Der erste, welcher die Möglichkeit, Vehikel mittels des Dampfes in

Bewegung zu setzen, erfaßte, war +Savery+. Eine ähnliche Idee hatte

ein Jugendfreund und Studiengenosse Watts, der Glasgower Student

+Robison+. Unabhängig von ihnen hatte der Franzose +Cugnot+ einen

Dampfwagen konstruiert (Fig. 47, S. 167), der bereits die Rudimente

der nachmaligen Lokomotive enthielt. Das merkwürdige Vehikel, das

dermalen im ~Conservatoire des arts et des métiers~ zu Paris aufbewahrt

wird, und das nachweislich die älteste Form der Lokomotive ist, lief

zum erstenmale 1769 in den Straßen von Paris. Die Erfindung machte

begreiflicherweise großes Aufsehen, aber schon gelegentlich der ersten

Probefahrt rannte Cugnots Maschine eine Mauer ein, bei der zweiten

stürzte sie vollends um und zerschellte. Da sich infolgedessen die

öffentliche Meinung gegen ein so gefährliches Fortbewegungsmittel

erklärte, so wanderte die „erste Straßenlokomotive, welche die Welt

geschaut“, in die -- Raritätenkammer. 1784 hatte auch +James Watt+

ein Patent auf bewegliche Dampfmaschinen zur Fortschaffung von Wagen

auf Eisenbahnen genommen; die Idee führte aber nicht +Watt+, sondern

sein Schüler +Murdoch+ aus, welcher in seiner Heimat Redruth in

Cornwall das Modell eines Dampfwagens konstruierte, der die bedeutende

Geschwindigkeit von 6-8 englischen Meilen per Stunde erreichte. Indes

geschah weder durch Watt noch durch Murdoch irgend etwas in größerem

Maßstabe, da beide mit dem Bau und der Einführung anderer Maschinen

übergenug zu thun hatten. Der +erste+, welcher die Dampfkraft zum

Fortziehen schwerer Lasten auf Schienenwegen benutzte, war +Richard

Trevithick+. Er war wie Murdoch aus Redruth in Cornwall gebürtig und

von der Natur mit allen Eigenschaften eines geschickten Mechanikers

ausgestattet. Schon 1801 hatte er mit einem von ihm gebauten Dampfwagen

(Fig. 48) die Bewohner des Städtchens Camborne an der äußersten

Westspitze von Cornwall in gewaltige Aufregung versetzt, aber erst

1804 vollendete er die +erste+ wirklich brauchbare Lokomotivmaschine.

Auf der Eisenbahn von Merthyr Tydfil in Wales setzte er sein Vehikel

in Bewegung, und zwar in der ersten Februarwoche des genannten Jahres.

+Es war die erste Lokomotivfahrt auf fixierter Spur.+ Die Wichtigkeit

der Sache wurde indes nur von wenigen Geisteskämpfern erkannt. Ja

Trevithick selber ward durch eine Reihe von Mißhelligkeiten genötigt,

die betretene Bahn zu verlassen. Später weilte er mehrere Jahre in

Südamerika, aber auch hier geriet er durch verschiedene Zwischenfälle

in die bitterste Not. 1833 beschloß er in England im Alter von 62

Jahren in äußerster Armut seine Tage. Sein Mangel an Ausdauer machte

sein ganzes Leben, wie +Smiles+ sagt, nur zu einer Reihe von Anfängen.

[Illustration: Fig. 48. Dampfwagen, konstruiert von Trevithick.]

Die Ideenreihe, welche Männer wie +Cugnot+, +Murdoch+ und +Trevithick+

repräsentieren, fand ihre Entwicklung und schließliche Vereinigung

zu einer Gesamtheit durch +Georg Stephenson+, den Schöpfer der

Lokomotiv-Eisenbahn.

+Georg Stephenson+ erblickte das Licht der Welt am 9. Juli 1781 zu

Wylam, einem kleinen, von Kohlenbergleuten bewohnten Dörfchen in der

englischen Grafschaft Northumberland. In einer elenden Lehmhütte

mit unbeworfenen Wänden und nackten Dachbalken stand seine Wiege.

Sein Vater war Heizer an der Dampfpumpe einer Kohlengrube mit einem

Wochenlohn von 12 Schillingen (= 12 R.-M.). Die Familie war überdies

zahlreich. In seinem achten Jahre wurde Georg Kuhhirt, was ihm täglich

2 Pence (ca. 16 Pf.) einbrachte. Schon damals aber verwendete er seine

Mußestunden dazu, aus Thon Maschinen zu kneten und in den Bächen kleine

Mühlen aufzustellen. Nebenbei lernte er auch mit Pferden umgehen, was

ihm in der Folge den Posten eines Pferdelenkers mit 8 Pence Tagelohn

verschaffte. Im 14. Jahre wurde er seinem Vater als Hilfsheizer

zugeteilt; bald aber rückte er zum Maschinenwärter vor und erhielt

hierdurch Gelegenheit, die Dampfmaschine in allen ihren Teilen kennen

zu lernen. Das theoretische Studium blieb ihm jedoch verschlossen, da

er nicht lesen konnte. Er war 18 Jahre alt, als er das Abc lernte, und

im 19. Jahre, als er seinen Namen zum erstenmal schrieb. Das Rechnen

kam noch später an die Reihe. Fleiß und Energie füllten aber rasch die

bezüglichen Lücken aus. Letztere zeigt sich besonders darin, daß der

unter Grubenarbeitern aufgewachsene Jüngling noch nach zwölfstündiger

harter Tagesarbeit mit größtem Eifer die Nachtschulen besuchte. Als

er Bremser geworden war, nahm er seine Wohnung in Willington Quay und

gründete hier mit einem wöchentlichen Einkommen von 18-20 Schilling

(18-20 M.) einen eigenen Hausstand. Aber nicht lange dauerte sein

häusliches Glück. Nach drei Jahren schon starb ihm seine Frau.

Stephenson übergab nun seinen Sohn +Robert+ -- nachmals der größte

Eisenbahntechniker seiner Zeit -- der Pflege wackerer Nachbarsleute

und zog nach Schottland. Nach einem Jahre aber kehrte er von da wieder

zurück, um Sohnespflicht an seinem inzwischen erblindeten Vater zu

üben. Von nun an die einzige Stütze seiner Eltern, ging er mit ihnen

Tagen bitterer Not entgegen, da die Stellung eines Ersatzmannes zum

Militärdienst seine letzten Ersparnisse aufgezehrt hatte. Schon wollte

er nach Amerika auswandern, um sich dort eine neue Existenz zu gründen,

als ihn ein unerwarteter Umstand zu Ehren bringen sollte.

[Illustration: Fig. 49 Georg Stephenson.]

1810 war von den Grubenpächtern nächst +Killingworth+ eine neue

Zeche abgeteuft und zum Zwecke des Wasserauspumpens eine sogen.

+Newcomensche+ Maschine aufgestellt worden. Diese leistete jedoch

nicht, was man erwartete, und ließ die erfahrensten Ingenieure ratlos.

Da war es Stephenson, der binnen drei Tagen die Maschine gründlich

umänderte und reparierte, so daß dieselbe zur vollsten Zufriedenheit

arbeitete. Infolgedessen wurde derselbe in Killingworth mit einem

Jahresgehalt von 100 Pfd. St. als Aufseher über sämtliche Maschinen in

den von den Unternehmern in Pacht genommenen Kohlenwerken angestellt.

In dieser seiner neuen Stellung hatte er mehr Freiheit als in den

früheren; er arbeitete daher von jetzt an ganz systematisch an seiner

eigenen Ausbildung und jener seines Sohnes Robert. Mit höchstem

Interesse verfolgte er besonders alle Versuche einer Verbesserung der

Lokomotive, und solche wurden in den Jahren 1804 bis 1814 in großer

Zahl gemacht, so von +Blenkinsop+, der das Zahnradsystem ersann, von

+Jonathan Foster+, von +Chapman+, +Brunton+ u. a. Veranlaßt waren

alle diese Bemühungen durch die von den Technikern der damaligen

Zeit gehegte Meinung, daß die Reibung der glatten Wagenräder auf den

Schienen nicht ausreiche, um mit schwer beladenen Wagenzügen größere

Steigungen zu überwinden. Im Winter von 1813 auf 1814 ging nun

Stephenson selbst daran, seine erste Lokomotive zu bauen. Nach zehn

Monaten war sie vollendet; am 25. Juli 1814 versuchte sie ihre Kraft

zum erstenmale auf der Killingworther Bahn. Die Maschine, die den Namen

des großen deutschen Feldherrn Blücher trug und mit glatten Rädern

auf glatten Schienen lief, zog bei einer Geschwindigkeit von vier

englischen Meilen in einer Stunde acht Wagen mit dem Gesamtgewicht von

30 t (30000 kg). Die Konstruktion erwies sich übrigens noch ziemlich

mangelhaft. Deshalb beschloß Stephenson, eine zweite Maschine nach

einigermaßen verändertem Plane zu konstruieren, und ließ sich den

Entwurf derselben im Februar 1815 patentieren. Diese Maschine zeigte

sich auch in der That um vieles wirksamer als die erste.

1821 wurde Stephenson Bauleiter der +Stockton-Darlington-Bahn+, welche

die Kohlenschätze der Grafschaft Durham mit der Nordsee zu verbinden

bestimmt war. Noch ahnte niemand, Stephenson ausgenommen, daß hier die

Dampfkraft an Stelle der Pferdekraft treten werde. Indes überzeugte

sich +Peace+, einer der bedeutendsten Aktionäre, durch eine sorgfältige

Prüfung der Maschinen von Killingworth vollkommen von dem Nutzen ihrer

Anwendung, so daß er Stephenson eifrigst unterstützte. Am 22. Mai 1822

ward die erste Schiene gelegt, im darauffolgenden Jahre in Newcastle

eine kleine Lokomotivfabrik erbaut, und am 27. September 1825 fand die

+Eröffnung der ersten Spurbahn mit Personenbeförderung statt+. Die

Maschine Nr. 1 -- es waren deren drei bestellt worden -- bewältigte

eine Zuglast von 90 t mit einer Geschwindigkeit von 12, zuweilen sogar

15 englischen Meilen pro Stunde; befördert wurden 450 Personen. So

bezeichnet die Eröffnung der Stockton-Darlington-Bahn eine neue Epoche

des Verkehrswesens. Zunächst blieben allerdings für die Personenwagen

noch eine Zeitlang die Pferde in Gebrauch; aber für den Kohlentransport

wurden die von Stephenson gebauten Lokomotiven bereits dauernd

verwendet.

Um die Zeit, als man mit dem Bau der Stockton-Darlington-Bahn begann,

wurde auch eine Eisenbahnverbindung zwischen den beiden Knotenpunkten

des englischen Handels, +Manchester+ und +Liverpool+, projektiert. Die

diesbezügliche Bill war im Parlament auch durchgegangen trotz aller

Gegenanstrengungen der feindlichen Partei. In jenen Tagen stellte

Stephenson, der auch hier auf Einführung der Lokomotive statt des

Pferdebetriebes drang, die Behauptung auf, „er könne eine Lokomotive

mit einer Geschwindigkeit von 20 Meilen pro Stunde bauen“. Diese

Äußerung veranlaßte die berühmt gewordene Erwiderung in der englischen

Zeitschrift ~„Quarterly Review“~: „Was kann wohl handgreiflich

lächerlicher und alberner sein, als das Versprechen, eine Lokomotive

für die doppelte Geschwindigkeit der Postkutschen zu bauen? Ebensogut

könnte man glauben, daß die Einwohner von Woolwich sich auf einer

Congreveschen Rakete abfeuern ließen, als daß sie sich einer solchen

Maschine anvertrauen würden!“

[Illustration: Fig. 50. Eröffnung der Stockton-Darlington-Eisenbahn.]

[Illustration: Fig. 51. Stephensons „Rocket“.]

Der Bau der Bahn wurde endlich begonnen, und zwar fungierte hierbei

+Georg Rennie+ als beratender und +Stephenson+ als oberster

ausführender Ingenieur. Letzterer entwarf sämtliche Details der Linie,

zeichnete die Maschinen, die Brücken, die Drehscheiben, die Weichen,

die Kreuzungen und war für jeden Teil der Anlage verantwortlich.

Als der Bau sich seinem Ende näherte und die Frage hinsichtlich der

anzuwendenden Betriebskraft immer mehr zur Entscheidung drängte, trat

Stephenson neuerdings nachdrücklichst für die endliche Einführung des

Lokomotivbetriebs ein; aber erst, nachdem heftige Debatten im Schoße

der Direktion der Bahn stattgefunden, wurde beschlossen, es mit der

Lokomotive zu versuchen. Am 25. April 1829 wurde von dem Direktorium

der Liverpool-Manchester-Bahn eine Belohnung von 500 Pfd. St. für

eine Lokomotiv-Maschine ausgesetzt, die ihr dreifaches Gewicht mit

einer Geschwindigkeit von 10 englischen Meilen (15 km) in der Stunde

ziehen, auf Federn ruhen und nicht mehr als 550 Pfd. St. kosten sollte.

Als Tag der Probe wurde der 6. Oktober festgesetzt. Vier Lokomotiven

erschienen auf dem Kampfplatze: die „+Novelty+“ des Maschinenbauers

+Braithwaite+, die „+Sanspareil+“ von +Hackworth+, einem ehemaligen

Werkführer Stephensons, die „+Rocket+“ von +Stephenson+ und die

„+Perseverance+“ von +Burstall+. Die Wettfahrten fanden bei

+Rainhill+, 15 km östlich von Liverpool, statt. Hierbei gewann nun

Stephensons Maschine, deren Princip in allen Hauptteilen das noch

heute gebräuchliche ist, nicht nur den Preis, sondern übertraf die

gestellten Bedingungen beträchtlich, indem sie ihr fünffaches Gewicht

mit einer Geschwindigkeit von 20 englischen Meilen (30 km) zog. Als

der Preis dem Sieger zuerkannt war, unternahm Stephenson, nun aller

einschränkenden Verhaltungsmaßregeln ledig, eine Schlußfahrt mit der

unerhörten Geschwindigkeit von 35 englischen Meilen (ca. 52 km) in

der Stunde! Das war ein Erfolg, der selbst die kühnsten Erwartungen

übertraf. Mit Recht sagt daher v. Weber: „+Mit den Tagen von Rainhill

war der eigentliche Schöpfungsakt des Eisenbahnwesens geschlossen.+ Was

von nun an geschehen im Bereiche der Technik des Eisenbahnwesens, das

war Ausbildung, Vervollkommnung, Verstärkung, Entwicklung von Keimen,

die fast alle schon in Stephensons großer Schöpfung enthalten waren.“

Unverzüglich wurde nun die erforderliche Anzahl von Lokomotiven

für die Liverpool-Manchester-Bahn beschafft, und im September 1830

ward die Linie in aller Form dem Verkehre übergeben. Es war ein

Nationalfest, an dem sich nicht nur das Volk, sondern auch der Adel,

hervorragende Politiker, die Repräsentanten der Regierung, der Kunst

und Wissenschaft, kurz alles, was England an hervorragenden Geistern

besaß, beteiligte. 600 Passagiere bestiegen den nach Manchester

abgehenden Zug, der zeitweilig 20 bis 25 Meilen die Stunde zurücklegte.

Die Volksmasse, die sich längs der Bahnlinie aufgestellt hatte,

jauchzte dem seltsamen und für sie unbegreiflichen Schauspiele zu, und

die Erzählung von den wunderbaren Leistungen, die an jenem Tage auf der

neuen Bahn erreicht wurden, erfüllte das ganze Land und beschleunigte

die allgemeine Einführung des neuen Verkehrssystems.

In den folgenden Jahren widmete Georg Stephenson seine ganze Zeit

dem Bau der Eisenbahnen und der Verbesserung der Lokomotive. Hierbei

wurde er von seinem Sohn Robert unterstützt, dem er schließlich auch

sein Geschäft übergab; er selbst zog sich nach Tapton House an der

Midlandbahn zurück und verbrachte hier den Rest seines Lebens.

Am 12. August des Jahres 1848 starb er, 67 Jahre alt, von allen geehrt

und im Besitze eines unsterblichen Ruhmes. Kurz nach seinem Tode

wurden ihm in Liverpool, Newcastle und London Bildsäulen errichtet.

Das herrlichste Denkmal aber ist jenes, das er selbst durch seine

menschenfreundlichen Stiftungen sich gesetzt hat, besonders durch ein

wohlorganisiertes Versorgungssystem zum Besten seiner Arbeiter.

Überhaupt ist Stephensons Charakter nach jeder Seite hin gleich

bewunderungswürdig. Ernst, schlicht und rechtlich gesinnt, mutig,

unerschütterlich und von andauerndstem Fleiße, dabei launig, freundlich

und mildherzig, war er ein Mensch, dessen Andenken noch lange lieb und

wert gehalten werden wird, und dessen Beispiel noch in künftigen Zeiten

die Jugend zu ernster Anstrengung und löblichem Ehrgeiz aneifern wird.

1830 wurde, wie erwähnt, die +Liverpool-Manchester-Bahn+ dem Verkehre

übergeben, und 10 Jahre später waren schon die Hauptstädte Englands

sämtlich durch Eisenbahnen verbunden. Dieselbe Begeisterung für den

Bau von Lokomotiveisenbahnen griff nun fast allerorten auch auf dem

europäischen Kontinente Platz. 1835 bereits eröffnete Belgien die

Linie +Brüssel+-+Mecheln+, Ende desselben Jahres Bayern die Linie

+Nürnberg+-+Fürth+, 1837 Sachsen die Strecke +Dresden+-+Leipzig+,

1838 Preußen die Linie +Berlin+-+Potsdam+ u. s. w. In den Vereinigten

Staaten von Amerika rollte schon 1833 der erste Lokomotivtrain dahin,

und selbst die alten Märchenländer des Ostens hat bereits der

Dampfwagen aus ihrer beschaulichen Ruhe aufgerüttelt. Seine Rauchsäulen

ziehen ebenso durch die Palmenwipfel des Nilthals, wie über die

Tempel Delhis und Lahores der schrille Pfiff ins schwüle Gangesthal

hinausgellt. Und so hat +Viktor von Scheffel+ recht, wenn er singt:

Bald ist, soweit die Menschheit haust,

Der Schienenweg gespannt;

Es keucht und schnaubt und stampft und saust

Das Dampfroß rings durchs Land.

Zweites Kapitel.

Geographie der Eisenbahnen.

~A.~ Die Eisenbahnen Europas[116].

Unser Erdteil Europa ist an der Entwicklung der Eisenbahnen in ganz

hervorragender Weise beteiligt. Zwar steht derselbe bezüglich seines

Netzes nicht mehr, wie noch vor kurzem, an der Spitze der Kontinente

-- er wurde hierin in jüngster Zeit von Amerika überflügelt --,

doch ist er, Amerika ausgenommen, allen anderen Erdteilen hierin

noch weit überlegen. Begründet ist diese großartige Entwicklung des

Eisenbahnwesens namentlich in den äußerst günstigen geographischen

Verhältnissen, durch welche dieser Erdteil vor allen übrigen in

so hohem Grade ausgezeichnet ist. So entbehrt der Kontinent der

himmelanstrebenden Gebirge und der undurchdringlichen Wüsten, wie

solche in anderen Erdteilen sich finden. Auch die Flüsse bereiten

dem Bahnbau keine unüberwindlichen Schwierigkeiten; sind sie doch

im Vergleich zu denen der anderen Festlande weder sehr breit, noch

sehr verheerend. Desgleichen ist das Klima, das sich fast überall von

tropischer Hitze wie von polarer Kälte ferne hält, der Ausführung von

Bahnbauten in keiner Weise hinderlich. Den hervorragendsten Einfluß

auf die Ausbildung des europäischen Bahnnetzes übte aber der große

Mineralreichtum einzelner Länder, sowie die hohe materielle und

geistige Kulturstufe der Einwohner des Erdteils.

I. Übersicht über die europäischen Bahnen.

=1. Die Bahnen Großbritanniens und Irlands.=

Das britische Eisenbahnnetz stellt sich auf den ersten Blick als ein

geradezu sinnverwirrendes Durcheinander von Linien dar, in welchem

sich zurechtzufinden fast unmöglich erscheint. Und doch ist es nicht

allzuschwer, eine gewisse Ordnung in der Anlage der Bahnlinien zu

erkennen.

[Illustration: Fig. 52.]

Was zunächst +England+ betrifft, so sind hier vor allem die

+Verbindungen mit dem Kontinent+ in hohem Grade entwickelt. Die

wichtigsten sind: +London+-+Harwich+, +London+-+Queenborough+,

+London+-+Dover+, +London+-+Folkestone+, +London+-+Hastings+,

+London+-+Newhaven+, +London+-+Brighton+. -- Verhältnismäßig spärlich

sind die Linien in +Wales+ und in dem gegenüberliegenden +Norfolk+.

In ersterem steht der gebirgige Charakter des Landes der Anlage eines

dichten Netzes hindernd entgegen, und Norfolk wird erdrückt durch

die Konkurrenz des benachbarten London. Sehr zahlreich sind hingegen

die Linien im +Innern des Landes+, dem Gebiete der großen englischen

Verkehrs- und Industriecentren.

Unter den +Bauwerken+ des englischen Eisenbahnnetzes verdient besonders

der 1885 eröffnete +Mersey-Tunnel+ Erwähnung, durch welchen Liverpool

und Birkenhead in direkte Verbindung gesetzt werden. Derselbe ist

nämlich der größte submarine Tunnel der Welt, gegen den selbst der

altberühmte Themse-Tunnel vollkommen zurücktritt. Letzterer ist nur

396 m lang, 4,2 m breit und 4,8 m hoch. Der Mersey-Tunnel dagegen

ist 1143 m lang, 8 m breit und 6½ m hoch. Auf der Sohle des Tunnels,

dessen Endstationen 27 bis 30 m unter der Erdoberfläche liegen, laufen

zwei Schienenstränge nebeneinander. Der Zugang zu den Endstationen

wird einesteils durch Rampen und Treppen, andernteils durch mit

hydraulischer Kraft senkrecht bewegte Plattformen vermittelt, welch

letztere die beladenen Güterwagen herauf- oder hinunterbefördern. Auch

für Personen sind Aufzüge vorhanden, welche nicht weniger als 100

Personen auf einmal fassen können. Die Fahrt durch den Tunnel dauert

nur 3½ Minuten.

Nach englischen Blättern ist dieser Tunnel das größte Werk, das die

Ingenieurkunst vollbracht hat. Selbst die Alpentunnels, die große

Hängebrücke zwischen New-York und Brooklyn, der Suez- und Panamakanal

könnten sich, was die Summe der zu überwindenden Schwierigkeit

betrifft, dem Mersey-Tunnel nicht an die Seite stellen.

Ein zweiter großer Seetunnel, den England im Jahre 1885 vollendete, ist

der +Severntunnel+; er ersetzt auf dem Eisenbahnwege von Bristol nach

Newport und Cardiff die vielfach gestörte Fähre über den Severn und

führt deshalb unter dem Meeresarm in einer Länge von 7000 m durch.

Das +schottische+ Bahnnetz zerfällt in drei Teile: einen +südlichen+,

einen +mittlern+ und einen +nördlichen+. Die südlichen Linien

haben hauptsächlich den Zweck, die Verbindung mit dem englischen

Bahnsystem herzustellen. Die Linien des +mittlern+ Schottland bedecken

die großen schottischen Kohlendistrikte und die auf letzteren

erwachsenen Industriebezirke; sie sind sehr dicht geflochten und

reich verschlungen. Bedeutend spärlicher hingegen werden infolge des

Gebirgscharakters der Landschaft die Bahnen im +nördlichen+ Schottland.

An die äußerste Spitze des Landes führt nur noch ein einziger Strang.

In +Irland+ liegt der Schwerpunkt des Verkehrs an der England und

Schottland zugekehrten Ostseite. Hier zieht auch die Hauptbahnlinie

+Belfast+-+Dublin+-+Cork+.

2. Die Bahnen Mitteleuropas.

Die hier in Betracht kommenden Bahnen sind jene des +Deutschen

Reiches+, +Österreich-Ungarns+ und der +Schweiz+.

~a.~ Bei Anlage der +deutschen+ Eisenbahnen waren weder

handelspolitische noch militärische Rücksichten maßgebend, sondern

einzig und allein die Sonderinteressen der einzelnen Staaten und

Landschaften. Dieser Zustand dauerte im wesentlichen bis zur Gründung

des norddeutschen Bundes im Jahre 1866, von wo an wenigstens für

Norddeutschland die Erweiterung des Eisenbahnnetzes nach einheitlichen

Gesichtspunkten erfolgte. Seit Errichtung des Deutschen Reiches aber

treten die kommerziellen und strategischen Rücksichten für das +Ganze+

bei Anlage von Eisenbahnen immer deutlicher hervor.

[Illustration: Fig. 53. Die von Berlin auslaufenden Bahnen.]

+Charakteristisch+ für das +deutsche+ Eisenbahnnetz ist,

entsprechend der vormaligen politischen Zerrissenheit des Landes,

das +Vorhandensein einer großen Zahl von Knotenpunkten+. Es ist

infolgedessen ziemlich schwierig, einen klaren Überblick über die

deutschen Bahnen zu gewinnen. Am besten faßt man vielleicht die

deutschen Bahnen wohl in folgende Gruppen zusammen:

1. die +niederrheinische Gruppe+; sie ist die im deutschen

Eisenbahnnetz am deutlichsten hervortretende;

2. die +oberrheinische Gruppe+; sie schließt sich südlich an die

niederrheinische an, wird durch den Rhein in eine östliche und

westliche geschieden und reicht bis zur Schweizergrenze;

3. die +norddeutsche Gruppe+; sie ist die am regelmäßigsten

ausgebildete. Sie allein hat auch ein unverkennbares Centrum in

der Reichshauptstadt +Berlin+, von der aus radienförmig eine Menge

Linien in ziemlich gerader Richtung auslaufen. -- Die regelmäßige

Entwicklung der norddeutschen Gruppe hat ihren Grund teils in der

Gunst des Terrains, das von der Zuidersee bis zur russischen Grenze

eine großartige Fläche ist, teils in der großen Gleichförmigkeit

der volkswirtschaftlichen Produktion, teils auch in den politischen

Verhältnissen, welche nur hier den Verkehr einigermaßen aus der

kleinstaatlichen Zerrissenheit des übrigen Deutschland erretteten;

4. die +schlesische Gruppe+, deren Centralpunkte +Breslau+ und

+Görlitz+ sind;

5. die +sächsische Gruppe+, hauptsächlich die Bahnen des Königreichs

Sachsen umfassend;

6. die +mitteldeutsche Gruppe+, deren Linien ohne gemeinsamen

Mittelpunkt das bergreiche Thüringen durchziehen; endlich

7. die +süddeutsche Gruppe+, aus den bayerischen und württembergischen

Bahnen bestehend.

[Illustration: Fig. 54. Die von Wien auslaufenden Bahnen.]

Die größte +Dichtigkeit+ des Netzes weisen die großen

+Industrielandschaften+ auf: so die Rheinprovinz und Westfalen, dann

das Königreich Sachsen; die +weitesten Maschen+ zeigt dasselbe in

sämtlichen Küstengebieten.

~b.~ In +Österreich+ ertönte der Pfiff der Lokomotive zuerst am

Dreikönigstag 1838, und zwar auf der Linie +Wien+-+Wagram+; der große

Aufschwung des Eisenbahnwesens datiert indes erst von 1866. In der

westlichen Hälfte ist das Bahnnetz mehr ausgebaut als in Ungarn, am

dichtesten ist es in den industriereichen Bezirken des nördlichen

Böhmen. Das Hauptcentrum der Bahnen ist +Wien+; von ihm laufen die

einzelnen Linien strahlenförmig nach allen Weltgegenden aus. Wien

zunächst kommen an Bedeutung +Prag+ und +Budapest+.

Die wichtigsten Linien des österreichisch-ungarischen Bahnnetzes sind

folgende:

1. +Wien+-+Oderberg+(-+Warschau+-+St. Petersburg+). 2.

+Wien+-+Prag+(-+Dresden+-+Hamburg+); Hauptweg für die

Einfuhr der Kolonialwaren und englischen Fabrikate.

3. +Wien+-+Budweis+-+Eger+(-+Mitteldeutschland+). 4.

+Wien+-+Passau+(-+Nürnberg+-+Frankfurt+-+Köln+). 5.

+Wien+-+Simbach+(-+München+-+Straßburg+-+Paris+) und

+Simbach+-(+München+-+Lindau+); auf der letztern Linie erfolgte

bis zur Eröffnung der Arlbergbahn fast ausschließlich die Ausfuhr

der Produkte der österreichisch-ungarischen Landwirtschaft nach

dem Westen Europas. 6. +Wien+-+Graz+-+Triest+, Hauptverbindung

der österreichischen Kronländer mit dem Meer und danach mit

dem Orient. 7. +Wien+-+Budapest+-+Semlin+(-+Nisch+) und

+Wien+-+Budapest+-+Orsova+(-+Rustschuk+-+Varna+), die wichtigsten

Routen für den Verkehr mit den unteren Donauländern, dem Schwarzen

Meer und Konstantinopel. -- Andere bedeutsame Linien sind. 8.

+Kufstein+-+Innsbruck+(-+Verona+), Hauptweg für den Transitverkehr

zwischen Italien und Deutschland. 9. +Budapest+-+Agram+-+Fiume+,

sehr bedeutsame Linie für den Absatz der Produkte Ungarns. 10.

+Krakau+-+Czernowitz+(-+Jassy+-+Odessa+), wichtig für den Verkehr

mit Südrußland und dem Orient. 11. +Prag+-+Pilsen+-+Eger+, große

Verkehrsstraße zwischen Böhmen und Süddeutschland.

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 17 / 50 段