Herr Giebenrath hantierte mit Würde und Geräusch an der Mostpresse und
Hans half mit. Von den Schusterskindern waren zwei der Einladung
gefolgt, machten sich am Obst zu schaffen, führten gemeinsam ein kleines
Probiergläschen und trugen ungeheure Stücke Schwarzbrot in der Faust.
Aber Emma war nicht mitgekommen.
Erst als der Vater mit dem Küfer für eine halbe Stunde weggegangen war,
wagte Hans nach ihr zu fragen.
»Wo ist denn die Emma? Hat sie nicht kommen mögen?«
Es dauerte eine Zeit, bis die Kleinen leere Mäuler hatten und reden
konnten.
»Sie ist ja fort«, sagten sie und nickten.
»Fort, wohin fort?«
»Heim.«
»Abgereist? Mit der Eisenbahn?«
Die Kinder nickten eifrig.
»Wann denn?«
»Heute morgen.«
Die Kleinen langten wieder nach ihren Äpfeln. Hans drückte an der Presse
herum, starrte in den Mostkübel und begann langsam zu begreifen.
Der Vater kam wieder, man arbeitete und lachte, die Kinder bedankten
sich und liefen fort, es wurde Abend und man ging nach Hause.
Nach dem Nachtessen saß Hans in seiner Stube allein. Es wurde zehn Uhr
und elf Uhr, er machte kein Licht. Dann schlief er tief und lang.
Als er später als sonst erwachte, hatte er nur das undeutliche Gefühl
eines Unglücks und Verlustes, bis ihm Emma wieder einfiel. Sie war fort,
ohne Gruß, ohne Abschied; sie hatte ohne Zweifel schon gewußt, wann sie
reisen würde, als er den letzten Abend bei ihr war. Er erinnerte sich an
ihr Lachen und an ihr Küssen und an ihr überlegenes Sichgeben. Sie hatte
ihn gar nicht ernst genommen.
Mit dem zornigen Schmerz darüber floß die Unruhe seiner erregten und
ungestillten Liebeskräfte zu einer trüben Qual zusammen, die ihn vom
Haus in den Garten, auf die Straße, in den Wald und wieder heim trieb.
So erfuhr er, vielleicht viel zu früh, seinen Teil vom Geheimnis der
Liebe, und es enthielt für ihn wenig Süßes und viel Bitteres. Tage voll
fruchtloser Klagen, sehnlicher Erinnerungen, trostloser Grübeleien;
Nächte, in denen Herzklopfen und Beklemmung ihn nicht schlafen ließ oder
in drückend schreckliche Träume stürzte. Träume, in welchen die
unverstandenen Wallungen seines Blutes zu ungeheuerlichen, ängstigenden
Fabelbildern wurden, zu tödlich umschlingenden Armen, zu heißäugigen
Phantasieen, zu schwindelnden Abgründen, zu riesigen lodernden Augen.
Aufwachend fand er sich allein, von der Einsamkeit der kühlen
Herbstnächte umfangen, litt Sehnsucht nach seinem Mädchen und preßte
sich stöhnend in verweinte Kissen.
Der Freitag, an dem er in die Mechanikerwerkstatt eintreten sollte, kam
näher. Der Vater kaufte ihm einen blauen Leinenanzug und eine blaue,
halbwollene Mütze, er probierte das Zeug an und kam sich in der
Schlosseruniform verändert und ziemlich lächerlich vor. Wenn er am
Schulhaus, an der Wohnung des Rektors oder des Rechenlehrers, an der
Flaigschen Werkstatt oder am Stadtpfarrhaus vorüberkam, wurde ihm elend
zumute. So viel Plage, Fleiß und Schweiß, so viel hingegebene kleine
Freuden, so viel Stolz und Ehrgeiz und hoffnungsfrohes Träumen, alles
umsonst, alles nur, damit er jetzt, später als alle Kameraden und von
allen ausgelacht, als kleinster Lehrbub in eine Werkstatt gehen konnte!
Was würde Heilner dazu sagen?
Erst allmählich begann er sich mit dem blauen Schlosseranzug zu
versöhnen und sich auf den Freitag, an dem er ihn einweihen sollte, ein
wenig zu freuen. Da war doch wenigstens wieder etwas zu erleben!
Doch waren diese Gedanken nicht viel mehr als rasche Blitze aus einem
dunkeln Gewölk. Die Abreise des Mädchens vergaß er nicht, noch weniger
vergaß oder überwand sein Blut die Aufreizungen dieser Tage. Es drängte
und schrie nach mehr, nach einer Erlösung seiner erwachten Sehnsucht
oder nach einem Führer durch die Rätsel, deren Lösung ihm allein zu
schwer war. So verging dumpf und qualvoll langsam die Zeit.
Der Herbst war schöner als je, voll sanfter Sonne, mit silbernen
Morgenfrühen, farbig lachenden Mittagen und klaren Abenden. Die ferneren
Berge nahmen ein tiefes Sammetblau an, die Kastanienbäume leuchteten
goldgelb und über Mauern und Zäune hing purpurn das wilde Weinlaub
herab.
Hans war ruhelos vor sich selber auf der Flucht. Tagsüber lief er in der
Stadt und in den Feldern umher und wich den Leuten aus, da er meinte,
man müsse ihm seine Liebesnöte anmerken. Abends aber ging er auf die
Gasse, blickte auf jede Dienstmagd und schlich jedem Liebespaar mit
erbärmlich schlechtem Gewissen nach. Mit Emma schien ihm alles
Begehrenswerte und aller Zauber des Lebens nahe gewesen und tückisch
wieder entglitten zu sein. Er dachte nicht mehr an die Qual und
Beklemmung, die er bei ihr empfunden hatte. Wenn er sie jetzt wieder
hätte, glaubte er, würde er nimmer schüchtern sein, sondern ihr alle
Geheimnisse entreißen und ganz in den verwunschenen Liebesgarten
eindringen, dessen Tor ihm jetzt vor der Nase zugeschlagen war. Seine
ganze Phantasie hatte sich in diesem schwülen, gefährlichen Dickicht
verstrickt, irrte verzagend darin umher und wollte in hartnäckiger
Selbstpeinigung nichts davon wissen, daß außerhalb des engen
Zauberkreises schöne weite Räume licht und freundlich lagen.
Schließlich war er froh, als der anfangs mit Bangen erwartete Freitag da
war. Zeitig am Morgen legte er das neue blaue Arbeitskleid an, setzte
die Mütze auf und ging ein wenig zaghaft die Gerbergasse hinunter nach
dem Schulerschen Hause. Ein paar Bekannte sahen ihm neugierig nach, und
einer fragte auch: »Was ist, bist du Schlosser worden?«
In der Werkstatt wurde schon flott gearbeitet. Der Meister war gerade am
Schmieden. Er hatte ein Stück rotwarmes Eisen auf dem Ambos, ein Geselle
führte den schweren Vorhammer, der Meister tat die feinern, formenden
Schläge, regierte die Zange und schlug zwischenein mit dem handlichen
Schmiedehammer auf dem Ambos den Takt, daß es hell und heiter durch die
weit offenstehende Türe in den Morgen hinausklang.
An der langen, von Öl und Feilspänen geschwärzten Werkbank stand der
ältere Geselle und neben ihm August, jeder an seinem Schraubstock
beschäftigt. An der Decke surrten rasche Riemen, welche die Drehbänke,
den Schleifstein, den Blasebalg und die Bohrmaschine trieben, denn man
arbeitete mit Wasserkraft. August nickte seinem eintretenden Kameraden
zu und bedeutete ihm, er solle an der Türe warten, bis der Meister Zeit
für ihn habe.
Hans blickte die Esse, die stillstehenden Drehbänke, die sausenden
Riemen und Leerlaufscheiben schüchtern an. Als der Meister sein Stück
fertig geschmiedet hatte, kam er herüber und streckte ihm eine große,
harte und warme Hand entgegen.
»Da hängst du deine Kappe auf«, sagte er und deutete auf einen leeren
Nagel an der Wand.
»So, komm. Und da ist dein Platz und dein Schraubstock.«
Damit führte er ihn vor den hintersten Schraubstock und zeigte ihm vor
allem, wie er mit dem Schraubstock umgehen und die Werkbank samt den
Werkzeugen in Ordnung halten müsse.
»Dein Vater hat mir schon gesagt, daß du kein Herkules bist, und man
sieht's auch. Na, fürs erste kannst du noch vom Schmieden wegbleiben,
bis du ein bißchen stärker bist.«
Er griff unter die Werkbank und zog ein gußeisernes Zahnrädchen hervor.
»So, damit kannst du anfangen. Das Rad ist noch roh aus der Gießerei und
hat überall kleine Buckel und Grate, die muß man abkratzen, sonst gehen
nachher die feinen Werkzeuge dran zuschanden.«
Er spannte das Rad in den Schraubstock, nahm eine alte Feile her und
zeigte, wie es zu machen sei.
»So, nun mach' weiter. Aber daß du mir keine andere Feile nimmst! Bis
Mittag hast du genug daran zu schaffen, dann zeigst du mir's. Und bei
der Arbeit kümmerst du dich um gar nichts, als was dir gesagt wird.
Gedanken braucht ein Lehrling nicht zu haben.«
Hans begann zu feilen.
»Halt!« rief der Meister. »Nicht so. Die linke Hand wird so auf die
Feile gelegt. Oder bist du ein Linkser?«
»Nein.«
»Also gut. 's wird schon gehen.«
Er ging weg an seinen Schraubstock, den ersten bei der Türe, und Hans
sah zu, wie er zurecht kam.
Bei den ersten Strichen wunderte er sich, daß das Zeug so weich war und
so leicht abging. Dann sah er, daß das nur die oberste spröde Gußrinde
war, die lose abblätterte, und daß darunter erst das körnige Eisen saß,
das er glätten sollte. Er nahm sich zusammen und arbeitete eifrig fort.
Seit seinen spielerischen Knabenbasteleien hatte er nie das Vergnügen
gekostet, unter seinen Händen etwas Sichtbares und Brauchbares entstehen
zu sehen.
»Langsamer!« rief der Meister herüber. »Beim Feilen muß man Takt halten
-- eins zwei, eins zwei. Und draufdrücken, sonst geht die Feile kaputt.«
Da hatte der älteste Geselle etwas an der Drehbank zu tun und Hans
konnte sich nicht enthalten, hinüberzuschielen. Ein Stahlzapfen wurde in
die Scheibe gespannt, der Riemen übersetzt, und blinkend surrte der
Zapfen, sich hastig drehend, indessen der Geselle einen haardünnen,
glänzenden Span davon abnahm.
Und überall lagen Werkzeuge, Stücke von Eisen, Stahl und Messing,
halbfertige Arbeiten, blanke Rädchen, Meißel und Bohrer, Drehstähle und
Ahlen von jeder Form, neben der Esse hingen Hämmer und Setzhämmer,
Ambosaufsätze, Zangen und Lötkolben, die Wand entlang Reihen von Feilen
und Fräsen, auf den Borden lagen Öllappen, kleine Besen,
Schmirgelfeilen, Eisensägen, und standen Ölkannen, Säureflaschen, Nägel-
und Schraubenkistchen herum. Jeden Augenblick wurde der Schleifstein
benützt.
Mit Genugtuung nahm Hans wahr, daß seine Hände schon ganz schwarz waren,
und hoffte, es möchte auch sein Anzug bald gebrauchter aussehen, der
sich jetzt noch neben den schwarzen und geflickten Monturen der anderen
lächerlich neu und blau ausnahm.
Wie der Vormittag vorschritt, kam auch von außen noch Leben in die
Werkstatt. Es kamen Arbeiter aus der benachbarten Maschinenstrickerei,
um kleine Maschinenteile schleifen oder reparieren zu lassen. Es kam ein
Bauersmann, fragte nach seiner Waschmange, die zum Flicken da war, und
fluchte lästerlich, als er hörte, sie sei noch nicht fertig. Dann kam
ein eleganter Fabrikbesitzer, mit dem der Meister in einem Nebenraum
verhandelte.
Daneben und dazwischen arbeiteten Menschen, Räder und Riemen gleichmäßig
fort und so vernahm und verstand Hans zum erstenmal in seinem Leben den
Hymnus der Arbeit, der wenigstens für den Anfänger etwas Ergreifendes
und angenehm Berauschendes hat, und sah seine kleine Person und sein
kleines Leben einem großen Rhythmus eingefügt.
Um neun Uhr war eine Viertelstunde Pause und jeder erhielt ein Stück
Brot und ein Glas Most. Erst jetzt begrüßte August den neuen Lehrbuben.
Er redete ihm aufmunternd zu und fing wieder an vom nächsten Sonntag zu
schwärmen, wo er seinen ersten Wochenlohn mit den Kollegen verjubeln
wolle. Hans fragte, was das für ein Rad sei, das er abzufeilen habe, und
er erfuhr, es gehöre zu einer Turmuhr. August wollte ihm noch zeigen,
wie es später zu laufen und zu arbeiten habe, aber da fing der erste
Geselle wieder zu feilen an und alle gingen schnell an ihre Plätze.
Als es zwischen zehn und elf Uhr war, begann Hans müde zu werden; die
Knie und der rechte Arm taten ihm ein wenig weh. Er trat von einem Fuß
auf den andern und streckte heimlich seine Glieder, aber es half nicht
viel. Da ließ er die Feile für einen Augenblick los und stützte sich auf
den Schraubstock. Es achtete niemand auf ihn. Wie er so stand und ruhte
und über sich die Riemen singen hörte, kam eine leichte Betäubung über
ihn, daß er eine Minute lang die Augen schloß. Da stand gerade der
Meister hinter ihm.
»Na, was gibt's? Bist schon müd?«
»Ja, ein bißchen«, gestand Hans.
Die Gesellen lachten.
»Das gibt sich schon«, sagte der Meister ruhig. »Jetzt kannst du einmal
sehen, wie man lötet. Komm!«
Hans schaute neugierig zu, wie gelötet wurde. Erst wurde der Kolben warm
gemacht, dann die Lötstelle mit Lötwasser bestrichen und dann tropfte
vom heißen Kolben das weiße Metall und zischte gelind.
»Nimm einen Lappen und reibe das Ding gut ab. Lötwasser beizt, das darf
man auf keinem Metall sitzen lassen.«
Darauf stand Hans wieder vor seinem Schraubstock und kratzte mit der
Feile an dem Rädlein herum. Der Arm tat ihm weh und die linke Hand, die
auf die Feile drücken mußte, war rot geworden und begann zu schmerzen.
Um Mittag, als der Obergeselle seine Feile weglegte und zum Händewaschen
ging, brachte er seine Arbeit dem Meister. Der sah sie flüchtig an.
»'s ist schon recht, man kann's so lassen. Unter deinem Platz in der
Kiste liegt noch ein gleiches Rad, das nimmst du heut nachmittag vor.«
Nun wusch auch Hans sich die Hände und ging weg. Eine Stunde hatte er
zum Essen frei.
Zwei Kaufmannsstifte, frühere Schulkameraden von ihm, gingen auf der
Straße hinter ihm her und lachten ihn aus.
»Landesexamenschlosser!« rief einer.
Er ging schneller. Er wußte nicht recht, ob er eigentlich zufrieden sei
oder nicht; es hatte ihm in der Werkstatt gut gefallen, nur war er so
müd geworden, so heillos müd.
Und unter der Haustüre, während er sich schon aufs Sitzen und Essen
freute, mußte er plötzlich an Emma denken. Er hatte sie den ganzen
Vormittag vergessen gehabt. Jetzt saß plötzlich das Leid von gestern und
vorgestern ihm wieder im Nacken, so schwer wie je. Er ging leise in sein
Stüblein hinauf, warf sich aufs Bett und stöhnte vor tiefer Qual. Er
wollte weinen, aber seine Augen blieben trocken. Hoffnungslos sah er
sich wieder der verzehrenden Sehnsucht hingegeben, deren Ziel ihm dunkel
war und die wie eine grausame Krankheit an ihm fraß. Der Kopf stürmte
und schmerzte ihm und die Kehle tat ihm weh vor ersticktem Schluchzen.
Das Mittagessen war eine Qual. Er mußte dem Vater Rede stehen und
erzählen und sich allerlei kleine Witze gefallen lassen, denn der Papa
war guter Laune. Kaum hatte man gegessen, lief er in den Garten hinaus
und brachte dort in der Sonne eine Viertelstunde halbträumend zu, dann
war es Zeit, wieder in die Werkstatt zu gehen.
Schon vormittags hatte er rote Schwielen an den Händen bekommen, jetzt
begannen sie ernstlich weh zu tun und waren am Abend so geschwollen, daß
er nichts anfassen konnte, ohne Schmerzen zu haben. Und vor Feierabend
mußte er noch unter Augusts Anleitung die ganze Werkstatt aufräumen.
Der Samstag war noch schlimmer. Die Hände brannten ihn, die Schwielen
hatten sich zu Blasen vergrößert. Der Meister war schlechter Laune und
fluchte beim kleinsten Anlaß. August tröstete zwar, das mit den
Schwielen daure nur ein paar Tage, dann habe man harte Hände und spüre
nichts mehr, aber Hans fühlte sich todunglücklich, schielte den ganzen
Tag nach der Uhr und kratzte hoffnungslos an seinem Rädchen herum.
* * * * *
Abends beim Aufräumen teilte August ihm flüsternd mit, er gehe morgen
mit ein paar Kameraden nach Bielach hinaus, es müsse flott und lustig
hergehen und Hans dürfe auf keinen Fall fehlen. Er solle ihn um zwei Uhr
abholen. Hans sagte zu, obwohl er am liebsten den ganzen Sonntag daheim
liegen geblieben wäre, so elend und müde war er. Zu Hause gab ihm die
alte Anna eine Salbe für die wunden Hände, er ging schon um acht Uhr ins
Bett und schlief bis in den Vormittag hinein, so daß er sich sputen
mußte, um noch mit dem Vater in die Kirche zu kommen.
Beim Mittagessen fing er von August zu reden an und daß er heute mit ihm
über Feld wolle. Der Vater hatte nichts dagegen, schenkte ihm sogar
fünfzig Pfennig und verlangte nur, er müsse zum Nachtessen wieder da
sein.
Als Hans bei dem schönen Sonnenschein durch die Gassen schlenderte,
hatte er seit Monaten zum erstenmal wieder eine Freude am Sonntag. Die
Straße war feierlicher, die Sonne heiterer und alles festlicher und
schöner, wenn man Arbeitstage mit schwarzen Händen und müden Gliedern
hinter sich hatte. Er begriff jetzt die Metzger und Gerber, Bäcker und
Schmiede, die vor ihren Häusern auf den sonnigen Bänken saßen und so
königlich heiter aussahen, und er betrachtete sie nimmer als elende
Banausen. Er schaute Arbeitern, Gesellen und Lehrlingen nach, die in
Reihen spazieren oder ins Wirtshaus gingen, den Hut ein wenig schief auf
dem Kopf, mit weißen Hemdkragen und in ausgebürsteten Sonntagskleidern.
Meistens, wenn auch nicht immer, blieben die Handwerker unter sich,
Schreiner bei Schreinern, Maurer bei Maurern, hielten zusammen und
wahrten die Ehre ihres Standes, und unter ihnen waren die Schlosser die
vornehmste Zunft, obenan die Mechaniker. Das alles hatte etwas
Anheimelndes und wenn auch manches daran ein wenig naiv und lächerlich
war, lag doch dahinter die Schönheit und der Stolz des Handwerks
verborgen, die auch heute noch immer etwas Freudiges und Tüchtiges
vorstellen und von denen der armseligste Schneiderlehrling noch einen
kleinen Schimmer erhält, den kein Fabrikarbeiter und auch kein Kaufmann
hat.
Wie vor dem Schulerschen Hause die jungen Mechaniker standen, ruhig und
stolz, Vorübergehenden zunickend und untereinander plaudernd, da konnte
man wohl sehen, daß sie eine zuverlässige Gemeinschaft bildeten und
keines Fremden bedurften, auch am Sonntag beim Vergnügen nicht.
Hans fühlte das auch und freute sich, zu diesen zu gehören. Doch empfand
er eine kleine Angst vor dem geplanten Sonntagsvergnügen, denn er wußte
schon, daß es bei den Mechanikern im Lebensgenusse massiv und reichlich
zuging. Vielleicht würden sie sogar tanzen. Das konnte Hans nicht, im
übrigen aber gedachte er so gut als möglich seinen Mann zu stellen und
nötigenfalls einen kleinen Katzenjammer zu riskieren. Er war nicht
gewohnt, viel Bier zu trinken, und im Rauchen hatte er es mit Mühe dahin
gebracht, daß er etwa eine Zigarre mit Vorsicht zu Ende bringen konnte,
ohne Elend und Schande davon zu haben.
August begrüßte ihn mit festlicher Freudigkeit. Er erzählte, daß zwar
der ältere Geselle nicht mitkommen wolle, dafür aber ein Kollege aus
einer andern Werkstatt, so seien sie wenigstens vier Leute und das
genüge schon, um ein ganzes Dorf umzudrehen. Bier könne heute jeder
trinken so viel er möge, denn das bezahle er für alle. Er bot Hans eine
Zigarre an, dann setzten sich die Vier langsam in Bewegung, bummelten
langsam und stolz durch die Stadt und fingen erst unten am Lindenplatz
an schneller zu marschieren, um beizeiten nach Bielach zu kommen.
Der Spiegel des Flusses flimmerte blau, gold und weiß, durch die fast
ganz entblätterten Ahorne und Akazien der Straßenalleen wärmte eine
milde Oktobersonne herab, der hohe Himmel war wolkenlos hellblau. Es war
einer von den stillen, reinen und freundlichen Herbsttagen, an denen
alles Schöne des vergangenen Sommers wie eine leidlose, lächelnde
Erinnerung die milde Luft erfüllt, an denen die Kinder die Jahreszeit
vergessen und meinen, sie müssen Blumen suchen, und an denen die alten
Männlein und Weiberlein mit sinnenden Augen vom Fenster oder von der
Bank vorm Hause in die Lüfte schauen, weil es ihnen scheint, die
freundlichen Erinnerungen nicht nur des Jahres, sondern ihres ganzen
abgelaufenen Lebens flögen sichtbar durch die klare Bläue. Die Jungen
aber sind guter Dinge und preisen den schönen Tag, je nach Gaben und
Gemütsart, durch Trankopfer oder Schlachtopfer, durch Gesang oder Tanz,
durch Trinkgelage oder durch großartige Raufhändel, denn überall sind
frische Obstkuchen gebacken worden, liegt junger Apfelmost oder Wein
gärend im Keller und feiert Geige oder Harmonika vor den Wirtshäusern
und auf den Lindenplätzen die letzten schönen Tage des Jahres und ladet
zu Tanz und Liedersingen und Liebesspielen ein.
Die jungen Burschen wanderten rasch voran. Hans rauchte seine Zigarre
mit dem Anschein der Sorglosigkeit und wunderte sich selber darüber, daß
sie ihm ganz wohl bekam. Der Gesell erzählte von seiner Wanderschaft und
niemand nahm daran Anstoß, daß er das Maul so voll nahm; das gehörte zur
Sache. Auch der bescheidenste Handwerksgeselle, wenn er im Brot sitzt
und vor Augenzeugen sicher ist, erzählt von seinen Wanderzeiten in einem
großartigen und flotten, ja sagenhaften Ton. Denn die wundervolle Poesie
des Handwerksburschenlebens ist Gemeingut des Volkes und dichtet aus
jedem einzelnen heraus die traditionellen alten Abenteuer neu mit neuen
Arabesken, und jeder Kennkunde und Fechtbruder hat, wenn er ins Erzählen
gerät, ein Stück vom unsterblichen Eulenspiegel und ein Stück vom
unsterblichen Straubinger in sich.
»Also in Frankfurt, wo ich damals gewesen bin, Sackerlot, da war noch
ein Leben! Hab' ich denn das noch nie erzählt, wie ein reicher Kaufmann,
so ein geschleckter Aff, meines Meisters Tochter hat heiraten wollen;
aber sie hat ihn heimgeschickt, weil ich ihr um eine Nummer lieber war
und ist mein Schatz gewesen vier Monat lang und wenn ich nicht Händel
mit dem Alten bekommen hätt', säß ich jetzt dort und wär' sein
Schwiegersohn.«
Und weiter erzählte er, wie ihn der Meister, das Luder, hat kuranzen
wollen, der elende Seelenverkäufer, und hat's einmal gewagt und die Hand
nach ihm ausgestreckt, da hat er aber kein Wort gesagt, sondern bloß den
Schmiedehammer geschwungen und den Alten 'mal so angesehen, und der ist
aber ganz still weggegangen, weil ihm sein Schädel lieb war, und hat ihm
dann nachher schriftlich gekündigt, der feige Tropf. Und er erzählte von
einer großen Schlacht in Offenburg, wo drei Schlosser, er dabei, sieben
Fabrikler halb tot geschlagen haben, -- wer nach Offenburg kommt,
braucht bloß den langen Schorsch zu fragen, der ist noch dort und ist
damals mitgewesen.
Das alles wurde mit einem kühl-brutalen Ton, aber mit großem innerem
Eifer und Wohlgefallen mitgeteilt und jeder hörte mit tiefem Vergnügen
zu und beschloß im stillen, diese Geschichte später auch einmal zu
erzählen, anderswo bei andern Kameraden. Denn jeder Schlosser hat einmal
seines Meisters Tochter zum Schatz gehabt und ist einmal mit dem Hammer
auf einen bösen Meister losgegangen und hat einmal sieben Fabrikler
elend durchgehauen. Bald spielt die Geschichte im Badischen, bald in
Hessen oder in der Schweiz, bald war es statt des Hammers die Feile oder
ein glühendes Eisen, bald waren es statt Fabriklern Bäcker oder
Schneider, aber es sind immer die alten Geschichten und man hört sie
immer wieder gern, denn sie sind alt und gut und machen der Zunft Ehre.
Womit nicht gesagt sein soll, daß es nicht immer wieder und auch heute
noch unter den Wanderburschen solche gibt, die Genies im Erleben oder
Genies im Erfinden sind, was beides ja im Grunde dasselbe ist.
Namentlich August war hingerissen und vergnügt. Er lachte fortwährend
und stimmte zu, fühlte sich schon als halber Geselle und blies mit
verächtlicher Genießermiene den Tabakrauch in die goldige Luft. Und der
Erzähler spielte seine Rolle weiter, denn es kam ihm darauf an, sein
Mitdabeisein als eine gutmütige Herablassung hinzustellen, da er als
Gesell eigentlich am Sonntag nicht zu den Lehrlingen gehörte und sich
hätte schämen sollen, dem Buben seine Batzen vertrinken zu helfen.
Man war eine gute Strecke die Landstraße flußabwärts gegangen; jetzt
hatte man die Wahl zwischen einem langsam steigenden, im Bogen bergan
führenden Fahrsträßchen und einem steilen Fußweg, der nur halb so weit
war. Man wählte die Fahrstraße, wenn sie auch weit und staubig war.
Fußwege sind für den Werktag und für spazierengehende Herren; das Volk
aber liebt, namentlich an Sonntagen, die Landstraße, deren Poesie ihm
noch nicht verloren gegangen ist. Steile Fußwege ersteigen, das ist für
Bauersleute oder für Naturfreunde aus der Stadt, das ist eine Arbeit
oder ein Sport, aber kein Vergnügen fürs Volk. Dagegen eine Landstraße,
wo man behaglich vorwärts kommt und dabei plaudern kann, wo man Stiefel
und Sonntagskleider schont, wo man Wagen und Pferde sieht, andere
Bummler antrifft und einholt, geputzten Mädchen und singenden
Burschengruppen begegnet, wo einem Witze nachgerufen werden, die man
lachend heimgibt, wo man stehen und schwatzen und ledigenfalls den
Mädchenreihen nachlaufen und nachlachen oder des abends persönliche
Differenzen mit guten Kameraden durch Taten zum Ausdruck und Ausgleich
bringen kann! So wenig ein Handwerksbursche je so dumm ist, die lustige,
bequeme und ergiebige Straße mit Fußwegen zu vertauschen, so wenig tut
es der städtische Kleinbürger.
Man ging also den Fahrweg, der sich in großem Bogen ruhig und freundlich
berghinan zog wie einer, der Zeit hat und kein Schweißvergießen liebt.
Der Geselle zog den Rock aus und trug ihn am Stock auf der Achsel, statt
des Erzählens hatte er nun zu pfeifen begonnen, auf eine überaus
verwegene und lebenslustige Art, und pfiff, bis man nach einer Stunde in
Bielach ankam. Über Hans waren einige Sticheleien ergangen, die ihn
nicht stark anfochten und von August eifriger als von ihm selber pariert
wurden. Und nun stand man vor Bielach.
* * * * *
Das Dorf lag mit roten Ziegeldächern und silbergrauen Strohdächern
zwischen herbstfarbige Obstbäume gebettet, rückwärts vom dunklen
Bergwalde überragt.
Die jungen Leute wollten über das Wirtshaus, in das man einkehren
wollte, nicht einig werden. Der »Anker« hatte das beste Bier, aber der
»Schwan« die besten Kuchen, und im »Scharfen Eck« war eine schöne
Wirtstochter. Endlich setzte August durch, daß man in den »Anker« gehe,
und deutete augenzwinkernd an, das »Scharfe Eck« werde wohl während der
paar Schoppen nicht davonlaufen und auch nachher noch zu finden sein.
Das war allen recht, und so ging man ins Dorf, an den Ställen und an den
mit Geranienstöcken besetzten niederen Bauernfenstern vorbei auf den
»Anker« los, dessen goldenes Schild über zwei junge, runde Kastanien
hinweg in der Sonne gleißend lockte. Zum Leidwesen des Gesellen, der
durchaus innen sitzen wollte, war die Schankstube überfüllt und man
mußte im Garten Platz nehmen.
Der »Anker« war nach den Begriffen seiner Gäste ein feines Lokal, also
kein altes Bauernwirtshaus, sondern ein moderner Backsteinwürfel mit zu
vielen Fenstern, mit Stühlen statt der Bänke und mit einer Menge von
farbigen Reklameschildern aus Blech, ferner mit einer städtisch
angezogenen Kellnerin und einem Wirte, den man niemals in Hemdärmeln,
sondern stets in einem vollständigen braunen Anzug nach der Mode zu
sehen bekam. Er war eigentlich bankrott, hatte aber sein eigenes Haus
von seinem Hauptgläubiger, einem großen Bierbrauer, in Pacht genommen
und war seither noch vornehmer geworden. Der Garten bestand aus einem
Akazienbaum und aus einem großen Drahtgitter, das von wildem Wein
einstweilen zur Hälfte überwachsen war.
»Zum Wohl, ihr Leute!« schrie der Geselle und stieß mit allen dreien an.
Und um sich zu zeigen, trank er das ganze Glas auf einen Zug leer.
»Sie, schönes Fräulein, da war ja gar nix drin; bringen Sie gleich noch
eins!« rief er der Kellnerin zu und streckte ihr über den Tisch weg das
Schoppenglas entgegen.
Das Bier war vorzüglich, kühl und nicht zu bitter, und Hans ließ sich
sein Glas fröhlich schmecken. August trank mit Kennermiene, schnalzte
mit der Zunge und rauchte nebenher wie ein schlechter Ofen, was Hans
still bewunderte.
Es war doch nicht so übel, so seinen fidelen Sonntag zu haben und am
Wirtstisch zu sitzen wie einer, der es darf und verdient hat, und mit
Leuten, die das Leben und das Lustigsein loshatten. Es war schön,
mitzulachen und bisweilen selber einen Witz zu riskieren, es war schön
und männlich, nach dem Austrinken sein Glas mit Nachdruck auf den Tisch
zu knallen und sorglos zu rufen: »Noch eins, Fräulein!« Es war schön,
einem Bekannten am andern Tische zuzutrinken, den kalten Zigarrenstumpen
in der Linken hängen zu lassen und den Hut ins Genick zu schieben wie
die andern.
Der mitgekommene fremde Geselle begann nun auch warm zu werden und zu
erzählen. Er wußte von einem Schlosser in Ulm, der konnte zwanzig Glas
Bier trinken, von dem guten Ulmer Bier, und wenn er damit fertig war,
wischte er sich das Maul und sagte: So, jetzt noch ein gutes Fläschle
Wein! Und er hatte in Cannstatt einen Heizer gekannt, der zwölf
Knackwürste hintereinander essen konnte und eine Wette damit gewonnen
hatte. Aber eine zweite solche Wette hatte er verloren. Er hatte sich
vermessen, die Speisekarte einer kleinen Wirtschaft durchzuspeisen und
er hatte auch fast alles verzehrt, aber am Schluß der Speisekarte kamen
viererlei Arten Käse, und wie er bei der dritten war, schob er den
Teller weg und sagte: Jetzt lieber sterben als noch einen Bissen!
Auch diese Geschichten fanden reichen Beifall und es zeigte sich, daß es
da und dort auf Erden ausdauernde Trinker und Esser gebe, denn jeder
wußte von einem solchen Helden und seinen Leistungen zu erzählen. Beim
einen war es »ein Mann in Stuttgart«, beim andern »ein Dragoner, ich
glaub in Ludwigsburg«, beim einen waren es siebzehn Kartoffeln gewesen,
beim andern elf Pfannenkuchen mit Salat. Man brachte diese Begebenheiten
mit sachlichem Ernste vor und gab sich mit Behagen der Erkenntnis hin,
daß es doch vielerlei schöne Gaben und merkwürdige Menschen gibt und
auch tolle Käuze darunter. Dies Behagen und diese Sachlichkeit sind alte
ehrwürdige Erbstücke jedes Stammtischphilisteriums und werden von den
jungen Leuten nachgeahmt so gut wie Trinken, Politisieren, Rauchen,
Heiraten und Sterben.
Beim dritten Glas fragte Hans, ob es denn keine Kuchen gebe. Man rief
der Kellnerin und erfuhr, nein es gebe keine Kuchen, worüber alle sich
schrecklich aufregten. August stand auf und sagte, wenn's nicht einmal
Kuchen gebe, dann könne man ja ein Haus weiter gehen. Der fremde Geselle
schimpfte über die miserable Wirtschaft, nur der Frankfurter war fürs
Bleiben, denn er hatte sich ein wenig mit der Kellnerin eingelassen und
sie schon mehrmals intensiv gestreichelt. Hans hatte zugesehen und
dieser Anblick samt dem Bier hatte ihn seltsam aufgeregt. Er war froh,
daß man jetzt fortging.
Als die Zeche bezahlt war und alle auf die Straße traten, begann Hans
seine drei Schoppen ein wenig zu spüren. Es war ein angenehmes Gefühl,
halb Müdigkeit, halb Unternehmungslust, auch war etwas wie ein dünner
Schleier vor seinen Augen, durch welchen alles entfernter und fast
unwirklich aussah, ähnlich wie man im Traum sieht. Er mußte beständig
lachen, hatte den Hut noch etwas kühner schief gesetzt und kam sich wie
ein ausbündig fideler Kerl vor. Der Frankfurter pfiff wieder auf seine
kriegerische Art und Hans versuchte im Takt dazu zu gehen.
Im »Scharfen Eck« war's ziemlich still. Ein paar Bauern tranken neuen
Wein. Es gab kein offenes Bier, nur Flaschen, und sogleich bekam jeder
eine vorgesetzt. Der fremde Geselle wollte sich nobel zeigen und
bestellte für alle zusammen einen großen Apfelkuchen. Hans fühlte
plötzlich einen gewaltigen Hunger und aß hintereinander ein paar Stücke
davon. Es saß sich dämmerig und bequem in der alten braunen Wirtsstube
auf den festen, breiten Wandbänken. Die altmodische Kredenz und der
riesige Ofen verschwanden im Halbdunkel, in einem großen Käfig mit
Holzstäben flatterten zwei Meisen, denen ein voller Zweig roter
Vogelbeeren als Futter durchs Gestäbe gesteckt war.
Der Wirt trat für einen Augenblick an den Tisch und hieß die Gäste
willkommen. Darauf dauerte es eine Weile, bis ein Gespräch zurecht kam.
Hans nahm einige Schlückchen von dem scharfen Flaschenbier und war
neugierig, ob er wohl noch mit der ganzen Flasche fertig werden würde.
Der Frankfurter schwadronierte wieder grausam von rheinländischen
Weinbergfesten, von Wanderschaft und Pennenleben; man hörte ihm fröhlich
zu und auch Hans kam aus dem Lachen nicht mehr heraus.
Auf einmal merkte er, daß es mit ihm nicht mehr ganz richtig sei. Alle
Augenblicke flossen ihm Zimmer, Tisch, Flaschen, Gläser und Kameraden zu
einem sanften braunen Gewölk zusammen und nahmen nur, wenn er sich
kräftig aufraffte, wieder Gestalt an. Von Zeit zu Zeit, wenn Gespräch
und Gelächter heftiger anschwoll, lachte er laut mit oder sagte etwas,
was er sogleich wieder vergaß. Wenn angestoßen wurde, tat er mit, und
nach einer Stunde sah er mit Erstaunen, daß seine Flasche leer war.
»Du hast einen guten Zug«, sagte August. »Willst noch eine?«
Hans nickte lachend. Er hatte sich so eine Trinkerei viel gefährlicher
vorgestellt. Und als jetzt der Frankfurter ein Lied anstimmte und alle
einfielen, da sang auch er aus voller Kehle mit.
Mittlerweile hatte sich die Stube gefüllt und es kam die Wirtstochter,
um der Kellnerin im Bedienen zu helfen. Sie war eine große, schön
gewachsene Person mit einem gesunden, kräftigen Gesicht und ruhigen,
braunen Augen.
Als sie die neue Flasche vor Hans hinstellte, bombardierte sie sogleich
der daneben sitzende Geselle mit seinen zierlichsten Galanterien, denen
sie aber kein Gehör gab. Vielleicht, um jenem ihre Nichtachtung zu
zeigen, oder vielleicht, weil sie an dem feinen Bubenköpfchen Gefallen
fand, wandte sie sich zu Hans und fuhr ihm schnell mit der Hand übers
Haar; dann ging sie in die Kredenz zurück.
Der Geselle, der schon an der dritten Flasche war, folgte ihr und gab
sich alle Mühe, ein Gespräch mit ihr in Gang zu bringen, aber ohne
Erfolg. Das große Mädchen sah ihn gleichmütig an, gab keine Antwort und
kehrte ihm bald den Rücken zu. Da kam er an den Tisch zurück, trommelte
mit der leeren Flasche und rief mit plötzlicher Begeisterung: »Wir
wollen fidel sein, Kinder; stoßet an!«
Und nun erzählte er eine saftige Weibergeschichte.
Hans hörte nur noch ein trübes Stimmengemisch und als er mit seiner
zweiten Flasche nahezu fertig war, begann ihm das Sprechen und sogar das
Lachen schwer zu fallen. Er wollte zu dem Meisenkäfig hinübergehen und
die Vögel ein wenig necken; aber nach zwei Schritten wurde ihm
schwindlig, er wäre ums Haar gestürzt und kehrte vorsichtig um.
Von da an ließ seine ausgelassene Fröhlichkeit mehr und mehr nach. Er
wußte, daß er einen Rausch habe, und die ganze Trinkerei kam ihm nimmer
lustig vor. Und wie in einer weiten Ferne sah er allerlei Unheil ihn
erwarten: Den Heimweg, einen bösen Auftritt mit dem Vater und morgen
früh wieder die Werkstatt. Allmählich schmerzte ihm auch der Kopf.
Auch die andern hatten des Guten genug geleistet. In einem klaren
Augenblick begehrte August zu zahlen und bekam auf seinen Taler wenig
heraus. Schwatzend und lachend ging man auf die Straße, vom hellen
Abendlicht geblendet. Hans konnte sich kaum mehr aufrecht halten, er
lehnte sich schwankend an August und ließ sich von ihm mitziehen.
Der fremde Schlosser war sentimental geworden. Er sang »Morgen muß ich
fort von hier« und hatte Tränen in den Augen.
Eigentlich wollte man heimgehen, aber als man am »Schwanen« vorüberkam,
bestand der Geselle drauf, noch hineinzugehen. Unter der Türe machte
Hans sich los.
»Ich muß heim.«
»Du kannst ja nimmer allein laufen«, lachte der Geselle.
»Doch, doch. Ich -- muß -- heim.«
»So nimm wenigstens noch einen Schnaps, Kleiner! Der hilft dir auf die
Beine und bringt den Magen in Ordnung. Jawohl, du wirst sehen.«
Hans spürte ein kleines Glas in seiner Hand. Er verschüttete viel davon,
den Rest schluckte er und fühlte ihn wie Feuer im Schlunde brennen. Ein
heftiger Ekel schüttelte ihn. Allein taumelte er die Vortreppe hinab und
kam, er wußte nicht wie, zum Dorf hinaus. Häuser, Zäune und Gärten
drehten sich schief und wirr an ihm vorüber.
Unter einem Apfelbaum legte er sich in die feuchte Wiese. Eine Menge von
widerlichen Gefühlen, quälenden Befürchtungen und halbfertigen Gedanken
hinderte ihn am Einschlafen. Er kam sich beschmutzt und geschändet vor.
Wie sollte er nach Haus kommen? Was sollte er dem Vater sagen? Und was
sollte morgen aus ihm werden? Er kam sich so gebrochen und elend vor,
als müsse er nun eine Ewigkeit ruhen, schlafen, sich schämen. Kopf und
Augen taten ihm weh und er fühlte nicht einmal soviel Kraft in sich, um
aufzustehen und weiterzugehen.
Plötzlich kam wie eine verspätete, flüchtige Welle ein Anflug der
vorigen Lustigkeit zurück; er schnitt eine Grimasse und sang vor sich
hin:
O du lieber Augustin,
Augustin, Augustin,
O du lieber Augustin,
Alles ist hin.
Und kaum hatte er ausgesungen, so tat ihm etwas im Innersten weh und
stürmte eine trübe Flut von unklaren Vorstellungen und Erinnerungen, von
Scham und Selbstvorwürfen auf ihn ein. Er stöhnte laut und sank
schluchzend ins Gras.
Nach einer Stunde, es dunkelte schon, erhob er sich und schritt unsicher
und mühsam bergabwärts.
Herr Giebenrath hatte ausgiebig geschimpft, als sein Bub zum Nachtessen
ausgeblieben war. Als es neun Uhr wurde und Hans noch immer nicht da
war, legte er ein lang nicht mehr gebrauchtes, starkes Meerrohr bereit.
Der Kerl meinte wohl, er sei der väterlichen Rute bereits entwachsen?
Der konnte sich gratulieren, wenn er heimkam!
Um zehn Uhr verschloß er die Haustüre. Wenn der Herr Sohn nachtschwärmen
wollte, konnte er ja sehen, wo er bliebe.
Trotzdem schlief er nicht, sondern wartete mit wachsendem Grimm von
Stunde zu Stunde darauf, daß eine Hand die Klinke probiere und
schüchtern an der Glocke ziehe. Er stellte sich die Szene vor -- der
Herumtreiber konnte ja was erleben! Wahrscheinlich würde der Lausbub
besoffen sein, aber er würde dann schon nüchtern werden, der Bengel, der
Heimtücker, der elendige! Und wenn er ihm alle Knochen abeinander hauen
mußte.
Endlich bezwang ihn und seine Wut der Schlaf.
Zu derselben Zeit trieb der so bedrohte Hans schon kühl und still und
langsam im dunklen Flusse talabwärts. Ekel, Scham und Leid waren von ihm
genommen, auf seinen dunkel dahintreibenden, schmächtigen Körper schaute
die kalte, bläuliche Herbstnacht herab, mit seinen Händen und Haaren und
erblaßten Lippen spielte das schwarze Wasser. Niemand sah ihn, wenn
nicht etwa der vor Tagesanbruch auf Jagd ziehende scheue Fischotter, der
ihn listig beäugte und lautlos an ihm vorüberglitt. Niemand wußte auch,
wie er ins Wasser geraten sei. Er war vielleicht verirrt und an einer
abschüssigen Stelle ausgeglitten; er hatte vielleicht trinken wollen und
das Gleichgewicht verloren. Vielleicht hatte der Anblick des schönen
Wassers ihn gelockt, daß er sich darüber beugte und da ihm Nacht und
Mondblässe so voll Frieden und tiefer Rast entgegenblickten, trieb ihn
Müdigkeit und Angst mit stillem Zwang in die Schatten des Todes.
Am Tage fand man ihn und trug ihn heim. Der erschrockene Vater mußte
seinen Stock beiseite tun und seinen angesammelten Grimm fahren lassen.
Zwar weinte er nicht und ließ sich wenig merken, aber in der folgenden
Nacht blieb er wieder wach und blickte zuweilen durch den Türspalt zu
seinem stillgewordenen Kinde hinüber, das auf einem reinen Bette lag und
noch immer mit der feinen Stirn und dem bleichen, klugen Gesicht so
aussah, als wäre es etwas Besonderes und habe das eingeborne Recht, ein
anderes Schicksal als andere zu haben. An Stirn und Händen war die Haut
ein wenig bläulichrot abgeschürft, die hübschen Züge schlummerten, über
den Augen lagen die weißen Lider und der nicht ganz geschlossene Mund
sah zufrieden und beinahe heiter aus. Es hatte das Ansehen, der Junge
sei plötzlich in der Blüte gebrochen und aus einer freudigen Bahn
gerissen, und auch der Vater erlag in seiner Müdigkeit und einsamen
Trauer dieser lächelnden Täuschung.
Die Beerdigung zog eine große Zahl von Mitgängern und Neugierigen an.
Wieder war Hans Giebenrath eine Berühmtheit geworden, für die sich jeder
interessierte, und wieder nahmen die Lehrer, der Rektor und der
Stadtpfarrer an seinem Schicksal teil. Sie erschienen sämtlich in
Gehröcken und feierlichen Zylindern, begleiteten den Leichenzug und
blieben am Grabe einen Augenblick stehen, untereinander flüsternd. Der
Lateinlehrer sah besonders melancholisch aus und der Rektor sagte leise
zu ihm: »Ja, Herr Professor, aus dem hätte etwas werden können. Ist es
nicht ein Elend, daß man gerade mit den Besten fast immer Pech hat?«
Beim Vater und der alten Anna, die ununterbrochen heulte, blieb der
Meister Flaig am Grabe zurück.
»Ja, so was ist herb, Herr Giebenrath«, sagte er teilnehmend. »Ich habe
den Buben auch lieb gehabt.«
»Man begreift's nicht«, seufzte Giebenrath. »Er ist so begabt gewesen,
und alles ist ja auch gut gegangen, Schule, Examen -- und dann auf
einmal ein Unglück übers andere!«
Der Schuhmacher deutete den durchs Kirchhoftor abziehenden Gehröcken
nach.
»Dort laufen ein paar Herren,« sagte er leise, »die haben auch
mitgeholfen, ihn so weit zu bringen.«
»Was?« fuhr der andere auf und starrte den Schuster zweifelnd und
erschrocken an. »Ja, Sackerlot, wieso denn?«
»Seien Sie ruhig, Herr Nachbar. Ich hab' bloß die Schulmeister gemeint.«
»Wieso? Wie denn?«
»Ach, nichts weiter. Und Sie und ich, wir haben vielleicht auch
mancherlei an dem Buben versäumt, meinen Sie nicht?«
Über dem Städtchen war ein fröhlich blauer Himmel ausgespannt, im Tale
glitzerte der Fluß, die Tannenberge blauten weich und sehnlich in die
Weite. Der Schuhmacher lächelte fein und traurig und nahm des Mannes
Arm, der aus der Stille und seltsam schmerzlichen Gedankenfülle dieser
Stunde zögernd und verlegen den Niederungen seines gewohnten Daseins
entgegenschritt.