Erfahrungsgemäß pflegen sich aus jeder Seminaristenpromotion einer oder
mehrere Kameraden im Laufe der vier Klosterjahre zu verlieren. Zuweilen
stirbt einer weg und wird mit Gesang beerdigt oder mit Freundesgeleite
in seine Heimat überführt. Zuweilen macht sich einer gewaltsam los oder
wird besonderer Sünden wegen entfernt. Gelegentlich, doch selten und nur
in der älteren Klasse, kommt es etwa auch einmal vor, daß irgendein
ratloser Junge aus seinen Jugendnöten einen kurzen, dunkeln Ausweg durch
einen Schuß oder durch den Sprung in ein Wasser findet.
Auch der Promotion Hans Giebenraths sollten einige Kameraden verloren
gehen und durch einen sonderbaren Zufall geschah es, daß diese alle der
Stube Hellas angehörten.
Unter ihren Bewohnern war ein bescheidenes blondes Männlein, namens
Hindinger, mit Spitznamen Hindu genannt, Sohn eines Schneidermeisters
irgendwo in der Allgäuer Diaspora. Er war ein ruhiger Bürger und machte
erst durch seinen Weggang ein wenig von sich reden, doch auch da nicht
zu viel. Als Pultnachbar des sparsamen Kammervirtuosen Lucius hatte er
mit diesem freundlich und bescheidentlich ein wenig mehr als mit den
andern Verkehr gehabt, sonst aber keine Freunde besessen. Erst als er
fehlte, merkte man in Hellas, daß man ihn gern gehabt hatte als einen
anspruchslosen, guten Nachbarn und als einen Ruhepunkt im oft erregten
Leben der Stube.
Er schloß sich eines Tages im Januar den Schlittschuhläufern an, die
nach dem Roßweiher hinauszogen. Schlittschuhe besaß er nicht, sondern
wollte nur einmal zusehen. Doch fror ihn bald und er stampfte ums Ufer
herum, um sich zu erwärmen. Darüber kam er ins Laufen, verlor sich ein
Stück weit über Feld und geriet an einen anderen kleinen See, der seiner
wärmeren und stärkeren Quellen wegen nur schwach überfroren war. Er trat
durchs Schilf hinüber. Dort brach er, so klein und leicht er war, nahe
beim Ufer ein, wehrte sich und schrie noch eine kleine Weile und sank
dann unbemerkt in die dunkle Kühle hinunter.
Erst als um zwei Uhr die erste Nachmittagslektion begann, wurde sein
Fehlen bemerkt.
»Wo ist Hindinger?« rief der Repetent.
Niemand gab Antwort.
»Sehen Sie in Hellas nach!«
Aber dort war keine Spur von ihm.
»Er wird sich verspätet haben, lassen Sie uns ohne ihn beginnen. Wir
stehen Seite 74, Vers sieben. Ich bitte mir aber aus, daß so etwas nicht
wieder vorkommt. Sie haben pünktlich zu sein.«
Als es drei Uhr schlug und Hindinger noch immer fehlte, bekam der Lehrer
Angst und schickte zum Ephorus. Dieser erschien sogleich höchstselber im
Lehrsaal, stellte ein großes Fragen an und schickte alsdann zehn Schüler
unter Begleitung des Famulus und eines Repetenten auf die Suche. Den
Zurückbleibenden wurde eine schriftliche Übung diktiert.
Um vier Uhr trat der Repetent ohne anzuklopfen in den Hörsaal und
erstattete dem Ephorus im Flüsterton Bericht.
»Stille!« gebot der Ephorus, und die Schüler saßen regungslos in den
Bänken und sahen ihn erwartungsvoll an.
»Ihr Kamerad Hindinger«, fuhr er leise fort, »scheint in einem Weiher
ertrunken zu sein. Sie müssen nun helfen, ihn zu suchen. Herr Professor
Meyer wird Sie führen, Sie haben ihm pünktlich und wörtlich zu folgen
und keinerlei eigenmächtige Schritte dabei zu tun.«
Erschrocken und flüsternd brach man auf, den Professor an der Spitze.
Vom Städtchen stießen ein paar Männer mit Seilen, Latten und Stangen zu
dem eiligen Zuge. Es war bitter kalt und die Sonne stand schon am Rande
der Wälder.
Und als endlich der kleine steife Körper des Knaben gefunden war und in
den verschneiten Binsen auf eine Trage gelegt wurde, war schon tiefe
Dämmerung. Die Seminaristen standen wie scheue Vögel ängstlich umher,
starrten auf die Leiche und rieben sich ihre blauen, steif gewordenen
Finger. Und erst als der ertrunkene Kamerad vor ihnen hergetragen ward
und sie ihm schweigend über die Schneefelder nachfolgten, wurden
plötzlich ihre beklommenen Seelen von einem Schauder berührt und
witterten den grimmen Tod wie Rehe den Feind.
In dem kläglichen, frierenden Häuflein schritt Hans Giebenrath zufällig
neben seinem gewesenen Freunde Heilner. Beide bemerkten die
Nachbarschaft im gleichen Augenblick, da sie über dieselbe Unebenheit
des Feldes gestolpert waren. Es mochte sein, daß der Anblick des Todes
ihn überwältigt und für Augenblicke von der Nichtigkeit aller
Selbstsucht überzeugt hatte, jedenfalls fühlte Hans, als er unvermutet
des Freundes bleiches Gesicht so nahe erblickte, einen unerklärten
tiefen Schmerz und griff in plötzlicher Regung nach des andern Hand.
Heilner entzog sie ihm unwillig und blickte beleidigt beiseite, suchte
auch sogleich einen andern Platz und verschwand in die hintersten Reihen
des Zuges.
Da schlug dem Musterknaben Hans das Herz in Weh und Scham und er konnte
nicht hindern, daß ihm, während er auf dem gefrornen Felde stolpernd
weiter marschierte, Träne um Träne über die frostblauen Backen lief. Er
begriff, daß es Sünden und Versäumnisse gibt, die man nicht vergessen
kann und die keine Reue gut macht, und es kam ihm vor, als liege nicht
der kleine Schneiderssohn, sondern sein Freund Heilner vorn auf der
erhöhten Bahre und nehme den Schmerz und Zorn über seine Untreue weit in
eine andere Welt mit sich hinüber, wo man nicht nach Zeugnissen und
Examen und Erfolgen rechnet, sondern allein nach der Reinheit oder
Befleckung des Gewissens.
Inzwischen war man auf die Landstraße gelangt und kam rasch vollends ins
Kloster, wo alle Lehrer, den Ephorus an der Spitze, den toten Hindinger
empfingen, der im Leben vor dem bloßen Gedanken an eine solche Ehre
davongelaufen wäre. Einen toten Schüler blicken die Lehrer stets mit
ganz andern Augen an, als einen lebenden, sie werden dann für einen
Augenblick vom Wert und von der Unwiederbringlichkeit jedes Lebens und
jeder Jugend überzeugt, an denen sie sich sonst so häufig sorglos
versündigen.
Auch am Abend und am ganzen folgenden Tage wirkte die Anwesenheit der
unscheinbaren Leiche wie ein Zauber, milderte, dämpfte und umflorte
alles Tun und Reden, so daß für diese kurze Zeit Hader, Zorn, Lärm und
Lachen sich verbargen wie Nixen, die für Augenblicke von der Oberfläche
eines Gewässers verschwinden und es regungslos und scheinbar unbelebt
liegen lassen. Wenn zwei miteinander von dem Ertrunkenen sprachen, so
nannten sie stets seinen vollen Namen, denn dem Toten gegenüber kam
ihnen der Spitzname Hindu unwürdig vor. Und der stille Hindu, der sonst
unbemerkt und unberufen in der Schar verschwunden war, erfüllte nun das
ganze große Kloster mit seinem Namen und seinem Gestorbensein.
Am zweiten Tage kam der Vater Hindinger an, blieb ein paar Stunden
allein in dem Stüblein, wo sein Knabe lag, wurde dann vom Ephorus zum
Tee eingeladen und übernachtete im Hirschen.
Dann war das Begräbnis. Der Sarg stand im Dorment aufgestellt und der
Allgäuer Schneider stand dabei und sah allem zu. Er war eine rechte
Schneidersfigur, entsetzlich mager und spitzig, und trug einen grünlich
spielenden schwarzen Bratenrock und enge dürftige Hosen, in der Hand
einen veralteten Festhut aus der Zeit der Kübelschützen. Sein kleines,
dünnes Gesicht sah bekümmert, traurig und schwächlich aus, wie ein
Kreuzerlichtlein im Wind, und er war in einer fortwährenden Verlegenheit
und Hochachtung vor dem Ephorus und den Herren Professoren.
Im letzten Augenblick, ehe die Träger den Sarg aufnahmen, trat das
traurige Männlein noch einmal vor und berührte den Sargdeckel mit einer
verlegenen und schüchternen Gebärde der Zärtlichkeit. Dann blieb er
hilflos stehen, mit den Tränen kämpfend, und stand mitten in dem großen,
stillen Raum wie ein dürres Bäumlein im Winter, so verlassen und
hoffnungslos und preisgegeben, daß es ein Jammer zu sehen war. Der
Pfarrer nahm ihn an der Hand und blieb bei ihm, da setzte er seinen
phantastisch geschweiften Zylinder auf und lief als Vorderster dem Sarge
nach, die Treppe hinunter, über den Klosterhof, durchs alte Tor und
übers weiße Land der niedern Kirchhofmauer entgegen. Während am Grabe
die Seminaristen einen Choral sangen, blickten zum Verdruß des
dirigierenden Musiklehrers die meisten nicht auf seine taktierende Hand,
sondern auf die einsame, windige Gestalt des kleinen Schneidermeisters,
welcher traurig und verfroren im Schnee stand und mit gesenktem Kopf die
Reden des Geistlichen und des Ephorus und des Primus mit anhörte, den
singenden Schülern gedankenlos zunickte und zuweilen mit der Linken nach
dem im Rockschoß verborgenen Taschentuch angelte, ohne es aber
herauszuziehen.
»Ich hab' mir vorstellen müssen wie das wäre, wenn an seiner Stelle mein
eigener Papa so dagestanden wäre«, sagte Otto Hartner nachher. Da
stimmten alle ein: »Ja, ganz das gleiche hab' ich auch gedacht.«
Später kam der Ephorus mit Hindingers Vater auf die Stube Hellas. »Ist
einer von Ihnen mit dem Verstorbenen besonders befreundet gewesen?«
fragte der Ephorus in die Stube hinein. Zuerst meldete sich niemand und
Hindus Vater blickte ängstlich und elend in die jungen Gesichter. Dann
kam aber Lucius hervor und Hindinger nahm seine Hand, hielt sie eine
kleine Weile fest, wußte aber nichts zu sagen und ging bald mit einem
demütigen Kopfnicken wieder hinaus. Darauf reiste er ab und hatte einen
ganzen langen Tag durchs helle Winterland zu fahren, ehe er heimkam und
seiner Frau erzählen konnte, an was für einem Örtlein ihr Karl nun
liege.
* * * * *
Im Kloster war der Bann bald wieder gebrochen. Die Lehrer schalten
wieder, die Türen wurden wieder zugeschlagen und dem verschwundenen
Hellenen wurde wenig nachgedacht. Einige hatten sich beim langen Stehen
an jenem traurigen Weiher erkältet und lagen auf der Krankenstube oder
liefen mit Filzpantoffeln und verbundenen Hälsen herum. Hans Giebenrath
war an Hals und Füßen unbeschädigt geblieben, sah aber seit dem
Unglückstage ernster und älter aus. Es war irgend etwas in ihm anders
geworden, ein Jüngling aus einem Knaben, und seine Seele war gleichsam
in ein anderes Land versetzt, wo sie ängstlich und unheimisch
umherflatterte und noch keine Rastplätze kannte. Daran war weder der
Todesschrecken noch die Trauer um den guten Hindu schuld, sondern
lediglich das plötzlich erwachte Bewußtsein seiner Schuld gegen Heilner.
Dieser lag mit zwei andern auf der Krankenstube, mußte heißen Tee
schlucken und hatte Zeit, seine beim Tode Hindingers empfangenen
Eindrücke zu ordnen und etwa zum spätern dichterischen Gebrauch zurecht
zu legen. Doch schien ihm daran wenig gelegen, er sah vielmehr elend und
leidend aus und wechselte mit seinen Krankheitsgenossen kaum ein Wort.
Die seit seiner Karzerstrafe ihm aufgezwungene Vereinsamung hatte sein
empfindliches und häufiger Mitteilung bedürftiges Gemüt verwundet und
bitter gemacht. Die Lehrer beaufsichtigten ihn als einen unzufriedenen
und revolutionären Kopf mit Strenge, die Schüler mieden ihn, der Famulus
behandelte ihn mit spöttischer Gutmütigkeit und seine Freunde
Shakespeare, Schiller und Lenau zeigten ihm eine andere, mächtigere und
großartigere Welt als die war, die ihn drückend und demütigend umgab.
Aus seinen »Mönchsliedern«, welche anfangs nur auf einen einsiedlerisch
schwermütigen Ton gestimmt gewesen waren, wurde allmählich eine Sammlung
bitterer und gehässiger Verse auf Kloster, Lehrer und Mitschüler. Er
fand in seiner Vereinsamung einen sauren Märtyrergenuß, fühlte sich mit
Genugtuung unverstanden und kam sich in seinen schonungslos
despektierlichen Mönchsversen vor wie ein kleiner Juvenal.
Acht Tage nach dem Begräbnis, als die beiden Kameraden genesen waren und
Heilner allein noch im Krankenzimmer lag, besuchte ihn Hans. Er grüßte
schüchtern, trug einen Stuhl ans Bett, setzte sich und griff nach der
Hand des Kranken, der sich unwillig gegen die Wand kehrte und ganz
unzugänglich schien. Aber Hans ließ sich nicht abweisen. Er hielt die
ergriffene Hand fest und zwang seinen ehemaligen Freund, ihn anzusehen.
Dieser verzog ärgerlich die Lippen.
»Was willst du eigentlich?«
Hans ließ seine Hand nicht los.
»Du mußt mich anhören«, sagte er. »Ich bin damals feig gewesen und ließ
dich im Stich. Aber du weißt, wie ich bin: es war mein fester Vorsatz,
im Seminar obenan zu bleiben und womöglich vollends Erster zu werden. Du
hast das Streberei genannt, meinetwegen mit Recht; aber es war nun eben
meine Art von Ideal, ich wußte nichts Besseres.«
Heilner hatte die Augen geschlossen und Hans fuhr ganz leise fort:
»Sieh' du, es tut mir leid. Ich weiß nicht, ob du noch einmal mein
Freund sein willst, aber verzeihen mußt du mir.«
Heilner schwieg und tat die Augen nicht auf. Alles Gute und Freudige in
ihm lachte dem Freund entgegen, doch hatte er sich nun an die Rolle des
Herben und Einsamen gewöhnt und behielt wenigstens die Maske davon
einstweilen vor dem Gesicht. Hans ließ nicht nach.
»Du mußt, Heilner! Ich will lieber Letzter werden, als noch länger so um
dich herumlaufen. Wenn du willst, so sind wir wieder Freunde und zeigen
den anderen, daß wir sie nicht brauchen.«
Da erwiderte Heilner den Druck seiner Hand und schlug die Augen auf.
Nach einigen Tagen verließ auch er das Bett und die Krankenstube und es
entstand im Kloster keine geringe Aufregung über die neugebackene
Freundschaft. Für die beiden aber kamen nun wunderliche Wochen, ohne
eigentliche Erlebnisse, aber voll eines seltsam beglückenden Gefühls der
Zusammengehörigkeit und eines wortelosen, heimlichen Einverständnisses.
Es war etwas anderes als früher. Die wochenlange Trennung hatte beide
verändert. Hans war zärtlicher, wärmer, schwärmerischer geworden;
Heilner hatte ein kraftvolleres, männlicheres Wesen angenommen, und
beide hatten einander in der letzten Zeit so sehr vermißt, daß ihnen
ihre Wiedervereinigung wie ein großes Erlebnis und köstliches Geschenk
vorkam.
Beide frühreife Knaben kosteten in ihrer Freundschaft mit ahnungsvoller
Scheu etwas von den zarten Geheimnissen einer ersten Liebe unwissend
voraus. Dazu hatte ihr Bündnis den herben Reiz der reifenden
Männlichkeit und als ebenso herbe Würze das Trotzgefühl gegen die
Gesamtheit der Kameraden, denen Heilner unliebsam und Hans
unverständlich blieb und deren zahlreiche Freundschaften damals alle
noch harmlose Knabenspielereien waren.
Je inniger und glücklicher Hans an seiner Freundschaft hing, desto
fremder wurde ihm die Schule. Das neue Glücksgefühl ging brausend wie
ein junger Wein durch sein Blut und durch seine Gedanken, daneben verlor
Livius so gut wie Homer seine Wichtigkeit und seinen Glanz. Die Lehrer
aber sahen mit Schrecken den bisherigen tadellosen Schüler Giebenrath in
ein problematisches Wesen verwandelt und dem schlimmen Einfluß des
verdächtigen Heilner unterlegen. Vor nichts graut Lehrern so sehr wie
vor den seltsamen Erscheinungen, die am Wesen früh entwickelter Knaben
in dem ohnehin gefährlichen Alter der beginnenden Jünglingsgärung
hervortreten. An Heilner war ihnen ohnehin von jeher ein gewisses
Geniewesen unheimlich -- zwischen Genie und Lehrerzunft ist eben von
alters eine tiefe Kluft befestigt und was von solchen Leuten sich auf
Schulen zeigt, ist den Professoren von vornherein ein Greuel. Für sie
sind Genies jene Schlimmen, die keinen Respekt vor ihnen haben, die mit
vierzehn Jahren zu rauchen beginnen, mit fünfzehn sich verlieben, mit
sechzehn in die Kneipen gehen, welche verbotene Bücher lesen, freche
Aufsätze schreiben, den Lehrer gelegentlich höhnisch fixieren und im
Diarium als Aufrührer und Karzerkandidaten fungieren. Ein Schulmeister
hat lieber zehn notorische Esel als ein Genie in seiner Klasse, und
genau betrachtet hat er ja recht, denn seine Aufgabe ist es nicht,
extravagante Geister heranzubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und
Biedermänner. Wer aber mehr und Schwereres von andern leidet, der Lehrer
vom Knaben oder umgekehrt, wer von beiden mehr Tyrann, mehr Quälgeist
ist und wer von beiden es ist, der dem anderen Teile seiner Seele und
seines Lebens verdirbt und schändet, das kann man nicht untersuchen,
ohne bitter zu werden und mit Zorn und Scham an die eigene Jugend zu
denken. Doch ist das nicht unsere Sache und wir haben den Trost, daß bei
den wirklich Genialen fast immer die Wunden gut vernarben und daß aus
ihnen Leute werden, die der Schule zu Trotz ihre guten Werke schaffen
und welche später, wenn sie tot und vom angenehmen Nimbus der Ferne
umflossen sind, anderen Generationen von ihren Schulmeistern als
Prachtstücke und edle Beispiele vorgeführt werden. Und so wiederholt
sich von Schule zu Schule das Schauspiel des Kampfes zwischen Gesetz und
Geist und immer wieder sehen wir Staat und Schule atemlos bemüht, die
alljährlich auftauchenden paar tieferen und wertvolleren Geister
totzuschlagen und an der Wurzel zu knicken. Und immer wieder sind es vor
allem die von den Schulmeistern Gehaßten, die Oftbestraften,
Entlaufenen, Davongejagten, die nachher den Schatz unseres Volkes
bereichern. Manche aber -- und wer weiß wie viele? -- verzehren sich in
stillem Trotz und gehen unter.
Nach gutem, altem Schulgrundsatz wurde auch gegen die beiden jungen
Seltsamen, sobald man Unrat witterte, nicht die Liebe, sondern die Härte
verdoppelt. Nur der Ephorus, der auf Hans als fleißigsten Hebräer stolz
war, machte einen ungeschickten Rettungsversuch. Er ließ ihn auf sein
Amtszimmer rufen, die schöne malerische Erkerstube der alten
Abtswohnung, wo der Sage nach der im nahen Knittlingen heimische Doktor
Faust manchen Becher Elfinger genossen hat. Der Ephorus war kein
unebener Mann, es fehlte ihm nicht an Einsicht und praktischer Klugheit,
er hatte sogar ein gewisses gutmütiges Wohlwollen gegen seine Zöglinge,
die er mit Vorliebe duzte. Sein Hauptfehler war eine starke Eitelkeit,
die ihn auf dem Katheder oft zu prahlerischen Kunststückchen verleitete
und welche ihn nicht dulden ließ, seine Macht und Autorität nur im
geringsten bezweifelt zu sehen. Er konnte keinen Einwurf vertragen,
keinen Irrtum eingestehen. So kamen willenlose oder auch unredliche
Schüler prächtig mit ihm aus, aber gerade die Kräftigen und Ehrlichen
hatten es schwer, da schon ein nur angedeuteter Widerspruch ihn wild und
ungerecht machte. Die Rolle des väterlichen Freundes mit aufmunterndem
Blick und gerührtem Ton beherrschte er als Virtuos, und er spielte sie
auch jetzt.
»Nehmen Sie Platz, Giebenrath«, sprach er freundschaftlich, nachdem er
dem schüchtern eingetretenen Jungen kräftig die Hand gedrückt hatte.
»Ich möchte ein wenig mit Ihnen reden. Aber darf ich du sagen?«
»Bitte, Herr Ephorus.«
»Du wirst wohl selber gefühlt haben, lieber Giebenrath, daß deine
Leistungen in letzter Zeit etwas nachgelassen haben, wenigstens im
Hebräischen. Du warst bisher vielleicht unser bester Hebräer, darum tut
es mir leid, eine plötzliche Abnahme zu bemerken. Vielleicht hast du am
Hebräischen keine rechte Freude mehr?«
»O doch, Herr Ephorus.«
Ȇberlege dir's nur! So etwas kommt vor. Du hast dich vielleicht einem
anderen Fach besonders zugewendet?«
»Nein, Herr Ephorus.«
»Wirklich nicht? Ja, dann müssen wir nach andern Ursachen suchen. Kannst
du mir auf die Spur helfen?«
»Ich weiß nicht ... ich habe meine Aufgaben immer gemacht ...«
»Gewiß, mein Lieber, gewiß. Aber ^differendum est inter et inter^. Deine
Aufgaben hast du natürlich gemacht, das war ja wohl auch deine Pflicht.
Aber du hast früher mehr geleistet. Du warst vielleicht fleißiger, du
warst jedenfalls mit mehr Interesse bei der Sache. Ich frage mich nun,
woher dies plötzliche Nachlassen deines Eifers kommt. Du bist doch nicht
krank?«
»Nein.«
»Oder hast du Kopfweh? Du siehst freilich nicht übermäßig blühend aus.«
»Ja, Kopfweh habe ich manchmal.«
»Ist dir die tägliche Arbeit zu viel?«
»O nein, gar nicht.«
»Oder treibst du viel Privatlektüre? Sei nur ehrlich!«
»Nein, ich lese fast nichts, Herr Ephorus.«
»Dann begreife ich das nicht recht, lieber junger Freund. Irgendwo muß
es doch fehlen. Willst du mir versprechen, dir ordentlich Mühe zu
geben?«
Hans legte seine Hand in die ausgestreckte Rechte des Gewaltigen, der
ihn mit ernster Milde anblickte.
»So ist's gut, so ist's recht, mein Lieber. Nur nicht matt werden, sonst
kommt man unters Rad.«
Er drückte Hans die Hand und dieser ging aufatmend zur Türe. Da wurde er
zurückgerufen.
»Noch etwas, Giebenrath. Du hast viel Verkehr mit Heilner, nicht wahr?«
»Ja, ziemlich viel.«
»Mehr als mit andern, glaube ich. Oder nicht?«
»Doch, ja. Er ist mein Freund.«
»Wie kam denn das? Ihr seid doch eigentlich recht verschiedene Naturen.«
»Ich weiß nicht, er ist nun eben mein Freund.«
»Du weißt, daß ich deinen Freund nicht besonders liebe. Er ist ein
unzufriedener, unruhiger Geist; begabt mag er sein, aber er leistet
nichts und übt keinen guten Einfluß auf dich. Ich würde es sehr gerne
sehen, wenn du dich ihm mehr fernhalten würdest. -- Nun?«
»Das kann ich nicht, Herr Ephorus.«
»Du kannst nicht? Ja warum denn?«
»Weil er doch mein Freund ist. Ich kann ihn doch nicht einfach im Stich
lassen.«
»Hm. Aber du könntest dich doch etwas mehr an andere anschließen? Du
bist der einzige, der sich dem schlechten Einfluß dieses Heilner so
hingibt, und die Folgen sehen wir ja schon. Was fesselt dich denn gerade
an ihn besonders?«
»Ich weiß selber nicht. Aber wir haben einander gern und es wäre feig
von mir, ihn zu verlassen.«
»So so. Na, ich zwinge dich nicht. Aber ich hoffe, du kommst allmählich
von ihm los. Es wäre mir lieb. Es wäre mir sehr lieb.«
Die letzten Worte hatten nichts mehr von der vorigen Milde. Hans konnte
nun gehen.
Von da an plagte er sich aufs neue mit der Arbeit. Es war allerdings
nicht mehr das frühere flotte Vorwärtskommen, sondern mehr ein
mühseliges Mitlaufen, um wenigstens nicht zu weit zurückzubleiben. Auch
er wußte, daß das zum Teil von seiner Freundschaft herrührte, doch sah
er in dieser nicht einen Verlust und ein Hemmnis, vielmehr einen Schatz,
der alles Versäumte aufwog -- ein erhöhtes wärmeres Leben, mit dem das
frühere nüchterne Pflichtdasein sich nicht vergleichen ließ. Es ging ihm
wie jungen Verliebten: er fühlte sich großer Heldentaten fähig, nicht
aber der täglichen langweiligen und kleinlichen Arbeit. Und so spannte
er sich immer wieder mit verzweifeltem Seufzer ins Joch. Es zu machen
wie Heilner, der obenhin arbeitete und das Nötigste sich rasch und fast
gewaltsam hastig aneignete, verstand er nicht. Da sein Freund ihn
ziemlich jeden Abend in den Mußestunden in Anspruch nahm, zwang er sich
morgens eine Stunde früher aufzustehen und rang namentlich mit der
hebräischen Grammatik wie mit einem Feinde. Freude hatte er eigentlich
nur noch am Homer und an der Geschichtsstunde. Mit dunkel tastendem
Gefühle näherte er sich dem Verständnis der homerischen Welt, und in der
Geschichte hörten allmählich die Helden auf, Namen und Zahlen zu sein,
und blickten aus nahen, glühenden Augen und hatten lebendige, rote
Lippen und jeder sein Gesicht und seine Hände -- einer rote, dicke, rohe
Hände, einer stille, kühle, steinerne, und ein anderer schmale, heiße,
feingeäderte.
Auch beim Lesen der Evangelien im griechischen Texte fand er sich
zuweilen von der Deutlichkeit und Nähe der Gestalten überrascht, ja
überwältigt. Namentlich einmal, beim sechsten Kapitel des Markus, wo
Jesus mit den Jüngern das Schiff verläßt und es heißt: [Griechisch:
euthus epignontes auton periedramon], »sie erkannten ihn sogleich und
liefen herzu.« Da sah auch er den Menschensohn das Schiff verlassen und
erkannte ihn sogleich, weder an Gestalt noch Gesicht, sondern an der
großen, glanzvollen Tiefe seiner Liebesaugen und an einer leise
winkenden oder vielmehr einladenden, willkommen heißenden Gebärde seiner
schlanken, schönen, bräunlichen Hand, die von einer feinen und doch
starken Seele geformt und bewohnt erschien. Der Rand eines erregten
Gewässers und der Schnabel einer schweren Barke tauchte für einen
Augenblick mit auf, dann war das ganze Bild wie ein rauchender Atemzug
im Winter vergangen.
Je und je kam etwas Derartiges wieder, daß aus den Büchern heraus
irgendeine Gestalt oder ein Stück Geschichte gleichsam gierig
hervorbrach, sich sehnend, noch einmal zu leben und seinen Blick in
einem lebendigen Auge zu spiegeln. Hans nahm es hin, wunderte sich
darüber und fühlte bei diesen raschen, stets schon wieder auf der Flucht
begriffenen Erscheinungen sich tief und seltsam verwandelt, als habe er
die schwarze Erde wie ein Glas durchblickt oder als habe Gott ihn
angeschaut. Diese köstlichen Augenblicke kamen ungerufen und
verschwanden unbeklagt als Pilger und freundliche Gäste, die man nicht
anzureden und zum Bleiben zu nötigen wagt, weil sie um sich her etwas
Fremdes und Göttliches haben.
Er behielt diese Erlebnisse für sich und sagte auch Heilner nichts
davon. Bei diesem hatte sich die frühere Schwermut in einen unruhigen,
scharfen Geist verwandelt, der am Kloster, an Lehrern und Kameraden, am
Wetter, am Menschenleben und an der Existenz Gottes Kritik übte,
gelegentlich auch zu Streitlust oder plötzlichen dummen Streichen
führte. Da er doch einmal abgesondert und in einem Gegensatze zu den
übrigen stand, suchte er in unüberlegtem Stolz diesen Gegensatz vollends
zu einem trotzigen und feindseligen Verhältnisse zuzuspitzen, in welches
Giebenrath, ohne es hindern zu wollen, mit hineingeriet, so daß die
beiden Freunde als eine auffallende und mit Mißgunst betrachtete Insel
von der Menge abgetrennt lagen. Hans fühlte sich hierbei nach und nach
weniger unwohl. Wenn nur der Ephorus nicht gewesen wäre, vor dem er eine
dunkle Angst empfand. Früher sein Lieblingsschüler, wurde er jetzt von
ihm kühl behandelt und mit deutlicher Absicht vernachlässigt. Und gerade
am Hebräischen, dem Spezialfach des Ephorus, hatte er allmählich alle
Lust verloren.
Es war ergötzlich, zu sehen, wie schon in ein paar Monaten die vierzig
Seminaristen an Leib und Seele sich verändert hatten, wenige
Stillständer ausgenommen. Viele waren mächtig in die Länge geschossen,
sehr auf Unkosten der Breite, und streckten an Armen und Beinen
hoffnungsvoll die Knöchel aus den nicht mitgewachsenen Kleidern. Die
Gesichter wiesen alle Schattierungen zwischen absterbender Kindlichkeit
und einer zaghaft sich zu brüsten beginnenden Mannheit auf, und wessen
Körper noch von den eckigen Formen der Entwicklungszeit frei war, dem
hatte das Studium der Bücher Mosis wenigstens einen provisorischen
Mannesernst auf die glatte Stirn verliehen. Pausbacken waren geradezu
Raritäten geworden.
Auch Hans hatte sich verändert. An Größe und Magerkeit kam er Heilner
nun gleich, ja er sah jetzt fast älter als jener aus. Die früher zart
durchscheinenden Kanten der Stirn hatten sich herausgearbeitet und die
Augen lagen tiefer, das Gesicht war von ungesunder Farbe, Glieder und
Schultern waren knochig und hager.
Je weniger er mit seinen Leistungen in der Schule selber zufrieden war,
desto herber schloß er sich, unter Heilners Einfluß, von den Kameraden
ab. Da er keinen Grund mehr hatte, als Musterschüler und künftiger
Primus auf sie herabzuschauen, kleidete ihn der Hochmut herzlich
schlecht. Aber daß man ihn das merken ließ und daß er es selber
schmerzlich in sich spürte, verzieh er ihnen nicht. Namentlich mit dem
tadellosen Hartner und jenem vorlauten Otto Wenger gab es mehrmal
Händel. Als der letztere ihn eines Tages wieder höhnte und ärgerte,
vergaß sich Hans und antwortete mit einem Faustschlag. Es gab ein böses
Hauen. Wenger war ein Feigling, aber mit dem schwächlichen Gegner war es
leicht fertig zu werden, und er schlug rücksichtslos zu. Heilner war
nicht zugegen, die andern schauten müßig zu und gönnten Hans die
Züchtigung. Er wurde regelrecht durchgebläut, blutete aus der Nase und
alle Rippen taten ihm weh. Die ganze Nacht hielten Scham, Schmerz und
Zorn ihn wach. Seinem Freunde verschwieg er das Erlebnis, schloß sich
aber von jetzt an streng ab und wechselte kaum mehr ein Wort mit den
Stubenkameraden.
Gegen das Frühjahr hin, unter dem Einfluß der Regenmittage,
Regensonntage und langen Dämmerungen zeigten sich neue Bildungen und
Bewegungen im Klosterleben. Die Stube Akropolis, zu deren Bewohnern ein
guter Klavierspieler und zwei Flötenbläser gehörten, gründete zwei
regelmäßige Musikabende, auf der Stube Germania eröffnete man einen
dramatischen Leseverein, und einige junge Pietisten etablierten einen
Bibelkranz, der allabendlich ein Bibelkapitel samt den Noten der
Calwerbibel las.
Zum Leseverein der Stube Germania meldete sich Heilner als Mitglied und
wurde nicht angenommen. Er kochte vor Wut. Zur Rache ging er nun in den
Bibelkranz. Man wollte ihn auch dort nicht haben, doch drängte er sich
auf und brachte in die frommen Gespräche der bescheidenen kleinen
Brüderschaft Zank und Hader durch seine kühnen Reden und gottlosen
Anspielungen. Bald wurde er auch dieses Spaßes müde, behielt aber einen
ironisch-biblischen Ton im Reden noch länger bei. Indessen wurde er
diesmal kaum beachtet, da die Promotion jetzt völlig von einem Geist des
Unternehmens und Gründens besessen war.
Am meisten machte ein begabter und witziger Spartaner von sich reden.
Ihm war es, nächst dem persönlichen Ruhm, lediglich darum zu tun, etwas
Leben in die Bude zu bringen und sich durch allerlei witzige Allotria
eine öftere Erholung von dem einförmigen Arbeitsleben zu verschaffen. Er
hieß mit Spitznamen Dunstan und fand einen originellen Weg, Sensation zu
machen und sich zu einem gewissen Ruhm emporzuschwingen.
Eines Morgens, als die Schüler aus den Schlafsälen kamen, fanden sie an
die Waschsaaltüre ein Papier geklebt, auf welchem unter dem Titel »Sechs
Epigramme aus Sparta« eine ausgewählte Zahl von auffallenderen
Kameraden, ihre Narrheiten, Streiche, Freundschaften in Distichen witzig
verhöhnt waren. Auch das Paar Giebenrath und Heilner hatte seinen Hieb
bekommen. Eine ungeheure Aufregung entstand in dem kleinen Staatswesen,
man drängte sich vor jener Tür wie am Eingang eines Theaters und die
ganze Schar surrte, stieß und säuselte durcheinander wie ein Bienenvolk,
dessen Königin sich zum Fluge anschickt.
Am folgenden Morgen war die ganze Türe mit Epigrammen und Xenien
gespickt, mit Erwiderungen, Zustimmungen, neuen Angriffen, ohne daß
jedoch der Urheber des Skandals so unklug gewesen wäre, sich wieder
daran zu beteiligen. Seinen Zweck, den Zunder in die Scheuer zu werfen,
hatte er erreicht und rieb sich die Hände. Fast alle Schüler beteiligten
sich nun einige Tage lang am Xenienkampf, nachdenklich schritt jeder
umher, auf ein Distichon bedacht, und vielleicht war Lucius der einzige,
der unbekümmert wie sonst seiner Arbeit nachging. Am Ende nahm ein
Lehrer davon Notiz und verbot die Fortsetzung des aufregenden Spiels.
Der schlaue Dunstan ruhte nicht auf seinen Lorbeeren aus, sondern hatte
inzwischen seinen Hauptschlag vorbereitet. Er gab nun die erste Nummer
einer Zeitung heraus, die in winzigem Format auf Konzeptpapier
hektographiert war und zu der er seit Wochen Stoff gesammelt hatte. Sie
führte den Titel »Stachelschwein« und war vorwiegend ein Witzblatt. Ein
fideles Gespräch zwischen dem Verfasser des Buches Josua und einem
Maulbronner Seminaristen war das Glanzstück der ersten Nummer. Das Blatt
wurde gratis an jede Stube in zwei Exemplaren abgegeben und sollte
künftig wöchentlich zweimal erscheinen und fünf Pfennig kosten. Der
Erlös war zu einer Vergnügungskasse bestimmt.
Der Erfolg war durchschlagend, und Dunstan, der nun Miene und Benehmen
eines stark beschäftigten Redakteurs und Verlegers annahm, genoß im
Kloster ungefähr denselben heiklen Ruf, wie seinerzeit der famose
Aretiner in der Republik Venedig.
Es erregte allgemeines Erstaunen, als Hermann Heilner sich mit
Leidenschaft an der Redaktion beteiligte und nun mit Dunstan zusammen
ein scharfes satirisches Zensorat ausübte, wozu es ihm weder an Witz
noch an Gift gebrach. Etwa vier Wochen lang hielt die kleine Zeitung das
ganze Kloster in Atem.
Giebenrath ließ seinen Freund gewähren, er selber hatte weder die Lust
noch die Gabe, mitzumachen. Er merkte es anfangs sogar kaum, daß Heilner
neuerdings so häufig seine Abende in Sparta zubrachte, denn seit kurzem
beschäftigten ihn andere Dinge. Tagsüber ging er träg und unaufmerksam
umher, arbeitete langsam und ohne Lust, und einmal passierte ihm in der
Liviusstunde etwas Seltsames.
Der Professor rief ihn zum Übersetzen auf. Er blieb sitzen.
»Was soll das heißen? Warum stehen Sie nicht auf?« rief der Professor
ärgerlich.
Hans rührte sich nicht. Er saß aufrecht in der Bank, hatte den Kopf ein
wenig gesenkt und die Augen halb geschlossen. Der Aufruf hatte ihn aus
einem Träumen halb erweckt, doch hörte er die Stimme des Lehrers nur wie
aus einer großen Entfernung. Er spürte auch, daß sein Banknachbar ihn
heftig anstieß. Es ging ihn nichts an. Er war von anderen Menschen
umgeben, andere Hände berührten ihn und andere Stimmen redeten zu ihm,
nahe, leise, tiefe Stimmen, welche keine Worte sprachen, sondern nur
tief und mild wie Brunnentöne rauschten. Und viele Augen sahen ihn an --
fremde, ahnungsvolle, große, glanzvolle Augen. Vielleicht die Augen
einer römischen Volksmenge, von welcher er eben noch im Livius gelesen
hatte, vielleicht die Augen unbekannter Menschen, von denen er geträumt
oder die er irgend einmal auf Bildern gesehen hatte.
»Giebenrath!« schrie der Professor. »Schlafen Sie denn?«
Der Schüler schlug langsam die Augen auf, heftete sie erstaunt auf den
Lehrer und schüttelte den Kopf.
»Sie haben geschlafen! Oder können Sie mir sagen, an welchem Satz wir
stehen? Nun?«
Hans deutete mit dem Finger ins Buch, er wußte gut, wo man stand.
»Wollen Sie jetzt vielleicht auch aufstehen?« fragte der Professor
höhnisch. Und Hans stand auf.
»Was treiben Sie denn? Sehen Sie mich an!«
Er sah den Professor an. Diesem gefiel der Blick aber nicht, denn er
schüttelte verwundert den Kopf.
»Sind Sie unwohl, Giebenrath?«
»Nein, Herr Professor.«
»Setzen Sie sich wieder und kommen Sie nach Schluß der Lektion auf mein
Zimmer.«
Hans setzte sich und bückte sich über seinen Livius. Er war ganz wach
und verstand alles, zugleich folgte aber sein inneres Auge den vielen
fremden Gestalten, die sich langsam in große Weiten entfernten und immer
ihre glänzenden Augen auf ihn gerichtet hielten, bis sie ganz in der
Weite in einem Nebel untersanken. Zugleich kam die Stimme des Lehrers
und die des übersetzenden Schülers und alles kleine Geräusch des
Lehrsaals immer näher und war schließlich wieder so wirklich und
gegenwärtig wie sonst. Bänke, Katheder und Tafel standen da wie immer,
an der Wand hing der große hölzerne Zirkel und der Reißwinkel, ringsum
saßen alle Kameraden und viele von ihnen schielten neugierig und frech
zu ihm herüber. Da erschrak Hans heftig.
»Kommen Sie nach Schluß der Lektion auf mein Zimmer«, hatte er sagen
hören. Herrgott, was war denn passiert?
Am Ende der Stunde winkte ihn der Professor zu sich und nahm ihn mit
durch die glotzenden Kameraden hindurch.
»Nun sagen Sie, was denn eigentlich mit Ihnen war? Geschlafen haben Sie
also nicht?«
»Nein.«
»Warum sind Sie nicht aufgestanden, als ich Sie anrief?«
»Ich weiß nicht.«
»Oder haben Sie mich nicht gehört? Sind Sie schwerhörig?«
»Nein. Ich habe Sie gehört.«
»Und sind nicht aufgestanden? Sie hatten nachher auch so sonderbare
Augen. An was dachten Sie denn?«
»An nichts. Ich wollte schon aufstehen.«
»Warum taten Sie es nicht? Waren Sie also doch unwohl?«
»Ich glaube nicht. Ich weiß nicht, was es war.«
»Hatten Sie Kopfweh?«
»Nein.«
»Es ist gut. Gehen Sie.«
Vor Tisch wurde er wieder abgerufen und in den Schlafsaal gebracht. Dort
wartete der Ephorus mit dem Oberamtsarzt auf ihn. Er wurde untersucht
und ausgefragt, doch kam nichts Klares zum Vorschein. Der Arzt lachte
gutmütig und nahm die Sache leicht.
»Das sind kleine Nervengeschichten, Herr Ephorus«, kicherte er sanft.
»Ein vorübergehender Zustand von Schwäche -- eine Art leichter
Schwindel. Man muß sehen, daß der junge Mann täglich an die Luft kommt.
Fürs Kopfweh kann ich ihm ein paar Tropfen verschreiben.«
Von da an mußte Hans täglich nach Tisch eine Stunde ins Freie. Er hatte
nichts dagegen. Schlimmer war es, daß der Ephorus ihm Heilners
Begleitung auf diesen Spaziergängen ausdrücklich verbot. Dieser wütete
und schimpfte, mußte jedoch nachgeben. So ging Hans stets allein und
fand eine gewisse Freude daran. Es war Frühlingsbeginn. Über die runden,
schöngewölbten Hügel lief wie eine dünne, lichte Welle das keimende
Grün, die Bäume legten ihre Wintergestalt, das braune Netzwerk mit den
scharfen Umrissen, ab und verloren sich mit jungem Blätterspiel
ineinander und in die Farben der Landschaft, als eine unbegrenzte,
fließende Woge von lebendigem Grün.
Früher, in den Lateinschuljahren, hatte Hans den Frühling anders als
diesmal betrachtet, lebhafter und neugieriger und mehr im einzelnen. Er
hatte die zurückkehrenden Vögel beobachtet, eine Gattung um die andere,
und die Reihenfolge der Baumblüte, und dann, sobald es Mai war, hatte er
zu angeln begonnen. Jetzt gab er sich keine Mühe, die Vogelarten zu
unterscheiden oder die Sträucher an ihren Knospen zu erkennen. Er sah
nur das allgemeine Treiben, die überall sprossenden Farben, atmete den
Geruch des jungen Laubes, spürte die weichere und gärende Luft und ging
verwundert durch die Felder. Er ermüdete bald, hatte immer eine Neigung
zu liegen und einzuschlafen und sah fast fortwährend allerlei andere
Dinge, als die ihn wirklich umgaben. Was es eigentlich für Dinge waren,
wußte er selbst nicht, und er besann sich nicht darüber. Es waren helle,
zarte, ungewöhnliche Träume, die ihn wie Bildnisse oder wie Alleen
fremdartiger Bäume umstanden, ohne daß etwas in ihnen geschah. Reine
Bilder, nur zum Anschauen, aber das Anschauen derselben war doch auch
ein Erleben. Es war ein Weggenommensein in andere Gegenden und zu
anderen Menschen. Es war ein Wandeln auf fremder Erde, auf einem
weichen, angenehm zu betretenden Boden, und es war ein Atmen fremder
Luft, einer Luft voll Leichtigkeit und feiner, träumerischer Würze. An
Stelle dieser Bilder kam zuweilen auch ein Gefühl, dunkel, warm und
erregend, als glitte ihm eine leichte Hand mit weicher Berührung über
den Körper.
Beim Lesen und Arbeiten hatte Hans große Mühe, aufmerksam zu sein. Was
ihn nicht interessierte, glitt ihm schattenhaft unter den Händen weg und
die hebräischen Vokabeln mußte er, wenn er sie in der Lektion noch
wissen wollte, erst in der letzten halben Stunde lernen. Häufig aber
kamen jene Momente körperhafter Anschauung, daß er beim Lesen alles
Geschilderte plötzlich dastehen, leben und sich bewegen sah, viel
leibhaftiger und wirklicher als die nächste Umgebung. Und während er mit
Verzweiflung bemerkte, daß sein Gedächtnis nichts mehr aufnehmen wollte
und fast täglich lahmer und unsicherer wurde, überfielen ihn zuweilen
ältere Erinnerungen mit einer unheimlichen Deutlichkeit, die ihm
wunderlich und beängstigend erschien. Mitten in einer Lektion oder bei
einer Lektüre fiel ihm manchmal sein Vater oder die alte Anna oder einer
seiner früheren Lehrer oder Mitschüler ein, stand sichtbar vor ihm und
nahm für eine Weile seine ganze Aufmerksamkeit gefangen. Auch Szenen aus
dem Stuttgarter Aufenthalt, aus dem Landexamen und aus den Ferien
erlebte er wieder und wieder, oder er sah sich mit der Angelrute am
Flusse sitzen, roch den Dunst des sonnigen Wassers, und zugleich kam es
ihm vor, als liege die Zeit, von der er träumte, um ganze lange Jahre
zurück.
An einem laulich feuchten, finsteren Abend schlenderte er mit Heilner im
Dorment hin und her und erzählte von daheim, vom Papa, vom Angeln und
von der Schule. Sein Freund war auffallend still; er ließ ihn reden,
nickte hie und da oder tat mit seinem kleinen Lineal, mit dem er den
lieben langen Tag spielen mußte, ein paar nachdenkliche Hiebe in die
Luft. Allmählich verstummte auch Hans; es war Nacht geworden und sie
setzten sich auf den Sims eines Fensters.
»Du, Hans?« fing Heilner schließlich an. Seine Stimme war unsicher und
aufgeregt.
»Was?«
»Ach nichts.«
»Nein, red' nur!«
»Ich dachte bloß -- weil du so allerlei erzählt hast --«
»Was denn?«
»Sag, Hans, bist du eigentlich nie einem Mädchen nachgelaufen?«
Es entstand eine Stille. Davon hatten sie noch nie gesprochen. Hans
fürchtete sich davor und doch zog dieses rätselhafte Gebiet ihn wie ein
Märchengarten an. Er fühlte, wie er rot wurde, und seine Finger
zitterten.
»Nur einmal«, sagte er flüsternd. »Ich war noch ein dummer Bub.«
Wieder Stille.
»-- und du, Heilner?«
Heilner seufzte.
»Ach laß! -- Weißt du, man sollte gar nicht davon reden, es hat ja
keinen Wert.«
»Doch, doch.«
»-- Ich hab' einen Schatz.«
»Du? Ist's wahr?«
»Daheim. Vom Nachbar. Und diesen Winter hab' ich ihr einen Kuß gegeben.«
»Einen Kuß --?«
»Ja. -- Weißt du, es war schon dunkel. Abends, auf dem Eis, und ich
durfte ihr helfen, die Schlittschuhe ausziehen. Da hab' ich ihr einen
Kuß gegeben.«
»Hat sie nichts gesagt?«
»Gesagt nicht. Sie ist bloß fortgelaufen.«
»Und dann?«
»Und dann! -- Nichts.«
Er seufzte wieder und Hans sah ihn an wie einen Helden, der aus
verbotenen Gärten kommt.
Da läutete die Glocke, man mußte zu Bett gehen. Dort lag Hans, als die
Laterne gelöscht und alles still geworden war, noch länger als eine
Stunde wach und dachte an den Kuß, den Heilner seinem Schatz gegeben
hatte.
Am andern Tag wollte er weiter fragen, schämte sich aber, und der
andere, da Hans ihn nicht fragte, scheute sich, von selber wieder davon
anzufangen.
In der Schule ging es Hans immer schlechter. Die Lehrer fingen an böse
Gesichter zu schneiden und sonderbare Blicke zu schießen, der Ephorus
war finster und ärgerlich und auch die Mitschüler hatten längst gemerkt,
daß Giebenrath von seiner Höhe herabsank und aufgehört hatte, auf den
Primus zu zielen. Nur Heilner merkte nichts, da ihm selber die Schule
nicht sonderlich wichtig war, und Hans selber sah alles geschehen und
sich verändern, ohne darauf zu achten.
Heilner hatte unterdessen das Zeitungsredigieren satt bekommen und
kehrte ganz zu seinem Freunde zurück. Dem Verbote zum Trotz begleitete
er Hans mehrmals auf seinem täglichen Spaziergang, lag mit ihm in der
Sonne und träumte, las Gedichte vor oder machte Witze über den Ephorus.
Hans hoffte von Tag zu Tag, er würde mit den Enthüllungen seiner
Liebesabenteuer fortfahren, doch brachte er es je länger je weniger über
sich, danach zu fragen. Bei den Kameraden waren sie beide so unbeliebt
wie je, denn Heilner hatte durch seine boshaften Witze im
»Stachelschwein« niemandes Vertrauen erworben.
Die Zeitung ging um diese Zeit ohnehin ein; sie hatte sich überlebt und
war auch nur auf die langweiligen Wochen zwischen Winter und Frühjahr
berechnet gewesen. Jetzt bot die beginnende schöne Jahreszeit
Unterhaltung genug durch Botanisieren, Spaziergänge und Spiele im
Freien. Jeden Mittag erfüllten Turner, Ringkämpfer, Wettläufer und
Ballschläger den Klostervorhof mit Geschrei und Leben.
Dazu kam nun eine neue große Sensation, deren Urheber und Mittelpunkt
wieder der allgemeine Stein des Anstoßes, Hermann Heilner, war.
Der Ephorus hatte durch liebevolle Mitschüler erfahren, daß Heilner sich
über sein Verbot lustig mache und fast alle Tage den spazieren gehenden
Giebenrath begleite. Diesmal ließ er Hans in Ruhe und zitierte nur den
Hauptsünder, seinen alten Feind, auf sein Amtszimmer. Er duzte ihn, was
Heilner sich sogleich verbat. Er hielt ihm seinen Ungehorsam vor.
Heilner erklärte, er sei Giebenraths Freund und niemand habe das Recht,
ihnen den Verkehr miteinander zu verbieten. Es setzte eine böse Szene,
deren Resultat war, daß Heilner ein paar Stunden Arrest erhielt samt dem
strengen Verbot, in nächster Zeit mit Giebenrath zusammen auszugehen.
Am nächsten Tage machte also Hans seinen offiziellen Spaziergang wieder
allein. Er kam um zwei Uhr zurück und fand sich mit den andern im
Lehrsaal ein. Beim Beginn der Lektion stellte sich heraus, daß Heilner
fehlte. Es war alles genau so wie damals beim Verschwinden des Hindu,
nur dachte diesmal niemand an ein Verspäten. Um drei Uhr ging die ganze
Promotion samt drei Lehrern auf die Streife nach dem Vermißten. Man
verteilte sich, lief und schrie durch die Wälder, und manche, auch zwei
von den Lehrern, hielten es nicht für unmöglich, daß er sich ein Leid
angetan habe.
Um fünf Uhr wurde an alle Polizeistellen der Gegend telegraphiert und
abends ein Eilbrief an Heilners Vater abgeschickt. Am späten Abend hatte
man noch keinerlei Spur gefunden und bis in die Nacht hinein wurde in
allen Schlafsälen geflüstert und gewispert. Unter den Schülern fand die
Annahme, er sei ins Wasser gesprungen, den meisten Glauben. Andere
meinten, er sei einfach nach Hause gereist. Aber man hatte festgestellt,
daß der Durchgänger fast gar kein Geld bei sich haben konnte.
Hans wurde angesehen, als müsse er um die Sache wissen. Dem war aber
nicht so, vielmehr war er der Erschrockenste und Bekümmertste von allen,
und nachts im Schlafsaal, als er die andern fragen, vermuten, fabeln und
witzeln hörte, verkroch er sich tief in seine Decke und lag lange böse
Stunden in Leid und Angst um seinen Freund. Ein Vorgefühl, daß dieser
nicht wiederkommen würde, ergriff sein banges Herz und erfüllte ihn mit
einem furchtsamen Wehgefühl, bis er matt und bekümmert entschlief.
Um dieselben Stunden lag Heilner ein paar Meilen entfernt in einem
Gehölz. Er fror und konnte nicht schlafen, doch atmete er in einem
tiefen Freiheitsgefühl mächtig auf und streckte die Glieder, als wäre er
aus einem engen Käfig entronnen. Er war seit Mittag gelaufen, hatte in
Knittlingen Brot gekauft und nahm nun zuweilen einen Bissen davon,
während er durch das noch frühlinghaft lichte Gezweige Nachtschwärze,
Sterne und schnellsegelnde Wolken beschaute. Wohin er schließlich käme,
war ihm einerlei; wenigstens war er nun dem verhaßten Kloster
entsprungen und hatte dem Ephorus gezeigt, daß sein Wille stärker war
als Befehle und Verbote.
Den ganzen folgenden Tag suchte man ihn vergeblich. Er brachte die
zweite Nacht in der Nähe eines Dorfes zwischen Strohbündeln auf dem
Felde zu; morgens schlug er sich wieder in den Wald und fiel erst gegen
Abend, da er wieder ein Dorf besuchen wollte, einem Landjäger in die
Hände. Der empfing ihn mit freundlichem Spott und brachte ihn aufs
Rathaus, wo er durch Witz und Schmeichelei das Herz des Schulzen gewann,
der ihn zum Übernachten mit nach Hause nahm und vor dem Bettgehen
reichlich mit Schinken und Eiern fütterte. Andern Tags holte ihn sein
inzwischen herzugereister Vater ab.
Die Aufregung im Kloster war groß, als der Ausreißer eingebracht wurde.
Er trug aber den Kopf hoch und schien seine kleine Geniereise gar nicht
zu bereuen. Man verlangte, er solle Abbitte tun, doch weigerte er sich
und trat dem Femgericht des Lehrerkonvents durchaus nicht zaghaft oder
ehrerbietig gegenüber. Man hatte ihn halten wollen, nun war aber das Maß
voll. Er wurde in Schanden entlassen und reiste abends mit seinem Vater
auf Nichtwiederkommen ab. Von seinem Freund Giebenrath hatte er nur
durch einen Händedruck Abschied nehmen können.
Schön und schwungvoll war die große Rede, die der Herr Ephorus auf
diesen außerordentlichen Fall von Widersetzlichkeit und Entartung hielt.
Viel zahmer, sachlicher und schwächlicher lautete sein Bericht an die
Oberbehörde nach Stuttgart. Den Seminaristen wurde der Briefwechsel mit
dem abgegangenen Ungeheuer verboten, wozu Hans Giebenrath freilich nur
lächelte. Wochenlang wurde von nichts so viel geredet, wie von Heilner
und seiner Flucht. Die Entfernung und die entschwindende Zeit
veränderten das allgemeine Urteil und manche sahen dem seinerzeit
ängstlich gemiedenen Flüchtling später nach wie einem entflogenen Adler.
Die Stube Hellas wies nun zwei leerstehende Pulte auf und der zuletzt
Verlorene ward nicht so rasch wie der vorige vergessen. Nur dem Ephorus
wäre es lieber gewesen, auch den zweiten still und versorgt zu wissen.
Doch tat Heilner nichts, um den Klosterfrieden zu stören. Sein Freund
wartete und wartete, aber es kam nie ein Brief von ihm. Er war fort und
verschollen, seine Gestalt und seine Flucht wurde allmählich zu
Geschichte und schließlich zu Sage. Den leidenschaftlichen Knaben nahm
später, nach mancherlei weiteren Geniestreichen und Verirrungen, das
Leid des Lebens in eine strenge Zucht und es ist, wenn nicht ein Held,
so doch ein aufrechter und stattlicher Mann aus ihm geworden.
Auf dem zurückgebliebenen Hans ruhte der Verdacht, um Heilners Flucht
gewußt zu haben, und raubte ihm vollends das Wohlwollen der Lehrer.
Einer derselben sagte ihm, als er in der Lektion auf mehrere Fragen die
Antwort schuldig blieb: »Warum sind Sie denn nicht mit Ihrem schönen
Freund Heilner gegangen?«
Der Ephorus ließ ihn sitzen und sah ihn von der Seite mit
verachtungsvollem Mitleid an wie der Pharisäer den Zöllner. Dieser
Giebenrath zählte nicht mehr mit, er gehörte zu den Aussätzigen.