen auch ein

Sechzehnreihenschiff in den Kampf, für welches wenigstens 1000 Ruderer

nötig gewesen. Ptolemäus Philadelphus, der Nachfolger des Soter in

Ägypten, ging noch weiter bei Entwicklung seiner bewunderungswürdigen

Seemacht. Es befanden sich unter seinen Schiffen Dreißigreihenschiffe,

für deren Bemannung wohl mindestens 2000 Ruderer erforderlich waren.

Zwanzig Ruderreihen wiederum besaß die „Alexandria“ Hieros von Syrakus

(269-215 v. Chr.). Das Schiff war nach einem Entwurf des Archias von

Korinth und unter der Oberleitung des Archimedes gebaut worden und kam

an Größe unserem Panzer „König Wilhelm“ gleich. Etwa zu gleicher Zeit

ließ Ptolemäus Philopater sogar ein Vierzigreihenschiff und zwar als

Doppelschiff erbauen, einen fast rätselhaften „Leviathan“, länger noch

als „Italia“ und „Lepanto“ der jetzigen italienischen Marine, für 4000

Ruderer. Welches die bauliche Anordnung dieser Schiffe für die Ausübung

der Ruderkraft gewesen, ist freilich noch heute nicht hinlänglich

bekannt.

[Illustration: Fig. 107. Staatsschiff des Hiero von Syrakus.]

2. Die Schiffahrt des Mittelalters.

Unter den seefahrenden Völkern des Mittelalters verdienen in erster

Linie die +Normannen+ im Norden Europas Erwähnung. Vom achten bis zum

elften Jahrhundert finden wir sie in den europäischen Meeren als die

herrschenden „Seekönige“. Sie befuhren nicht allein Skandinaviens

Küsten, sie steuerten auch nördlich bis nach Archangel und östlich bis

nach Preußen und Esthland, und im Süden beschifften sie den westlichen

Teil des Mittelmeeres. Leute ihres Schlages waren es auch, welche (867)

nach Island kamen und es besiedelten, die unter Erich dem Roten (983)

Grönland entdeckten und im Jahre 1000, also ein halbes Jahrtausend

vor Kolumbus, Amerika fanden, und das alles ohne Kompaß und Karten

und mit sehr primitiven, wenig seetüchtigen Fahrzeugen. Die letzteren

hatten Segel und Ruder und führten infolge davon, daß sie in ihrer

ganzen Form die Gestalt eines Drachen oder einer Schlange zeigten, den

Namen „+Drachen+“. Ein solch historisches „Drachenschiff“ war das des

Seekönigs Olaf Trygvason, des Beherrschers von Norwegen, der um 780

einen Überfall auf die englische Küste vollführte, obwohl kurz vorher

König Alfred von England die „britische Flotte gegründet hatte“. Das

Schiff soll 35 m lang gewesen sein und 34 Ruderbänke besessen haben.

Es war also jedenfalls ein See-Ungetüm ganz außergewöhnlicher Art.

Kleinere Fahrzeuge hießen +Schnecken+.

[Illustration: Fig. 108. Drache.]

Deutschland errang sich im Mittelalter eine bedeutende Stellung

zur See durch die +Hansa+, deren Bund in der Blütezeit mehr als 70

Städte umfaßte, und deren Faktoreien bis nach dem äußersten Norden,

südwärts bis nach Italien, nach Westen bis an den Atlantischen Ocean

und gegen Osten weit nach dem Innern Rußlands vorgeschoben waren.

248 Kriegsschiffe mit einer Bemannung von mehr als 12000 Streitern

durchfurchten den Ocean und erzwangen dem deutschen Namen Achtung

und Ansehen. Leider hat es der Bund nicht verstanden, den durch

die transoceanischen Entdeckungen herbeigeführten wesentlichen

Veränderungen Rechnung zu tragen und seine Handelspolitik den neuen

Anforderungen gemäß umzugestalten, und da auch noch Streitigkeiten

innerhalb des Bundes ausbrachen, so begann gegen Ende des 14.

Jahrhunderts der Glanz der deutschen Seeherrschaft zu erblassen.

[Illustration: Fig. 109. Venetianische Galeere.]

Im Süden Europas lag die Herrschaft zur See erst in den Händen der

+Araber+; in der zweiten Hälfte des Mittelalters aber ging sie, und

zwar hauptsächlich infolge der durch die Kreuzzüge hervorgerufenen

regen Beziehungen mit dem Orient, an die +italienischen Freistaaten+

über, besonders an +Genua+ und +Venedig+. Letzteres besaß am Ende

des 14. Jahrhunderts eine Handelsflotte von nicht weniger als 3000

Schiffen. Alljährlich fuhr denn auch der Doge von Venedig mit allen

Senatoren am Himmelfahrtstage auf dem Prachtschiffe „+Bucentoro+“

ins Meer hinaus, um in dasselbe einen goldenen Ring zu werfen, zum

Zeichen der Vermählung mit dem Meere und der Herrschaft über dasselbe.

Es geschah dieser Akt bekanntlich zur Erinnerung an den denkwürdigen

Tag des Jahres 1177, an welchem der Doge Ziani in der Bucht von

Pirano (Istrien) die vereinigten Geschwader der Genuesen, Pisaner und

Friedrich Barbarossas vernichtete. Was den „Bucentoro“ betrifft, so war

derselbe circa 30 m lang und der Länge nach in zwei Stockwerke geteilt;

er besaß 43 Ruder, die von 168 Ruderknechten gehandhabt wurden. Der

obere Stock bildete den Saal für die Edlen, und in dem anstoßenden

kleinen, aber prachtvoll ausgeschmückten Thronsaal saß der Doge mit

seinen Räten und den fremden Gesandten. Der Schiffskörper war vom Kiele

bis zur Balustrade übermäßig reich dekoriert mit Blumenguirlanden,

Muschelmosaik, mythologischen Figuren u. s. w. Karyatiden trugen das

scharlachrote Samtdach, und auf den zwei langen Schiffsschnäbeln

waren Symbole der Herrschaft Venedigs über das Meer angebracht; ein

vergoldeter Mast trug das Banner der Republik.

[Illustration: Illustration: Fig. 110. Schiff des Kolumbus.

(Nach +Lindsay+, ~History of the Merchant Shipping~.)]

Die gewöhnlichsten Fahrzeuge der Mittelmeerstaaten waren die

+Galeeren+, d. i. Schiffe, welche Ruder und Segel zugleich gebrauchten.

Schiffe mit größerer Tragfähigkeit (bis zu 700 t) waren die +Carrequen+

und +Galeassen+. Zu besonderer Berühmtheit sind endlich noch die

+Caravellen+ gelangt, da auf solchen Kolumbus und seine Begleiter nach

Amerika fuhren. Diese Art von Schiffen hatte vier Masten, von denen

drei mit lateinischen Segeln versehen waren.

3. Die Schiffahrt der Neuzeit.

Gegen Ende des 13. Jahrhunderts war die Kompaßnadel, die vermutlich aus

China stammt, auch in Europa bekannt geworden. An ihre Erfindung knüpft

sich der größte Fortschritt in der Schiffführungskunst; denn erst

von da an war es möglich, bei Tag und Nacht zu segeln, und Nebel und

Regenwetter konnten nicht mehr wie ehedem den Seemann zur Unthätigkeit

zwingen. Ein Fall, wie jener der Pisaner, die zu Anfang des 12.

Jahrhunderts im Verein mit den Seeleuten von Lucca bei schönem Wetter

Blanes in Catalonien anliefen, in der Meinung, in Malorca zu sein, war

fortan ausgeschlossen. Allerdings gewahren wir im 13. Jahrhundert noch

eine gewisse Ängstlichkeit in der Schiffahrt, aber das Emporblühen

der italienischen Städte des Mittelalters, der immer regere Verkehr

im Mittelmeere und die Ausdehnung der Schiffahrt selbst jenseits der

Säulen des Herkules sind doch schon Folgen des Kompasses. Am meisten

jedoch kam derselbe zu statten den großen Reisenden im +Zeitalter der

Entdeckungen+. Letztere gingen vor allem von zwei Nationen aus: den

Portugiesen und Spaniern.

In +Portugal+ erwarb sich besonders +Prinz Heinrich+, genannt der

+Seefahrer+, große Verdienste um die Schiffahrt. Unter ihm entstand

die erste nautische Schule der Welt, und auf seine Veranlassung gingen

zahlreiche Expeditionen aus, die Westküste Afrikas zu erforschen. 1486

drang +Bartolomeo Diaz+ schon bis zum Kap der guten Hoffnung vor, und

1498 fand +Vasco de Gama+ den Seeweg nach Indien. Die höchste Blütezeit

der portugiesischen Seemacht fällt in die Zeit von 1495-1557.

Wie die Portugiesen sich nach Osten wandten, um den Weg nach Indien,

dem „Lande der Gewürze und des Goldes“, zu finden, so sehen wir die

+Spanier+ nach Westen ziehen. Auch der große, im Dienste Spaniens

stehende Genuese +Christoph Kolumbus+ wollte Kathai (China) und Zipangu

(Japan) auf dem Seewege finden, aber er entdeckte am 12. Oktober 1492

eine neue Welt -- Amerika. Von nun an folgt eine Entdeckung der andern,

und Spaniens Seemacht nimmt immer größern Aufschwung. Die berühmteste

spanische Flotte war die sogen. unüberwindliche +Armada+, die 1588 im

Kampfe mit England zu Grunde ging. Seit dieser Zeit hat Spanien auch

nie mehr die frühere Machtstellung zur See sich zu erringen gewußt.

Von den Männern, welche im Zeitalter der Entdeckungen der +nautischen

Wissenschaft+ große Dienste leisteten, seien besonders +Martin Behaim+

aus Nürnberg und +Gerhard Mercator+ aus Duisburg genannt. Ersterem

(gest. 1507) verdankt man, wenn auch nicht ganz, so doch in hohem

Grade, die Verbesserung des Astrolabiums, letzterer (gest. 1594) ist

der Erfinder der nach ihm benannten Projektion, nach der noch heute

alle Seekarten gezeichnet werden.

Den Portugiesen und Spaniern folgten in der Seeherrschaft zunächst

die +Niederländer+. Wie ehedem Venedigs Seemacht, so entstand auch

die holländische aus der Fischerei. Diese war Grundlage und Schule

für das Anwachsen der holländischen Schiffahrt, die den Namen des

kleinen Landes bald über alle Meere trug. 1599 schon brachte die

holländische Gesellschaft „Für die Ferne“ ein Handelsbündnis mit Indien

zu stande, und 1602 wurde die „Holländische vereinigte ostindische

Gesellschaft“ gegründet. Etwa zwei Jahrzehnte später erfolgte die

Errichtung der „Holländischen westindischen Kompagnie“ und der

„Nordischen Gesellschaft“, und zur leichtern Betreibung des Fischfanges

an der Neufundland-Bank und des Pelzhandels mit den Indianern wurden

auch am untern Hudson Kolonieen angelegt. Die Hauptstadt dieses

Gebietes war Neu-Amsterdam, das jetzige New-York. Die Blütezeit der

niederländischen Seemacht fällt in die Zeit von 1600-1650, wo sie über

70000 Handelsschiffe verfügte.

Den Grund zur Seeherrschaft +Englands+ legte die Königin Elisabeth

(1558-1603). Das ganze Sinnen und Trachten dieser Regentin galt der

Hebung der Schiffahrt. In ihre Zeit fällt denn auch die Weltumsegelung

Drakes, der Beginn der nordischen Entdeckungsfahrten, das traurige

Ende der unüberwindlichen Armada Philipps II., sowie die Gründung

der ostindischen Kompagnie. Ganz besonders wurde der Aufschwung

der britischen Handelsflotte durch die unter Oliver Cromwell 1651

erlassene +Navigationsakte+ gefördert, laut welcher die in englische

Häfen einlaufenden fremden Fahrzeuge nur solche Erzeugnisse einführen

durften, die ihren Ursprung im eigenen Lande hatten. Am härtesten

wurden hierdurch die Niederländer betroffen, die bis dahin gerade aus

dem Zwischenhandel den größten Nutzen gezogen. In dem nun zwischen

Holland und England ausbrechenden Kriege vermochten auch die Ruyter

und Tromps die Bestimmung des Schicksals nicht aufzuhalten. Das stolze

Holland wurde besiegt und geschlagen. England aber glänzt seit jener

Zeit als die erste Seemacht der Erde, und noch immer gilt das Wort:

~Britannia rule the waves~.

Die großartigste Pflege wurde seitens der Engländer auch den

+nautischen Wissenschaften+ zu teil. Von +Halley+ wurden Oktant und

Sextant erdacht und konstruiert, +Harrison+ erfand die Zeitmesser

(See-Uhren, Chronometer), und der deutsche Astronom +Tobias Meyer+ hat

auf Veranlassung Englands die für die Bestimmung der geographischen

Länge so wichtigen Mondtafeln berechnet.

Die +französische+ Seemacht nahm besonders im 17. Jahrhundert durch

den berühmten Minister +Colbert+ einen sehr bedeutenden Aufschwung;

die Größe der englischen oder holländischen Flotte vermochte sie indes

nicht zu erreichen.

Seit 1783 sind auch die +Vereinigten Staaten von Amerika+ unter die

seefahrenden Nationen getreten.

+Deutschland+ war seit dem Verfall des Hansabundes aus den Reihen der

Seemächte gewichen und blieb es auch bis fast in unsere Tage. Den

einzigen Lichtpunkt in der ganzen neuern Geschichte unseres Vaterlandes

bilden in dieser Beziehung die Unternehmungen des +großen Kurfürsten

Friedrich Wilhelm I.+ (1640-1688) +von Brandenburg-Preußen+. Der

geniale Herrscher hatte nämlich seine Jugend in den Niederlanden

zugebracht und dort die Wichtigkeit des Seewesens kennen gelernt.

Nach seiner Thronbesteigung ließ er es sich daher eifrigst angelegen

sein, eine preußische Flotte zu gründen. Königsberg wurde Kriegshafen,

und unter dem Befehl des brandenburgischen Admirals Cornelius Klaus

von Beveren kreuzte eine Flotte im Golf von Mejico, wo siegreiche

Gefechte gegen die Spanier geliefert wurden. Auch Kolonialprojekte

tauchten auf, und in der That legte der Kammerjunker Otto Friedrich

von der Gröben 1683 an der Goldküste von Afrika ein Fort an, das er

„Groß-Friedrichsburg“ taufte. Ebenso wurde unter Friedrich Wilhelm

der Sitz der Flotte, da sich die Ostsee für deren Entwicklung nicht

günstig erwies, nach Emden an der Nordsee verlegt. Mit dem Tode des

Großen Kurfürsten zerfiel jedoch sein Werk, und die afrikanischen

Kolonieen gingen an die Holländer verloren. Erst 1848 erwachte wieder

das Bedürfnis, eine Kriegsflotte zu besitzen, und bald schwamm auch ein

kleines Geschwader, die +Deutsche Reichsflotte+, auf dem Meere; aber

nur kurze Zeit währte dieser Aufschwung, denn schon im Herbste 1852

verkündigte der verhängnisvolle Hammerschlag des Flottenauktionators

Hannibal Fischer den Verkauf der deutschen Kriegsschiffe. Auch das ist

anders geworden seit den großen Jahren 1870/71. In ehrfurchtgebietender

Macht durchkreuzt heute die „+Kaiserlich Deutsche Marine+“ den Ocean,

und auch die deutsche Handelsschiffahrt ist in mächtigem Aufschwunge

begriffen, seit die Flagge des Kaiserreichs an der Gaffel des deutschen

Kriegsschiffs weht.

Was die +technische+ Seite des Schiffswesens in dieser Periode

betrifft, so wurde nun mehr und mehr das +Segel+ das +einzige+ Mittel

der Schiffsbewegung; man hat daher die Zeit von 1500 bis ca. 1840 auch

die +Periode der wirklichen Segelschiffe+ genannt. Die +neueste+ Zeit

hat an die Stelle des Windes als zuverlässigern und stärkern Motor den

+Dampf+ gesetzt, die treibende Kraft der modernen Industrie. Seine

Nutzbarmachung hat bekanntlich auf dem maritimen Gebiet eine völlige

Umwälzung hervorgerufen.

Drittes Kapitel.

Geschichte der Dampfschiffahrt[162].

Der erste Versuch, ein Schiff durch Dampfkraft fortzubewegen, soll

nach spanischen Überlieferungen bereits im Jahre 1543 von +Blasco

de Garay+ im Hafen von Barcelona ausgeführt worden sein. Laut der

angeblich im Archiv von Simancas aufgefundenen Urkunde hatte das

Schiff 20 t Gehalt und wurde durch Schaufelräder getrieben. Mac Gregor

hat indes nachgewiesen, daß hier ein Mißverständnis vorliegt und

nur von Experimenten in dem Sinne die Rede sein kann, Schiffe durch

Schaufelräder mittels +Handbetriebs+ in Bewegung zu setzen. Das erste,

tatsächlich durch Dampfkraft bewegte Schiff war jenes auf der Fulda,

welches der Franzose +Denis Papin+ 1707 erbaute; als sich jedoch Papin

mit seinem Schiff auf die Weser wagte, wurden Schiff und Maschine von

den Schiffern, die durch das Dampfboot ihr Gewerbe für bedroht hielten,

zerstört. Papin selbst flüchtete nach England, wo er 1714 mittellos

starb. Weitere Versuche auf diesem Felde machten die Engländer

+Savery+ († 1716), +Dickens+ und +Hull+; dieselben führten indes zu

keinem Resultate. Im Jahre 1753 setzte dann die Pariser Akademie der

Wissenschaften einen Preis auf die Erfindung eines Mechanismus, durch

welchen man die Kraft des Windes ersetzen könnte. Nachdem sich mehrere

Gelehrte um die Lösung dieses Problems vergeblich bemüht hatten,

erhielt +Bernoulli+ den Preis, der bewies, daß nach dem damaligen

Stande der Wissenschaften die Erfindung eines solchen Mechanismus

unmöglich sei.

Um 1770 beschäftigten sich die französischen Offiziere Graf +d’Auxiron+

und Chevalier +Monin de Follenai+ bei der Schwaneninsel nächst Paris

mit Dampfschiffahrtsversuchen, ohne zu wissen, daß ein gewisser

Marquis +Jouffroy+ dieselben Ideen verfolge und vorläufig die hierzu

nötigen Kapitalien ansammle. Die beiden Offiziere hatten schon ein

fertiges Dampfschiff hergestellt, als ihnen das unglückliche Los des

Papin zu teil wurde. Eines Morgens fanden sie das Schiff zerstört, und

zur weitern Ausführung ihrer Projekte fehlten ihnen die Geldmittel.

D’Auxiron nahm sich das Mißlingen seiner Sache, von welcher er den

besten Erfolg erwartete, derart zu Herzen, daß er aus Gram darüber

starb. Unterdessen hatte +Jouffroy+ eine genügende Summe Geldes

gefunden und ein Dampfschiff gebaut; die diesbezüglichen Experimente,

auf der Seine ausgeführt, mißlangen jedoch völlig. Jouffroy zog

sich nun nach seiner Heimat Baume-les-Dames (am rechten Ufer des

Doubs) zurück und setzte hier seine Versuche fort, indem er sich mit

unzulänglichen Werkzeugen und der plumpen Arbeit eines ländlichen

Grobschmieds behalf. Am 15. Juli 1783 fand auf der Saône in Gegenwart

einer Zuschauermenge von 10000 Personen das erste Experiment mit dem

von ihm konstruierten Radschiff statt. Nachdem der Versuch vollständig

gelungen und man sich überzeugt hatte, daß jenes Schiff, gegen die

Strömung fahrend, eine ansehnliche Geschwindigkeit erreiche, wollte

Jouffroy sofort eine Dampfschiffahrts-Gesellschaft gründen. Der Umstand

aber, daß die Probe nicht in Paris vorgenommen wurde, diente der

Pariser Akademie zum Vorwande, mit ihrer Beurteilung zurückzuhalten,

und ebenso der Regierung, die Verleihung des vom Erfinder nachgesuchten

Monopols zu verweigern. Verarmt und entmutigt, gab dieser endlich alle

Hoffnung auf, seine Pläne jemals durchführen zu können, und trat wieder

in die Armee ein. 1816 machte Jouffroy nochmals einen erfolglosen

Versuch; 1830 starb er im Invalidenhause zu Paris.

Auch in England hatte unterdessen das unverminderte Interesse an der

Einführung der Dampfschiffahrt zahlreiche Experimente veranlaßt. +James

Taylor+ hatte erkannt, daß die Dampfmaschine die einzige geeignete

Bewegungskraft für Schiffe wäre, und riet dem Ingenieur +Patrick

Miller+, sich der Sache anzunehmen. Letzterer ging auf den Vorschlag

ein und ließ durch den Ingenieur +William Symington+ eine kleine

Schiffsmaschine bauen. Die Versuche fielen zur größten Befriedigung

aus; das Boot legte per Stunde 5 Meilen zurück. Ermutigt durch

diesen Erfolg, ließ Miller 1789 ein größeres Dampfschiff bauen. Die

Schaufelräder desselben waren aber zu leicht, so daß sie schon bei

der ersten Probe brachen. Sie wurden deshalb durch stärkere ersetzt,

und im Dezember 1789 legte das Boot in der Stunde 7 Meilen zurück.

Miller scheint indes, wie mancher andere Erfinder, das Interesse

an der Sache verloren zu haben, sobald ein Erfolg erreicht war; er

ließ das Projekt fallen und widmete sich dem Landbau. Um so eifriger

beschäftigte sich der Ingenieur Symington mit der Sache. Lord +Dundas+,

einer der reichsten Pairs, stellte ihm auch seine riesigen Kapitalien

zur Verfügung, und 1802 bereits war das erste Boot, das Symington

für Dundas baute, und welches als das +erste+ wirklich praktische

Dampfschiff angesehen wird, zur Probe fertig. Einer Tochter des Lords

zu Ehren erhielt es den Namen „Charlotte Dundas“. Die Probe selbst

wurde im März des Jahres 1802 vorgenommen und ergab ein sehr günstiges

Resultat. Das Schiff legte in 6 Stunden 20 Meilen zurück und das bei

widrigem Winde; dabei hatte das Schiff zwei Lastboote von je 70 t

geschleppt. Lord Dundas trug nun die Angelegenheit dem Herzog von

Bridgewater vor, und dieser erteilte auch Symington den Auftrag, acht

Boote wie die „Charlotte Dundas“ für seinen Kanal zu bauen. Der Tod des

Herzogs verhinderte jedoch die Ausführung der Bestellung, und Symington

gab sein Projekt verzweifelnd auf.

In Amerika hatte bereits 1784 +James Rumsey+ auf die Bewegung von

Riemen (Rudern) durch Dampf ein Patent vergeblich erstrebt; er ging

deshalb nach England, sah sich dort aber schon überflügelt.

Wenige Jahre später erhielt +Fitch+ in den Staaten Pennsylvanien

und New-York das ausschließliche Recht, Dampfer auf den dortigen

Gewässern einzustellen. Er fand jedoch für seine Unternehmungen keine

Unterstützung und ertränkte sich, in Armut und Verzweiflung geraten,

1798 im Alleghany. Nach seiner letztwilligen Verfügung wollte er am

Ufer des Ohio begraben sein, „wo der Gesang des Schiffers die Stille

seiner Ruhestätte beleben und die Musik der Dampfmaschine seinen

Geist beruhigen werde“. Fast wie eine Prophezeiung klingt jetzt sein

wiederholter Ausspruch: „Es wird ein Tag kommen, wo ein Mächtigerer

Ruhm und Reichtum durch meine Erfindung ernten wird; allein niemand

will glauben, daß der arme Fitch etwas Beachtenswertes zu leisten

vermag.“ Vor seinem Tode übergab er seine Pläne und Skizzen der

philosophischen Gesellschaft in London, damit, wenn sich ein anderer

finden sollte, der den Mut hätte, sich jener Sache anzunehmen, er von

Fitchs Wahrnehmungen Nutzen ziehen könne.

[Illustration: Fig. 111. Robert Fulton.]

Auch die Versuche +Cox Stevens+ aus New-York verliefen, ebenso wie

die +Samuel Moreys+ aus Connecticut, resultatlos. 1786 baute dann

der Amerikaner +Oliver Evans+ einen Kessel für sehr hohen Druck und

experimentierte damit auf dem Delaware; aber erst +Robert Fulton+ war

es, der 1807 das schwierige Problem glücklich löste.

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 28 / 50 段