In +England+ fiel gleichfalls mit dem Beginne der Neuzeit eine gewisse

Bethätigung der Gesetzgebung im Wegewesen zusammen. Unter Heinrich

VIII. wurden einige bemerkenswerte Statuten, gewisse unpassierbar

gewordene Wege betreffend, erlassen, ebenso erschienen unter Elisabeth

und Jakob mehrere ~roads acts~; allein den schlechten Zustand der

Straßen vermochten sie nicht zu bessern. Der Geschichtschreiber

+Macaulay+ schildert den Zustand derselben um das Jahr 1685 in höchst

drastischer Weise, und noch 1770 hatte +Arthur Young+ die gute

Hälfte der verschiedenen Haupt- und Seitenstraßen des nördlichen

England in einem so jämmerlichen Zustande gefunden, daß er bei

seinen diesbezüglichen umständlichen und genauen Angaben einen ganz

anerkennenswerten Reichtum von ~Epithetis ornantibus~ entfaltet, um

die vielfältigen Nuancen schlechter Wegebeschaffenheit entsprechend

zu charakterisieren[56]. Gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts gehörte

übrigens auch England auf dem Gebiete des Straßenbaues zu den

bestbestellten Ländern Europas.

3. Der +Wagenbau+ erfuhr in dieser Periode ziemlich bedeutende

Verbesserungen. Den Hauptanstoß hierzu gab die im 17. Jahrhundert

erfolgte Einführung der +Personenposten+, die in kurzer Zeit große

Verbreitung erlangten. Die erste derartige Post verkehrte 1690 zwischen

Nürnberg und Frankfurt a. M. In Frankreich hießen die Personenposten

+Messageries+[57].

Anfangs wagten sich nur wenige Leute auf die Postkutschen; als man aber

gewahr wurde, daß die Sache ging, stellte sich eine große Reiselust

ein und ein stetig wachsendes Verkehrsbedürfnis, so daß eine enorme

Menge von Leuten, wie es in einer alten Beschreibung heißt, sich dieser

neuen „fliegenden Postkutschen“ bediente. +Es begann mit einem Worte

die eigentliche Blütezeit des Postreisens.+ In Verbindung hiermit

entstand nun auch eine eigene Reiselitteratur, die freilich uns

heutigen Menschen manch heiteres Blatt bietet. So findet sich in einem

Reisebuche aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein vollständiges

Rezept darüber, wie man sich im Postwagen „artig unterhalten“ solle.

Mit Edelleuten solle man über Gestütereien, Reit- und Fechtschulen,

Lustgärten und allerlei rare Gewächse, artige Bauweise, Jagden,

Feld-, Wald- und Wiesenbau sprechen; für die Unterhaltung mit

Militärs sei es gut, wenn man sich aus wackeren Büchern vorbereite,

als da seien: das ~Theatrum Europaeum~, Seckendorffs Fürstenstaat,

Schwenks Kriegesdiskurse, „Das kaltsinnige Polen“ u. s. w. Für die

Unterhaltung mit Damen wird Lysanders Goldfaden und Albertinus’

Weiblicher Lustgarten empfohlen. Sonderlich aber soll man gegenüber den

Erzählungen anderer das ~+cras+ credo, hodie nihil~ praktizieren, „da

man auf der Reise allerlei seltsame Gesellschaft anzutreffen pfleget“.

Dasselbe Buch enthält ein Verzeichnis der Arzeneien, die man auf der

Reise mit den Posten mit sich führen müsse, sowie der Gebete, Gesänge,

Morgen- und Abendlieder, deren man sich auf solchen Reisen zu bedienen

gar wohl thun werde.

Mit der fortschreitenden Entwicklung der Personenposten gewannen auch

zwei Attribute derselben immer mehr Leben und Bedeutung: +Postillon+

und +Posthorn+.

Was die +Post+wagen der damaligen Zeit betrifft, so ließen freilich

manche derselben noch viel zu wünschen übrig. So entwirft uns

+Lichtenberg+ das Bild eines, der beschriebenen Farbe nach zu urteilen,

Thurn und Taxisschen Postwagens aus dem 18. Jahrhundert in folgenden,

ein gelindes Grauen erweckenden Worten: „Sie streichen die Postwagen

rot an, als die Farbe des Schmerzes und der Marter, und bedecken sie

mit Wachslinnen, nicht, wie man glaubt, um die Reisenden gegen Sonne

und Regen zu schützen (denn die Reisenden haben ihren Feind unter

sich, das sind die Wege und der Postwagen), sondern aus derselben

Ursache, warum man denen, die gehenkt werden sollen, eine Mütze über

das Gesicht zieht, damit nämlich die Umstehenden die gräßlichen

Gesichter nicht sehen mögen, die jene schneiden.“

[Illustration: Fig. 24. Preußischer Personenpostwagen ohne Verdeck aus

der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.]

Die Postverwaltungen scheinen übrigens gegen derartige Klagen des

Publikums schon damals nicht unempfindlich gewesen zu sein, sondern

auf möglichste Verbesserung, namentlich der Personenposten, Bedacht

genommen zu haben; denn bald nach jener Lichtenbergschen Zeit

steht man fast allerwärts in Deutschland weithin sich erstreckende

Postkurse eingerichtet, auf denen nicht nur für sichere und schleunige

Beförderung von Briefen und Sachen Sorge getragen, sondern auch,

insbesondere durch die zwischen den größeren Handelsplätzen bestehenden

Schnellposten, eine für die damalige Zeit vorzügliche Reisegelegenheit

geboten war. So zollt z. B. Saphir, dem man auch nicht gerade

eine allzusanfte und liebenswürdige Nachsicht gegen die schwachen

Seiten seiner Mitwelt nachsagen kann, den deutschen Postwagen ein

entschiedenes Lob, indem er sie, im Gegensatz zu einem Postfuhrwerk,

das ihn in den dreißiger Jahren über die ungarische Pußta führte

und mehr tot als lebendig an den Ort seiner Bestimmung brachte,

als „Thurn und Taxissche bequeme Schwimmer“, „Preußisch-Naglersche

weichgepolsterte, rasch bespannte Kutsche“ und „Bairische bequem

dehnliche, wenn auch etwas phlegmatische Chaise“ bezeichnet.

Zu besonderer Berühmtheit gelangten von den damaligen Wagenformen

die um die Mitte des 17. Jahrhunderts zu Berlin erbauten und daher

auch +Berlinen+ genannten Wagen, ferner die zwischen Berlin und

Potsdam verkehrende +Journalière+, die französische +Turgotine+ und

die englische +Mail Coach+[58]; letztere erfuhr namentlich im 19.

Jahrhundert kurz vor Einführung der Eisenbahnen solche Verbesserungen,

daß schließlich die „~flying coach~“ (fliegende Kutsche) den Weg

von London nach Edinburg (in der Luftlinie 560 km) in sieben Tagen

und die 90 km lange Strecke von London nach Oxford in sechs Stunden

zurücklegte. Die Figuren 24, 25 und 26 geben uns Bilder von Postwagen

der eben behandelten Periode. Bemerkt sei noch, daß in diesem Zeitraum

auch die +Fiaker+ aufkamen, und zwar zuerst in Paris im Jahre 1650.

Ihren Namen haben sie von der noch heute dort bestehenden Straße St.

Fiacre, an deren Ecke die ersten Stadt-Lohnwagen aufgestellt waren.

[Illustration: Fig. 25. Dänischer Kugelpostwagen aus der ersten Hälfte

des 19. Jahrhunderts.]

[Illustration: Fig. 26. Englische Mail Coach am Schlusse des 18.

Jahrhunderts.]

IV. Neueste Zeit.

Fünf Thatsachen sind es, welche den gewaltigen Aufschwung ermöglichten,

den der Nachrichtentransport im Laufe der jüngstverflossenen 40-50

Jahre genommen: +die allgemeine Einführung der Eisenbahnen+, die

+Erfindung und Anwendung des elektromagnetischen Telegraphen+,

die +britische Postreform Rowland Hills+, die +Errichtung des

österreichisch-deutschen Postvereins+ (1850) und die +Gründung des

Weltpostvereins+ (1874). Nur über die drei letzteren Punkte, die

speciell die Entwicklung des Postwesens betreffen, sollen noch einige

Daten beigebracht werden.

Die größte Schwierigkeit bei den Postreformen lag stets darin, daß die

Regierungen immer von dem Grundsatze ausgingen, die Post müsse dem

Staate Erträgnisse abwerfen. Diesem Grundsatze entsprachen denn auch

die hohen Portosätze, welche alle nach sogenannten Skalen, das heißt

nach Meilen, festgesetzt waren. So hatte z. B. England einen Posttarif

von 4 bis zu 14 Pence für Entfernungen von 15 bis zu 500 englischen

Meilen. Dieses Porto galt überdies nur für +ein+ Blatt; hatte ein

Brief mehrere Blätter, z. B. drei, so zahlte man dreifaches Porto.

So kam es vor, daß noch zu Anfang unseres Jahrhunderts ein Engländer

für ein Paket Briefe und Zeitungen aus Griechenland 17 Pfd. St., d.

i. 1540 M. Porto zu bezahlen hatte. Um sich zu überzeugen, ob jeder

Brief +einfach+ sei, untersuchten die Beamten die Korrespondenzen auf

alle mögliche Weise; ein Botaniker in Deutschland mußte sogar für

ein Pflanzenblatt, welches ihm ein in Brasilien lebender Freund in

einem Briefe beilegte, 20 Thlr. Porto erlegen. Solche Manipulationen

und solch hohes Porto kamen bei allen Posten Europas vor. Ein Brief

von Wien nach Amerika kostete über 20 M. Porto. Für einen Brief aus

Frankreich nach Hannover waren noch 1833 1,40 Fr. bis 1,70 Fr., für

einen solchen nach Rußland 1,60 Fr. bis 3,10 Fr. zu entrichten. Auch

in Deutschland betrug das Porto für einen einfachen Brief von dem

einen Ende bis zum andern einen Gulden und darüber. In Preußen kostete

noch nach dem Tarif von 1824 ein Brief von Aachen nach Memel 18 Sgr.

Allgemein wurde der Druck dieser veralteten Posteinrichtungen gefühlt;

am größten aber war die Entrüstung in England, weil dort am meisten

geschrieben wurde und manches große Kaufhaus mehrere tausend Pfund

Sterling an Porto zu entrichten hatte. Freilich kamen dort auch die

großartigsten Unterschleife vor; namentlich mit der Portofreiheit,

deren sich damals in England alle Mitglieder des Ober- und Unterhauses,

die Gesandten u. s. w. erfreuten, wurde der abscheulichste Mißbrauch

getrieben. So befanden sich bei einer Ermittlung, die am 2. März 1838

stattfand, unter einem Gewicht von 354 Pfd. Briefen und Zeitungen

nur 34 Pfd. regelrecht frankierte Gegenstände, die übrigen 320

Pfd. waren mit Recht oder Unrecht vom Porto befreit. Ja bei einer

Parlamentsdebatte im Jahre 1857 erwähnte das Mitglied +Roebuck+, daß in

früherer Zeit der +Briefbeutel der Gesandten+ zuweilen außerordentlich

+schwer+ gewesen sei. Darin seien Röcke, Spitzen, Stiefel und andere

Artikel versandt worden, auch einmal ein Pianoforte und sogar einmal

ein Pferd[59]. 1837 nun trat +Rowland Hill+, damals ein einfacher

Assekuranz-Commis, mit seinen großartigen Vorschlägen auf, durch

die er der Reformator zunächst des britischen und bald auch des

Welt-Briefverkehrs wurde.

In einer Flugschrift, betitelt: „+Postreform, ihre Wichtigkeit

und Ausführbarkeit+“, beantragte er, für jeden nicht eine halbe

Unze schweren Brief im gesamten Gebiete der Länder der britischen

Krone einen Penny Porto zu erheben. Dieser Vorschlag wurde zwar von

den betreffenden Behörden mit Entrüstung abgelehnt. Der damalige

General-Postmeister Graf von Liechfield ließ sich im Parlamente sogar

zu der Äußerung hinreißen: Von allen den wilden und phantastischen

Problemen, die jemals zu seiner Kenntnis gelangt seien, sei das

Hillsche denn doch das überspannteste. Aber bald war der Vorschlag der

Gegenstand einer großartigen agitatorischen Thätigkeit. Versammlungen

fanden statt, Vereine bildeten sich, zahlreiche Petitionen gingen an

das Parlament, und die Presse wirkte unablässig, um Hills Entwürfe zur

Durchführung zu bringen. 1840 bereits trat denn auch das einheitliche

Penny-Porto für alle Gebiete der britischen Krone ins Leben. Und was

waren die Folgen von Rowland Hills Postreform? Während +vor+ derselben

im Jahre 1839 die Zahl aller im Bereiche Großbritanniens und seiner

Kolonieen der Post übergebenen Briefe 75 Millionen betrug, stieg sie

schon 1840 auf 170 Millionen. Durch den Sieg des Penny-Portos in

England war das Eis für die Postreform gebrochen. Rowland Hill wurde

nun ins Ministerium berufen und übernahm die Leitung der englischen

Post. In +finanzieller+ Beziehung haben übrigens dessen Maßnahmen den

gehegten Erwartungen +nicht+ entsprochen.

Deutschland zählte bis 1850, außer Österreich und Preußen, noch 15

selbständige Postgebiete. Allmählich und immer dringender machte sich

infolgedessen das Bedürfnis nach Konzentrierung und einheitlicher

Verwaltung des Postwesens im ganzen Deutschen Bunde geltend. 1850

kam es denn zur Gründung des +deutsch-österreichischen+ Postvereins.

Österreich, Preußen und die übrigen deutschen Staaten bildeten nun

+ein+ Postgebiet, innerhalb dessen die +Einheit+ des Entfernungsmaßes,

des Gewichtes und des Tarifes, sowie die Transitfreiheit eingeführt

wurden. Damit war innerhalb des Rahmens der Bundesverfassung eine

einheitliche Reichspost verwirklicht. Dieses Vertragsverhältnis

bestand, bis die Ereignisse des Jahres 1866 die Post des Norddeutschen

Bundes und die des Jahres 1870/71 die +Post des Deutschen Reiches+ ins

Leben riefen. In allen deutschen Reichsländern wird das Postwesen jetzt

nach gleichen gesetzlichen Bestimmungen verwaltet, und nur in +Bayern+

und +Württemberg+ ressortiert der Betrieb bei den Postanstalten noch

von der betreffenden Regierung.

[Illustration: Fig. 27. Staatssekretär ~Dr.~ von Stephan.]

Die größte Errungenschaft im Postwesen ist der im Jahre 1874

begründete +Weltpostverein+. Der Regierung des Deutschen Reiches,

vor allem dem Chef der deutschen Postverwaltung, Staatssekretär

+~Dr.~ von Stephan+[60], gebührt das Verdienst, die Initiative zur

Durchführung dieser schönen, aber schwierigen Aufgabe ergriffen zu

haben. Die Vertreter von 22 Staaten traten auf Einladung der deutschen

Reichsregierung im September des Jahres 1874 in Bern zusammen, und am

9. Oktober desselben Jahres wurde der „+allgemeine Berner Postvertrag+“

unterzeichnet. Hierdurch wurde für die Behandlung der Briefpost

(der Briefe, Postkarten, Drucksachen und Warenproben, sowie der

rekommandierten Briefe) eine zuvor niemals für ausführbar gehaltene

Gleichmäßigkeit und Wohlfeilheit der Gebühren hergestellt. In betreff

der Teilung des Portos unter den vertragschließenden Staaten gelangte

der Grundsatz der Kompensation schrankenlos zur Anerkennung. Jeder

Staat behält die von ihm erhobenen Gebühren, eine Abrechnung zwischen

den bei der Beförderung beteiligten Staaten findet nicht statt. Die

Frankierung geschieht ausschließlich durch die im Ursprungslande

geltenden Postwertzeichen.

Der +zweite Postkongreß+ fand 1878 in Paris statt. Durch ihn erfuhr

das Unionswerk nicht nur erneute räumliche Ausdehnung, sondern auch

innere Erstarkung und Befestigung. Nach dem hier am 1. Juni 1878

abgeschlossenen Vertrag kostet ein einfacher Brief innerhalb des

ganzen Weltpostvereinsgebietes 20 Pfennige, eine Korrespondenzkarte 10

Pfennige. Für den letztern Betrag kann somit heutzutage eine Nachricht

von San Francisco nach Sibirien oder von Hammerfest bis zum La Plata

oder nach Persien gelangen.

Die Einheitlichkeit der Weltpostportos ist nunmehr in einem Maße

verwirklicht, wie es noch +nach+ der Gründung des allgemeinen

Postvereins kaum erhofft werden durfte und +vor+ diesem Ereignis

sicherlich auch von nicht skeptisch angelegten Naturen ins Reich der

Träume verwiesen worden wäre. Es genügt in dieser Beziehung, daran zu

erinnern, daß vor Begründung des Weltpostvereins allein in Deutschland

für Briefe nach den jetzt zum Verein gehörigen Ländern noch gegen 60

verschiedene Portosätze bestanden, die Zahl der Portosätze aber, welche

in sämtlichen Vereinsstaaten für den gegenseitigen Briefverkehr in

Geltung waren, über 1200 betrug.

Auf dem letzten 1885 zu +Lissabon+ abgehaltenen Kongreß handelte

es sich zunächst um den weitern Ausbau des Weltpostvereins und um

Befestigung und Erweiterung der innerhalb desselben bestehenden

Vereinigungen zum Zwecke des Austausches von Briefen mit angegebenem

Werte, von Postanweisungen und von Postpaketen. Dann aber galt es,

neue internationale Abkommen zu prüfen und hierüber Beschluß zu

fassen. Dieselben betrafen die Einziehung von Geldern im Wege des

Postauftrags, die Besorgung des Zeitungsbezuges durch die Post,

die Veröffentlichung von Annoncen durch Vermittlung der Post, die

Einführung von Ausweisbüchern und endlich die einheitliche Organisation

der Poststatistik.

Auch auf diesem Kongresse ist, wenn nicht alles, so doch

sehr vieles erreicht worden. So ist die Zahl der an dem

+Postanweisungs-Übereinkommen+ teilnehmenden Länder von 17 auf

25, die Zahl der an dem +Pariser Postpaket-Übereinkommen+ vom 3.

November 1880 beteiligten Länder von 21 auf 30 gestiegen. Ferner

wurde ein Übereinkommen getroffen bezüglich der Einrichtung eines

+internationalen Postauftragdienstes+.

+Gegenwärtig umfaßt der Weltpostverein fast alle civilisierten Staaten

und Länder des Erdballs mit einem Flächenraum von ca. 81 Millionen

Quadratkilometer, d. i. drei Fünftel des ganzen Festlandes, und 830

Millionen Einwohner, d. i. fast drei Fünftel der ganzen Menschheit.+

Außerhalb desselben stehen von Kulturstaaten nur noch die +britischen

Kolonieen+ in +Australien+, das +Kapland+ und +China+. In Bezug auf

letzteres kommt jedoch in Betracht, daß die englischen Postanstalten

in den wichtigeren, dem europäischen Verkehr geöffneten Hafenorten

dem Vereine angehören. Außerdem besteht ein wichtiger Postkurs von

Kiachta über Maimatschin nach Peking; die auf diesem Wege beförderte

Korrespondenz unterliegt gleichfalls der billigern Vereinstaxe.

Hierdurch wird der Beitritt Chinas zu dem Verein allmählich

vorbereitet. Auch die Bedenken, welche bisher in Bezug auf den Beitritt

Australiens obwalteten, werden voraussichtlich binnen kurzem ihre

Erledigung finden.

Das +internationale Bureau zu Bern+ ist der administrative Mittelpunkt

des Weltpostvereins, dessen Interessen auf periodischen internationalen

Kongressen gewahrt und gefördert werden.

Zweites Kapitel.

Die Mittel des Postverkehrs[61].

Die Post bedient sich zu ihren Zwecken der verschiedenartigsten

Beförderungsmittel: der +Boten zu Fuß und zu Roß+, +bespannter Wagen+,

der +Eisenbahnen+ und der +Schiffe+; außerdem finden noch Verwendung

+pneumatische Röhren+, +Tauben+ und das +Luftschiff+.

[Illustration: Zu S. 94.

Fig. 28. Der Weltpostverein.]

1. Fußboten.

Was zunächst die +Fußboten+ betrifft, so ist uns schon aus der

Geschichte der Post bekannt, wie bedeutend die Rolle gewesen, welche

den Fußgängern in der Nachrichtenvermittlung des Altertums und

Mittelalters zufiel. Die Hemerodromen Griechenlands, die ~tabellarii~

der Römer legten weite Strecken zu Fuß zurück; auch die Heilige

Schrift preist die Füße der Boten des Herrn, die uns den Frieden

verkündigen. Nicht minder ist im Mittelalter ein erheblicher

Teil der Nachrichtenvermittlung durch wandernde Mönche und fahrende

Schüler, späterhin durch die rüstig ausschreitenden Boten der

Städte bewirkt worden. Aber auch noch gegenwärtig, im Jahrhundert

der Eisenbahnen und des elektrischen Telegraphen, nehmen die ~pedes

apostolorum~ eine viel erheblichere Stelle im Verkehrsleben ein, als

man gewöhnlich annimmt. Nicht bloß in den Ländern ohne geordnete

Verkehrs-Einrichtungen, wo die Briefbesorgung fast ausschließlich auf

Fußgänger angewiesen ist, sondern auch bei Völkern mit altererbter

und höchst ausgebildeter Kultur kommt den Fußboten noch heutzutage

ein äußerst beträchtlicher Anteil an der Postbeförderung zu. In Japan

wurden z. B. nach der Statistik des Jahres 1883 rund 36000000 km an

Fußpostkursen zurückgelegt. Auch die Reichspost in China besitzt

neben anderem Apparat ein zahlreiches Personal von Depeschenträgern

zu Fuß, die entweder als „starke Männer“ oder als „Tausend-Li-Pferd“

bezeichnet werden. Ebenso wird in den weiten Gebieten von Britisch

Indien ein erheblicher Teil der Postbeförderung durch Eilboten bewirkt,

desgleichen in Marokko[62].

[Illustration: Fig. 29. Japanesische Landpostbeförderung.]

[Illustration: Fig. 30. Chinesischer Depeschenträger.]

[Illustration: Fig. 31. Marokkanischer Postbote.]

In den +europäischen+ Kulturstaaten sind Zahl und Umfang der

Fußbotenkurse[63] gleichfalls viel beträchtlicher, als man gemeinhin

annimmt. So beträgt in Frankreich und Deutschland die Jahresleistung

durch Fußgänger noch immer 16 beziehungsweise 20 Millionen Kilometer.

Die Summe der Fußbotenleistungen erhöht sich aber ganz außerordentlich,

sobald man auch denjenigen Teil des Postbeförderungsdienstes hierher

rechnet, der die Besorgung des Postverkehrs der Landbewohner zum

Gegenstande hat. Die Landbriefträger der Postverwaltung des Deutschen

Reiches allein haben z. B. im Jahre 1883 nicht weniger als 156 Mill.

Kilometer zurückgelegt. Das letztere Institut ist indes erst eine

Schöpfung des 19. Jahrhunderts. Noch bis in die dreißiger Jahre

desselben hatten die Landbewohner selbst für die Abholung ihrer

Postsendungen aus dem ihnen nächstgelegenen Postorte zu sorgen

und konnten froh sein, wenn ihnen dies Geschäft durch Gastwirte,

Thorschreiber, Botenfrauen und andere mehr oder minder zuverlässige

Ersatzmannschaften erleichtert wurde; heute aber ist, nach dem

energischen Vorgehen der französischen Postverwaltung, in der Mehrzahl

der europäischen Kulturstaaten der Landbriefbestelldienst staatlich

organisiert und zu einem wirksamen Hebel der Verbindung des platten

Landes mit den Städten ausgestaltet worden. In Frankreich wurde

durch das Gesetz vom Jahre 1829 ein auf das ganze Land ausgedehnter

~Service rural~ eingerichtet; es wurden mit +einem+ Schlage 4500

Landbriefträger angenommen, welche die mit den Posten angekommenen,

sowie die im Bezirke der Postanstalt aufgegebenen Briefe in allen

Mairien mindestens einen Tag um den andern zu bestellen hatten.

Diese großartige Maßregel ist bereits durch das Gesetz von 1832 zu

einer durchgängig täglichen Landbriefbestellung erweitert worden. In

Deutschland ist die Ausdehnung dieses Institutes wesentlich langsamer

erfolgt als in Frankreich. Dasselbe hat in Preußen erst in den

fünfziger Jahren einen namhaftem Umfang erreicht. Gegenwärtig giebt es

im deutschen Reichspostgebiete über 20000 Landbriefträger.

[Illustration: Fig. 32. Französischer Landbriefträger.]

Die Haupttruppe in der Infanterie der Post bilden die

+Orts-Briefträger+. Ihr Dienst ist je nach den Landessitten, den

örtlichen Wohnungsverhältnissen und der Organisation des Postwesens

in den einzelnen Ländern sehr verschieden. So kann der englische

~letter-carrier~ (Briefträger) seine Sendungen einfach in die

Hausbriefkästen einlegen, die er fast überall in den größeren Städten

seines Landes antrifft; der französische ~facteur~ ist in Paris

reglementsmäßig berechtigt, die Briefe für sämtliche Hausbewohner

an den ~concierge~ (Hausmeister) abzugeben. Viel mühevoller ist die

Aufgabe des Berliner Briefträgers. Seine Bestellgänge auf den Vorder-

und Hintertreppen der großen Mietkasernen erreichen eine selbst für

Mitglieder des Alpenklubs ansehnliche Gesamtleistung, und oft hat er,

lediglich um einen Preiskourant oder eine Geschäftsanzeige an den nicht

selten unwilligen Empfänger zu bestellen, minutenlange vor dessen

Thüre zu warten. Auch in New-York pflegen die Briefträger nicht in die

Stockwerke der Häuser hinaufzugehen; dieselben sind dort mit einer

sehr stark schrillenden Pfeife ausgerüstet, mittels deren sie ihre

Anwesenheit unten in den Hausfluren oder in den Höfen signalisieren, um

die Adressen der zu bestellenden Briefe auszurufen. Die Hausbewohner

steigen dann zum Briefträger hinab, um sich ihre Briefe zu holen.

In Abwesenheit der Adressaten werden dieselben an den Hauswirt

abgegeben[64].

2. Reiter.

[Illustration: Fig. 33. Siamesischer Kurier.]

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 9 / 50 段