Während alle übrigen Zweige des Postdienstes eines stetigen

Aufschwunges sich zu erfreuen haben, zeigt die Personenbeförderung

überall, wo sich die Post mit derselben überhaupt noch befaßt, einen

ebenso stetigen Rückgang. Nur die deutsche Reichspost hat es nach der

Berner Statistik vom Jahre 1884 im Laufe des bezeichneten Jahres noch

auf eine Anzahl von 3406383 Postreisenden gebracht. -- Verhältnismäßig

am stärksten ist der Personenpostverkehr in der Schweiz. Auf dem

kleinen Gebiete der Eidgenossenschaft sind während des Jahres 1884 im

ganzen 734897 Personen durch Postfuhrwerke befördert worden.

V. Feldpost.

Die +Feldpost+ ist eine Einrichtung, durch welche die Postverbindung

einer Armee im Felde einerseits mit ihrer Heimat, andererseits nach und

von den einzelnen Truppenkörpern hergestellt und bis zum Eintritt des

Friedens unterhalten wird. Das Bedürfnis derartiger Einrichtungen war

schon früh vorhanden, doch hatte man im Altertum keine der Feldpost

der neuern Zeit ähnliche Einrichtung. Erst durch die Errichtung

regelmäßiger Posten unter Kaiser Maximilian I. waren die Grundlagen

hiefür gewonnen. Daß bereits im 30jährigen Kriege Feldpostillone

verwendet wurden, ist mehrfach bezeugt. Der +erste+ Staat, welcher

die Feldpost von Grund aus organisierte, war +Brandenburg-Preußen+;

1716 bereits begegnet uns hier das erste Feldpostamt, und zwar im

vorpommerschen Kriege. Es hatte die Aufgabe, der preußischen Armee

in Feindesland zu folgen und die Postverbindung für letztere mit der

Heimat durch reitende Postillone zu unterhalten. In den zahlreichen

Kriegen, welche Preußen führte, namentlich aber im siebenjährigen

Kriege, wurden diese Keime weiter ausgebildet und erhielten durch engen

Anschluß an die militärischen Kommunikationseinrichtungen, in denen ja

Friedrich d. Gr. Meister war, eine Grundlage, auf der im wesentlichen

noch jetzt die Organisation der deutschen Feldpost beruht.

Die mächtige Entfaltung der modernen Verkehrsmittel hat auch im

Feldpostwesen bedeutende Umwälzungen hervorgerufen. Schon der deutsche

Krieg von 1866 stellte große Anforderungen an die Feldpost, noch weit

mehr der deutsch-französische Krieg von 1870/71. In diesem Kriege

beförderte die deutsche Feldpost bis zum 31. März 1871 an Briefen und

Postkarten nicht weniger als 89659000 Stück, ferner Geldsendungen im

Betrage von 179596860 M., an Zeitungen 2354310 Exemplare und außerdem

noch 1853686 Stück Päckereisendungen. Die Zahl der Feldpostanstalten,

Relais und Landespostanstalten in Frankreich, sowie in Elsaß-Lothringen

betrug 411, die Zahl der Beamten und Unterbeamten 2140[92].

VI. Postanstalten.

Die +Gesamtzahl+ der zur Wahrnehmung des eigentlichen Postbetriebes

bestimmten Postanstalten im Bereiche des Weltpostvereins belief sich

nach der Berner Statistik von 1884 auf 133799. Die meisten hiervon,

50017, entfallen auf die Vereinigten Staaten von Amerika. Deutschland

ist mit 15428 vertreten, England mit 16434, Frankreich mit 6587 und

Britisch Indien mit 6721. Dabei ist übrigens nicht zu vergessen, daß

der Begriff „Postanstalt“ diesseits und jenseits des Oceans etwas

verschieden aufzufassen ist.

Die +höchste+ Poststation der Erde ist Rumihuasi (4966 m) in den

Anden, und die +einfachsten+ Postbureaus befinden sich an der

Südspitze von Amerika und auf Booby-Island in der Torresstraße. Was

das erstere Postamt betrifft, so hängt dort an einem Felsen des

äußersten Vorgebirges der Magellanstraße, gegenüber Feuerland, ein

Fäßchen, das durch eine eiserne Kette befestigt ist. Dasselbe wird von

jedem vorüberfahrenden Schiffe geöffnet, um entweder Briefschaften

hineinzulegen oder demselben Briefe zu entnehmen. Diese Postablage

verwaltet sich sonach von selbst, sie ist dem Schutze der Seefahrer

anheimgestellt, und man hat kein Beispiel, daß jemals ein Mißbrauch des

öffentlichen Vertrauens stattgefunden hätte. Jedes Schiff übernimmt

die freiwillige Expedition der Einlagen, deren Bestimmungsort in der

Richtung seiner Fahrt liegt.

[Illustration: Fig. 43. Das Centralpostgebäude in Berlin.]

Auf Booby-Island liegt in einer durch einen hohen Flaggenstock

bezeichneten Höhle eine Tonne mit der Aufschrift: „~Post office~“.

In dieser Tonne befindet sich Schreibmaterial und ein Buch zum

Eintragen von Bemerkungen. Neben der Tonne liegen Vorräte von allerlei

Lebensmitteln für etwaige Schiffbrüchige. Jedes Schiff, welches

die Insel passiert und reichliche Vorräte an Bord hat, ergänzt den

Bestand des Magazins und nimmt gleichzeitig die in dem Tonnenpostamt

befindlichen Briefe zur Weiterbeförderung mit.

[Illustration: Fig. 44. Das Postamt auf der Booby-Insel.]

VII. Außergewöhnliche Leistungen der Postanstalten.

Zu gewissen Zeiten des Jahres kommen ganz enorme Mengen von

Postsendungen zur Auflieferung und Bearbeitung. So tritt alljährlich

in der zweiten Hälfte des Monats Dezember für die deutsche Post eine

besonders mühe- und arbeitsvolle Zeit ein. Es ist die Zeit um das

heilige +Weihnachtsfest+, wo durch das ganze Land alt und jung, reich

und arm, getreu der uralten deutschen Sitte, darauf bedacht ist,

die Lieben nah und fern durch eine Gabe, ein Angebinde als Zeichen

freundlichen Gedenkens zu erfreuen. Hierdurch erfährt nun besonders

der +Paketverkehr+ bei der Post eine über das gewöhnliche Maß weit

hinausgehende Steigerung. Dieser Päckereiverkehr ist indes für die Post

kein Schreckgespenst und vermag die Ordnung ihres Betriebes nicht zu

erschüttern. Freilich bedarf es zu seiner Bewältigung der umfassendsten

Vorbereitungen nach verschiedenen Richtungen, der Aufwendung

erheblicher außergewöhnlicher Kosten und schließlich des freudigen

Einsetzens der vollen Kraft, der ganzen Umsicht und Willfährigkeit

seitens des gesamten Personals von den Vorstehern bis zum Paketträger

und Hilfsboten.

„Tausend fleiß’ge Hände regen,

Helfen sich in munterm Bund,

Und in freudigem Bewegen

Werden alle Kräfte kund“,

das ist der Eindruck, den jeder, Laie oder Fachmann, erhält beim

Eintritt in die Weihnachts-Packkammer oder in die Bahnhofs-Sammelstelle

an irgend einem größern Orte. 1884 betrug in Berlin in den Tagen vom

12. bis 25. Dezember die Zahl der aufgelieferten, eingegangenen und

durchbeförderten Pakete 2716000.

In England hat nach dem Berichte des Generalpostmeisters +Fawcett+ die

Sitte, in der +Weihnachtswoche+ Karten und ähnliche Überraschungen

mit der Post zu übersenden, eine solche Ausdehnung angenommen,

daß 1880 mehr als 11½ Millionen Briefe und kleine Pakete über den

Durchschnittsverkehr und 4 t (1 t = 1016 kg) eingeschriebener

Korrespondenz mehr als gewöhnlich durch das Hauptpostamt in London

liefen. Der Verwaltung wurde hierdurch eine Mehreinnahme von 58000 Pfd.

St. oder 1160000 M. zugeführt.

Eine ähnliche Erscheinung, wie die Hochflut des Paketverkehrs während

der Weihnachtszeit, bietet der +Neujahrsbriefverkehr+. Er macht

sich bei uns auf dem platten Lande allerdings nur wenig bemerkbar,

nimmt aber mit der Größe der Städte immer mehr zu und wird in

Berlin gleichsam zur Springflut. So hat am Sylvesterabend 1881 und

am Neujahrstage 1882 die Zahl der bei den Postanstalten in Berlin

eingelieferten +Stadtbriefe+ 1256577 Stück betragen. Zu Neujahr

1884 wurden in Berlin in der Zeit vom 31. Dezember mittags 12 Uhr

bis 1. Januar abends 10 Uhr sogar 1809483 Briefschaften aufgegeben

und expediert. Wenn nun auch ein gleich starkes Anwachsen des

Neujahrsbriefverkehrs in keinem andern Orte Deutschlands stattfindet,

so ist die allgemeine Zunahme des Briefverkehrs bei jeder Jahreswende

doch so bedeutend, daß die Arbeit dann nur durch Anspannung aller

verfügbaren Beamten- und Unterbeamtenkräfte, sowie durch Heranziehung

außergewöhnlicher Aushilfe für den Bestelldienst bewältigt werden kann.

Es giebt noch eine Reihe von anderen, +auf einzelne Orte oder auf

kleinere Gebiete beschränkten Erscheinungen+, die es notwendig machen,

daß einerseits die Kräfte der Beamten in ungewöhnlich hohem Maße in

Anspruch genommen, andererseits besondere Vorkehrungen seitens der

Verwaltung getroffen werden. Sie sind teils vorübergehender Natur,

teils kehren sie regelmäßig wieder; durchweg aber werden sie veranlaßt

durch ungewöhnlich große Ansammlungen von Menschen an einzelnen Orten,

wie auf Märkten und Messen, bei Industrie- und sonstigen Ausstellungen,

bei Sänger-, Turner- und Schützenfesten, bei den Zusammenziehungen

beträchtlicher Truppenkörper zu größeren Übungen, bei der regelmäßig

wiederkehrenden Belegung der Militärschießplätze, insbesondere aber

bei dem auf gewisse Jahreszeiten beschränkten zahlreichen Besuch von

Bädern, Luftkurorten und Aussichtspunkten. In den meisten dieser Fälle

steigert sich der Postdienst in einem sehr bedeutenden Maße, weil nicht

nur Aussteller, Käufer und Verkäufer, sondern auch Festteilnehmer,

Touristen und Badegäste einen ungewöhnlich lebhaften Verkehr

unterhalten.

Es können übrigens jeden Augenblick und von jeder Seite her

Anforderungen an die Postverwaltungen treten, auf deren Bewältigung sie

nicht vorbereitet ist, oder welche die Leistungsfähigkeit derselben auf

eine harte Probe stellen. So wurden beispielsweise im Jahre 1880 von

einer Firma gleichzeitig nahezu 300000 Geschäftscirkulare beim Postamte

in Hull (England) ausgeliefert, die ein Gewicht von zusammen 20 t

hatten, und für welche Porto im Gesamtbetrage von 2380 Pfd. St. (47600

M.) gezahlt werden mußte. Die Beförderung der Circulare, die innerhalb

48 Stunden ordnungsmäßig stattfand, machte die Einstellung von sieben

besonderen Eisenbahnwagen erforderlich. Auch in dem Verwaltungsjahr

1882/83 wurden nach dem Berichte des englischen Generalpostamtes von

einer Firma in London an +einem+ Tage 132000 Briefe und von einer

andern Firma ebenda 167000 Postkarten auf die Post gegeben. In hohem

Grade werden die Dienste der Post neuestens auch zur Zeit von +Wahlen+

in Anspruch genommen. Bei den Reichstagswahlen des Jahres 1884 wurden

z. B. an einem Tage einem Postamte Berlins 24000 Kreuzbandsendungen

übergeben. Es ist ferner schon mehrfach vorgekommen, daß der deutschen

Bahnpost Verviers-Köln eine amerikanische Post von mehr als 60

Briefsäcken neben einer gleich starken englischen Post zugegangen ist,

so daß in solchen Fällen zur Fortschaffung der Korrespondenz bis zu

sechs Postwagen in den Zug haben eingestellt werden müssen.

Viertes Kapitel.

Hindernisse des Postverkehrs[93].

Zahlreiche Hindernisse erwachsen dem Postverkehr oft schon durch die

Bodenbeschaffenheit eines Landes. Wie beschwerlich ist z. B. für

den Landbriefträger die Wanderung durch den oft bis zu den Knieen

reichenden, beweglichen Sand der Ostseedünen oder durch die sandigen

Heiden des Departements ~les Landes~! Die friesischen und litauischen

Postboten haben im Frühling und Spätherbst auf grundlosen Pfaden über

Moor und Sumpf zu den weit ausgedehnten Hauländereien, Fehnkolonieen

u. s. w. zu waten. Was hat ferner die Infanterie der Post nicht alles

zu leiden von Wind und Wetter, Hitze und Kälte! Noch bedeutsamer sind

die Gefahren, welche dem Postverkehr durch elementare Naturgewalten

bereitet werden, wie durch Lawinen, Hochwasser u. dgl.

Auch von Tieren werden die Boten der Post nicht selten belästigt.

Namentlich sind Klagen über die Anfälle, denen Briefträger beim

Betreten der Gehöfte durch bissige Hunde ausgesetzt sind, nicht selten.

Der Bericht des englischen Generalpostmeisters für 1877 konstatiert,

daß die Zahl der von Hunden gebissenen Postboten wie in den Vorjahren

eine nicht unbedeutende gewesen.

Unter den seitens der Menschen dem Postverkehr bereiteten Hindernissen

nahmen in früheren Zeiten Raubanfälle eine nicht geringe Stelle ein.

Heutzutage kommt die Species des Posträubers, einzelne Ausnahmen

abgerechnet, wenigstens in Europa nicht mehr vor. In außereuropäischen

Ländern verhält es sich freilich noch vielfach anders. So wird in

mejicanischen Postberichten wiederholt über arge Unsicherheit der

Landstraßen im Innern des Landes geklagt. Auch in den Vereinigten

Staaten von Amerika hat der Postillon häufig noch Kämpfe mit Indianern

oder organisierten Räuberbanden zu bestehen. Im Verwaltungsjahre

1881/82 haben z. B. im Gebiete der Union nicht weniger als 387

gewaltsame Beraubungen von Postanstalten stattgefunden. Desgleichen

werden die an sich spärlichen Postverbindungen in Syrien und anderen

Teilen der asiatischen Türkei gelegentlich durch Überfälle seitens

streifender Beduinenstämme beeinträchtigt. Was die Postdiebe betrifft,

so ist deren Zahl eine so geringe, daß der allgemeine Gang der

Postbeförderung davon völlig unberührt bleibt. Am nachteiligsten wirken

auf den Postverkehr jedenfalls die +Eigentümlichkeiten+ des die Post

benutzenden Publikums.

Die pünktliche und richtige Beförderung mancher Sendungen wird z. B.

durch Einlieferung an ungeeigneten Stellen verhindert. Da die

Einlegung eines Briefes in den Briefkasten oder seine Abgabe am

Postschalter im allgemeinen als eine höchst einfache Verrichtung

gilt, so wird an Versehen, die hierbei vorkommen könnten, seitens

des Publikums nur selten gedacht. Dem gegenüber ist indes aus dem

Berichte des englischen Generalpostmeisters für 1877 die Thatsache

anzuführen, daß in Aberdeen ein Mann bemerkt wurde, der sich viele

Mühe gab, einen Brief in die Öffnung eines in Reparatur befindlichen

Straßenhydranten hineinzustecken. Die Ähnlichkeit dieser Vorrichtung

mit den in England mehrfach üblichen Säulenbriefkasten hatte, wie

sich bei näherer Untersuchung des Hydranten herausstellte, bereits

früher drei verschiedene Korrespondenten zur Niederlegung von Briefen

in diesen für die Weiterbeförderung ungeeigneten Behälter verleitet.

Dieser Vorfall steht keineswegs vereinzelt da. Von einer Dienstmagd in

Husum wurde z. B. ein Gasuhrbehälter für einen Briefkasten gehalten. Es

giebt überhaupt kaum eine nach der Straße zugehende Öffnung, die nicht

gelegentlich von einem Unkundigen für den Spalt eines Briefkastens

angesehen würde. Bei dem Postamte in Weimar nahmen die Annahmebeamten

vor einigen Jahren wahr, wie sich ein Dienstmädchen eifrig damit

beschäftigte, Briefe in das unter dem Posthausbriefkasten befindliche

offene Kellerfenster zu werfen. Man fand, als man der Sache auf den

Grund ging, im Keller eine ganze Reihe älterer Einwürfe und erfuhr,

daß das Dienstmädchen von seiner Herrschaft den ausdrücklichen Auftrag

erhalten hatte, die Sendungen nicht in den Briefkasten zu legen,

sondern am Fenster abzugeben, worunter die Herrschaft allerdings das

des Postschalters verstanden hatte.

Andere Hindernisse der Beförderung entstehen +aus+ der +Adressierung

der Sendungen+. In sehr vielen Fällen liegt die Ursache der

undeutlichen, rätselhaften Adressierung in der Nachlässigkeit des

Publikums, namentlich auch der kaufmännischen Welt, auf die Lesbarkeit

der Unterschrift keinen Wert zu legen. Nur zu häufig kommt es vor,

daß der Empfänger außer Stande ist, den Namenszug des Absenders zu

entziffern. Was bleibt ihm bei Beantwortung des Briefes anderes übrig,

als die Hieroglyphen desselben möglichst getreu in der Aufschrift

nachzumalen! Gehört der Schreiber des Antwortbriefes überdies noch

einer fremden Nation an, so ist bald eine Aufschrift wie „C. Stusbing

& Coy -- Berlin“ entstanden, mit welcher ein Brief an die Firma

„Hübner & du Buy -- Berlin“ richtig bestellt worden ist. Ebenso

dürften die Herren Professor ~Dr.~ Ziurek und Louis Levin in Berlin

überrascht gewesen sein, daß Briefe unter der falschen Flagge „~Dr.~

Zurich“ beziehungsweise „~Dr.~ Cziarek“ und „Louis Leome“ glücklich

in ihre Hände gelangt sind, zumal dieselben eine Wohnungsangabe nicht

trugen. -- Wie die Ausländer vielfach gezwungen sind, den Namen der

Briefschreiber aus den Schreiben herauszusuchen und nachzumalen, geht

aus folgenden für einen Deutschen hochkomischen Aufschriften aus

Frankreich und England hervor. Die eine Aufschrift lautet: „Monsieur

Paul Parey, Ersucht Sie Ergebents à Berlin“, die andere: „Wiegandt,

Hempel & Parey, Datum des Poststempels, Berlin.“

Eine andere Abart von rätselhaften Aufschriften ist dadurch entstanden,

daß biedere Deutsche, welche mit Hacke und Pflug gut umzugehen

verstehen, aber die Feder nicht mehr nach den Regeln der Kunst zu

handhaben wissen, beim Schreiben an dem Grundsatze: „Schreib, wie du

sprichst“, festhalten und die Buchstaben nach alter Erinnerung aus

der Jugendzeit auf das Papier hinstellen. So lautet eine Aufschrift

folgendermaßen: „An den Herrn wil Lah man zu kirg de linroh kreis

kitinge“; der Brief wurde richtig an „Herrn Wilhelm Bachmann zu

Kerstlingerode, Kreis Göttingen,“ bestellt. Noch verwickelter wird

die Lösung solcher Schrifträtsel, wenn in der Aufschrift Fremdwörter

vorkommen. Oft auch wird die Adresse von solchen, die des Schreibens

recht wohl kundig sind, undeutlich geschrieben und so die Beförderung

wesentlich erschwert. Infolgedessen gehen Briefe für Bonn gar nicht

selten nach Rom; Celle wird wie Lille, Greiz wie Graz geschrieben.

Barmen, Bremen und Brunnen sind bisweilen kaum zu unterscheiden,

ganz zu geschweigen von Minden und Münden, Gemünden und Gmunden,

Altona und Altena, Kassel und Kastel, oder Berkum, Beckum, Borkum,

Borken, Bochum, Bornum und Bornim. Auch die +ungehörige Hervorhebung

von Nebensächlichem auf der Adresse+ kann für die Beförderung von

Briefen verhängnisvoll werden. So sind für die Schweiz bestimmte Briefe

nach China spediert worden, weil das Wort +Kanton+ auf der Adresse

mit +mehr+ in die Augen fallenden Buchstaben geschrieben war, als

der eigentliche Bestimmungsort. In ähnlicher Weise machte ein Brief

an einen Breslauer Professor in dem schlesischen Bade Landeck, Haus

+Arcadien+, die Reise nach Griechenland. Manche unserer +schwerfälligen

Korrespondenzformen+ tragen gleichfalls nicht zur Klarheit der Adressen

bei. So reklamierte einmal das Postamt in Madrid einen Brief an Señor

Wohlgeboren. Kein geringes Hindernis bei der Bestellung der Briefe

bilden ferner die +verschiedenen Sprachen+. Ein dem Briefkasten

in Lüneburg entnommener Brief nach Leghorn z. B. geht nach dem

hannoverschen Orte dieses Namens. Der Absender aber war ein reisender

Engländer, der mit Leghorn Livorno meinte.

Ganz besonders schlimm steht die Sache dann, wenn die Aufschrift gar

keinen Bestimmungsort trägt oder wenn der Name des Empfängers gar

nicht, die Wohnung des letztern jedoch nur ungefähr bekannt ist, oder

-- wenn die Aufschrift ganz fehlt. Aber auch da ist die Post nicht

immer ratlos, wie aus folgenden paar Beispielen erhellt. Ein Brief aus

Wien mit der Aufschrift „Paul Behnert, Sachsen, Äußere Auwinstraße Nr.

9“ gelangte nach Dresden und von da durch die Findigkeit eines Beamten

nach Zittau, wo der Adressat ermittelt wurde. Ein Brief an „Onkel Hans

in Braunschweig, Kohlmarkt“ kam nach kurzen Nachforschungen seitens des

gewandten Briefträgers fast ohne Verzögerung an die richtige Adresse;

ebenso fand der bestellende Bote ohne große Schwierigkeit den richtigen

Empfänger eines Briefes aus Amerika, den ein kleines Mädchen „An Meinen

lieben Papa in Niethen bei Pommritz“ abgesandt hatte.

Wie groß überhaupt die Zahl der unvollständigen, der falschen, der

trotz aller Mühe unverständlichen Briefanschriften ist, darüber

belehrt am besten die Statistik der unbestellbaren Briefe. Im Jahre

1884 z. B. wanderten nach der Berner Statistik von den Briefen des

internen Verkehrs in das Retourbriefamt (engl. ~blind office~, in

Paris ~les catacombes de la poste~ genannt): in Deutschland 702235,

in Großbritannien 5081713 und in der Union 4369999. Hiervon konnten

noch nachträglich bestellt oder an ihre Absender zurückgeschickt

werden: in Deutschland 532487 (75,8%), in Großbritannien 4760544

(93,6%) und in den Vereinigten Staaten von Amerika 1667455 (38,1%).

Gänzlich unbestellt blieben: in Deutschland 169748, in Großbritannien

321169 und in den Vereinigten Staaten von Amerika 2702544. In den

letztgenannten Staaten rührt diese große Menge gänzlich unbestellbarer

Briefpostsendungen hauptsächlich daher, daß man sich in der Neuen

Welt einer großen Eintönigkeit bei der Auswahl der Ortsnamen

schuldig gemacht. Eines der neuesten Ortsverzeichnisse der Union

weist beispielsweise 18 Berlin in den verschiedensten Staaten auf,

wozu noch ein Berlin Centre, ein Berlin Heights und ein Berlin Croß

Reads in Ohio, Berlin Falls in New-Hampshire, ein Berlinsville in

Pennsylvanien und ein Berlinville in Ohio kommen. Neben 23 Columbia

paradieren 23 Columbus, 11 Humboldt, zahllose Liberties und Freedoms,

Unions und Unities, Franklins, Washingtons, Jacksons und Jeffersons.

Die klassischen Neigungen Bruder Jonathans sind durch 16 Arcadia,

16 Athen, 19 Palmyra, 15 Homer, der Olymp selber durch 5 Minerva, 3

Ceres und 2 Juno vertreten. Auch in Deutschland pflegen die etlichen

20 Neustadt, die verschiedenen Freiburg, Karlsruhe etc. dem Absender

weniger Kopfzerbrechen zu verursachen, als der Post, welcher die Wahl

des richtigen Bestimmungsorts vielfach überlassen wird[94].

Selbst Briefe oder Postkarten +ohne Adresse+ werden viel häufiger

aufgegeben, als man anzunehmen geneigt sein möchte. Der Bericht des

englischen Generalpostmeisters für 1880/81 konstatiert z. B., daß im

Bereiche seiner Verwaltung in +einem+ Jahre mehr als 27000 Briefe und

Postkarten +jeglicher Aufschrift+ entbehrten. Im Jahre 1883/84 betrug

die Zahl derartiger Briefe 25628; hiervon enthielten noch dazu 1536

Stück Werteinlagen im Gesamtbetrage von 102160 M.

Vielfach ist auch die +Beschaffenheit der Sendungen+ Ursache, wenn

dieselben nicht zur Bestellung gelangen. Das gilt besonders von

Gepäckstücken. So sind z. B. in New-York allein in einem +einzigen+

Jahre infolge sorgloser Verpackung 4000 Drucksachen aus Europa als

unbestellbar liegen geblieben. Meistens waren die Streifbänder

abgefallen.

Zuweilen trägt die +Qualität der dienstbaren Geister+, welchen die

Vermittlung zwischen der Post und der Herrschaft zukommt, die Schuld,

wenn Sendungen gar nicht oder wenigstens nicht rechtzeitig an ihrem

Bestimmungsorte eintreffen.

Manchmal machen wir die Post für unsere +eigene Vergeßlichkeit+

verantwortlich. So wurde nach dem Bericht der britischen

Postverwaltung des Jahres 1870 in einem Falle eine Anzahl Coupons zu

Suez-Kanal-Aktien, welche als vermißt bezeichnet worden waren, in dem

Papierkorbe des Empfängers aufgefunden, wohin sie dieser geworfen

hatte, in der Meinung, es seien gewöhnliche Geschäftsanzeigen. Nach

derselben Quelle wurde ein anderer, angeblich als Einschreibsendung

aufgelieferter Brief hinter einem Schreibpulte in der Stube des

Absenders selbst vorgefunden, und ein nach Paris bestimmter Brief,

der 125000 Pfd. St. enthielt und ganz bestimmt als Einschreibbrief

aufgegeben sein sollte, fand sich unter den gewöhnlichen

Briefpostgegenständen unversehrt wieder. Ebenso wurde einem Pakete mit

einer Uhr nachgeforscht, das an einen Londoner Uhrmacher gerichtet war,

und dessen Empfangnahme von letzterem hartnäckig bestritten wurde.

Schließlich wurde die vermißte Uhr in einem Schubkasten im Laden des

Uhrmachers entdeckt.

Auf welch seltsame Weise Briefe ohne Verschulden der Post zuweilen zu

Verluste gehen, dafür giebt uns der Bericht der amerikanischen Post-

und Telegraphenverwaltung pro 1877/78 einen Beleg. Hiernach wurden

nämlich Briefe, die durch einen an der Ladenthür eines Geschäftes

befindlichen Briefeinwurf abgegeben worden waren, und welche infolge

davon, daß auf der Innenseite der Thüre kein Briefkasten sich befand,

auf die Erde fallen mußten, von +Ratten+ unter die Dielen verschleppt.

Dieselben kamen erst wieder zum Vorschein, als Ausbesserungen im Laden

vorgenommen wurden.

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 14 / 50 段