»Wann mußt du ins Seminar?«
»Erst im September. Jetzt ist Vakanz.«
Er ließ sich beneiden. Es berührte ihn nicht einmal, als im Hintergrund
Gespött laut wurde und einer den Vers sang:
Wenn i's no au so hätt',
Wie's Schulze Lisabeth!
Die leit bei Dag im Bett,
So han' i's net.
Er lachte nur. Inzwischen entkleideten sich die Buben. Der eine sprang
frischweg ins Wasser, andere kühlten sich erst vorsichtig ab, manche
legten sich vorher noch ein wenig ins Gras. Ein guter Taucher wurde
bewundert. Ein Angstpeter wurde hinterrücks ins Wasser gestoßen und
schrie Mordio. Man jagte einander, lief und schwamm, spritzte die
Trockenbader am Lande. Das Geplätscher und Geschrei war groß, und die
ganze Flußbreite glänzte von hellen, nassen, blanken Leibern.
Nach einer Stunde ging Hans fort. Es kamen die warmen Abendstunden, wo
die Fische wieder beißen. Bis zum Abendessen angelte er auf der Brücke
und fing so gut wie gar nichts. Die Fische waren gierig hinter der Angel
her, jeden Augenblick war der Köder weggefressen, aber nichts blieb
hängen. Er hatte Kirschen am Haken, offenbar waren sie zu groß und zu
weich. Er beschloß, später noch einen Versuch zu machen.
Beim Abendessen erfuhr er, es sei eine Menge von Bekannten zum
Gratulieren dagewesen. Und man zeigte ihm das heutige Wochenblatt, da
stand unter dem »Amtlichen« eine Notiz: »An die Aufnahmeprüfung zum
niederen theologischen Seminar hat unsre Stadt diesmal nur einen
Kandidaten, Hans Giebenrath, geschickt. Zu unsrer Freude erfahren wir
soeben, daß derselbe die Prüfung als Zweiter bestanden hat.«
Er faltete das Blatt zusammen, steckte es in die Tasche und sagte
nichts, war aber zum Zerspringen voll von Stolz und Jubel. Nachher ging
er wieder zum Fischen. Als Köder nahm er diesmal ein paar Stückchen Käse
mit; der schmeckt den Fischen und kann in der Dämmerung gut von ihnen
gesehen werden.
Die Rute ließ er stehen und nahm nur eine ganz einfache Handangel mit.
Das war ihm das liebste Fischen: die Schnur ohne Stock und ohne
Schwimmer in der Hand zu halten, so daß die ganze Angel nur aus Leine
und Haken bestand. Es war etwas mühsamer, aber viel lustiger. Man
beherrschte dabei jede geringste Bewegung des Köders, spürte jedes
Probieren und Anbeißen und konnte im Zucken der Leine die Fische
beobachten, wie wenn man sie vor sich sähe. Freilich, diese Art zu
fischen will verstanden sein, man muß geschickte Finger haben und
aufpassen wie ein Spion.
In dem engen, tief eingeschnittenen und gewundenen Flußtal kam die
Dämmerung früh. Das Wasser lag schwarz und still unter der Brücke, in
der untern Mühle war schon Licht. Geplauder und Gesang lief über Brücken
und Gassen, die Luft war ein wenig schwül, und im Flusse sprang alle
Augenblicke ein dunkler Fisch mit kurzem Schlag in die Höhe. An solchen
Abenden sind die Fische merkwürdig erregt, schießen im Zickzack hin und
her, schnellen sich in die Luft, stoßen sich an der Angelschnur und
stürzen sich blindlings auf den Köder. Als das letzte Stückchen Käse
verbraucht war, hatte Hans vier kleinere Karpfen herausgezogen; die
wollte er morgen dem Stadtpfarrer bringen.
Ein warmer Wind lief talabwärts. Es dunkelte stark, aber der Himmel war
noch licht. Aus dem ganzen dunkelnden Städtchen stieg nur der Kirchturm
und das Schloßdach schwarz und scharf in die helle Höhe. Ganz in der
Ferne mußte es irgendwo gewittern, man hörte zuweilen ein sanftes, weit
entferntes Donnern.
Als Hans um zehn Uhr in sein Bett stieg, war er in Kopf und Gliedern so
angenehm müde und schläfrig wie schon lange nicht mehr. Eine lange Reihe
schöner, freier Sommertage lag beruhigend und verlockend vor ihm, Tage
zum Verbummeln, Verbaden, Verangeln, Verträumen. Bloß das eine wurmte
ihn, daß er nicht vollends Erster geworden war.
* * * * *
Schon am frühen Vormittag stand Hans im Öhrn des Stadtpfarrhauses und
lieferte seine Fische ab. Der Stadtpfarrer kam aus seiner Studierstube.
»Ach, Hans Giebenrath! Guten Morgen! Ich gratuliere, ich gratuliere von
Herzen. -- Und was hast du denn da?«
»Bloß ein paar Fische. Ich hab' gestern geangelt.«
»Ei, da schau' her! Danke schön. Nun komm' aber herein.«
Hans trat in die ihm wohlbekannte Studierstube. Wie in einer
Pfarrersstube sah es eigentlich hier nicht aus. Es roch weder nach
Blumenstöcken noch nach Tabak. Die ansehnliche Büchersammlung zeigte
fast lauter neue, sauber lackierte und vergoldete Rücken, nicht die
abgeschossenen, schiefen, wurmstichigen und stockfleckigen Bände, die
man sonst in Pfarrbibliotheken findet. Wer genauer zusah, merkte auch
den Titeln der wohlgeordneten Bücher einen neuen Geist an, einen
anderen, als der in den altmodisch ehrwürdigen Herren der absterbenden
Generation lebte. Die ehrenwerten Prunkstücke einer Pfarrbücherei, die
Bengel, Ötinger, Steinhofer samt frommen Liedersängern, welche Mörike im
»Turmhahn« so schön und herzlich besingt, fehlten hier oder
verschwanden doch in der Menge moderner Werke. Alles in allem, samt
Zeitschriftenmappen, Stehpult und großem, blätterbestreutem Schreibtisch
sah gelehrt und ernst aus. Man bekam den Eindruck, daß hier viel
gearbeitet werde. Und es wurde hier auch viel gearbeitet, freilich
weniger an Predigten, Katechesen und Bibelstunden als an Untersuchungen
und Artikeln für gelehrte Journale und an Vorstudien zu eigenen Büchern.
Die träumerische Mystik und ahnungsvolle Grübelei war von diesem Ort
verbannt, verbannt war auch die naive Herzenstheologie, welche über die
Schlünde der Wissenschaft hinweg sich der dürstenden Volksseele in Liebe
und Mitleid entgegenneigt. Statt dessen wurde hier mit Eifer Bibelkritik
getrieben und nach dem »historischen Christus« gefahndet, der den
modernen Theologen zwar wie Wasser vom Munde, aber auch wie ein Aal
durch die Finger gleitet.
Es ist eben in der Theologie nicht anders als anderwärts. Es gibt eine
Theologie, die ist Kunst, und eine andere, die ist Wissenschaft oder
bestrebt sich wenigstens, es zu sein. Das war vor alters so wie heute,
und immer haben die Wissenschaftlichen über den neuen Schläuchen den
alten Wein versäumt, indes die Künstler, sorglos bei manchem äußerlichen
Irrtum verharrend, Tröster und Freudebringer für viele gewesen sind. Es
ist der alte, ungleiche Kampf zwischen Kritik und Schöpfung,
Wissenschaft und Kunst, wobei jene immer recht hat, ohne daß jemand
damit gedient wäre, diese aber immer wieder den Samen des Glaubens, der
Liebe, des Trostes und der Schönheit und Ewigkeitsahnung hinauswirft und
immer wieder guten Boden findet. Denn das Leben ist stärker als der Tod,
und der Glaube ist mächtiger als der Zweifel.
Zum erstenmal saß Hans auf dem kleinen Ledersofa zwischen Stehpult und
Fenster. Der Stadtpfarrer war überaus freundlich. Ganz kameradschaftlich
erzählte er vom Seminar, und wie man dort lebe und studiere.
»Das wichtigste Neue,« sagte er zum Schluß, »was du dort erleben wirst,
ist die Einführung in das neutestamentliche Griechisch. Es wird dir eine
neue Welt damit aufgehen, reich an Arbeit und Freude. Im Anfang wird die
Sprache dir Mühe machen; das ist kein attisches Griechisch mehr, sondern
ein neues, von einem neuen Geist geschaffenes Idiom.«
Hans hörte aufmerksam zu und fühlte sich mit Stolz der wahren
Wissenschaft genähert.
»Die schulmäßige Einführung in diese neue Welt«, fuhr der Stadtpfarrer
fort, »nimmt ihr natürlich manches von ihrem Zauber. Auch wird dich im
Seminar zunächst das Hebräische vielleicht zu einseitig in Anspruch
nehmen. Wenn du nun Lust hast, so könnten wir in diesen Ferien einen
kleinen Anfang machen. Im Seminar wirst du dann froh sein, Zeit und
Kraft für anderes übrig zu behalten. Wir könnten ein paar Kapitel Lukas
zusammen lesen, und du würdest die Sprache fast spielend nebenher
lernen. Ein Wörterbuch kann ich dir leihen. Du würdest etwa täglich eine
Stunde, höchstens zwei, daran rücken. Mehr natürlich nicht, denn vor
allem mußt du jetzt deine verdiente Erholung haben. Natürlich ist das
nur ein Vorschlag -- ich möchte dir ja nicht das schöne Feriengefühl
damit verderben.«
Hans sagte natürlich zu. Zwar erschien ihm diese Lukasstunde wie eine
leichte Wolke am fröhlich blauen Himmel seiner Freiheit, doch schämte er
sich, abzulehnen. Und eine neue Sprache so in den Ferien nebenher zu
lernen, war gewiß mehr Vergnügen als Arbeit. Vor dem vielen Neuen, das
im Seminar zu lernen wäre, hatte er ohnehin eine leise Furcht, besonders
vor dem Hebräischen.
Nicht unbefriedigt verließ er den Stadtpfarrer und schlug sich durch den
Lärchenweg aufwärts in den Wald. Der kleine Unmut war schon verflogen,
und je mehr er sich die Sache überlegte, desto annehmbarer kam sie ihm
vor. Denn das wußte er wohl, daß er im Seminar noch ehrgeiziger und
zäher arbeiten müsse, wenn er auch dort die Kameraden hinter sich lassen
wollte. Und das wollte er entschieden. Warum eigentlich? Das wußte er
selber nicht. Seit drei Jahren war man auf ihn aufmerksam, hatten die
Lehrer, der Stadtpfarrer, der Vater und namentlich der Rektor ihn
angespornt und gestachelt in Atem gehalten. Die ganze lange Zeit, von
Klasse zu Klasse, war er unbestrittener Primus gewesen. Und nun hatte er
allmählich selber seinen Stolz darein gesetzt, obenan zu sein und keinen
neben sich zu dulden. Und die dumme Examensangst war jetzt vorbei.
Freilich, Ferien haben war doch eigentlich das Schönste. Wie ungewohnt
schön der Wald nun wieder war in diesen Morgenstunden, wo es keinen
Spaziergänger darin gab als ihn! Säule an Säule standen die Rottannen,
eine unendliche Halle blaugrün überwölbend. Unterholz gab es wenig, nur
da und dort ein dickes Himbeergestrüppe, dafür einen stundenbreiten,
weichen, pelzigen Moosboden, von niederen Heidelbeerstöcken und Erika
bestanden. Der Tau war schon getrocknet, und zwischen den bolzgeraden
Stämmen wiegte sich die eigentümliche Waldmorgenschwüle, die, aus
Sonnenwärme, Taudunst, Moosduft und dem Geruch von Harz, Tannennadeln
und Pilzen, gemischt sich einschmeichelnd mit leichter Betäubung an alle
Sinne schmiegt. Hans warf sich ins Moos, weidete die dunklen,
dichtbestandenen Schwarzbeersträucher ab, hörte da und dort den Specht
am Stamme hämmern und den eifersüchtigen Kuckuck rufen. Zwischen den
schwärzlich dunkeln Tannenkronen schaute fleckenlos tiefblau der Himmel
herein, in die Ferne hin drängten sich die tausend und tausend
senkrechten Stämme zu einer ernsten braunen Wand zusammen, hie und da
lag ein gelber Sonnenfleck warm und sattglänzend ins Moos gestreut.
Eigentlich hatte Hans einen großen Spaziergang machen wollen, mindestens
bis zum Lützeler Hof oder zur Krokuswiese. Nun lag er im Moos, aß
Heidelbeeren und staunte träge in die Luft. Es fing ihn selber an zu
wundern, daß er so müde war. Früher war ihm ein Gang von drei, vier
Stunden doch gar nichts gewesen. Er beschloß, sich aufzuraffen und ein
tüchtiges Stück zu marschieren. Und er ging ein paar hundert Schritte.
Da lag er schon wieder, er wußte nicht, wie es kam, im Moos und ruhte.
Er blieb liegen, sein Blick irrte blinzelnd durch Stämme und Wipfel und
am grünen Boden hin. Daß diese Luft so müd machte!
Als er gegen Mittag heimkam, hatte er wieder Kopfweh. Auch die Augen
taten ihm weh, auf der Waldsteig hatte die Sonne so heillos geblendet.
Den halben Nachmittag saß er verdrossen im Haus herum, erst beim Baden
wurde er wieder frisch. Es war jetzt Zeit, zum Stadtpfarrer zu gehen.
Unterwegs sah ihn der Schuster Flaig, der am Fenster seiner Werkstatt
auf dem Dreibein saß, und rief ihn herein.
»Wohin, mein Sohn? Man sieht dich ja gar nimmer?«
»Jetzt muß ich zum Stadtpfarrer.«
»Immer noch? Das Examen ist doch vorbei.«
»Ja, jetzt kommt was andres dran. Neues Testament. Nämlich das Neue
Testament ist ja griechisch geschrieben, aber wieder in einem ganz
andern Griechisch, als was ich gelernt hab'. Das soll ich jetzt lernen.«
Der Schuster schob die Mütze weit ins Genick und zog seine große
Grüblerstirn zu dicken Falten zusammen. Er seufzte schwer.
»Hans,« sagte er leise, »ich will dir was sagen. Bis jetzt hab' ich mich
still gehalten, von wegen dem Examen, aber jetzt muß ich dich mahnen. Du
mußt nämlich wissen, daß der Stadtpfarrer ein Ungläubiger ist. Er wird
dir sagen und vormachen, die heiligen Schriften seien falsch und
verlogen, und wenn du mit ihm das Neue Testament gelesen hast, dann hast
du selber deinen Glauben verloren und weißt nicht wie.«
»Aber, Herr Flaig, es handelt sich ja bloß ums Griechische. Im Seminar
muß ich's ja sowieso lernen.«
»So sagst du. Es ist aber zweierlei, ob du die Bibel bei frommen und
gewissenhaften Lehrern studieren lernst oder bei einem, der nicht mehr
an den lieben Gott glaubt.«
»Ja, das weiß man doch nicht, ob er wirklich nicht an ihn glaubt.«
»Doch, Hans, man weiß es leider.«
»Aber was soll ich machen? Ich hab' nun schon mit ihm ausgemacht, daß
ich komme.«
»Dann mußt du auch kommen, das versteht sich. Aber lieber nimmer oft.
Und wenn er solche Sachen über die Bibel sagt, sie sei Menschenwerk und
sei verlogen und nicht vom heiligen Geist eingegeben, dann kommst du zu
mir, und wir reden darüber. Willst du?«
»Ja, Herr Flaig. Es wird aber sicher nicht so schlimm sein.«
»Du wirst sehen; denk' an mich!«
Der Stadtpfarrer war noch nicht zu Hause, und Hans mußte in der
Studierstube auf ihn warten. Während er die goldenen Büchertitel
betrachtete, gaben ihm die Reden des Schuhmachermeisters zu denken.
Derartige Äußerungen über den Stadtpfarrer und die neumodischen
Geistlichen überhaupt hatte er schon öfters gehört. Doch fühlte er jetzt
zum erstenmal mit Spannung und Neugierde sich selber in diese Dinge
hineingezogen. So wichtig und schrecklich wie dem Schuster waren sie ihm
nicht, vielmehr witterte er hier die Möglichkeit, hinter alte, große
Geheimnisse zu dringen. In den früheren Schülerjahren hatten ihn die
Fragen nach Gottes Allgegenwart, nach dem Verbleib der Seelen, nach
Teufel und Hölle hie und da zu phantastischen Grübeleien erregt, doch
war alles das in den letzten strengen und fleißigen Jahren
eingeschlafen, und sein schulmäßiger Christenglaube war nur in
Gesprächen mit dem Schuhmacher gelegentlich zu einigem persönlichen
Leben aufgewacht. Er mußte lächeln, wenn er jenen mit dem Stadtpfarrer
verglich. Des Schusters herbe, in bitteren Jahren erworbene Festigkeit
konnte der Knabe nicht verstehen und im übrigen war Flaig ein zwar
gescheiter, aber schlichter und einseitiger Mensch, von vielen wegen
seiner Pietisterei verhöhnt. In den Versammlungen der Stundenbrüder trat
er als strenger brüderlicher Richter und als ein gewaltiger Ausleger der
Heiligen Schrift auf, hielt auch in den Dörfern herum seine
Erbauungsstunden, sonst aber war er eben ein kleiner Handwerksmann und
beschränkt wie alle andern. Der Stadtpfarrer hingegen war nicht nur ein
gewandter, wohlredender Mann und Prediger, sondern außerdem ein
fleißiger und strenger Gelehrter. Hans schaute mit Ehrfurcht an den
Bücherschäften hinauf.
Der Stadtpfarrer kam bald, vertauschte den Gehrock mit einer leichten
schwarzen Hausjacke, gab dem Schüler eine griechische Textausgabe des
Lukasevangeliums in die Hand und forderte ihn auf, zu lesen. Das war
ganz anders, als die Lateinstunden gewesen waren. Sie lasen nur wenige
Sätze, die wurden mit peinlicher Wörtlichkeit übersetzt, und dann
entwickelte der Lehrer aus unscheinbaren Beispielen geschickt und beredt
den eigentümlichen Geist dieser Sprache, redete über die Zeit und Weise
der Entstehung des Buches und gab in der einzigen Stunde dem Knaben
einen ganz neuen Begriff von Lernen und Lesen. Hans bekam eine Ahnung
davon, welche Rätsel und Aufgaben in jedem Vers und Wort verborgen
lagen, wie seit alten Zeiten her Tausende von Gelehrten, Grüblern und
Forschern sich um diese Fragen bemüht hatten, und es kam ihm vor, er
selber werde in dieser Stunde in den Kreis der Wahrheitssucher
aufgenommen.
Er bekam ein Lexikon und eine Grammatik geliehen und arbeitete daheim
noch den ganzen Abend weiter. Nun spürte er, über wieviel Berge von
Arbeit und Wissen der Weg zur wahren Forschung führe, und er war bereit,
sich hindurchzuschlagen und nichts am Wege liegen zu lassen. Der
Schuhmacher war einstweilen vergessen.
Einige Tage nahm dies neue Wesen ihn ganz in Anspruch. Jeden Abend ging
er zum Stadtpfarrer, und jeden Tag kam ihm die wahre Gelehrsamkeit
schöner, schwieriger und erstrebenswerter vor. Morgens in den
Frühstunden ging er zum Angeln, nachmittags auf die Badwiese, sonst kam
er wenig aus dem Hause. Der in der Angst und im Triumph des Examens
untergetauchte Ehrgeiz war wieder wach und ließ ihm keine Ruhe. Zugleich
begann wieder das eigentümliche Gefühl im Kopf sich zu regen, das er in
den letzten Monaten so oft gefühlt hatte -- kein Schmerz, sondern ein
hastig triumphierendes Treiben beschleunigter Pulse und heftig
aufgeregter Kräfte, ein eilig ungestümes Vorwärtsbegehren. Nachher kam
freilich das Kopfweh, aber solange jenes feine Fieber dauerte, rückte
Lektüre und Arbeit stürmisch voran, dann las er spielend die schwersten
Sätze im Xenophon, die ihn sonst Viertelstunden kosteten, dann brauchte
er das Wörterbuch fast gar nie, sondern flog mit geschärftem Verständnis
über ganze schwere Seiten rasch und freudig hinweg. Mit diesem
gesteigerten Arbeitsfieber und Erkenntnisdurst traf dann ein stolzes
Selbstgefühl zusammen, als lägen Schule und Lehrer und Lehrjahre schon
längst hinter ihm und als schreite er schon eine eigene Bahn, der Höhe
des Wissens und Könnens entgegen.
Das kam nun wieder über ihn und zugleich der leichte, oft unterbrochene
Schlaf mit sonderbar klaren Träumen. Wenn er nachts mit leichtem Kopfweh
erwachte und nicht wieder einschlafen konnte, befiel ihn eine Ungeduld,
vorwärts zu kommen, und ein überlegener Stolz, wenn er daran dachte, um
wieviel er allen Kameraden voraus war, und wie Lehrer und Rektor ihn mit
einer Art von Achtung und sogar Bewunderung betrachtet hatten.
Dem Rektor war es ein inniges Vergnügen gewesen, diesen von ihm
geweckten, schönen Ehrgeiz zu leiten und wachsen zu sehen. Man sage
nicht, Schulmeister haben kein Herz und seien verknöcherte und entseelte
Pedanten! O nein, wenn ein Lehrer sieht, wie eines Kindes lange
erfolglos gereiztes Talent hervorbricht, wie ein Knabe Holzsäbel und
Schleuder und Bogen und die anderen kindischen Spielereien ablegt, wie
er vorwärts zu streben beginnt, wie der Ernst der Arbeit aus einem
rauhen Pausback einen feinen, ernsten und fast asketischen Knaben macht,
wie sein Gesicht älter und geistiger, sein Blick tiefer und
zielbewußter, seine Hand ruhiger, weißer und stiller wird, dann lacht
ihm die Seele vor Freude und Stolz. Seine Pflicht und sein ihm vom Staat
überantworteter Beruf ist es, in dem jungen Knaben die rohen Kräfte und
Begierden der Natur zu bändigen und auszurotten und an ihre Stelle
stille, mäßige und staatlich anerkannte Ideale zu pflanzen. Wie mancher,
der jetzt ein zufriedener Bürger und strebsamer Beamter ist, wäre ohne
diese Bemühungen der Schule zu einem haltlos stürmenden Neuerer oder
unfruchtbar sinnenden Träumer geworden! Es war etwas in ihm, etwas
Wildes, Regelloses, Kulturloses, das mußte erst zerbrochen werden, eine
gefährliche Flamme, die mußte erst gelöscht und ausgetreten werden. Der
Mensch, wie ihn die Natur erschafft, ist etwas Unberechenbares,
Undurchsichtiges, Feindliches. Er ist ein von unbekanntem Berge
herbrechender Strom und ist ein Urwald ohne Weg und Ordnung. Und wie ein
Urwald gelichtet und gereinigt und gewaltsam eingeschränkt werden muß,
so muß die Schule den natürlichen Menschen zerbrechen, besiegen
und gewaltsam einschränken; ihre Aufgabe ist es, ihn nach
obrigkeitlicherseits gebilligten Grundsätzen zu einem nützlichen Gliede
der Gesellschaft zu machen und die Eigenschaften in ihm zu wecken, deren
völlige Ausbildung alsdann die sorgfältige Zucht der Kaserne krönend
beendigt.
Wie schön hatte sich der kleine Giebenrath entwickelt! Das Strolchen und
Spielen hatte er fast von selber abgelegt, das dumme Lachen in den
Lektionen kam bei ihm längst nimmer vor, auch die Gärtnerei, das
Kaninchenhalten und das leidige Angeln hatte er sich abgewöhnen lassen.
Eines Abends erschien der Herr Rektor persönlich im Hause Giebenrath.
Nachdem er den geschmeichelten Vater mit Höflichkeit losgeworden war,
trat er in Hansens Stube und fand den Knaben am Evangelium Lucä sitzen.
Er begrüßte ihn freundlichst.
»Das ist schön, Giebenrath, schon wieder fleißig! Aber warum zeigst du
dich denn gar nicht mehr? Ich erwartete dich jeden Tag.«
»Ich wäre schon gekommen,« entschuldigte sich Hans, »aber ich hätte
Ihnen gern wenigstens einen schönen Fisch mitgebracht.«
»Fisch? Was denn für einen Fisch?«
»Nun, einen Karpfen oder so was.«
»Ah so. Ja, angelst du denn wieder?«
»Ja, nur ein bißchen. Der Vater hat's erlaubt.«
»Hm. So. Macht's dir viel Vergnügen?«
»Ja, schon.«
»Schön, ganz schön, du hast dir ja deine Ferien wacker verdient. Da hast
du wahrscheinlich jetzt wenig Lust, nebenher noch zu lernen?«
»O doch, Herr Rektor, natürlich.«
»Ich möchte dir aber nichts aufzwingen, wozu du nicht selber Lust hast.«
»Freilich hab' ich Lust.«
Der Rektor tat ein paar tiefe Atemzüge, strich sich den dünnen Bart und
setzte sich auf einen Stuhl.
»Sieh, Hans,« sagte er, »die Sache liegt so. Es ist eine alte Erfahrung,
daß gerade auf ein sehr gutes Examen oft ein plötzlicher Rückschlag
folgt. Im Seminar gilt es, sich in mehrere neue Fächer einzuarbeiten. Da
kommt nun immer eine Anzahl von Schülern, die in den Ferien
vorgearbeitet haben -- oft gerade solche, denen es im Examen weniger gut
gegangen war. Die rücken dann plötzlich in die Höhe auf Kosten von
solchen, die während der Vakanz auf ihren Lorbeeren ausgeruht haben.«
Er seufzte wieder.
»Hier in der Schule hast du es ja leicht gehabt, immer der Erste zu
sein. Im Seminar findest du aber andere Kameraden, lauter begabte oder
sehr fleißige Leute, die sich nicht so spielend überholen lassen. Du
begreifst das?«
»O ja.«
»Nun wollte ich dir vorschlagen, in diesen Ferien ein wenig
vorauszuarbeiten. Selbstverständlich mit Maß! Du hast jetzt das Recht
und die Pflicht, dich tüchtig auszuruhen. Ich dachte, so eine Stunde
oder zwei im Tag wären etwa das Richtige. Ohne das kommt man leicht aus
dem Geleise und braucht nachher Wochen, bis man wieder flott im Zug ist.
Was meinst du?«
»Ich bin ganz bereit, Herr Rektor, wenn Sie so gütig sein wollen ....«
»Gut. Nächst dem Hebräischen wird dir im Seminar namentlich Homer eine
neue Welt erschließen. Du würdest ihn mit doppeltem Genuß und
Verständnis lesen, wenn wir schon jetzt einen soliden Grund legten. Die
Sprache Homers, der alte jonische Dialekt samt der homerischen Prosodie
ist etwas ganz Eigentümliches, ganz etwas für sich, und erfordert Fleiß
und Gründlichkeit, wenn man überhaupt zum rechten Genuß dieser
Dichtungen kommen will.«
Natürlich war Hans gerne bereit, auch in diese neue Welt einzudringen,
und versprach, sein Bestes zu tun.
Das dicke Ende kam aber nach. Der Rektor räusperte sich und fuhr
freundlich fort: »Offen gestanden wäre es mir auch lieb, wenn du der
Mathematik einige Stunden widmen wolltest. Du bist ja kein schlechter
Rechner, doch war die Mathematik bisher immerhin nicht gerade deine
Stärke. Im Seminar wirst du Algebra und Geometrie anfangen müssen, und
da wäre es doch wohl angezeigt, ein paar vorbereitende Lektionen zu
nehmen.«
»Jawohl, Herr Rektor.«
»Bei mir bist du immer willkommen, das weißt du schon. Mir ist es
Ehrensache, etwas Tüchtiges aus dir werden zu sehen. Wegen der
Mathematik aber müßtest du eben deinen Vater bitten, daß er dich beim
Herrn Professor Privatstunden nehmen läßt. Vielleicht drei bis vier in
der Woche.«
»Jawohl, Herr Rektor.«
* * * * *
Die Arbeit stand nun wieder in erfreulichster Blüte, und wenn Hans je
und je doch wieder eine Stunde angelte oder spazierenlief, hatte er ein
schlechtes Gewissen. Die gewohnte Badestunde hatte der aufopfernde
Mathematiklehrer zu seinen Lektionen gewählt.
Diese Algebrastunden konnte Hans bei allem Fleiße nicht vergnüglich
finden. Es war doch bitter, mitten am heißen Nachmittag statt auf die
Badwiese in die warme Stube des Professors zu gehen und in der
staubigen, mückendurchsummten Luft mit müdem Kopf und trockener Stimme
das ^a plus b^ und ^a minus b^ herzusagen. Es lag dann etwas Lähmendes
und überaus Drückendes in der Luft, das an schlechten Tagen sich in
Trostlosigkeit und Verzweiflung verwandeln konnte. Mit der Mathematik
ging es ihm überhaupt merkwürdig. Er gehörte nicht zu den Schülern,
denen sie verschlossen und unmöglich zu begreifen ist, er fand zuweilen
gute, ja elegante Lösungen und hatte dann seine Freude daran. Ihm gefiel
das an der Mathematik, daß es hier keine Irrungen und keinen Schwindel
gab, keine Möglichkeit, vom Thema abzuirren und trügerische Nebengebiete
zu streifen. Aus demselben Grunde hatte er das Latein so gern, denn
diese Sprache ist klar, sicher, eindeutig und kennt fast gar keine
Zweifel. Aber wenn beim Rechnen auch alle Resultate stimmten, es kam
doch eigentlich nichts Rechtes dabei heraus. Die mathematischen Arbeiten
und Lehrstunden kamen ihm vor wie das Wandern auf einer ebenen
Landstraße; man kommt immer vorwärts, man versteht jeden Tag etwas, was
man gestern noch nicht verstand, aber man kam nie auf einen Berg, wo
sich plötzlich weite Aussichten auftaten.
Etwas lebendiger ging es in den Stunden beim Rektor zu. Freilich
verstand der Stadtpfarrer aus dem entarteten Griechisch des Neuen
Testamentes immer noch etwas viel Anziehenderes und Prachtvolleres zu
machen als jener aus der jugendfrischen Homerischen Sprache. Aber es war
schließlich doch Homer, bei dem gleich hinter den ersten Schwierigkeiten
auch schon Überraschungen und Genüsse hervorspringen und unwiderstehlich
weiter verlocken. Oft saß Hans vor einem geheimnisvoll schön klingenden,
schwer verständlichen Vers voll zitternder Ungeduld und Spannung und
konnte nicht eilig genug im Wörterbuch die Schlüssel finden, die ihm den
stillen, heiteren Garten eröffneten.
Hausarbeit hatte er nun wieder genug, und manchen Abend saß er wieder,
in irgendeine Aufgabe festgebissen, bis spät am Tisch. Vater Giebenrath
sah diesen Fleiß mit Stolz. In seinem schwerfälligen Kopf lebte dunkel
das Ideal so vieler beschränkter und unbedeutender Leute, aus seinem
Stamme einen Zweig über sich hinaus in eine Höhe wachsen zu sehen, die
er mit dumpfem Respekt verehrte.
In der letzten Ferienwoche zeigten sich Rektor und Stadtpfarrer
plötzlich wieder auffallend milde und besorgt. Sie schickten den Knaben
spazieren, stellten ihre Lektionen ein und betonten, wie wichtig es sei,
daß er frisch und erquickt die neue Laufbahn betrete.
Ein paarmal kam Hans noch zum Angeln. Er hatte viel Kopfweh und saß ohne
rechte Aufmerksamkeit am Ufer des Flusses, der nun einen lichtblauen
Frühherbsthimmel spiegelte. Es war ihm rätselhaft, weshalb er sich
eigentlich seinerzeit so auf die Sommervakanz gefreut hatte. Jetzt war
er eher froh, daß sie vorüber war und er ins Seminar kam, wo ein ganz
anderes Leben und Lernen beginnen würde. Da ihm nichts daran lag, fing
er auch fast gar keine Fische mehr, und als der Vater einmal einen Witz
darüber machte, angelte er nicht mehr und tat seine Schnüre wieder in
den Mansardenkasten hinauf.
Erst in den letzten Tagen fiel ihm plötzlich ein, daß er wochenlang
nimmer beim Schuhmacher Flaig gewesen war. Auch jetzt mußte er sich dazu
zwingen, ihn aufzusuchen. Es war Abend und der Meister saß am Fenster
seiner Wohnstube, ein kleines Kind auf jedem Knie. Trotz des offen
stehenden Fensters durchdrang der Geruch von Leder und Wichse die ganze
Wohnung. Befangen legte Hans seine Hand in die harte, breite Rechte des
Meisters.
»Nun, wie geht's denn?« fragte dieser. »Bist fleißig beim Stadtpfarrer
gewesen?«
»Ja, ich war jeden Tag dort und hab' viel gelernt.«
»Was denn?«
»Hauptsächlich Griechisch, aber auch allerlei sonst.«
»Und zu mir hast nimmer kommen mögen?«
»Mögen schon, Herr Flaig, aber 's hat nie dazu kommen wollen. Beim
Stadtpfarrer jeden Tag eine Stunde, beim Rektor jeden Tag zwei Stunden,
und viermal in der Woche mußte ich zum Rechenlehrer.«
»Jetzt in den Ferien? Das ist ein Unsinn!«
»Ich weiß nicht. Die Lehrer meinten so. Und das Lernen fällt mir ja
nicht schwer.«
»Mag sein«, sagte Flaig und ergriff des Knaben Arm. »Mit dem Lernen
wär's schon recht, aber was hast du da für ein paar Ärmlein? Und auch's
Gesicht ist so mager. Hast auch noch Kopfweh?«
»Hie und da.«
»'s ist ein Unsinn, Hans, und eine Sünde dazu. In deinem Alter muß man
ordentlich Luft und Bewegung und sein richtiges Ausruhen haben. Zu was
gibt man euch denn Ferien? Doch nicht zum Stubenhocken und Weiterlernen.
Du bist ja lauter Haut und Knochen.«
Hans lachte.
»Na ja, du wirst dich schon durchbeißen. Aber was zuviel ist, ist
zuviel. Und mit den Lektionen beim Stadtpfarrer, wie ist's da gegangen?
Was hat er gesagt?«
»Gesagt hat er vielerlei, aber gar nichts Schlimmes. Er weiß kolossal
viel.«
»Hat er nie despektierlich von der Bibel geredet?«
»Nein, kein einziges Mal.«
»Das ist gut. Denn das sage ich dir: Lieber zehnmal am Leibe verderben
als Schaden nehmen an seiner Seele! Du willst später Pfarrer werden, das
ist ein köstliches und schweres Amt, und es braucht andere Leute dazu,
als die meisten von euch jungen Menschen sind. Vielleicht bist du der
rechte und wirst einmal ein Helfer und Lehrer der Seelen sein. Das
wünsche ich von Herzen und will darum beten.«
Er hatte sich erhoben und legte nun dem Knaben beide Hände fest auf die
Schultern.
»Leb' wohl, Hans, und bleibe im Guten! Der Herr segne dich und behüte
dich, Amen.«
Die Feierlichkeit, das Beten und Hochdeutschreden war dem Knaben
beklemmend und peinlich. Der Stadtpfarrer hatte beim Abschied nichts
derart gemacht.
Mit Vorbereitungen und Abschiednehmen vergingen die paar Tage schnell
und unruhig. Eine Kiste mit Bettzeug, Kleidern, Wäsche und Büchern war
schon abgeschickt, nun wurde noch der Reisesack gepackt, und eines
kühlen Morgens fuhren Vater und Sohn nach Maulbronn ab. Es war doch
seltsam und bedrückend, die Heimat zu verlassen und aus dem Vaterhause
weg in eine fremde Anstalt zu ziehen.