Zweites Kapitel

So müssen Sommerferien sein! Über den Bergen ein enzianblauer Himmel,

wochenlang ein strahlend heißer Tag am andern, nur je und je ein

heftiges, kurzes Gewitter. Der Fluß, obwohl er seinen Weg durch so viel

Sandsteinfelsen und Tannenschatten und enge Täler hat, war so erwärmt,

daß man noch spät am Abend baden konnte. Rings um das Städtchen her war

Heu- und Öhmdgeruch, die schmalen Bänder der paar Kornäcker wurden gelb

und goldbraun, an den Bächen geilten mannshoch die weißblühenden,

schierlingartigen Pflanzen, deren Blüten schirmförmig und stets von

winzigen Käfern bedeckt sind und aus deren hohlen Stengeln man Flöten

und Pfeifen schneiden kann. An den Waldrändern prunkten lange Reihen von

wolligen, gelbblühenden, majestätischen Königskerzen, Weiderich und

Weidenröschen wiegten sich auf ihren schlanken, zähen Stielen und

bedeckten ganze Abhänge mit ihrem violetten Rot. Innen unter den Tannen

stand ernst und schön und fremdartig der hohe, steile, rote Fingerhut

mit den silberwolligen breiten Wurzelblättern, dem starken Stengel und

den hochaufgereihten, schönroten Kelchblüten. Daneben die vielerlei

Pilze: der rote, leuchtende Fliegenschwamm, der fette, breite Steinpilz,

der abenteuerliche Bocksbart, der rote, vielästige Korallenpilz und der

sonderbar farblose, kränklich feiste Fichtenspargel. Auf den vielen

heidigen Rainen zwischen Wald und Wiese flammte brandgelb der zähe

Ginster, dann kamen lange, lilarote Bänder von Erika, dann die Wiesen

selber, zumeist schon vor dem zweiten Schnitte stehend, von Schaumkraut,

Lichtnelken, Salbei, Skabiosen farbig überwuchert. Im Laubwald sangen

die Buchfinken ohne Aufhören, im Tannenwald rannten fuchsrote

Eichhörnchen durch die Wipfel, an Rainen, Mauern und trockenen Gräben

atmeten und schimmerten grüne Eidechsen wohlig in der Wärme, und über

die Wiesen hin läuteten endlos die hohen, schmetternden, nie ermüdenden

Zikadenlieder.

Die Stadt machte um diese Zeit einen sehr bäuerlichen Eindruck;

Heuwagen, Heugeruch und Sensendengeln erfüllte die Straßen und Lüfte;

wenn nicht die zwei Fabriken gewesen wären, hätte man geglaubt, in einem

Dorf zu sein.

Früh am Morgen des ersten Ferientages stand Hans schon ungeduldig in der

Küche und wartete auf den Kaffee, als die alte Anna noch kaum

aufgestanden war. Er half Feuer machen, holte Brot vom Becken, stürzte

schnell den mit frischer Milch gekühlten Kaffee hinunter, steckte Brot

in die Tasche und lief davon. Am oberen Bahndamm machte er halt, zog

eine runde Blechschachtel aus der Hosentasche und begann fleißig

Heuschrecken zu fangen. Die Eisenbahn lief vorüber -- nicht im Sturm,

denn die Linie steigt dort gewaltig, sondern schön behaglich, mit lauter

offenen Fenstern und wenig Passagieren, eine lange, fröhliche Fahne von

Rauch und Dampf hinter sich flattern lassend. Er sah ihr nach und sah

zu, wie der weißliche Rauch verwirbelte und sich bald in die sonnigen,

frühklaren Lüfte verlor. Wie lang hatte er das alles nimmer gesehen! Er

tat große Atemzüge, als wolle er die verlorene schöne Zeit nun doppelt

einholen und noch einmal recht ungeniert und sorgenlos ein kleiner Knabe

sein.

Das Herz klopfte ihm vor heimlicher Wonne und Jägerlust, als er mit der

Heuschreckenschachtel und dem neuen Angelstock über die Brücke und

hinten durch die Gärten zum Gaulsgumpen, der tiefsten Stelle des

Flusses, schritt. Dort war ein Platz, wo man, an einen Weidenstamm

gelehnt, bequemer und ungestörter fischen konnte als sonst irgendwo. Er

wickelte die Schnur ab, tat ein kleines Schrotkorn daran, spießte

erbarmungslos eine feiste Heuschrecke auf den Haken und schleuderte die

Angel mit weitem Schwung gegen die Flußmitte. Das alte, wohlbekannte

Spiel begann: die kleinen Blecken schwärmten in ganzen Scharen um den

Köder und versuchten ihn vom Haken zu zerren. Bald war er weggefressen,

eine zweite Heuschrecke kam an die Reihe, und noch eine, und eine vierte

und fünfte. Immer vorsichtiger befestigte er sie am Haken, schließlich

beschwerte er die Schnur mit einem weiteren Schrotkorn, und nun

probierte der erste ordentliche Fisch den Köder. Er zerrte ein wenig

daran, ließ ihn wieder los, probierte nochmals. Nun biß er an -- das

spürt ein guter Angler durch Schnur und Stock hindurch in den Fingern

zucken! Hans tat einen künstlichen Ruck und begann ganz vorsichtig zu

ziehen. Der Fisch saß, und als er sichtbar wurde, erkannte Hans ein

Rotauge. Man kennt sie gleich am breiten, weißgelblich schimmernden

Leib, am dreieckigen Kopf und namentlich an dem schönen, fleischroten

Ansatz der Bauchflossen. Wie schwer mochte er wohl sein? Aber ehe er es

schätzen konnte, tat der Fisch einen verzweifelten Schlag, wirbelte

angstvoll über die Wasserfläche und entkam. Man sah ihn noch, wie er

sich drei-, viermal im Wasser umdrehte und dann wie ein silberner Blitz

in die Tiefe verschwand. Er hatte schlecht gebissen.

In dem Angler war nun die Aufregung und leidenschaftliche Aufmerksamkeit

der Jagd erwacht. Sein Blick hing scharf und unverwandt an der dünnen

braunen Schnur, da wo sie das Wasser berührte, seine Backen waren

gerötet, seine Bewegungen knapp, rasch und sicher. Ein zweites Rotauge

biß an und kam heraus, dann ein kleiner Karpfen, für den es fast schade

war, dann hintereinander drei Kresser. Die Kresser freuten ihn

besonders, da der Vater sie gerne aß. Sie werden höchstens handlang,

haben einen fetten, kleinschuppigen Leib, dicken Kopf mit drolligem

weißen Bart, kleine Augen und einen schlanken Hinterleib. Die Farbe ist

zwischen grün und braun und spielt, wenn der Fisch ans Land kommt, ins

Stahlblaue.

Inzwischen war die Sonne hochgestiegen, der Schaum am obern Wehr

leuchtete schneeweiß, über dem Wasser zitterte die warme Luft und wenn

man aufblickte, sah man über dem Muckberg ein paar handgroße, blendende

Wölkchen stehen. Es wurde heiß. Nichts bringt die Wärme eines reinen

Hochsommertages so zum Ausdruck wie die paar ruhigen kleinen Wölkchen,

die still und weiß in halber Höhe der Bläue stehen und so mit Licht

gefüllt und durchtränkt sind, daß man sie nicht lange ansehen kann. Ohne

sie würde man oft gar nicht merken, wie heiß es ist, nicht am blauen

Himmel noch am Glitzern des Flußspiegels, aber sobald man die paar

schaumweißen, festgeballten Mittagssegler sieht, spürt man plötzlich die

Sonne brennen, sucht den Schatten und fährt sich mit der Hand über die

feuchte Stirn.

Hans achtete allmählich weniger streng auf die Angel. Er war ein wenig

müde und sowieso pflegt man gegen Mittag fast nichts zu fangen. Die

Weißfische, auch die ältesten und größten, kommen um diese Zeit nach

oben, um sich zu sonnen. Sie schwimmen träumerisch in großen dunklen

Zügen flußaufwärts, dicht an der Oberfläche, erschrecken zuweilen

plötzlich ohne sichtbare Ursache und gehen in diesen Stunden an keine

Angel.

Er ließ die Schnur über einen Zweig der Weide hinweg ins Wasser hängen,

setzte sich auf den Boden und schaute auf den grünen Fluß. Langsam kamen

die Fische nach oben, ein dunkler Rücken um den andern erschien auf der

Fläche -- stille, langsam schwimmende, von der Wärme emporgelockte und

bezauberte Züge. Denen konnte im warmen Wasser wohl sein! Hans zog die

Stiefel aus und ließ die Füße ins Wasser hängen, das an der Oberfläche

ganz lau war. Er betrachtete die gefangenen Fische, die regungslos in

einer großen Gießkanne schwammen und nur hin und wieder leise

plätscherten. Wie schön sie waren! Weiß, Braun, Grün, Silber, Mattgold,

Blau und andere Farben glänzten bei jeder Bewegung an den Schuppen und

Flossen.

Es war sehr still. Kaum hörte man das Geräusch der über die Brücke

fahrenden Wagen, auch das Klappern der Mühle war hier nur noch ganz

schwach vernehmbar. Nur das stetige milde Rauschen des weißen Wehrs

klang ruhig, kühl und schläfernd herab und an den Floßpfählen der leise,

quirlende Laut des ziehenden Wassers.

Griechisch und Latein, Grammatik und Stilistik, Rechnen und Memorieren

und der ganze folternde Trubel eines langen, ruhelosen, gehetzten Jahres

sanken still in der schläfernd warmen Stunde unter. Hans hatte ein wenig

Kopfweh, aber lang nicht so stark wie sonst, und nun konnte er ja wieder

am Wasser sitzen, sah den Schaum am Wehr zerstäuben, blinzelte nach der

Angelschnur, und neben ihm schwammen in der Kanne die gefangenen Fische.

Das war so köstlich. Zwischendurch fiel ihm plötzlich ein, daß er das

Landexamen bestanden habe und Zweiter geworden sei, da klatschte er mit

den nackten Füßen ins Wasser, steckte beide Hände in die Hosentaschen

und fing an, eine Melodie zu pfeifen. Richtig und eigentlich pfeifen

konnte er zwar nicht, das war ein alter Kummer und hatte ihm von den

Schulkameraden schon Spott genug eingetragen. Er konnte es nur durch die

Zähne und nur leise, aber für den Hausbrauch genügte das und jetzt

konnte ihn ja keiner hören. Die andern saßen jetzt in der Schule und

hatten Geographie, nur er allein war frei und entlassen. Er hatte sie

überholt, sie standen jetzt unter ihm. Sie hatten ihn genug geplagt,

weil er außer August keine Freundschaften und an ihren Raufereien und

Spielen keine rechte Freude gehabt hatte. So, nun konnten sie ihm

nachsehen, die Dackel, die Dickköpfe. Er verachtete sie so sehr, daß er

einen Augenblick zu pfeifen aufhörte, um den Mund zu verziehen. Dann

rollte er seine Schnur auf und mußte lachen, denn es war auch keine

Faser vom Köder mehr am Haken. Die in der Schachtel übriggebliebenen

Heuschrecken wurden freigelassen und krochen betäubt und unlustig ins

kurze Gras. Nebenan in der Rotgerberei wurde schon Mittag gemacht; es

war Zeit zum Essen zu gehen.

Am Mittagstisch wurde kaum ein Wort gesprochen.

»Hast was gefangen?« fragte der Papa.

»Fünf Stück.«

»Ei so? Na, paß nur auf, daß du den Alten nicht fangst, sonst gibt's

nachher keine Jungen mehr.«

Weiter gedieh keine Unterhaltung. Es war so warm. Und es war so schade,

daß man nicht gleich nach dem Essen ins Bad durfte. Warum eigentlich? Es

sei schädlich! Hat sich was mit schädlich; Hans wußte das besser, er war

trotz des Verbots oft genug gegangen. Aber jetzt nimmer, er war für

Unarten doch schon zu erwachsen. Herr Gott, im Examen hatte man »Sie« zu

ihm gesagt!

Schließlich war es auch gar nicht schlecht, eine Stunde im Garten unter

der Rottanne zu liegen. Schatten gab es genug und man konnte lesen oder

den Schmetterlingen zusehen. So lag er denn dort bis zwei Uhr und wenig

fehlte, so wäre er eingeschlafen. Aber jetzt ins Bad! Nur ein paar

kleine Buben waren auf der Badwiese, die größern saßen alle in der

Schule und Hans gönnte es ihnen von Herzen. Schön langsam zog er die

Kleider ab und stieg ins Wasser. Er verstand es, Wärme und Kühlung

wechselnd zu genießen; bald schwamm er ein Stück und tauchte und

plätscherte, bald lag er bäuchlings am Ufer und fühlte auf der schnell

trocknenden Haut die Sonne glühen. Die kleinen Buben schlichen

respektvoll um ihn her. Ja wohl, er war eine Berühmtheit geworden. Und

er sah auch so anders aus als die übrigen. Auf dem dünnen, gebräunten

Halse saß frei und elegant der feine Kopf mit dem geistigen Gesicht und

den überlegenen Augen. Im übrigen war er sehr mager, schmalgliedrig und

zart, auf Brust und Rücken konnte man ihm die Rippen zählen, und Waden

hatte er fast gar keine.

Fast den ganzen Nachmittag trieb er sich zwischen Sonne und Wasser hin

und her. Nach vier Uhr kamen die meisten von seiner Klasse eilig und

lärmend dahergelaufen.

»Oha, Giebenrath! Du hast's jetzt gut.«

Unterm Rad · 第 4 / 12 题