1. +Schienenverbindung zwischen England und Frankreich+[120].

Der Gedanke, zwischen England und dem Kontinente einen trockenen

Verbindungsweg zu schaffen, ist keineswegs neu. Schon zu einer

Zeit, da man von den Eisenbahnen noch keine Ahnung hatte, faßte

ein französischer Ingenieur, Namens +Mathieu+, den Gedanken, eine

unterseeische Fahrstraße zu bauen. Die Pläne hierzu wurden Napoleon,

der damals erster Konsul war, vorgelegt und später im Luxemburgpalaste

ausgestellt, sind aber unauffindbar in Verlust geraten. Kurz darauf

projektierte man in Frankreich die Legung ungeheurer Eisenröhren

auf den Meeresboden, dann wieder die Erbauung einer Brücke über den

Kanal. Doch fanden all diese Vorschläge keinen Anklang; auch die im

Laufe der zwei letzten Decennien aufgetauchten, teilweise geradezu

verblüffenden und gewaltig kostspieligen Pläne wurden von der Mehrheit

der Fachleute als unpraktisch verworfen, und die Sache ruhte, bis

+Thomé de Gamond+ um die Mitte der dreißiger Jahre deren Studium zur

Hauptaufgabe seines Lebens machte. Anfänglich befürwortete derselbe

Röhren, später entschied er sich für einen unterseeischen Tunnel.

1857 kam er nach England, erläuterte hier seine Pläne den Ingenieuren

und hatte in dieser Sache Unterredungen mit dem Prinz-Gemahl und dem

Premierminister Lord Palmerston. Gamond nahm seine Sache so ernst,

daß er zu wiederholten Malen selbst auf den Meeresgrund hinabstieg, um

sich über dessen geologische Beschaffenheit genau zu unterrichten; als

er dies zum letztenmal that, wäre er beinahe ums Leben gekommen; denn

gefräßige Raubfische setzten ihm so sehr zu, daß er fast das Bewußtsein

verlor und nur mit genauer Not dem Tode entrann. 1856 ließ Napoleon

III. die Gamondschen Pläne durch eine wissenschaftliche Kommission

prüfen; diese beantragte, daß, da Gamonds Schlußfolgerungen ganz

plausibel seien, die beiden Regierungen auf gemeinsame Kosten einige

Versuchstunnelierungen veranlassen mögen, damit die Wahrscheinlichkeit

oder Unwahrscheinlichkeit der praktischen Durchführbarkeit des

Projektes ermittelt werde. Doch wurde daraus nichts, und auch die

Auslegung der Gamondschen Zeichnungen auf der Pariser Weltausstellung

von 1867 förderte kein greifbares Ergebnis zu Tage. Erst 1872 wurde

eine französisch-englische Kanaltunnelgesellschaft (engl. ~Channel

Tunnel Company~) gegründet, welcher L. +Grosvenor+ für das englische

Komitee und M. +Chevalier+ für das französische Komitee präsidierten

und +Gamond+, +Hawkshaw+ und +Brunlees+ als Ingenieure angehörten. Im

August des Jahres 1875 wurde sodann seitens der Nationalversammlung

der Bau einer von der französischen Küste zwischen Calais und Boulogne

ausgehenden submarinen Eisenbahn bis zum Anschluß an eine gleiche

englische Linie genehmigt und der französischen Gesellschaft die

Konzession auf 99 Jahre ohne Subventionen oder Garantieen unter der

Bedingung erteilt, daß die Konzession nach fünf, beziehungsweise

acht Jahren erlösche, wenn bis dahin ein Einvernehmen mit der

englischen Gesellschaft nicht erzielt oder der Bau aus anderen Gründen

unmöglich werde. Als nun die geforderte Einigung mit der englischen

Gesellschaft tatsächlich nicht zu stande kam, da trat 1881 der

Präsident der englischen Südostbahngesellschaft, Sir +Edward Watkin+,

hervor, der in Gemeinschaft mit den Ingenieuren +Brady+, +Bramwell+,

+Low+ und dem Obersten +Beaumont+ die Sache zur Entscheidung zu

bringen entschlossen war. Auf seine Anregung faßte die genannte

Bahngesellschaft den Beschluß, die Vorarbeiten auf eigene Rechnung

und Gefahr zu wagen. Nach wenigen Monaten schon ergaben die Bohrungen

ein so überraschend günstiges Resultat, daß es leicht fiel, Anfang

1882 eine Aktiengesellschaft zu bilden, die der Südostbahn das

Terrain, die Maschinen und die begonnenen Vorarbeiten abnahm und das

zur Weiterführung erforderliche Kapital zur Verfügung stellte. Die

neugegründete „Submarin-Kontinental-Eisenbahngesellschaft“ setzte

die Bohrungen fort und stellte dadurch fest, daß der geplante Tunnel

verhältnismäßig leicht herzustellen ist. Die Bohrungen haben nämlich

die Richtigkeit der geologischen Voraussetzungen der Unternehmer

vollständig erwiesen. Das Gestein war stets leicht zu bearbeiten, so

daß es nicht, wie bei den großen Bergtunnels, des Dynamits, überhaupt

keiner Sprengungen bedurfte. Auch Wassereinbrüche fanden nicht statt.

Nach dem heutigen Stande der Geologie läßt sich aber mit höchster

Wahrscheinlichkeit annehmen, daß diese Gesteinsschichte -- sogen.

+graue Kreide+ -- sich unter dem ganzen Kanal hinziehe.

Betreffs der Route, welche für den Tunnel zu wählen wäre, zeigten

sich Meinungsverschiedenheiten. Die Ingenieure der älteren

Kanaltunnelgesellschaft beabsichtigten, den Tunnel von der St.

Margaretenbucht in England bis nach Sangatte in Frankreich zu bohren.

Die Ingenieure der Südostbahn entschieden sich dagegen für Folkestone.

Über die projektierten Kanaltunnellinien überhaupt orientiert das

beigegebene Kärtchen (Fig. 74).

Der ganze Tunnel wird, die notwendigen Steigungen und Landzugänge

inbegriffen, etwa 38 km lang sein. Übrigens denkt man auch daran,

eventuell von Landzugängen und Steigungen Umgang zu nehmen und statt

dessen die Züge bei ihrer Ankunft mittels mächtiger hydraulischer

Winden sanft an die Oberfläche der Erde zu heben; dadurch würde sich

die Tunnelstrecke auf kaum 30 km vermindern.

[Illustration: Fig. 74. Die projektierten Tunnellinien zwischen

Frankreich und England.]

Bezüglich des +Betriebes der Tunnelbahn+ hat man vorläufig

+komprimierte Luft+ in Aussicht genommen. Durch sie würde nicht bloß

der Zug getrieben, sondern der Tunnel gleichzeitig auch mit guter

Ventilation versehen werden.

Die +Herstellungskosten+ werden gegenwärtig auf 2-2½ Mill. Pfd.

St. geschätzt. Früher freilich hegte man in dieser Beziehung arge

Befürchtungen. +P. J. Bishop+ z. B. meinte, der Tunnel müsse

verhältnismäßig ebensoviel kosten, wie der +Brunel+sche Themsetunnel,

also über 54 Mill. Pfd. St., und selbst diese Summe könne noch

überschritten werden.

Auch rücksichtlich der +Zeit+, deren man zu dem Unternehmen bedarf, ist

ein Umschwung in den Ansichten und eine praktische Klärung derselben

eingetreten. Während +Michel Chevalier+ und Lord +Richard Grosvenor+ es

noch für geraten hielten, sich eine Frist von 20 Jahren vorzubehalten,

ist man jetzt zu der Überzeugung gekommen, daß der ganze Tunnel sich in

etwa 5 Jahren herstellen ließe.

Wie sich die +Rentabilität+ des Unternehmens stellen wird, läßt sich

nur vermuten. Sollte es wirklich möglich werden, von England nach

den Verkehrsmittelpunkten Europas rasch, ohne Erstickungsgefahr,

ohne Seekrankheit, ohne durch Stürme entstehende Verzögerungen und

Verluste, bei ununterbrochener Fahrt in hell erleuchteten Wagen

zu gelangen, sowie Waren rasch, sicher, ohne Umladung und ohne

Schiffbruchgefahr von und nach Großbritannien zu senden, so läßt sich

billigerweise annehmen, daß die betreffenden Kompagnieen gute Geschäfte

machen werden. Schon jetzt verkehren auf den verschiedenen vorhandenen

Dampferlinien jährlich über eine halbe Million Passagiere zwischen dem

Inselreich und dem Kontinente, und der Güterverkehr repräsentiert schon

jetzt jährlich einen Wert von mehr als 80 Mill. Pfd. St.

Die +wirkliche+ Ausführung des Tunnels ist indes nach der neuesten

Wendung der Dinge für längere Zeit verschoben. England nämlich, das vor

wenigen Jahren noch den Bau des Tunnels für höchst wünschenswert hielt,

erblickt nunmehr in der Herstellung desselben eine ernstliche Bedrohung

seiner insularen Unabhängigkeit, und infolgedessen ist von seiten der

hervorragendsten Repräsentanten des englischen Volkes ein entschiedener

Protest gegen das Tunnelprojekt erflossen. Ganz Frankreich, Lesseps an

der Spitze, macht sich jedoch über diese Bedenken der Engländer ebenso

lustig, wie einst über diejenigen John Bulls betreffs des Suezkanals,

von dem England jetzt mehr Nutzen zieht als alle übrigen Völker

zusammengenommen. „Heutzutage kann,“ wie der ‚Temps‘ mit Recht sagt,

„unbedachtsamer Patriotismus dem Fortschritte der Civilisation und den

wahren Interessen der Völker nicht lange hinderlich im Wege sein.“

2. +Eisenbahn zwischen Italien und Sizilien.+ Von den zahlreichen

Meerengen des Mittelmeeres bietet die +Straße von Messina+ die

günstigsten Verhältnisse für Herstellung einer Eisenbahn unter dem

Meere. Die Breite der Straße beträgt nämlich an ihrer schmälsten Stelle

nicht über 3 km und die mittlere Tiefe derselben nicht über 75 m. Da

nun die Bahn 30-40 m unter der Sohle der Straße anzulegen wäre, so

würde dieselbe 110-120 m unter dem Meeresniveau dahinführen. Neuestens

hat die italienische Regierung dem Ingenieur Carlo Navone die Erlaubnis

zu den bezüglichen Vorarbeiten erteilt. Die Länge des eigentlichen

unterseeischen Tunnels hat man auf 4300 m berechnet, die Kosten auf 71

Mill. Francs. Für Fertigstellung des Unternehmens werden mindestens 4½,

höchstens 6½ Jahre nötig sein.

3. +Eisenbahn zwischen Spanien und Afrika.+ Nach den Plänen der

„~Compagnie du chemin de fer intercontinental~“ würde der Ausgangspunkt

der Bahn auf der spanischen Seite zwischen Tarifa und Algesiras und ihr

Endpunkt an der Küste Marokkos zwischen Tanger und Ceuta liegen. Da

jedoch die Tiefe der Straße von Gibraltar an der bezeichneten Stelle

über 800 m beträgt, so erscheint die Ausführung dieser Bahn jedenfalls

erst einer fernen Zukunft vorbehalten.

4. +Eisenbahn zwischen Schottland und Irland.+ Sie soll unter dem 35

km breiten und 25 m tiefen +Nordkanal+ von Port Patrick nach Larne

(nördlich von Belfast) geführt werden und infolge ihrer politischen und

volkswirtschaftlichen Bedeutung Aussicht auf baldige Realisierung haben.

5. +Eisenbahn zwischen Schweden und Dänemark.+ Der französische

Ingenieur +de Rothe+ hat der dänischen Regierung den Plan eines

unterseeischen Tunnels durch den Sund zwischen Kopenhagen und Malmö

vorgelegt. Der Tunnel soll eine Länge von 12 km erhalten und 30 Mill.

Frcs. kosten.

~B.~ Die Eisenbahnen Asiens[121].

Die Eisenbahnen nehmen in Asien noch eine sehr untergeordnete Stellung

ein. Fast der ganze Kontinent liegt noch in denselben Verkehrsfäden

gefangen, die sich schon vor Jahrtausenden über ihn spannten. Noch

immer haben im weitaus größten Gebiete Asiens Boten und primitive

Posten den Nachrichten-, Saumtiere, Pferde, Zugtiere und Kamele den

Personen- und Frachtenverkehr zu vermitteln. Die geographischen

Verhältnisse des Erdteils haben die Entwicklung des Eisenbahnwesens

freilich auch nicht begünstigt. Der Erdteil ist seiner Bodengestalt

nach überwiegend Hochland, das außerdem noch auf weiten Strecken

Wüsten- und Steppen-Charakter an sich trägt. Die Flüsse treten

vielfach, so Euphrat und Tigris, Ganges und Hoangho, über ihre Ufer

und wirken weithin verheerend. Auch die klimatischen Verhältnisse

erschweren in manchen Strichen die Anlage von Bahnen; besonders ist

das der Fall im nördlichen Sibirien. In einigen Gebieten, so z. B. in

Vorderasien, fehlt es an Kohlen, dieser Hauptnahrung des Dampfrosses.

Die wichtigste Ursache der geringen Entwicklung der Bahnen bildet

jedoch der tiefe Kulturgrad vieler asiatischen Völker und namentlich

die bisherige hartnäckige Ablehnung aller europäischen Kultur

seitens des chinesischen Reiches. Noch heute besitzen +das ungeheure

Territorium des chinesischen Reiches, jenes von Sibirien, Vorderasien,

Arabien und Hinterindien, von einigen wenigen Kilometern in China,

Balutschistan und Kleinasien abgesehen, gar keine Schienenstränge+. Das

+einzige+ Gebiet Asiens, das ein ziemlich entwickeltes Eisenbahnnetz

besitzt, ist +Britisch-Indien+.

=I. In Betrieb befindliche Bahnen.=

1. +Britisch-Indien.+ Die erste Eisenbahn lief in Britisch-Indien

1853. In diesem nämlichen Jahre wurde auch der Plan zu den zwei

großen Routen entworfen, welche die drei Hauptorte Indiens verbinden

sollten: Calcutta, Bombay und Madras. Aber erst 1871 fand dieses

Projekt seine Erfüllung. Zu diesen zwei Hauptlinien (Bombay-Calcutta

und Bombay-Madras) kamen im Laufe der letzten Jahre verschiedene

neue hinzu, so daß dermalen die großen Maschen des Netzes vollendet

sind. Namentlich ist der Golf von Bengalen schon mit den Thoren von

Afghanistan verbunden, und auch das Industhal hat eine Bahn bis

Kurrachee.

Von den übrigen Bahnen Vorderindiens sei noch der +Himalaja-Bahn+

Erwähnung gethan. Sie erstreckt sich von Calcutta bis Dardscheling,

einem 7600 engl. Fuß über dem Meere gelegenen klimatischen Kurort im

Himalaya, und ist eines der kühnsten Bauwerke unseres Jahrhunderts. Die

durchschnittliche Steigung der Bahn ist etwa 1:36.

Die in Vorderindien noch +fehlenden+ Hauptlinien sind folgende: eine

direkte Verbindung Bombays mit Calcutta über Nagpur, zwei Bahnen längs

der Ost- und Westküste der Halbinsel und ein Strang von Calcutta nach

den Ufern des Irávadi in Hinterindien. Auch diese Bahnen werden in

nicht zu ferner Zeit ausgeführt werden; denn an der Vervollständigung

des Schienennetzes wird mit allem Eifer gearbeitet, da ja hiervon die

Ausnützung der vorhandenen Kohlenschätze, die Hebung der verschiedenen

Industriezweige und des Weizenexportes vor allem bedingt ist. -- Von

Bedeutung verspricht auch jene Linie zu werden, die von +Sukkur+ am

Indus durch +Balutschistan+ über +Sibi+ nach +Quetta+ gebaut wird; denn

in der Fortsetzung dieser Linie erfolgt wohl der Anschluß des indischen

Bahnnetzes an das vom Kaspischen Meer vorrückende russische. (Siehe

auch S. 217.)

[Illustration: Fig. 75. Felspartie an der Kandy-Bahn.]

Die Insel +Ceylon+ besitzt 260 km Eisenbahnen. Bemerkenswert sind

dieselben besonders dadurch, daß ihre Spurweite größer ist als die

sogen. normale (1,677 m). Technisch am bedeutendsten ist die nach

+Kandy+ führende Linie.

2. +Asiatische Türkei.+ Dieses fast 2 Mill. qkm große Gebiet

besitzt bis jetzt nur ca. 400 km Bahnen, darunter die Linien

Smyrna-Aidin-Sarakio, Smyrna-Alaschehr und Skutari-Ismid.

3. +Kaukasien.+ Hier sind im Betriebe die Linien +Poti+- oder

+Batum+-+Tiflis+-+Baku+ und +Rostow+-+Wladikawkas+. Erstere Linie

stellt die Verbindung zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meere

her.

4. +China.+ Dieses Land ist der +einzige+ Staat der Erde, der sich

bisher hartnäckig dem Eisenbahnwesen verschloß. So wurde von einer

englischen Gesellschaft eine Bahn von +Shanghai+ nach +Woosung+ gebaut,

nach Fertigstellung aber von der chinesischen Regierung angekauft

und alsbald wieder vernichtet. Gegenwärtig geht eine Bahn nach den

Kohlenminen von +Kaiping+; sie hat 13 km und befördert auch Personen;

das ist übrigens alles, was dieses Land, welches größer als ganz Europa

ist, an Eisenbahnen zur Zeit aufweist. Neuestens wird aber auch im

Reiche der Mitte die Herstellung von Schienenwegen ernstlich ins Auge

gefaßt. -- Die Ausbreitung des Eisenbahnwesens in China wird ohne

Zweifel für das gesamte Kulturleben der Gegenwart die großartigsten

Wirkungen im Gefolge haben, und zwar sowohl mit Rücksicht auf

Handelspolitik und Güteraustausch, als auch bezüglich der Emigrations-

und Arbeiterfrage.

5. +Japan.+ Dieses Reich hat sich mit der Einführung des europäischen

Eisenbahnwesens vollständig vertraut gemacht. An dem Ausbau des bereits

bestehenden Netzes wird fleißig gearbeitet.

6. +Niederländisch-Indien.+ Bahnen finden sich in diesem Gebiete,

abgesehen von einer kleinen Strecke auf Sumatra, nur auf Java.

=II. Projektierte Bahnen.=

Was Asien dermalen an +ausgeführten Bahnen+ aufzuweisen hat, ist, wie

wir gesehen, im Verhältnis zu den gewaltigen Dimensionen des Erdteils

wenig bedeutend. Um so zahlreicher sind dagegen die Bahn+projekte+,

die uns auf asiatischem Boden entgegentreten. +Schweiger-Lerchenfeld+

nennt Asien geradezu „das große Aktionsgebiet der künftigen

Weltschienenwege“. Manche dieser Projekte klingen uns gegenwärtig

allerdings noch ganz fabelhaft an, aber der mächtige Geist, der die

Alpenmauer durchbrochen, der dem Dampfroß durch Steppen und Wüsten den

Pfad geebnet und es wiederum an der Lehne der Hochgebirge hinführt,

wird auch den asiatischen Koloß zu bändigen wissen.

Die wichtigsten der in Aussicht genommenen Bahnen sind folgende:

1. +Bahnen nach Indien+, und zwar ~a~) durch die asiatische Türkei und

durch Persien; ~b~) durch russisch Centralasien;

2. eine +transasiatische Bahn+.

[Illustration: Fig. 76. Die Bahnen Asiens.]

=1. Bahnen nach Indien.=

=a. Durch die asiatische Türkei und Persien.=

+α. Euphrat- und Tigrisbahn.+

Das Projekt einer Euphratbahn ist schon in den dreißiger Jahren von

England, das an der Verbesserung und Verkürzung des Weges nach Indien

unmittelbares Interesse hat, aufgeworfen und seither wiederholt

erörtert worden. Die wichtigsten der hier in Frage kommenden Linien

sind folgende:

~aa.~ Eine Linie von Alexandrette an der nordsyrischen Küste über

Aleppo zum Euphrat, dann diesem folgend bis zum Persischen Meerbusen.

~bb.~ Eine Linie von demselben Ausgangspunkt, aber durchs

mesopotamische Binnenland, also am linken Euphrat- oder am rechten

Tigrisufer, mit demselben Endpunkte, wie bei dem ersten Projekte

(Kuweit, Kornea oder Basra).

Die englische Regierung scheint indes auf die Ausführung einer sogen.

Euphratbahn verzichtet zu haben. Nach den Untersuchungen des deutschen

Ingenieurs +Pressel+ stellt sich nämlich dieselbe dar als ein Unding

in bautechnischer, betriebstechnischer und in kommerzieller Beziehung.

So haben die technischen Untersuchungen ergeben, daß die Linie im

Euphratthale selbst wegen der periodischen Hochfluten des Stromes und

der mäandrischen Windungen desselben absolut nicht geführt werden

könne, sondern auf eines der beiden Ufer verlegt werden müsse. Die

Uferstrecken aber sind auf einer Länge von 1200 km vollständig wüst.

Was die betriebstechnische Seite betrifft, so spricht gegen eine solche

Bahn der Umstand, daß fast nirgends Brennmaterial sich findet und der

Wassermangel sehr bedeutend ist. In kommerzieller Beziehung ist die

Bahn ein Unding, weil eine Bahn, deren Baukapital sich auf rund 500

Mill. Francs beläuft und mit mindestens 12% zu verzinsen wäre, täglich

40000 t Fracht und 10000 Passagiere befördern müßte.

Eine weit solidere und vertrauenerweckendere Grundlage als die

erwähnten Euphratbahnprojekte hat

~cc.~ +das Tigrisbahnprojekt Pressels+. Seine Linie geht von einem

nordsyrischen Hafen über Diarbekr und Mosul nach Bagdad zum Persischen

Golf. Freilich muß, wie +Pressel+ ausführt, mit der Durchführung dieses

Projektes auch eine große wirtschaftliche Aktion eingeleitet werden,

wenn anders die Linie sich als rentables Unternehmen erweisen soll.

Schließlich sei noch eines +vierten+ Projektes Erwähnung gethan! Man

dachte nämlich auch an eine

~dd.~ +kleine Euphratbahn+ von Alexandrette über Aleppo bis an den

Euphrat unter Einrichtung einer Dampfschiffahrt auf demselben; indes

auch hiervon mußte wegen der ungünstigen Stromverhältnisse Abstand

genommen werden; Euphrat und Tigris sind nämlich in ihrem Oberlaufe

für Schiffe unfahrbar, da infolge der starken Geschiebebewegung sich

fortwährend Untiefen bilden und überdies beide Ströme durch viele

felsige Engpässe führen.

β. +Die kleinasiatisch-+=mesopotamisch=+-persische und die

kleinasiatisch-+=armenisch=+-persische Transitlinie.+

Das ursprüngliche Projekt einer Euphratbahn erweiterte sich mit

der Zeit zu jenen Projekten von allgemeinerer, internationaler

Bedeutung, durch welche eine +ununterbrochene Eisenbahnverbindung

Europas mit Indien+ hergestellt werden soll. Angeregt wurden

dieselben, wie die eben besprochenen, von England. Es sind denn

auch von englischer Seite, so von +Henry Rawlinson u. a.+,

zahlreiche Vorschläge in dieser Beziehung gemacht worden; aber

auch hier dürften sich die wohldurchdachten Pläne +Pressels+

als die geeignetsten erweisen. Zunächst sei noch bemerkt, daß

man hier eine kleinasiatisch-+mesopotamisch+-persische und eine

kleinasiatisch-+armenisch+-persische Linie unterscheidet, je nachdem

eben die Verbindung Indiens mit Kleinasien über Mesopotamien oder

Armenien angestrebt wird. Nach +Pressels+ Vorschlägen nun sollte

1. +die kleinasiatisch+-=mesopotamisch=-+persische Linie+ von Skutari

über Eskischehr, Konia und Adana nach Biredschik laufen, von wo eine

Seitenlinie über Aleppo zum Mittelmeer sich abzuzweigen hätte, und dann

Urfa, Diarbekr, Nisibin, Mosul, Bagdad, Kirmanschahan, Hamadan und

Teheran berühren;

2. +die kleinasiatisch+-=armenisch=-+persische Linie+ wäre von Skutari

über Eskischehr, Siwas und Erzerum nach Täbris und Teheran zu führen.

Zum Anschluß an das +indische+ Bahnnetz wird die Fortsetzung der

Bahn über +Mesched+ und +Herat+ und von +Herat+ aus entweder über

+Kabul+ nach +Peschawar+ oder über +Kandahar+ nach +Schikarpur+ (am

Indus) empfohlen. Freilich ist die Ausführung dieses Projektes einer

+türkisch-indischen Überlandbahn+ -- so sehr eine solche Linie auch

eine internationale Handelslinie im eminentesten Sinne des Wortes

genannt werden muß -- anbetrachts der vielen Hindernisse, die sich ihr

entgegenstellen, noch in weite Ferne gerückt.

~b.~ =Durch Russisch-Centralasien.=

Es ist begreiflich, daß bei der großen politischen, merkantilen und

militärischen Bedeutung einer Schienenverbindung Rußlands mit Indien

zahlreiche Projekte zur Herstellung einer solchen auftauchten. Sie

alle hier zu erörtern, würde zu weit führen; nur der wichtigsten soll

gedacht werden.

1. Der Ingenieur +Baranowski+ plaidierte für eine Linie, die von

Saratow an der Wolga ausgeht, das Ust-Urt-Plateau durchschneidet,

Chiwa berührt und bis Balch führt. Ein Tunnel durch den Hindukusch

soll dann die Fortführung der Bahn im Thal des Kabul bis zur indischen

Grenzstation Peschawar ermöglichen.

2. Das +Lesseps-Cotardsche Projekt+ zielt darauf, Rußland mit Indien

durch eine Bahn zu verknüpfen, die von Orenburg am Ural über Taschkent

und Kabul nach Peschawar liefe.

Die ebenerwähnten Projekte haben übrigens, wie viele andere,

gleichfalls nur mehr historische Bedeutung; denn schon ist auf einem

+dritten+ Wege eine russisch-indische Verbindungsbahn in rascher

Herstellung begriffen. Die Russen haben nämlich bei ihren Eroberungen

in Turan den Bahnbau nicht außer acht gelassen; schon jetzt zieht hier

vom Ostufer des Kaspischen Meeres eine Linie über +Kisil-Arwat+ und

+Askabad+ bis +Merw+. Die Fortsetzung der Bahn nach +Herat+ wird wohl

in nächster Zeit in Angriff genommen. So wird ohne Zweifel auf diesem

Wege der Anschluß an das +indische+ Bahnnetz entweder in der Richtung

nach +Peschawar+ oder (was wahrscheinlicher) über +Quetta+ nach

+Schikarpur+ erfolgen.

+Der Verkehr von Westeuropa nach Indien+ wird dann folgenden Weg

nehmen: Wien-Odessa-Schwarzes Meer-Batum-Tiflis-Baku-Kaspisches

Meer-Askabad-Merw-Herat-Kandahar-Quetta-Schikarpur.

Die ganze Strecke von Paris oder London bis Schikarpur am Indus wird

alsdann in 11-12 Tagen zurückgelegt werden können.

Zunächst ist indes von Rußland die Fortsetzung der Bahn von +Merw+ nach

+Samarkand+ und +Taschkent+ beabsichtigt.

=2. Die transasiatische Bahn.=

Die hier in Betracht kommende Linie ist jene, welche +Europa+,

beziehungsweise +Rußland+ dereinst mit +China+ verbinden soll. Entwürfe

hierfür haben geliefert:

1. Der deutsche Ingenieur +Meyssel+. Nach ihm wäre die Bahn von

Jekaterinburg über Omsk, Irkutsk, Kiachta, Urga nach Peking und

Tientsin zu führen.

2. Der russische Oberst +Bogdanowitsch+. Dieser läßt gleichfalls die

Bahn bei Jekaterinburg beginnen und nach Omsk und Irkutsk ziehen. Dann

aber hätte sie das Jablonoigebirge bei Tschita zu überschreiten und

würde über Chailar und Dolon-nor Peking erreichen.

3. Der deutsche +Freiherr von Richthofen+. Auch nach diesem sollte

die Bahn ihren Ausgang von Jekaterinburg nehmen, dann aber über Omsk,

Semipalatinsk, die Oase Hami und Singan nach Hankau und Shanghai führen.

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 20 / 50 段