Der Orient-Expreß ist stets von einigen Dolmetschern begleitet,

hat Betten der vortrefflichsten Art für 50-60 Reisende, ferner

einen Speisesalon für 24 Gedecke, eine Küche, ein Rauchzimmer, ein

Damenzimmer und ein Toilettenzimmer mit kalter und warmer Douche;

überdies sind alle Räume des Zuges telegraphisch miteinander

verbunden. Was er freilich nicht hat, ist die auf dem Hauptzuge der

Central- und Union-Pacific-Bahn befindliche Zeitungsdruckerei, die

den „Transkontinental“ druckt, zu welchem Zweck auf allen Stationen

Nachrichten in Bereitschaft gehalten werden. Eines solchen Mittels

bedarf aber der Orient-Expreß nicht; denn an jedem Haltpunkt werden den

Reisenden Zeitungen angeboten.

Der Zug besteht ein wie das andere Mal aus Lokomotive mit Tender,

einem Kopfwagen, zwei oder drei Schlafwagen, je nach der Zahl der

angemeldeten Reisenden, einem Restaurationswagen und einem Schlußwagen.

Die Lokomotive ist nach dem System +Crampton+ gebaut, hat Triebräder

von 2,30 m Durchmesser, die bei jeder Umdrehung 7,25 m zurücklegen.

Jeder der Schlafwagen hat 20 Plätze. Die Länge eines solchen ist 20

m, dessen Gewicht 27500 kg. Für die Nacht werden die Sitze in Betten

mit Matratzen, Kissen, Leintüchern und Decken verwandelt. Während

der kalten Jahreszeit wird in diesen Räumen mittels Dampfheizung

eine angenehme, stets sich gleichbleibende Wärme unterhalten. Die

Beleuchtung geschieht durch Gas, das jedoch demnächst elektrischer

Beleuchtung wird weichen müssen.

Im Speisesalon sind stets 24 Gedecke aufgelegt, die auf acht kleine

Tische verteilt sind. Die Reisenden können sich daher nach Belieben

gruppieren. Die Einrichtung einer ~Table d’hôte~ zu bestimmter Stunde

besteht nicht; jeder kann seine Mahlzeiten zu beliebiger Zeit zu sich

nehmen, vorausgesetzt natürlich, daß die Tische nicht besetzt sind. An

den Salon stößt die Küche, wo zwei Kochkünstler miteinander wetteifern,

den verschiedenartigen Geschmack der Reisenden zufriedenzustellen.

Unsere Abbildung (Fig. 93) liefert einen Begriff von der Einrichtung

eines solchen Prachtwagens.

Um die Zollunkosten zu sparen, wird in jedem der durchreisten Länder

nur der dort wachsende Wein verabfolgt. Die übrigen Weine bleiben

inzwischen, jeder in einer besondern Kiste, unter Verschluß.

Was den Kopf- und Schlußwagen betrifft, so befinden sich darin das

Gepäck, die Vorräte, die Post und das Toilettenzimmer.

Sämtliche Waggons sind selbstverständlich von der vorzüglichsten Bauart

und der ausgesuchtesten Arbeit. Alle Wagen sind untereinander durch

Plattformen oder Brücken verbunden, die es den Reisenden ermöglichen,

sich stets von einem Ende des Zuges zum andern zu bewegen.

Außer den aufgezählten Bequemlichkeiten bietet der Orient-Expreßzug den

Reisenden noch den Vorteil, daß sie an den Grenzen der verschiedenen

Länder nicht zur +Zollrevision+ auszusteigen brauchen. Diese

Untersuchung wird während der Fahrt vorgenommen in der Weise, daß die

Zollbeamten an der Grenzstation einsteigen und bis zur nächsten Station

mitfahren, von wo sie mit einem andern Zuge wieder an ihren Standort

zurückkehren. Endlich brauchen die Reisenden an den Anschlußstationen,

wie Avricourt, Wien, Bukarest u. s. w., nicht auszusteigen, um den

neuen Zug zu erwarten, was oft einen mehrstündigen Aufenthalt

verursacht. Der durch den Orient-Expreß verursachte Zeitgewinn beläuft

sich auf 25% gegen andere Schnellzüge, während der Fahrpreis den der

ersten Klasse eines Schnellzugs nur um 20% übersteigt.

[Illustration: Fig. 94. Speisesaal im Orient-Expreßzug.]

Außer dem Orient-Blitzzug verkehrt ein solcher auch zwischen Paris

und Rom, via Nizza. Beabsichtigt oder schon in Bildung begriffen sind

die Blitzzüge Paris-Petersburg-Moskau über Berlin und Warschau, sowie

Paris-Lissabon über Bordeaux und Madrid.

Die beiden Blitzzüge Paris-Lissabon und Paris-Moskau werden durch

Vermittlung der Pariser Gürtelbahn den =europäischen= +Blitzzug+

bilden, der eine Strecke von 4800 km in gerader Linie zu durchmessen

haben wird.

XIII. Eisenbahnunfälle.

Die Eisenbahnunfälle sind entweder +Entgleisungen+ oder

+Zusammenstöße+. Erstere entstehen durch schlechte Beschaffenheit

des Geleises oder durch Achsenbrüche. Was das Geleise betrifft, so

liegt hier die Ursache meist in der schlechten Beschaffenheit der

Schwellen, dann auch in der mangelhaften Befestigung der Schienen,

in der Schädigung des Geleises durch atmosphärische Einflüsse, in

böswilliger Zerstörung desselben u. s. w. Die Ursache der Zusammenstöße

beruht größtenteils in verkehrter Weichenstellung, wodurch der Zug

einem Geleise überwiesen wird, das ein anderer Zug befährt. Bekanntlich

haben diese Unfälle in früherer Zeit eines der wichtigsten Argumente

gegen die Einführung der Eisenbahnen gebildet. Durch die Statistik

aber ist dieses Argument längst entkräftet oder wenigstens auf sein

richtiges Maß zurückgeführt worden. Ohne Gefahr ist das Reisen per

Bahn selbstverständlich nicht, aber diese Gefahr ist verhältnismäßig

viel geringer als bei Reisen mit Wagen und Pferden, wie die folgenden

Angaben darthun.

Nach +Mulhall+ treffen an +Getöteten und Verletzten+ auf eine Million

Passagiere:

in Großbritannien und Irland 8,1

„ Frankreich 15,8

„ Deutschland 12,2

„ Rußland 29,2

„ Österreich 13,5

„ Italien 28,4

„ Spanien 14,8

„ Holland 4,4

„ Belgien 11,7

„ Schweden und Norwegen 5

„ der Schweiz 5,4

---------

„ +Europa+ 10,8

„ den Vereinigten Staaten von Amerika 41,1.

Zur thunlichsten +Verhütung+ der Eisenbahnunfälle im allgemeinen

wird von den Eisenbahnverwaltungen stete Vervollkommnung der

Eisenkonstruktionen und Betriebseinrichtungen mit größtem Eifer

angestrebt. So haben namentlich die Achsenbrüche gegen früher infolge

der verbesserten Konstruktion der Achsen wesentlich abgenommen. Auch

bezüglich der Zusammenstöße infolge verkehrter Weichenstellung ist

eine bedeutende Minderung eingetreten, seitdem man eine der hier

waltenden Grundursachen, die +Farbenblindheit+, erkannt hat. Es werden

daher jetzt sämtliche Beamten, bevor man sie dem praktischen Dienste

zuteilt, auf Farbenblindheit untersucht. Da aber der Nachtdienst auf

den Bahnhöfen, besonders solchen mit starkem Verkehr, immer große

Gefahren birgt, so ist die Einrichtung von Centralweichen, von wo aus

sämtliche Weichen eines Bahnhofs oder doch der größte Teil derselben

bedient werden kann, wohl das wirksamste Mittel zur Verhütung von

Zusammenstößen. Dieselben gelangen denn auch auf den großen Bahnhöfen

in jüngster Zeit in immer größerem Umfange zur Einführung.

Die Verpflichtung der Eisenbahnen bei Unfällen gegenüber den

Verunglückten ist im Deutschen Reich durch Gesetz (betreffend die

Verbindlichkeit zum Schadenersatz der bei dem Betriebe von Eisenbahnen

etc. herbeigeführten Tötungen und Körperverletzungen) vom 7. Juni 1871

geregelt.

+Webers+ „Schule des Eisenbahnwesens“[149] enthält bezüglich der

+vergleichenden Unfallstatistik+ folgende Angaben:

In der Zeit vom Jahre 1835 bis zum Jahre 1859 kam in Frankreich

ein getöteter Passagier auf 1955555 und ein verletzter Passagier

auf je 496551 Passagiere; in England ein Toter auf je 5256290 und

ein Verletzter auf je 311345; in Belgien endlich ein Toter auf je

8861804 und ein Verletzter auf je 200000. In der folgenden Periode,

nämlich in den Jahren 1859-1869, ist eine wesentliche Besserung zu

bemerken. In Frankreich zählte man einen Toten auf je 13323014 und

einen Verletzten auf je 673927; in England einen Toten auf je 15229073

und einen Verletzten auf je 407260; in Belgien endlich einen Toten

auf je 13000000 und einen Verletzten auf je 1793108. -- Was die

+jüngsten+ Zeitperioden betrifft, so zeigte sich in Frankreich und

Belgien eine Tendenz zur Verminderung der Unfallsrate, in England

dagegen eine Tendenz zur Zunahme derselben. Frankreich zeigte in

den Jahren 1872-1879 einen Toten auf je 27879000, England auf je

13423000, Belgien auf je 25289421. -- Die wiederholt beobachtete

Thatsache, daß Unfälle sich nichts weniger als gleichmäßig über

bestimmte Perioden verteilen, wird auch hier wieder bestätigt. Die

sechs großen Eisenbahngesellschaften Frankreichs hatten z. B. in den

Jahren 1868-1877 im ganzen 773 Eisenbahnunfälle zu verzeichnen, bei

welchen insgesamt 218 Personen getötet und 2158 verwundet wurden.

Die Ungleichmäßigkeit war hierbei jedoch eine so starke, daß im Jahr

1871 nicht weniger als 155 Unfälle stattfanden, während sich im

Jahr 1873 nicht ein einziger ereignet hat, welcher die Tötung oder

Verletzung eines Passagiers zur Folge gehabt hätte. -- Erwähnt sei

ferner noch, daß die mit der Vervollkommnung der Eisenbahntechnik

fortschreitende Abnahme der Unfälle zunächst mehr den Reisenden als

den Bahnbediensteten zu gute kommt. Auf den deutschen Bahnen wurde

1875 von den im Betriebsdienst beschäftigten Beamten jeder 648ste

getötet und jeder 161ste verletzt. Dagegen ist die Gefahr für einen

Passagier, bei normalem Betriebe auf den Eisenbahnen zu verunglücken,

wesentlich geringer. Nach einer Berechnung wird ein Reisender, wenn

er auf preußischen Eisenbahnen Tag und Nacht fährt und 21,3 km in

der Stunde zurücklegt, nach 307 Jahren verletzt und nach 1540 Jahren

getötet werden.

Im Jahre 1872 verunglückten in Preußen durch Landfuhrwerke 546, durch

Eisenbahnen aber nur 460 Personen.

Viertes Kapitel.

Die Eisenbahnsysteme der Hauptkulturvölker[150].

Wie die Physiognomie der Pflanzen- und Tierwelt eines Landes das

Produkt seiner gesamten Physis ist, so ist auch die Form des

Verkehrswesens irgend eines Gebietes durch dessen Klima, Boden und

Wettercharakter, Bevölkerung und Regierungsform bedingt. Das zeigt sich

in ganz eminentem Grade auch bei den Eisenbahnen. Auch auf sie äußern

die physikalischen, politischen und ethnographischen Verhältnisse

eines Landes ihre gestaltenden Einflüsse und drücken ihnen eine ganz

bestimmte Physiognomie auf. Von dieser durch die genannten Momente

begründeten Eigenartigkeit der bedeutendsten Eisenbahnsysteme soll nun

im folgenden eingehender die Rede sein.

Was zunächst +England+ betrifft, so charakterisiert sich dessen

Eisenbahnwesen vor allem durch das Streben nach möglichster

Beschleunigung des Verkehrs. Die Überfülle von Verbrauchs- und

Produktionsstoffen, wie sie diesem Lande eigen ist, seine geschäftige

und reiche Bevölkerung erklären dies auch sattsam. Zudem ist dieses

Streben durch die physisch-geographischen Verhältnisse des Landes

wesentlich begünstigt. Die Bodenerhebungen sind mäßig, und die

zu durchmessenden Strecken sind verhältnismäßig kurz. Diese auf

Erzielung möglichst großer Schnelligkeit gerichtete Tendenz spiegelt

sich besonders in der Konstruktion der Lokomotiven, die vor allem

rasche Beförderung der Lasten anstrebt. Auch die langen kontinentalen

Güterzüge sind infolge dieser Tendenz in England fast unbekannte

Erscheinungen.

Der physikalische Reichtum der Insel an Brennstoffen spiegelt sich in

dem einfachen Bau der Lokomotiven, deren Konstrukteure die Anbringung

mancher ökonomisierender Apparate verschmähen, weil der niedere Preis

des Brennstoffes deren Herstellung nicht lohnt.

Die geographisch beschränkte Fahrdauer, das Bestreben, die Züge

rasch zu füllen und zu entleeren, sowie die Vertrauensbeziehung des

englischen Publikums zum Eisenbahnpersonal erhalten ihre Erscheinung

in der geringern Accommodation der Personenwagen und in der Form der

Gepäckbeförderung. Was letztere betrifft, so werden jährlich über 500

Mill. Stück Gepäck ohne jegliche Wägung, ohne Schein und Quittung

zwischen Passagieren und Beamten ausgetauscht, und dabei kommen nicht

mehr Stücke abhanden, als das bei dem schwerfälligen kontinentalen

Systeme der Fall ist.

Die Konstruktion der Wagenräder, Gestelle und Kasten ist besonders

darauf gerichtet, durch thunlichste Vermeidung von Geräusch eines,

wie die Engländer sagen, der besten Güter ihres Volks, „+die guten

Nerven+“, zu konservieren. Der englische Eisenbahnbetrieb kennt

daher im gewöhnlichen Verkehr nichts von dem ohrenverletzenden,

nervenzerstörenden Geräusch, mit dem kontinentale Bahnverwaltungen die

Akte ihres Betriebes zu begleiten für nötig finden. Selten ertönt ein

Lokomotivpfiff; selbst auf Stationen, auf denen täglich Hunderte von

Zügen verkehren, gleiten diese fast lautlos aus und ein. Der Engländer

ist aber auch stolz auf diese Selbstverständlichkeit des Dienstes, die

fast kein leitendes äußeres Zeichen nötig macht, auf diese Schulung

des Publikums, das, selbst aufmerksam, selbst denkend, der Führung und

Hinweisung nicht bedarf, vor allem aber stolz auf die Disciplin und das

Verständnis seines Beamtenpersonals.

Der bedeutende Wert von Grund und Boden, von Zeit und

Menschenarbeitskraft findet seinen Ausdruck in der Anordnung

der englischen Stationen, deren verhältnismäßig kleine Räume so

reich mit allen mechanischen Hilfsmitteln der Arbeitsleistung

ausgestattet erscheinen, daß sie auf kleinen Arealen eine gewaltige

Leistungsfähigkeit entwickeln.

Auf dem Gebiete des Signalwesens spielen infolge des nordischen

Inselklimas, das namentlich durch häufige Trübungen der Atmosphäre

gekennzeichnet ist, die sogenannten Knallsignale eine besonders große

Rolle. Letztere machen durch ihre Explosionen geradezu den Eindruck

fortwährenden lebhaften Geschützfeuers, während der rasche Wechsel

zahlreicher farbiger Lichter vor der Einfahrt großer Stationen den

Anblick reicher, bunter Leuchtkugelspiele gewährt.

Das englische Eisenbahnwesen kennzeichnet hiernach ein fortwährend

gesteigertes Streben nach Ausnutzung des Wertes der Zeit durch

Vermehrung der Zahl und der Schnelligkeit der Züge und durch Abkürzung

der Routen, ferner eine ausgezeichnete Schulung des Personals und eine

überaus große Ruhe und Geräuschlosigkeit im Manipulationswesen, aber

auch ziemlicher Mangel an Komfort, der freilich bei der Kürze der

Fahrten nicht sehr von Belang ist.

Das Eisenbahnnetz +Frankreichs+ veranschaulicht vor allem das alle

Verhältnisse beherrschende Schwergewicht der Hauptstadt des Landes.

Alle Hauptlinien laufen hier von der Hauptstadt Paris aus, wie die

Schlagadern eines tierischen Organismus vom Herzen. Desgleichen ist

Paris der Ausgangspunkt der gesamten +theoretischen+ Thätigkeit, die

zu ihrem Brennpunkt jene technische Musteranstalt hat, die unter dem

Namen „~École des Ponts et Chaussées~“ weltbekannt ist. Ein anderer

eigentümlicher Zug des französischen Eisenbahnwesens ist eine gewisse

+Schemastarre+. Derselbe gallische Geist, dessen reglementierender

Begabung schon Cäsar in seinen Kommentarien gedenkt, machte auch das

Bahnwesen zu einer Domäne der vom Staate gegebenen technischen und

administrativen Schemas. Der Begriff „Klasse“ namentlich durchdringt

das gesamte Verkehrsleben. Charakteristisch ist endlich die

+Monopolherrschaft+; sechs große Aktiengesellschaften teilen sich fast

ausschließlich in die Ausbeutung des gesamten Eisenbahnwesens.

In +Deutschland+ spiegelt die Eisenbahnkarte, wie schon erwähnt

wurde, in erster Linie die frühere politische Zersplitterung in

zahlreiche souveräne Einzelstaaten wieder. Regellos verteilt, mit

vielen kleinen und größeren Centren, die nicht immer die Schwerpunkte

des Verkehrs bilden, bedecken hier die Eisenbahnen das Land. Auch in

anderer Beziehung haben die politischen Verhältnisse das deutsche

Eisenbahnwesen beeinflußt. Da nämlich das Deutsche Reich schützender

natürlicher Grenzen entbehrt, so wurden hier bei Wahl der Tracen, bei

Ausrüstung der Bahnen mit gewissen Vorkehrungen, bei Konstruktion der

Betriebsmittel u. s. w. die militärisch-politischen Gesichtspunkte

wichtiger als anderswo. Das Betriebswesen selbst zeigt durchweg

stramme Organisation und infolgedessen eine ziemlich weitgehende

Bevormundung der Passagiere; doch erscheint diese nicht als Eingriff in

die individuelle Freiheit, sie ist vielmehr im deutschen Volksgeiste

begründet. Der Deutsche verläßt sich auf die Organe und erwartet von

ihnen Unterstützung und Teilnahme; der Engländer dagegen kümmert sich

nicht um die Funktionäre, es sind im Gegenteil diese, welche in der

Ausübung ihres Dienstes die Unterstützung der Passagiere beanspruchen.

Der Genius des deutschen Eisenbahnwesens ist nach +Webers+ Ausdruck die

„wohlgeregelte Disciplin“. Der frappanteste Zug in der Physiognomie der

deutschen Bahnen ist indes wohl sein soldatischer Typus. Begründet ist

dieser in der streng militärischen Erziehung des Volkes überhaupt und

namentlich auch in der fast durchweg militärischen Vergangenheit der

untergeordneten Funktionäre. Er spiegelt sich in allen Erscheinungen

des Verkehrs und seiner Manipulationen und verleiht allen Kundgebungen

im Bereiche derselben einen kategorischen Ton.

Von den +äußerlichen+ charakteristischen Merkmalen des deutschen

Eisenbahnwesens sei hervorgehoben, daß sich die Bahnhöfe durch Pracht

und Eleganz auszeichnen, sowie daß alle Wagenklassen einen weit

größeren Komfort aufweisen als die betreffenden Wagenklassen aller

anderen Länder. Das Reisen ist denn auch in Deutschland entschieden

viel behaglicher, als in irgend einem Lande der Alten oder Neuen Welt.

Das Eisenbahnsystem +Österreichs+ hat zunächst durch die Physis des

Landes seine hauptsächlichsten Charakterzüge erhalten. Die Bahnen

dieses schönen Reiches waren die ersten, welche große Gebirgsstöcke

überstiegen und dadurch den weitaus bedeutsamsten Fortschritt

einleiteten, welchen das Eisenbahnwesen überhaupt auf dem Kontinente

gemacht hat. Den Charakter Österreichs als Agrikulturstaat hinwiederum

bringen dessen Eisenbahnlinien insofern zum Ausdruck, als sie mit

weiten Maschen die Landbauflächen Ungarns, Galiziens, der Bukowina

bedecken und sich nur in Mähren und Böhmen zu jenem dichten Geflecht

von Industriebahnen zusammendrängen, das sich über einem mineralreichen

Boden zu bilden pflegt. -- Das Talent der Gesamtbevölkerung für die

Manipulationen des Eisenbahnwesens ist ziemlich gering. Weder die

fast ausschließlich imitatorische Begabung des Nordslaven, noch

die behagliche Leichtlebigkeit des Deutsch-Österreichers, noch die

administrative Lockerheit des Magyaren, noch die schwer civilisierbare

Leidenschaftlichkeit des Südslaven sind dem Geiste des Eisenbahnwesens

kongenial. Es bedurfte daher in der That des mächtig disciplinierenden,

straff verwaltenden Einflusses der großen französischen Gesellschaften,

in deren Händen und Verwaltung sich die Hauptbahnkomplexe Österreichs

befinden, um das Eisenbahnwesen dieses großen Reichs auf seinen

heutigen vorzüglichen Standpunkt zu heben. -- Durch das geschmackvolle

und elegante Wesen im Äußern der Anlagen, die freundliche Erscheinung

und das urbane Benehmen des Personals erhält überdies die Physiognomie

des österreichischen Eisenbahnwesens so viele liebenswürdige Züge, daß

auch die Kritik manchen Mangel an Lebendigkeit und manches langsame

Tempo im Dienste gerne übersieht. -- Im Verkehr dominiert, mehr noch

als in Deutschland, der Gütertransport.

Die dem Wesen der Eisenbahn durchaus heterogene Natur des +Italieners+,

die ihm jede Begabung für deren Manipulationen versagte, hat auch

die Ausbildung eines nationalen Gepräges im Eisenbahnsysteme der

italienischen Halbinsel verhindert. Um so entschiedener hat, wie oben

bereits betont wurde, die physische und geographische Beschaffenheit

des Landes die Anlage des Bahnnetzes beeinflußt. Da ferner Italien

seine Brenn-, Nähr- und Baustoffe, die es bedarf, hauptsächlich durch

den Seeverkehr empfängt, so giebt dem italienischen Eisenbahnsystem

besonders der Personenverkehr seine charakteristische Physiognomie.

Diesem Verkehre sind denn auch die Betriebseinrichtungen der

italienischen Bahnen in ganz hervorragender Weise angepaßt.

Die Eisenbahnkarte +Rußlands+ zeigt die größte Dichtigkeit im Westen.

Dieses dichtere Netz bekundet hier jedoch nicht bloß das größere

Verkehrs- und Kulturbedürfnis des Westens, es kommt darin auch die

politisch-militärische Tendenz greifbar zum Ausdruck: die rasche

und ausgiebige Zugänglichkeit dieses Grenzgebietes, das sowohl in

offensiver wie defensiver Beziehung für Rußland von allergrößter

Wichtigkeit ist. Daß übrigens die +Verbindung+ des russischen Westens

mit dem übrigen Europa in keine +Verschmelzung+ übergehe, hierfür

hat die Eisenbahnpolitik Rußlands dadurch gesorgt, daß sie eine

kräftige Scheidewand, trennender als Fluß oder Gebirge, zwischen +ihr+

Bahnsystem und das der anderen Kulturstaaten legte: die Verschiedenheit

der Spurweite. Erwähnt sei noch, daß die großen Reisedistanzen und die

Rauhheit des Klimas den Personenwagen der russischen Bahnen und den

Personendiensträumen einiger Routen gewissen Komfort verschafften:

den ersteren gute Heizbarkeit, ausreichende bequeme Raumverhältnisse,

Doppelfenster und sonstige Schutzmittel gegen Kälte, den letzteren gute

Verpflegung in unwirtlichen Gegenden u. s. w. Im übrigen zeigt das

russische Eisenbahnwesen keine besonderen eigenartigen Formen.

Einen von den kontinentalen Bahnsystemen gänzlich abweichenden, d. h.

specifisch charakteristischen Typus zeigt dasjenige +Skandinaviens+.

Die Natur des Landes, die Art und Gestaltung des Verkehrs und nicht

zuletzt die Individualität des Bevölkerungselementes haben in

Schweden und Norwegen dem sogen. Sekundärbahnsystem, beziehungsweise

+Schmalspursystem+ in einem Grade Anwendung und Ausdehnung verschafft,

wie sonst nirgends in Europa. In technischer Beziehung ist

beachtenswert, daß die Anwendung des Eisens als Konstruktionsmaterial

sehr selten ist. Die meisten Viadukte, Brücken und Stationsgebäude sind

aus Holz, das ja hier billig und leicht zu beziehen ist. Der schmalen

Spur entsprechend sind ferner die Fahrbetriebsmittel in den Dimensionen

sehr beschränkt, ein Übelstand, der namentlich bei den Personenwagen

in fast belästigendem Grade zum Ausdrucke kommt. Daß unter solchen

Umständen beispielsweise eine Reise auf der 600 km langen Linie

Kongsvinger-Drontheim, der längsten Schmalspurbahn in Europa, kein

besonderes Vergnügen sein kann, liegt auf der Hand. Diese Einrichtung

ist überhaupt nur in einem Lande möglich, in welchem die Bevölkerung

abgehärtet und anspruchslos ist.

Ganz neue Aufgaben erhielt das Eisenbahnwesen bei seinem Übergange nach

+Amerika+ zugewiesen. Hier galt es nicht, wie in Europa, volkreiche

Gegenden zu durchziehen und Produkte der Industrie auszutauschen,

vielmehr sollten die Bahnen weiten Landstrichen Bevölkerung erst

zuführen, dieselben erst kulturfähig machen, materiellen und geistigen

Verkehr erst schaffen. Der Dampfwagen wurde daher in Amerika zum

eigentlichen +Pionier+ der Civilisation. Die ungeheure räumliche

Ausdehnung des Landkomplexes, der hier europäischer Kultur erschlossen

werden sollte, bedingte jedoch ein +rascheres+ Vorgehen, als das in

der Alten Welt üblich war. Aber eben diese Schnelligkeit, mit welcher

die großen Überlandlinien in Amerika ins Leben gerufen wurden, führte

zu +Konstruktionsnormen+, die der Technik des Eisenbahnwesens einen

gänzlich neuen, specifisch „+amerikanischen+“ Stempel aufdrückten.

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 25 / 50 段