~c.~ Wahrhaft Großartiges hat in der Herstellung und Verbesserung

der Transportwege die +Schweiz+ geleistet. Diese außerordentliche

Fürsorge für Erleichterung des Verkehrs ist denn auch die Ursache,

daß das schöne Land heutzutage von Hunderttausenden von Touristen

aufgesucht wird. Stephenson und Swinburne entwarfen den Plan des

herzustellenden Eisenbahnnetzes, und da dieser im wesentlichen

eingehalten wurde, so hat sich das schweizerische Eisenbahnwesen von

Anfang an einer geordneten und zweckmäßigen Anlage zu erfreuen gehabt.

Gegenwärtig besitzt der Bundesstaat, selbstverständlich nur in seinem

nördlichen, weniger gebirgigen Territorium, ein sehr praktisches

Netz von Eisenbahnen, in dem die mannigfachsten Arten des Betriebes

vertreten sind. Ein besonderes Charakteristikum des schweizerischen

Eisenbahnwesens bilden die +Bergbahnen+. Von ihnen wird an anderer

Stelle des nähern die Rede sein.

Zu den wichtigsten Linien zählen +Basel+-+Olten+-+Luzern+ als

Mittelglied der internationalen Route vom Rhein durch den St. Gotthard

nach Italien und die +Linien der Nordostbahn+ mit ihren Knotenpunkten

+Winterthur+ und +Zürich+; die letzteren Linien führen in ihrer

Fortsetzung nach +Genf+ und +Lyon+; auch beherrschen sie den Zugang zur

Gotthardbahn von Nordosten her.

3. Die Bahnen Westeuropas.

~a.~ In +Frankreich+ sehen wir die erste Lokomotivbahn, +von Paris nach

St. Germain+, im Jahre 1837 erstehen. Bis zum Jahre 1842 nahmen indes

die französischen Bahnen nur langsame Entwicklung, dann aber ging es

ungemein rasch vorwärts, und ein wunderbar einheitliches Bahnsystem

mit +Paris+ als +Mittelpunkt+ war die Frucht der Bemühungen. „Das

französische Bahnnetz,“ sagt +Peschel+ treffend, „ist ein Spinnennetz,

das deutsche ein Fischernetz.“

Als die binnenländische Hauptpulsader des Verkehrs muß die

Linie +Havre+-+Paris+-+Dijon+-+Lyon+-+Marseille+ bezeichnet

werden. Nächst ihr spielen die bedeutendste Rolle die Linien

+Paris+-+Brüssel+, +Paris+-+Straßburg+, +Paris+-+Bordeaux+. Von

internationaler Bedeutung ist ferner die von +Mâcon+ abzweigende

Linie der Paris-Lyon-Mittelmeerbahn; sie läuft über +Culoz+ zum

+Mont-Cenis-Tunnel+ und wird durch ihre Fortsetzung nach Italien

(Brindisi) zur Trägerin des englisch-ostindischen Schnellverkehrs.

Die Dichtigkeit des französischen Bahnnetzes ist im Norden wesentlich

größer als im Süden, was sich auch leicht aus den Boden- und

Produktionsverhältnissen dieser Gebiete erklärt.

~b.~ Der große Reichtum +Belgiens+ an Mineralschätzen begünstigte

den Eisenbahnbau in ganz außerordentlicher Weise. 1835 wurde

hier, wie schon erwähnt, die +erste+ Eisenbahn auf dem Kontinente

(+Brüssel+-+Mecheln+) eröffnet; +heute ist Belgien jenes Land, das

mit Rücksicht auf den Flächeninhalt die meisten Bahnen unter allen

Staaten der Erde aufweist+. Seine Bahnen berühren nicht nur fast

jeden Industrie-Ort des Landes, sondern sie setzen es auch mit den

Nachbarstaaten in rasche und direkte Verbindung; sie machten Antwerpen

und Ostende zu blühenden Handelsplätzen und Belgien selbst zur

„Werkstätte des kontinentalen Europa“.

~c.~ Die +Niederlande+ haben, gestützt auf ihre vorzüglichen

Wasserstraßen, länger als andere Länder den Bau von Eisenbahnen

vernachlässigt. Die Folge hiervon war, daß nach Vollendung der

durchlaufenden +belgischen+ Bahnen der deutsche Handel von Amsterdam

und Rotterdam sich nach Antwerpen und Ostende zog. Man schritt nun zwar

zum Baue von Eisenbahnen, fehlte aber wieder insoferne, als die Linien

ohne Rücksicht auf die Nachbarstaaten angelegt wurden, so daß sie

abermals ohne Nutzen für die große Handelsbewegung blieben. Nur die von

den Rheinlanden nach +Vlissingen+ führende Linie macht eine Ausnahme;

von letzterem Orte findet ein regelmäßiger Dampfschiffsverkehr nach

England statt. Neuestens wurde übrigens der Anschluß an alle größeren

benachbarten Linien Deutschlands und Belgiens hergestellt.

4. Die Bahnen Südeuropas.

~a.~ +Iberische Halbinsel.+ Das Eisenbahnnetz der iberischen Halbinsel

ist im Verhältnis zu dem der anderen Staaten Europas noch immer

wenig entwickelt. +Portugal+ treibt hauptsächlich Seehandel, und in

+Spanien+ waren die vielfach recht trüben politischen Verhältnisse dem

Eisenbahnbau in hohem Grade hinderlich.

Was das letztere Land betrifft, so hat dasselbe eine doppelte

Verbindung mit +Frankreich+, und zwar durch die Linien +Irun-Bayonne+

an der Westgrenze der Pyrenäen und +Gerona-Perpignan+ an der Ostseite

dieses Gebirges. Nach +Portugal+ läuft ein dreifacher Schienenstrang.

Ferner haben alle größeren Hafenplätze Verbindung sowohl mit Madrid,

als auch unter sich. Im Interesse des Handels sind indes weitere

Linien dringend nötig. -- Besonders bedeutsam ist der Anschluß des

spanischen Netzes an das portugiesische; denn dadurch ist Portugal in

Verbindung mit dem ganzen europäischen Netz, und besteht nunmehr eine

ununterbrochene Linie vom Tajo bis zur Newa oder von +Lissabon+ (über

Madrid-Paris-Berlin) bis +St. Petersburg+. Diese Riesenstrecke von 4835

km wird gegenwärtig in der staunenswert kurzen Zeit von wenig mehr als

5 Tagen (in 123 Stunden) zurückgelegt; ja sie soll mittels eines (erst

einzurichtenden) Expreßzuges sogar in 85 Stunden durcheilt werden.

~b.~ In +Italien+ standen der Entwicklung der Schienenwege

mannigfache Hindernisse entgegen. Zunächst wiesen schon die günstige

Küstenbeschaffenheit und die zahlreichen vorzüglichen Häfen das

Land auf den Seeverkehr hin. Auch die Bodenplastik des Landes war

dem Bahnbau nicht günstig; denn das Gebirge des Apennin durchzieht

fast das ganze Land von Nord nach Süd; und dazu kam die allgemeine

wirtschaftliche Unthätigkeit des südlichern Teiles der Halbinsel und

ganz besonders die frühere arge politische Zersplitterung des Landes.

Bis zum Jahre 1866 gab es in Italien nur ca. 4000 km Eisenbahnen. Seit

der Einigung des Königreichs aber nahm das Eisenbahnwesen der Halbinsel

einen mächtigen Aufschwung.

Das +dichteste+ Bahnnetz weist infolge seiner großen Fruchtbarkeit,

seiner bedeutenden Industrie und seiner sehr starken Bevölkerung

+Oberitalien+ auf. Letzteres steht außerdem durch die Linie

+Genua-Nizza+ und die +Mont-Cenis-Bahn+ mit Frankreich, durch

die +Gotthardbahn+ mit der Schweiz und Deutschland, durch die

+Brennerbahn+ mit Österreich und Deutschland und durch die

Linien +Venedig-Udine-Pontebba+ und +Venedig-Udine-Triest+ mit

Österreich-Ungarn in Verbindung.

In Mittel- und Unteritalien wurde die Anlage des Schienennetzes

hauptsächlich von der Streichung der Apenninen beeinflußt. Zu beiden

Seiten wird hier von Nord nach Süd das Gebirge von Bahnlinien

begleitet; frühzeitig schon wurde dasselbe aber auch überschient,

und gegenwärtig giebt es sogar fünf Apenninen-Querbahnen:

+Alessandria-Genua+, +Bologna-Pistoja+, +Ancona-Foligno+,

+Neapel-Foggia+ und +Neapel-Tarent+.

Eine hervorragende Rolle im Weltverkehr spielt die Bahnstrecke vom

+Mont Cenis+ über +Turin+ und +Bologna+ bis +Brindisi+ als Vermittlerin

des englisch-ostindischen Schnellverkehrs (siehe oben S. 180).

[Illustration: Fig. 55. Die wichtigsten Bahnen Italiens.]

~c.~ Noch sehr ungenügend ist das Eisenbahnnetz in der

+europäischen Türkei+ ausgebildet. Man beschränkte sich dort

lange und selbst noch zu einer Zeit, als alle europäischen

Staaten bereits Eisenbahnen besaßen, lediglich auf den Verkehr

zu Wasser. Die wichtigsten gegenwärtig in Betrieb befindlichen

Bahnen sind +Konstantinopel-Adrianopel-Philippopel+ und

+Saloniki-Üsküb-Mitrowitza+. Bereits sind aber auch die Linien

festgestellt, welche die so wichtige Verbindung zwischen Wien und

Konstantinopel einerseits und Wien und Saloniki andererseits herstellen

werden.

Die Verbindung mit Konstantinopel wird durch die Linie

+Semlin-Belgrad-Nisch-Pirot-Sophia-Bellova+ bewerkstelligt werden.

Letzteres ist die Endstation der schon im Betriebe befindlichen Strecke

+Konstantinopel-Philippopel+. Auch die Strecke +Belgrad-Nisch+ ist

bereits dem Verkehre übergeben und +Nisch-Pirot+ gebaut. Es handelt

sich somit nur mehr um die Fertigstellung der Strecke +Pirot-Bellova+.

[Illustration: Fig. 56. Die Bahnen der Balkanhalbinsel.]

Die Verbindung zwischen +Wien+ und +Saloniki+ wird von +Nisch+

aus über +Vranja+ im Anschluß an die schon bestehende Linie

+Saloniki-Mitrowitza+ erfolgen.

Als Endtermin für den Ausbau sämtlicher zur Herstellung der Verbindung

sowohl mit Konstantinopel, als auch mit Saloniki dienenden Strecken ist

von der ~Conférence à quatre~ zu Berlin der 15. Oktober 1886 stipuliert

worden.

Die Hauptbahn +Rumäniens+ läuft von +Orsowa+, bis wohin die

österreichisch-ungarische Bahn zieht, nach +Bukarest+ und +Giurgewo+

und findet auf bulgarischem Boden bis +Varna+ am Schwarzen Meer ihre

Fortsetzung. Auf dieser Linie bewegt sich bis zur Fertigstellung des

Anschlusses der türkischen Bahnen an die österreichisch-ungarischen

hauptsächlich der Landverkehr mit Konstantinopel.

In +Griechenland+ gab es bis vor kurzem nur die 12 km lange Strecke

von +Athen+ nach dem +Piräus+. Der Verkehr vollzog sich eben, der

Lage und Gliederung des Landes entsprechend, fast nur zu See. Doch

ist seit jüngster Zeit ein Eisenbahnnetz in Angriff genommen,

welches, wenn vollendet, nahezu 1000 km umfassen wird. Noch im Laufe

dieses Jahrzehnts hofft man griechischerseits +Piräus-Athen+ mit der

Orientbahn +Wien-Saloniki+ verbunden und hiermit die aufstrebende

Hauptstadt Griechenlands nicht nur zum Mittelpunkt des griechischen

Warenhandels, sondern auch an Stelle Brindisis zum Hauptverkehrspunkt

zwischen Europa und dem überseeischen Orient erhoben zu haben. In

der That wird nach Herstellung der Strecke +Saloniki-Larissa-Athen+

die Abkürzung der bisherigen Fahrzeit nach +Port Said+ von +Pest+ 33

Stunden, von +Berlin+ 20 und von +St. Petersburg+ 26 Stunden betragen.

5. Die Bahnen Osteuropas.

In eine verhältnismäßig sehr frühe Zeit fällt die Eröffnung der +ersten

russischen+ Bahn; denn schon 1838 bestand eine Schienenverbindung

zwischen St. Petersburg und der Sommerresidenz des Zaren zu

Zarskoje-Selo -- 27 km lang --; diese Anlage entsprang indes nur

einem persönlichen Bedürfnisse des Kaisers Nikolaus (1825-1855).

Sonst verhielt sich derselbe gegenüber der westländischen Neuerung

feindselig, und thatsächlich hatte das Reich zehn Jahre nach

Fertigstellung der vorher genannten Linie erst 381 km Schienenwege.

Erst als der Krimkrieg (1854-1856) gezeigt hatte, wie notwendig für

Rußland die Möglichkeit rascher Militärtransporte sei -- Truppen und

Kriegsmaterial wurden damals rascher von London nach Balaclava (auf

der Halbinsel Krim) befördert als von Moskau nach Sebastopol --, kam

Leben, und Bewegung in das russische Eisenbahnwesen, und seitdem hat

die Entwicklung des russischen Bahnnetzes in der That auch großartige

Fortschritte gemacht.

Die wichtigsten Knotenpunkte sind +Petersburg+ und +Moskau+. Von ihnen

strahlen folgende Hauptlinien aus:

I. ~a~) +Petersburg-Helsingfors-Hango-Abo+,

~b~) +Petersburg-Reval-Baltisch Port+,

~c~) +Petersburg-Dünaburg-Wilna-Warschau-Krakau+. --

Bedeutende Zweigbahnen dieser Linie sind: +Dünaburg-Riga+ und

+Wilna-Eydtkuhnen-Königsberg+.

~d~) +Petersburg-Moskau+.

II. ~a~) +Moskau-Smolensk-Warschau+,

~b~) +Moskau-Petersburg+,

~c~) +Moskau-Jaroslaw-Wologda+,

~d~) +Moskau-Nischni-Nowgorod+,

~e~) +Moskau-Woronesch-Rostow-Wladikawkas+ mit den Zweigbahnen

nach +Orenburg+ (über Samara), +Saratow+ und +Zarazyn+,

~f~) +Moskau-Orel-Kursk-Charkow-Sebastopol+. Hiervon

zweigt bei +Charkow+ die Bahn nach +Odessa+ und weiter südlich jene

nach +Taganrog+ ab.

[Illustration: Fig. 57. Die wichtigsten Bahnen Rußlands.]

6. Die Bahnen Nordeuropas.

~a~) Die +dänischen Eisenbahnen+ zerfallen naturgemäß in die

Bahnen des Festlandes und die der Inseln. Die ersteren verbinden

alle bedeutenderen Orte Jütlands, und von den letzteren läuft die

wichtigste Linie von Helsingör im Norden der Insel Seeland über

Kopenhagen zum Masnedsund; sie hat dadurch internationale Bedeutung,

daß sie den nächsten Verbindungsweg zwischen Deutschland und der

skandinavischen Halbinsel bildet; von Kopenhagen aus bestehen nämlich

mehrere Dampferverbindungen mit schwedischen Häfen.

Sonst bietet das dänische Eisenbahnwesen noch insofern eine

bemerkenswerte Erscheinung, als es ausschließlich in den Händen des

Staates sich befindet.

~b~) In +Schweden+ und +Norwegen+ begann der Eisenbahnbau erst 1854,

hat aber seit 1856 einen mächtigen Aufschwung genommen. Freilich

stellen ihm Bodenbeschaffenheit und Klima große Schwierigkeiten

entgegen. -- Das +schwedische+ Netz hat zum Ausgangspunkt +Stockholm+,

verzweigt sich am stärksten zwischen den großen Seen und sendet seine

Ausläufer zur norwegischen Grenze, zum Kattegat, zum Sund und zur

Ostsee. Die wichtigste Linie ist die Strecke +Stockholm+-+Malmö+.

-- Das nördliche Schweden entbehrte bis in die jüngste Zeit noch

gänzlich der Eisenbahnen; doch ist man daran, die dortigen großen

Reichtümer an Eisenerzen mittels neuer Schienenstränge auszunützen.

Die +Luleå-Ofoten-Bahn+ (Luleå am Bottnischen Meerbusen, 65° 35′

nördl. Br., und Ofoten an der Nordküste Norwegens, 68° 5′ nördl. Br.)

ist bereits in Angriff genommen; sie wird zugleich die +nördlichste

Bahn der Erde+. -- Die bedeutendste +norwegische+ Bahn führt von

+Christiania+ nach +Drontheim+.

II. Die Gebirgsbahnen Europas[117].

Die Gebirgsbahnen im allgemeinen zerfallen in zwei nach Zweck und

Einrichtung wesentlich verschiedene Gruppen; man unterscheidet 1.

solche Bahnen, die dem +großen Weltverkehr+ dienen; dies sind die

eigentlichen +Gebirgsbahnen+; hierher gehören z. B. unsere großen

+Alpenbahnen+; 2. solche Bahnen, die im mittelbaren oder unmittelbaren

Anschluß an Hauptverkehrswege lediglich den Verkehr in einem +engern

Bezirk des Gebirgslandes+ vermitteln; sie führen in der Regel den Namen

„+Bergbahnen+“.

1. Eigentliche Gebirgsbahnen.

Solche sind in erster Linie unsere großen +Alpenbahnen+: die

+Semmeringbahn+, die +Brennerbahn+, die +Mont-Cenis-Bahn+, die

+Gotthardbahn+ und die +Arlbergbahn+.

[Illustration: Fig. 58. Alpen-Querbahnen.]

[Illustration: Fig. 59. Weinzettelwand.]

1. +Die Semmeringbahn.+ Die Bahn, welche die Verbindung zwischen

Wien und Graz und des weitern zwischen Wien und der Adria herstellt,

erstreckt sich von Gloggnitz bis Mürzzuschlag. In der Reihe der

Alpenbahnen ist sie die älteste. 1848 wurde mit ihrem Bau begonnen, und

1854 ward sie dem Verkehre übergeben. Für den Techniker bildete sie

daher lange Zeit ein Demonstrationsobjekt der hervorragendsten Art.

Aber auch das große Publikum zollte dem staunenswerten Werke lauten

Beifall, und noch heute zieht es jeden, der nach der „Kaiserstadt an

der Donau“ pilgert, nach jenen tannenfrischen Höhen, die „der steinerne

Gurt“ von Aufdämmungen, Tunnels und Viadukten umschlingt. Im ganzen

zählt die Bahn bei einer Länge von 41 km 15 Tunnels von zusammen 4267

m; der Haupttunnel mißt 1428 m; er war seiner Zeit einer der längsten

Eisenbahntunnels, wird aber jetzt von vielen anderen übertroffen. Der

Gotthardbahntunnel ist z. B. 3½mal länger als alle Semmeringbahntunnels

zusammen. Im Haupttunnel überschreitet die Bahn auch ihren Höhepunkt

(881 m). Besonders erwähnenswert ist von den Tunnels der Semmeringbahn

jener durch die „Weinzettelwand“ (Fig. 59), da seine Anlage

außerordentliche Schwierigkeiten bot. In seiner Mitte hat er eine

offene Pfeilergalerie von gewaltigen Dimensionen. -- Von den Viadukten,

deren 16 vorhanden sind, ist jener über die Schwarza bei Payerbach der

längste (228 m mit 13 Bogen), jener über die „Kalte Rinne“ der höchste

(46 m). -- Eines der eigenartigsten Merkmale der Semmeringbahn ist der

großartige Aufwand von Mauerwerk, in welcher Beziehung sich keine Bahn

der Welt mit ihr messen kann. -- Der Vater der Semmeringbahn ist der

österreichische Ingenieur +Matthias Schönerer+, der Schöpfer derselben

+Karl von Ghega+ (geb. 1802 zu Venedig, gest. 1860). -- Die epochale

+Bedeutung+ der Bahn liegt einerseits darin, daß sie die +erste+ aller

Alpenbahnen war, andererseits in der durch sie geschaffenen Verbindung

zwischen Meer und Binnenland.

[Illustration: Fig. 60. Viadukt über die „Kalte Rinne“.]

[Illustration: Fig. 61. Wassertunnel bei Gossensaß.]

2. +Die Brennerbahn.+ Zehn Jahre nach Fertigstellung der Semmeringbahn,

im Jahre 1864, wurde die zweite Überschienung der Alpen, der Bau

der Brennerbahn, in Angriff genommen, und nach drei Jahren schon war

das kühne Unternehmen glücklich zu Ende geführt. Am 24. August 1867

erfolgte die Eröffnung der Bahn. Dieselbe nimmt in Innsbruck (468 m)

ihren Ausgang, erreicht ihren Scheitelpunkt (1367 m) bei der Station

Brenner und senkt sich von hier aus über Sterzing und Brixen bis zu

ihrem Endpunkte Bozen. Die Gesamtlänge der Bahn beträgt 125,2 km,

die Zahl der Tunnels 30. Der längste derselben ist der 867 m lange

+Mühlbacher+ Tunnel. Beachtenswert sind ferner die beiden Kehrtunnel;

sie sind die ersten Anlagen dieser Art. Der eine davon befindet

sich bei St. Jodok, der zweite zwischen den Stationen Schelleberg

und Gossensaß. Die Krümmung, welche die Bahn im letztern Falle

zurückzulegen hat, ist so bedeutend, daß man in Schelleberg den Zug

verlassen, bis Gossensaß gehen und hier mit demselben Zuge, den man

dort verließ, die Reise fortsetzen kann. Eine andere Eigentümlichkeit

der Bahn bilden die vielen +Kurven+; man zählt deren nicht weniger als

289 von zusammen 60,6 km, so daß auf die geraden Strecken wenig mehr

als die Hälfte der Gesamtlinie (64,6 km) entfällt. Viele dieser Kurven

(77) sind überdies Krümmungen von dem kleinsten zulässigen Radius.

-- Was die +Steigungsverhältnisse+ betrifft, so sind nur 11,6 km

horizontale Strecken vorhanden; die ganze übrige Bahn (113,6 km) ist in

Gefällen und Steigungen angelegt; fast der vierte Teil der Linie liegt

sogar in Steigungen und Gefällen mit dem Maximalsteigungsverhältnis

von 1: 40. -- An Brücken überschreitet die Bahn 66 größere und viele

kleinere; Viadukte giebt es nicht. -- Der kühne Bau wurde von +Karl von

Etzel+ begonnen, doch nicht vollendet; 1865 ereilte diesen der Tod.

-- Die Kosten des ganzen Unternehmens beliefen sich auf 32 Millionen

Gulden.

[Illustration: Fig. 62.]

Die wichtigste Folge der neuen Gebirgsbahn war ein gewaltiger

Aufschwung des deutsch-italienischen Handels- und Verkehrslebens.

Bei +Franzensfeste+ zweigt von der Brennerbahn die +Pusterthalbahn+

ab, welche die beiden Schienenübergänge in den Ostalpen miteinander

verbindet. Dieselbe ist zwar nicht so entschieden Gebirgsbahn wie

die Semmering- oder Brennerlinie, aber an bedeutenden technischen

Anlagen fehlt es auch hier nicht, besonders am Ausgangspunkte der

Bahn. So ist namentlich der Viadukt, welcher die Thalschlucht des

Eisackflusses übersetzt, durch seine außerordentliche Höhe (76,3 m über

dem Wasserspiegel) bemerkenswert. Da der weltberühmte Varrugas-Viadukt

in der Andenbahn zwischen Lima und Oroya 76,8 m größte Höhe aufweist,

steht ihm jener nur um wenige Decimeter nach; unter sämtlichen eisernen

Bahnbrücken der Welt wird er überhaupt nur noch von dem 1877 erbauten

„Kentucky-Viadukt“, der eine Höhe von 84 m hat, und von dem in aller

jüngster Zeit fertiggestellten Kinzua-Viadukt in Pennsylvanien (96

m Pfeilerhöhe) übertroffen. Der Erbauer des Viaduktes über den

Eisackschlund ist +Prenninger+.

Bei +Villach+ tritt die Pusterthalbahn auch in Verbindung

mit der „+Kronprinz-Rudolf-Bahn+“, deren Hauptzweig +St.

Valentin-Tarvis-Laibach+ ist. An die Rudolfsbahn schließt sich dann

an die sogen. +Pontebbabahn+. Diese jüngste unter allen östlichen

Alpenlinien beginnt bei Tarvis, überschreitet bei dem interessanten

Doppeldorfe Pontafel-Pontebba die österreichisch-italienische Grenze,

durchzieht das Kanalthal und tritt bei Venzone in das Thal des

Tagliamento, um es indes alsbald wieder zu verlassen und die Richtung

aus Udine zu nehmen.

3. +Die Mont-Cenis-Bahn+. Die Mont-Cenis-Bahn ist ein Teil jenes

Schienenstranges, welcher in den Westalpen Frankreich und Italien

verbindet. Ihre Weltberühmtheit dankt sie bekanntlich jenem

Riesentunnel, der gewöhnlich als +Mont-Cenis-Tunnel+ bezeichnet wird,

in der That aber unter dem 22 km südwestlich von dem gleichnamigen

Paß gelegenen +Col de Fréjus+ hinführt. Schon 1832 soll +Giuseppe

Medail+ dem König von Piemont, Karl Albert, den Plan eines Durchstichs

der Alpen am Mont Cenis vorgeschlagen haben; aber erst 1857 war das

Projekt so weit gediehen, daß die Tunnelierungsarbeiten eröffnet werden

konnten. Die Durchführung des großen Werkes beanspruchte indes noch

14 Jahre. -- Die ganze Mont-Cenis-Bahn, die bei Bussolino beginnt

und bei St. Michel endet, zählt 38 Tunnels, deren Gesamtlänge 23814

m ausmacht. Da nun die ganze Strecke nur eine Entwicklung von 76 km

hat, so liegt ungefähr der +dritte+ Teil der Bahn unter der Erde. --

Was den +Haupttunnel+ betrifft, so durchsetzt derselbe den Col de

Fréjus zwischen +Modane+ und +Bardonnèche+ in einer Länge von 12,2

km; er enthält auch den Kulminationspunkt der ganzen Bahn mit 1335 m.

Die Ausmauerung des Tunnels erforderte 20000 Centner Kalk und ca. 16

Millionen Ziegel; die Masse des bei Sprengungen abgebrannten Pulvers

betrug über eine Million Kilogramm, ein Quantum, mit welchem man 13

Jahre täglich ein Pelotonfeuer von 50000 Flintenschüssen (die Patrone

zu 4½ g) hätte abfeuern können. -- Die Schöpfer des großen Werkes

waren die Ingenieure +Sommeiller+, +Grattoni+ und +Grandis+; dessen

Kosten beliefen sich auf 75 Millionen Francs. -- +Technisch+ bedeutsam

ist der Tunnel besonders dadurch, daß er die +erste Durchbohrung der

Alpen+ repräsentiert; ferner dadurch, daß hier zum erstenmale die

Tunnelierungsarbeiten mittels maschineller Apparate betrieben wurden.

Den großartigen Eindruck, den dieses technische Meisterwerk auf den

Beschauer ausübt, schildert die Dichterin +Mander-Cecechetti+ also:

Lange genug voll Neid stand zwischen zwei schönen Geländen

Dieses Alpengebirg -- nun ist die Scheide gefallen!

Falle mit ihr denn der Haß und der Zwist gleichnamiger Völker,

Schlinge die Liebe fortan ihr goldenes Band um die Länder,

Denen mit freundlichem Blick Natur und Gesittung gelächelt.

Nicht vergebens mögen in Zukunft sich reichen die Hände

Durch die Alpen hindurch die beiden lateinischen Schwestern.

Staunend hemmt nun der Wand’rer den Fuß vor dem mächtigen Bauwerk,

Das der menschliche Geist sich selbst als Trophäe geschaffen,

Unsern Tagen zum Ruhm, ein Triumph der emsigen Forschung.

Die Bahn vermittelt die direkteste Verbindung zwischen Frankreich und

Italien und ist besonders für den englisch-indischen Verkehr von hoher

Wichtigkeit. (Siehe S. 180 u. 182.)

In einem zu Turin errichteten großartigen Denkmal, welches den Sturz

der Titanen durch den Geist des Menschen darstellt, hat Italien seiner

Dankbarkeit gegen die Förderer des Riesenwerkes geziemenden Ausdruck

verliehen.

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 18 / 50 段