Charakteristisch für diese neugeschaffenen Linien ist namentlich die

saloppe Bauart. Wo die Natur des Bodens es gestattete, nahm man von

dem eigentlichen Unterbau ganz und gar Abstand, man legte sogleich

die Schwellen. Im kompliziertern Terrain umging man ängstlich jeden

langwierigen oder kostspieligen Kunstbau, schmiegte die Schienenstränge

möglichst dem Terrain an und scheute nicht zurück vor Steigungen

und Krümmungen, wie sie anderwärts erst eine langjährige Praxis im

Gebirgsbahnbau wagte. Die Ausnützung der lokalen Verhältnisse ging so

weit, daß man allerorts zu der billigern und raschern Konstruktionsart

-- dem +Holzbau+ -- griff und die Anwendung dieses Materials selbst

dort nicht ausschloß, wo es sich um die solide Unterlage für die

Bahn handelte; daher die meilenlangen +Holzviadukte+ -- ~Trestle

Works~ -- in unebenem oder sumpfigem Terrain an Stelle von Dämmen

oder Aufmauerungen. Nachträglich hat man freilich diese Gerüstbrücken

zugeschüttet und dem Unterbau die übliche Gestalt gegeben. Ja in

neuester Zeit leisteten die Amerikaner hinsichtlich des Bahn+baues+

wahrhaft Großartiges, besonders auf dem Gebiete des +Brückenbaues+.

Zu den hervorragendsten diesbezüglichen Werken gehören die +eisernen

~Trestle Works~ und die meist grandiosen Viadukte+. Von letzteren

wurden schon oben (S. 191) erwähnt: der +Kentucky-Viadukt+ und der

+Kinzua-Viadukt+, dermalen die zwei höchsten eisernen Viadukte der

Welt. Die längste Eisenbahn-+Gitterbrücke+ in Amerika ist die neue bei

Montreal über den Lorenzo-Strom führende +Royal-Albert-Brücke+. Sie ist

fast drei englische Meilen lang und überhaupt die längste Brücke der

Welt. Ein anderes gewaltiges Werk ist die +Mississippi-Brücke+ zu St.

Louis; sie ist keine Gitter-, sondern eine +Bogenbrücke+ und als solche

sogar die bedeutendste. Die wunderbarsten Leistungen des amerikanischen

Brückenbaues sind indes die +Drahtseilbrücken+. Die erste derartige

Eisenbahnbrücke war die +Niagara-Brücke+, welche von +John Röbling+,

einem deutschen Ingenieur, 1855 gebaut wurde und seitdem durch

bildliche Ansichten und Beschreibungen weltberühmt geworden ist.

Derselbe +Röbling+ hat ferner das Projekt zu dem +größten Brückenbau

der Welt+ -- der +Drahtseilbrücke über den East River+ (Fig. 96)

+zwischen New-York und Brooklyn+ -- ausgearbeitet und einige Zeit auch

noch den Bau derselben geleitet. Von der Großartigkeit dieses modernen

Weltwunders zeugen folgende Angaben.

[Illustration: Fig. 95. Die New-York-Brooklyner-Hängebrücke.]

Die East-River-Brücke ist 5989 Fuß = 1825 m lang und 85 Fuß oder fast

26 m breit. Sie wird von 4 Hauptkabeln, deren jedes einen Durchmesser

von 40 cm hat und aus 5282 einzelnen Drähten von 3 mm Stärke besteht,

getragen. Diese 4 Kabel sind in New-York verankert, schwingen sich auf

den Brückenturm, gehen von da über den an dem andern Ufer befindlichen,

486,30 m entfernten zweiten Turm und von da in die Widerlager in

Brooklyn. Die Türme dienen nur als Auflager für die Taue und haben eine

Höhe von 84 m. -- Die eigentliche Brücke besteht aus einem großartigen

Stahlgitterwerke, welches auf 4 Parallelträgern aufliegt. Der Boden

der Brücke liegt wiederum auf 2¼ m voneinander entfernten Querbalken

und zwar 41 m über der gewöhnlichen Wasserhöhe in der Mitte, 36½ m hoch

bei den Türmen und 27 m hoch bei den Verankerungen. Sie ist der Länge

nach in 5 parallele, 5 m breite Wege eingeteilt (Fig. 96), welche durch

Gitter getrennt sind. Die beiden äußersten dienen für den Wagenverkehr.

Der mittelste, um 3½ m höhere Weg ist nur für Fußgänger bestimmt und

gestattet, weil höher, eine freie Aussicht auf den Fluß und beide

Städte. Rechts und links vom Fußweg laufen die Bahnen.

[Illustration: Fig. 96. Wege über die East-River-Brücke.]

Die Ankergründe auf beiden Ufern sind kolossale Massen von Mauerwerk

mit einigen bogenartigen Durchlässen. Die Kabel stecken in dem

Mauerwerk gegen 8 m tief; die Verankerung ist einfach, dabei aber so

massiv hergestellt, daß keine denkbare Kraft sie aus ihren Lagern

entfernen oder lösen kann. Der Endpunkt der Befestigung an beiden Enden

liegt in einer schmiedeisernen, über 20 t schweren massiven Platte, die

in den Boden des gigantischen Steinmauerwerkes eingelassen ist.

Ungemein schwierig war dann auch der Bau der aus dem Meere

emporragenden beiden Pfeilertürme, zu deren Fundamentierung der

Meeresgrund gegen 80 Fuß tief ausgehoben und mit Steinen und Cement

gefüllt werden mußte. Die Schwierigkeit lag besonders darin, daß die

Arbeiten alle unter dem Wasserniveau in sogen. Caissons (großen,

massiven, das Meer abhaltenden Holzkästen) auszuführen waren.

Außergewöhnliche Schwierigkeiten bot noch das Spannen der Hauptkabel,

deren jedes, wie schon erwähnt, aus 5282 einzelnen Drähten bestand,

die zu 19 Büscheln à 278 Stück vereinigt gezogen wurden, um dann zu

einem Ganzen zusammengesponnen zu werden. Die Auffahrtsrampen, die

sowohl in New-York wie in Brooklyn wegen der großen Höhe der Brücke

bis weit in die Städte selbst reichen, sind aus Quadern gemauert und

enthalten in den Gewölben Verkaufslokale für Großgeschäfte.

Große Aufmerksamkeit wurde schließlich der Beleuchtung der Brücke

zugewendet. Auf beiden Seiten des Fußweges, auf den Gitterträgern,

strahlen 70 elektrische Lampen mit je 2000 Kerzen Lichtstärke und

verbreiten Tageshelle über die Brücke.

Wenn so das Werk die Bewunderung der Jetztzeit und kommender

Geschlechter herausfordert, so ist dies vor allem das Verdienst John

Röblings und seines Sohnes Washington A. Röbling, von denen der eine,

wie bereits mitgeteilt, mit genialem Geiste den Bau plante und begann,

der andere ihn trotz aller Hindernisse zum glücklichen Ende führte;

sein Leben hat der eine, seine Gesundheit der andere geopfert, aber

ihre Namen werden fortleben, solange die Wasser des East River gegen

die gewaltigen Granitpfeiler schlagen, zwischen denen die Brücke

schwebt.

Bemerkt sei übrigens, daß auch Europa in neuester Zeit großartige

Brückenbauten aufzuweisen hat, voran die eben ihrer Vollendung

entgegengehenden Bauten der Tay- und der Forth-Brücke in Schottland,

die wohl zu den bedeutendsten Bauwerken der Jetztzeit zählen dürften.

Die erstere wird durch ihre Länge (3300 m) alle anderen Brücken der

Welt übertreffen, die letztere durch die ganz unerhörte Spannweite (521

m) der beiden Mittelbogen.

Ein ebenso großes Wunderwerk wie die Riesenbrücke über den East River

verspricht der in Aussicht genommene +New-York-Jersey-Tunnel+ zu

werden. Die Anlage dieses Tunnels ist nämlich aus dem Grunde besonders

schwierig, weil die Öffnung nicht durch Felsengestein oder festen

Boden, sondern durch vom Wasser durchtränkten losen Sand und Schlamm

hindurchgeführt werden muß.

Was die +Betriebseinrichtungen der Eisenbahnen Amerikas+, besonders der

+Vereinigten Staaten+, betrifft, so unterscheiden sich dieselben in

sehr vielen Punkten von denen der europäischen Bahnen[151].

Die +Bahnhöfe+ sind im allgemeinen so einfach hergestellt, daß sie

den Eindruck provisorischer Bauten machen. Massive und nach einem

einheitlichen Plan oder durchdachten System aufgeführte Bahnhöfe,

wie man sie in Deutschland sieht, sind eine Seltenheit. Scheidung

der Wartesäle nach den Klassen der Fahrscheine findet man nirgends.

Nur für ein Damenzimmer ist stets gesorgt, dessen Einrichtung sich

übrigens von derjenigen des Herrenzimmers fast gar nicht unterscheidet.

Die Wartesäle sind stets gut ventiliert, erleuchtet und erwärmt; nur

+selten+ aber findet der Reisende mit Fahrschein zweiter Klasse den

Komfort, welchen er in Deutschland selbst auf mittleren Bahnstationen

zu beanspruchen gewohnt ist. Tische werden in den Wartesälen als

überflüssiger Luxus betrachtet; der Reisende ist lediglich auf Bänke

angewiesen, welche häufig noch durch eiserne Stangen in einzelne

Sitze geteilt sind. Dafür befindet sich aber in jedem Wartesaale

ein cylindrisches Blechgefäß mit reinem und kaltem Trinkwasser

zur unentgeltlichen Benutzung der Reisenden. Die zum Verkauf der

Fahrscheine bestimmten Schalter liegen meist in den Wartesälen

selbst. Gelegenheit zur Restauration ist nur an einzelnen Stationen

geboten; im allgemeinen werden Restaurationsräume nicht als notwendige

Bestandteile der Bahnhöfe angesehen, sondern nur da angelegt, wo die

auf weite Entfernungen gehenden Expreßzüge anhalten, um den Reisenden

das Einnehmen von Mahlzeiten zu gestatten. Gewöhnlich ist dann das

eigentliche Speisezimmer (~dining-room~) von dem Frühstückzimmer

(~lunch-room~) getrennt. Als Übelstand macht sich fühlbar, daß in

den meisten Restaurationen nur Thee, Kaffee und Gebäck, aber keine

Spirituosen, Bier, Wein etc. verabreicht werden.

Die wenigsten Reisenden kaufen die Fahrscheine am Bahnhofsschalter,

sondern bei den innerhalb der Städte gelegenen Verkaufsstellen der

Bahn. Der Fahrschein nach irgend einer Stadt der Staaten-Union, ja

selbst nach den größeren Städten Europas und Asiens, ist in allen

Hauptstädten Amerikas käuflich und nicht, wie in Europa, nur für einen

bestimmten Tag, sondern für lange Zeit hinaus gültig. Diese Einrichtung

ist insofern von wesentlicher Bedeutung, als dadurch das in Europa

häufig störende Gedränge an den Schaltern der Bahnen vermieden wird.

Im Notfalle ist auch die nachträgliche Lösung des Fahrscheines durch

den Schaffner des Zuges (doch dann mit einem kleinen Preisaufschlage)

möglich.

Die +Perrons+ der Bahnhöfe sind meist aus Holz hergestellt und nicht

höher als die obere Kante der Schiene. Nur die bedeutendsten Bahnhöfe

haben gepflasterte oder mit Steinplatten belegte Perrons. Bedeckte

Perrons, namentlich aus Eisen konstruierte Hallen, werden nicht häufig

gefunden.

Die +Beförderung+ des Gepäcks zwischen dem Bahnhofe und der

Wohnung, beziehungsweise dem Hotel des Reisenden wird durch

Privatgesellschaften, die sogenannten +Expreßkompagnieen+, vermittelt.

Auf den pacifischen Bahnen werden 100 Pfund (engl.), auf den meisten

anderen 150 Pfund Freigepäck gewährt. Eine Beklebung der Gepäckstücke

mit Papierzetteln findet nicht statt. Es wird vielmehr an einer

Handhabe des Gepäckstückes mittels eines kleinen Lederriemens eine

Messingmarke befestigt, welche den Namen der Eisenbahngesellschaft,

eine Nummer, die Angabe der Route und den Bestimmungsort trägt. Eine

zweite Marke mit der gleichen Nummer erhält der Reisende. Da jedes

Gepäckstück in dieser Weise behandelt wird, so müssen dem Reisenden

so viele Marken eingehändigt werden, als er Gepäckstücke mit sich

führt. Am Ankunftsorte werden die Marken gegen Herausgabe des Gepäcks

abgeliefert, um demnächst mit anderen Gepäckstücken wieder an den

Abgangsort zurückzugehen.

Das +Abrufen der Reisenden aus den Wartesälen+ ist durchweg nicht

üblich. -- Eine +Benutzung der Dampfpfeife+ der Lokomotive findet weder

bei der Abfahrt noch zum Zeichen des Bremsens noch beim Rangieren der

Eisenbahnwagen statt. Die Dampfpfeife, welche keinen schrillen, sondern

einen dumpfen und tiefen, aber trotzdem sehr weit schallenden Ton von

sich giebt, kommt nur während der Fahrt zu gewissen Signalen und bei

wirklich drohender Gefahr zur Anwendung. Ein um so ausgedehnterer

Gebrauch wird aber von der Signal+glocke+ gemacht, welche sich an

jeder Lokomotive befindet. Die Glocke ertönt bei Abgang des Zuges, bei

der Einfahrt desselben in den Bahnhof, vor und bei dem Passieren von

Niveauübergängen, Brücken, Tunnels u. s. w. Hornsignale sind nicht

üblich; auch findet man auf den Perrons keine Glocken angebracht, um

das Publikum von der Ankunft oder dem Abgange der Züge in Kenntnis zu

setzen. Letzteres hat seinen Grund darin, daß auf allen Stationen,

mit Ausnahme der großen Endstationen, die Abfahrt des Zuges nicht vom

Stationsvorsteher, sondern vom Zugführer angeordnet wird, welcher durch

den Ruf „~all aboard~“ zum Einsteigen auffordert und gleich darauf das

Signal mit der Glocke auf der Lokomotive giebt.

An den Zügen selbst oder auf den Perrons sind bewegliche Schilder oder

transportable Wegweiser in genügender Zahl angebracht, um das Publikum

über die Richtungen, nach welchen die Züge fahren, zu orientieren und

dasselbe vor dem Einsteigen in einen unrichtigen Zug zu bewahren.

Die +Lokomotiven+ sind größer als die in Deutschland gebräuchlichen und

vorne mit einem aus dicken Holzstäben bestehenden, schneepflugartigen

Rechen, dem sogenannten ~cow-catcher~ (Kuhfänger)[152] versehen, um

die auf den Schienen etwa liegenden Hindernisse zu beseitigen. Die

Erleuchtung der Maschine erfolgt nicht, wie in Deutschland, durch

+zwei+ Laternen, sondern durch +eine+ mächtige Lampe, welche auf

gußeisernen Konsolen angebracht ist und die Bahn 50-300 Schritte vor

der Maschine vollständig erhellt.

Bahnwärter sind in Amerika auf freier Strecke unbekannt. Dagegen

wird der Aufstellung von +Achtungssignalen+ an Wegübergängen und

Bahnkreuzungen im Niveau eine besondere Aufmerksamkeit zugewendet, da

jene Niveau-Übergänge weder bewacht noch mit einer Barriere abgesperrt

werden. In der Regel ist 300-400 m vor dem Punkte, an welchem die

Bahn von einer Straße im Niveau gekreuzt wird, ein Pfahl aufgestellt,

welcher dem Lokomotivführer die Annäherung an einen solchen Übergang

anzeigt und ihn zu besonderer Achtsamkeit mahnen und veranlassen soll,

die vorgeschriebenen Signale zu geben. Am Wegübergang selbst und dem

kreuzenden Wege zugekehrt sind zur Warnung des Publikums zwei hohe

Pfähle aufgerichtet, an welchen quer ein breites Brett befestigt ist,

das in großen Buchstaben die Worte trägt: ~Look out for the engine~

(oder ~locomotive~). Nur bei den Niveaukreuzungen von belebten Straßen

in den größeren Städten sind Wärter angestellt, welche mit einer

kleinen Flagge sowohl dem Publikum, als auch dem Zuge die notwendigen

Signale geben. Ferner ist zur Orientierung für den Lokomotivführer

300-400 m vor jedem wichtigen, auf der Strecke gelegenen Bauwerk

(Brücke, Tunnel, Schneedach u. s. w.) eine Tafel aufgestellt, welche

den Namen des Bauwerkes und die Entfernung bis zu demselben bezeichnet,

um den Lokomotivführer zum vorsichtigen und gewöhnlich langsamern

Fahren zu veranlassen, da viele, besonders hölzerne Brücken und auch

andere Bauwerke nur mit einer geringen Geschwindigkeit passiert werden

dürfen. An den Brücken, Tunnels u. s. w. selbst ist sowohl beim

Eingange wie beim Ausgange ein großes Schild angebracht, auf welchem

die zulässige Fahrgeschwindigkeit verzeichnet ist.

[Illustration: Fig. 97. Amerikanische Lokomotive der Neuzeit.]

Auch Niveaukreuzungen zweier Bahnen, die +verschiedenen+ Verwaltungen

angehören, sind äußerst selten bewacht. Gewöhnlich ist 400-800 m vor

der Kreuzung, und zwar an beiden Bahnstrecken, eine Tafel mit der

Aufschrift ~Railroad crossing~ und dicht vor der Kreuzung eine solche

mit der Bezeichnung ~Stop here~ errichtet. Jeder Zug ohne Ausnahme muß

vor einer solchen Kreuzung halten und darf dieselbe erst passieren,

nachdem der Zugführer sich davon überzeugt hat, daß beide Bahnen frei

sind. Halten auf beiden kreuzenden Geleisen zu gleicher Zeit vor dem

Übergangspunkte Züge, so giebt das Bahnreglement genau an, welcher Zug

die Kreuzung zuerst passieren darf.

Auf einzelnen Bahnen führt das Zugpersonal eine kleine elektrische

Batterie mit sich, welche an fast jeder Telegraphenstange eingeschaltet

werden kann und die Möglichkeit bietet, mit der vor- oder rückwärts

liegenden Station in Verbindung zu treten.

In der Regel steigen auf der letzten Station vor einer größern Stadt

Agenten einer Expreßkompagnie in den Zug, welche die Auftrage bezüglich

der Besorgung des Reisegepäcks entgegennehmen. Bei der Ankunft hat

alsdann der Reisende nicht nötig, sich um sein Gepäck zu bekümmern.

Die +Fahrgeschwindigkeit+ der Schnell- und Expreßzüge aller

amerikanischen Bahnen ist +durchschnittlich+ geringer als diejenige

der deutschen Bahnen. Diese Thatsache ist in der ganzen Einrichtung

der Bahnen begründet. Da eine Bewachung oder Einfriedigung des

Bahnkörpers durchweg nicht stattfindet, der letztere vielmehr von

jedermann auf eigene Gefahr nach Belieben begangen werden darf, so

haben die Eisenbahngesellschaften sich bemüht, den daraus entstehenden

Gefahren durch besondere technische Einrichtungen, z. B. durch die

Einführung der kontinuierlichen Bremsen und insbesondere durch eine

zweckmäßige Organisation des Fahrdienstes vorzubeugen. -- Eine

eigentümliche Erscheinung ist es, daß die Züge auf den westlich vom

Missouri angelegten Bahnen durchweg erheblich langsamer fahren als

die Züge in den östlich von dem Flusse gelegenen Staaten. In dem

weiten, vom Missouri bis an den Stillen Ocean sich ausdehnenden

Gebiete giebt es nach deutschen Begriffen auf keiner Bahn einen

Schnellzug; die sogenannten Expreßzüge sind in Wirklichkeit nur

gewöhnliche Personenzüge. Kein regelmäßiger Zug in den Vereinigten

Staaten erreicht auch nur annähernd die Schnelligkeit von rund 60

km in der Stunde, wie der +Expreßzug+ zwischen Berlin und Köln. Die

mittlere Fahrgeschwindigkeit bei den schnellsten Zügen auf den östlich

vom Missouri gelegenen Bahnlinien beträgt in der Stunde 44,14 km,

westlich vom Missouri sogar nur 33,7 km, während bei den von Berlin

nach Köln, Aachen, Eydtkuhnen, München und Trier laufenden Zügen eine

Fahrgeschwindigkeit von +durchschnittlich+ 50 km in der Stunde erzielt

wird. Die größte Geschwindigkeit der amerikanischen Expreßzüge ist per

Stunde 55 km.

Die +Eisenbahnwagen+ sind im allgemeinen elegant ausgestattet und

mittels großer, von der Decke herabhängender Lampen gut erleuchtet.

In Bezug auf die Bauart unterscheiden sie sich jedoch wesentlich

von den in Deutschland gebräuchlichen Wagen, indem sie viel länger,

ungleich höher und ohne Zwischenteilung sind, auch in der Regel 50-60

Sitzplätze für Erwachsene enthalten. Die Räder werden in neuerer Zeit

vielfach nicht aus Eisen, sondern aus Papier hergestellt. An jeder

Stirnseite des Wagens befindet sich eine Plattform, welche auf einer

an derselben befestigten, aus drei Stufen bestehenden Treppe erreicht

wird und den Zugang in das Innere des Wagens vermittelt. Die bequemen,

für je zwei Personen berechneten Sitze sind durch Umlegen der Lehnen

derart verstellbar, daß man nach Belieben vor- oder rückwärts fahren

kann[153]. Zwischen den Sitzen führt in der Längsrichtung des Wagens

von der einen Plattform zur andern ein Mittelgang, auf welchem man ohne

Schwierigkeit während des Fahrens durch sämtliche Wagen hindurchgehen

kann, da dieselben so miteinander verkuppelt sind, daß die Plattformen

eng anschließen. Durch sämtliche Wagen hindurch bis zur Glocke der

Lokomotive läuft eine für das Notsignal bestimmte Leine, welche auf

geschmackvollen, an dem erhöhten Mitteldache des Wagens befestigten

eisernen Aufhängungen ruht und von einem aufrechtstehenden Erwachsenen

bequem erreicht werden kann. Diese im Interesse der Sicherheit der

Reisenden geschaffene Einrichtung hat sich in jeder Beziehung höchst

zweckmäßig erwiesen.

In die Seiten des an den Personenwagen angebrachten erhöhten

Mitteldaches sind schmale Fenster zum Zweck der Ventilation

eingelassen, durch welche der Aufenthalt in dem Wagenraume auch bei

starker Sommerhitze erträglich wird. Die Fenster sind nicht mit

Vorhängen, sondern mit hölzernen Jalousieen bekleidet, welche einen

wirksamern Schutz gegen die Sonnenstrahlen gewähren. In einer Ecke

jedes Personenwagens befindet sich ein hohes, rundes, aus lackiertem

Blech hergestelltes Gefäß, das stets mit trinkbarem Eiswasser gefüllt

ist und Tag und Nacht von den Reisenden zur Erfrischung benutzt werden

darf. Außerdem ist den Reisenden durch einen in einer Ecke jedes Wagens

angebrachten eleganten Verschlag die Möglichkeit geboten, sich zu jeder

beliebigen Zeit den Blicken der Mitreisenden zeitweise zu entziehen.

Bei kalter Witterung wird eine wohlthuende Wärme durch zwei große, in

jedem Wagen befindliche eiserne Öfen hergestellt, die auch während des

Sommers an kühlen Tagen, namentlich bei den Fahrten in den höheren,

kälteren Regionen der Felsengebirge, zur Benutzung kommen. Ab und zu

bemerkt man an einer Wagenwand eine in einem Kästchen befindliche

Bibel, welche meistens von der ~American Bible Society~ geschenkt

ist. Ferner sind in manchen Wagen an einer Wand verschiedenartige

Handwerkszeuge (Axt, Säge) mittels eines Riemens befestigt, welche

leicht herabgenommen und bei Unglücksfällen benutzt werden können.

In jedem Personenzuge befindet sich ein besonderer Rauchwagen

(~smoking-car~), welcher infolge der oben beschriebenen Zusammensetzung

des Zuges auch im schnellsten Fahren leicht erreicht werden kann;

infolgedessen ist in den übrigen Wagen des Zuges das Rauchen, auch bei

Abwesenheit von Damen, untersagt. Dieser Rauchwagen unterscheidet sich

von den anderen Wagen nur durch einfachere Ausstattung und spärlichere

Beleuchtung. Da merkwürdigerweise für Spucknäpfe und Aschenbecher

nicht gesorgt ist, so läßt das Innere des Wagens an Sauberkeit oft

viel zu wünschen übrig. Die beiden vordersten Bänke sind während der

Tagesstunden nicht für das Publikum bestimmt, da dort der ~News Agent~

gegen Bezahlung einer Bauschsumme sein Quartier aufschlägt, um die in

zwei schweren hölzernen Koffern mitgebrachten amerikanischen Zeitungen

und Zeitschriften, sowie die neuesten Romane, Novellen u. s. w. den

Reisenden zum Verkaufe anzubieten. Im Westen Amerikas beschränkt sich

dieser fahrende Buchhändler nicht auf den Verkauf geistiger Nahrung, er

führt auch Kästchen, Kreuze, Cigarren, Kautabak, Süßigkeiten, Früchte,

Sodawasser, Butterbrote, selbst Hosenträger und Plaidriemen mit sich.

Im Rauchwagen findet auch die Beförderung der Deserteure, Gefangenen

und Verbrecher unter der nötigen Bedeckung statt.

[Illustration: Fig. 98. Äußeres eines Pullmanschen Schlafwaggons.]

Jeder Personen- oder Schnellzug, der größere Strecken zu durchfahren

hat, führt je nach Bedürfnis einen oder mehrere +Schlafwagen+

(~sleeping-cars~) mit sich; sie tragen wie die Schiffe besondere Namen

und sind durch Pracht und Bequemlichkeit ausgezeichnet. Die Herstellung

und Ausstattung eines solchen Wagens kostet 14000-16000 Dollars. In

demselben können bequem 40-50 Personen in Betten schlafen, welche denen

eines guten Hotels um nichts nachstehen. Am Ende der Fahrt bleibt der

Wagen den Reisenden bis 8 Uhr morgens zur Verfügung und wird zu diesem

Zweck auf ein Nebengeleis geschoben. Ebenso kann der Wagen an der

Abgangsstation schon um 9 Uhr abends bestiegen werden, selbst wenn der

Zug erst um Mitternacht oder später abfährt. Die Betten sind, wie in

den Kajüten der Schiffe, übereinander angebracht, aber viel breiter und

bequemer; auch können sie durch eine sinnreiche Vorrichtung jederzeit

in Sitze umgewandelt werden. Als Schmuck dienen Teppiche, an den Wänden

Vertäfelungen und Spiegel in großer Zahl. Gut schließende Doppelfenster

und Jalousieen verhindern das Eindringen von Staub und Zugluft und

schützen vor den lästigen Sonnenstrahlen, während eine vortrefflich

angelegte Ventilation fortwährend für frische Luft sorgt. Daß die

Schlafwagen in dem Lande der größten Entfernungen eine wirkliche

Notwendigkeit sind und in der ausgedehntesten Weise benutzt werden, ist

selbstverständlich. -- Amerika besitzt drei Schlafwagen-Kompagnieen,

von denen die Pullmansche die älteste und größte ist.

In einzelnen Zügen laufen auch sogenannte +Palastwagen+. Diese Wagen

sind, ähnlich den Salonwagen der europäischen Fürsten, mit drehbaren

oder auch nach rückwärts zu bewegenden Fauteuils versehen und zeigen in

jeder Beziehung eine bewundernswerte Eleganz.

[Illustration: Fig. 99. Inneres eines Pullmanschen Palastwaggons.]

Auf einigen Bahnen sind noch +Hotelwagen+ und +Restaurationswagen+

(~dining-cars~) in Gebrauch. Diese Wagen unterscheiden sich dadurch,

daß die ersteren während der Nacht als Schlafwagen dienen und erst

dann, wenn sie am frühen Morgen gelüftet, gereinigt und durch

Aufstellen von Tischen für ihren fernern Zweck eingerichtet worden

sind, als Speiselokal benutzt werden, während die Restaurationswagen

+nur+ zur Einnahme von Mahlzeiten dienen. In einem solchen zweckmäßig

eingerichteten und luxuriös ausgestatteten Restaurationswagen befinden

sich stets sauber und geschmackvoll gedeckte Tische, an welchen

gleichzeitig 40 Personen bequem speisen können.

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 26 / 50 段