Erstes Kapitel

Herr Joseph Giebenrath, Zwischenhändler und Agent, zeichnete sich durch

keinerlei Vorzüge oder Eigenheiten vor seinen Mitbürgern aus. Er besaß

gleich ihnen eine breite, gesunde Figur, eine leidliche kommerzielle

Begabung, verbunden mit einer aufrichtigen, herzlichen Verehrung des

Geldes, ferner ein kleines Wohnhaus mit Gärtchen, ein Familiengrab auf

dem Friedhof, eine etwas aufgeklärte und fadenscheinig gewordene

Kirchlichkeit, angemessenen Respekt vor Gott und der Obrigkeit und

blinde Unterwürfigkeit gegen die ehernen Gebote der bürgerlichen

Wohlanständigkeit. Er trank manchen Schoppen, war aber niemals

betrunken. Er unternahm nebenher manche nicht einwandfreie Geschäfte,

aber er führte sie nie über die Grenzen des formell Erlaubten hinaus. Er

schimpfte ärmere Leute Hungerleider, reichere Leute Protzen. Er war

Mitglied des Bürgervereins und beteiligte sich jeden Freitag am

Kegelschieben im »Adler«, ferner an jedem Backtag sowie an den Voressen

und Metzelsuppen. Er rauchte zur Arbeit billige Zigarren, nach Tisch und

Sonntags eine feinere Sorte.

Sein inneres Leben war das des Philisters. Was er etwa an Gemüt besaß,

war längst staubig geworden und bestand aus wenig mehr als einem

traditionellen, barschen Familiensinn, einem Stolz auf seinen eigenen

Sohn und einer gelegentlichen Schenklaune gegen Arme. Seine geistigen

Fähigkeiten gingen nicht über eine angeborene, streng abgegrenzte

Schlauheit und Rechenkunst hinaus. Seine Lektüre beschränkte sich auf

die Zeitung, und um seinen Bedarf an Kunstgenüssen zu decken, war die

jährliche Liebhaberaufführung des Bürgervereins und zwischenhinein der

Besuch eines Zirkus hinreichend.

Er hätte mit jedem beliebigen Nachbarn Namen und Wohnung vertauschen

können, ohne daß irgend etwas anders geworden wäre. Auch das Tiefste

seiner Seele, das schlummerlose Mißtrauen gegen jede überlegene Kraft

und Persönlichkeit und die instinktive, aus Neid erwachsene

Feindseligkeit gegen alles Unalltägliche, Freiere, Feinere, Geistige

teilte er mit sämtlichen übrigen Hausvätern der Stadt.

Genug von ihm. Nur ein tiefer Ironiker wäre der Darstellung dieses

flachen Lebens und seiner unbewußten Tragik gewachsen. Aber dieser Mann

hatte einen einzigen Knaben, und von dem ist zu reden.

Hans Giebenrath war ohne Zweifel ein begabtes Kind; es genügte, ihn

anzusehen, wie fein und abgesondert er zwischen den andern herumlief.

Das kleine Schwarzwaldnest zeitigte sonst keine solchen Figuren, es war

von dort nie ein Mensch ausgegangen, der einen Blick und eine Wirkung

über das Engste hinaus gehabt hätte. Gott weiß, wo der Knabe die

ernsthaften Augen und die gescheite Stirn und das Feine im Gang her

hatte. Vielleicht von der Mutter? Sie war seit Jahren tot und man hatte

zu ihren Lebzeiten nichts Auffallendes an ihr bemerkt, als daß sie ewig

kränklich und bekümmert gewesen war. Der Vater kam nicht in Betracht.

Also war wirklich einmal der geheimnisvolle Funke von oben in das alte

Nest gesprungen, das in seinen acht bis neun Jahrhunderten so viele

tüchtige Bürger, aber noch nie ein Talent oder Genie hervorgebracht

hatte.

Ein feiner und modern geschulter Beobachter hätte, sich an die

schwächliche Mutter und an das stattliche Alter der Familie erinnernd,

von Hypertrophie der Intelligenz als Symptom einer einsetzenden

Degeneration sprechen können. Aber die Stadt war so glücklich, keine

Leute von dieser Sorte zu beherbergen, und nur die Jüngeren und

Schlaueren unter den Beamten und Schulmeistern hatten von der Existenz

des »modernen Menschen« durch Zeitschriftenartikel eine unsichere Kunde.

Man konnte dort noch leben und gebildet sein, ohne die Reden

Zarathustras zu kennen; die Ehen waren solid und oft glücklich und das

ganze Leben hatte einen unheilbar altmodischen Habitus. Die

warmgesessenen, wohlhabenden Bürger, von denen in den letzten zwanzig

Jahren manche aus Handwerkern zu Fabrikanten geworden waren, nahmen zwar

vor den Beamten die Hüte ab und suchten ihren Umgang, unter sich nannten

sie sie aber Hungerleider und Schreibersknechte. Seltsamerweise kannten

sie trotzdem keinen höheren Ehrgeiz als den, ihre Söhne womöglich

studieren und Beamte werden zu lassen. Leider blieb dies so gut wie

immer ein schöner, unerfüllter Traum, denn der Nachwuchs kam zumeist

schon durch die Lateinschule nur mit großem Ächzen und wiederholtem

Sitzenbleiben hindurch.

Über Hans Giebenraths Begabung gab es keinen Zweifel. Die Lehrer, der

Rektor, die Nachbarn, der Stadtpfarrer, die Mitschüler und jedermann gab

zu, der Bub sei ein feiner Kopf und überhaupt etwas Besonderes. Damit

war seine Zukunft bestimmt und festgelegt. Denn in schwäbischen Landen

gibt es für begabte Knaben, ihre Eltern müßten denn reich sein, nur

einen einzigen schmalen Pfad: durchs Landexamen ins Seminar, von da ins

Tübinger Stift und von dort entweder auf die Kanzel oder aufs Katheder.

Jahr für Jahr betreten drei bis vier Dutzend Landessöhne diesen stillen,

sicheren Weg, magere, überarbeitete Neukonfirmierte, durchlaufen auf

Staatskosten die verschiedenen Gebiete des humanistischen Wissens und

treten acht oder neun Jahre später den zweiten, meist längeren Teil

ihres Lebensweges an, auf welchem sie dem Staate die erlittenen

Wohltaten heimbezahlen sollen.

In wenigen Wochen sollte das »Landexamen« wieder stattfinden. So heißt

die jährliche Hekatombe, bei welcher »der Staat« die geistige Blüte des

Landes auswählt und während deren Dauer aus Städtchen und Dörfern

Seufzer, Gebete und Wünsche zahlreicher Familien sich nach der

Hauptstadt richten, in deren Schoß die Prüfung vor sich geht.

Hans Giebenrath war der einzige Kandidat, den das Städtlein zum

peinlichen Wettbewerb zu entsenden dachte. Die Ehre war groß, doch hatte

er sie keineswegs umsonst. An die Schulstunden, die täglich bis vier Uhr

dauerten, schloß sich die griechische Extralektion beim Rektor an, um

sechs war dann der Herr Stadtpfarrer so freundlich, eine

Repetitionsstunde in Latein und Religion zu geben, und zweimal in der

Woche fand nach dem Abendessen noch eine einstündige Unterweisung beim

Mathematiklehrer statt. Im Griechischen wurde nächst den unregelmäßigen

Zeitwörtern hauptsächlich auf die in den Partikeln auszudrückende

Mannigfaltigkeit der Satzverknüpfungen Wert gelegt, im Latein galt es

klar und knapp im Stil zu sein und namentlich die vielen prosodischen

Feinheiten zu kennen, in der Mathematik wurde der Hauptnachdruck auf

komplizierte Schlußrechnungen gelegt. Dieselben seien, wie der Lehrer

häufig betonte, zwar scheinbar ohne Wert fürs spätere Studium und Leben,

jedoch eben nur scheinbar. In Wirklichkeit waren sie sehr wichtig, ja

wichtiger als manche Hauptfächer, denn sie bilden die logischen

Fähigkeiten aus und sind die Grundlage alles klaren, nüchternen und

erfolgreichen Denkens.

Damit jedoch keine geistige Überlastung eintrete und damit nicht etwa

über den Verstandesübungen das Gemüt vergessen werde und verdorre,

durfte Hans jeden Morgen, eine Stunde vor Schulbeginn, den

Konfirmandenunterricht besuchen, wo aus dem Brenzischen Katechismus und

aus dem anregenden Auswendiglernen und Aufsagen der Fragen und Antworten

ein erfrischender Hauch religiösen Lebens in die jugendlichen Seelen

drang. Leider verkümmerte er sich diese erquickenden Stunden selbst und

beraubte sich ihres Segens. Er legte nämlich heimlicherweise

beschriebene Zettel in seinen Katechismus, griechische und lateinische

Vokabeln oder Übungsstücke, und beschäftigte sich fast die ganze Stunde

mit diesen weltlichen Wissenschaften. Doch war immerhin sein Gewissen

nicht so abgestumpft, daß er dabei nicht fortwährend eine peinliche

Unsicherheit und ein leises Angstgefühl empfunden hätte. Wenn der Dekan

in seine Nähe trat oder gar seinen Namen rief, zuckte er jedesmal scheu

zusammen, und wenn er eine Antwort geben mußte, hatte er Schweiß auf der

Stirn und Herzklopfen. Die Antworten aber waren tadellos richtig, auch

in der Aussprache, und darauf gab der Dekan sehr viel.

Die Aufgaben, zum Schreiben oder zum Auswendiglernen, zum Repetieren und

Präparieren, die sich tagsüber von Lektion zu Lektion ansammelten,

konnten dann am spätern Abend bei traulichem Lampenlicht zu Hause

erledigt werden. Dieses stille, vom häuslichen Frieden segensreich

umhegte Arbeiten, dem der Klassenlehrer eine besonders tiefe und

fördernde Wirkung zusprach, dauerte Dienstags und Samstags gewöhnlich

nur etwa bis zehn Uhr, sonst aber bis elf, bis zwölf und gelegentlich

noch darüber. Der Vater grollte ein wenig über den maßlosen Ölverbrauch,

sah dies Studieren aber doch mit wohlgefälligem Stolze an. Für etwaige

Mußestunden und für die Sonntage, die ja den siebenten Teil unseres

Lebens ausmachen, war die Lektüre einiger in der Schule nicht gelesener

Autoren und reichhaltiges Repetieren der Grammatik dringend empfohlen.

»Natürlich mit Maß, mit Maß! Ein, zweimal in der Woche spazierengehen

ist notwendig und tut Wunder. Bei schönem Wetter kann man ja auch ein

Buch mit ins Freie nehmen -- du wirst sehen, wie leicht und fröhlich es

sich in der frischen Luft draußen lernen läßt. Überhaupt Kopf hoch!«

Hans hielt also nach Möglichkeit den Kopf hoch, benützte von nun an auch

die Spaziergänge zum Lernen und lief still und verscheucht mit

übernächtigem Gesicht und blaurandigen, müden Augen herum.

»Was halten Sie von Giebenrath; er wird doch durchkommen?« sagte der

Klassenlehrer einmal zum Rektor.

»Er wird, er wird«, jauchzte der Rektor. »Das ist einer von den ganz

Gescheiten; sehen Sie ihn nur an, er sieht ja direkt vergeistigt aus.«

In den letzten acht Tagen war die Vergeistigung eklatant geworden. In

dem hübschen, zarten Knabengesicht brannten tiefliegende, unruhige Augen

mit trüber Glut, auf der schönen Stirn zuckten feine, Geist verratende

Falten, und die ohnehin dünnen und hageren Arme und Hände hingen mit

einer müden Grazie herab, die an Botticelli erinnerte.

Es war nun soweit. Morgen früh sollte er mit seinem Vater nach Stuttgart

fahren und dort im Landexamen zeigen, ob er würdig sei, durch die

schmale Klosterpforte des Seminars einzugehen. Eben hatte er seinen

Abschiedsbesuch beim Rektor gemacht.

»Heute abend«, sagte zum Schluß der gefürchtete Herrscher mit

ungewöhnlicher Milde, »darfst du nichts mehr arbeiten. Versprich es mir.

Du mußt morgen absolut frisch in Stuttgart antreten. Geh noch eine

Stunde spazieren und nachher beizeiten zu Bett. Junge Leute müssen ihren

Schlaf haben.«

Hans war erstaunt, statt der gefürchteten Menge von Ratschlägen so viel

Wohlwollen zu erleben, und trat aufatmend aus dem Schulhaus. Die großen

Kirchberglinden glänzten matt im heißen Sonnenlicht des Spätnachmittags,

auf dem Marktplatz plätscherten und blinkten beide großen Brunnen, über

die unregelmäßige Linie der Dächerflucht schauten die nahen,

blauschwarzen Tannenberge herein. Dem Buben war so, als hätte er das

alles schon eine lange Zeit nicht mehr gesehen, und es kam ihm alles

ungewöhnlich schön und verlockend vor. Zwar hatte er Kopfweh, aber heute

brauchte er ja nichts mehr zu lernen.

Langsam schlenderte er über den Marktplatz, am alten Rathaus vorüber,

durch die Marktgasse und an der Messerschmiede vorbei zur alten Brücke.

Dort bummelte er eine Weile auf und ab und setzte sich schließlich auf

die breite Brüstung. Wochen- und monatelang war er Tag für Tag seine

viermal hier vorbeigegangen und hatte keinen Blick für die kleine

gotische Brückenkapelle gehabt, noch für den Fluß, noch für die

Stellfalle, Wehr und Mühle, nicht einmal für die Badwiese und für die

weidenbestandenen Ufer, an denen ein Gerberplatz neben dem anderen lag,

wo der Fluß tief, grün und still wie ein See stand und wo die gebogenen,

spitzen Weidenäste bis ins Wasser hinabhingen.

Nun fiel ihm wieder ein, wieviel halbe und ganze Tage er hier verbracht,

wie oft er hier geschwommen und getaucht und gerudert und geangelt

hatte. Ach, das Angeln! Das hatte er nun auch fast verlernt und

vergessen, und im vergangenen Jahr hatte er so bitterlich geheult, als

es ihm verboten worden war, der Examensarbeit wegen. Das Angeln! Das war

doch das Schönste in all den langen Schuljahren gewesen. Das Stehen im

dünnen Weidenschatten, das nahe Rauschen der Mühlenwehre, das tiefe,

ruhige Wasser! Und das Lichterspiel auf dem Fluß, das sanfte Schwanken

der langen Angelrute, die Aufregung beim Anbeißen und Ziehen und die

eigentümliche Freude, wenn man einen kühlen, feisten, schwänzelnden

Fisch in der Hand hielt!

Er hatte doch manchen saftigen Karpfen herausgezogen, und Weißfische und

Barben, auch von den delikaten Schleien und von den kleinen, seltenen,

schönfarbigen Ellritzen. Lange blickte er über das Wasser, und beim

Anblick des ganzen grünen Flußwinkels wurde er nachdenklich und traurig

und fühlte die schönen, freien, verwilderten Knabenfreuden so weit

dahinten liegen. Mechanisch zog er ein Stück Brot aus der Tasche, formte

große und kleine Kugeln daraus, warf sie ins Wasser und beobachtete, wie

sie sanken und von den Fischen erschnappt wurden. Zuerst kamen die

winzigen Goldfallen und Blecken, fraßen die kleineren Stücke begierig

auf und stießen die großen mit hungrigen Schnauzen im Zickzack vor sich

her. Dann näherte sich langsam und vorsichtig ein größerer Weißfisch,

dessen dunkler, breiter Rücken sich schwach vom Grunde abhob, umsegelte

die Brotkugel bedächtig und ließ sie dann im plötzlich geöffneten,

runden Maul verschwinden. Vom trägfließenden Wasser kam ein feuchtwarmer

Duft herauf, ein paar helle Wolken spiegelten sich undeutlich in der

grünen Fläche, in der Mühle ächzte die Kreissäge und beide Wehre

rauschten kühl und tieftönig ineinander. Der Knabe dachte an den

Konfirmationssonntag, der kürzlich gewesen war und an dem er sich dabei

ertappt hatte, daß er mitten in der Feierlichkeit und Rührung innerlich

ein griechisches Verbum memorierte. Auch sonst war es ihm in letzter

Zeit oft so gegangen, daß er seine Gedanken untereinander brachte und

auch in der Schule statt an die vor ihm liegende Arbeit stets an die

vorhergegangene oder an eine spätere dachte. Das Examen konnte ja gut

werden!

Zerstreut erhob er sich von seinem Sitz und war unschlüssig, wohin er

gehen solle. Er erschrak heftig, als eine kräftige Hand ihn an der

Schulter faßte und eine freundliche Männerstimme ihn anredete.

»Grüß Gott, Hans, gehst ein Stück mit mir?«

Das war der Schuhmachermeister Flaig, bei dem er früher zuweilen eine

Abendstunde verbracht hatte, jetzt aber schon lang keine mehr. Hans ging

mit und hörte dem frommen Pietisten ohne rechte Aufmerksamkeit zu. Flaig

sprach vom Examen, wünschte dem Jungen Glück und sprach ihm Mut zu, der

Endzweck seiner Rede war aber, darauf hinzuweisen, daß so ein Examen

doch nur etwas Äußerliches und Zufälliges sei. Durchzufallen sei keine

Schande, das könne dem Besten passieren, und falls es ihm so gehen

sollte, möge er bedenken, daß Gott mit jeder Seele seine besondern

Absichten habe und sie eigene Wege führe.

Hans hatte dem Manne gegenüber kein ganz sauberes Gewissen. Er fühlte

eine Hochachtung für ihn und sein sicheres, imponierendes Wesen, dennoch

hatte er über die Stundenbrüder so viele Witze gehört und darüber

mitgelacht, oft gegen sein besseres Wissen; außerdem hatte er sich

seiner Feigheit zu schämen, denn seit einer gewissen Zeit mied er den

Schuster fast ängstlich, seiner scharfen Fragen wegen. Seit er der Stolz

seiner Lehrer und selber ein wenig hochmütig geworden war, hatte der

Meister Flaig ihn oft so komisch angesehen und zu demütigen versucht.

Darüber war dem wohlmeinenden Führer die Seele des Knaben allmählich

entglitten, denn Hans stand in der Blüte des Knabentrotzes und hatte

feine Fühler für jede unliebsame Berührung seines Selbstbewußtseins. Nun

schritt er neben dem Redenden hin und wußte nicht, wie besorgt und gütig

ihn dieser von oben beschaute.

In der Kronengasse begegneten sie dem Stadtpfarrer. Der Schuster grüßte

gemessen und kühl und hatte es plötzlich eilig, denn der Stadtpfarrer

war ein Neumodischer und stand im Ruf, er glaube nicht einmal an die

Auferstehung. Dieser nahm den Knaben mit sich.

»Wie geht's?« fragte er. »Du wirst froh sein, daß es jetzt so weit ist.«

»Ja, 's ist mir schon recht.«

»Nun, halte dich gut! Du weißt, daß wir alle Hoffnungen auf dich setzen.

Im Latein erwarte ich eine besondere Leistung von dir.«

»Wenn ich aber durchfalle«, meinte Hans schüchtern.

»Durchfallen?!« Der Geistliche blieb ganz erschrocken stehen.

»Durchfallen ist einfach unmöglich. Einfach unmöglich. Sind das

Gedanken!«

»Ich meine nur, es könnte ja doch sein ...«

»Es kann nicht, Hans, es kann nicht; darüber sei ganz beruhigt. Und nun

grüß mir deinen Papa und sei mutig!«

Hans sah ihm nach; dann schaute er sich nach dem Schuhmacher um. Was

hatte der doch gesagt? Aufs Latein käme es nicht so sehr an, wenn man

nur das Herz auf'm rechten Fleck habe und Gott fürchte. Der hatte gut

reden. Und nun noch der Stadtpfarrer. Vor dem konnte er sich überhaupt

nimmer sehen lassen, wenn er durchfiel.

Bedrückt schlich er nach Hause und in den kleinen, abschüssigen Garten.

Hier stand ein morsches, längst nicht mehr benutztes Gartenhäuschen;

darin hatte er seinerzeit einen Bretterstall gezimmert und drei Jahre

lang Kaninchen drin gehabt. Im vorigen Herbst waren sie ihm weggenommen

worden, des Examens wegen. Er hatte keine Zeit mehr für Zerstreuungen

gehabt.

Auch im Garten war er schon lang nimmer gewesen. Der leere Verschlag sah

baufällig aus, die Tropfsteingruppe in der Mauerecke war

zusammengefallen, das kleine, hölzerne Wasserrädchen lag verbogen und

zerbrochen neben der Wasserleitung. Er dachte an die Zeit, da er das

alles gebaut und geschnitzt und seine Freude daran gehabt hatte. Es war

auch schon zwei Jahre her -- eine ganze Ewigkeit. Er hob das Rädchen

auf, bog daran herum, zerbrach es vollends und warf es über den Zaun.

Fort mit dem Zeug, das war ja alles schon lang aus und vorbei. Dabei

fiel ihm sein Schulfreund August ein. Der hatte ihm geholfen das

Wasserrad zu bauen und den Hasenstall zu flicken. Nachmittage lang

hatten sie hier gespielt, mit der Schleuder geschossen, den Katzen

nachgestellt, Zelte gebaut und zum Vesper rohe gelbe Rüben gegessen.

Dann war aber die Streberei losgegangen und August war vor einem Jahr

aus der Schule getreten und Mechanikerlehrling geworden. Er hatte sich

seither nur noch zweimal gezeigt. Freilich, auch der hatte jetzt keine

Zeit mehr.

Wolkenschatten liefen eilig übers Tal, die Sonne stand schon nahe am

Bergrand. Einen Augenblick hatte der Knabe das Gefühl, er müsse sich

hinwerfen und heulen. Statt dessen holte er aus der Remise das Handbeil,

schwang es mit den schmächtigen Ärmlein durch die Luft und hieb den

Kaninchenstall in hundert Stücke. Die Latten flogen auseinander, die

Nägel bogen sich knirschend, ein wenig verfaultes Hasenfutter, noch vom

vorjährigen Sommer, kam zum Vorschein. Er hieb auf das alles los, als

könnte er damit sein Heimweh nach den Hasen und nach August und nach all

den alten Kindereien totschlagen.

»Na na na na na, was sind denn das für Sachen?« rief der Vater vom

Fenster her. »Was machst du da?«

»Brennholz.«

Weiter gab er keine Antwort, sondern warf das Beil weg, lief durch den

Hof auf die Gasse und dann am Ufer flußaufwärts. Draußen in der Nähe der

Brauerei standen zwei Flöße angebunden. Mit solchen war er früher oft

stundenweit flußab gefahren, an warmen Sommernachmittagen, vom Fahren

auf dem zwischen den Stämmen klatschenden Wasser zugleich erregt und

eingeschläfert. Er sprang auf die losen, schwimmenden Stämme hinüber,

legte sich auf einen Weidenhaufen und versuchte sich vorzustellen, das

Floß sei unterwegs, fahre bald rasch, bald zögernd an Wiesen, Äckern,

Dörfern und kühlen Waldrändern vorüber, unter Brücken und aufgezogenen

Stellfallen durch, und er liege darauf und alles wäre wieder wie sonst,

da er noch am Kapfberg Hasenfutter holte, in den Gerbergärten am Ufer

angelte und noch kein Kopfweh und keine Sorge hatte.

Müd und verdrossen kam er zum Nachtessen heim. Der Vater war wegen der

bevorstehenden Examensreise nach Stuttgart heillos aufgeregt und fragte

ein dutzendmal, ob die Bücher eingepackt seien, ob er den schwarzen

Anzug bereit gelegt habe, ob er nicht unterwegs noch in der Grammatik

lesen wolle, ob er sich wohl fühle. Hans gab kurze, bissige Antworten,

aß wenig und sagte bald Gutnacht.

»Gut Nacht, Hans. Schlaf nur gut! Also um sechs Uhr weck ich dich

morgen. Hast du auch den Lexikon nicht vergessen?« »Nein, ich hab >den<

Lexikon nicht vergessen. Gut Nacht!«

Auf seinem Stüblein saß er noch lang ohne Licht wach. Das war bis jetzt

der einzige Segen, den ihm die Examengeschichte gebracht hatte -- das

eigene kleine Zimmer, in dem er Herr war und nicht gestört wurde. Hier

hatte er im Kampf mit Ermüdung, Schlaf und Kopfweh lange Abendstunden

über Cäsar, Xenophon, Grammatiken, Wörterbüchern und mathematischen

Aufgaben verbrütet, zäh, trotzig und ehrgeizig, oft auch der

Verzweiflung nah. Hier hatte er aber auch die paar Stunden gehabt, die

ihm mehr wert waren als alle verlorenen Knabenlustbarkeiten, jene paar

traumhaft seltsamen Stunden voll Stolz und Rausch und Siegesmut, in

denen er sich über Schule, Examen und alles hinweg in einen Kreis

höherer Wesen hinübergeträumt und gesehnt hatte. Da hatte ihn eine

freche, selige Ahnung ergriffen, daß er wirklich etwas anderes und

Besseres sei als die dickbackigen, gutmütigen Kameraden und auf sie

vielleicht einmal aus entrückter Höhe überlegen herabsehen dürfe. Auch

jetzt atmete er auf, als sei in diesem Stüblein eine freiere und kühlere

Luft, setzte sich aufs Bett und verdämmerte ein paar Stunden in Träumen,

Wünschen und Ahnungen. Langsam fielen die hellen Lider ihm über die

großen, überarbeiteten Augen, öffneten sich nochmals, blinzelten und

fielen wieder herab, der blasse Knabenkopf sank auf die hagere Schulter,

die dünnen Arme streckten sich müde aus. Er war in den Kleidern

eingeschlafen, und die leise, mütterliche Hand des Schlummers ebnete die

Wogen in seinem unruhigen Kinderherzen und löschte die kleinen Falten

auf seiner hübschen Stirn.

* * * * *

Es war unerhört. Der Herr Rektor hatte sich, trotz der frühen Stunde,

selber auf den Bahnhof bemüht. Herr Giebenrath stak im schwarzen Gehrock

und konnte vor Aufregung, Freude und Stolz gar nicht stillstehen; er

trippelte nervös um den Rektor und um Hans herum, ließ sich vom

Stationsvorstand und von allen Bahnangestellten gute Reise und viel

Glück zu seines Sohnes Examen wünschen und hatte seinen kleinen, steifen

Koffer bald in der linken, bald in der rechten Hand. Den Regenschirm

hielt er einmal unter den Arm, dann wieder zwischen die Knie geklemmt,

ließ ihn einigemal fallen und stellte dann jedesmal den Koffer ab, um

ihn wieder aufheben zu können. Man hätte meinen sollen, er reise nach

Amerika und nicht mit Retourbillett nach Stuttgart. Der Sohn schien ganz

ruhig, doch würgte ihn die heimliche Angst in der Kehle.

Der Zug kam an und hielt, man stieg ein, der Rektor winkte mit der Hand,

der Vater zündete sich eine Zigarre an, unten verschwand im Tal die

Stadt und der Fluß. Die Reise war für beide eine Qual.

In Stuttgart lebte der Vater plötzlich auf und begann fröhlich,

leutselig und weltmännisch zu werden; ihn beseelte die Wonne des

Kleinstädters, der für ein paar Tage in die Residenz gekommen ist. Hans

aber wurde stiller und ängstlicher, eine tiefe Beklemmung ergriff ihn

beim Anblick der Stadt; die fremden Gesichter, die protzig hohen,

aufgedonnerten Häuser, die langen, ermüdenden Wege, die Pferdebahnen und

der Straßenlärm verschüchterten ihn und taten ihm weh. Man logierte bei

einer Tante und dort drückten die fremden Räume, die Freundlichkeit und

Gesprächigkeit der Tante, das lange zwecklose Herumsitzen und das ewige

aufmunternde Zureden des Vaters den Knaben vollends ganz zu Boden. Fremd

und verloren hockte er im Zimmer herum, und wenn er die ungewohnte

Umgebung, die Tante und ihre städtische Toilette, die großmustrige

Tapete, die Stutzuhr, die Bilder an der Wand oder durchs Fenster die

geräuschvolle Straße ansah, kam er sich ganz verraten vor und es schien

ihm dann, er sei schon eine Ewigkeit von Hause fort und habe alles

mühselig Gelernte einstweilen völlig vergessen.

Nachmittags hatte er nochmals die griechischen Partikeln durchnehmen

wollen, aber die Tante schlug einen Spaziergang vor. Einen Augenblick

tauchte vor Hansens innerem Blick etwas wie Wiesengrün und Waldgebrause

auf und er sagte freudig zu. Bald genug sah er aber, daß auch das

Spazierengehen hier in der großen Stadt eine andere Art von Vergnügen

sei als daheim.

Er ging allein mit der Tante, da der Papa in der Stadt Besuche machte.

Schon auf der Treppe ging das Elend los. Man begegnete im ersten

Stockwerk einer dicken, hoffärtig aussehenden Dame, vor welcher die

Tante einen Knix machte und die sofort mit großer Eloquenz zu plaudern

begann. Der Halt dauerte mehr als eine Viertelstunde. Hans stand

daneben, an das Treppengeländer gepreßt, wurde vom Hündlein der Dame

berochen und angegrollt und begriff undeutlich, daß man auch über ihn

spreche, denn die fremde Dicke blickte ihn wiederholt durch den Zwicker

von oben bis unten an. Kaum war man dann auf der Straße, so trat die

Tante in einen Laden und es dauerte eine gute Weile, bis sie wiederkam.

Inzwischen stand Hans schüchtern auf der Straße, wurde von

Vorübergehenden beiseite geschoben und von Gassenbuben verhöhnt. Als die

Tante aus dem Laden zurückkam, überreichte sie ihm eine Tafel Schokolade

und er bedankte sich höflich, obwohl er Schokolade nicht mochte. An der

nächsten Ecke bestieg man die Pferdebahn und nun ging es unter

beständigem Geklingel im überfüllten Wagen durch Straßen und wieder

Straßen, bis man endlich eine große Allee und Gartenanlage erreichte.

Dort lief ein Springbrunnen, blühten umzäunte Zierbeete und schwammen

Goldfische in einem kleinen künstlichen Weiher. Man wandelte auf und ab,

hin und her und im Kreise, zwischen einem Schwarm von andern

Spaziergängern, und sah eine Menge von Gesichtern, eleganten und anderen

Kleidern, Fahrrädern, Krankenfahrstühlen und Kinderwagen, hörte ein

Gewirre von Stimmen und atmete eine warme, staubige Luft. Zum Schluß

nahm man auf einer Bank neben anderen Leuten Platz. Die Tante hatte fast

die ganze Zeit drauflosgesprochen, nun seufzte sie, lächelte den Knaben

liebevoll an und forderte ihn auf, jetzt seine Schokolade zu essen. Er

wollte nicht.

»Lieber Gott, du wirst dich doch nicht genieren? Nein, iß nur, iß!«

Da zog er sein Täfelchen heraus, zerrte eine Weile am Silberpapier und

biß schließlich ein ganz kleines Stückchen ab. Schokolade mochte er nun

einmal ums Leben nicht, aber er wagte es der Tante nicht zu sagen.

Während er noch an dem Bissen sog und würgte, hatte die Tante einen

Bekannten unter der Menge entdeckt und stürmte davon.

»Bleib nur hier sitzen, ich bin gleich wieder da.«

Hans benützte aufatmend die Gelegenheit und schleuderte seine Schokolade

weit weg in den Rasen. Dann schlenkerte er die Beine im Takt, starrte

die vielen Leute an und kam sich unglücklich vor. Am Ende begann er

wieder einmal die Unregelmäßigen herzusagen, aber zu seinem tödlichen

Schrecken wußte er fast nichts mehr. Alles rein vergessen! Und morgen

war Landexamen.

Die Tante kam zurück und hatte inzwischen in Erfahrung gebracht, es gebe

dies Jahr einhundertundachtzehn Kandidaten zum Landexamen. Bestehen

konnten aber nur sechsunddreißig. Da fiel dem Knaben das Herz vollends

in die Hosen und er sprach auf dem ganzen Heimweg kein Wort mehr. Zu

Haus bekam er Kopfweh, wollte wieder nichts essen und war so desperat,

daß der Vater ihn tüchtig ausschalt und daß ihn sogar die Tante

unausstehlich fand. In der Nacht schlief er schwer und tief,

von scheußlichen Traumszenen verfolgt. Er sah sich mit den

einhundertundsiebzehn Kameraden im Examen sitzen, der Prüfende sah bald

dem Stadtpfarrer zu Hause, bald der Tante ähnlich und häufte vor ihm

Berge von Schokolade auf, die er essen sollte. Und während er unter

Tränen aß, sah er die übrigen einen um den andern aufstehen und durch

eine kleine Türe verschwinden. Alle hatten ihren Berg gegessen, seiner

aber wurde unter seinen Augen größer und größer, quoll über Tisch und

Bank und schien ihn ersticken zu wollen.

Am folgenden Morgen, während Hans Kaffee trank und die Uhr nicht aus den

Augen ließ, um ja nicht zu spät in die Prüfung zu kommen, wurde seiner

im Heimatstädtchen von vielen gedacht. Zuerst vom Schuhmacher Flaig; der

sprach vor der Morgensuppe sein Gebet, die Familie samt den Gesellen und

beiden Lehrlingen stand im Kreis um den Tisch, und seinem gewöhnlichen

Frühgebet fügte der Meister heute die Worte bei: »O Herr, halte deine

Hand auch über den Schüler Hans Giebenrath, der heute ins Examen tritt,

segne und stärke ihn und laß ihn einmal einen rechten und wackeren

Verkündiger deines göttlichen Namens werden!«

Der Stadtpfarrer betete zwar nicht für ihn, sagte aber beim Frühstück zu

seiner Frau: »Jetzt geht der Giebenrathle ins Examen. Aus dem wird noch

was Besonderes; man wird schon auf ihn aufmerksam werden und dann

schadet es nichts, daß ich ihm mit den Lateinstunden beigesprungen bin.«

Der Klassenlehrer, ehe er die Stunde begann, sagte zu seinen Schülern:

»So, jetzt fängt in Stuttgart das Landexamen an und wir wollen dem

Giebenrath alles Gute wünschen. Nötig hat er's zwar nicht, denn von

solchen Faulpelzen, wie ihr seid, steckt er seine zehn in den Sack.« Und

auch die Schüler dachten nun fast alle an den Abwesenden, namentlich

aber die vielen, die auf sein Durchkommen oder Durchfallen untereinander

Wetten abgeschlossen hatten.

Und da denn herzliche Fürbitte und innige Teilnahme mit Leichtigkeit

über große Strecken hinweg in die Ferne wirken, bekam auch Hans es zu

spüren, daß man zu Hause an ihn dachte. Zwar ging er mit Herzklopfen,

von seinem Vater begleitet, in den Prüfungssaal, folgte scheu und

erschrocken den Anweisungen des Famulus und schaute sich in dem großen,

von blassen Knaben erfüllten Raume um wie ein Verbrecher in der

Folterkammer. Als aber der Professor gekommen war, Ruhe gebot und den

Text zur lateinischen Stilübung diktierte, fand Hans aufatmend dieselbe

lächerlich leicht. Rasch und fast fröhlich machte er sein Konzept,

schrieb es dann bedächtig und sauber ins reine und war einer von den

ersten, die ihre Arbeit ablieferten. Zwar verfehlte er darauf den Weg

zum Haus der Tante und irrte zwei Stunden in den heißen Stadtstraßen

umher, doch störte ihm das sein wiedergefundenes Gleichgewicht nicht

erheblich; er war sogar froh, der Tante und dem Vater noch für eine

Weile zu entrinnen und kam sich, durch die fremden, lärmigen

Residenzstraßen wandernd, wie ein waghalsiger Abenteurer vor. Als er

sich endlich mit Mühe durchgefragt und heimgefunden hatte, wurde er mit

Fragen bestürmt.

»Wie ist's gegangen? Wie ist's gewesen? Hast du dein Sach gekonnt?«

»Leicht ist's gewesen,« sagte er stolz, »das hätt' ich in der fünften

Klasse schon übersetzen können.«

Und er aß mit redlichem Hunger.

Den Nachmittag hatte er frei. Der Papa schleppte ihn bei einigen

Verwandten und Freunden herum. Bei einem derselben fanden sie einen

schwarz gekleideten, schüchternen Buben, der von Göppingen hergekommen

war, ebenfalls um das Landexamen zu machen. Die Knaben blieben sich

selbst überlassen und sahen einander scheu und neugierig an.

»Wie ist dir die lateinische Arbeit vorgekommen? Leicht, nicht wahr?«

fragte Hans.

»Riesig leicht. Aber das ist gerade der Kasus, in leichten Arbeiten

macht man die meisten Schnitzer. Man paßt nicht auf. Und verborgene

Fallen werden schon auch drin gewesen sein.«

»Meinst du?«

»Natürlich. So dumm sind die Herren nicht.«

Hans erschrak ein wenig und wurde nachdenklich. Dann fragte er zaghaft:

»Hast du den Text noch da?«

Der andere brachte sein Heft und nun nahmen sie zusammen die ganze

Arbeit durch, Wort für Wort. Der Göppinger schien ein raffinierter

Lateiner zu sein, wenigstens brauchte er zweimal grammatikalische

Bezeichnungen, die Hans überhaupt noch nie gehört hatte.

»Und was kommt wohl morgen dran?«

»Griechisch und Aufsatz.«

Dann erkundigte sich der Göppinger, wieviel Examinanden aus Hansens

Schule gekommen seien.

»Keiner,« sagte Hans, »bloß ich.«

»Au, wir Göppinger sind zu zwölft! Drei ganz Gescheite sind dabei, von

denen erwartet man, daß sie unter die Ersten kommen. Voriges Jahr war

der Primus auch ein Göppinger. -- Gehst du aufs Gymnasium, falls du

durchfällst?«

Davon war noch gar nie die Rede gewesen.

»Ich weiß nicht ... Nein, ich glaube nicht.«

»So? Ich studiere auf alle Fälle, auch wenn ich jetzt durchfalle. Dann

läßt mich meine Mutter nach Ulm.«

Das imponierte Hans gewaltig. Auch die zwölf Göppinger mit den drei ganz

Gescheiten machten ihm Angst. Da konnte er sich ja nimmer sehen lassen.

Zu Hause setzte er sich hin und nahm die Verba auf ^mi^ noch einmal

durch. Aufs Lateinische hatte er gar keine Angst gehabt, da fühlte er

sich sicher. Aber mit dem Griechischen ging es ihm eigentümlich. Er

hatte es gern, er schwärmte fast dafür, aber nur fürs Lesen. Namentlich

Xenophon war so schön und beweglich und frisch geschrieben, alles klang

heiter, hübsch und kräftig und hatte einen flotten, freien Geist, auch

war alles leicht zu verstehen. Aber sobald es an die Grammatik ging,

oder vom Deutschen ins Griechische übersetzt werden mußte, fühlte er

sich in ein Labyrinth von widerstreitenden Regeln und Formen verirrt und

empfand vor der fremden Sprache fast dieselbe angstvolle Scheu wie

seinerzeit in der ersten Lektion, als er noch nicht einmal das

griechische Alphabet lesen konnte.

Am andern Tage kam richtig Griechisch an die Reihe und nachher deutscher

Aufsatz. Die griechische Arbeit war ziemlich lang und gar nicht leicht,

das Aufsatzthema war heikel und konnte mißverstanden werden. Von zehn

Uhr an wurde es schwül und heiß im Saal. Hans hatte keine gute

Schreibfeder und verdarb zwei Bogen Papier, bis die griechische Arbeit

ins reine geschrieben war. Beim Aufsatz kam er in die größte Not durch

einen dreisten Nebensitzer, der ihm ein Blatt Papier mit einer Frage

zuschob und ihn durch Rippenstöße zum Antworten drängte. Der Verkehr mit

den Banknachbarn war aufs allerstrengste verboten und zog unerbittlich

den Ausschluß vom Examen nach sich. Zitternd vor Furcht schrieb er auf

den Zettel: »Laß mich in Ruhe« und wandte dem Frager den Rücken. Es war

auch so heiß. Sogar der Aufsichtsprofessor, der beharrlich und

gleichmäßig den Saal abschritt und keinen Augenblick ruhte, fuhr sich

mehrmals mit dem Sacktuch übers Gesicht. Hans schwitzte in seinem dicken

Konfirmationsanzug, bekam Kopfweh und gab schließlich seine Bogen ganz

unglücklich ab, mit dem Gefühl, sie stecken voller Fehler und mit dem

Examen sei es nun wohl fertig.

Bei Tisch sagte er kein Wort, sondern zuckte auf alle Fragen nur die

Achseln und machte ein Gesicht wie ein Delinquent. Die Tante tröstete,

aber der Vater regte sich auf und wurde ungemütlich. Nach dem Essen nahm

er den Buben mit ins Nebenzimmer und suchte ihn nochmals auszufragen.

»Schlecht ist's gegangen«, sagte Hans.

»Warum hast du nicht aufgepaßt? Man kann sich doch auch zusammennehmen,

zum Teufel.«

Hans schwieg und als der Vater anfing zu schimpfen, wurde er rot und

sagte: »Du verstehst doch nichts vom Griechischen!«

Das schlimmste war, daß er um zwei Uhr ins Mündliche mußte. Davor graute

ihm am meisten. Unterwegs auf der glühend heißen Stadtstraße wurde ihm

ganz elend und er konnte vor Leid und Angst und Schwindel kaum mehr aus

den Augen sehen.

Zehn Minuten lang saß er vor drei Herren an einem großen grünen Tisch,

übersetzte ein paar lateinische Sätze und gab auf die gestellten Fragen

Antwort. Zehn Minuten saß er dann vor drei anderen Herren, übersetzte

Griechisch und wurde wieder allerlei gefragt. Zum Schluß wollte man

einen unregelmäßig gebildeten Aorist von ihm wissen, aber er gab keine

Antwort.

»Sie können gehen, dort, die Türe rechts.«

Er ging, aber in der Türe fiel ihm nun doch der Aorist noch ein. Er

blieb stehen.

»Gehen Sie,« rief man ihm zu, »gehen Sie! Oder sind Sie etwa unwohl?«

»Nein, aber der Aorist ist mir jetzt eingefallen.«

Er rief ihn ins Zimmer hinein, sah einen der Herren lachen und stürzte

mit brennendem Kopf davon. Dann versuchte er sich auf die Fragen und auf

seine Antworten zu besinnen, aber alles ging ihm durcheinander. Er sah

nur immer wieder die große, grüne Tischfläche, die drei alten, ernsten

Herren in Gehröcken, das aufgeschlagene Buch und seine zitternd

daraufgelegte Hand. Herrgott, was mochte er für Antworten gegeben haben!

Als er durch die Straßen schritt, kam es ihm vor, als sei er schon

wochenlang hier und könne nie mehr wegkommen. Wie etwas sehr weit

Entferntes, vor langer Zeit einmal Gesehenes erschien ihm das Bild des

väterlichen Gartens, die tannenblauen Berge, die Angelplätze am Fluß. O,

wenn er heut noch heimreisen dürfte! Es hatte doch keinen Wert mehr

dazubleiben, das Examen war jedenfalls verpfuscht.

Er kaufte sich einen Milchwecken und trieb sich den ganzen geschlagenen

Nachmittag sträßlings herum, um nur dem Vater nicht Rede stehen zu

müssen. Als er endlich heimkam, war man in Sorge um ihn gewesen, und da

er erschöpft und elend aussah, gab man ihm eine Eiersuppe und schickte

ihn ins Bett. Morgen kam noch Rechnen und Religion daran, dann konnte er

wieder abreisen.

Es ging am folgenden Vormittag ganz gut. Hans empfand es als bittere

Ironie, daß ihm heute alles gelang, nachdem er gestern in den

Hauptfächern so Pech gehabt hatte. Einerlei, jetzt nur fort, nach Hause!

»Das Examen ist aus, jetzt können wir heimreisen«, meldete er bei der

Tante.

Sein Vater wollte heute noch dableiben. Man wollte nach Kannstatt fahren

und dort im Kurgarten Kaffee trinken. Hans bat aber so flehentlich, daß

der Vater ihm erlaubte, schon heute allein abzureisen. Er wurde auf den

Zug gebracht, erhielt sein Billett, bekam von der Tante einen Kuß und

etwas zu essen mit und fuhr nun erschöpft und gedankenlos durch das

grüne Hügelland heimwärts. Erst als die blauschwarzen Tannenberge

auftauchten, kam ein Gefühl von Freude und Erlösung über den Knaben. Er

freute sich auf die alte Magd, auf sein Stübchen, auf den Rektor, auf

das gewohnte niedere Schulzimmer und auf alles.

Zum Glück waren keine neugierigen Bekannten auf dem Bahnhof und er

konnte mit seinem Paketchen unbemerkt nach Hause eilen.

»Ist's schön gewest in Stuttgart?« fragte die alte Anna.

»Schön? Ja meinst du denn, ein Examen sei was Schönes? Ich bin bloß

froh, daß ich wieder da bin. Der Vater kommt erst morgen.«

Er trank einen Napf frische Milch, holte die vorm Fenster hängende

Badehose herein und lief davon, aber nicht zu der Wiese, wo alle anderen

ihren Badeplatz hatten.

Er ging weit vor die Stadt hinaus zur »Waage«, wo das Wasser tief und

langsam zwischen hohem Gebüsch dahinfließt. Dort entkleidete er sich,

steckte die Hand und darauf den Fuß tastend ins kühle Wasser, schauderte

ein wenig und warf sich dann mit schnellem Sturz in den Fluß. Langsam

gegen die schwache Strömung schwimmend, fühlte er Schweiß und Angst

dieser letzten Tage von sich gleiten, und während seinen schmächtigen

Leib der Fluß kühlend umarmte, nahm seine Seele mit neuer Lust von der

schönen Heimat Besitz. Er schwamm rascher, ruhte, schwamm wieder und

fühlte sich von einer wohligen Kühle und Müdigkeit umfangen. Auf dem

Rücken liegend, ließ er sich wieder flußab treiben, horchte auf das

feine Summen der in goldigen Kreisen schwärmenden Abendfliegen, sah den

Späthimmel von kleinen, raschen Schwalben durchschnitten und von der

schon verschwundenen Sonne hinter den Bergen hervor rosig beglänzt. Als

er wieder in den Kleidern war und träumerisch nach Hause schlenderte,

war das Tal schon voll Schatten.

Er kam am Garten des Händlers Sackmann vorbei, in dem er noch als ganz

kleiner Bub einmal mit ein paar andern unreife Pflaumen gestohlen hatte.

Und am Kirchnerschen Zimmerplatz, wo die weißen Tannenbalken herumlagen,

unter denen er früher immer Regenwürmer zum Angeln gefunden hatte. Er

kam auch am Häuschen des Inspektors Geßlers vorüber, dessen Tochter Emma

er vor zwei Jahren auf dem Eis so gern den Hof gemacht hätte. Sie war

das zierlichste und eleganteste Schulmädel der Stadt gewesen, gleich alt

wie er, und er hatte damals eine Zeitlang nichts so sehnlich gewünscht,

als einmal mit ihr zu reden oder ihr die Hand zu geben. Es war nie dazu

gekommen, er hatte sich zu sehr geniert. Seither war sie in eine Pension

geschickt worden und er wußte kaum mehr, wie sie aussah. Doch fielen

diese Bubengeschichten ihm jetzt wieder ein, wie aus weitester Ferne

her, und sie hatten so starke Farben und einen so seltsam ahnungsvollen

Duft, wie nichts von allem seither Erlebten. Das waren noch Zeiten

gewesen, als man abends bei Nascholds Liese im Torweg saß, Kartoffeln

schälte und Geschichten anhörte, als man Sonntags in aller Frühe mit

hochgekrempelten Hosen und schlechtem Gewissen beim untern Wehr ins

Krebsen oder auf den Goldfallenfang gegangen war, um nachher in

durchnäßten Sonntagskleidern vom Vater Prügel zu bekommen! Es hatte

damals so viel rätselhafte und seltsame Dinge und Leute gegeben, an die

er nun schon lange gar nimmer gedacht hatte! Der Schuhmächerle mit dem

krummen Hals, der Strohmeyer, von dem man sicher wußte, daß er sein Weib

vergiftet hatte, und der abenteuerliche »Herr Beck«, der mit Stecken und

Schnappsack das ganze Oberamt durchstrich und zu dem man Herr sagte,

weil er früher ein reicher Mann gewesen war und vier Pferde samt

Equipage besessen hatte. Hans wußte von ihnen nichts mehr als die Namen

und empfand dunkel, daß diese obskure, kleine Gassenwelt ihm verloren

gegangen war, ohne daß etwas Lebendiges und Erlebenswertes statt dessen

gekommen wäre.

Da er für den folgenden Tag noch Urlaub hatte, schlief er morgens in den

Tag hinein und genoß seine Freiheit. Mittags holte er den Vater ab, der

noch von allen den Stuttgarter Genüssen selig erfüllt war.

»Wenn du bestanden hast, darfst du dir etwas wünschen«, sagte er

gutgelaunt. »Überleg' dir's!«

»Nein, nein,« seufzte der Knabe, »ich bin sicher durchgefallen.«

»Dummes Zeug, was wirst du auch! Wünsch' dir lieber was, eh's mich

reut.«

»Angeln möcht' ich in den Ferien wieder. Darf ich?«

»Gut, du darfst, wenn's Examen bestanden ist.«

Am nächsten Tage, einem Sonntag, ging ein Gewitter und Platzregen nieder

und Hans saß stundenlang lesend und nachdenkend in seiner Stube. Er

überdachte seine Stuttgarter Leistungen nochmals genau und kam immer

wieder zu dem Ergebnis, er habe heillos Pech gehabt und hätte viel

bessere Arbeiten machen können. Zum Bestehen würde es nun auf keinen

Fall mehr reichen. Das dumme Kopfweh! Allmählich bedrückte ihn eine

wachsende Bangigkeit und schließlich trieb eine schwere Sorge ihn zu

seinem Vater hinüber.

»Du, Vater!«

»Was willst?«

»Etwas fragen. Wegen dem Wünschen. Ich will lieber das Angeln bleiben

lassen.«

»So, warum denn jetzt das wieder?«

»Weil ich ... Ach, ich wollte fragen, ob ich nicht ...«

»Heraus damit, ist das eine Komödie! Also was?«

»Ob ich aufs Gymnasium darf, wenn ich durchfalle.«

Herr Giebenrath war sprachlos.

»Was? Gymnasium?« brach er dann los. »Du aufs Gymnasium? Wer hat dir das

in den Kopf gesetzt?«

»Niemand. Ich meine nur so.«

Die Todesangst stand ihm im Gesicht zu lesen. Der Vater sah es nicht.

»Geh, geh«, sagte er unwillig lachend. »Das sind Überspanntheiten. Aufs

Gymnasium! Du meinst wohl, ich sei Kommerzienrat.«

Er winkte so heftig ab, daß Hans es aufgab und verzweifelnd hinausging.

»Ist das ein Bub!« grollte er hinter ihm her. »Nein so was! Jetzt will

er gar noch aufs Gymnasium! Ja prosit, da brennst du dich.«

Hans saß eine halbe Stunde lang auf dem Fenstersims, stierte auf den

frisch geputzten Dielenboden und versuchte sich vorzustellen, wie das

sein würde, wenn es nun wirklich mit Seminar und Gymnasium und Studieren

nichts wäre. Man würde ihn als Lehrling in einen Käsladen oder auf ein

Bureau tun und er würde zeitlebens einer von den gewöhnlichen armseligen

Leuten sein, die er verachtete und über die er absolut hinaus wollte.

Sein hübsches, kluges Schülergesicht verzog sich zu einer Grimasse voll

Zorn und Leid, wütend sprang er auf, spuckte aus, ergriff die daliegende

lateinische Chrestomathie und warf das Buch mit aller Wucht an die

nächste Wand. Dann lief er in den Regen hinaus.

Am Montag früh ging er wieder in die Schule.

»Wie geht's?« fragte der Rektor und gab ihm die Hand. »Ich dachte, du

würdest schon gestern zu mir kommen. Wie war's denn im Examen?«

Hans senkte den Kopf.

»Na, was denn? Ist's dir schlecht gegangen?«

»Ich glaube, ja.«

»Nun, Geduld!« tröstete der alte Herr. »Vermutlich kommt noch heute

vormittag der Bericht von Stuttgart.«

Der Vormittag war entsetzlich lang. Es kam kein Bericht und beim

Mittagessen konnte Hans vor innerlichem Schluchzen kaum schlucken.

Nachmittags, als er um zwei Uhr ins Schulzimmer kam, war der

Klassenlehrer schon dort.

»Hans Giebenrath«, rief er laut.

Hans trat vor. Der Lehrer gab ihm die Hand.

»Ich gratuliere dir, Giebenrath. Du hast das Landexamen als Zweiter

bestanden.«

Es entstand eine feierliche Stille. Die Tür ging auf und der Rektor trat

herein.

»Ich gratuliere. Nun, was sagst du jetzt?«

Der Bub war ganz gelähmt vor Überraschung und Freude.

»Na, sagst du gar nichts?«

»Wenn ich das gewußt hätte,« fuhr es ihm heraus, »dann hätt' ich auch

vollends Primus werden können.«

»Nun geh heim«, sagte der Rektor, »und sag' es deinem Papa. In die

Schule brauchst du jetzt nicht mehr zu kommen, in acht Tagen fangen ja

ohnehin die Ferien an.«

Schwindlig kam der Junge auf die Straße hinaus, sah die Linden stehen

und den Marktplatz in der Sonne daliegen, alles wie sonst, aber alles

schöner und bedeutungsvoller und freudiger. Er hatte bestanden! Und er

war Zweiter! Als der erste Freudensturm vorüber war, erfüllte ihn ein

heißes Dankgefühl. Nun brauchte er dem Stadtpfarrer nicht aus dem Wege

zu gehen. Nun konnte er studieren! Nun brauchte er weder den Käsladen

noch das Kontor mehr zu fürchten!

Und jetzt konnte er auch wieder angeln. Der Vater stand gerade in der

Haustür, als er heimkam.

»Was gibt's?« fragte er leichthin.

»Nicht viel. Man hat mich aus der Schule entlassen.«

»Was? Warum denn?«

»Weil ich jetzt Seminarist bin.«

»Ja, Sackerlot, hast du denn bestanden?«

Hans nickte.

»Gut?«

»Ich bin der Zweite geworden.«

Das hatte der Alte doch nicht erwartet. Er wußte gar nichts zu sagen,

klopfte dem Sohn fortwährend auf die Schulter, lachte und schüttelte den

Kopf. Dann öffnete er den Mund, um etwas zu sagen. Doch sagte er nichts,

sondern schüttelte nur wieder den Kopf.

»Donnerwetter!« rief er schließlich. Und noch einmal: »Donnerwetter!«

Hans stürzte ins Haus hinein, die Treppen hinan und auf den Dachboden,

riß einen Wandschrank in der leerstehenden Mansarde auf, kramte darin

herum und zog allerlei Schachteln und Schnurbündel und Korkstücke

heraus. Es war sein Angelzeug. Nun mußte er vor allem eine schöne Rute

dazu schneiden. Er ging zum Vater hinunter.

»Papa, leih mir dein Sackmesser!«

»Zu was?«

»Ich muß eine Gerte schneiden, zum Fischen.«

Der Papa griff in die Tasche.

»Da,« sagte er strahlend und großartig, »da sind zwei Mark, du kannst

dir ein eigenes Messer kaufen. Geh aber nicht zum Hanfried, sondern

drüben in die Messerschmiede.«

Nun ging's im Galopp. Der Messerschmied fragte nach dem Examen, bekam

die frohe Botschaft zu hören und gab ein extraschönes Messer her.

Flußabwärts, unterhalb der Brühelbrücke, standen schöne, schlanke Erlen-

und Haselstauden, dort schnitt er sich nach langem Auswählen eine

fehlerlose, zäh federnde Rute und eilte damit nach Hause zurück.

Mit gerötetem Gesicht und glänzenden Augen ging er an die fröhliche

Arbeit des Angelrüstens, die ihm fast so lieb wie das Fischen selber

war. Den ganzen Nachmittag und Abend saß er darüber. Die weißen, braunen

und grünen Schnüre wurden sortiert, peinlich untersucht, geflickt und

von manchem alten Knoten und Wirrwarr befreit. Korkstücke und Federkiele

in allen Formen und Größen wurden probiert oder neu geschnitzt, kleine

Bleistücke von verschiedenem Gewicht in Kugeln gehämmert und mit

Einschnitten versehen, zum Beschweren der Schnüre. Dann kamen die

Angelhaken, von denen noch ein kleiner Vorrat da war. Sie wurden teils

an vierfachem schwarzen Nähfaden, teils an einem Rest Darmsaite, teils

an zusammengedrehten Roßhaarschnüren befestigt. Gegen Abend war alles

fertig und Hans war nun sicher, in den langen sieben Ferienwochen keine

Langeweile haben zu müssen, denn mit der Angelrute konnte er ganze Tage

allein am Wasser zubringen.

Unterm Rad · 第 3 / 12 题