Sechstes Kapitel

Es ging schon stark in den Herbst hinein. Aus den schwarzen

Tannenwäldern leuchteten die vereinzelten Laubbäume gelb und rot wie

Fackeln, die Schluchten hatten schon starke Nebel und der Fluß dampfte

morgens in der Kühle.

Noch immer streifte der blasse Exseminarist tagtäglich im Freien umher,

war unlustig und müde und floh das bißchen Umgang, das er hätte haben

können. Der Arzt verschrieb Tropfen, Lebertran, Eier und kalte

Waschungen.

Es war kein Wunder, daß alles nicht recht helfen wollte. Jedes gesunde

Leben muß einen Inhalt und ein Ziel haben und das war dem jungen

Giebenrath verloren gegangen. Nun war sein Vater entschlossen, ihn

entweder Schreiber werden oder ein Handwerk lernen zu lassen. Der Junge

war zwar noch schwächlich und sollte erst noch ein wenig mehr zu Kräften

kommen, doch konnte man jetzt nächstens daran denken, Ernst mit ihm zu

machen.

Seit die ersten verwirrenden Eindrücke sich gemildert hatten und seit er

auch an den Selbstmord selber nicht mehr glaubte, war Hans aus den

erregten und wechselreichen Angstzuständen in eine gleichmäßige

Melancholie hinübergeraten, in die er langsam und wehrlos wie in einen

weichen Schlammboden versank.

Nun lief er in den Herbstfeldern umher und erlag dem Einfluß der

Jahreszeit. Die Neige des Herbstes, der stille Blätterfall, das

Braunwerden der Wiesen, der dichte Frühnebel, das reife, müde

Sterbenwollen der Vegetation trieb ihn, wie alle Kranken, in schwere,

hoffnungslose Stimmungen und traurige Gedanken. Er fühlte den Wunsch,

mit zu vergehen, mit einzuschlafen, mit zu sterben, und litt darunter,

daß seine Jugend dem widersprach und mit stiller Zähigkeit am Leben

hing.

Er schaute den Bäumen zu, wie sie gelb wurden, braun wurden, kahl

wurden, und dem milchweißen Nebel, der aus den Wäldern rauchte, und den

Gärten, in welchen nach der letzten Obstlese das Leben erlosch und

niemand mehr nach den farbig verblühenden Astern sah, und dem Flusse, in

welchem Bad und Fischerei ein Ende hatte, der mit dürren Blättern

bedeckt war und an dessen frostigen Ufern nur noch die zähen Gerber

aushielten. Seit einigen Tagen führte er Massen von Mosttrebern mit

sich, denn auf den Kelterplätzen und in allen Mühlen war man jetzt

fleißig am Mosten und in der Stadt zog der Geruch von Obstsaft leise

gärend durch alle Gassen.

In der untern Mühle hatte auch der Schuhmacher Flaig eine kleine Presse

gemietet und lud Hans zum Mosten ein.

Auf dem Vorplatz der Mühle standen große und kleine Mostkeltern, Wagen,

Körbe und Säcke voll Obst, Zuber, Bütten, Kübel und Fässer, ganze Berge

von braunen Trebern, hölzerne Hebel, Schubkarren, leere Gefährte. Die

Keltern arbeiteten, knirschten, quietschten, stöhnten, meckerten. Die

meisten waren grün lackiert und dies Grün mit dem Braungelb der Treber,

den Farben der Apfelkörbe, dem hellgrünen Fluß, den barfüßigen Kindern

und der klaren Herbstsonne zusammen gab jedem, der es sah, einen

verlockenden Eindruck von Freude, Lebenslust und Überfluß. Das Knirschen

der zermalmten Äpfel klang herb und appetitreizend; wer herzukam und es

hörte, mußte schnell einen Apfel in die Faust nehmen und anbeißen. Aus

den Röhren floß in dickem Strahl der süße junge Most, rotgelb und in der

Sonne lachend; wer herzukam und es ansah, mußte um ein Glas bitten und

schnell eine Probe kosten, dann blieb er stehen, bekam feuchte Augen und

fühlte einen Strom von Süßigkeit und Wohlbehagen durch sich

hindurchgehen. Und dieser süße Most erfüllte die Luft weitherum mit

seinem frohen, starken, köstlichen Geruch. Dieser Duft ist eigentlich

das Feinste vom ganzen Jahr, der Inbegriff von Reife und Ernte, und es

ist gut, ihn so vor dem nahen Winter einzusaugen, denn dabei erinnert

man sich mit Dankbarkeit an eine Menge von guten, wunderbaren Dingen: an

sanfte Maienregen, rauschende Sommerregen, kühlen Herbstmorgentau, an

zärtlichen Frühlingssonnenschein und glastend heißen Sommerbrand, an die

weiß und rosenrot leuchtende Blust und an den reifen, rotbraunen Glanz

der Obstbäume vor der Ernte und zwischenein an alles Schöne und

Freudige, was so ein Jahreslauf mitgebracht hat.

Das waren Glanztage für jedermann. Die Reichen und Protzen, so weit sie

sich herabließen, persönlich zu erscheinen, wogen ihren feinen, feisten

Apfel in der Hand, zählten ihr Dutzend Säcke oder mehr, probierten mit

einem silbernen Taschenbecher und ließen jeden hören, in ihren Most käme

kein Tropfen Wasser. Die Armen hatten nur einen einzigen Obstsack,

probierten mit Gläsern oder irdenen Schüsseln, taten Wasser dazu und

waren darum nicht minder stolz und fröhlich. Wer aus irgendwelchen

Gründen gar nicht mosten konnte, der lief bei seinen Bekannten und

Nachbarn von Presse zu Presse, bekam überall ein Glas eingeschenkt und

einen Apfel eingesteckt und bewies durch Kennersprüche, daß er auch sein

Teil von der Sache verstehe. Die vielen Kinder aber, arm oder reich,

liefen mit kleinen Bechern herum, hatten jedes einen angebissenen Apfel

und jedes ein Stück Brot in der Hand, denn es ging seit alten Zeiten die

unbegründete Sage, wenn man beim Mosten ordentlich Brot esse, bekomme

man nachher kein Bauchweh.

Hundert Stimmen schrien durcheinander, vom Kinderspektakel gar nicht zu

reden, und alle diese Stimmen waren geschäftig, aufgeregt und fröhlich.

»Komm, Hannes, daher! Zu mir! Bloß a Glas!«

»Dank recht scheen, i hab' schon 's Grimmen.«

»Was hast für'n Zentner 'zahlt?«

»Vier Mark. Aber prima. Da probier'!«

Zuweilen passierte ein kleines Malheur. Ein Sack Äpfel ging zu früh auf

und alles rollte auf den Boden.

»Sternsakrament, meine Äpfel! Helfet auch, Leute!«

Alles half auflesen und nur ein paar Lausbuben versuchten dabei sich zu

bereichern.

»Nix einstecken, ihr Luder! Fressen könnet ihr soviel 'neingeht, aber

nix einstecken. Wart, Gutedel du, dalketer!«

»He, Herr Nachbar, no net so stolz! Da probieren Se emol!«

»Wie Honig! Akrat wie Honig. Wieviel machet Se denn?«

»Zwei Fäßle, meh net, aber kein' schlechten.«

»'s isch no guet, daß mer net im Hochsommer mostet, sonscht tät mer

älles grad saufa.«

Auch heuer sind die paar grämlichen alten Leute da, die nicht fehlen

dürfen. Sie mosten selber schon lang nicht mehr, aber sie verstehen

alles besser und erzählen von Anno Duback, wo man das Obst so gut wie

geschenkt bekam. Alles war so viel billiger und besser, von

Zuckerdazutun wußte man noch gar nix, und überhaupt haben die Bäume

damals ganz anders getragen.

»Do hat mer no von ere Ernt' rede könne. I han a Epfelbeimle g'het, das

hot allei seine feif Zentner g'schmissa.«

Aber so schlecht auch die Zeiten geworden sind, die grämlichen Alten

helfen doch auch heuer ausgiebig probieren und die noch Zähne haben, von

denen kaut jeder an seinem Apfel herum. Einer hat sogar ein paar große

Wadelbirnen gezwungen und elend das Grimmen bekommen.

»I sags ja«, räsonniert er, »früher han i von dene meine zehn Stück

g'essa.« Und er gedenkt unter ungeheuchelten Seufzern an die Zeiten, da

er noch zehn Wadelbirnen fressen konnte, ehe er 's Grimmen bekam.

* * * * *

Mitten in dem Gewühl hatte Herr Flaig seine Presse stehen und ließ sich

vom älteren Lehrbuben helfen. Er bezog seine Äpfel aus dem Badischen und

sein Most war immer vom besten. Er war stillvergnügt und verwehrte

niemand, ein »Versucherle« zu nehmen. Noch vergnügter waren seine

Kinder, die sich rundum trieben und selig im Schwarme mitschwammen. Aber

am vergnügtesten, wenn auch stillerweise, war sein Lehrbub. Dem tat es

in allen Knochen wohl, daß er sich wieder einmal im Freien kräftig regen

und ausschaffen konnte, denn er stammte vom Wald oben herunter aus einem

armen Bauernhaus, und auch der gute Süße ging ihm köstlich ein. Sein

gesundes Bauernbubengesicht grinste wie eine Satyrmaske und seine

Schustershände waren sauberer als je am Sonntag.

Als Hans Giebenrath auf den Platz kam, war er still und ängstlich; er

war nicht gern gekommen. Aber gleich an der ersten Presse wurde ihm ein

Becher entgegengestreckt und zwar von Nascholds Liese. Er probierte, und

beim Schlucken kam mit dem süßen, kraftvollen Mostgeschmack eine Menge

von lachenden Erinnerungen an frühere Herbste über ihn und zugleich ein

zaghaftes Verlangen, wieder einmal ein bißchen mitzumachen und lustig zu

sein. Bekannte sprachen ihn an, Gläser wurden ihm angeboten, und als er

bei der Flaigschen Presse angekommen war, hatte die allgemeine

Fröhlichkeit und das Getränk ihn schon gepackt und verwandelt. Ganz

fidel begrüßte er den Schuster und machte ein paar von den üblichen

Mostwitzen. Der Meister verbarg sein Erstaunen und hieß ihn fröhlich

willkommen.

Eine halbe Stunde war vergangen, da kam ein Mädchen in einem blauen Rock

daher, lachte den Flaig und seinen Lehrbuben an und fing an mitzuhelfen.

»Ja so,« sagte der Schuhmacher, »das ist meine Nichte aus Heilbronn. Die

ist freilich an ein anderes Herbsten gewöhnt, wo's bei ihr daheim den

vielen Wein gibt.«

Sie war vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt, beweglich und

lustig wie die Unterländer sind, nicht groß, aber wohlgebaut und von

vollen Formen. Lustig und gescheit waren im runden Gesicht die dunklen,

warm blickenden Augen und der hübsche, küssige Mund, und alles in allem

sah sie zwar wie eine gesunde und heitere Heilbronnerin, aber gar nicht

wie eine Verwandte des frommen Schustermeisters aus. Sie war durchaus

von dieser Welt und ihre Augen sahen nicht aus wie solche, die am Abend

und in der Nacht in der Bibel und in Goßners Schatzkästlein zu lesen

pflegen.

Hans sah plötzlich wieder bekümmert aus und wünschte inbrünstig, die

Emma möchte bald wieder gehen. Sie blieb aber da und lachte und

schwatzte und wußte auf jeden Witz eine flotte Antwort, und Hans schämte

sich und wurde ganz still. Mit jungen Mädchen umzugehen, zu denen er Sie

sagen mußte, war ihm ohnehin entsetzlich, und diese war so lebendig und

so gesprächig und machte sich aus seiner Gegenwart und aus seiner

Schüchternheit so wenig, daß er unbehilflich und ein wenig beleidigt die

Fühler einzog und sich verkroch, wie eine vom Wagenrad gestreifte

Wegschnecke. Er hielt sich still und versuchte auszusehen wie einer, der

sich langweilt; doch gelang es ihm nicht und er machte statt dessen ein

Gesicht, als wäre ihm soeben jemand gestorben.

Niemand hatte Zeit darauf zu achten, die Emma selber am wenigsten. Sie

war, wie Hans zu hören bekam, seit vierzehn Tagen bei Flaigs zu Besuch,

aber sie kannte schon die ganze Stadt. Bei hoch und nieder lief sie

herum, probierte den Neuen, witzelte und lachte ein wenig, kam wieder

zurück und tat so, als schaffe sie eifrig mit, nahm die Kinder auf den

Arm, verschenkte Äpfel und verbreitete lauter Gelächter und Lust um sich

her. Sie rief jeden Gassenbuben an: »Willst en Epfel?« Dann nahm sie

einen schönen, rotbackigen, streckte die Hände hinter den Rücken und

ließ raten: »rechts oder links?«; aber der Apfel war nie in der

richtigen Hand und erst wenn die Buben zu schimpfen anfingen, gab sie

einen Apfel her, aber einen kleineren und grünen. Sie schien auch über

Hans unterrichtet, fragte ihn, ob er der sei, der immer Kopfweh habe und

war aber, ehe er antworten konnte, schon in ein anderes Gespräch mit

Nachbarsleuten verwickelt.

Schon hatte Hans im Sinn, sich zu drücken und heimzugehen, da gab ihm

Flaig den Hebel in die Hand.

»So, jetzt kannst du ein wenig weitermachen; die Emma hilft dir. Ich muß

in die Werkstatt.«

Der Meister ging, der Lehrling war beauftragt, mit der Meisterin den

Most wegzutragen, und Hans war mit der Emma allein an der Presse. Er biß

auf die Zähne und schaffte wie ein Feind.

Da wollte ihn wundern, warum der Hebel so schwer ginge, und als er

aufschaute, brach das Mädchen in ein helles Gelächter aus. Sie hatte

sich zum Spaß dagegen gestemmt und als Hans jetzt wütend wieder anzog,

tat sie es noch einmal.

Er sagte kein Wort. Aber während er den Hebel schob, welchem jenseits

der Leib des Mädchens widerstand, wurde ihm plötzlich schamhaft

beklommen zumut und allmählich hörte er ganz auf, weiterzudrehen. Eine

süße Angst überkam ihn und als ihm das junge Ding keck ins Gesicht

lachte, erschien sie ihm auf einmal verändert, befreundeter und doch

fremder, und nun lachte auch er ein wenig, ungeschickt vertraulich.

Und dann ruhte der Hebel vollends ganz.

Und die Emma sagte: »Wir wollen uns nicht so abrackern«, und gab ihm das

halbvolle Glas herüber, aus dem sie gerade selber getrunken hatte.

Dieser Schluck Most schien ihm sehr stark und süßer als der vorige, und

als er ihn getrunken hatte, sah er verlangend ins leere Glas und

wunderte sich, wie heftig sein Herz schlug und wie schwer ihm das Atmen

wurde.

Darauf arbeiteten sie wieder ein bißchen und Hans wußte nicht was er

tat, als er versuchte, sich so aufzustellen, daß der Rock des Mädchens

ihn streifen mußte und ihre Hand die seinige berührte. So oft dies aber

geschah, stockte ihm das Herz in angstvoller Wonne und kam eine wohlig

süße Schwäche über ihn, daß seine Knie ein wenig zitterten und in seinem

Kopf ein schwindliges Sausen erklang.

Was er sagte, wußte er nicht, aber er stand ihr Red' und Antwort,

lachte, wenn sie lachte, drohte ihr ein paarmal mit dem Finger, wenn sie

dummes Zeug trieb, und trank noch zweimal aus ihrer Hand ein Glas leer.

Zugleich jagte ein ganzes Heer von Erinnerungen an ihm vorüber:

Dienstmägde, die er abends mit Männern in den Haustüren hatte stehen

sehen, ein paar Sätze aus Geschichtenbüchern, der Kuß, den ihm Hermann

Heilner seinerzeit gegeben hatte, und eine Menge von Worten, Erzählungen

und dunkeln Schülergesprächen über »die Mädle« und »wie's ist, wenn man

a Schätzle hat«. Und er atmete so schwer wie ein Gaul beim

Bergaufziehen.

Alles war verwandelt. Die Leute und das Treiben rundherum war zu einem

farbig lachenden Wolkenwesen aufgelöst. Die einzelnen Stimmen, Flüche

und Gelächter gingen in einem allgemeinen trüben Brausen unter, der Fluß

und die alte Brücke sahen ferne und wie gemalt aus.

Auch Emma hatte ein anderes Aussehen. Er sah ihr Gesicht nicht mehr --

nur noch die dunklen frohen Augen und einen roten Mund, weiße spitze

Zähne dahinter; ihre Gestalt zerfloß und er sah nur noch einzelnes davon

-- bald einen Halbschuh mit schwarzem Strumpf darüber, bald ein

verirrtes Lockengehängsel im Nacken, bald einen ins blaue Tuch hinein

verschwindenden, gebräunten, runden Hals, bald die straffen Achseln und

darunter das atmende Wogen, bald ein rötlich durchscheinendes Ohr.

Und nach wieder einer Weile ließ sie das Trinkglas in den Zuber fallen

und bückte sich danach, und dabei drückte am Rand des Zubers ihr Knie

gegen sein Handgelenk. Und er bückte sich auch, aber langsamer, und

berührte fast mit seinem Gesicht ihr Haar. Das Haar hatte einen

schwachen Duft und darunter, im Schatten loser, krauser Löckchen,

glänzte warm und braun ein schöner Nacken und verlief in die blaue

Taille, deren stark angespannte Haften ihn noch ein Stück weit im Ritz

durchscheinen ließen.

Als sie sich wieder aufrichtete, und als dabei ihr Knie seinen Arm

entlang gleitete, und ihr Haar ihm die Backen streifte, und sie vom

Bücken ganz rot geworden war, lief ein heftiger Schauder Hans durch alle

Glieder. Er wurde blaß und hatte einen Augenblick das Gefühl einer

tiefen, tiefen Müdigkeit, so daß er sich an der Preßschraube festhalten

mußte. Sein Herz ging zuckend auf und ab und die Arme wurden schwach und

taten ihm in den Achseln weh.

Von da an sprach er fast kein Wort mehr und vermied den Blick des

Mädchens. Dafür sah er sie, sobald sie wegschaute, starr und mit einer

Mischung von ungekannter Lust und bösem Gewissen an. In dieser Stunde

zerriß etwas in ihm und tat ein neues, fremdartig verlockendes Land mit

fernen blauen Küsten sich vor seiner Seele auf. Er wußte noch nicht oder

ahnte nur, was die Bangnis und süße Qual in ihm bedeute, und wußte auch

nicht, was größer in ihm war, Pein oder Lust.

Die Lust aber bedeutete den Sieg seiner jungen Liebeskraft und das erste

Ahnen vom gewaltigen Leben, und die Pein bedeutete, daß der Morgenfriede

gebrochen war und daß seine Seele das Land der Kindheit verlassen hatte,

das man nicht wiederfindet. Sein leichtes Schifflein, knapp dem ersten

Schiffbruch entronnen, war nun in die Gewalt neuer Stürme und in die

Nähe wartender Untiefen und halsbrechender Klippen geraten, durch welche

auch die bestgeleitete Jugend keinen Führer hat, sondern aus eigenen

Kräften Weg und Rettung finden muß.

Es war gut, daß nun der Lehrbub wiederkam und ihn an der Presse ablöste.

Hans blieb noch eine Weile da. Er hoffte noch auf eine Berührung oder

ein freundliches Wort von Emma. Diese plauderte wieder an fremden

Keltern herum. Und da Hans sich vor dem Lehrling genierte, drückte er

sich nach einer Viertelstunde nach Hause, ohne Adieu zu sagen.

Alles war sonderbar anders geworden, schön und erregend. Die von den

Trebern feist gewordenen Sperlinge schossen lärmend durch den Himmel,

der noch nie so hoch und schön und so sehnsüchtig blau gewesen war.

Niemals hatte der Fluß einen so reinen, grünblauen, lachenden Spiegel

gehabt, noch ein so blendend weißes, brausendes Wehr. Alles schien

gleich zieren Bildern neu bemalt hinter klaren, frischen Glasscheiben zu

stehen. Alles schien auf den Beginn eines großen Festes zu warten. Auch

in der eigenen Brust empfand er ein beengend starkes, banges und süßes

Wogen seltsam verwegener Gefühle und ungewöhnlicher, greller Hoffnungen,

zusammen mit einer schüchtern zweifelnden Angst, es sei nur ein Traum

und könne niemals wahr werden. Anschwellend wurden diese zwiespältigen

Empfindungen zu einem dunkel auftreibenden Quell, zu einem Gefühl, als

wolle etwas allzu Starkes sich in ihm losmachen und Luft gewinnen --

vielleicht ein Schluchzen, vielleicht ein Singen, Schreien oder lautes

Lachen. Erst zu Hause beruhigte sich diese Erregung ein wenig. Dort war

freilich alles wie immer.

»Wo kommst denn her?« fragte Herr Giebenrath.

»Vom Flaig an der Mühle.«

»Wie viel hat der gemostet?«

»Zwei Faß, glaub ich.«

Er bat, die Flaigschen Kinder einladen zu dürfen, wenn der Vater ans

Mosten käme.

»Versteht sich«, brummte der Papa. »Ich mach's nächste Woche. Hol sie

dann nur!«

Es war noch eine Stunde bis zum Abendessen. Hans ging in den Garten

hinaus. Außer den beiden Tannen war wenig Grünes mehr da. Er riß eine

Haselgerte ab, ließ sie durch die Luft sausen und störte mit ihr im

welken Laub herum. Die Sonne war schon hinterm Berg, dessen schwarzer

Umriß mit haarfein gezeichneten Tannenspitzen den grünlich blauen,

feuchtklaren Späthimmel durchschnitt. Eine graue, langgestreckte Wolke,

gelb und bräunlich angeglüht, schwamm langsam und wohlig wie ein

heimkehrendes Schiff durch die dünne, goldige Luft talaufwärts.

Von der reifen, farbig satten Schönheit des Abends in einer seltsamen,

ihm fremden Weise ergriffen, schlenderte Hans durch den Garten. Zuweilen

blieb er stehen, schloß die Augen und versuchte sich die Emma

vorzustellen, wie sie ihm an der Presse gegenüber gestanden war, wie sie

ihn aus ihrem Becher hatte trinken lassen, wie sie sich über die Kufe

gebückt und errötend wieder erhoben hatte. Er sah ihre Haare, ihre Figur

im engen blauen Kleid, ihren Hals und von dunklen Härchen braun

verschatteten Nacken, und alles erfüllte ihn mit Lust und Zittern, nur

ihr Gesicht konnte er sich durchaus nicht mehr vorstellen.

Als die Sonne drunten war, spürte er die Kühle nicht und empfand die

vorschreitende Dämmerung wie einen Schleier voll von Heimlichkeiten, für

die er keine Namen wußte. Denn er begriff zwar, daß er sich in die

Heilbronnerin verliebt habe, aber das Arbeiten der erwachenden

Männlichkeit in seinem Blute begriff er nur dunkel als einen

ungewohnten, gereizten und müdemachenden Zustand.

Beim Abendessen war es ihm sonderbar, mit seinem verwandelten Wesen

mitten in der altgewohnten Umgebung zu sitzen. Der Vater, die alte Magd,

Tisch und Geräte und das ganze Zimmer kam ihm plötzlich altgeworden vor

und er sah alles mit einem Gefühl von Erstaunen, Fremdheit und

Zärtlichkeit an, als sei er soeben von einer langen Reise heimgekehrt.

Damals, als er mit seinem mörderlichen Aste liebäugelte, hatte er

dieselben Menschen und Sachen mit der wehmütig überlegenen Empfindung

eines Abschiednehmenden betrachtet, jetzt war's ein Zurückkehren,

Erstaunen, Lächeln, Wiederbesitzen.

Man hatte gegessen und Hans wollte schon aufstehen, da sagte sein Vater

in seiner kurzen Art: »Magst du gern Mechaniker werden, Hans, oder

lieber ein Schreiber?«

»Wieso?« fragte Hans erstaunt zurück.

»Du könntest Ende nächster Woche beim Mechaniker Schuler eintreten, oder

übernächste Woche auf dem Rathaus als Lehrling. Überleg' dir's

ordentlich! Wir reden dann morgen darüber.«

Hans stand auf und ging hinaus. Die plötzliche Frage hatte ihn verwirrt

und geblendet. Unerwartet stellte sich das tägliche, tätige, frische

Leben vor ihn hin, dem er seit Monaten fremd geworden war, hatte ein

lockendes Gesicht und ein drohendes Gesicht, versprach und forderte.

Eine rechte Lust hatte er weder zum Mechaniker noch zum Schreiber. Die

strenge körperliche Arbeit beim Handwerk schreckte ihn ein wenig. Da

fiel ihm sein Schulfreund August ein, der ja Mechaniker geworden war und

den er fragen konnte.

Während er der Sache nachdachte, wurden seine Vorstellungen trüber und

blasser, die Angelegenheit schien ihm doch nicht so gar eilig und

wichtig. Etwas anderes trieb und beschäftigte ihn, er schritt unruhig

die Hausflur auf und ab und plötzlich nahm er seinen Hut, verließ das

Haus und ging langsam auf die Gasse hinaus. Es war ihm eingefallen, er

müsse heute die Emma noch einmal sehen.

Es dunkelte schon. Aus einem nahen Wirtshaus tönte Geschrei und heiseres

Singen herüber. Manche Fenster waren beleuchtet, da und dort entzündete

sich eins und wieder eins und legte einen schwachen roten Schein in die

dunkle Luft. Eine lange Reihe junger Mädchen, Arm in Arm, flanierte

unter lautem Gelächter und Gerede fröhlich gaßab, schwankte im

unsicheren Licht und lief wie eine warme Woge von Jugend und Lust durch

die entschlummernden Gassen. Hans sah ihnen lange nach, das Herz schlug

ihm bis in den Hals. Hinter einem mit Gardinen verhängten Fenster hörte

man Geige spielen. Am Brunnen wusch ein Weib Salat. Auf der Brücke

spazierten zwei Burschen mit ihren Schätzen. Der eine hielt sein Mädchen

lose an der Hand, schlenkerte ihren Arm und rauchte seine Zigarre. Das

zweite Paar ging langsam und engverschlungen weiter, der Bursch umfaßte

die Hüfte des Mädchens und sie drückte Schulter und Kopf fest gegen

seine Brust. Hans hatte das hundertmal gesehen und nicht beachtet. Jetzt

hatte es einen heimlichen Sinn, eine unklare, aber lüstern süße

Bedeutung; sein Blick blieb auf der Gruppe ruhen und seine Phantasie

drängte ahnend einem nahen Verständnis entgegen. Beklommen und im

Innersten aufgerüttelt fühlte er sich einem großen Geheimnis nahe, von

dem er nicht wußte, ob es köstlich oder schrecklich wäre, aber von

beidem empfand er bebend etwas voraus.

Vor dem Flaigschen Häuschen machte er Halt und fand nicht den Mut

einzutreten. Was sollte er drinnen tun und sagen? Er mußte daran denken,

wie er als ein Bub von elf und zwölf Jahren oft hierher gekommen war;

dann hatte Flaig ihm biblische Geschichten erzählt und seinen stürmisch

neugierigen Fragen über die Hölle, den Teufel und die Geister

standgehalten. Diese Erinnerungen waren unbequem und gaben ihm ein

schlechtes Gewissen. Er wußte nicht, was er tun wollte, er wußte nicht

einmal, was er eigentlich wünschte, doch wollte ihm scheinen, er stehe

vor etwas Heimlichem und Verbotenem. Es schien ihm unrecht gegen den

Schuhmacher zu sein, daß er im Finstern vor seiner Türe stand, ohne

einzutreten. Und wenn jener ihn dastehen sähe oder jetzt aus der Türe

träte, würde er ihn wahrscheinlich nicht einmal schelten, sondern

auslachen, und davor graute ihm am meisten.

Er schlich sich hinter das Haus und konnte nun vom Gartenzaun aus in die

erleuchtete Wohnstube hineinsehen. Den Meister sah er nicht. Die Frau

schien etwas zu nähen oder zu stricken, der älteste Knabe war noch auf

und saß lesend am Tisch. Die Emma ging hin und her, offenbar mit

Aufräumen beschäftigt, so daß er sie immer nur für Augenblicke zu sehen

bekam. Es war so still, daß man jeden fernsten Schritt in der Gasse und

jenseits des Gartens das leise Strömen des Flusses deutlich hören

konnte. Die Dunkelheit und Nachtkühle nahm eilig zu.

Neben den Wohnzimmerfenstern lag ein kleineres Flurfenster dunkel. Nach

einer langen Weile erschien an diesem Fensterchen eine undeutliche

Gestalt, lehnte sich heraus und blickte in die Dunkelheit. Hans erkannte

an der Figur, daß es Emma war, und vor banger Erwartung stand ihm das

Herz still. Sie blieb im Fenster stehen, lang und ruhig herüberblickend,

doch wußte er nicht, ob sie ihn sehe und erkenne. Er regte kein Glied

und schaute starr zu ihr hinüber, mit ungewissem Zagen zugleich hoffend

und fürchtend, sie möchte ihn erkennen.

Und die undeutliche Gestalt verschwand wieder aus dem Fenster, gleich

darauf klinkte die kleine Gartentüre und Emma kam aus dem Hause. Hans

wollte im ersten Schrecken auf und davon, blieb aber willenlos am Zaun

lehnen und sah das Mädchen langsam ihm entgegen durch den dunklen Garten

schreiten, und bei jedem ihrer Schritte trieb es ihn, davonzulaufen, und

hielt etwas Stärkeres ihn zurück.

Nun stand Emma gerade vor ihm, keinen halben Schritt entfernt, nur der

niedrige Zaun dazwischen, und sie sah ihn aufmerksam und sonderbar an.

Eine ganze Zeitlang sagte keines ein Wort. Dann fragte sie leise:

»Was willst du?«

»Nichts«, sagte er, und es fuhr ihm wie ein Streicheln über die Haut,

daß sie ihm Du gesagt hatte.

Sie streckte ihm ihre Hand über den Zaun weg hin. Er nahm sie schüchtern

und zärtlich und drückte sie ein wenig, da merkte er, daß sie nicht

zurückgezogen wurde, faßte Mut und streichelte die warme Mädchenhand

fein und vorsichtig. Und als sie ihm noch immer willig überlassen blieb,

legte er sie an seine Wange. Eine Flut von durchdringender Lust, von

seltsamer Wärme und seliger Müdigkeit überlief sein Wesen, die Luft um

ihn her schien ihm lau und föhnfeucht, er sah nicht Gasse noch Garten

mehr, nur ein nahes helles Gesicht und ein Gewirre dunkler Haare.

Und es schien ihm aus einer großen Nachtferne her zu tönen, als das

Mädchen ganz leise fragte:

»Willst du mir einen Kuß geben?«

Das helle Gesicht kam näher, die Last eines Körpers bog die Latten ein

wenig nach außen, lose, leicht duftende Haare streiften Hans die Stirn,

und geschlossene Augen, von weißen, breiten Lidern und dunkeln Wimpern

zugedeckt, standen dicht vor den seinen. Ein heftiger Schauder lief ihm

über den Leib, als er mit scheuen Lippen den Mund des Mädchens berührte.

Er zitterte augenblicklich wieder zurück, aber sie hatte seinen Kopf mit

den Händen umfaßt, drückte ihr Gesicht in seines und ließ seine Lippen

nicht los. Er fühlte ihren Mund brennen, er fühlte ihn sich anpressen

und gierig festsaugen, als wolle er ihm das Leben austrinken. Eine tiefe

Schwäche überkam ihn; noch ehe die fremden Lippen von ihm ließen,

verwandelte die zitternde Lust sich in Todesmüdigkeit und Pein, und als

Emma ihn freigab, schwankte er und hielt sich mit krampfhaft klammernden

Fingern am Zaun fest.

»Du, sei morgen abend wieder da«, sagte Emma und ging rasch ins Haus

zurück. Sie war keine fünf Minuten fort gewesen, Hans aber schienen

lange Zeiten vergangen. Er schaute ihr mit leeren Blicken nach, hielt

sich noch immer an den Planken und fühlte sich zu müde, um einen Schritt

zu tun. Träumend hörte er seinem Blute zu, das ihm im Kopfe hämmerte, in

ungleichen, schmerzhaften Wogen vom Herzen und zurückflutete und ihm den

Atem verhielt.

* * * * *

Nun sah er drinnen im Zimmer die Türe gehen und den Meister

hereintreten, der wohl noch in der Werkstatt gewesen war. Eine Furcht,

man möchte ihn bemerken, überfiel ihn und trieb ihn davon. Er ging

langsam, widerwillig und unsicher wie ein leicht Betrunkener und hatte

bei jedem Schritt das Gefühl, in die Knie sinken zu müssen. Die dunkeln

Gassen mit schläfrigen Giebeln und trüben roten Fensteraugen flossen wie

bleiche Kulissen an ihm vorüber, und Brücke, Fluß, Höfe und Gärten. Der

Gerbergaßbrunnen plätscherte sonderbar laut und tönend. Traumbefangen

öffnete Hans ein Tor, kam durch einen pechfinsteren Gang, stieg Treppen

empor, öffnete und schloß eine Türe und noch eine, setzte sich auf einen

dastehenden Tisch und erwachte erst nach einer längeren Zeit zu der

Empfindung, zu Hause in seiner Stube zu sein. Es dauerte wieder eine

Weile, ehe er zum Entschluß kam, sich auszukleiden. Er tat es zerstreut

und blieb entkleidet am Fenster sitzen, bis ihn plötzlich die

Herbstnacht durchfröstelte und in die Kissen trieb.

Er glaubte augenblicklich einschlafen zu müssen. Aber kaum lag er und

war ein wenig warm geworden, so kam das Herzklopfen wieder und das

ungleiche, gewaltsame Wallen des Blutes. Sobald er die Augen zutat,

war's ihm als hinge der Mund des Mädchens noch an seinem, söge ihm die

Seele aus und erfülle ihn mit peinigender Hitze.

Spät schlief er ein und stürzte in gehetzter Flucht von Traum zu Traum.

Er stand in einer ängstlich tiefen Finsternis, um sich tastend griff er

Emmas Arm, sie umfaßte ihn und sie sanken zusammen in langsamem Fall in

eine warme, tiefe Flut. Der Schuhmacher stand plötzlich da und fragte,

warum er ihn nimmer besuchen wolle, da mußte Hans lachen und merkte, daß

es nicht Flaig, sondern Hermann Heilner war, der neben ihm im

Maulbronner Oratorium in einem Fenster saß und Witze machte. Aber

sogleich verflog auch das und er stand an der Mostpresse, die Emma

stemmte sich gegen den Hebel und er kämpfte mit aller Kraft dagegen an.

Sie bog sich herüber und suchte seinen Mund, es wurde still und

stockfinster und nun sank er wieder in eine warme, schwarze Tiefe und

verging vor Schwindel und Todesangst. Zugleich hörte er den Ephorus eine

Rede halten, von der er nicht wußte, ob sie ihm gelte.

Dann schlief er bis tief in den Morgen hinein. Es war ein heiter

goldiger Tag. Er ging lange im Garten auf und ab, bemühte sich

aufzuwachen und klar zu werden, war aber von einem zähen, schläfrigen

Nebel umgeben. Er sah violette Astern, die allerletzten Blumen des

Gartens, schön und lachend in der Sonne stehen, als wäre es noch im

August, und sah das warme, liebe Licht um die verdorrten Reiser und

Zweige und kahlen Ranken zärtlich und einschmeichelnd fluten, als wäre

es Vorfrühlingszeit. Aber er sah es nur, er erlebte es nicht, es ging

ihn nichts an. Plötzlich ergriff ihn eine klare, starke Erinnerung aus

der Zeit, da hier im Garten noch seine Hasen herumsprangen und sein

Wasserrad und Hammerwerkchen lief. Er mußte an einen Septembertag denken

vor drei Jahren. Es war der Vorabend vor dem Sedansfest; August war zu

ihm gekommen und hatte Efeu mitgebracht, nun wuschen sie ihre

Fahnenstangen blank und befestigten das Efeu an den goldenen Spitzen,

von morgen redend und sich auf morgen freuend. Sonst war nichts und

geschah nichts, aber sie waren beide so voll von Festahnung und großer

Freude gewesen, die Fahnen hatten in der Sonne geglänzt, die Anna hatte

Zwetschgenkuchen gebacken, und zu Nacht sollte auf dem hohen Felsen das

Sedansfeuer angezündet werden.

Hans wußte nicht, warum er gerade heute an jenen Abend denken mußte,

nicht warum diese Erinnerung so schön und mächtig war, noch warum sie

ihn so elend und traurig machte. Er wußte nicht, daß im Kleide dieser

Erinnerung seine Kindheit und sein Knabentum noch einmal fröhlich und

lachend vor ihm aufstand, um Abschied zu nehmen und den Stachel eines

gewesenen und nie wiederkehrenden großen Glückes zurückzulassen. Er

empfand nur, daß diese Erinnerung mit dem Denken an Emma und an gestern

abend sich nicht vertrug und daß etwas in ihm aufgestanden sei, das mit

dem damaligen Glücklichsein nicht vereinbar war. Er glaubte wieder die

goldenen Fahnenspitzen blinken zu sehen, seinen Freund August lachen zu

hören und den Duft der frischen Kuchen zu riechen, und das war alles so

heiter und glückselig und ihm so ferngerückt und fremd geworden, daß er

sich an den rauhen Stamm der großen Rottanne lehnte und in ein

hoffnungsloses Schluchzen ausbrach, das ihm für den Augenblick Trost

brachte und Erlösung gewährte.

Um Mittag lief er zu August, der jetzt erster Lehrling geworden und

mächtig auseinandergegangen und gewachsen war. Er erzählte ihm sein

Anliegen wegen dem Mechaniker werden.

»Das ist so 'ne Sache«, machte jener und schnitt ein welterfahrenes

Gesicht dazu. »Das ist so 'ne Sache. Weil du nämlich so ein

Schwachmatikus bist. Im ersten Jahr hast du immer beim Schmieden das

verdammte Draufschlagen und so'n Vorhammer ist kein Suppenlöffel. Und

mußt die Eisen herumtragen und abends aufräumen, und zum Feilen gehört

auch eine Kraft, und im Anfang, bis du was los hast, kriegst du nix als

alte Feilen, die hauen nix und sind glatt wie ein Affenarsch.«

Hans wurde sogleich kleinlaut.

»Ja, dann soll ich's lieber bleiben lassen?« fragte er zaghaft.

»Jerum, das hab' ich doch nicht gesagt! Sei doch kein Lamech! Bloß daß

es im Anfang kein Tanzboden ist. Aber sonst, ja -- so ein Mechaniker ist

was Feines, weißt du, und 'n guten Kopf muß einer auch haben, sonst kann

er Grobschmied werden. Da guck' mal her!«

Er brachte ein paar kleine, feingearbeitete Maschinenteile herbei, aus

blankem Stahl, und zeigte sie Hans.

»Ja, da darf kein halber Millimeter dran fehlen. Alles von Hand

geschafft, bis auf die Schrauben. Da heißt's Augen auf! Die werden jetzt

noch poliert und gehärtet, dann hat sich's.«

»Ja, das ist schön. Wenn ich nur wüßte --«

August lachte.

»Hast Angst? Ja, ein Lehrbub wird halt kuranzt, da hilft alles nix. Aber

ich bin auch noch da, und ich helf' dir dann schon. Und wenn du am

nächsten Freitag anfängst, dann hab' ich gerade mein zweites Lehrjahr

fertig und kriege am Samstag den ersten Wochenlohn. Und am Sonntag wird

gefeiert, und Bier, und Kuchen, und alle dabei, du auch, dann siehst du

mal, wie's bei uns hergeht. Ja, da schaust du! Und überhaupt sind wir ja

früher auch schon so gute Freunde gewest.«

Beim Essen sagte Hans seinem Vater, er habe Lust zum Mechaniker und ob

er in acht Tagen anfangen dürfe.

»Also gut«, sagte der Papa, und ging nachmittags mit Hans in die

Schulersche Werkstatt und meldete ihn an.

Als es aber anfing dämmerig zu werden, hatte Hans das alles schon wieder

so gut wie vergessen und dachte nur noch daran, daß er am Abend von der

Emma erwartet werde. Es verschlug ihm schon jetzt den Atem, die Stunden

waren ihm bald zu lang und bald zu kurz und er trieb der Begegnung

entgegen wie ein Schiffer einer Stromschnelle. Von Essen war diesen

Abend keine Rede, kaum brachte er eine Tasse Milch herunter. Dann ging

er.

Es war alles wie gestern -- dunkle, schläfernde Gassen, rote Fenster,

Laternenzwielicht und langsam wandelnde Liebespaare.

Am Zaun des Schustergartens überfiel ihn eine große Bangigkeit, er

zuckte bei jedem Geräusch zusammen und kam sich mit seinem Stehen und

Lauschen im Finstern vor wie ein Dieb. Er hatte noch keine Minute

gewartet, da stand die Emma vor ihm, fuhr ihm mit den Händen übers Haar

und öffnete ihm die Gartenpforte. Er trat vorsichtig ein und sie zog ihn

mit sich, leise durch den von Gebüsche eingefaßten Weg, durchs Hintertor

in den finsteren Hausgang.

Dort setzten sie sich nebeneinander auf die oberste Kellerstaffel und es

dauerte eine ganze Weile, bis sie einander in der Schwärze notdürftig

sehen konnten. Das Mädchen war guter Dinge und plauderte flüsternd drauf

los. Sie hatte schon manchen Kuß geschmeckt und wußte in Liebessachen

Bescheid; der schüchtern zärtliche Knabe war ihr eben recht. Sie nahm

sein schmales Gesicht zwischen ihre Hände und küßte Stirne, Augen und

Backen, und als der Mund an die Reihe kam und sie ihn wieder so lang und

saugend küßte, ergriff den Knaben ein Schwindel und er lag schlaff und

willenlos an sie gelehnt. Sie lachte leise und zupfte ihn am Ohr.

Sie plauderte fort und fort und er hörte zu und wußte nicht, was er

hörte. Sie strich mit der Hand über seinen Arm, über sein Haar, über

seinen Hals und seine Hände, sie lehnte ihre Wange an seine und ihren

Kopf auf seine Achsel. Er schwieg still und ließ alles geschehen, von

einem süßen Grauen und einer tiefen, glücklichen Bangigkeit erfüllt,

zuweilen kurz und leise wie ein Fiebernder zusammenzuckend.

»Was bist denn du für ein Schatz!« lachte sie. »Du traust dich ja gar

nix.«

Und sie nahm seine Hand, fuhr mit ihr über ihren Nacken und durch ihr

Haar und legte sie auf ihre Brust und drückte sich dagegen. Er spürte

die weiche Form und das süße fremde Wogen, schloß die Augen und fühlte

sich in endlose Tiefen untersinken.

»Nicht! Nicht mehr!« sagte er abwehrend, als sie ihn wieder küssen

wollte. Sie lachte.

Und sie zog ihn nahe zu sich und preßte seine Seite an ihre Seite, ihn

mit dem Arm umschlingend, daß er im Spüren ihres Leibes ganz den Kopf

verlor und gar nichts mehr sagen konnte.

»Hast mich denn auch lieb?« fragte sie.

Er wollte Ja sagen, aber er konnte nur nicken, und nickte eine ganze

Weile fort.

Sie nahm noch einmal seine Hand und schob sie scherzend unter ihr

Mieder. Da er so Puls und Atem des fremden Lebens heiß und nah erfühlte,

stockte ihm der Herzschlag und er glaubte sterben zu müssen, so schwer

ging sein Atem. Er zog die Hand zurück und stöhnte: »Jetzt muß ich

heimgehen.«

Als er aufstehen wollte, begann er zu schwanken und wäre ums Haar die

Kellertreppe hinuntergestürzt.

»Was hast du?« fragte Emma erstaunt.

»Ich weiß nicht. Ich bin so müd.«

Er fühlte nicht, daß sie auf dem Weg zum Gartenzaun ihn stützte und sich

an ihn preßte, und hörte nicht, daß sie Gutnacht sagte und hinter ihm

das Türlein schloß. Er kam durch die Gassen nach Hause, er wußte nicht

wie, als risse ein großer Sturm ihn mit oder als trüge ihn schaukelnd

eine mächtige Flut.

Er sah blasse Häuser links und rechts, in der Höhe darüber Bergrücken,

Tannenspitzen, Nachtschwärze und große, ruhende Sterne. Er fühlte den

Wind wehen, hörte den Fluß an den Brückenpfeilern hinströmen und sah im

Wasser Gärten, blasse Häuser, Nachtschwärze, Laternen und Sterne

gespiegelt.

Auf der Brücke mußte er sich setzen; er war so müde und glaubte, nicht

mehr nach Hause zu kommen. Er setzte sich auf die Brüstung, er horchte

auf das Wasser, das an den Pfeilern rieb und am Wehr brauste und am

Mühlrechen orgelte. Seine Hände waren kalt, in Brust und Kehle arbeitete

stockend und sich überstürzend das Blut, verfinsterte ihm die Augen und

rann wieder in plötzlicher Welle zum Herzen, den Kopf voll Schwindel

lassend.

Er kam nach Hause, fand seine Stube, legte sich und schlief sogleich

ein, im Traume von Tiefe zu Tiefe durch ungeheure Räume stürzend. Um

Mitternacht erwachte er gepeinigt und erschöpft und lag bis an den

Morgen zwischen Schlaf und Wachen, von einer verdürstenden Sehnsucht

erfüllt, von unbeherrschten Kräften hin und her geworfen, bis in der

ersten Frühe seine ganze Qual und Bedrängnis in ein langes Weinen

ausbrach und er auf tränennassen Kissen nochmals einschlief.

Unterm Rad · 第 9 / 12 题