Jede größere Bahn besitzt noch andere, aber nur bei außerordentlichen

Anlässen in Gebrauch kommende Wagen, die eine sinnreiche Vereinigung

von +Hotel+-, +Schlaf+- und +Personenwagen+ sind. Ein solcher Wagen

enthält eine für kleinere Gesellschaften bestimmte vollständige

Hoteleinrichtung: Salon, Schlafzimmer, Küche mit Eisbehälter und zwei

mit der Bezeichnung ~For Ladies~ versehene elegante Verschläge, sowie

einen großen Arbeitstisch und ein Büchergestell.

Schließlich bestehen noch die gleichfalls nur in besonderen Fällen zur

Verwendung gelangenden +Aussichtswagen+ (~observation-cars~), deren

Einrichtung darauf berechnet ist, den Reisenden einen möglichst freien

Blick auf das zu durchfahrende Terrain genießen zu lassen[154].

Begründet sind die erwähnten vortrefflichen Einrichtungen der Wagen in

der Länge der Reisen und in der Unwirtlichkeit der Gegenden, die zu

durchfahren sind.

Auf allen größeren westlichen Bahnen, sowie auf allen Bahnen in

Kalifornien sind in geeigneten Zwischenräumen +Speisestationen+

eingerichtet, um den Reisenden wenigstens dreimal täglich die

Möglichkeit zu geben, während eines Aufenthaltes von 20-30 Minuten in

schönen, hohen und luftigen Speisesälen für den Preis von einem Dollar

eine ordentliche Mahlzeit einzunehmen.

Das +Zugpersonal+, dessen äußere Erscheinung eine durchweg anständige

ist, tritt im allgemeinen sicher, aber dabei höflich gegen die

Reisenden auf[155]. Die Bevormundung der letzteren durch den Zugführer

oder das übrige Begleitpersonal ist in Amerika ganz unbekannt. Das

wiederholte Mahnen zum Einsteigen, das Ausrufen der Stationsnamen

und der Aufenthaltsdauer an den einzelnen Stationen wird man niemals

hören. Der Reisende empfängt, nachdem er den Zug bestiegen hat, von dem

den Fahrschein durchlochenden Schaffner einen „Zwischen-Fahrschein“

(~intermediate ticket~), einen schmalen, farbigen Karton von etwa 5-6

cm Länge, dessen Rückseite mit den Namen aller jener Stationen bedruckt

ist, auf welchen der Schaffner den Zug begleitet.

Die in Deutschland so beliebten +Retour+- und +Rundreise-Fahrscheine+

sind im Osten der Vereinigten Staaten so gut wie unbekannt; dagegen

finden westlich vom Missouri die Retour- und Rundreise-Fahrscheine in

der Zeit vom 1. Mai bis 31. Oktober mehr und mehr Eingang.

Das auf den +Bahnhöfen stationierte Eisenbahnpersonal+ versieht den

Dienst ohne Uniform, der Bahnhof-Inspektor ist daher nicht ohne

weiteres kenntlich. -- Eine Verspätung der Züge, sowie die mutmaßliche

Dauer ihres Ausbleibens wird an den Bahnhöfen nicht bekannt gegeben.

Das Fehlen einer dahin gehenden Vorschrift macht sich in Amerika um so

fühlbarer, als bei den großen von den Zügen zu durchlaufenden Strecken

Verspätungen, die sich auf Stunden belaufen, nicht zu den Seltenheiten

gehören.

Seit Anfang 1884 ist in den +Vereinigten Staaten+ eine +neue

Eisenbahnzeit+ eingeführt. Das System, auf dem diese Neuerung beruht,

ist auf folgendem basiert[156].

Die allgemeine Zeitrechnung beruht bekanntlich auf der Umdrehung der

Erde um ihre Achse, und die Zeit einer solchen Umdrehung ist in 24

Abschnitte, Stunden genannt, eingeteilt. Ferner ist der Umkreis der

Erde zur Messung der Entfernungen von Ost nach West in 360 gleiche

Teile geteilt, sogen. Längengrade, so daß also ein bestimmter Punkt

der Erdoberfläche in 24 Stunden alle 360 Längengrade durchwandert. Auf

dieser Rechnung beruht nun auch die neue Eisenbahnzeitrechnung, als

deren Grundlage die Zeit der Greenwich-Sternwarte in London (England),

durch welche der Nullmeridian läuft, angenommen worden ist.

Das Gebiet des nordamerikanischen Kontinents, für welches die neue

Zeitrechnung gilt, ist in fünf verschiedene Distrikte von je 15

Längengraden eingeteilt, und für jeden Distrikt gilt diejenige

Zeit, welche durch den ihn in der Mitte durchschneidenden Meridian

bedingt ist. Die Zeiten dieser fünf Distrikte sind um je eine Stunde

verschieden.

Für den am weitesten östlich gelegenen Distrikt ist der 60.

Meridian maßgebend, und da dieser um 60 Längengrade westlich vom

Greenwich-Observatorium liegt, so ist die für diesen Distrikt

geltende Zeit um vier Stunden hinter der Greenwich-Zeit zurück.

Der Distrikt umfaßt die kanadischen Provinzen Neu-Schottland und

Neu-Braunschweig, und die für denselben geltende Zeit heißt fortan die

+Internationalzeit+.

Der zweite Distrikt, der vom 75. Meridian durchschnitten wird, umfaßt

die Neu-England-Staaten, New-York, Pennsylvanien und die Staaten

südlich von Pennsylvanien. Die für denselben geltende Zeit ist um fünf

Stunden hinter der Greenwich-Zeit zurück und heißt die +östliche Zeit+.

Die Zeit des dritten Distrikts, welche durch den 90. Meridian bedingt

wird, um sechs Stunden hinter der Greenwich-Zeit zurückliegt und

+Centralzeit+ heißt, ist maßgebend für die Staaten Illinois, Ohio,

Indiana, Missouri, Kansas und die südlich und nördlich davon liegenden

Staaten.

Für den vierten Distrikt gilt die +Bergzeit+ (~mountain time~), welche

um sieben Stunden hinter der Greenwich-Zeit zurückliegt und durch den

105. Meridian bedingt wird. Der Distrikt umfaßt die Bahnen westlich vom

Missouri-Fluß, das heißt den Staat Colorado, den größten Teil von Utah

und die südlich und nördlich davon liegenden Staaten und Territorien.

Der fünfte Distrikt endlich, für welchen die +Pacific-Zeit+ gilt, die

um acht Stunden hinter der Greenwich-Zeit zurück ist und durch den

120. Meridian bedingt ist, umfaßt das Gebiet an der Pacific-Küste,

die Staaten Nevada, Kalifornien, Oregon, Washington und die westliche

Hälfte von Idaho.

Für alle in dem betreffenden Distrikt liegenden Orte gilt die gleiche

Zeit, und sobald man einen Distrikt weiter westlich rückt, geht die

Zeit um eine Stunde zurück.

Wie die +äußere+ Erscheinung des Eisenbahnwesens Amerikas wesentliche

Unterschiede zeigt gegenüber dem europäischen, so ist auch die

+innere+ Physiognomie desselben von der des europäischen beträchtlich

verschieden. Es sei in dieser Beziehung vor allem daran erinnert,

daß das Eisenbahnwesen der Union aus freier Initiative des Volkes

hervorging und ohne militärische und administrativ-politische Einflüsse

sich entwickelte.

Nicht unerwähnt soll ferner bleiben, daß Amerika nicht bloß die

+längsten+, sondern auch die +höchsten+ und +tiefsten Bahnen der

Erde hat+. Abgesehen von den schon besprochenen südamerikanischen

Bergbahnen, sind die höchsten Bahnen in Colorado, wo die

Denver-South-Park- und Pacific-Eisenbahn den Kenosha-Paß in einer Höhe

von 3091 m überschreitet. Mit der Denver- und Rio-Grande-Bahn fährt

man über den 2847 m hohen La-Veta-Paß, und die Colorado-Central-Bahn

steigt hinan zu den Städten Georgetown, 2577 m hoch, und Central City,

2530 m hoch. Im Bau begriffen ist in Colorado sogar eine Bahn auf den

Pike’s Peak (4300 m). Dieser Staat hat, nebenbei bemerkt, auch das

großartigste schmalspurige Eisenbahnsystem ganz Nordamerikas, und

ebenso werden nirgends auf der Erde solche +Schluchten+ von Eisenbahnen

durchzogen wie in Colorado (Fig. 100). Mit der Union-Pacific-Bahn

erreicht man die 2512 m über dem Meere in Wyoming gelegene Station

Sherman, und die Central-Pacific-Bahn überschreitet die Sierra Nevada

in einer Höhe von 2146 m über dem Meere. Andererseits fährt man auf

der Süd-Pacific-Bahn im südlichen Kalifornien bis zu 266 Fuß unter den

Meeresspiegel hinab und auf einer Strecke von 61 englischen Meilen (=

98 km) durch +unter+ der Meeresoberfläche gelegene Gegenden.

Charakteristisch ist endlich für das Verkehrswesen der Union die

+Monopolherrschaft+. So besitzen einzelne der Eisenbahngesellschaften

ein Eigentum im Werte von fast 1000 Mill. Dollars, was etwa einem

Drittel der gesamten Bundesschuld gleichkommt, und ebenso großartig

ist das Vermögen einzelner sogenannter +Eisenbahnkönige+, wie der

+Vanderbilts+, +Jay Goulds+, +Huntingdons+, +Garrets+ und +Roberts+.

[Illustration: Fig. 100. Schmalspurige Eisenbahn im Arkansas Cañon.]

Wenn nun auch die Einflüsse, welche die geographische Lage und

die Physis der Länder auf die technische und administrative

Physiognomie ihrer Eisenbahnsysteme ausüben, in jenen großen

Bereichen, in welchen diese zu +hoher Entwicklung+ gelangten, am

unverkennbarsten hervortreten, so entbehren doch auch die +Anfänge+

von Eisenbahnnetzen, wenn sie nur in Gegenden von ausgesprochenem

geographischem Charakter liegen, jener physiognomischen Züge nicht,

welche sie als Produkte ihrer Gegend kennzeichnen. In Indien z. B.

mußten im Hinblick auf die tropischen Regen, die Gewalt der Tornados

und die raschen Stromschwellungen für die Tracierung der Bahnen neue

Principien zur Anwendung kommen.

So erscheint das Eisenbahnsystem eines jeden geographisch bestimmt

charakterisierten Bereichs ebenso als Produkt von dessen natürlichen

Verhältnissen, wie seine Fauna und Flora; nur daß dort der

Menschengeist als gestaltender Vermittler zwischen die Naturbedingungen

und ihr Erzeugnis tritt.

IV.

Schiffahrt.

Erstes Kapitel.

Die Anfänge der Schiffahrt[157].

Der Ursprung der Schiffahrt verliert sich bis in die graue Zeit der

Mythe. Alle Nachforschungen, denjenigen ausfindig zu machen, der

zuerst die Idee erfaßte und ausführte, sein Leben einem schwimmenden

Gegenstande anzuvertrauen, blieben fruchtlos. Trotzdem fehlt es uns

nicht an Mitteln, uns über die Entwicklung dieser Kunst näher zu

unterrichten; denn noch heute sind bei den Naturvölkern vielfach die

rohesten Formen von Flößen und Booten im Gebrauch.

Die einfachste Form des Floßes bildet eine Kokosnuß, wie sie z. B.

auf den Südsee-Inseln die Kinder mit ins Wasser nehmen, oder das

„hölzerne Pferd“ des Hottentotten, d. h. ein schwimmender Weidenstamm,

auf den er sich setzt, wenn er mit seinen Ziegen einen Fluß passiert.

In Australien kommen die Eingeborenen an unsere Schiffe heran,

rittlings auf Baumstämmen sitzend, die an einem Ende zugespitzt sind,

und mit den Händen rudernd, und in Kalifornien bedienen sich die

eingeborenen Fischer eines Bündels Binsen, die in Form einer Hängematte

zusammengebunden sind. So roh nun diese Vorrichtungen auch sind, so

beweisen sie doch, daß die Verfertiger bereits den Vorzug erfaßten, den

ein +zugespitztes+ Fahrzeug vor einem Baumstamm mit +stumpfem+ Ende

besitzt.

[Illustration: Fig. 101. Rindenkahn der Australier.

(Aus +Hellwald+, Naturgeschichte des Menschen. Bd. I. Verlag von W.

Spemann.)]

Ein Fortschritt der Schiffahrt ist es -- und wir finden denselben

in allen Teilen der Erde --, wenn das Floß ausgehöhlt wird; dessen

Schwimmkraft wird hierdurch gesteigert, es wird zum +Boot+. Das

einfachste Boot wird erzeugt durch Aushöhlen eines Baumstammes.

Für Wilde, die nur mit Steinäxten versehen sind, ist dies jedoch,

besonders wenn das Holz hart ist, eine sehr mühsame Arbeit. Sie nehmen

daher oft Feuer zu Hilfe, indem sie den Baumstamm an der Stelle, an

welcher er ausgehöhlt werden soll, anzünden und das brennende Holz

weghauen. Kolumbus sah solche Fahrzeuge in Westindien, und zwar

von einer Größe, daß er darüber höchlich erstaunt war. In manchen

dieser Kanoes war nach seinen Briefen für 70 bis 80 Ruderer Raum.

Die Spanier nahmen den haitischen Namen ~canoa~ an, aus welchem das

englische Wort ~canoe~ entstand. Solche Boote waren indes nicht nur in

Amerika, sondern auch in anderen Ländern bekannt. Auch in Europa waren

sie in der vorhistorischen Zeit sehr verbreitet, wie die aus Torf-

und Sand-Ablagerungen ausgegrabenen und in den Museen aufbewahrten

Exemplare beweisen. Selbst der lateinische Name für Kahn, ~scapha~,

der dem griechischen ~skaphê~[158] entspricht, ist ein Beweis für die

Thatsache, daß in alter Zeit Boote durch Aushöhlen von Baumstämmen

verfertigt wurden; ja sogar die englischen Worte ~skiff~ (Kahn) und

~ship~ (Schiff), sowie das deutsche Wort +Schiff+, die offenbar

mit ~scapha~ zusammenhängen, erinnern uns an diesen Ursprung der

Schiffsbaukunst. -- In sehr einfacher Weise verfertigen die Australier

Boote, indem sie ein Stück von der Rinde eines gewissen Baumes ablösen

und es an den Enden zusammenbinden. Soll dasselbe mehr als einmal

gebraucht werden, so werden die Enden zusammengenäht, und im Innern

werden Querstäbe eingesetzt, um die Form des Bootes zu erhalten.

Dieses +Rindenboot+ ist auch in Asien und Afrika bekannt und erreicht

seine höchste Ausbildung in Nordamerika. Hier besteht es aus einem

Gerüst aus Cedernholz, welches mit Birkenrinde bedeckt ist, deren

einzelne Teile mit faserigen Cedernwurzeln zusammengenäht werden.

Solche Boote sind noch in der Umgebung der Hudsons-Bai und in anderen

Gegenden im Gebrauch, da sie sich besonders für die Fahrt auf solchen

Flüssen eignen, wo Boot und Ladung zur Umgehung von Stromschnellen

oder, um von einem Flusse zu einem andern zu gelangen, zuweilen auf

dem Lande weiterbefördert werden müssen. Ganz ähnliche Boote wie diese

werden auch aus +Tierhäuten+ verfertigt. Nordamerikanische Indianer

benützen zuweilen beim Übersetzen über einen Fluß Boote, die aus

denselben Häuten bestehen, die sonst ihre Zelte bilden. Nicht viel

höher als diese stehen die in Mesopotamien gebrauchten, aus gebogenen

Zweigen und Häuten verfertigten runden Boote, sowie die tragbaren

Lederboote der alten Briten. Noch heute benutzen die Fischer am

Severn und Shannon tragbare Boote, die zwar ein vollkommeneres Gerüst

besitzen als die alten, und die nicht mehr mit Häuten, sondern mit

geteertem Segeltuch bedeckt sind, die aber noch gänzlich die alte

Form aufweisen. Die Kajaks der Eskimos bestehen aus einem Gerüst aus

Knochen oder Treibholz, das in der Weise mit Seehundfellen überzogen

ist, daß nur auf Deck eine Öffnung bleibt, in welcher der Kajaker

sitzt. Was Sicherheit und Schnelligkeit der Bewegung betrifft, so

leisten diese Kajaks das Unglaubliche. Sie bilden eine Art wasserdichte

Rettungsboje, die nicht leicht aus der Gleichgewichtslage zu bringen

ist, selbst wenn der Ruderer sich nach einer Seite überneigt. Briten

und Amerikaner, diese gründlichen Kenner der Seefahrzeuge, reden

deshalb mit Bewunderung, mit Neid sogar von dem Eskimo, der mit seinem

Doppelruder und den Gleichgewichtskünsten eines Seiltänzers seinen

Kajak über die rauhen Wogenkämme hüpfen läßt. Unsere modernen sogen.

Kanoes sind Nachahmungen dieser Boote in Holz.

[Illustration: Fig. 102. Eskimo im Kajak.]

Sobald in dem ausgehöhlten Baumstamm ein Brett als eine Art Deck

angebracht wird, oder wenn das ganze Fahrzeug aus Brettern hergestellt

wird, die anstatt der Häute oder der Rinde auf die Rippen genäht

werden, so kommt dasselbe in seinem Bau unseren modernen Schiffen

schon näher. Von Afrika bis in den malayischen Archipel bildeten und

bilden zum Teil bis auf den heutigen Tag solche +genähte+ Boote das

Hauptverkehrsmittel der Eingeborenen. Die Kanoes der Südsee-Inseln

z. B., die in einer Weise durch Kokosnußfaser zusammengefügt sind,

daß man die Fugen kaum bemerkt, bilden ein wahres Wunder barbarischer

Zimmerkunst. Im Golf von Oman setzen die Eingeborenen, mit Werkzeugen

versehen, auf die Kokosnußinseln über, fällen einige Palmen,

verarbeiten das Holz zu Planken, nähen dieselben mit Seilen zusammen,

die sie aus dem Bast anfertigen, machen aus den Blättern Segel, beladen

die neuen Boote mit Kokosnüssen und kehren mit ihnen nach dem Festlande

zurück.

Werfen wir auch einen Blick auf die +Ruderflöße+! -- Zwei oder drei

miteinander verbundene Stämme bilden bekanntlich ein +Floß+. Dasselbe

hat trotz seiner schwerfälligen Bewegung den Vorteil, daß es nicht

umschlägt und eine schwere Ladung zu tragen vermag. Auch diese Art

von Fahrzeugen tritt bei den Völkern schon sehr frühzeitig auf.

Zur Zeit der Entdeckung Perus trafen die Spanier zu ihrem großen

Erstaunen bereits ein Floß an, mit welchem die Eingeborenen den Ocean

befuhren, und das durch ein Segel gelenkt wurde. Die Flöße, welche den

Euphrat und Tigris herab Waren befördern, werden durch aufgeblasene

Schafshäute schwimmend erhalten. Am Ende der Reise wird das Floß

auseinandergenommen und das Holz verkauft, so daß nur die leeren

Schafshäute zurücktransportiert werden müssen. Auf dem Nil braucht man

anstatt der Schafshäute irdene Gefäße, die am Ziel der Reise ebenfalls

verkauft werden, so daß gar nichts zurücktransportiert zu werden

braucht. Flöße von Zimmerholz, welche, wie auf dem Rhein, die Flüsse

herabgeführt werden, läßt man einfach durch den Strom treiben. Wenn

aber ein Floß durch Ruder oder Segel bewegt werden soll, so leistet

es einen bedeutenden Widerstand. Die Fidschi-Insulaner, sowie die

Bewohner anderer Inseln machten nun die Erfahrung, daß ein aus zwei

durch Querbalken verbundenen Stämmen gebildetes und mit einer erhöhten

Plattform versehenes Floß leichter zu bewegen sei. Diese Beobachtung

hat wahrscheinlich die Veranlassung zur Erfindung der sogen. +Ausleger+

gegeben, die im alten Europa bekannt waren und auf den Inseln des

Stillen Oceans jetzt noch allgemein in Gebrauch sind. Einer der beiden

ursprünglichen Stämme ist zum Kanoe geworden, während der andere als

sogenannter Ausleger durch Querbalken mit dem Fahrzeug verbunden

ist, um ein Umschlagen desselben bei stürmischem Wetter unmöglich

zu machen. Auch beide Stämme können in Kanoes umgewandelt und die

Plattform beibehalten sein. So entsteht das polynesische Doppelkanoe

oder die polynesische Doppelpirogue. Vor nicht langer Zeit wurde der

Versuch gemacht, diese Idee in der Konstruktion eines Doppeldampfers zu

verwerten, welcher für die Überfahrt zwischen Dover und Calais dienen

sollte.

[Illustration: Fig. 103. Doppelpirogue der Fidschi-Insulaner.]

Was die +Fortbewegung der Boote+ betrifft, so lehrt uns der Australier,

der auf seinem zugespitzten Stamm sitzt und mit den Händen rudert, oder

der Fischer am obern Nil, der auf einem Bündel Halmen sitzt und sich

durch Treten mit den Füßen vorwärtsbewegt, deutlich genug, in welcher

Weise das +Ruder+ erfunden wurde. Das einfachste hölzerne Ruder, das

in seiner Form die flache Hand oder den Fuß nachahmt, deren Arbeit es

zu verrichten bestimmt ist, ist den Wilden wohl bekannt, die in der

Regel ein einfaches Ruder mit einem blatt- oder schaufelförmigen Ende

benutzen. Das an beiden Enden erweiterte Ruder, welches unsere Ruderer

von den Eskimos entlehnt haben, ist bereits eine verbesserte Form. Dies

in freier Hand geführte Ruder ist für Rindenkanoes oder ausgehöhlte

Baumstämme das zweckmäßigste. Für größere Fahrzeuge ist dagegen ein

Ruder, welches gegen den Rand des Bootes angelehnt wird und als Hebel

wirkt, bei weitem vorzuziehen, da bei diesem die Kraft des Ruderers

besser ausgenutzt wird und der Stoß desselben ein gleichmäßigerer ist.

Der große Unterschied in der Kenntnis mechanischer Principien tritt uns

deutlich entgegen, wenn wir ein Kanoe der Südsee-Inseln mit zwanzig das

Wasser schaufelnden Insassen mit einem unserer achtsitzigen Ruderboote

vergleichen. -- Die einfachste Form des +Segels+ ist vielleicht

diejenige, welche wir in einer Skizze von +Catlin+ abgebildet finden.

Eine Anzahl nordamerikanischer Indianer steht in Kanoes, und jeder von

ihnen hält mit ausgebreiteten Armen eine Decke, die mit ihrem untern

Ende an seinem Bein befestigt ist, gegen den Wind. Das einfachste

wirkliche Segel besteht aus einer Matte oder einem Tuch, das unten

befestigt ist und an den oberen Ecken von zwei Stäben gehalten wird

oder an einer aufrechten Stange mit einem Querstab, Mast und Rahe in

ihrer einfachsten Form, festgemacht ist. Bei niederen Stämmen vermissen

wir den Gebrauch des Segels so allgemein, daß wir annehmen müssen,

sie seien mit demselben nicht bekannt gewesen. Durch die Anwendung

des Segels wird nämlich mit einem sehr geringen Aufwand von Mühe eine

so bedeutende Arbeit geleistet, daß wir nicht annehmen können, die

Kunst des Segelns sei bei irgend einem Volke bekannt gewesen, aber in

Vergessenheit geraten. Wahrscheinlich wurde das Segel erst in einer

Periode vorgeschrittener Civilisation erfunden.

Im Vergleich zu den vielfach sehr primitiven Fahrzeugen der wilden

Völker bekundet die Schiffsbaukunst der Gegenwart freilich die

großartigsten Fortschritte; allein auch an den modernen Seeriesen

erkennen wir noch deutlich genug, wie sie sich nur durch allmähliche

Umformungen aus dem einfachen Kanoe entwickelt haben.

Schließlich sei noch darauf verwiesen, daß nichts so sehr die

Ausbildung der Seetüchtigkeit der Völker begünstigt, als Inseln, die

einer Küste naheliegen. Darum zählen die Eskimos im Norden Amerikas

zu den seekundigsten Völkerschaften, sind die Papuanen und Malayen

vorzügliche Seefahrer und bildeten sich an der Berührungsstelle der

Antillen und des südamerikanischen Festlandes die Kariben für ihre

Piratenzüge aus. Desgleichen lockte die Phönizier die Nähe der Inseln

aufs Meer, hat die griechische Inselwelt tüchtige Seefahrer entwickelt

und haben die britischen Inseln nach und nach Bevölkerungen an sich

gezogen, die sich an Seetüchtigkeit überboten. Es erhellt hieraus,

daß die nautischen Leistungen der Völker auch an gewisse physische

Begünstigungen des Wohnortes gebunden sind[159].

Zweites Kapitel.

Die Schiffahrt der Kulturvölker[160].

1. Die Schiffahrt der Alten.

Dasjenige Land, in dem die Schiffszimmerkunst sich zuerst entwickelte,

und von dem aus sie sich nach anderen Ländern verbreitete, ist wohl

+Ägypten+. Eine größere Rolle haben indes die Ägypter als Seefahrer

in den ältesten Zeiten nicht gespielt. Das bedeutendste Seevolk des

Altertums waren vielmehr die +Phönizier+, welche man wegen ihres

Unternehmungsgeistes, ihres Handels- und Gewerbsinnes und ihrer vielen

Entdeckungen nicht ohne Berechtigung die „Engländer des Altertums“

nennt. Ihre Fahrten erstreckten sich vom östlichsten Gestade des

Mittelmeeres bis über die Säulen des Herkules, wie man damals die

Straße von Gibraltar nannte. Auch das Rote und Indische Meer befuhren

phönizische Schiffe, und nach Herodot sollen unter dem ägyptischen

König Necho phönizische Schiffer vom Roten Meere aus Afrika umsegelt

haben.

Würdige Nachkommen der Phönizier waren die +Karthager+. Das nächste

Ziel ihrer Schiffahrt bildeten Sizilien und Süd-Italien; bald aber

dehnten sie ihre Reisen weiter aus, und die schönste Illustration

des altphönizischen Unternehmungsgeistes sind die Nordlandfahrten

+Himilcos+ und +Hannos+. Ersterer kam bis an die Küste Albions und zur

Bernsteinküste, also den dermaligen deutschen Gestaden der Nord- und

Ostsee; letzterer hat wahrscheinlich das Grüne Vorgebirge, vielleicht

auch die westlich davon gelegenen Inseln erreicht.

Von den Phöniziern erbten wiederum die +Griechen+ die nautische

Fertigkeit. Ihre Schiffe besuchten das Schwarze Meer, die Küsten

Kleinasiens und die europäischen Küsten des Mittelmeeres. Die

wichtigste Gründung im Westen des letztern war Massilia (Marseille).

Von den berühmt gewordenen Seereisen des hellenischen Zeitalters seien

erwähnt die Entdeckungsfahrt des +Pytheas+, der um die Mitte des

vierten Jahrhunderts v. Chr. an der Küste von England landete, von

hier weiter nordwärts bis „Thule“ (vielleicht Island) steuerte und

bis zur Bernsteinküste vordrang, und die See-Expedition +Nearchs+, des

Flottenbefehlshabers Alexanders des Großen. Durch letztere ward nicht

nur der Weg nach Indien eröffnet, man wurde auch mit den Erscheinungen

der Ebbe und Flut vertrauter und lernte die Monsune kennen.

Wenig geachtet war das Seewesen bei den +Römern+. Der Seedienst wurde

nur von Bürgern der niedersten Klasse, von Freigelassenen oder gar von

Sklaven besorgt. Erst die punischen Kriege und später die Seeräuber-

und Bürgerkriege brachten in diese Verhältnisse einigen Aufschwung;

aber sogar noch unter Augustus Octavianus galt der Seedienst als

entehrend oder zum mindesten nicht ehrenvoll. So begreift es sich wohl,

daß das römische Seewesen sich niemals zu größerer Bedeutung erhob.

[Illustration: Fig. 104. Altes Nilboot. (Nach+ Siebert-Tylor+,

Anthropologie und Civilisation.)]

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 27 / 50 段