Fünftes Kapitel

Wie ein Hamster mit aufgespeicherten Vorräten, so erhielt sich Hans mit

seiner früher erworbenen Gelehrsamkeit noch einige Frist am Leben. Dann

begann ein peinliches Darben, durch kurze und kraftlose neue Anläufe

unterbrochen, deren Hoffnungslosigkeit ihn schier selber lächerte. Er

unterließ es nun, sich nutzlos zu plagen, warf den Homer dem Pentateuch

und die Algebra dem Xenophon nach und sah ohne Aufregung zu, wie bei den

Lehrern sein guter Ruf stufenweise herabsank, von gut auf ziemlich, von

ziemlich auf mittelmäßig und endlich auf Null. Wenn er nicht Kopfweh

hatte, was jetzt wieder die Regel war, so dachte er an Hermann Heilner,

träumte seine leichten, großäugigen Träume und dämmerte stundenlang in

Halbgedanken hin. Auf die sich mehrenden Vorwürfe aller Lehrer

antwortete er neuerdings durch ein gutmütiges, demütiges Lächeln.

Repetent Wiedrich, ein freundlicher junger Lehrer, war der einzige, dem

dies hilflose Lächeln weh tat und der den aus der Bahn gekommenen Knaben

mit einer mitleidigen Schonung behandelte. Die übrigen Lehrer waren über

ihn entrüstet, straften ihn durch verächtliches Sitzenlassen oder

versuchten gelegentlich, seinen eingeschlafenen Ehrgeiz durch ironisches

Kitzeln aufzuwecken.

»Falls Sie gerade nicht schlafen sollten, darf ich Sie vielleicht

ersuchen, diesen Satz zu lesen?«

Vornehm indigniert war der Ephorus. Der eitle Mann bildete sich viel auf

die Macht seines Blickes ein und war außer sich, wenn Giebenrath seinem

majestätisch drohenden Augenrollen immer wieder sein demütig ergebenes

Lächeln entgegenhielt, das ihn allmählich nervös machte.

»Lächeln Sie nicht so bodenlos stupid, Sie hätten eher Grund zu heulen.«

Mehr Eindruck machte ein väterlicher Brief, der ihn voll Entsetzens

beschwor, sich zu bessern. Der Ephorus hatte an Vater Giebenrath

geschrieben und dieser war heillos erschrocken. Sein Brief an Hans war

eine Sammlung aller aufmunternden und sittlich entrüsteten Redensarten,

über die der wackere Mann verfügte, und ließ doch, ohne es zu wollen,

eine weinerliche Kläglichkeit durchscheinen, welche dem Sohn wehe tat.

Alle diese ihrer Pflicht beflissenen Lenker der Jugend, vom Ephorus bis

auf den Papa Giebenrath, Professoren und Repetenten, sahen in Hans ein

böses Element, ein Hindernis ihrer Wünsche, etwas Verstocktes und

Träges, das man zwingen und mit Gewalt auf gute Wege zurückbringen

müsse. Keiner, außer vielleicht jenem mitleidigen Repetenten, sah hinter

dem hilflosen Lächeln des schmalen Knabengesichts eine untergehende

Seele leiden und im Ertrinken angstvoll und verzweifelnd um sich

blicken. Und keiner dachte etwa daran, daß die Schule und der

barbarische Ehrgeiz eines Vaters und einiger Lehrer dieses gebrechliche,

feine Wesen so weit gebracht hatten, indem sie in der unschuldig vor

ihnen ausgebreiteten Seele des zarten Kindes ohne Rücksicht wüteten.

Warum hatte er in den empfindlichsten und gefährlichsten Knabenjahren

täglich bis in die Nacht hinein arbeiten müssen? Warum hatte man ihm

seine Kaninchen weggenommen, ihn den Kameraden in der Lateinschule mit

Absicht entfremdet, ihm Angeln und Bummeln verboten und ihm das hohle,

gemeine Ideal eines schäbigen, aufreibenden Ehrgeizes eingeimpft? Warum

hatte man ihm selbst nach dem Examen die wohlverdienten Ferien nicht

gegönnt?

Nun lag das überhetzte Rößlein am Weg und war nimmer zu brauchen.

Gegen Sommersanfang erklärte der Oberamtsarzt nochmals, es handle sich

lediglich um einen nervösen Schwächezustand, der hauptsächlich vom

Wachsen herkomme. Hans solle sich in den Ferien tüchtig herauspflegen

lassen, genug essen und viel in den Wald laufen, so werde es schon

bessern.

Leider kam es gar nicht so weit. Es war noch drei Wochen vor den Ferien,

als Hans in einer Nachmittagslektion vom Professor heftig gescholten

wurde. Während der Lehrer noch weiterschimpfte, sank Hans in die Bank

zurück, begann ängstlich zu zittern und brach in einen langdauernden

Weinkrampf aus, der die ganze Lektion unterbrach. Darauf lag er einen

halben Tag im Bett.

* * * * *

Tags darauf wurde er in der Mathematikstunde aufgefordert, an der

Wandtafel eine geometrische Figur zu zeichnen und den Beweis dazu zu

führen. Er trat heraus, aber vor der Tafel wurde ihm schwindlig; er fuhr

mit Kreide und Lineal sinnlos in der Fläche herum, ließ beides fallen

und als er sich darnach bückte, blieb er selber am Boden knien und

konnte nicht wieder aufstehen.

Der Oberamtsarzt war ziemlich ärgerlich, daß sein Patient sich solche

Streiche leistete. Er drückte sich vorsichtig aus, gebot sofortigen

Erholungsurlaub und empfahl die Zuziehung eines Nervenarztes.

»Der kriegt noch den Veitstanz«, flüsterte er dem Ephorus zu, der mit

dem Kopf nickte und es angezeigt fand, den ungnädig ärgerlichen Ausdruck

seines Gesichts in einen väterlich bedauernden abzuändern, was ihm

leicht fiel und gut stand.

Er und der Arzt schrieben je einen Brief an Hansens Vater, steckten ihn

dem Jungen in die Tasche und schickten ihn nach Hause. Der Ärger des

Ephorus hatte sich in schwere Besorgnis verwandelt -- was sollte die

eben erst durch den Fall Heilner beunruhigte Schulbehörde von diesem

neuen Unglück denken? Er verzichtete sogar zum allgemeinen Erstaunen

darauf, eine dem Vorfall entsprechende Rede zu halten, und war in den

letzten Stunden gegen Hans von einer unheimlichen Leutseligkeit. Daß

dieser aus dem Erholungsurlaub nicht zurückkehren würde, war ihm klar --

auch im Fall der Genesung hätte der jetzt schon weit hintangebliebene

Schüler die versäumten Monate oder auch nur Wochen unmöglich einholen

können. Zwar verabschiedete er ihn mit einem ermunternd herzlichen »auf

Wiedersehen«, so oft er aber in der nächsten Zeit die Stube Hellas

betrat und die drei leeren Pulte sah, ward ihm peinlich zumut und hatte

er Mühe, den Gedanken in sich niederzukämpfen, daß ihn am Verschwinden

zweier begabter Zöglinge vielleicht doch ein Teil der Schuld treffen

möge. Als einem tapferen und sittlich starken Manne gelang es ihm

jedoch, diese unnützen und finstern Zweifel aus seiner Seele zu bannen.

Hinter dem mit seinem kleinen Reisesack abfahrenden Seminaristen versank

das Kloster mit Kirchen, Tor, Giebeln und Türmen, versanken Wald und

Hügelfluchten, an ihrer Stelle tauchten die fruchtbaren Obstwiesen des

badischen Grenzlandes auf, dann kam Pforzheim und gleich dahinter fingen

die bläulich schwarzen Tannenberge des Schwarzwaldes an, von zahlreichen

Bachtälern durchschnitten und in der heißen Sommerglut noch blauer,

kühler und schattenverheißender als sonst. Der Junge betrachtete die

wechselnde und sich immer heimatlicher gestaltende Landschaft nicht ohne

Vergnügen, bis ihm, schon nahe der Heimatstadt, sein Vater in den Sinn

kam und eine peinliche Angst vor dem Empfang ihm die kleine Reisefreude

gründlich verdarb. Die Fahrt zum Stuttgarter Examen und die Reise zum

Eintritt nach Maulbronn fielen ihm wieder ein mit ihrer Spannung und

ängstlichen Freude. Wozu war nun das alles gewesen? Er wußte so gut wie

der Ephorus, daß er nicht wiederkommen würde und daß es nun mit Seminar

und Studium und allen ehrgeizigen Hoffnungen ein Ende hatte. Doch machte

ihn das jetzt nicht traurig, nur die Angst vor seinem enttäuschten

Vater, dessen Hoffnungen er betrogen hatte, beschwerte ihm das Herz. Er

hatte jetzt kein anderes Verlangen, als zu rasten, sich auszuschlafen,

auszuweinen, auszuträumen und nach all der Quälerei einmal in Ruhe

gelassen zu werden. Und er fürchtete, daß er das beim Vater zu Haus

nicht finden werde. Am Ende der Eisenbahnfahrt bekam er heftiges Kopfweh

und sah nimmer zum Fenster hinaus, obwohl es jetzt durch seine

Lieblingsgegend ging, deren Höhen und Forste er früher mit Leidenschaft

durchstreift hatte; und trotz der Angst hätte er beinah das Aussteigen

am wohlbekannten heimischen Bahnhof versäumt.

Nun stand er da, mit Schirm und Reisesack, und wurde vom Papa

betrachtet. Der letzte Bericht des Ephorus hatte dessen Enttäuschung und

Entrüstung über den mißratenden Sohn in einen fassungslosen Schrecken

verwandelt. Er hatte sich Hans verfallen und schrecklich aussehend

vorgestellt und fand ihn nun zwar gemagert und schwächlich, aber doch

noch heil und auf eigenen Beinen wandelnd. Ein wenig tröstete ihn das;

das Schlimmste aber war seine verborgene Angst, sein Grauen vor der

Nervenkrankheit, von welcher Arzt und Ephorus geschrieben hatten. In

seiner Familie hatte bis jetzt nie jemand Nervenleiden gehabt, man hatte

von solchen Kranken immer mit verständnislosem Spott oder mit einem

verächtlichen Mitleiden wie von Irrenhäuslern gesprochen, und nun kam

ihm sein Hans mit solchen Geschichten heim.

Am ersten Tag war der Junge froh, nicht mit Vorwürfen empfangen zu

werden. Dann fiel ihm die scheue, ängstliche Schonung auf, mit der ihn

sein Vater behandelte und zu der er sich sichtlich gewaltsam zwingen

mußte. Gelegentlich bemerkte er nun auch, daß er ihn mit sonderbar

prüfenden Blicken, mit einer unheimlichen Neugierde anschaute, in einem

gedämpften und verlogenen Ton mit ihm redete und ihn, ohne daß er es

merken sollte, beobachtete. Er wurde nur noch scheuer und eine

unbestimmte Angst vor seinem eigenen Zustand begann ihn zu quälen.

Bei gutem Wetter lag er stundenlang im Walde draußen und es tat ihm gut.

Ein schwacher Abglanz der ehemaligen Knabenseligkeit überflog dort

manchmal seine beschädigte Seele: die Freude an Blumen oder Käfern, am

Belauschen der Vögel oder am Verfolgen einer Wildspur. Doch waren das

immer nur Augenblicke. Meistens lag er träge im Moos, hatte einen

schweren Kopf und versuchte vergeblich an irgend etwas zu denken, bis

die Träume wieder zu ihm traten und ihn weit in andere Räume mitnahmen.

Kopfweh hatte er fast beständig und wenn er ans Kloster oder an die

Lateinschule zurückdachte, stürzte sich die Vorstellung der vielen

Bücher und Lehrgegenstände und Pflichten wie ein grimmiger Alp auf ihn

und in seinem schmerzenden Schädel führten Livius und Cäsar, Xenophon

und Rechenaufgaben wirre, peinliche Tänze auf.

Einmal hatte er folgenden Traum. Er sah seinen Freund Hermann Heilner

tot auf einer Tragbahre liegen und wollte zu ihm hingehen, aber der

Ephorus und die Lehrer drängten ihn zurück und versetzten ihm bei jedem

neuen Vordringen schmerzhafte Püffe. Nicht nur die Seminarprofessoren

und Repetenten waren dabei, sondern auch der Rektor und die Stuttgarter

Examinatoren, alle mit erbitterten Gesichtern. Plötzlich war alles

anders, auf der Bahre lag der ertrunkene Hindu und sein komischer Vater

mit dem hohen Zylinder stand krummbeinig und wehmütig daneben.

Und wieder ein Traum: Er lief im Walde auf der Suche nach dem

entlaufenen Heilner, und er sah ihn immer wieder ferne zwischen den

Stämmen gehen und sah ihn immer und immer wieder, gerade wenn er ihm

rufen wollte, verschwinden. Endlich blieb Heilner stehen, ließ ihn

herankommen und sagte: Du, ich hab' einen Schatz. Dann lachte er

übermäßig laut und verschwand im Gebüsche.

Er sah einen schönen, mageren Mann aus einem Schiffe steigen, mit

stillen, göttlichen Augen und schönen, friedevollen Händen, und er lief

auf ihn zu. Alles verrann wieder und er besann sich, was es sei, bis ihm

die Stelle des Evangeliums wieder einfiel, wo es hieß: [Griechisch:

euthus epignontes auton periedramon] Und nun mußte er sich besinnen, was

für eine Konjugationsform [Griechisch: periedramon] sei und wie Präsens,

Infinitiv, Perfektum und Futurum des Verbums lauteten, er mußte es im

Singularis, Dual und Plural durchkonjugieren und geriet in Angst und

Schweiß, sobald es haperte. Wenn er alsdann zu sich kam, hatte er ein

Gefühl, als sei sein Kopf innen überall wund, und wenn sich sein Gesicht

unwillkürlich zu jenem schläfrigen Lächeln der Resignation und des

Schuldbewußtseins verzog, hörte er sogleich den Ephorus: »Was soll das

dumme Lächeln heißen? Sie haben es gerade nötig, auch noch zu lächeln!«

Im ganzen wollte, trotz einzelnen besseren Tagen, sich kein Fortschritt

in Hansens Zustand zeigen, es schien eher rückwärts zu gehen. Der

Hausarzt, der seinerzeit die Mutter behandelt und tot erklärt hatte und

den manchmal ein wenig gichtleidenden Vater besuchte, machte ein langes

Gesicht und zögerte von Tag zu Tag, seine Ansicht zu äußern.

Erst in jenen Wochen merkte Hans, daß er in den zwei letzten

Lateinschuljahren keine Freunde mehr gehabt habe. Die Kameraden von

damals waren teils fort, teils sah er sie als Lehrlinge herumlaufen, und

mit keinem von ihnen verband ihn etwas, bei keinem hatte er etwas zu

suchen und keiner kümmerte sich um ihn. Zweimal sprach der alte Rektor

ein paar freundliche Worte mit ihm, auch der Lateinlehrer und der

Stadtpfarrer nickten ihm auf der Straße wohlwollend zu, aber eigentlich

ging Hans sie nichts mehr an. Er war kein Gefäß mehr, in das man

allerlei hineinstopfen konnte, kein Acker für vielerlei Samen mehr; es

lohnte sich nimmer, Zeit und Sorgfalt an ihn zu wenden.

Vielleicht wäre es gut gewesen, wenn der Stadtpfarrer sich seiner ein

wenig angenommen hätte. Aber was sollte er tun? Was er geben konnte, die

Wissenschaft oder wenigstens das Suchen nach ihr, hatte er dem Jungen

seinerzeit nicht vorenthalten, und mehr hatte er eben nicht. Er war

keiner von den Pfarrern, in deren Latein man begründete Zweifel setzt

und deren Predigten aus wohlbekannten Quellen geschöpft sind, zu denen

man aber in bösen Zeiten gerne geht, weil sie gute Augen und freundliche

Worte für alles Leiden haben. Auch Vater Giebenrath war kein Freund oder

Tröster, wenn er sich auch alle Mühe gab, den Ärger seiner Enttäuschung

über Hans zu verbergen.

So fühlte dieser sich verlassen und ungeliebt, saß im kleinen Garten an

der Sonne oder lag im Wald und hing seinen Träumereien oder quälerischen

Gedanken nach. Mit Lesen konnte er sich nicht helfen, da ihm dabei immer

bald Kopf und Augen schmerzten und weil aus jedem seiner Bücher ihm

sogleich beim Aufschlagen das Gespenst der Klosterzeit und des dortigen

Angstgefühls auferstand, ihn in luftlose bange Traumwinkel trieb und

dort mit glühendem Blicke festbannte.

* * * * *

In dieser Not und Verlassenheit trat dem kranken Knaben ein anderes

Gespenst als trügerischer Tröster nahe und wurde ihm allmählich vertraut

und notwendig. Das war der Gedanke an den Tod. Es war ja leicht, sich

etwa eine Schießwaffe zu verschaffen oder irgendwo im Walde eine

Seilschlinge anzubringen. Fast jeden Tag begleiteten ihn diese

Vorstellungen auf seinen Gängen, er betrachtete sich einzelne, still

gelegene Örtlein und fand schließlich einen Platz, wo es sich schön

sterben ließ und den er endgültig zu seiner Sterbestätte bestimmte. Er

suchte ihn immer wieder auf, saß da und fand eine seltsame Freude daran,

sich vorzustellen, daß man ihn dort nächstens einmal tot finden würde.

Der Ast für den Strick war bestimmt und auf seine Stärke geprüft, keine

Schwierigkeiten standen mehr im Wege; allmählich wurde auch, mit

längeren Pausen, ein kurzer Brief an den Vater und ein sehr langer an

Hermann Heilner geschrieben, die man bei der Leiche finden sollte.

Die Vorbereitungen und das Gefühl der Sicherheit übten einen wohltätigen

Einfluß auf sein Gemüt. Unter dem verhängnisvollen Aste sitzend, hatte

er manche Stunden, in denen der Druck von ihm wich und fast ein

freudiges Wohlgefühl über ihn kam. Auch der Vater merkte die Besserung

seines Zustandes und Hans sah mit ironischem Vergnügen zu, wie jener

sich einer Stimmung freute, deren Ursache doch nur die Gewißheit seines

baldigen Endes war.

Warum er nicht schon längst an jenem schönen Aste hing, wußte er selbst

nicht recht. Der Gedanke war gefaßt, sein Tod war eine beschlossene

Sache, dabei war ihm einstweilen wohl und er verschmähte nicht, in

diesen letzten Tagen den schönen Sonnenschein und das einsame Träumen

noch auszukosten, wie man es gern vor weiten Reisen tut. Abreisen konnte

er ja jeden Tag, es war alles in Ordnung. Auch war es ihm eine besondere

bittere Wonne, sich freiwillig noch ein wenig in der alten Umgebung

aufzuhalten und den Leuten ins Gesicht zu sehen, die von seinen

gefährlichen Entschlüssen keine Ahnung hatten. So oft er dem Arzt

begegnete, mußte er denken: »Na du wirst schauen!«

Das Schicksal ließ ihn sich seiner finsteren Absichten erfreuen und

schaute zu, wie er aus dem Kelch des Todes täglich ein paar Tropfen der

Lust und Lebenskraft genoß. Es mochte ja wenig an diesem verstümmelten

jungen Wesen gelegen sein, aber seinen Kreis sollte doch erst es

vollenden und nicht vom Plan verschwinden, ehe es noch ein wenig von der

bitteren Süße des Lebens geschmeckt hätte.

Die unentrinnbaren quälenden Vorstellungen wurden seltener und wichen

einem müden Sichgehenlassen, einer schmerzlos trägen Stimmung, in

welcher Hans die Stunden und Tage gedankenlos vorübertreiben sah,

gleichmütig ins Blaue schaute und zuweilen schlafwandelnd oder kindisch

zu sein schien. In träger Dämmerstimmung saß er einmal im Gärtchen unter

der Tanne und summte, ohne es recht zu wissen, immer wieder einen alten

Vers vor sich hin, der ihm, von der Lateinschule her, gerade eingefallen

war:

Ach ich bin so müde,

Ach ich bin so matt,

Hab kein Geld im Portemonnaie

Und auch keins im Sack.

Er summte ihn nach alter Melodie und dachte nichts dabei, als er ihn zum

zwanzigstenmal anstimmte. Sein Vater aber stand nahe am Fenster, hörte

zu und hatte einen großen Schrecken. Seiner trockenen Natur war dieser

gedankenlose, wohlig stumpfsinnige Singsang völlig unverständlich und er

deutete ihn seufzend als ein Zeichen hoffnungsloser Geistesschwäche. Von

da an beobachtete er den Jungen noch ängstlicher, der merkte es

natürlich und litt darunter; doch kam er noch immer nicht dazu, den

Strick mitzunehmen und von jenem starken Aste Gebrauch zu machen.

Inzwischen war die heiße Jahreszeit gekommen und seit dem Landexamen und

den damaligen Sommerferien schon ein Jahr vergangen. Hans dachte

gelegentlich daran, doch ohne sonderliche Bewegung; er war ziemlich

stumpf geworden. Gerne hätte er wieder angefangen zu angeln, doch wagte

er nicht den Vater darum zu bitten. Es plagte ihn, sooft er am Wasser

stand, und manchmal verweilte er lang am Ufer, wo niemand ihn sah, und

folgte mit heißen Augen den Bewegungen der dunkeln, lautlos schwimmenden

Fische. Gegen Abend ging er täglich eine Strecke flußaufwärts zum Baden

und da er dabei stets an dem kleinen Haus des Inspektors Geßler vorüber

mußte, entdeckte er zufällig, daß die Emma Geßler, für die er vor drei

Jahren geschwärmt hatte, wieder zu Hause sei. Neugierig sah er ihr ein

paarmal nach, aber sie gefiel ihm nimmer so gut wie früher. Damals war

sie ein zartgliedriges, sehr feines Mädelchen gewesen, jetzt war sie

gewachsen, hatte eckige Bewegungen und trug eine unkindliche, moderne

Frisur, die sie vollends ganz entstellte. Auch die langen Kleider

standen ihr nicht und ihre Versuche, damenhaft auszusehen, waren

entschieden unglücklich. Hans fand sie lächerlich, zugleich aber tat es

ihm leid, wenn er daran dachte, wie sonderbar süß und dunkel und warm

ihm damals, sooft er sie sah, zumut gewesen war. Überhaupt -- damals war

doch alles anders gewesen, so viel schöner, so viel heiterer, so viel

lebendiger! Seit langer Zeit wußte er von nichts als von Latein,

Geschichte, Griechisch, Examen, Seminar und Kopfweh. Damals aber hatte

es Bücher mit Märchen und Bücher mit Räubergeschichten gegeben, da hatte

er im Gärtchen eine selberverfertigte Hammermühle laufen gehabt und

abends die abenteuerlichen Geschichten der Liese im Nascholdischen

Torweg mit angehört, da hatte er eine Zeitlang den alten Nachbar

Großjohann, genannt Garibaldi, für einen Raubmörder angesehen und von

ihm geträumt und hatte das ganze Jahr hindurch sich jeden Monat auf

irgend etwas gefreut, bald auf das Heuen, bald auf den Kleeschnitt, dann

wieder auf das erste Angeln oder Krebsen, auf Hopfenernte,

Pflaumenschütteln, Kartoffelfeuer, auf den Beginn des Dreschens, und

zwischenein noch extra auf jeden lieben Sonn- und Feiertag. Da hatte es

noch eine Menge von Dingen gegeben, die ihn mit geheimnisvollem Zauber

anzogen: Häuser, Gassen, Treppen, Scheunenböden, Brunnen, Zäune,

Menschen und Tiere aller Art waren ihm lieb und bekannt oder rätselhaft

verlockend gewesen. Beim Hopfenpflücken hatte er mitgeholfen und

zugehört wie die großen Mädchen sangen, und hatte sich Verse aus ihren

Liedern gemerkt, die meisten zum Lachen drollig und einige aber auch

merkwürdig klagend, daß es einen beim Zuhören im Halse würgte.

Das alles war untergesunken und zu Ende gewesen, ohne daß er es damals

gleich merkte. Zuerst hatten die Abende bei der Liese aufgehört, dann

das Goldfallenfangen am Sonntag vormittag, dann das Märchenlesen, und so

eins ums andere bis aufs Hopfenpflücken und die Hammermühle im Garten. O

wo war das alles hingekommen?

Und es geschah, daß der frühreife Jüngling nun in seinen kranken Tagen

eine unwirkliche zweite Kinderzeit erlebte. Sein von den Schulmännern um

die Kindheit bestohlenes Gemüt floh jetzt mit plötzlich ausbrechender

Sehnsucht in jene schönen dämmernden Jahre zurück und irrte verzaubert

in einem Walde von Erinnerungen umher, deren Stärke und Deutlichkeit

vielleicht krankhaft war. Er erlebte sie alle mit nicht weniger Wärme

und Leidenschaft, als er sie früher in Wirklichkeit erlebt hatte, die

betrogene und vergewaltigte Kindheit brach wie eine lang gehemmte Quelle

in ihm auf.

Wenn ein Baum entgipfelt wird, treibt er gern in Wurzelnähe neue

Sprossen hervor, und so kehrt oft auch eine Seele, die in der Blüte

krank wurde und verdarb, in die frühlinghafte Zeit der Anfänge und

ahnungsvollen Kindheit zurück, als könnte sie dort neue Hoffnungen

entdecken und den abgebrochenen Lebensfaden aufs neue anknüpfen. Die

Wurzelsprossen geilen saftig und eilig auf, aber es ist lediglich ein

Scheinleben und es wird nie wieder ein Baum daraus.

Auch Hans Giebenrath erging es so und darum ist es notwendig, ihm auf

seinen Traumwegen im Kinderlande ein wenig zu folgen.

Das Giebenrathsche Haus stand nahe bei der alten steinernen Brücke und

bildete die Ecke zwischen zwei sehr verschiedenartigen Gassen. Die eine,

zu welcher das Haus gerechnet wurde und gehörte, war die längste,

breiteste und vornehmste der Stadt und hieß Gerbergasse. Die zweite

führte jäh bergan, war kurz, schmal und elend und hieß »zum Falken«,

nach einem uralten, längst eingegangenen Wirtshaus, dessen Schild ein

Falke gewesen war.

In der Gerbergasse wohnten Haus an Haus lauter gute, solide Altbürger,

Leute mit eigenen Häusern, eigenen Kirchplätzen und eigenen Gärten, die

sich hinterwärts in Terrassen steil bergan zogen und deren Zäune an den

Anno siebzig errichteten, mit gelbem Ginster bewachsenen Bahndamm

stießen. An Vornehmheit konnte mit der Gerbergasse nur noch der

Marktplatz wetteifern, wo Kirche, Oberamt, Gericht, Rathaus und Dekanat

standen und in ihrer reinlichen Würde durchaus einen städtisch noblen

Eindruck machten. Amtshäuser hatte nun zwar die Gerbergasse keine, aber

alte und neue Bürgerwohnungen mit stattlichen Haustüren, hübsche

altmodische Fachwerkhäuschen, nette helle Giebel; und es verlieh ihr

eine Fülle von Freundlichkeit, Behagen und Licht, daß sie nur eine

Häuserreihe besaß, denn jenseits der Straße lief am Fuße einer mit

Balkenbrüstungen versehenen Mauer der Fluß dahin.

War die Gerbergasse lang, breit, licht, geräumig und vornehm, so war der

»Falken« das Gegenteil davon. Hier standen schiefe finstere Häuser mit

fleckigem und bröckelndem Verputz, vorhängenden Giebeln, die an

eingetriebene Hüte erinnerten, vielfach geborstenen und geflickten Türen

und Fenstern, mit krummen Kaminen und schadhaften Dachrinnen. Die Häuser

raubten einander Raum und Licht und die Gasse war schmal, wunderlich

gebogen und in eine ewige Dämmerung gehüllt, die bei Regenwetter oder

nach Sonnenuntergang sich in eine feuchte, bösartige Finsternis

verwandelte. Vor allen Fenstern war an Stangen und Schnüren stets eine

Menge Wäsche aufgehängt; denn so klein und elend die Gasse war, so viele

Familien hausten darin, von all den Aftermietern und Schlafgängern gar

nicht zu reden. Alle Winkel der schiefen, alternden Häuser waren dicht

bewohnt und Armut, Laster und Krankheit waren dort ansässig. Polizei und

Spital hatte mit der ganzen übrigen Stadt nicht so viel zu tun wie mit

den paar Falkenhäusern. Wenn der Typhus ausbrach, so war es dort, wenn

einmal ein Totschlag geschah, so war es auch dort und wenn in der Stadt

ein Diebstahl vorkam, suchte man zuerst im Falken. Umherziehende

Hausierer hatten dort ihre Absteigequartiere, unter ihnen der drollige

Putzpulverhändler Hottehotte und der Scherenschleifer Adam Hittel, dem

man alle Verbrechen und Laster nachsagte.

* * * * *

In seinen ersten Schuljahren war Hans im Falken ein häufiger Gast

gewesen. Zusammen mit einer zweifelhaften Rotte von strohblonden,

abgerissenen Buben hatte er die Mordgeschichten der berüchtigten Lotte

Frohmüller angehört. Diese war das geschiedene Weib eines kleinen

Gastwirts und hatte fünf Jahre Zuchthaus hinter sich; sie war seinerzeit

eine bekannte Schönheit gewesen, hatte unter den Fabriklern eine große

Zahl von Schätzen gehabt und zu öfteren Skandalen und Messerstechereien

Anlaß gegeben. Nun lebte sie einsam und brachte ihre Abende nach

Fabrikschluß mit Kaffeekochen und Geschichtenerzählen zu; dabei stand

ihre Türe weit offen, und außer den Weibern und jungen Arbeitern hörte

von der Schwelle aus stets auch eine Schar von Nachbarskindern ihr mit

Entzücken und Grausen zu. Auf dem schwarzen Steinherdchen kochte das

Wasser im Kessel, eine Unschlittkerze brannte daneben und beleuchtete

zusammen mit dem blauen Kohlenfeuerchen den überfüllten, finsteren Raum

mit abenteuerlichem Flackern, die Schatten der Zuhörer in ungeheuren

Maßen an die Wand und Decke werfend und mit gespenstiger Bewegung

erfüllend.

Dort machte der achtjährige Knabe die Bekanntschaft der beiden Brüder

Finkenbein und unterhielt etwa ein Jahr lang, einem strengen väterlichen

Verbot zum Trotz, eine Freundschaft mit ihnen. Sie hießen Dolf und Emil

und waren die gerissensten Gassenbuben der Stadt, durch Obstdiebstähle

und kleine Waldfrevel berühmt und vollendete Meister in unzähligen

Geschicklichkeiten und Streichen. Sie handelten nebenher mit Vogeleiern,

Bleikugeln, jungen Raben, Staren und Hasen, legten verbotenerweise

Nachtangeln und fühlten sich in allen Gärten der Stadt wie zu Hause,

denn kein Zaun war so spitzig und keine Mauer so dicht mit Glasscherben

besteckt, daß sie nicht leicht hinübergekommen wären.

Vor allem aber war es Hermann Rechtenheil, der im »Falken« wohnte und an

welchen Hans sich anschloß. Er war eine Waise und ein krankes,

frühreifes, ungewöhnliches Kind. Weil sein eines Bein viel zu kurz war,

mußte er beständig am Stock gehen und konnte nicht an den Gassenspielen

teilnehmen. Er war schmal und hatte ein farbloses Leidensgesicht mit

vorzeitig herbem Munde und allzu spitzem Kinn. In allerlei

Handfertigkeiten war er ungemein geschickt, und namentlich hatte er eine

gewaltige Leidenschaft für das Angeln, die er auf Hans übertrug. Dieser

besaß damals noch keine Fischkarte, sie angelten aber trotzdem heimlich

an versteckten Orten, und wenn Jagen eine Freude ist, so ist bekanntlich

Wildern ein Hochgenuß. Der krumme Rechtenheil lehrte Hans die richtigen

Ruten schneiden, Roßhaar flechten, Schnüre färben, Fadenschlingen

drehen, Angelhaken schärfen. Er lehrte ihn auch aufs Wetter schauen, das

Wasser beobachten und mit Kleie trüben, die rechten Köder wählen und sie

richtig befestigen, er lehrte ihn die Fischarten unterscheiden, die

Fische beim Angeln belauschen, die Schnur in richtiger Tiefe halten. Er

teilte ihm ohne Worte und nur durch sein Beispiel und Dabeisein die

Handgriffe und das feine Gefühl für den Augenblick des Anziehens oder

Nachlassens mit und jene seltsame Empfindlichkeit der Hand, ohne welche

kein feines Angeln möglich ist. Die schönen, in Läden käuflichen Ruten,

Korke und Glasschnüre und all das künstliche Angelzeug verachtete und

verhöhnte er mit Eifer und überzeugte Hans davon, daß man unmöglich mit

einer Angel fischen könne, die man nicht in allen Teilen selber gemacht

und zusammengesetzt habe.

Mit den Gebrüdern Finkenbein kam Hans in Zorn auseinander; der stille,

lahme Rechtenheil verließ ihn ohne Hader. Er streckte sich eines

Februartages in sein ärmliches Bettlein, legte seinen Krückstock über

die Kleider auf den Stuhl, fing an zu fiebern und starb schnell und

still hinweg; die Falkengasse vergaß ihn sogleich und nur Hans behielt

ihn noch lange in gutem Andenken.

Mit ihm war aber die Zahl der merkwürdigen Falkenbewohner noch lange

nicht erschöpft. Wer kannte nicht den wegen Trunksucht entlassenen

Briefträger Rötteler, der alle vierzehn Tage besoffen auf der Straße lag

oder nächtliche Skandale verführte, sonst aber gut wie ein Kind war und

beständig voll Wohlwollen lächelte? Er ließ Hans aus seiner ovalen Dose

schnupfen, ließ sich gelegentlich Fische von ihm schenken, briet sie in

Butter und lud Hans zum Mitessen ein. Er besaß einen ausgestopften

Bussard mit Glasaugen und eine alte Spieluhr, die mit dünnen, feinen

Tönchen veraltete Tanzweisen aufspielte. Und wer kannte nicht den

uralten Mechaniker Porsch, der immer Manschetten trug, auch wenn er

barfuß ging? Als der Sohn eines strengen Landschullehrers alter Schule

konnte er die halbe Bibel und ein paar Ohren voll Sprichwörter und

moralische Sentenzen auswendig; aber weder dies noch sein schneeweißes

Haar hinderte ihn, vor allen Weibern den Schwerenöter zu spielen und

sich häufig zu betrinken. Wenn er ein bißchen geladen hatte, saß er gern

auf dem Prellstein an der Ecke des Giebenrathschen Hauses, rief alle

Vorübergehenden mit Namen an und bediente sie reichlich mit Sprüchen.

»Hans Giebenrath junior, mein teurer Sohn, höre was ich dir sage! Wie

spricht Sirach? Wohl dem, der nicht bösen Rat gibt und davon nicht ein

böses Gewissen hat! Gleichwie die grünen Blätter auf einem schönen Baum,

etliche abfallen, etliche wieder wachsen, also geht es mit den Leuten

auch: etliche sterben, etliche werden geboren. So, nun kannst du

heimgehen, du Seehund.«

Dieser alte Porsch stak, seiner frommen Sprüche unbeschadet, voll von

dunklen und sagenhaften Berichten über Gespenster und dergleichen. Er

kannte die Orte, wo solche umgingen und schwankte immer zwischen Glauben

und Unglauben an seine eigenen Geschichten. Meistens begann er sie in

zweiflerischem, prahlerisch wegwerfendem Ton, als mache er sich über die

Geschichte und über die Zuhörer lustig, aber allmählich, während des

Erzählens, duckte er sich ängstlich, senkte seine Stimme mehr und mehr

und endete in einem leisen, eindringlichen, gruseligen Flüsterton.

Wie viel Unheimliches, Undurchschauliches, dunkel Anreizendes enthielt

die arme kleine Gasse! In ihr hatte auch, nachdem sein Geschäft

eingegangen und seine verwahrloste Werkstatt vollends verlottert war,

der Schlosser Brendle gewohnt. Er war halbe Tage lang an seinem

Fensterchen gesessen und hatte finster in die lebhafte Gasse geblickt

und zuweilen, wenn eins der abgerissenen, ungewaschenen Kinder aus den

Nachbarhäusern ihm in die Hände fiel, hatte er es mit wüster

Schadenfreude gequält, an den Ohren und Haaren gerissen und ihm den

ganzen Leib blau gekniffen. Eines Tages aber hing er an seiner Treppe,

an einem Stück Zinkdraht erhängt, und sah so scheußlich aus, daß niemand

sich zu ihm getraute, bis der alte Mechaniker Porsch von hinten her den

Draht mit einer Blechschere abschnitt, worauf die Leiche mit

heraushängender Zunge vornüber fiel und die Treppe hinunterpolterte,

mitten in die entsetzten Zuschauer hinein.

So oft Hans aus der hellen, breiten Gerbergasse in den finstern,

feuchten Falken trat, überkam ihn mit der seltsamen stickigen Luft eine

wonnevoll grausige Beklemmung, eine Mischung von Neugierde, Furcht,

schlechtem Gewissen und seliger Abenteuerahnung. Der Falken war der

einzige Ort, an welchem etwa noch ein Märchen, ein Wunder, ein

unerhörtes Schrecknis passieren konnte, wo Zauberei und Gespensterwesen

glaubhaft und wahrscheinlich war und wo man dieselben schmerzhaft

köstlichen Schauder empfinden konnte wie beim Lesen der Sagen und der

skandalösen Reutlinger Volksbücher, welche von den Lehrern konfisziert

wurden und die Schandtaten und Bestrafungen des Sonnenwirtle, des

Schinderhannes, des Messerkarle, des Postmichels und ähnlicher dunkler

Helden, Schwerverbrecher und Abenteurer berichteten.

Außer dem Falken gab es aber noch einen Ort, wo es anders war als

überall, wo man etwas erleben und hören und sich auf dunklen Böden und

in ungewöhnlichen Räumen verlieren konnte. Das war die nahe, große

Gerberei, das alte riesige Haus, wo auf halbdunklen Böden die großen

Häute hingen, wo es im Keller verdeckte Gruben und verbotene Gänge gab

und wo abends die Liese allen Kindern ihre schönen Märchen erzählte. Es

ging dort stiller, freundlicher und menschlicher zu als im Falken

drüben, aber nicht minder rätselhaft. Das Walten der Gerbergesellen in

den Gruben, im Keller, im Lohgarten und auf den Estrichen war seltsam

und eigentümlich, die großen gähnenden Räume waren still und ebenso

anziehend wie unheimlich, der gewaltige und mürrische Hausherr ward wie

ein Menschenfresser gefürchtet und gescheut und die Liese ging in dem

merkwürdigen Hause umher wie eine Fee, allen Kindern, Vögeln, Katzen und

Hündlein eine Schützerin und Mutter, voll von Güte und voll von

wunderseltsamen Märchen und Liederversen.

In dieser ihm längst entfremdeten Welt bewegten sich jetzt die Gedanken

und Träume des Knaben. Aus seiner großen Enttäuschung und

Hoffnungslosigkeit floh er in die vergangene gute Zeit zurück, da er

noch voll von Hoffnungen gewesen war und die Welt vor sich hatte stehen

sehen wie einen riesengroßen Zauberwald, welcher grausige Gefahren,

verwunschene Schätze und smaragdene Schlösser in seiner

undurchdringlichen Tiefe verbarg. Ein kleines Stück war er in diese

Wildnis vorgedrungen, aber er war müde geworden, ehe die Wunder kamen,

und stand nun wieder am rätselvoll dämmernden Eingang, diesmal als ein

Ausgeschlossener, in müßiger Neugier.

Ein paarmal suchte Hans den »Falken« wieder auf. Er fand daselbst die

alte Dämmerung und den alten üblen Geruch, die alten Winkel und

lichtlosen Treppenhäuser; es saßen wieder greise Männer und Weiber vor

den Türen und ungewaschene, strohblonde Kinder trieben sich mit Geschrei

herum. Der Mechaniker Porsch war noch älter geworden und kannte Hans

nicht mehr und antwortete auf seinen schüchternen Gruß nur mit einem

höhnischen Meckern. Der Großjohann, genannt Garibaldi, war gestorben und

ebenso die Lotte Frohmüller. Der Briefträger Rötteler war noch da. Er

klagte, die Buben hätten ihm seine Spieluhr kaputt gemacht, er bot ihm

zu schnupfen an und versuchte dann ihn anzubetteln; schließlich erzählte

er von den Brüdern Finkenbein, der eine sei jetzt in der Zigarrenfabrik

und saufe bereits wie ein Alter, der andere sei nach einer

Kirchweihstecherei auf und davon und fehle schon seit einem Jahr. Alles

machte einen kläglichen und kümmerlichen Eindruck.

Und einmal ging er am Abend in die Gerberei hinüber. Es zog ihn durch

den Torweg und über den feuchten Hof, als läge in dem großen alten Hause

seine Kindheit verborgen, mit allen ihren verloren gegangenen Freuden.

Über die krumme Treppe und den gepflasterten Öhrn kam er an die finstere

Treppe, tastete sich zum Estrich durch, wo die Häute aufgespannt hingen,

und sog dort mit dem scharfen Ledergeruch eine ganze Wolke plötzlich

hervorstürmender Erinnerungen ein. Er stieg wieder herab und suchte den

hinteren Hof auf, wo die Lohgruben und die schmal überdachten, hohen

Gerüste zum Trocknen der Lohkäse waren. Richtig saß auf der Mauerbank

die Liese, hatte einen Korb Erdäpfel zum Schälen vor und ein paar

horchende Kinder um sich herum.

Hans blieb in der dunklen Türe stehen und lauschte hinüber. Ein großer

Friede erfüllte den eindämmernden Gerbergarten und außer dem schwachen

Rauschen des Flusses, der hinter der Hofmauer vorüberzog, hörte man nur

das Messer der Liese beim Kartoffelschälen knirschen und ihre Stimme,

die erzählte. Die Kinder saßen ganz ruhig kauernd und regten sich kaum.

Sie erzählte die Geschichte vom Sankt Christoffel, wie in der Nacht ihn

eine Kindesstimme über den Strom ruft.

Hans hörte eine Weile zu, dann ging er leise durch den schwarzen Öhrn

zurück und nach Hause. Er spürte, daß er doch nicht wieder ein Kind

werden und abends im Gerbergarten bei der Liese sitzen konnte, und er

mied nun wieder das Gerberhaus so gut wie den Falken.

Unterm Rad · 第 8 / 12 题