Ganz im Nordwesten des Landes liegt zwischen waldigen Hügeln und kleinen
stillen Seen das große Zisterzienserkloster Maulbronn. Weitläufig, fest
und wohlerhalten stehen die schönen alten Bauten und wären ein
verlockender Wohnsitz, denn sie sind prächtig, von innen und außen, und
sind in den Jahrhunderten mit ihrer ruhig schönen, grünen Umgebung edel
und innig zusammengewachsen. Wer das Kloster besuchen will, tritt durch
ein malerisches, die hohe Mauer öffnendes Tor auf einen weiten und sehr
stillen Platz. Ein Brunnen läuft dort, und es stehen alte ernste Bäume
da und zu beiden Seiten alte steinerne und feste Häuser und im
Hintergrunde die Stirnseite der gewaltigen Hauptkirche mit einer
spätromanischen Vorhalle, Paradies genannt, von einer graziösen,
entzückenden Schönheit ohnegleichen. Auf dem mächtigen Dach der Kirche
reitet ein nadelspitzes, humoristisches Türmchen, von dem man nicht
begreift, wie es eine Glocke tragen soll. Der unversehrte Kreuzgang,
selber ein schönes Werk, enthält als Kleinod eine köstliche
Brunnenkapelle; das Herrenrefektorium mit kräftig edlem Kreuzgewölbe,
ein wundervoller Raum, weiter Oratorium, Parlatorium, Laienrefektorium,
Abtwohnung und zwei Kirchen schließen sich massig aneinander. Malerische
Mauern, Erker, Tore, Gärtchen, eine Mühle, Wohnhäuser umkränzen
behaglich und heiter die wuchtigen alten Bauwerke. Der weite Vorplatz
liegt still und leer und spielt im Schlaf mit den Schatten seiner Bäume;
nur in der Stunde nach Mittag kommt ein flüchtiges Scheinleben über ihn.
Dann tritt eine Schar junger Leute aus dem Kloster, verliert sich über
die weite Fläche, bringt ein wenig Bewegung, Rufen, Gespräch und
Gelächter mit, spielt etwa auch ein Ballspiel und verschwindet nach
Ablauf der Stunde rasch und spurlos hinter den Mauern. Auf diesem Platz
hat schon mancher sich gedacht, hier wäre der Ort für ein tüchtiges
Stück Leben und Freude, hier müßte etwas Lebendiges, Beglückendes
wachsen können, hier müßten reife und gute Menschen ihre freudigen
Gedanken denken und schöne, heitere Werke schaffen.
In liebevoller Fürsorge hat die Regierung dies herrliche, weltfern
gelegene, hinter Hügeln und Wäldern verborgene Kloster den Schülern des
protestantisch-theologischen Seminars eingeräumt, damit Schönheit und
Ruhe die empfänglichen jungen Gemüter umgebe. Zugleich sind dort die
jungen Leute den zerstreuenden Einflüssen der Städte und des
Familienlebens entzogen und bleiben vor dem schädigenden Anblick des
tätigen Lebens bewahrt. Es wird dadurch ermöglicht, den Jünglingen
jahrelang das Studium der hebräischen und griechischen Sprache samt
Nebenfächern allen Ernstes als Lebenziel erscheinen zu lassen, den
ganzen Durst der jungen Seelen reinen und idealen Studien und Genüssen
zuzuwenden. Dazu kommt als wichtiger Faktor das Internatsleben, die
Nötigung zur Selbsterziehung, das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die
Regierung, auf deren Kosten die Seminaristen leben und studieren dürfen,
hat hierdurch dafür gesorgt, daß ihre Zöglinge eines besonderen Geistes
Kinder werden, an welchem sie später jederzeit erkannt werden können --
eine feine und sichere Art der Brandmarkung und ein sinniges Symbol der
freiwilligen Leibeigenschaft. Mit Ausnahme der Wildlinge, die sich je
und je einmal losreißen, kann man denn auch jeden schwäbischen
Seminaristen sein Leben lang als solchen erkennen. Wie verschieden sind
die Menschen und wie verschieden die Umgebungen und Verhältnisse, in
denen sie aufwachsen! Das gleicht die Regierung bei ihren Schützlingen
gerecht und gründlich aus, durch eine Art von geistiger Uniform oder
Livree.
Wer beim Eintritt ins Klosterseminar noch eine Mutter gehabt hat, der
denkt zeitlebens an jene Tage mit Dankbarkeit und lächelnder Rührung.
Hans Giebenrath war nicht in diesem Fall und kam ohne alle Rührung
darüber hinweg, aber er konnte doch eine große Zahl von fremden Müttern
beobachten und hatte einen sonderbaren Eindruck davon.
In den großen, mit Wandschränken eingefaßten Korridoren, den sogenannten
Dormenten, standen Kisten und Körbe umher, und die von ihren Eltern
begleiteten Knaben waren mit dem Auspacken und Einräumen ihrer
Siebensachen beschäftigt. Jeder hatte seinen numerierten Schrank und in
den Arbeitszimmern sein numeriertes Büchergestell angewiesen bekommen.
Söhne und Eltern knieten auspackend am Boden, der Famulus wandelte wie
ein Fürst zwischendurch und gab hie und da wohlmeinenden Rat. Es wurden
ausgepackte Kleider ausgebreitet, Hemden gefaltet, Bücher aufgestapelt,
Stiefel und Pantoffeln in Reihen gestellt. Die Ausrüstung war in den
Hauptstücken bei allen dieselbe, denn die Mindestzahl der
mitzubringenden Wäschestücke und das Wesentliche des übrigen Hausrats
waren vorgeschrieben. Blecherne Waschbecken mit eingekratzten Namen
kamen zum Vorschein und wurden im Waschsaal aufgestellt, Schwamm,
Seifenschale, Kamm und Zahnbürsten daneben. Ferner hatte jeder eine
Lampe, eine Erdölkanne und ein Tischbesteck mitgebracht.
Die Knaben waren sämtlich überaus geschäftig und erregt. Die Väter
lächelten, versuchten mitzuhelfen, sahen oft nach ihren Taschenuhren,
hatten ziemlich Langeweile und machten Versuche, sich zu drücken. Die
Seele der ganzen Tätigkeit waren aber die Mütter. Stück für Stück nahmen
sie die Kleider und Wäsche zuhanden, strichen Falten hinweg, zogen
Bänder zurecht und verteilten die Stücke mit sorgfältigem Ausprobieren
möglichst sauber und praktisch im Schrank. Ermahnungen, Ratschläge und
Zärtlichkeiten flossen mit ein.
»Die neuen Hemden mußt du besonders schonen, sie haben drei Mark fünfzig
gekostet.«
»Die Wäsche schickst du alle vier Wochen per Bahn -- wenn's eilig ist,
per Post. Der schwarze Hut ist nur für Sonntags.«
Eine dicke, behagliche Frau saß auf einer hohen Kiste und lehrte ihren
Sohn die Kunst, Knöpfe anzunähen.
»Wenn du Heimweh hast,« hieß es anderswo, »dann schreib mir nur immer.
's ist ja nicht so schrecklich lang bis Weihnachten.«
Eine hübsche, noch ziemlich junge Frau übersah den gefüllten Schrank
ihres Söhnleins und fuhr mit liebkosender Hand über die Wäschehäufchen
und Röcke und Hosen. Als sie damit fertig war, begann sie ihren Buben,
einen breitschultrigen Pausback, zu streicheln. Er schämte sich und
wehrte verlegen lachend ab und steckte auch noch, um ja nicht zärtlich
auszusehen, beide Hände in die Hosentaschen. Der Abschied schien der
Mutter schwerer zu fallen als ihm.
Bei andern war es umgekehrt. Sie blickten ihre beschäftigten Mütter tat-
und ratlos an und sahen aus, als möchten sie am liebsten wieder mit
heimreisen. Bei allen aber lag die Furcht vor dem Abschied und das
gesteigerte Gefühl der Zärtlichkeit und Anhänglichkeit in schwerem Kampf
mit der Scheu vor Zuschauern und mit dem trotzigen Würdegefühl erster
Männlichkeit. Mancher, der am liebsten geheult hätte, machte nun ein
künstlich sorgloses Gesicht und tat so, als ginge nichts ihm nah. Und
die Mütter lächelten dazu.
Fast alle entnahmen ihren Kisten außer dem Notwendigsten auch noch
einige Luxusstücke, ein Säcklein Äpfel, eine Rauchwurst, ein Körbchen
Backwerk und dergleichen. Viele hatten Schlittschuhe mitgebracht.
Kolossales Aufsehen erregte ein kleiner, pfiffig aussehender Jüngling
durch den Besitz eines ganzen Schinkens, den er auch keineswegs zu
verbergen trachtete.
Man konnte leicht unterscheiden, welche von den Jungen direkt von Hause
kamen und welche schon früher in Instituten und Pensionen gewesen waren.
Aber auch diesen sah man die Aufregung und Spannung an.
Herr Giebenrath half seinem Sohn beim Auspacken und benahm sich dabei
klug und praktisch. Er war früher damit fertig als die meisten andern
und stand eine Weile mit Hans gelangweilt und hilflos im Dorment herum.
Da er auf allen Seiten mahnende und belehrende Väter, tröstende und
ratgebende Mütter und beklommen zuhörende Söhne erblickte, hielt auch er
es für angemessen, seinem Hans einige goldene Worte mit auf den
Lebensweg zu geben. Er überlegte lang und schlich gequält neben dem
stummen Knaben einher, dann legte er plötzlich los und förderte eine
kleine Blütenlese von weihevollen Redensarten zutage, die Hans
verwundert und still entgegennahm, bis er einen danebenstehenden Pfarrer
über die väterliche Rede belustigt lächeln sah; da schämte er sich und
zog den Redner beiseite.
»Also nicht wahr, du wirst deiner Familie Ehre machen? Und deinen
Vorgesetzten folgsam sein?«
»Ja natürlich«, sagte Hans.
Der Vater schwieg und atmete erleichtert auf. Es begann ihm elend
langweilig zu werden. Auch Hans kam sich ziemlich verloren vor, schaute
bald mit beklommener Neugierde durch die Fenster in den stillen
Kreuzgang hinab, dessen altertümlich einsiedlerische Würde und Ruhe
sonderbar im Gegensatz zu dem oben lärmenden jungen Leben stand, bald
beobachtete er schüchtern die beschäftigten Kameraden, deren er noch
keinen kannte. Jener Stuttgarter Examensgenosse schien, trotz seinem
raffinierten Göppinger Latein, nicht bestanden zu haben, wenigstens sah
Hans ihn nirgends. Ohne sich viel dabei zu denken, betrachtete er seine
künftigen Mitschüler. So ähnlich an Art und Zahl die Ausrüstung
sämtlicher Knaben war, konnte man doch leicht die Städter von den
Bauernsöhnen und die Wohlhabenden von den Armen unterscheiden. Söhne
reicher Leute freilich kamen selten ins Seminar, was teils auf den Stolz
oder die tiefere Einsicht der Eltern, teils auf die Begabung der Kinder
schließen läßt; doch sendet immerhin mancher Professor und höhere Beamte
in Erinnerung an die eigenen Klosterjahre seinen Jungen nach Maulbronn.
So sah man denn unter den vierzig Schwarzröckchen mancherlei
Verschiedenheit an Tuch und Schnitt, und noch mehr unterschieden sich
die jungen Leute in Manieren, Dialekt und Haltung. Es gab hagere
Schwarzwälder mit steifen Gliedmaßen, saftige Albsöhne, strohblond und
breitmäulig, bewegliche Unterländer mit freien und heiteren Manieren,
feine Stuttgarter mit spitzen Stiefeln und einem verdorbenen, will sagen
verfeinerten Dialekt. Annähernd der fünfte Teil dieser Jugendblüte trug
Brillen. Einer, ein schmächtiges und fast elegantes Stuttgarter
Muttersöhnchen, war mit einem steifen feinen Filzhut bekleidet, benahm
sich vornehm und ahnte nicht, daß jene ungewohnte Zierde schon jetzt am
ersten Tage die Verwegenern unter den Kameraden auf spätere Hänseleien
und Gewalttaten lüstern machte.
Ein feinerer Zuschauer konnte wohl erkennen, daß das zage Häuflein keine
schlechte Auswahl aus der Jugend des Landes vorstellte. Neben
Durchschnittsköpfen, denen man von weitem den Nürnberger Trichter
anmerkte, fehlte es weder an feinen noch an trotzig festen Burschen,
welchen hinter der glatten Stirne ein höheres Leben noch halb im Traume
liegen mochte. Vielleicht war der eine oder andere von jenen schlauen
und hartnäckigen Schwabenschädeln darunter, welche je und je im Lauf der
Zeiten sich mitten in die große Welt gedrängt und ihre stets etwas
trockenen und eigensinnigen Gedanken zum Mittelpunkt neuer, mächtiger
Systeme gemacht haben. Denn Schwaben versorgt sich und die Welt nicht
allein mit den wohlerzogensten Theologen, sondern verfügt auch mit Stolz
über eine traditionelle Fähigkeit zur philosophischen Spekulation,
welcher schon mehrmals ansehnliche Propheten oder auch Irrlehrer
entstammt sind. Und so übt das fruchtbare Land, dessen politisch große
Traditionen weit dahinten liegen und das sich nun als harmloses Küchlein
an den scharf geschnäbelten nördlichen Adler schmiegt, wenigstens auf
den geistigen Gebieten der Gottesgelehrtheit und Philosophie noch immer
seinen sichern Einfluß auf die Welt. Daneben steckt im Volke auch noch
von alters her eine Freude an schöner Form und träumerischer Poesie,
woraus von Zeit zu Zeit Reimer und Dichter hervorwachsen, die nicht zu
den schlechten gehören. Neuerdings gelten sie freilich wenig mehr, denn
auch in der Poesie haben unsere nördlicher wohnenden Herren Brüder die
Vorherrschaft übernommen, finden die südliche Sprache unfein und geben
mit ihren schärferen Zungen den Ton an, welcher bald auf Erdgeruch, bald
auf Berliner Eleganz gerichtet und unserer altmodischen Leier an
schneidigem Wesen allerdings weit überlegen ist. Leider geht es weder
hier noch anderwärts an, sich dagegen zu bäumen und jenen stolzen
Berlinern den noch sehr jungen Edelrost herunterzutun. Auch gönnen wir
gerne jedem das Seine: uns Schwaben unsern alten Staufen, wo über
stillen Wäldern die paar Reste uralter Herrlichkeit schlummern und
träumen, und den andern ihren Zollern, wo glatte, peinlich saubere
Fahrwege an blanken Kanonen vorüberführen. Es hat ja beides etwas für
sich.
In den Einrichtungen und Sitten des Maulbronner Seminars war, äußerlich
betrachtet, nichts Schwäbisches zu spüren, vielmehr war neben den aus
Klosterzeiten übergebliebenen lateinischen Namen noch manche klassische
Etikette neuerdings aufgeklebt worden. Die Stuben, auf welche die
Zöglinge verteilt waren, hießen: Forum, Hellas, Athen, Sparta,
Akropolis, und daß die kleinste und letzte Germania hieß, schien fast
darauf zu deuten, daß man Gründe habe, aus der germanischen Gegenwart
nach Möglichkeit ein römisch-griechisches Traumbild zu machen. Doch war
auch dies wiederum nur äußerlich und in Wahrheit hätten hebräische Namen
besser gepaßt. So wollte denn auch der fröhliche Zufall, daß die Stube
Athen nicht etwa die weitherzigsten und beredtesten Leute, sondern
gerade ein paar rechtschaffene Langweiler zu Insassen bekam, und daß auf
Sparta nicht Kriegsmänner und Asketen, sondern eine Handvoll fideler und
üppiger Hospitanten wohnten. Hans Giebenrath war der Stube Hellas
zugeteilt, zusammen mit neun Kameraden.
Es war ihm doch eigentümlich ums Herz, als er am Abend zum erstenmal mit
den Neun zusammen den kühlen, kahlen Schlafsaal betrat und sich in seine
schmale Schülerbettstatt legte. Von der Decke hing eine große
Erdöllaterne herab, bei deren rotem Schein man sich entkleidete und die
ein Viertel nach zehn Uhr vom Famulus gelöscht wurde. Da lag nun einer
neben dem andern, zwischen je zwei Betten stand ein Stühlchen mit den
Kleidern darauf, am Pfeiler hing der Strick herab, an dem die
Morgenglocke angezogen wird. Zwei oder drei von den Knaben kannten
einander schon und plauderten ein paar zaghafte Flüsterworte, die bald
verstummten; die andern waren einander fremd und jeder lag ein wenig
bedrückt und totenstill in seinem Bett. Die Eingeschlummerten ließen
tiefe Atemzüge hören, oder regte einer schlafend den Arm, daß die
leinene Decke rauschte; wer noch wachte, hielt sich ganz ruhig. Hans
konnte lange nicht einschlafen. Er horchte auf das Atmen seiner Nachbarn
und vernahm nach einer Weile ein seltsam ängstliches Geräusch vom
übernächsten Bette; dort lag einer und weinte, den Teppich über den Kopf
gezogen, und das leise, wie aus der Ferne hertönende Schluchzen regte
Hans wunderlich auf. Er selber hatte kein Heimweh, doch tat es ihm um
die stille kleine Kammer leid, die er zu Hause gehabt hatte; dazu kam
das zage Grauen vor dem ungewissen Neuen und vor den vielen Kameraden.
Es war noch nicht Mitternacht, da wachte keiner mehr im Saal.
Nebeneinander lagen die jungen Schläfer, die Wange ins gestreifte Kissen
gedrückt, traurige und trotzige, fidele und zaghafte, vom selben süßen,
festen Rasten und Vergessen übermannt. Über die alten spitzen Dächer,
Türme, Erker, Fialen, Mauerzinnen und spitzbogigen Galerien stieg ein
blasser halber Mond herauf; sein Licht lagerte sich an Gesimsen und
Schwellen, floß über gotische Fenster und romanische Tore und zitterte
bleichgolden in der großen, edlen Schale des Kreuzgangbrunnens. Ein paar
gelbliche Streifen und Lichtflecke fielen auch durch die drei Fenster in
den Schlafsaal der Stube Hellas und wohnten neben den Träumen der
schlummernden Knaben so nachbarlich wie ehemals neben denen der
Mönchsgeschlechter.
Am folgenden Tage fand der feierliche Aufnahmeakt im Oratorium statt.
Die Lehrer standen in Gehröcken da, der Ephorus hielt eine Ansprache,
die Schüler saßen gedankenvoll gebückt in den Stühlen und versuchten
zuweilen rückwärts nach ihren weiter hinten sitzenden Eltern zu
schielen. Die Mütter schauten sinnend und lächelnd auf ihre Söhne, die
Väter hielten sich aufrecht, folgten der Rede und sahen ernst und
entschlossen aus. Stolze und löbliche Gefühle und schöne Hoffnungen
schwellten ihre Brust und kein einziger dachte daran, daß er heute sein
Kind gegen einen Geldvorteil an den Staat verkaufe. Zum Schluß wurde ein
Schüler um den andern mit Namen aufgerufen, trat vor die Reihen und ward
vom Ephorus mit einem Handschlag aufgenommen und verpflichtet und war
hiermit, falls er sich wohl verhielt, bis an sein Lebensende staatlich
versorgt und untergebracht. Daß sie das vielleicht nicht ganz umsonst
haben könnten, darüber dachte keiner nach, so wenig als die Väter.
Viel ernster und beweglicher kam ihnen der Augenblick vor, da sie von
Vater und Mutter Abschied nehmen mußten. Teils zu Fuß, teils im
Postwagen, teils in allerlei in der Eile erwischten Fahrzeugen
entschwanden diese dem Blick der zurückgelassenen Söhne, Tüchlein wehten
noch lange durch die milde Septemberluft, schließlich nahm der Wald die
Abreisenden auf, und die Söhne kehrten still und nachdenklich ins
Kloster zurück.
»So, jetzt sind die Herren Eltern abgereist«, sprach der Famulus.
Nun begann man einander anzusehen und kennen zu lernen, zunächst jede
Stube unter sich. Man füllte das Tintenfaß mit Tinte, die Lampe mit Öl,
ordnete Bücher und Hefte und versuchte, im neuen Raume heimisch zu
werden. Dabei schaute man einander neugierig an, begann ein Gespräch,
fragte einander um Heimatort und bisherige Schule und erinnerte sich an
das gemeinsam durchschwitzte Landexamen. Um einzelne Pulte bildeten sich
plaudernde Gruppen, da und dort wagte sich ein helles Knabengelächter
hervor, und am Abend waren die Stubengenossen schon viel besser
miteinander bekannt als Schiffspassagiere am Ende einer Seereise.
Unter den neun Kameraden, die mit Hans in der Stube Hellas wohnten,
waren vier dezidierte Charakterköpfe, der Rest gehörte mehr oder weniger
dem guten Durchschnitt an. Da war zunächst Otto Hartner, ein Stuttgarter
Professorensohn, begabt, ruhig, selbstsicher und im Benehmen tadellos.
Er war breit und stattlich gewachsen und gut gekleidet und imponierte
der Stube durch sein festes, tüchtiges Auftreten.
Dann Karl Hamel, der Sohn eines kleinen Dorfschulzen aus der Alb. Um ihn
kennen zu lernen, brauchte es schon einige Zeit, denn er stak voll von
Widersprüchen und rückte selten aus seinem scheinbaren Phlegma heraus.
Dann war er leidenschaftlich, ausgelassen und gewalttätig, doch dauerte
es nie lange, so kroch er in sich zurück und man wußte dann nicht, war
er ein stiller Beobachter oder nur ein Duckmäuser.
Eine auffallende, obwohl weniger komplizierte Erscheinung war Hermann
Heilner, ein Schwarzwälder aus gutem Hause. Man wußte schon am ersten
Tag, er sei ein Dichter und Schöngeist, und es ging die Sage, er habe
seinen Aufsatz im Landexamen in Hexametern abgefaßt. Er redete viel und
lebhaft, besaß eine schöne Violine und schien sein Wesen an der
Oberfläche zu tragen, das hauptsächlich aus einer jugendlich unreifen
Mischung von Sentimentalität und Leichtsinn bestand. Doch trug er
weniger sichtbar auch Tieferes in sich. Er war an Leib und Seele über
sein Alter entwickelt und begann schon versuchsweise eigene Bahnen zu
wandeln.
Der sonderbarste Hellasbewohner war aber Emil Lucius, ein verstecktes,
blaßblondes Männlein, zäh, fleißig und trocken wie ein greiser Bauer.
Trotz seiner unfertigen Statur und Züge machte er nicht den Eindruck
eines Knaben, sondern hatte überall etwas Erwachsenes an sich, als wäre
an ihm nun einmal nichts mehr zu ändern. Gleich am ersten Tage, während
die anderen sich langweilten, plauderten und sich einzugewöhnen suchten,
saß er still und gelassen über einer Grammatik, hatte die Ohren mit den
Daumen zugestopft und lernte drauf los, als gälte es, verlorene Jahre
einzuholen.
Diesem stillen Kauz kam man erst nach und nach auf seine Schliche und
fand in ihm einen so raffinierten Geizkragen und Egoisten, daß gerade
seine Vollkommenheit in diesen Lastern ihm eine Art von Achtung oder
wenigstens Duldung eintrug. Er hatte ein durchtriebenes Spar- und
Profitsystem, dessen einzelne Finessen nur allmählich zutage traten und
Staunen erregten. Es begann frühmorgens beim Aufstehen damit, daß Lucius
im Waschsaal entweder als Erster oder als Letzter eintrat, um das
Handtuch und womöglich auch die Seife eines anderen zu benützen und
seine eigenen Sachen zu schonen. So brachte er es zustande, daß sein
Handtuch stets für zwei und mehr Wochen vorhielt. Nun mußten aber die
Tücher alle acht Tage erneuert werden, und jeden Montag vormittag hielt
der Oberfamulus hierüber Kontrolle ab. Also hängte auch Lucius jeden
Montag früh ein frisches Tuch an seinen numerierten Nagel, holte es aber
in der Mittagspause wieder weg, faltete es sauber zusammen, tat es in
den Kasten zurück und hängte dafür das geschonte alte wieder auf. Seine
Seife war hart und gab wenig her, dafür hielt sie monatelang aus.
Deshalb war aber Emil Lucius keineswegs von vernachlässigtem Äußeren,
sondern sah stets proper aus, kämmte und scheitelte sein dünnes blondes
Haar mit Sorgfalt und schonte Wäsche und Kleidung aufs beste.
Vom Waschsaal ging es zum Frühstück. Dazu gab es eine Tasse Kaffee, ein
Stück Zucker und einen Wecken. Die meisten fanden das nicht üppig, denn
junge Leute haben nach achtstündigem Schlaf gewöhnlich einen tüchtigen
Morgenhunger. Lucius war zufrieden, sparte sich das tägliche Stück
Zucker am Mund ab und fand stets Abnehmer dafür, zwei Stück für einen
Pfennig oder fünfundzwanzig Stück für ein Schreibheft. Daß er des
Abends, um das teure Öl zu sparen, gern beim Scheine fremder Lampen
arbeitete, versteht sich von selber. Dabei war er nicht etwa ein Kind
armer Eltern, sondern stammte aus ganz behaglichen Verhältnissen, wie
denn überhaupt die Kinder gänzlich armer Leute selten zu wirtschaften
und zu sparen verstehen, vielmehr stets so viel brauchen, als sie haben,
und kein Zurücklegen kennen.
Emil Lucius dehnte sein System aber nicht nur auf Sachbesitz und
greifbare Güter aus, sondern suchte auch im Reich des Geistes, wo er
konnte, seinen Vorteil herauszuschlagen. Hierbei war er so klug, nie zu
vergessen, daß aller geistige Besitz nur von relativem Werte ist, darum
wandte er wirklichen Fleiß nur an die Fächer, deren Bebauung in einem
spätern Examen Früchte tragen konnte, und begnügte sich in den übrigen
bescheiden mit einem mäßigen Durchschnittszeugnis. Was er lernte und
leistete, maß er stets nur an den Leistungen der Mitschüler und er wäre
lieber mit halben Kenntnissen Erster als mit doppelten Zweiter gewesen.
Darum sah man ihn abends, wenn die Kameraden sich allerlei Zeitvertreib,
Spiel und Lektüre hingaben, still an der Arbeit sitzen. Das Lärmen der
andern störte ihn durchaus nicht, er warf sogar gelegentlich einen
neidlos vergnügten Blick darauf. Denn wenn alle andern auch gearbeitet
hätten, wäre seine Mühe ja nicht rentabel gewesen.
Alle diese Schlauheiten und Kniffe nahm dem fleißigen Streber niemand
übel. Aber wie alle Übertreiber und Allzuprofitlichen tat auch er bald
einen Schritt ins Törichte. Da aller Unterricht im Kloster unentgeltlich
war, kam er auf die Idee, dies zu benützen und sich Violinstunden geben
zu lassen. Nicht daß er etwa einige Vorbildung, etwas Gehör und Talent
oder auch nur irgendwelche Freude an der Musik gehabt hätte! Aber er
dachte, man könne schließlich geigen lernen so gut wie Latein oder
Rechnen. Die Musik war, wie er hatte sagen hören, im späteren Leben von
Nutzen und machte ihren Mann beliebt und angenehm und jedenfalls kostete
die Sache nichts, denn auch eine Schulgeige stellte das Seminar zur
Verfügung.
Dem Musiklehrer Haas standen die Haare zu Berg, als Lucius zu ihm kam
und Violinstunden haben wollte, denn er kannte ihn von den Singstunden
her, in welchen die Luciusschen Leistungen zwar alle Mitschüler hoch
erfreuten, ihn aber, den Lehrer, zum Verzweifeln brachten. Er versuchte,
dem Jungen die Sache auszureden; doch damit kam er hier an den
Unrechten. Lucius lächelte fein und bescheiden, berief sich auf sein
gutes Recht und erklärte seine Lust zur Musik für unbezwinglich. So
bekam er denn die schlechteste der Übungsgeigen eingehändigt, erhielt
wöchentlich zwei Lektionen und übte jeden Tag seine halbe Stunde. Nach
der ersten Übestunde erklärten aber die Stubengenossen, dies sei das
erste- und letztemal gewesen und sie verbäten sich das heillose Gestöhn.
Von da an strich Lucius mit seiner Geige ruhelos durchs Kloster, stille
Winkel zum Üben suchend, von wo dann kratzend, quietschend und winselnd
sonderbare Töne hervordrangen und die Nachbarschaft beängstigten. Es
war, sagte der Dichter Heilner, als flehe die gequälte alte Geige aus
allen ihren Wurmstichen verzweifelt um Schonung. Da keine Fortschritte
erfolgten, wurde der gepeinigte Lehrer nervös und grob, Lucius übte
immer verzweifelter und sein bisher selbstzufriedenes Krämergesicht
setzte bittere Sorgenfalten an. Es war die reine Tragödie, denn als am
Ende der Lehrer ihn für völlig unfähig erklärte und sich weigerte, die
Stunden fortzusetzen, wählte der betörte Lernlustige das Klavier und
quälte sich auch damit lange, fruchtlose Monate hindurch, bis er mürb
war und still verzichtete. In späteren Jahren dann aber, wenn von Musik
die Rede war, ließ er etwa durchblicken, auch er habe ehedem sowohl
Klavier wie Geige gelernt und sei nur durch die Verhältnisse diesen
schönen Künsten leider allmählich entfremdet worden.
So war die Stube Hellas häufig in der Lage, sich über ihre komischen
Insassen zu amüsieren, denn auch der Schöngeist Heilner führte manche
lächerliche Szene auf. Karl Hamel spielte den Ironiker und witzigen
Beobachter. Er war um ein Jahr älter als die andern, das verlieh ihm
eine gewisse Überlegenheit, doch brachte er es zu keiner geachteten
Rolle; er war launisch und fühlte etwa alle acht Tage das Bedürfnis,
seine Körperkraft in einer Rauferei zu erproben, wobei er dann wild und
fast grausam war.
Hans Giebenrath sah dem mit Erstaunen zu und ging seine stillen Wege vor
sich hin als ein guter, aber ruhiger Kamerad. Er war fleißig, fast so
fleißig wie Lucius, und genoß die Achtung seiner Stubenkumpane mit
Ausnahme Heilners, der den genialen Leichtsinn auf seine Fahne
geschrieben hatte und ihn gelegentlich als einen Streber verspottete. Im
ganzen fanden sich alle die vielen, in der raschen Entwicklung ihrer
Jahre stehenden Knaben wohl ineinander, wenn auch abendliche Raufhändel
auf den Dormenten nichts Seltenes waren. Denn man war zwar mit Eifer
bestrebt, sich erwachsen zu fühlen und das noch ungewohnte »Sie«-Sagen
der Lehrer durch wissenschaftlichen Ernst und gutes Benehmen zu
rechtfertigen, und man sah auf die eben verlassene Lateinschule
mindestens so hochmütig und mitleidig zurück wie ein angehender Student
aufs Gymnasium. Aber je und je brach durch die künstliche Würde doch
eine unverfälschte Bubenhaftigkeit hervor und wollte ihr Recht haben.
Dann widerklang das Dorment von saftigen Lufthieben und kräftig
gesalzenen Knabenschimpfworten.
* * * * *
Für den Leiter oder Lehrer einer solchen Anstalt müßte es lehrreich und
köstlich sein zu beobachten, wie nach den ersten Wochen des
Zusammenlebens die Knabenschar einer sich setzenden chemischen Mischung
gleicht, worin schwankende Wolken und Flocken sich ballen, wieder lösen
und anders formen, bis eine Zahl von festen Gebilden da ist. Nach
Überwindung der ersten Scheu und nachdem alle einander genügend kennen
gelernt hatten, begann ein Wogen und Durcheinandersuchen, Gruppen traten
zusammen, Freundschaften und Antipathien traten zutage. Selten schlossen
sich Landsleute und frühere Schulkameraden zusammen, die meisten wandten
sich neuen Bekannten zu, Städter zu Bauernsöhnen, Älbler zu
Unterländern, nach einem geheimen Trieb zum Mannigfaltigen und zur
Ergänzung. Die jungen Wesen tasteten unschlüssig nacheinander, neben das
Bewußtsein der Gleichheit trat das Verlangen nach Absonderung, und in
manchem von den Knaben erwachte hierbei zum erstenmal die keimende
Bildung einer Persönlichkeit aus dem Kindesschlummer. Unbeschreibliche
kleine Szenen der Zuneigung und der Eifersucht spielten sich ab,
gediehen zu Freundschaftsbündnissen und zu erklärten, trotzigen
Feindschaften und endeten, je nachdem, mit zärtlichen Verhältnissen und
Freundesspaziergängen oder mit scharfen Ring- und Faustkämpfen.
Hans hatte an diesem Treiben äußerlich keinen Anteil. Karl Hamel hatte
ihm deutlich und stürmisch seine Freundschaft angetragen, da war er
erschrocken zurückgewichen. Gleich darauf hatte sich Hamel mit einem
Bewohner Spartas befreundet; Hans war allein geblieben. Ein starkes
Gefühl ließ ihm das Land der Freundschaft selig in sehnsüchtigen Farben
am Horizont erscheinen und zog ihn mit stillem Trieb hinüber. Aber eine
Schüchternheit hielt ihn zurück. Ihm war in seinen strengen, mutterlosen
Knabenjahren die Gabe des Anschmiegens verkümmert, und vor allem
äußerlich Enthusiastischen hatte er ein Grauen. Dazu kam der Knabenstolz
und schließlich der leidige Ehrgeiz. Er war nicht wie Lucius, ihm war es
wirklich um Erkenntnis zu tun, aber gleich jenem suchte er sich alles
fernzuhalten, was ihn der Arbeit entziehen konnte. So blieb er fleißig
am Pult verharren, litt aber Neid und Sehnsucht, wenn er andere sich
ihrer Freundschaft freuen sah. Karl Hamel war der Unrechte gewesen, aber
wenn irgendein anderer gekommen wäre und ihn kräftig an sich zu ziehen
versucht hätte, wäre er gerne gefolgt. Wie ein schüchternes Mädchen
blieb er sitzen und wartete, ob einer käme, ihn zu holen, ein Stärkerer
und Mutigerer als er, der ihn mitrisse und zum Glücklichsein zwänge.
Da neben diesen Angelegenheiten der Unterricht, namentlich im
Hebräischen, viel zu tun gab, verging die erste Zeit den Jünglingen sehr
rasch. Die zahlreichen kleinen Seen und Teiche, von denen Maulbronn
umgeben ist, spiegelten blasse Spätherbsthimmel, welkende Eschen, Birken
und Eichen und lange Dämmerungen wider, durch die schönen Forste tobte
stöhnend und frohlockend der vorwinterliche Kehraus, und schon mehrmals
war ein leichter Reif gefallen.
Der lyrische Hermann Heilner hatte vergebens einen kongenialen Freund zu
erwerben gesucht, nun strich er täglich in der Ausgangsstunde einsam
durch die Wälder und bevorzugte namentlich den Waldsee, einen
melancholischen braunen Weiher, von Röhricht umfaßt und von alten,
welkenden Laubkronen überhangen. Der traurigschöne Waldwinkel zog den
Schwärmer mächtig an. Hier konnte er mit träumerischer Gerte im stillen
Wasser Kreise ziehen, die Schilflieder Lenaus lesen und, in den niederen
Strandbinsen liegend, über das herbstliche Thema vom Sterben und
Vergehen sinnen, während Blätterfall und das Rauschen kahler Wipfel
schwermütige Akkorde dazu gaben. Dann zog er häufig ein kleines
schwarzes Schreibheftlein aus der Tasche, um mit Bleistift einen Vers
oder zwei darein zu schreiben.
Dies tat er auch in einer halbhellen Mittagstunde spät im Oktober, als
Hans Giebenrath, allein spazieren gehend, denselben Ort betrat. Er sah
den Dichterjüngling auf dem Brettersteg der kleinen Stellfalle sitzen,
sein Heftlein im Schoß und den gespitzten Bleistift nachdenklich in den
Mund gesteckt. Ein Buch lag aufgeschlagen daneben. Langsam trat er ihm
näher.
»Grüß Gott, Heilner. Was treibst du?«
»Homerlesen. Und du, Giebenräthchen?«
»Glaub' ich nicht. Ich weiß schon, was du machst.«
»So?«
»Natürlich. Gedichtet hast du.«
»Meinst du?«
»Freilich.«
»Sitz' daher!«
Giebenrath setzte sich neben Heilner auf das Brett, ließ die Beine überm
Wasser baumeln und sah zu, wie da und dort ein braunes Blatt und wieder
eines durch die stille kühle Luft sich herabdrehte und ungehört auf den
bräunlichen Wasserspiegel sank.
»Hier ist's trist«, sagte Hans.
»Ja, ja.«
Beide hatten sich der Länge nach auf den Rücken gelegt, so daß ihnen von
der herbstlichen Umgebung kaum noch ein paar überhängende Wipfel
sichtbar blieben und statt dessen der lichtblaue Himmel mit ruhig
schwimmenden Wolkeninseln hervortrat.
»Was für schöne Wolken!« sagte Hans, behaglich schauend.
»Ja, Giebenräthchen,« seufzte Heilner, »wenn man doch so eine Wolke
wäre!«
»Was dann?«
»Dann würden wir da droben segelfahren, über Wälder und Dörfer und
Oberämter und Länder weg, wie schöne Schiffe. Hast du nie ein Schiff
gesehen?«
»Nein, Heilner. Aber du?«
»O ja. Aber lieber Gott, du verstehst ja nichts von solchen Sachen. Wenn
du nur lernen und streben und büffeln kannst!«
»Du hältst mich also für ein Kamel?«
»Hab' ich nicht gesagt.«
»So dumm, wie du glaubst, bin ich noch lang nicht. Aber erzähl' weiter
von den Schiffen.«
Heilner drehte sich um, wobei er ums Haar ins Wasser gestürzt wäre. Er
lag nun bäuchlings, das Kinn in beide Hände gebohrt, mit aufgestützten
Ellenbogen.
»Auf dem Rhein«, fuhr er fort, »hab' ich solche Schiffe gesehen, in den
Ferien. Einmal Sonntags, da war Musik auf dem Schiff, bei Nacht, und
farbige Laternen. Die Lichter spiegelten sich im Wasser und wir fuhren
mit Musik stromabwärts. Man trank Rheinwein, und die Mädchen hatten
weiße Kleider an.«
Hans hörte zu und erwiderte nichts, aber er hatte die Augen geschlossen
und sah das Schiff durch die Sommernacht fahren, mit Musik und roten
Lichtern und Mädchen in weißen Kleidern. Der andere fuhr fort: »Ja, das
war anders als jetzt. Wer weiß hier was von solchen Sachen? Lauter
Langweiler, lauter Duckmäuser! Das schafft sich ab und schindet sich und
weiß nichts Höheres als das hebräische Alphabet. Du bist ja auch nicht
anders.«
Hans schwieg. Dieser Heilner war doch ein sonderbarer Mensch. Ein
Schwärmer, ein Dichter. Schon oft hatte er sich über ihn gewundert.
Heilner arbeitete, wie jeder wußte, herzlich wenig, und trotzdem wußte
er viel, verstand, gute Antworten zu geben, und verachtete doch auch
wieder diese Kenntnisse.
»Da lesen wir Homer,« höhnte er weiter, »wie wenn die Odyssee ein
Kochbuch wäre. Zwei Verse in der Stunde, und dann wird Wort für Wort
wiedergekäut und untersucht, bis es einem zum Ekel wird. Aber am Schluß
der Stunde heißt es da jedesmal: Sie sehen, wie fein der Dichter das
gewendet hat, Sie haben hier einen Blick in das Geheimnis des
dichterischen Schaffens getan! Bloß so als Sauce um die Partikeln und
Aoriste herum, damit man nicht ganz dran erstickt. Auf die Art kann mir
der ganze Homer gestohlen werden. Überhaupt was geht uns eigentlich das
alte griechische Zeug an? Wenn einer von uns einmal probieren wollte,
ein bißchen griechisch zu leben, so würde er rausgeschmissen. Dabei
heißt unsere Stube Hellas! Der reine Hohn! Warum heißt sie nicht
»Papierkorb« oder »Sklavenkäfig« oder »Angströhre«? Das ganze klassische
Zeug ist ja Schwindel.«
Er spuckte in die Luft.
»Du, hast du vorher Verse gemacht?« fragte nun Hans.
»Ja.«
»Über was?«
»Hier, über den See und über den Herbst.«
»Zeig' mir's!«
»Nein, es ist noch nicht fertig.«
»Aber wenn's fertig ist?«
»Ja, meinetwegen.«
Die zwei erhoben sich und gingen langsam ins Kloster zurück.
»Da, hast du eigentlich schon gesehen, wie schön das ist?« sagte
Heilner, als sie am »Paradies« vorüberkamen, »Hallen, Bogenfenster,
Kreuzgänge, Refektorien, gotisch und romanisch, alles reich und
kunstvoll und Künstlerarbeit. Und für was der Zauber? Für drei Dutzend
arme Buben, die Pfarrer werden wollen. Der Staat hat's übrig.«
Hans mußte den ganzen Nachmittag über Heilner nachdenken. Was war das
für ein Mensch? Was Hans an Sorgen und Wünschen kannte, existierte für
jenen gar nicht. Er hatte eigene Gedanken und Worte, er lebte wärmer und
freier, litt seltsame Leiden und schien seine ganze Umgebung zu
verachten. Er verstand die Schönheit der alten Säulen und Mauern. Und er
trieb die geheimnisvolle, sonderbare Kunst, seine Seele in Versen zu
spiegeln und sich ein eigenes, scheinlebendiges Leben aus der Phantasie
zu erbauen. Er war beweglich und unbändig und machte täglich mehr Witze
als Hans in einem Jahr. Er war schwermütig und schien seine eigene
Traurigkeit wie eine fremde, ungewöhnliche und köstliche Sache zu
genießen.
Noch am Abend dieses Tages gab Heilner der ganzen Stube eine Probe
seines scheckigen und auffallenden Wesens. Einer der Kameraden, ein
Maulheld und kleiner Geist namens Otto Wenger, fing Streit mit ihm an.
Eine Weile blieb Heilner ruhig, witzig und überlegen, dann ließ er sich
zum Austeilen einer Ohrfeige hinreißen, und alsbald waren beide Gegner
leidenschaftlich und unlöslich ineinander verknäuelt und verbissen und
trieben wie ein steuerloses Schiff in Stößen und Halbkreisen und
Zuckungen durch Hellas, an den Wänden hin, über Stühle weg, auf dem
Boden, beide wortlos, keuchend, sprudelnd und schäumend. Die Kameraden
standen mit kritischen Gesichtern beobachtend dabei, wichen dem Knäuel
aus, retteten ihre Beine, Pulte und Lampen und warteten in froher
Spannung den Ausgang ab. Nach einigen Minuten erhob sich Heilner mühsam,
machte sich los und blieb atmend stehen. Er sah zerschunden aus, hatte
rote Augen, einen zerrissenen Hemdkragen und ein Loch im Hosenknie. Sein
Gegner wollte ihn aufs neue anfallen, er stand aber mit verschränkten
Armen da und sagte hochmütig: »Ich mache nicht weiter -- wenn du willst,
so schlag' zu.« Otto Wenger ging schimpfend weg. Heilner lehnte sich an
sein Pult, drehte an der Stehlampe, steckte die Hände in die
Hosentaschen und schien sich auf irgend etwas besinnen zu wollen.
Plötzlich brachen ihm Tränen aus den Augen, eine um die andere und immer
mehr. Das war unerhört, denn Weinen galt ohne Zweifel für das
Allerschimpflichste, was ein Seminarist tun konnte. Und er tat gar
nichts, es zu verbergen. Er verließ die Stube nicht, er blieb ruhig
stehen, das blaß gewordene Gesicht der Lampe zugewendet; er wischte die
Tränen nicht ab und nahm nicht einmal die Hände aus den Taschen. Die
andern standen um ihn herum, neugierig und boshaft zuschauend, bis
Hartner sich vor ihn hinstellte und ihm sagte: »Du, Heilner, schämst du
dich denn nicht?«
Der Weinende blickte langsam um sich, wie einer, der eben aus einem
tiefen Schlaf erwacht.
»Mich schämen -- vor euch?« sagte er dann laut und verächtlich. »Nein,
mein Bester.«
Er wischte sich das Gesicht ab, lächelte ärgerlich, blies seine Lampe
aus und ging aus der Stube.
Hans Giebenrath war während der ganzen Szene an seinem Platz geblieben
und hatte nur erstaunt und erschrocken zu Heilner hinübergeschielt. Eine
Viertelstunde später wagte er es, dem Verschwundenen nachzugehen. Er sah
ihn im dunkeln, frostigen Dorment auf einem der tiefen Fenstersimse
sitzen, regungslos, und in den Kreuzgang hinunterschauen. Von hinten
sahen seine Schultern und der schmale, scharfe Kopf eigentümlich ernst
und unknabenhaft aus. Er rührte sich nicht, als Hans zu ihm trat und am
Fenster stehenblieb, und erst nach einer Weile fragte er, ohne sein
Gesicht herüberzuwenden, mit heiserer Stimme: »Was gibt's?«
»Ich bin's«, sagte Hans schüchtern.
»Was willst du?«
»Nichts.«
»So? Dann kannst du ja wieder gehen.«
Hans war verletzt und wollte wirklich fortgehen. Da hielt Heilner ihn
zurück.
»Halt doch,« sagte er in einem künstlich scherzhaften Ton, »so war's
nicht gemeint.«
Beide sahen nun einander ins Gesicht, und wahrscheinlich sah jeder in
diesem Augenblick des andern Gesicht zum ersten Male ernstlich an und
versuchte sich vorzustellen, daß hinter diesen jünglinghaft glatten
Zügen ein besonderes Menschenleben mit seinen Eigenarten und eine
besondere, in ihrer Weise gezeichnete Seele wohne.
Langsam streckte Hermann Heilner seinen Arm aus, faßte Hans an der
Schulter und zog ihn zu sich her, bis ihre Gesichter einander ganz nahe
waren. Dann fühlte Hans plötzlich mit wunderlichem Schreck des andern
Lippen seinen Mund berühren.
Ihm schlug das Herz in einer ganz ungewohnten Beklemmung. Dies
Beisammensein im dunkeln Dorment und dieser plötzliche Kuß war etwas
Abenteuerliches, Neues, vielleicht Gefährliches; es fiel ihm ein, wie
entsetzlich es gewesen wäre, dabei ertappt zu werden, denn ein sicheres
Gefühl ließ ihn wissen, daß dies Küssen den andern noch viel
lächerlicher und schandbarer vorkommen würde als vorher das Weinen.
Sagen konnte er nichts, aber das Blut stieg ihm mächtig zu Kopf, und er
wäre am liebsten davongelaufen.
Ein Erwachsener, welcher die kleine Szene gesehen hätte, hätte
vielleicht seine stille Freude an ihr gehabt, an der unbeholfen scheuen
Zärtlichkeit einer schamhaften Freundschaftserklärung und an den beiden
ernsthaften, schmalen Knabengesichtern, welche beide hübsch und
verheißungsvoll waren, halb noch der Kindesanmut teilhaftig und halb
schon vom scheuen, schönen Trotz der Jünglingszeit überflogen.
Allmählich hatte das junge Volk sich ins Zusammenleben gefunden. Man
kannte einander, jeder hatte von jedem eine gewisse Kenntnis und
Vorstellung, und eine Menge Freundschaften waren geschlossen. Es gab
Freundespaare, welche miteinander hebräische Vokabeln lernten,
Freundespaare, die zusammen zeichneten oder spazierengingen oder
Schiller lasen. Es gab gute Lateiner und schlechte Rechner, die sich mit
schlechten Lateinern und guten Rechnern zusammengetan hatten, um die
Früchte genossenschaftlicher Arbeit zu genießen. Es gab auch
Freundschaften, deren Fundament eine andere Art von Vertrag und
Gütergemeinschaft bildete. So hatte der vielbeneidete Schinkenbesitzer
seine ergänzende Hälfte an einem Gärtnerssohn aus Stammheim gefunden,
der seinen Kastenboden voll schöner Äpfel liegen hatte. Er bat einst
beim Schinkenessen, da er Durst bekam, jenen um einen Apfel und bot ihm
dafür vom Schinken an. Sie setzten sich zusammen, ein vorsichtiges
Gespräch brachte zutage, daß der Schinken, wenn er zu Ende wäre,
sogleich ersetzt werden würde, und daß auch der Äpfelbesitzer bis weit
ins Frühjahr hinein von den väterlichen Vorräten werde zehren können,
und so kam ein solides Verhältnis zustande, das manches idealere und
stürmischer geschlossene Bündnis lang überdauerte.
Nur wenige waren Einspänner geblieben, unter ihnen Lucius, dessen
habsüchtige Liebe zur Kunst damals noch in voller Blüte stand.
Es gab auch ungleiche Paare. Für das ungleichste galten Hermann Heilner
und Hans Giebenrath, der Leichtsinnige und der Gewissenhafte, der
Dichter und der Streber. Man zählte zwar beide zu den Gescheiten und
Begabtesten, aber Heilner genoß den halb spöttisch gemeinten Ruf eines
Genies, während der andere im Geruch des Musterknaben stand. Doch ließ
man sie ziemlich ungeschoren, da jeder von seiner eigenen Freundschaft
in Anspruch genommen war und gern für sich blieb.
Über diesen persönlichen Interessen und Erlebnissen kam aber die Schule
doch nicht zu kurz. Sie war vielmehr der große Satz und Rhythmus, neben
welchem Luciussens Musik, Heilners Dichterei samt allen Bündnissen,
Händeln und gelegentlichen Raufereien nur tändelnd als unwesentliche
Variationen und kleine Separatbelustigungen dahinliefen. Vor allem gab
das Hebräische zu tun. Die seltsame, uralte Sprache Jehovas, ein
spröder, verdorrter und doch noch geheimnisvoll lebendiger Baum, wuchs
fremdartig, knorrig und rätselhaft vor den Augen der Jünglinge auf,
durch wunderliche Verästungen auffallend und durch merkwürdig gefärbte
und duftende Blüten überraschend. In seinen Zweigen, Höhlungen und
Wurzeln hausten, schauerlich oder freundlich, tausendjährige Geister:
phantastisch schreckhafte Drachen, naive liebliche Märchen, faltig
ernste, trockene Greisenköpfe neben schönen Knaben und stilläugigen
Mädchen oder streitbaren Frauen. Was in der behaglichen Lutherbibel fern
und traumhaft geklungen hatte, von alttestamentlichen Nebeln mild
umflort, das gewann nun in der rauhen, echten Sprache Blut und Stimme
und ein veraltet schwerfälliges, aber zähes und unheimliches Leben. So
erschien es wenigstens Heilner, der den ganzen Pentateuch täglich und
stündlich verfluchte und doch mehr Leben und Seele in ihm fand und aus
ihm sog als mancher geduldige Lerner, der alle Vokabeln wußte und keine
Lesefehler mehr machte.
Daneben das Neue Testament, wo es zarter, lichter und innerlicher zuging
und dessen Sprache zwar weniger alt und tief und reich, aber feiner und
von einem jungen, eifrigen und auch träumerischen Geist erfüllt war.
Und die Odyssee, aus deren kräftig wohllautenden, stark und ebenmäßig
dahinströmenden Versen gleich einem weißen runden Nixenarm die Kunde und
Ahnung eines untergegangenen, formklaren und glücklichen Lebens
emporstieg, bald fest und greifbar in irgendeinem kräftig umrissenen
derben Zuge, bald nur als Traum und schöne Ahnung aus einigen Worten und
Versen herausschimmernd.
Hieneben verschwanden die Historiker Xenophon und Livius oder standen
doch, als mindere Lichter, bescheiden und fast glanzlos beiseite.
Hans bemerkte mit Erstaunen, wie für seinen Freund alle Dinge anders
aussahen als für ihn. Für Heilner gab es nichts Abstraktes, nichts, was
er sich nicht hätte vorstellen und mit Phantasiefarben bemalen können.
Wo das nicht anging, ließ er alles mit Unlust liegen. Die Mathematik war
ihm eine mit hinterlistigen Rätseln beladene Sphinx, deren kühler, böser
Blick ihre Opfer bannte, und er wich dem Ungeheuer in großem Bogen aus.
Die Freundschaft der beiden war ein sonderbares Verhältnis. Sie war für
Heilner ein Vergnügen und Luxus, eine Bequemlichkeit oder auch eine
Laune, für Hans aber war sie bald ein mit Stolz gehüteter Schatz, bald
auch eine große, schwer zu tragende Last. Bisher hatte Hans die
Abendstunden stets zur Arbeit benützt. Jetzt kam es fast alle Tage vor,
daß Hermann, wenn er das Büffeln satt hatte, zu ihm herüberkam, ihm das
Buch wegzog und ihn in Anspruch nahm. Schließlich zitterte Hans, so lieb
der Freund ihm war, jeden Abend vor seinem Kommen und arbeitete in den
obligatorischen Arbeitsstunden doppelt eifrig und eilig, um nichts zu
versäumen. Noch peinlicher war es ihm, als Heilner auch theoretisch
seinen Fleiß zu bekämpfen anfing.
»Das ist Taglöhnerei,« hieß es, »du tust all die Arbeit ja doch nicht
gern und freiwillig, sondern lediglich aus Angst vor den Lehrern oder
vor deinem Alten. Was hast du davon, wenn du Erster oder Zweiter wirst?
Ich bin Zwanzigster und darum doch nicht dümmer als ihr Streber.«
Entsetzt war Hans auch, als er zum erstenmal sah, wie Heilner mit seinen
Schulbüchern umging. Er hatte einmal seine Bücher im Hörsaal liegen
lassen und entlehnte, da er sich auf die nächste Geographiestunde
vorbereiten wollte, Heilners Atlas. Da sah er mit Grausen, daß jener
ganze Blätter mit dem Bleistift verschmiert hatte. Die Westküste der
Pyrenäischen Halbinsel war zu einem grotesken Profil ausgezogen, worin
die Nase von Porto bis Lissabon reichte und die Gegend am Kap Finisterre
zu einem gekräuselten Lockenschmuck stilisiert war, während das Kap St.
Vincent die schön ausgedrehte Spitze eines Vollbartes bildete. So ging
es von Blatt zu Blatt, auf die weißen Rückseiten der Karten waren
Karikaturen gezeichnet und freche Ulkverse geschrieben, und an
Tintenflecken fehlte es auch nicht. Hans war gewohnt, seine Bücher als
Heiligtümer und Kleinodien zu behandeln und er empfand diese Kühnheiten
halb als Tempelschändungen, halb als zwar verbrecherische, aber doch
heroische Heldentaten.
Es konnte scheinen, als wäre der gute Giebenrath für seinen Freund
lediglich ein angenehmes Spielzeug, sagen wir, eine Art Hauskatze, und
Hans selber fand das zuweilen. Aber Heilner hing doch an ihm, weil er
ihn brauchte. Er mußte jemand haben, dem er sich anvertrauen konnte, der
ihm zuhörte, der ihn bewunderte. Er brauchte einen, der still und
lüstern zuhörte, wenn er seine revolutionären Reden über Schule und
Leben hielt. Und er brauchte auch einen, der ihn tröstete und dem er den
Kopf in den Schoß legen durfte, wenn er melancholische Stunden hatte.
Wie alle solchen Naturen litt der junge Dichter an Anfällen einer
grundlosen, ein wenig koketten Schwermut, deren Ursachen teils das leise
Abschiednehmen der Kindesseele, teils der noch ziellose Überfluß der
Kräfte, Ahnungen und Begierden, teils das unverstandene dunkle Drängen
des Mannbarwerdens sind. Dann hatte er ein krankhaftes Bedürfnis,
bemitleidet und gehätschelt zu werden. Früher war er ein Mutterliebling
gewesen, und jetzt, solange er noch nicht zur Frauenliebe reif war,
diente ihm der gefügige Freund als Tröster.
Oft kam er abends todunglücklich zu Hans, entführte ihn seiner Arbeit
und forderte ihn auf, mit ihm ins Dorment hinauszugehen. Dort in der
kalten Halle oder im hohen, dämmernden Oratorium gingen sie
nebeneinander auf und ab oder setzten sich fröstelnd in ein Fenster.
Heilner gab dann allerlei jammervolle Klagen von sich, nach Art von
lyrischen und Heinelesenden Jünglingen, und war in die Wolken einer
etwas kindischen Traurigkeit gehüllt, welche Hans zwar nicht recht
verstehen konnte, die ihm aber doch Eindruck machte und ihn sogar
zuweilen ansteckte. Der empfindliche Schöngeist war namentlich bei
trübem Wetter seinen Anfällen ausgesetzt und meistens erreichte der
Jammer und das Gestöhne seinen Höhepunkt an Abenden, wo spätherbstliche
Regenwolken den Himmel verdüsterten und hinter ihnen, durch trübe Flöre
und Ritzen schauend, der sentimentale Mond seine Bahn beschrieb. Dann
schwelgte er in Ossianischen Stimmungen und zerfloß in nebelhafter
Wehmut, die sich in Seufzern, Reden und Versen über den unschuldigen
Hans ergoß.
Von diesen kläglichen Leidensszenen bedrückt und gepeinigt, stürzte sich
dieser in den ihm übrigbleibenden Stunden mit hastigem Eifer in die
Arbeit, die ihm doch immer schwerer fiel. Daß das alte Kopfweh
wiederkam, wunderte ihn nicht weiter; aber daß er immer häufiger
tatlose, müde Stunden hatte und sich stacheln mußte, um nur das
Notwendige zu leisten, das machte ihm schwere Sorge. Zwar fühlte er
dunkel, daß die Freundschaft mit dem Sonderling ihn erschöpfte und
irgendeinen bisher unberührten Teil seines Wesens krank machte, aber je
düsterer und weinerlicher jener war, desto mehr tat er ihm leid und
desto zärtlicher und stolzer machte ihn das Bewußtsein, dem Freunde
unentbehrlich zu sein.
Zudem spürte er wohl, daß dieses kränkliche Wehmutwesen nur ein
Ausstoßen überflüssiger und ungesunder Triebe war und eigentlich nicht
in Heilners Wesen gehörte, den er treu und aufrichtig bewunderte. Wenn
der Freund seine Verse vorlas oder von seinen Dichteridealen redete oder
Monologe aus Schiller und Shakespeare mit Leidenschaft und großem
Gebärdenspiel vortrug, war es für Hans, als wandle jener kraft einer ihm
selber mangelnden Zaubergabe in den Lüften, bewege sich in einer
göttlichen Freiheit und feurigen Leidenschaft und entschwebe ihm und
seinesgleichen auf geflügelten Sohlen wie ein Homerischer Himmelsbote.
Bis dahin war ihm die Welt der Dichter wenig bekannt und unwichtig
gewesen, nun spürte er zum erstenmal widerstandslos die trügerische
Gewalt schönfließender Worte, täuschender Bilder und schmeichlerischer
Reime, und seine Verehrung für diese ihm neuerschlossene Welt war mit
der Bewunderung des Freundes zu einem ungetrennten Gefühl
ineinandergewachsen.
* * * * *
Unterdessen kamen stürmische, dunkle Novembertage, an denen man nur
wenige Stunden ohne Lampe arbeiten konnte, und schwarze Nächte, in denen
der Sturm große rollende Wolkenberge durch die finstern Höhen trieb und
stöhnend oder zankend um die alten festen Klostergebäude stieß. Die
Bäume waren nun völlig entlaubt; nur die mächtigen, knorrig verästeten
Eichen, die Könige jener baumreichen Landschaft, rauschten noch mit
welken Laubkronen lauter und mürrischer als alle anderen Bäume. Heilner
war ganz trübsinnig und liebte es neuerdings, statt bei Hans zu sitzen,
allein in einem entlegenen Übungszimmer auf der Geige zu stürmen oder
mit den Kameraden Händel anzufangen.
Eines Abends, da er jenes Zimmer aufsuchte, fand er den strebsamen
Lucius dort vor einem Notenpult mit Üben beschäftigt. Ärgerlich ging er
weg und kam nach einer halben Stunde wieder. Jener übte noch immer.
»Du könntest jetzt aufhören«, schimpfte Heilner. »Es gibt auch noch
andere Leute, die üben wollen. Deine Kratzerei ist ohnehin eine
Landplage.«
Lucius wollte nicht weichen, Heilner wurde grob, und als der andere sein
Kratzen ruhig wiederaufnahm, stieß er ihm das Notengestell mit einem
Fußtritt um, daß die Blätter ins Zimmer stoben und das Pult dem Geiger
ins Gesicht schlug. Lucius bückte sich nach den Noten.
»Das sag' ich dem Herrn Ephorus«, sagte er entschieden.
»Gut,« schrie Heilner wütend, »so sag' ihm auch gleich, ich hätte dir
einen Hundstritt gratis dreingegeben.« Und er wollte sogleich zur Tat
schreiten.
Lucius sprang fliehend beiseite und gewann die Tür. Sein Verfolger
setzte ihm nach und es entstand ein hitziges und geräuschvolles Jagen
durch Gänge und Säle, über Treppen und Flure bis in den fernsten Flügel
des Klosters, wo in stiller Vornehmheit die Ephoruswohnung lag. Heilner
erreichte den Flüchtling erst knapp vor der Studierzimmertüre des
Ephorus und als jener schon angeklopft hatte und in der offenen Türe
stand, erhielt er im letzten Augenblick noch den versprochenen Fußtritt
und fuhr, ohne mehr die Tür hinter sich schließen zu können, wie eine
Bombe ins Allerheiligste des Herrschers.
Das war ein unerhörter Fall. Am nächsten Morgen hielt der Ephorus eine
glänzende Rede über die Entartung der Jugend, Lucius hörte tiefsinnig
und beifällig zu und Heilner bekam eine schwere Karzerstrafe diktiert.
»Seit mehreren Jahren«, donnerte der Ephorus ihn an, »ist eine solche
Strafe hier nicht mehr vorgekommen. Ich werde dafür sorgen, daß Sie noch
in zehn Jahren daran denken sollen. Euch andern stelle ich diesen
Heilner als abschreckendes Beispiel auf.«
Die ganze Promotion schielte scheu zu ihm hinüber, der blaß und trotzig
dastand und dem Blick des Ephorus nicht auswich. Im stillen bewunderten
ihn viele, trotzdem blieb er am Ende der Lektion, als alles lärmend die
Gänge erfüllte, allein und gemieden wie ein Aussätziger. Es gehörte Mut
dazu, jetzt zu ihm zu stehen.
Auch Hans Giebenrath tat es nicht. Es wäre seine Pflicht gewesen, das
fühlte er wohl, und er litt am Gefühl seiner Feigheit. Unglücklich und
schamhaft drückte er sich in ein Fenster und wagte nicht aufzublicken.
Es trieb ihn, den Freund aufzusuchen und er hätte viel darum gegeben, es
unbemerkt tun zu können. Aber ein mit schwerem Karzer Bestrafter ist im
Kloster für längere Zeit so gut wie gebrandmarkt. Man weiß, daß er von
nun an besonders beobachtet wird und daß es gefährlich ist und einen
schlechten Ruf einträgt, mit ihm Verkehr zu haben. Den Wohltaten, welche
der Staat seinen Zöglingen erweist, muß eine scharfe, strenge Zucht
entsprechen, das war schon in der großen Rede beim Eintrittsfeste
vorgekommen. Auch Hans wußte das. Und er unterlag im Kampf zwischen
Freundespflicht und Ehrgeiz. Sein Ideal war nun einmal, vorwärts zu
kommen, berühmte Examina zu machen und eine Rolle zu spielen, aber keine
romantische und gefährliche. So verharrte er ängstlich in seinem Winkel.
Noch konnte er hervortreten und tapfer sein, aber von Augenblick zu
Augenblick wurde es schwerer und eh' er sich's versah, war sein Verrat
zur Tat geworden. Heilner bemerkte es wohl. Der leidenschaftliche Knabe
fühlte, wie man ihm auswich, und begriff es, aber auf Hans hatte er sich
verlassen. Neben dem Weh und der Empörung, die er jetzt empfand, kamen
ihm selber seine bisherigen, inhaltlosen Jammergefühle leer und
lächerlich vor. Einen Augenblick blieb er neben Giebenrath stehen. Er
sah blaß und hochmütig aus und sagte leise: »Du bist ein gemeiner
Feigling, Giebenrath -- pfui Teufel!« Und damit ging er weg, halblaut
pfeifend und die Hände in den Hosensäcken.
Es war gut, daß andere Gedanken und Beschäftigungen die jungen Leute in
Anspruch nahmen. Wenige Tage nach jenem Ereignis trat plötzlich
Schneefall, dann frostklares Winterwetter ein, man konnte schneeballen
und Schlittschuh laufen, und alle merkten nun auch plötzlich und
sprachen davon, daß Weihnachten und Ferien vor der Tür standen. Heilner
wurde weniger beachtet. Er ging still und trotzig mit aufrechtem Kopf
und hochmütigem Gesicht umher, sprach mit niemand und schrieb häufig
Verse in ein Schreibheft, das einen Umschlag von schwarzem Wachstuch
hatte und die Aufschrift »Lieder eines Mönches« trug.
An den Eichen, Erlen, Buchen und Weiden hing Reif und gefrorener Schnee
in zarten, phantastischen Gebilden. Auf den Weihern knisterte im Frost
das klare Eis. Der Kreuzganghof sah wie ein stiller Marmorgarten aus.
Eine frohe, festliche Erregung ging durch die Stuben und die
weihnachtliche Vorfreude gab sogar den beiden tadellosen, gemessenen
Professoren einen kleinen Glanz von Milde und heiterer Aufregung ab.
Unter Lehrern und Schülern war keiner, den Weihnachten gleichgültig
ließ, auch Heilner begann weniger verbissen und elend auszusehen und
Lucius überlegte, welche Bücher und welches Paar Schuhe er in die Ferien
mitnehmen solle. In den von Hause kommenden Briefen standen schöne,
ahnungsvolle Dinge: Fragen nach Lieblingswünschen, Berichte von
Backtagen, Andeutung bevorstehender Überraschungen und Freude aufs
Wiedersehen.
Vor der Ferienreise erlebte die Promotion und insbesondere die Stube
Hellas noch eine kleine heitere Geschichte. Es war beschlossen worden,
die Lehrerschaft zu einer abendlichen Weihnachtsfeier einzuladen, welche
in Hellas, als der größten Stube, stattfinden sollte. Eine Festrede,
zwei Deklamationen, ein Flötensolo und ein Geigenduo waren vorbereitet.
Nun sollte aber durchaus auch noch eine humoristische Nummer aufs
Programm. Man beriet und verhandelte, machte und verwarf Vorschläge,
ohne einig zu werden. Da sagte Karl Hamel so nebenher, das Heiterste
wäre eigentlich ein Violinsolo von Emil Lucius. Das zog. Durch Bitten,
Versprechungen und Drohungen brachte man den unglücklichen Musikanten
dazu, daß er sich hergab. Und nun stand auf dem Programm, das mit einer
höflichen Einladung den Lehrern zugeschickt wurde, als besondere Nummer:
»Stille Nacht, Lied für Violine, vorgetragen von Emil Lucius,
Kammervirtuos«. Letzteren Titel verdankte er seinem fleißigen Üben in
jener abgelegenen Musikstube.
Ephorus, Professoren, Repetenten, Musiklehrer und Oberfamulus waren
eingeladen und erschienen zur Feier. Dem Musiklehrer trat der Schweiß
auf die Stirne, als Lucius in einem von Hartner geborgten schwarzen Rock
mit Schößen auftrat, frisiert und gebügelt, mit seinem sanft
bescheidenen Lächeln. Schon seine Verbeugung wirkte wie eine
Aufforderung zur Heiterkeit. Aus dem Lied »Stille Nacht« wurde unter
seinen Fingern eine ergreifende Klage, ein stöhnendes, schmerzvolles
Lied des Leides; er begann zweimal, zerriß und zerhackte die Melodie,
trat den Takt mit dem Fuß und arbeitete wie ein Waldarbeiter bei
Frostwetter.
Fröhlich nickte der Herr Ephorus dem Musiklehrer zu, der vor Entrüstung
blaß geworden war.
Als Lucius das Lied zum drittenmal begonnen hatte und auch diesmal
steckenblieb, ließ er die Geige sinken, wandte sich gegen die Zuhörer
und entschuldigte sich: »Es geht nicht. Aber ich tu' auch erst seit
letzten Herbst geigen.«
»Es ist gut, Lucius,« rief der Ephorus, »wir danken Ihnen für Ihre
Anstrengungen. Lernen Sie nur so weiter. ^Per aspera ad astra!^«
Am 24. Dezember war von morgens drei Uhr an Leben und Getöse in allen
Schlafsälen. An den Fenstern blühten dicke Lagen von feingeblätterten
Eisblumen, das Waschwasser war eingefroren und über den Klosterhof
strich ein schneidend dünner Frostwind, doch kehrte sich niemand daran.
Im Speisesaal dampften die großen Kaffeekübel und in dunklen Gruppen
wanderten bald darauf die in Mäntel und Tücher verpackten Schüler über
das weiße, schwach leuchtende Feld und durch die schweigende Waldung der
weit entfernten Bahnstation entgegen. Alle plauderten, machten Witze und
lachten laut und waren doch nebenher jeder voll seiner verschwiegenen
Wünsche, Freuden und Erwartungen. Weit im ganzen Lande, in Städten und
Dörfern und auf einsamen Höfen wußten sie in warmen, festgeschmückten
Stuben Eltern und Brüder und Schwestern auf sich warten. Es war für die
meisten von ihnen die erste Weihnacht, zu der sie aus der Ferne
heimreisten und die meisten wußten, daß man sie mit Liebe und mit Stolz
erwartete.
Auf der kleinen Bahnstation, mitten im verschneiten Walde, wartete man
in bitterer Kälte auf den Zug, und man war nie so einmütig, verträglich
und lustig beisammen gewesen. Nur Heilner blieb allein und schweigend
und als der Zug da war, wartete er das Einsteigen der Kameraden ab und
ging dann allein in einen andern Wagen. Beim Umsteigen am nächsten
Bahnhof sah Hans ihn noch einmal, doch ging das flüchtige Gefühl der
Beschämung und Reue schnell wieder in der Aufregung und Freude der
Heimreise unter.
Zu Hause fand er den Papa schmunzelnd und zufrieden, und ein
wohlbesetzter Gabentisch erwartete ihn. Ein richtiges Christfest gab es
im Hause Giebenrath allerdings nicht. Es fehlte Gesang und
Festbegeisterung, es fehlte eine Mutter, es fehlte ein Tannenbaum. Herr
Giebenrath verstand die Kunst, Feste zu feiern, nicht. Aber er war stolz
auf seinen Buben und hatte an den Geschenken diesmal nicht gespart. Und
Hans war es nicht anders gewöhnt, er vermißte nichts.
Man fand ihn schlecht aussehend, zu mager und zu blaß, und fragte ihn,
ob denn im Kloster die Kost so schmal sei. Er verneinte eifrig und
versicherte, es gehe ihm gut, nur habe er so oft Kopfweh. Hierüber
tröstete ihn der Stadtpfarrer, der in jüngern Jahren selber daran
gelitten hatte und somit war alles gut.
Der Fluß war blank gefroren und an den Feiertagen voll von
Schlittschuhläufern. Hans war fast den ganzen Tag draußen, in einem
neuen Anzug, die grüne Seminaristenmütze auf dem Kopf, seinen ehemaligen
Mitschülern weit in eine beneidete höhere Welt hinein entwachsen.