So wurden Briefkästen nach dem Berichte +Hydes+ wiederholt von Vögeln
mit Beschlag belegt, die darin befindlichen Briefschaften aber auf die
Straße geworfen[95].
Fünftes Kapitel.
Geschichte des Briefes, der Freimarke, der Postkarte und der
Zeitungen[96].
1. +Der Brief.+ Die Geschichte des Briefes verliert sich in das Dunkel
der Sage. Nach Diodor stammt der älteste Brief der Welt von dem
indischen König Stabrobates; derselbe war an die assyrische Königin
Semiramis gerichtet. Mehrfach ist auch in der +Bibel+ von Briefen die
Rede, und selbst Homer läßt schon, wie jener Brief beweist, den der
Argiverfürst Proitos arglistig dem Bellerophon nach Lycien mitgab,
die Helden sich des Schreibens befleißigen. Nach neueren Forschern
gebührt die Ehre der Erfindung des Briefschreibens der Königin Atossa,
der Tochter des Cyrus und der Mutter des Xerxes. Am frühesten
wurden indes Briefe wohl in +Ägypten+ geschrieben, da dort schon in
ältester Zeit durch die hohe Kulturentwicklung im allgemeinen, wie
durch die Erfindung der Papyrusbereitung[97] für die Entwicklung des
Briefverkehrs die entsprechenden Bedingungen gegeben waren.
Eine besondere Art der klassischen Briefformen ist der +Stab+- oder
+Rollbrief+ -- die +Skytale+ --, der in Lacedämon gebräuchlich war.
Sollte nämlich eine Botschaft ergehen, so schlang man einen schmalen
weißen Riemen, fest und genau schließend, um den Stab, schrieb das
Nötige in der Längsrichtung des Stabes querüber auf die durch den
aufgewickelten Riemen gebildete Schreibfläche, löste den Riemen
wieder und schickte ihn so an den Feldherrn oder Staatsmann, für
den die Botschaft bestimmt war. Dieser vermochte die jedem andern
unverständlichen Zeichen nur dadurch zu entziffern, daß er den Riemen
um den in seinen Händen befindlichen Stab von genau den gleichen
Dimensionen schlang. So stellt der Stabbrief wohl die älteste Form
eines Feldpostbriefes dar[98].
Verwandt mit dem lacedämonischen Stabbrief, wenn auch weniger in
der Form, so doch hinsichtlich des hauptsächlichsten Gebrauches für
geheime amtliche Mitteilungen, sind die +Knotenbriefe+ oder +Quipus+
der Inkaperuaner in Amerika. Sie bestanden im wesentlichen aus
einem horizontal gelegten Hauptstrang, an dem verschiedene Schnüre
herabhängend angebracht waren. Jeder dieser Stränge hatte eine
besondere Hauptbedeutung, während die an denselben angebrachten Knoten,
je nach ihrer Stellung und Form, die unter jenen Hauptbegriff fallenden
Einzelheiten darstellten. Daß solche Knotenschnüre vor alters auch
in China statt der Schrift in Gebrauch waren, erwähnt der Philosoph
Lao-tse, ein älterer Zeitgenosse des Konfucius[99].
[Illustration: Fig. 45. Quipu (Knotenschrift).]
Das +Mittelalter+ zeigt eine nur mäßige Entwicklung des Briefschreibens
in der verkehrsmäßigen Bedeutung des Wortes. Begründet ist diese
Thatsache, abgesehen von der damals überhaupt ziemlich spärlich
verbreiteten Kenntnis des Lesens und Schreibens, besonders auch in
dem hohen Preise des Schreibmaterials, als welches nunmehr an Stelle
des in Vergessenheit geratenen Papyrus das +Pergament+ getreten war.
Seinen Namen trägt dieses Schreibmaterial von der Stadt Pergamus in
Kleinasien. Als nämlich König Eumenes II. (197-158 v. Chr.) in Pergamus
seine große Bibliothek anlegte, soll die Eifersucht der Ptolemäer, die
hierin eine gefährliche Nebenbuhlerschaft mit ihrer Weltbibliothek in
Alexandrien erblickten, in dem Maße erregt worden sein, daß sie die
Ausfuhr des Papyrus aus Ägypten gänzlich untersagten. Notgedrungen
griff man nun in Pergamus zurück auf die alte Art der Bereitung von
Tierhäuten, die man zugleich derart verbesserte, daß das neue Erzeugnis
als ~charta pergamena~ sich bald großen Ruf erwarb[100].
Die bis jetzt erörterten Schreibstoffe waren der Entwicklung
des Briefes wenig günstig; erst als durch die Erfindung des
+Lumpenpapiers+[101] ein weit bequemeres, billigeres und allgemein
zugängliches Material gewonnen worden war, nahm dieselbe einen
ungeahnten Aufschwung.
Bald entwickelte sich auch ein besonderer Fabrikationszweig für „Brief-
oder Postpapier“, das vor allem durch möglichst geringe Dicke und
kleineres Format sich auszeichnet, daneben auch besondere Glätte und
Feinheit in Stoff und Farbe zeigt. Es wird gegenwärtig in fast allen
Kulturländern benutzt. An einzelnen eigenartigen Schreibstoffen fehlt
es indes auch der Neuzeit nicht. So zeigt unsere Abbildung ein im
Postmuseum zu Berlin befindliches Original eines zusammengewickelten
Palmblattes aus Indien, das, mit einer Blattfaser verschlossen, auf der
Außenseite die Adresse enthält.
Gleiche Wandlungen, wie der +Stoff+, auf den geschrieben wurde, erfuhr
im Laufe von Jahrtausenden auch der +Verschluß+ der Briefe. Der
einfache +Bast+, mit welchem der indische Palmblattbrief noch heute
verschlossen wird, mag von alters her, sobald man einmal den Gebrauch
des Papyrus zu Briefen kannte, das gewöhnliche Verschlußmittel gewesen
sein. Später ging man dazu über, die Enden der Schnüre sowohl bei
Rollen, als auch bei den Wachstäfelchen mit +Thonerde+ oder +Wachs+ zu
verschließen. Der Gebrauch der sogen. +Siegelerde+ war namentlich in
Asien heimisch, da nur in Kleinasien eine zu diesem Zwecke taugliche
Thonerde gefunden wurde.
[Illustration: Fig. 46. Palmblattbrief.]
Im Mittelalter unterschied man zwei Arten von Briefen: ~literae
clausae~ und ~literae patentes~. Bei den verschlossenen Briefen war
das aus Wachs hergestellte Siegel auf dem Briefe selbst angebracht, so
daß dessen Inhalt nur nach Erbrechen des Siegels dem Auge zugänglich
war. Bei den ~literae patentes~ (den offenen Briefen) waren dagegen die
Siegel nur angehängt, dienten aber so wesentlich zur Beweiskraft des
Schriftstücks, daß schon eine Beschädigung des Siegels hinreichte, die
Urkunde ungültig zu machen.
An die Stelle des Wachses trat, wahrscheinlich erst um die Mitte des
16. Jahrhunderts, der noch jetzt gebräuchliche +Siegellack+. Er soll
aus China stammen und von dort nach Indien gelangt sein, von wo ihn
die Portugiesen nach Europa brachten. Erwiesenermaßen ist derselbe in
Breslau schon 1561 in Gebrauch gewesen; er scheint indes noch mehr als
ein Jahrhundert als eine kostbare Seltenheit gegolten zu haben.
Wegen der umständlichen Behandlung, welche der Siegellack erforderte,
griff man nebenbei auch zur +Oblate+[102], deren Verwendung eine
ziemlich verbreitete wurde, doch konnte sie den Siegellack nicht
ersetzen. In unserem Jahrhundert ist sie durch die gummierte
+Siegelmarke+ aus Papier fast ganz verdrängt worden; aber auch diese
weicht jetzt vor den gummierten +Briefumschlägen+ mehr und mehr zurück.
Endlich noch einiges über die +Schreibgeräte+!
Auf Wachstafeln schrieb man mit +Griffeln+ aus Knochen oder Metall.
Sehr früh begann man aber auch schon mit gefärbten Flüssigkeiten zu
schreiben, und dazu diente das +Rohr+, das wie unsere Schreibfedern
gespalten und zugespitzt war. Das stumpf gewordene Rohr wurde
mit Bimsstein wieder geschärft. Später trat an Stelle des Rohrs
die +Kielfeder+, deren Gebrauch schon im fünften Jahrhundert
sich nachweisen läßt; allgemein in Gebrauch kam dieselbe erst im
neunten Jahrhundert. In unserer Zeit hat die Kielfeder wiederum der
+Stahlfeder+ Platz gemacht[103]. -- Die +Tinte+ der Alten bestand
meist aus Leimwasser, das mit Ruß gerührt wurde, oder aus dem Saft der
Maulbeeren oder aus dem Blute des Tintenfisches. Doch müssen dieselben
auch schon den Gebrauch von Metallsalzen bei Anfertigung ihrer
Tinten gekannt haben, da man bei vielen griechischen und römischen
Manuskripten, die durch Radierungen undeutlich geworden waren, den
Text durch Behandlung mit Reagentien auf vitriolhaltige Stoffe
wiederhergestellt hat. Im Mittelalter waren in den meisten Fällen die
Hauptbestandteile der Tinte, wie noch heute, Galläpfel und Vitriol.
2. +Die Freimarke.+ Die +Geschichte der Freimarke+ reicht bis ins
17. Jahrhundert zurück[104]. Nach dem Berichte des Chronisten
Pellisson-Fontanier wurde nämlich von Ludwig XIV. im Jahre 1653 dem
~Maître des requêtes~ (Staatsrat, Berichterstatter über Bittschriften)
+Vélayer+ das Privilegium erteilt, in den verschiedenen Stadtteilen
von Paris Briefkästen aufstellen und die in dieselben eingelegten, an
Einwohner der Stadt selbst gerichteten Briefe gegen eine Gebühr von
einem Sou bestellen zu lassen. Eben dieser Vélayer war es nun auch,
welcher, wie derselbe Chronist des weitern mitteilt, +zuerst+ auf den
Modus der vorherigen Erhebung der Gebühr bei Bestellung von Briefen, d.
i. die Frankierung kam. Die Entrichtung dieser Gebühr geschah nun in
der Weise, daß ein „~billet de port payé~“, das an bestimmten Stellen
zu kaufen war, zur Frankierung verwendet wurde. Als die eigentliche
Erfinderin dieser Francobillets des Mr. Vélayer wird indes eine
Hofdame, Madame de Longueville, bezeichnet.
Unter den Gründen, welche zu Gunsten der neuen Beförderungsgelegenheit
angeführt werden, figurieren zum Teil recht naive. So heißt es z. B.,
die neue Einrichtung werde sich sehr bald unentbehrlich erweisen
für alle, „welche... verhindert sind, selbst auszugehen, wegen ihres
Gesundheitszustandes oder wegen ihrer Gläubiger“; dann für solche,
welche in Strafanstalten sitzen oder in Klöstern und Kollegien sich
befinden; für Prozeßführende, die mit aller Welt zu thun haben...;
ferner für die Herren und Damen bei Hofe, die stets auf den Beinen sind
und doch oftmals nicht die Hälfte derjenigen Anstandsverpflichtungen
erledigen können, die sie gern erledigen möchten.
Die Entwertung der ~billets de port payé~ geschah durch den Absender
selbst, indem nur solche Briefe befördert wurden, auf welchen das
Billet durch handschriftliche Ausfüllung des Aufgabedatums in dem
hierzu bestimmten Vordruck: „~port payé, le... jour du mois de... l’an
16...~“ für nochmalige anderweite Verwendung unbrauchbar gemacht war.
Wie lange und in welchem Umfange dieser Stadtpostdienst bestanden hat,
ist leider nicht bekannt geworden; jedenfalls war er ein Jahrhundert
später (1760) gänzlich in Vergessenheit geraten und mit ihm auch die
erste Anwendung der Postfreimarke.
Erst im 19. Jahrhundert kam das zur Entrichtung der Postgefälle so
einfache und für das korrespondierende Publikum so bequeme System der
Postwertzeichen wieder in Anwendung, und zwar gebührt dem Königreich
+Sardinien+ das Verdienst, diese Bahn zuerst wieder betreten zu haben.
Dort wurden 1819 Postwertzeichen in Form gestempelter, zum Einschlagen
der Briefe bestimmter Viertelbogen +weißen+ Papieres ausgegeben.
Das Papier selbst trug an den Rändern ringsum den Wasserstempel:
„~Direzione Generale delle Regie Poste~.“ Die Wertstempel, einen
blasenden Genius zu Pferde darstellend und in Beträgen zu 15, 25 und
50 Centesimi angefertigt, wurden im nächsten Jahre durch farblose
Trockenstempel ersetzt und blieben bis zum Jahre 1836 in Gebrauch.
Dem Vorgange der sardinischen folgte zunächst die englische
Postverwaltung, die 1840, zugleich mit Einführung des Penny-Portos,
ebenfalls gestempelte Briefumschläge anfertigen ließ, und zwar solche
zu einem Penny in Schwarzdruck und zu zwei Pence in Blaudruck. Die
für die Aufschrift bestimmte Vorderseite dieser Umschläge trug
eine Illustration von Mulready (eine allegorische Verherrlichung
des britischen Weltverkehrs) und am Fuße in Druckschrift die
Wertbezeichnung „~Postage one penny~“ oder „~Postage two pence~“.
Einige Monate später wurden die +ersten eigentlichen Briefmarken+ zu
einem Penny und zwei Pence ausgegeben. Diese das Bild der Königin
Viktoria in braunrotem, beziehungsweise blauem Kupferstich tragenden
Marken sind unverändert in Form und Farbe noch heute in Gebrauch.
Ins große wurde die Frankierungsidee in England von Charles Knight und
dem Schöpfer des Penny-Portos, Rowland Hill, übertragen.
Sehr bald folgten dem Vorgange Sardiniens und Englands: 1843 Brasilien,
1844 Genf, 1845 Finnland, 1846 die Union, 1848 Rußland, 1849
Frankreich, Belgien und Bayern, 1850 Österreich, Preußen und Sachsen,
und später nach und nach alle jene Staaten, die sich im Besitz eines
geregelten Postwesens befanden.
Die Ausstattung der Freimarken ist eine sehr verschiedene. Die Marken
Guatemalas z. B. zeigen buntgefiederte Papageien, auf den ägyptischen
Wertzeichen sind die Wahrzeichen des alten Pharaonenlandes, Sphinx und
Pyramide, angebracht; grimmig blickt der Drache auf den Postmarken
Chinas; der geflügelte Hermeskopf ist das Wahrzeichen Griechenlands,
und die Negerrepublik Liberia hat ihrem die Republik darstellenden
Frauenkopfe die phrygische Mütze aufgesetzt.
Die für die Freimarken jetzt gewöhnlich verwendeten Farben sind: Blau
für die zu 25 Centimes (20 Pf.), Rot für die zu 10 Centimes (10 Pf.)
und Grün für die zu 5 Centimes (5 Pf.)
Auf dem ganzen Erdenrund existieren gegenwärtig weit über 5000
verschiedene Arten von Postwertzeichen, von denen auf Europa allein
ungefähr über 3000 entfallen.
Wie massenhaft der Verbrauch dieser Wertzeichen ist, ergiebt sich aus
der Thatsache, daß in Großbritannien und Irland das +Gewicht+ der in
+einem+ Jahre ausgegebenen Postmarken rund 2280 Ctr. beträgt[105].
Hier sei auch des Briefmarken+sammelns+[106] gedacht!
Dasselbe wird seit etwa 20 Jahren systematisch betrieben, und
ebensolange ist der Handel mit Briefmarken als vollberechtigtes
kaufmännisches Geschäft in Erscheinung getreten. Der Hauptsitz für
dieses Gewerbe, das vollauf seinen Mann nährt, ist Paris, wo dasselbe
zuerst in dem bekannten Hotel Drouot sein Standquartier hatte. Später
wurde für diesen eigenartigen Handel eine förmliche Börse errichtet,
die erst in den Tuilerien, dann im Luxembourg abgehalten wurde und zur
Zeit in der Avenue Marigny ein blühendes Dasein führt. Hier findet man
Briefmarkenhändler und -Liebhaber jeden Alters und Standes von dem
Schüler an, der seine Pfennige in einigen billigen Erwerbungen anlegt,
bis zu den Grossisten, deren Umsätze in Marken sich nach Hunderten,
ja Hunderttausenden beziffern. Neben Paris sind namentlich noch in
Brüssel, Berlin, Wien, Leipzig und Breslau mehrere derartige große
Geschäfte in Thätigkeit.
Da man in den ersten Jahren nach Einführung der Postwertzeichen nicht
daran dachte, die zur Frankierung verwendeten abgestempelten Marken
aufzubewahren oder gar zu sammeln, sondern dieselben gewöhnlich
achtlos dem Papierkorb überantwortete, von wo sie wohl meist den Weg
zum Ofen oder Kamin genommen haben, so sind Exemplare der ersten
Emissionen naturgemäß sehr selten geworden. Einzelne solcher seltenen
Vögel werden denn auch, ihre Echtheit vorausgesetzt, zu Preisen
notiert, die dem Nichtphilatelisten[107] unbegreiflich erscheinen.
So wird z. B. die seltenste französische Marke, diejenige zu 1 Frc.,
Ausgabe 1849, orangegelb, für 150-200 M. verkauft; die erste Ausgabe
von Hawaii, mit Ziffern statt Zeichnungen, erzielt, gut erhalten,
800-1000 M.; ebensoviel wird für jede der beiden mit „Reunion“
bezeichneten Marken zu 15 und 30 Cts. bezahlt. Die Perle aller Marken
ist indes diejenige der Insel Mauritius vom Jahre 1850; sie wird, ob
sie rot oder blau, gut erhalten oder schon vom Zahn der Zeit angenagt
ist, wenn sie nur den legalen Stempel trägt, mit mehr als 1000 M.
bezahlt.
Es ergiebt sich hieraus, daß die Briefmarken-Liebhaberei recht
kostspielig werden kann, wenn der Sammler auf Vollständigkeit seiner
Sammlung erpicht ist. Eine leidlich komplette Sammlung kostet
mindestens 50000 bis 100000 Frcs.
Große Privatsammlungen sind deshalb selten; die bedeutendste besitzt
der Herzog von Galliera, der vor einigen Jahren die Bestände des
Markenhändlers Mahé kaufte und diesen Herrn selbst, sowie einen zweiten
Markenkenner von Fach als Konservatoren seiner Sammlung anstellte.
Die Aufwendungen für letztere sollen bis jetzt schon 1½ Mill. Frcs.
betragen. Eine zweite großartige Privatsammlung befindet sich in den
Händen des Barons Arthur von Rothschild in Paris; sie soll einen Wert
von 200000 Frcs. repräsentieren.
Die Sammlung des Postmuseums in Berlin enthält über 5000 verschiedene
Arten von Postwertzeichen, von denen allein in Europa über 2500
ausgegeben wurden. Das Zimmer, in welchem dieselbe untergebracht ist,
erfreut sich stets eines außerordentlichen Zuspruchs, wenn die Räume
des Museums dem Publikum zugängig sind. „Gefährlich geradezu aber wird
der Ansturm,“ wie Ferdinand Hennicke launig sagt, „wenn die Berliner
Schulen Ferien haben. Dann marschiert Jung-Deutschland geschlossen
in das betreffende Zimmer ein und wankt und weicht nicht von den
philatelistischen Schätzen, bis die Glocke den Schluß der Vorstellung
verkündet.“
Eines der bedeutendsten Hilfsmittel für den Sammler von Fach ist das
Katalog-Album von Arthur Maury, ein mit wirklicher Gelehrsamkeit
geschriebenes Buch.
3. +Die Postkarte[108].+ Die erste Idee zur Einführung von Postkarten
ist von dem jetzigen Leiter des deutschen Reichspostwesens,
Staatssekretär ~Dr.~ v. Stephan, ausgegangen. Derselbe hatte schon in
seiner Dienststellung als Geheimer Postrat beim frühern preußischen
Generalpostamte letzterem einen bezüglichen Vorschlag unterbreitet, war
aber damit nicht durchgedrungen. Diese Denkschrift datiert vom Oktober
1865. Sie kam in Karlsruhe auf der fünften Postkonferenz zur Sprache
und erweckte das besondere Interesse des geistreichen, weitblickenden
Sektionsrats Kolbensteiner, des spätern österreichischen General-Post-
und Telegraphendirektors. Durch dessen Einfluß und unter der Fürsprache
des Professors ~Dr.~ Herrmann an der Militärakademie zu Wiener-Neustadt
trat die Postkarten-Einrichtung für die österreichisch-ungarische
Monarchie am 1. Oktober 1869 ins Leben. Die neuen Karten entsprachen
völlig dem von ihrem Erfinder ~Dr.~ v. Stephan schon im Jahre 1865
ausgesprochenen Gedanken. Der sofortige Konsum in Österreich stellte
sich für ein einziges Quartal auf 2930000 Stück. Deutschland führte
die Postkarte im Juni 1870 ein. Die erste Ausgabe der +norddeutschen+
Postkarten fand in Berlin am 25. Juni 1870 statt. Ein wie großes
Verlangen nach dem neuen Verkehrsmittel sich geltend machte, und wie
sehr dieses einem wirklichen Bedürfnis entsprach, geht daraus hervor,
daß die Zahl der allein an diesem +einen+ Tage in Berlin abgesetzten
Postkarten 45468 Stück betrug.
Von nah und fern, sogar aus dem Westen Amerikas, gingen dem
Generalpostamte nach Ausgabe der ersten Postkarten Danksagungsschreiben
zu, mittels deren die Absender ihrer Freude über die neue Einrichtung
Ausdruck verliehen. Besonders aber erwies sich die Postkarte im
deutsch-französischen Krieg als ein ganz unschätzbares Hilfsmittel, in
bündiger und gedrängter Kürze Nachrichten von einem beginnenden Kampfe
oder von einer glücklich überstandenen Schlacht in die Heimat gelangen
zu lassen. Von den Truppen wurde auch in der That von den Postkarten
der umfassendste Gebrauch gemacht. Auf rund zehn Millionen beziffert
sich die Zahl der bis Ende Dezember 1870 zwischen den Truppen und den
Angehörigen in der Heimat gewechselten Karten. Jeder Postzug führte
Massen von Postkarten mit sich, welche zum Teil auf den Schlachtfeldern
auf den Rücken der Kameraden geschrieben worden waren, um den
Angehörigen in der Heimat sogleich nach den gewaltigen Katastrophen
die ersehnten Nachrichten über das Ergehen der Ihrigen zu bringen. Wie
manche Thräne der bangenden Ungewißheit ist in jener Zeit durch den
Eingang einer Karte getrocknet worden; wie manche verzweifelnde Gattin
hat durch sie Trost und Beruhigung gefunden!
Die französische Regierung der nationalen Verteidigung folgte am 29.
September 1870 sofort dem Beispiele Deutschlands; dann kamen nach dem
Kriege die französischen Karten wieder in Fortfall, und erst Anfang
1873 wurden sie wieder eingeführt. Luxemburg dekretierte die Postkarten
am 1. September 1870, die Schweiz am 23. Juli 1870, Großbritannien
am 1. Oktober 1870, Belgien und die Niederlande am 1. Januar 1871,
Dänemark am 1. April 1871, Finnland im Juni 1871, Schweden und Norwegen
am 1. Januar 1872, Rußland an eben demselben Tage, Spanien verfügte
die Postkarten-Einrichtung am 1. Dezember 1873, ebenso Serbien und
Rumänien. Italien folgte am 1. Januar 1874, Griechenland 1876, Türkei
1877, Portugal 1878. Zu den einfachen Postkarten kamen bald solche mit
+Antwortkarten+.
Das Reichspostamt hat von Privatpersonen mehrfach Proben erhalten,
wieviel auf dies handgroße Blatt Papier geschrieben werden kann.
Eine dieser Postkarten enthält, wenn auch mit einiger Mühe, so doch
immer noch lesbar, mit Tinte geschrieben, die Gedichte: „Der Gang
nach dem Eisenhammer“, „Der Graf von Habsburg“, „Der Handschuh“ und
„Das Mädchen aus der Fremde“, was nach der Angabe des Einsenders
eine Summe von 4255 Worten darstellt. Ein noch größeres Kunststück
aber hat, Zeitungsnachrichten zufolge, ein Korporal in Hermannstadt
geliefert, der auf die Rückseite einer einzigen Postkarte 8777 Worte
geschrieben haben soll. Wenn diese Ergebnisse schon bei gewöhnlicher
Schrift erzielt worden sind, so läßt sich denken, wie viel mehr noch
die Postkarte ausgenutzt werden kann, wenn man die Stenographie zu
Hilfe nimmt. In dieser Beziehung hat wohl ein englischer Stenograph
das denkbar Möglichste geleistet; derselbe brachte es zuwege, auf
eine großbritannische Postkarte, die der deutschen noch dazu an Größe
nachsteht, 33363 Worte zu schreiben.
Das Reichspostmuseum in Berlin enthält eine Postkarte, welche die Reise
um die Welt gemacht hat. Aufgegeben in Chemnitz am 12. November 1878
und zum Zwecke anderweiter Adressierung und sofortiger Weitersendung
an die betreffenden auswärtigen Konsulate gerichtet, ist die Karte
an ihrem Abgangsort am 11. März 1878, mithin nach 119 Tagen, wieder
eingetroffen. Die betreffende Karte nahm ihren Weg über Neapel,
Alexandrien, Suez, Shanghai, Nagasaki, Yokohama, San Francisco,
Philadelphia, New-York und Queenstown.
Dasselbe Museum enthält auch eine Sammlung aller seit Einführung der
Postkarten amtlich ausgegebenen Formulare. Die +kleinsten+ aller
Postkarten sind die der Insel +Neufundland+, welche eine Länge von 11,4
cm bei einer Breite von 7 cm haben. Die deutschen Sind um 3,0 cm länger
und 1,8 cm höher. Daß überhaupt die Postkarten aller Länder in ihrer
äußern Form so viel wie möglich übereinstimmen, ist eine Folge des
Postvertrages, durch welchen festgestellt ist, daß sie eine bestimmte
Größe, nämlich 14 cm in der Länge und 9 cm in der Breite, nicht
überschreiten dürfen.