4. +Die Gotthardbahn.+ Über die +Geschichte+ der Bahn sei zunächst

folgendes bemerkt: Am 15. Oktober 1869 wurde zwischen der

schweizerischen Eidgenossenschaft und dem Königreich Italien zur

Erbauung der Gotthardbahn ein Staatsvertrag abgeschlossen, welchem

am 18. Oktober 1871 auch das Deutsche Reich beitrat. Derselbe

bildet die staatliche Grundlage des Unternehmens und enthält die

wesentlichen Bestimmungen, an welche sich die Baugesellschaft zu

halten hatte. Seine Hauptpunkte lauten: Das auszuführende Netz soll

folgende Linien enthalten: 1. Luzern-Immensee-Goldau; 2. Zug-Goldau;

3. Goldau-Brunnen-Flüelen-Göschenen-Airolo-Biasca-Bellinzona; 4.

Bellinzona-Lugano-Chiasso; 5. Bellinzona-Locarno und 6. Bellinzona-Pino

(am Langensee). Die Steigung der Bahn soll 25‰ nicht überschreiten.

Der große Tunnel zwischen Göschenen und Airolo ist in gerader Linie

und zweispurig anzulegen. Der Subventionsbeitrag ~à fonds perdu~ ist

auf 85 Millionen Francs festgesetzt und wird folgendermaßen geleistet:

Die Schweiz bezahlt 20, Italien 45 und Deutschland 20 Millionen. Am 6.

Dezember 1871 konstituierte sich die Gotthardbahngesellschaft, am 1.

Oktober 1872 begannen die thatsächlichen Arbeiten an dem großen Tunnel,

und 10 Jahre später bereits, am 23. Mai 1882, erfolgte die offizielle

Eröffnung des neuen Schienenweges. In den Dienst der Völker trat die

Gotthardbahn am 1. Juni 1882.

Mit ihr ward ein Werk vollendet, das vermöge der Großartigkeit seiner

Anlage und im Hinblick auf die riesenhaften Schwierigkeiten, welche

die widerstrebenden Naturgewalten der Durchführung des Unternehmens

entgegensetzten, sich den größten dem Dienste des Weltverkehrs

gewidmeten Schöpfungen unseres Jahrhunderts würdig zur Seite stellt.

[Illustration: Fig. 63. Louis Favre.]

In erster Linie ist hier des +großen Tunnels zwischen Göschenen und

Airolo+ zu gedenken. Mit der Herstellung desselben war der bereits bei

anderen großen Tunnelbauten hervorragend thätig gewesene Bauunternehmer

+Louis Favre+ aus Chêne bei Genf betraut worden. Leider sollte derselbe

die Beendigung seines Werkes nicht erleben. Wie ein Soldat in der

Schlacht, so starb Favre mitten in seiner unermüdlichen Thätigkeit am

19. Juli 1879 infolge eines Herzschlags im Tunnel selbst. Doch wurde

die Arbeit nicht unterbrochen, und +am 29. Februar 1880, morgens 9

Uhr, erfolgte der Durchbruch des Firststollens+. Die Länge des ganzen

Tunnels beträgt 14900 m, mit anderen Worten: er ist 6½mal so lang

als alle Semmeringtunnels zusammen, mehr als 10mal so lang als der

+größte+ Semmeringtunnel und 1⅓mal so lang als alle 38 Tunnels der

Schwarzwaldbahn. Am nächsten kommen ihm bezüglich der Längenausdehnung

der Mont-Cenis-Tunnel mit 12233 m und der Arlbergtunnel mit 10270 m.

Der höchste Punkt des Tunnels liegt 1154,69 m über dem Meeresspiegel.

[Illustration: Fig. 64. Die Zugangslinien des Gotthardtunnels. (Nach

~Helène~, ~Les Nouvelles Routes~.)]

Die Arbeit der +Durchbohrung des Gebirges+ schildert uns ein Ingenieur

wie folgt: „Die Tunnelmaschinen zerfallen in Bohrmaschinen und in

Apparate an der Mündung des Stollens. Letztere sind mechanische

Vorrichtungen, um die ersteren zu bewegen und die Arbeiter mit der

notwendigen Lebensluft zu versehen. Vor dem Tunnel befinden sich

kolossale Luftreservoirs, in welchen vermittels der Wasserkraft der

Reuß und des Tessin das Luftvolumen auf mehr als seinen zwanzigsten

Teil zusammengepreßt wird. Die komprimierte Luft wird in Röhren auf

die Baustellen geleitet, wo sie in einen Cylinder tritt und, indem

sie sich ausdehnt, den Kolben desselben mit ungeheurer Schnelligkeit

vor- und rückwärts bewegt. Der Kolben wird mit dem Meißelbohrer in

Verbindung gebracht. Bei jedem Stoß des erstern dringt der Bohrer

tiefer in das Gestein ein. Die Maschinen, nach dem System von Ferroux,

von denen stets vier bis sechs an der Arbeit sind, bohren zusammen

40 bis 50 Löcher; nach erfolgter Bohrung werden die Bohrmaschinen

zurückgezogen, die Mineurs füllen Dynamit ein und zünden die Lunte an.

Ein melancholisches Hornsignal mahnt die Arbeiter zum Rückzug; die

Explosion der Dynamitfüllung erfolgt und mit ihr die Zersplitterung

des Gesteins. Durch Öffnen eines Hahnens wird nun komprimierte Luft in

den von Dunst erfüllten Raum eingelassen, welche mit Gewalt den Qualm

der Tunnelmündung zutreibt. Das Gestein wird entfernt, und die Arbeit

beginnt von neuem.“

[Illustration: Fig. 65. Gotthard-Bohrmaschine.]

Die +Hindernisse+, auf die man beim Bau des Tunnels traf, waren

mannigfach. Sie bestanden besonders in schwieriger Beschaffenheit

des Gesteins, Zerklüftungen, Letteneinbettungen und mächtigem

Wasserzudrang; höchst beschwerlich war ferner die +hohe Temperatur+,

welche 30° bis 31° C. erreichte. Die Leute, erzählt +Maury+, der

am Baue beteiligt war, arbeiteten fast vollständig entkleidet, und

trotzdem waren sie einer ernstlichen Anstrengung unfähig. Alle wurden

allmählich blutarm und waren gezwungen, die Baustelle zu verlassen.

Eine Vorstellung von dem, was die Arbeiter während der letzten Monate

vor dem Durchschlag an Beschwernissen zu ertragen hatten, giebt die

Thatsache, daß die Pulsation des Herzens auf 155 bis 160 Schläge in

der Minute stieg und die innere Temperatur des menschlichen Körpers 39°

überschritt.

[Illustration: Fig. 66. Brücke über die Maderanerschlucht bei Amsteg.]

Die auf der ganzen Gotthardbahn während des Baues bis zum Schluß

vorgekommenen +Tötungen+ von Arbeitern betrugen die respektable Zahl

von fast dritthalb Hunderten; verwundet ohne tödlichen Ausgang wurden

ca. 600 Menschen; im ganzen wurden somit etwa 850 Menschen getötet oder

krüppelhaft.

Außer dem Haupttunnel erregen noch ganz besonderes Interesse die

zahlreichen +Kehrtunnels+ (siehe Ziffer 1 u. 2 in Fig. 64). Auf der

nördlichen Zufahrtslinie zum Haupttunnel beginnen dieselben hinter

der Station +Gurtnellen+, mit welcher überhaupt die Glanzpartie der

Gotthardbahn ihren Anfang nimmt. Es folgen hier aufeinander: der

Pfaffensprung-, Wattingen- und Leggisteintunnel. Zwischen den beiden

letzteren liegt die Station +Wasen+. Auf der südlichen Rampe finden

sich solche bei Fiesso (Freggio-), bei Faido (Prato-), bei Lavorgo

(Piano-Tondo-) und bei Giornico (Travi-Kehrtunnel). -- Die Gesamtzahl

der Tunnels auf der ganzen Linie ist 53 mit einer Länge von fast 41 km.

Die Tunnels nehmen somit mehr als drei Vierteile der Länge ein, welche

die Tunnels von ganz Deutschland besitzen.

Die Bahn hat außerdem 222 in Eisenkonstruktion hergestellte Brücken,

von denen 42 über 20 m lang sind, und sieben künstlich aufgemauerte

Galerieen zum Schutze gegen Lawinen und Felsabstürze. Die Zahl +aller

Kunstbauten+ beläuft sich auf fast 1000 (969).

Die +Kosten+ des ganzen Unternehmens, welche ursprünglich auf 187

Millionen Francs veranschlagt waren, betrugen 228 Millionen Francs.

Hierzu trugen Italien, die Schweiz und Deutschland außer den schon oben

erwähnten 85 Millionen noch weitere 28 Millionen Francs bei. Der große

Tunnel allein verschlang 56¾ Millionen Francs.

Was die +Bedeutung+ der Gotthardbahn betrifft, so ist vor allem

deren Wichtigkeit für die Handelsverbindungen +Deutschlands+ mit den

Mittelmeerhäfen und insbesondere mit +Genua+ hervorzuheben. Durch

vorzügliche Dampferverbindungen mit dem südlichen Italien, der Levante,

Ostindien, sowie mit Südamerika ist ja diese wichtigste Handelsstadt

Italiens in den Stand gesetzt, die Vermittlung des Verkehrs zwischen

wichtigen Kulturgebieten zu übernehmen und den Erzeugnissen einer

hochentwickelten Industrie neue Absatzgebiete zu erschließen. Der

Export Deutschlands nach Italien hat denn auch seit Eröffnung der

Gotthardbahn bedeutend zugenommen, während der französische zurückging.

Es erhellt dies z. B. aus folgenden Zahlen, die dem ~„Chamber of

Commerce Journal“~ entnommen sind: In den Jahren 1881-1883 fiel der

französische Export nach Italien um 105,6 Millionen Frcs., während der

deutsche um 47,4 Millionen stieg. Daß dies wesentlich eine Folge der

Eröffnung der Gotthardbahn ist, zeigen folgende Ziffern der Schweizer

Zollbehörde; es betrug der Transit durch die Schweiz nach Italien:

1880 4719 t

1881 6293 t

1882 64182 t

1883 184360 t,

der fortgesetzt abnehmende französische dagegen in denselben Jahren

65073, 43765, 41095 und 35406 t.

Des weitern kommen die erheblichen Vorteile der Gotthardbahnverbindung

in mehr oder weniger erheblichem Maße zu gute Belgien und den

Niederlanden, Nordfrankreich und Großbritannien.

5. +Die Arlbergbahn+. Sie beginnt bei Innsbruck als ein Seitenflügel

der Linie Kufstein-Verona und folgt zunächst dem obern Laufe des Inn.

Bei Landeck verläßt sie den letztern und wendet sich mittels eines

großen Tunnels durch den Arlberg nach Bludenz, wo sie in die schon

vorhandene Vorarlberger-Bahn Bludenz-Feldkirch-Bregenz einmündet.

Die Bahn, deren Gesamtlänge 137 km beträgt, wurde 1880 in Angriff

genommen und am 1. September 1884 dem Verkehre übergeben.

Der große Tunnel durch den Arlberg hat eine Länge von 10270 m; der

höchste Punkt des Tunnels und zugleich der ganzen Arlberglinie

liegt 1310 m über dem Meere. Die Kosten des Tunnels betrugen ca.

32½ Millionen Mark (= 1800 Gulden ö. W. für das laufende Meter; die

gleiche Strecke des Gotthardtunnels kostete 2400 Gulden und die des

Mont-Cenis-Tunnels 4000 Gulden).

Im Durchschnitt betrug der Fortschritt im Haupttunnel 8,3 m pro Tag.

Der durchschnittliche Fortschritt im Richtstollen des Gotthardtunnels

erreichte pro Tag 5,1 m, in dem des Mont-Cenis nur 3,37 m. In der

That, seit +Nobel+ das Dynamit und die Spreng-Gelatine erfunden, und

seitdem die Bohrmaschinen von +Ferroux+ und +Brandt+ auf ihrer heutigen

Entwicklungsstufe stehen, giebt es nahezu kein Hindernis mehr für den

Bergmann und für den Tunnelingenieur.

Von den sonstigen Bauwerken der Arlbergbahn verdient noch besonders

hervorgehoben zu werden der +Trisanna+-+Viadukt+, der unbedingt zu den

schönsten, kühnsten und schwierigsten Bauwerken der Erde zählt. Er

überbrückt die in einer 90 Fuß tiefen Schlucht dahinbrausende Trisanna

in einer Länge von 240 m, während die Eisenbahnbrücke eine Stützweite

von 120 m besitzt.

Die +Wichtigkeit+ der Bahn liegt zunächst darin, daß durch sie

das westliche Tirol und Vorarlberg mit den übrigen Ländern der

österreichisch-ungarischen Monarchie in engere Verbindung gesetzt

werden. Noch weit bedeutsamer aber ist, daß durch sie ein +direkter+

Schienenweg von der ungarischen Kornkammer und von der ganzen

untern Donau und deren Stromgebiet, sowie von Triest und den Häfen

des Adriatischen Meeres nach dem Bodensee, mithin nach Frankreich

und dem Nordwesten Europas geschaffen wurde. Die gewaltigen

Getreidemassen, namentlich jene, welche Ungarn, Rußland und Rumänien

dem Westen Europas, besonders dem südwestlichen Deutschland, der

Schweiz und Frankreich liefern, werden nunmehr größtenteils auf der

Arlbergbahn befördert und nicht mehr, wie ehedem, an die bayerischen

Eingangsstationen. Auch der Vieh-, Holz- und Wein-Transport der Bahn

ist sehr bedeutend.

[Illustration: Fig. 67. Trisanna-Viadukt.]

+Vergleichende Übersicht über die Alpenbahnen.+

A: Länge der Bahn.

B: „ des Haupttunnels.

C: Kosten des Haupttunnels.

D: Durchschnittliche tägliche Fortschritte im Haupttunnel.

E: Zeit der Herstellung des Haupttunnels.

F: Zahl der übrigen Tunnels.

G: Länge aller Tunnels.

H: Absolute Höhe des Kulminationspunktes.

I: Maximalsteigung.

-----------+--------+-------+--------+-------+-------+--+-----+----+---

| A | B | C | D | E | F| G | H | I

+--------+-------+--------+-------+-------+--+-----+----+---

Bahnen. | | | Mill. | | | | | |

| km | km | Frcs. | m | Jahre.| | m | m |

-----------+--------+-------+--------+-------+-------+--+-----+----+---

Semmering- | | | | | | | | |

bahn | 41,9 | 1,4 | -- | -- | -- |14| 4267| 881|25‰

Brennerbahn| 125,2 | 0,8 | -- | -- | -- |29| 5512|1367|25‰

Mont-Cenis-| | | | | | | | |

Bahn | 76 | 12,2 | 75 | 2,35 | 13,1 |37|23814|1335|30‰

Gotthard- | | | | | | | | |

bahn | 99,3 | 14,9 | 56¾ | 5,1 | 7,4 |52|40718|1155|27‰

| | |Mill. M.| | | | | |

Arlbergbahn| 64,5 | 10,2 | 32½ | 8,3 | 3,4 |--| -- |1310|30‰

Die großen Alpenbahnen sind keineswegs die einzigen Gebirgsbahnen

des europäischen Kontinents. Linien, welche eine Steigung von 15-20

mm per Meter aufweisen, sind z. B. noch folgende: in Deutschland die

Linie +Forbach+-+Niederbronn+ im Elsaß, in Frankreich die Linien

+Moulins+-+Montluçon+, +Mézières+-+Hirsen+, +Lyon+-+Grénoble+ u. s. w.,

in Norwegen die Linie +Christiania+-+Drontheim+, in Spanien

die Linie +Irun+-+Madrid+, in Italien die Linien +Turin+-+Genua+,

+Neapel+-+Foggia+, +Pistoja+-+Bologna+ u. s. w.

Schließlich sei noch der +Schwarzwaldbahn+ gedacht, die in Bezug

auf die Disponierung der Trace, die technischen Detailanlagen und

die gesamte bauliche Ausführung ein würdiges Glied in der Reihe der

europäischen Gebirgsbahnen bildet. Sie beginnt bei +Offenburg+ in

Baden und führt durch das Kinzigthal über +Triberg+ (Paßhöhe 834 m),

+Villingen+ und +Donaueschingen+ nach +Schaffhausen+ und +Konstanz+.

Die durchschnittliche Steigung auf der ganzen Gebirgsstrecke ist 1:55,

die Maximalsteigung 1:50; die Zahl aller Tunnels beträgt 38, soviel wie

auf der Mont-Cenis-Bahn. Der kürzeste Tunnel hat 13,6 m, der längste

1696,6 m. Die Gesamtlänge aller Tunnels beläuft sich auf 9,417 km auf

26 km Bahnlänge. Der ganze Bau der Bahn, die von dem großherzoglich

badischen Baudirektor +Robert Gerwig+(† 1885) entworfen und ausgeführt

wurde, währte 6 Jahre und 4½ Monate und machte auf der Gebirgsstrecke

von +Hausach+ bis +Villingen+ (52,7 km) einen Kostenaufwand von 13,8

Millionen Gulden notwendig. -- Die +Bedeutung+ der Bahn liegt in der

Vermittlung des Verkehrs zwischen dem Bodenseegebiet und den Gebieten

am untern Rhein und der Mosel.

2. Bergbahnen.

Die ersten Bergbahnen waren lediglich zur +Thalförderung+ von

Bergwerksprodukten bestimmt. Dann trat auf einigen derselben erst

eine fakultative, dann eine regelmäßige Personenbeförderung hinzu; in

neuester Zeit endlich wurden teils durch Vervollkommnung der alten,

teils durch Erfindung mehr oder weniger neuer Systeme Bergbahnen

geschaffen, die, sowohl zum Thal- wie zum Bergtransport geeignet,

vorwiegend oder selbst ausschließlich dem Personenverkehr zu dienen

haben.

+Der Art des Betriebes nach+ kann man folgende drei Klassen von

Bergbahnen unterscheiden:

1. +Seilbahnen+; 2. +Zahnradbahnen+; 3. +Adhäsionsbahnen+.

~a.~ +Seilbahnen.+ Sie sind die einfachsten, daher auch ihre Anwendung

am weitesten zurückreicht. Ihr Betrieb entstand aus dem Princip der

Schwere, d. h. die schwerere Last auf der einen Seite zieht die

leichtere auf der andern empor, geschehe dies nun durch Wasser-,

Personen- oder Material-Füllung. Fehlten diese bedingenden Faktoren,

so wurde das über Walzen laufende unendliche Seil auch durch Dampf in

Bewegung gesetzt.

Beispiele solcher Bahnen sind die seit 1869 betriebene +Ofener

Drahtseilbahn+, die Bahn +Territet+-+Montreux+-+Glion+[118] am

Genfersee, die +Gießbachbahn+ im Kanton Bern und die +Vesuvbahn+.

Die +Gießbachbahn+ (Fig. 68) führt vom Ufer des +Brienzersees+ zum

Gießbachhotel, unweit der berühmten Wasserfälle des Gießbach. Ihre

Länge erreicht 346 m, ihre Normalsteigung 28%. Eigenartig ist diese

Bahn dadurch, daß sie auch noch Zahnrad-Konstruktion hat.

Die +Vesuvbahn+ (Fig. 69) weist unter allen Seilbahnen die stärkste

Steigung auf; ihr Verhältnis ist 1:2. Die nur 800 m lange Linie

überwindet auf dieser Strecke eine Höhendifferenz von 380 m; sie endet

in einer Höhe von 1180 m, 70 m unter dem Gipfel des Vulkans.

[Illustration: Fig. 68. Gießbachbahn.]

~b.~ +Zahnradbahnen.+ Was diese betrifft, so ist zunächst zu bemerken,

daß +Blenkinsop+, wie schon oben erwähnt wurde, +zuerst+ das

Zahnradsystem anwandte. Da er nämlich, wie manch andere in jener Zeit,

nicht glaubte, daß die Reibung zwischen Rad und Schiene ausreichen

würde zur Fortbewegung eines Zuges, so versah er die von ihm 1811

erbaute Lokomotive mit einem Zahnrad, das in eine in Mitte des Geleises

gelegene Zahnstange eingriff. Nachdem aber bald darauf das bezügliche

Problem durch +Georg Stephenson+ gelöst worden war, geriet die ganze

Sache in Vergessenheit.

[Illustration: Fig. 69. Vesuvbahn.]

Der Ruhm, das Zahnradsystem zum +erstenmale+ für eine eigentliche

Bergbahn verwendet zu haben, gebührt dem Amerikaner +Marsh+ aus

Chicago, der 1855 das Projekt ins Auge faßte, den Mount Washington

(2000 m) in New-Hampshire mittels einer Eisenbahn zugänglich zu machen.

Ungeheuer waren die Schwierigkeiten, die er zu überwinden hatte; aber

er drang durch und erlebte den Triumph, 1868 seine Idee verwirklicht

zu sehen. In Europa erwarb sich um Einführung und Verbesserung

des Zahnradsystems die größten Verdienste der Schweizer Ingenieur

+Riggenbach+.

[Illustration: Fig. 70. Lokomotive und Waggon der Bahn Vitznau-Rigi.]

Zu den interessantesten Anwendungen des +Marsh-Riggenbachschen

Systems+, das, nebenbei bemerkt, unter allen ähnlichen Systemen sich

bis jetzt auch am besten bewährt hat, gehören die beiden Rigibahnen in

der Schweiz und in Österreich die Bahnen auf den Schwabenberg bei Ofen

und auf den Kahlenberg bei Wien.

[Illustration: Fig. 71. Schnurtobelbrücke.]

Die Bahn +Vitznau+-+Rigi+ geht von Vitznau am Vierwaldstättersee

aus und steigt bis Rigi-Kulm; ihre Länge beträgt 5144 m, ihre

senkrechte Höhe 1113 m und ihre Maximalsteigung 25%. Die Bahn, 1871

beziehungsweise 1873 eröffnet, gelangte bald zu großer Berühmtheit,

teils wegen ihrer zahlreichen Kunstbauten, wovon das beigegebene Bild

der +Schnurtobelbrücke+ ein großartiges Beispiel bietet, teils wegen

der landschaftlichen Schönheiten, die sie dem Reisenden erschließt.

[Illustration: Fig. 72. Die Hauptbahnlinien Europas.]

Die +Bahn Arth+-+Rigi+ beginnt bei Arth am Zugersee und führt

ebenfalls bis Rigi-Kulm empor. Die ganze Bahnstrecke hat eine Länge

von 11172 m; davon sind jedoch noch 1395 m Thalbahn, so daß 9777 m

auf die Zahnradbahn treffen. Die senkrechte Höhe beträgt 1330 m, die

Maximalsteigung 20%. Die Linie hat ferner drei Tunnels, sieben eiserne

Brücken und eine Menge anderer Kunstbauten. Eine der großartigsten

Partieen der ganzen Bahn ist die an der +Kräbelwand+. Zum Tracieren der

Linie mußten hier Arbeiter an Seilen herabgelassen werden, so daß die

jetzige Bahntrace faktisch nur mit Strickleitern und Seilen zu erobern

war.

Eine dritte derartige Bahn in der Schweiz ist die Linie

+Rorschach+-+Heiden+. Die zu ersteigende relative Höhe beträgt hier

383,5 m, die größte Steigung 9%. Die Landschaft, welche die Bahn

durchfährt, bietet große Reize; einer der schönsten Punkte ist die

Station +Wienachten+.

+Deutschlands+ erste Zahnradbahn, von +Königswinter+ (am Rhein, unweit

Bonn) auf den +Drachenfels+, entstand erst 1883; sie ist 1520 m lang,

die Höhendifferenz zwischen dem höchsten und niedrigsten Punkte beträgt

225 m, die größte Steigung ist 1:5.

Sonstige deutsche Bergbahnen sind +Rüdesheim+-+Germaniadenkmal+,

+Aßmannshausen+-+Niederwald+ und +Stuttgart+-+Degerloch+.

Von den verschiedenen anderen Zahnradsystemen sei noch das des

genialen Schweizer Ingenieurs +Wetli+ erwähnt. Dasselbe hat seine

erste Anwendung gefunden auf der Bahn von Wädensweil am Zürichersee

nach Einsiedeln. Infolge des Unglücksfalles, der sich auf der Bahn im

November des Jahres 1876 bei der Probefahrt zutrug, gieng man jedoch

davon wieder ab.

~c.~ +Adhäsionsbahnen.+ Es sind dies solche Bergbahnen, die ohne

Zuhilfenahme außerordentlicher Vorrichtungen nach dem gewöhnlichen

System der Thalbahnen betrieben werden, in ihren Steigungsverhältnissen

aber bis an die äußerste Grenze des Möglichen innerhalb gewöhnlicher

Anlagen vorgehen. Eine derartige Bahn ist die +Ütlibergbahn+, die

von Zürich auf die Hohe des Ütliberges (873 m) führt. Ihre Länge

beträgt 9167 m, wovon 53% in Kurven und nur 47% in Geraden liegen; die

Maximalsteigung erreicht 70‰. Die Bahn erregte in allen fachlichen

Kreisen großes Aufsehen und ist durch den Ingenieur +Tobler+ aus Zürich

erbaut.

Eine Übersicht über die +Hauptbahnen Europas+ giebt Fig. 72.

III. Projektierte Bahnen.

1. Eigentliche Gebirgsbahnen.

Fünf bedeutende Bahnen ziehen bereits teils durch, teils über die

Alpen, und doch ist neuerdings die Rede von weiteren ähnlichen

Projekten. So sind unter anderen Bahnen in Aussicht genommen:

1. eine +Simplonbahn+. Sie soll die Verbindung zwischen dem

schweizerischen Thal der Rhone und dem italienischen der Tosa

herstellen und so den Weg zwischen Paris und Brindisi verkürzen. Nach

einem Voranschlage würden sich die Kosten der Bahn auf 125 Mill. Francs

belaufen; hiervon träfen allein auf den herzustellenden großen Tunnel

volle 80 Mill. Dieser letztere würde bei +Brieg+, dem dermaligen

Endpunkte der Rhonebahn, beginnen, bei +Iselle+ endigen und eine Länge

von ca. 18 km erhalten, also den größten aller bisherigen Tunnels, den

Gotthardtunnel, um mehr als 3 km noch übertreffen;

2. eine +Montblancbahn+. Außer der Durchbohrung des Simplon steht

auch noch die Durchstechung des Montblanc behufs Herstellung einer

Verbindung zwischen Frankreich und Italien in Frage. Die in dieser

Beziehung angestellten Untersuchungen haben ergeben, daß die Länge

des Tunnels ca. 16 km betrüge und die Kosten hierfür 68 Mill. Francs

ausmachten. Die Gesamtkosten der Bahn würden sich auf ca. 180 Mill.

Francs belaufen;

3. eine +Predil-Tauernbahn+. Diese Bahn würde, von Görz aus im

Isonzothal ansteigend, den Predil durchbrechen, in Tarvis einmünden,

von Tarvis unter Benutzung der Rudolf- und Südbahn nach Villach und

Sachsenburg und von da über die Malnitzer Tauern und Gastein zur

Salzburger Bahn bei Schwarzach führen. Hierdurch würden Triest und das

deutsche Mitteleuropa durchschnittlich um 200-300 km näher aneinander

gerückt und ihre Verkehrsbeziehungen wesentlich erleichtert werden;

4. eine +Bahn über den großen St. Bernhard+.

Abgesehen von den in Aussicht genommenen +Alpenbahnen+, ist das

bedeutendste dermalige Gebirgsbahnprojekt Europas +die Durchbohrung

der Pyrenäen+. In dieser Beziehung sind neuestens die spanische und

französische Regierung übereingekommen, die Genehmigung zum Bau

zweier verschiedener Pyrenäenbahnen zu erteilen. Die eine Linie

soll über Huesca und Canfranc nach Oloron in Frankreich führen; die

andere Linie soll von Lerida durch die Thäler Noguera und Pallaresa

nach dem französischen Departement Arriège ziehen. Die bezüglichen

Haupttunnels durch die Pyrenäen werden eine Länge von 4, resp. 3 km

erhalten. So wird denn auch in nicht zu ferner Zeit das Wort Ludwigs

XIV. von Frankreich, das derselbe in Anspielung auf die Vereinigung des

spanischen und französischen Thrones einst äußerte, sich erfüllen, das

Wort: ~Il n’y a plus de Pyrenées~ (es giebt keine Pyrenäen mehr).

2. Bergbahnen.

In der Schweiz sollen demnächst Bergbahnen gebaut werden: auf den

Pilatus am Vierwaldstättersee[119], auf den Salève bei Genf, auf den

Gurten bei Bern und auf den Monte Salvatore bei Lugano; in Österreich

ist eine solche geplant auf den Gaisberg bei Salzburg und von Jenbach

nach dem Achensee.

3. Eisenbahnen unter dem Meere.

[Illustration: Fig. 73. Thomé de Gamond.]

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 19 / 50 段