so kam es denn im Jahre 1876 wiederum zur Anlage unterirdischer
Telegraphenlinien, und zwar, dank der Energie des Generalpostmeisters
~Dr.~ von Stephan, +zuerst+ in +Deutschland+.
Am 13. März 1876 wurde hier der Bau eines unterirdischen
Telegraphennetzes in Angriff genommen und am 26. Juni 1881 vorläufig
abgeschlossen. Dasselbe verbindet nicht weniger als 221 Städte,
darunter alle bedeutenderen Waffen-, See- und Handelsplätze des Landes.
Die zur Verlegung gekommenen Kabel haben eine Gesamtlänge von rund 5500
km, und die in den Kabeln enthaltenen Leitungen haben eine solche von
über 37000 km. Im ganzen sind 58 Monate auf die Ausführung verwendet
worden und Kosten im Gesamtbetrage von über 30 Millionen M. entstanden.
Die Kabel sind zur Hälfte aus der Fabrik von Felten und Guilleaume in
Mülheim a. Rh., zur andern Hälfte aus der von Siemens und Halske in
Berlin hervorgegangen.
In den übrigen Staaten schenkte man diesem Vorgehen Deutschlands die
größte Aufmerksamkeit, und nachdem das große Werk glücklich zu Ende
gebracht worden, entschloß sich zuerst +Frankreich+, dem gegebenen
Beispiele zu folgen. Im Jahre 1884 waren denn in diesem Lande bereits
etwa 2500 km mit rund 18000 km Leitung gelegt.
Andere Länder haben es vorerst noch nicht über sich gebracht,
Deutschland und Frankreich in dieser Beziehung nachzuahmen.
2. +Der Leitungsdraht.+ Bei unterirdischen Leitungen hat aus mehrfachen
Gründen der +Kupferdraht+ den Vorzug vor einem Eisendraht von gleicher
Leitungsfähigkeit. Man verwendet dazu möglichst reines Kupfer, weil die
Leitungsfähigkeit von der chemischen Reinheit des Materials wesentlich
abhängt. Da es schwer hält, längere Kupferdrähte herzustellen, welche
auf der ganzen Länge frei sind von weicheren oder spröden Stellen, die
später leicht zu einem Bruch führen können, so setzt man häufig den
Leitungsdraht aus 3-7 feineren kupfernen Drähten zusammen, die man nach
Art eines Seiles zu einem einzigen Strange, der sogenannten +Litze+,
vereinigt.
Bei dem geringen Widerstand, den das Kupfer dem galvanischen Strom
entgegensetzt, reicht man mit einer verhältnismäßig +dünnen+
Kupferader aus, um selbst auf bedeutende Strecken mit Sicherheit die
telegraphische Korrespondenz zu besorgen. Bei den Kabeln des Deutschen
Reiches gebraucht man Kupferlitzen aus 7 Drähten von je 0,7 mm.
3. +Isolieren des Leitungsdrahtes.+ Als Isolationsmaterial des
Leitungsdrahtes verwendet man gegenwärtig fast nur ganz reine
+Guttapercha+ oder +Kautschuk+[9], in einzelnen Ländern auch wohl
+Asphalt+.
4. +Schutzmittel für unterirdische Leitungen.+ Die Erfahrung hatte
bald gelehrt, daß die von Guttapercha oder Kautschuk umgebenen
Leitungsdrähte, wenn sie direkt in die Erde gelegt wurden, vielfachen
Beschädigungen ausgesetzt waren. Man legte sie deshalb in hölzerne
Rinnen und umgab sie mit einem geteerten Hanfseile; aber auch diese
Schutzmittel, wie manche andere, die noch zur Anwendung kamen, erwiesen
sich den Beschädigungen gegenüber, welchen die Erdkabel ausgesetzt
sind, unwirksam. Selbst die Verwendung von eisernen Röhren, in welche
die Leitungsdrähte einzeln lose eingezogen wurden, hat als Schutzmittel
der letzteren keinen dauernden Bestand gehabt, weil bei einer größern
Anzahl von eingezogenen Drähten die Auswechslung eines beschädigten
Drahtes stets mit der Beschädigung anderer Drähte verbunden war.
Seitdem verwendet man bei unterirdischen Leitungen nicht mehr einzelne
mit isolierendem Material versehene Drähte, sondern vereinigt dieselben
zu einem einzigen Strange oder Kabel, das man zum Schutze gegen äußere
Angriffe mit einer metallenen Hülle, in der Regel einem seilartigen
Überzuge von eisernen Drähten versieht.
[Illustration: (Natürliche Größe.)
(Querschnitt.)
Fig. 8.
Deutsches siebenadriges Erdkabel.
~a~ Die Leitungsader, 7 Kupferlitzen.
~b~ Die Leitungsader, mit Guttapercha umsponnen.
~c~ Die erste Umspinnung mit Hanf in Längsfäden.
~d~ Die zweite Umspinnung mit Hanf.
~e~ Die eisernen Schutzdrähte.
~f~ Hanf-Asphalt-Überzug.
]
5. +Konstruktion der Erdkabel des Deutschen Reichs.+ Das Erdkabel
der unterirdischen Leitungen des Deutschen Reichs enthält, wie Fig.
8 zeigt, sieben voneinander isolierte einzelne Guttapercha-Adern von
je 5,2 mm äußerm Durchmesser, also sieben getrennte Drahtleitungen.
Eine jede dieser Adern hat eine Kupferlitze von sieben Drähten, und
jeder dieser Drähte hat einen Durchmesser von 0,7 mm. Diese sieben
Kupferdrähte gruppieren sich so, daß ihrer sechs um den siebenten
verseilt sind und so eine einzige leitende Litze entsteht. -- Jede
dieser Litzen erhält zuerst einen Überzug von sogen. Chatterton-Masse,
dann eine Lage Guttapercha, nun wieder eine Lage Chatterton-Masse
und zuletzt noch eine Lage Guttapercha, also im ganzen zwei Lagen
Chatterton-Masse und zwei Lagen Guttapercha.
Die sieben Guttapercha-Adern werden dann wieder derart zu einem
Strange, der +Kabelseele+, vereinigt, daß ihrer sechs um den Siebenten
verseilt werden. Nun erhält die Kabelseele eine doppelte Lage von
geteertem Hanfgarne von 6 mm Stärke, und erst um diese legt sich die
äußere Armatur von 18 verzinkten Eisendrähten von je 3,8 mm Dicke.
Das so hergestellte Kabel wird nun asphaltiert, nochmals mit 1,5
mm dickem Garn umsponnen und diese Garnhülle mit einer Schicht von
+Clarks+ Compound überzogen. Schließlich erhält das Kabel, um das
Aneinanderkleben der einzelnen Lagen beim Aufwickeln zu verhindern,
noch einen Anstrich von Kalkmilch. -- Die Flußkabel für die großen
Linien unterscheiden sich nur dadurch, daß sie noch eine zweite Rüstung
von 8,6 mm starkem verzinktem Eisendraht erhalten.
6. +Legung unterirdischer Kabel.+ Die unterirdischen Kabel sind für
gewöhnlich in einen mindestens 1 m tiefen Graben zu versenken. Zur
Ausschachtung und nachherigen Wiederausfüllung dieses Grabens sind
zwei größere Erdarbeiter-Kolonnen erforderlich, welche durch eine
kleinere dritte, die eigentliche Auslegung des Kabels besorgende
Arbeiter-Abteilung getrennt sind. Zur Legung des Kabels dient ein
besonderer Wagen, auf welchen der Haspel mit der bestimmten Kabellänge
so aufgelegt wird, daß letzterer, um eine feste Achse sich drehend,
das Kabel abrollt. Sind zwei Kabelstücke gelegt, so werden die
aneinanderstoßenden Enden in der Art miteinander verbunden, daß die
entsprechenden Kupferadern in sichern metallischen Kontakt kommen.
Nach Herstellung der Verbindung wird die Lötstelle in Bezug auf ihre
Isolation geprüft, mit der vorher abgelösten Hanfumspinnung wieder
überkleidet und sodann eine eiserne Muffe darüber gezogen.
Hat das Kabel ein Eisenbahngeleise zu kreuzen, so wird dasselbe unter
dem Geleise durchgezogen.
Ist es nicht thunlich, das Kabel hinreichend tief zu versenken, so
wird die Sicherstellung gegen mechanische Verletzung durch Umkleidung
mit eisernen Röhren, diejenige gegen die Einwirkung der Luft durch
Umhüllung mit +Schlackenwolle+ bewirkt, welche durch geringe
Wärmeleitungsfähigkeit ausgezeichnet ist.
Die bei der Überschreitung von Wasserläufen zur Verwendung kommenden
Flußkabel erhalten an solchen Stellen, wo sie gegen Schiffsanker
gesichert werden müssen, noch eine Umkleidung von starken, gußeisernen,
verzinkten Muffen von je 50 cm Länge, welche zu einem biegsamen, das
Kabel umschließenden Rohr miteinander verbunden werden.
7. +Statistik der unterirdischen Leitungen.+ Ein ausgebildetes Netz
unterirdischer Linien besitzt dermalen nur das +Deutsche Reich+ mit
rund 5500 km Linien und 37600 km Leitungen. Die einzelnen Linien und
Leitungen desselben betrugen Ende 1881 in Kilometern:
Linien. Leitungen.
Berlin-Halle-Kassel-Frankfurt a. M. 595 4166
Halle a. d. S.-Leipzig 35 141
Berlin-Hamburg I 298 2086
Desgleichen II 298 2086
Hamburg-Kiel 100 701
Frankfurt a. M.-Straßburg 263 1839
Berlin-Magdeburg-Hamm-Köln 693 4852
Barmen-Köln 55 220
Hamburg-Kuxhaven 131 523
Hamburg-Bremen-Oldenburg-Emden 285 1992
Bremen-Bremerhaven 59 237
Sande-Wilhelmshaven 11 45
Köln-Koblenz-Trier-Metz 326 2281
Köln-Mainz 92 642
Metz-Straßburg 186 1299
Berlin-Dresden 236 1654
Berlin-Breslau 369 2585
Berlin-Thorn 418 2926
Berlin-Stettin 155 1087
Thorn-Danzig 230 1607
Danzig-Königsberg 189 1325
Stettin-Danzig 368 2578
Köln-Aachen 71 498
Kiel-Flensburg -- 86
Flensburg-Hoyer -- 62
Im ganzen waren an +unterirdischen Leitungen+ am Schlusse des
Jahres 1881 vorhanden:
------------------------------------+---------------------------------
| Länge (in Kilometern)
Länder. +------------+--------------------
| der Kabel. | der Leitungsdrähte.
------------------------------------+------------+--------------------
1. Deutschland | 5615,94 | 37932,39
2. Österreich-Ungarn | 29,52 | 511,03
3. Belgien | 11 | 232
4. Dänemark | 3 | 79
5. Frankreich (einschließlich der | |
überseeischen Besitzungen[10])| 850,97 | 11880,49
6. Großbritannien und Irland | 771,19 | 17700,34
7. Niederlande | 95,80 | 591,50
8. Rumänien | 11,38 | 56,12
9. Rußland | 202,50 | 250,10
10. Schweiz | 45,60 | 327,10
Die +Gesamtlänge+ der +unterirdischen Kabel+ beträgt somit rund 7500
km, die der +unterirdischen Leitungsdrähte+ fast 70000 km.
=2. Unterseeische (submarine) Leitungen.=
1. +Geschichtliches.+ Die Telegraphenleitung unter +Wasser+
fortzuführen, suchte zuerst +Soemmerring+ 1809 möglich zu machen.
Ernster machte sich Soemmerrings Freund, +Baron Schilling von
Kannstadt+, an die Herstellung eines elektrischen Leitseils, mit
welchem man durch feuchte Erde und Wasser zu telegraphieren und Pulver
zu entzünden vermöchte, und im Herbste des Jahres 1812 führte er in
Petersburg in Gegenwart des Kaisers Alexander durch das Wasser der Newa
hindurch wirklich Sprengungen aus. Größere Versuche mit der Versenkung
einer Telegraphenleitung in Wasser machte +Schilling+ 1836, und diese
hätten beinahe schon damals zur Anlage eines unterseeischen Telegraphen
zwischen Kronstadt und Peterhof geführt[11]. Die erste wirkliche
Leitung unter Wasser scheint ~Dr.~ +O’Shaugessy+ 1839 in der Nähe von
Calcutta durch einen Arm des Ganges gelegt zu haben. 1840 bereits
trat +Wheatstone+ mit einem Plan zur Verbindung von Dover und Calais
hervor, und 1843 regte +Morse+ die unterseeische Verbindung Amerikas
und Europas an. Allein man kannte damals noch nicht die isolierende
Eigenschaft der Guttapercha, und so kam auch weder der Vorschlag
Wheatstones, noch der von Morse zur Ausführung. Als jedoch in der
Guttapercha ein Material gefunden worden war, welches zur Isolation des
Leitungsdrahtes sich vorzüglich eignet und dabei leicht zu behandeln
ist, da war das Haupthindernis der +Unterseeleitung+ überwunden. Weder
größere Flüsse und Meeresarme, noch selbst die Oceane konnten von
jetzt an der Herstellung einer telegraphischen Verbindung zwischen den
dadurch getrennten Ländern unübersteigliche Hindernisse entgegensetzen.
Im Januar 1849 wurden, nachdem Pläne und Versuche von +Wheatstone+,
+Morse+, +Armstrong+, +Siemens+ und +Play+ in dieser Beziehung
ausgeführt waren, zuerst durch den Engländer +Walker+, den Dirigenten
des Telegraphen der Südwest-Eisenbahngesellschaft, auf einer über 2
Meilen langen Seeleitung ohne alle Schwierigkeiten telegraphische
Depeschen gegeben. Durch derartige Versuche ermutigt, beschloß +J.
Brett+, ein sehr geschickter Techniker und ein Mann von großem
Unternehmungsgeiste, Dover mit Calais unterseeisch zu verbinden.
Nachdem er von der französischen Regierung ein Patent auf 10 Jahre für
die Herstellung submariner Leitungen zwischen Frankreich und England
erhalten hatte, bildete er eine Aktiengesellschaft und begann die
Fabrikation des Leitungsdrahtes. Am 28. August 1850 wurde der sechs
deutsche Meilen lange Telegraphendraht, 2½ mm dick und mit einer Hülle
von Guttapercha umgeben, glücklich ins Meer versenkt (das Jahr 1850
kann daher als das Geburtsjahr der unterseeischen Telegraphie gelten);
leider aber zerriß derselbe wenige Tage nachher. Die Gesellschaft ließ
nun ein viel stärkeres, 180000 Mark kostendes Tau verfertigen, dessen
Kern aus vier mit Guttapercha überzogenen Drähten bestand, und das mit
zehn galvanisierten Eisendrähten überzogen war. Die Legung dieses ca.
12 cm dicken Kabels begann am 25. September 1851 und gelang in drei
Tagen vollständig.
Damit hatte die unterseeische Telegraphie festen Boden gewonnen. Schon
1852 wurden England und Schottland mit Irland, Fünen mit Seeland und
Jütland, England mit Belgien und Holland, 1854 Seeland mit Schweden,
Italien und Sardinien mit Corsica verbunden.
Bei allen diesen mit mehr oder weniger Glück durchgeführten
Verbindungen wurden reiche Erfahrungen gesammelt und die Technik der
elektrischen Telegraphie sehr verbessert. Was war nun natürlicher als
der Gedanke, die Alte und die Neue Welt durch ein Kabel miteinander zu
verknüpfen? Der Amerikaner +Cyrus Field+ faßte denn bereits 1854 den
Plan, zwischen Amerika und Europa eine telegraphische Verbindung zur
Ausführung zu bringen. Am 6. August 1857 begann auch schon die Legung
des Kabels von der Insel Valentia aus im Südwesten von Irland; aber
das Tau riß am 11. August, 274 englische Meilen von der Küste. Das
teure Lehrgeld schreckte jedoch weder Engländer noch Amerikaner zurück,
und von nun an schien ihnen das Glück auch hold zu sein. Am 5. August
1858 tauschten Amerika und Europa die erste telegraphische Botschaft
aus. Der Präsident der Vereinigten Staaten und die Königin Victoria
von England hatten sich in unterseeischen Depeschen zur Vollendung des
großen Werkes beglückwünscht; die parlamentarischen Körperschaften,
die Presse, die Litteratur und die Dichtkunst hatten gewetteifert,
das Kabel als eine Bürgschaft des Friedens und einen Hebel für die
Annäherung der Völker zu feiern.
~With clasped hands the continents
Feel throbbings of each other’s heart,~
sang ein amerikanischer Poet; mit gleicher Begeisterung erwiderte der
elsässische Pfarrer Adolf Stöber:
Nein, kein Ocean mehr trennet die Alte Welt
Von der Neuen, ein Band schlingt um beide sich;
Eines Hauses Genossen
Sind die Völker Von Pol zu Pol[12].
Die Leistungsfähigkeit des Kabels ließ indes bald nach, es traten
Störungen ein, und am 1. September 1858 versagte es gänzlich den Dienst.
Während der drei Wochen, die das Kabel in Thätigkeit gewesen, hatten im
ganzen 400 Telegramme mit zusammen 4359 Wörtern Beförderung erhalten.
4359 Wörter für 8 Millionen Mark -- soviel hatte das Unternehmen
gekostet -- jedes Wort also über 1800 Mark! Gewiß die höchste
Depeschengebühr, die je vorgekommen ist![13]
Der Physiker +Babinet+, der das ganze Unternehmen der Kabellegung
für wahnsinnig erklärt hatte, schien recht zu haben. Das Werk ruhte
nun jahrelang, und der Plan des amerikanisch-sibirischen Telegraphen
trat an seine Stelle, bis 1865 durch Cyrus Field, den Hauptförderer
der atlantischen Kabellegung, ein neuer Versuch unternommen wurde.
Man hatte das Kabel weit sorgfältiger, nach ganz neuen Principien
gearbeitet und zu dessen Abwicklung das berühmte Riesenschiff „Great
Eastern“ gemietet. In Bezug auf Festigkeit und Isoliertüchtigkeit ließ
der neue Draht, der das Gewicht von 82000 Centnern repräsentierte,
nichts zu wünschen übrig, und am 23. Juli 1865 begann dessen Legung
von Valentia aus. Schon war man 1000 Meilen von Valentia mit dem Kabel
nach Westen vorgedrungen, da riß es abermals und war trotz vieler
Mühe nicht mehr zu finden. Errungen wurde der große Sieg endlich
1866; abermals lief der „Great Eastern“ am 13. Juli von Valentia aus,
glücklich versenkte er seine Last in den Ocean, und am 27. Juli war
Trinity Bay auf Neufundland erreicht und damit die dauernde Verbindung
hergestellt. Den umfassendsten Gebrauch von der neuen Kabelleitung
machte sofort der New-Yorker Herald. Denn schon den nächsten Tag nach
dieser denkwürdigen Errungenschaft des menschlichen Geistes ließ sich
die genannte Zeitung auf diesem neuen Wege die vollständige Rede
zugehen, die König Wilhelm von Preußen nach der Rückkehr von Sadowa vor
seinem Landtage hielt. Das Telegramm kostete 36000 Francs[14].
Gleich nach Vollendung der Kabellegung wurde auch das 1865 verlorene
Kabel wieder aufgefunden, und Europa und Amerika hatten nun eine
doppelte telegraphische Verbindung. Seitdem arbeiteten beide Kabel,
trotz mehrfacher Unterbrechungen, lange zur vollsten Zufriedenheit, und
die Gesellschaft konnte, obgleich die Unternehmungen von 1857 und 1858
350000, die von 1865 und 1866 je 600000 Pfd. St. gekostet hatten und
die anfängliche Beförderungsgebühr von 20 Pfd. für 20 Wörter wiederholt
herabgesetzt worden war, für das Jahr 1869 über 24% Dividende zahlen.
Neue Unternehmungen in großem Stile folgten nun rasch nacheinander und
wurden nach mancherlei Wechselfällen auch glücklich durchgeführt.
2. +Fabrikation unterseeischer Kabel+. Es ist klar, daß je nach dem
Zwecke, für den ein Telegraphenseil bestimmt ist, die Zusammensetzung
desselben sehr verschieden sein wird. Ob ein oder mehrere voneinander
isolierte Leitungsdrähte den innern Kern bilden sollen, ob das Kabel in
bedeutende Tiefen versenkt werden muß, oder ob es für seichte Gewässer
bestimmt ist, ob dasselbe der Gefahr von besonderen Beschädigungen
ausgesetzt ist oder nicht, all das ist auf die Zusammensetzung des
Kabels von wesentlichem Einfluß.
Als +Leiter+ wird für Kabel durchweg +Kupfer+ verwendet. Dasselbe
besitzt eine große Leitungsfähigkeit, so daß die Drähte dünn genommen
werden können. Infolge davon ist weit weniger Guttapercha, deren Preis
sehr hoch ist, als bei Eisendraht erforderlich. Außerdem verträgt der
Kupferdraht eine geringe Dehnung ohne Nachteil. Zu größerer Sicherheit
gegen einen vollständigen Bruch des Leiters nimmt man gewöhnlich nicht
einen einfachen Draht, sondern man vereinigt mehrere (4-7) dünnere
Drähte zu einer einzigen metallischen +Litze+, bei welcher der leitende
Zusammenhang noch erhalten bleiben kann, wenn selbst einer der Drähte
oder mehrere reißen.
Als +isolierende Hülle+ dient +Guttapercha+. Da aber bei einem so
vielen Unfällen ausgesetzten und nach geschehener Legung nicht mehr
erreichbaren unterseeischen Kabel die Isolation des Leitungsdrahtes
möglichst vollkommen sein muß, so begnügt man sich nicht mehr mit einer
doppelten Umpressung des Kupferdrahtes mittels der Guttapercha, sondern
man überzieht ihn mindestens dreimal und bringt außerdem zwischen je
zwei aufeinanderfolgenden Guttapercha-Schichten noch besondere flüssige
Isolationsmittel an, damit dieselben nicht bloß in die einzelnen
Poren der Guttapercha dringen, sondern auch durch ihre Klebrigkeit
die Schichten von Guttapercha fest miteinander vereinigen. Ja auch
zwischen den Draht und die erste Lage Guttapercha giebt man vielfach
behufs Ausschließung der Luft und zur Verhütung der Blasenbildung durch
dieselbe eine isolierende Mischung (z. B. Chatterton-Masse).
Die mit dem Isolationsmateriale umpreßten metallischen Adern werden
schließlich zur Sicherung gegen äußere Beschädigungen mit einer
Hanfumwicklung und einer Hülle starker Eisendrähte oder auch statt
dieser letzteren nach dem Vorschlage von +Siemens+ mit einem Überzuge
von dünnen kupfernen Bändern versehen.
Die +Hauptfabrikanten+ solcher Kabel sind in England: +Newall &
Co+.; +Henley+, +India Rubber+, +Gutta Percha and Telegraph Works
Company+, +Siemens Brothers+, +Submarine Telegraph Company+,
+Telegraph-Construction and Maintenance Company+; in Deutschland:
+Felten & Guilleaume+ zu Köln, +Siemens & Halske+ in Berlin; in
Frankreich: +Rattier & Co+., ferner +Menier+ in Paris.
Die Fabrik von +Felten & Guilleaume+ zu Köln geht bei der Fabrikation
der Guttapercha-Drähte und Kabel mit ganz besonderer Vorsicht zu Werke,
weshalb denn auch ihre Kabel über den ganzen Kontinent verbreitet sind.
In den folgenden zwei Figuren (9 u. 10) sind Ansichten und Querschnitte
zweier Tiefseekabel dargestellt.
Das französisch-atlantische Kabel vom Jahre 1869 mit einer Länge
von 4785 km (von Brest in Frankreich bis St. Pierre südlich von
Neufundland) erforderte zu seinem siebendrähtigen Leiter 533 t
Kupferdraht. Ferner wurden zu demselben verbraucht 549 t Guttapercha,
500 t Jute, 4727 t Eisendraht und 1286 t Manila-Hanfstränge. Das Kabel
kostete 584496 Pfd. St.; die Gesamtkosten beliefen sich auf 920000
Pfd. St. = 18⅖ Mill. M.
3. +Legung unterseeischer Kabel+[15]. Die Legung eines Unterseekabels
ist immer eine höchst schwierige Aufgabe; dem Scharfsinn und der
Energie der Seeleute, Ingenieure und Telegraphentechniker werden
hierbei nicht geringe Aufgaben gestellt.
[Illustration: Fig. 9.
Zweites transatlantisches Kabel von 1865.
Fig. 10.
Malta-Alexandria-Kabel.
~a~ Kupferdraht.
~b~ Guttapercha, 4 Lagen.
~c~ Geteerter Hanf.
~d~ Mit Hanf umsponnener Eisendraht.
]
Nach der gewöhnlichen Art des Einlegens submariner Leitungen wird das
Kabel auf ein Schiff gebracht. Schon diese Operation und die genaue
Einlegung des letztern in konzentrische Ringe macht wegen der enormen
Last und der Steifheit des Kabels große Schwierigkeiten. Dann ist
bereits vor der Versenkung der mit dem Tau einzuschlagende Weg genau
festzustellen und zu diesem Behufe Tiefe, Beschaffenheit und Gestalt
des Meeresbodens durch Sondierungen möglichst genau zu erforschen.
Die Landungspunkte namentlich sollen möglichst frei von Brandung und
Klippen sein, auch keinen guten Ankergrund bieten, damit das Tau
nicht durch Schiffsanker verletzt werde. Ist das alles geschehen und
das Küstenkabel auf dem Lande befestigt, so fährt das Schiff die
projektierte und genau sondierte Linie entlang, wobei man das Tau
nach und nach ins Wasser hinabläßt, in welchem es durch sein eigenes
Gewicht niedersinkt und so auf dem Grunde sich festlegt. Dabei ist
es besonders notwendig, die Schnelligkeit, mit welcher das Kabel vom
Schiffe ins Wasser sinkt, zu regulieren. Denn dieselbe würde sonst
sehr bald außerordentlich groß und weit größer als die des Schiffes
werden; infolgedessen würde aber das Tau in verschlungenen Ringen
statt in einer nahezu Geraden sich niederlegen, überdies würde es
durch die Reibung in hohem Grade leiden und sich selbst und das Schiff
beschädigen. Von der Zweckmäßigkeit der hierzu verwendeten Maschinen
und der guten Führung des ablaufenden Taues ist das Gelingen des ganzen
Werkes wesentlich mitbedingt. Endlich müssen während des Versenkens
fortlaufende Messungen des Isolations- und Leitungszustandes des Taues
angestellt werden, damit man beim Auftreten eines Fehlers diesen sofort
merkt und beseitigen, beziehungsweise das versenkte Taustück wieder
emporheben kann. Zu diesem Zwecke bleibt das Schiff, welches das Tau
versenkt, durch dieses hindurch beständig mit einer Station am Lande in
telegraphischer Verbindung.
Ein Dampfschiff ist für die Legung einem Segelschiff vorzuziehen, weil
es von Wind und Wellen weniger abhängt; doch muß es genügende Größe,
Stabilität und Tragfähigkeit haben. Bei mehreren derartigen großen
Unternehmungen hat sich das Riesenschiff Great Eastern von über 3000 t
Netto-Gehalt vortrefflich bewährt. Noch geeigneter sind die besonders
für die Zwecke der Kabellegung und -ausbesserung gebauten großen
Dampfer der Kabelgesellschaften, beziehungsweise Kabelfabrikanten.
Gegenwärtig sind 29 solcher Dampfer mit Legung neuer Strecken und
Reparaturen der alten unausgesetzt beschäftigt.