Das Perlenhalsband

Es war eine Woche verflossen, ohne daß Erwin sich in der Piaristengasse

hatte sehen lassen. Als er endlich zur gewohnten Stunde kam, vermochte

sich Virginia eines beengten Verpflichtungsgefühls nicht zu erwehren.

Erst seine heitere Freiheit gab ihr Ruhe. Er erkundigte sich nach

ihrer Arbeit, und Virginia berichtete, daß sie sich an einer Intarsia

versuche, daß es viel Mühe koste, die verschiedenen Holzarten, der

Färbung und Faserung entsprechend, zusammenzustellen, daß aber das

Schneiden und Schnitzen sehr anregend sei.

Erwin entgegnete, er finde das Bestreben, eine kunstgewerbliche

Fertigkeit auszubilden, bei einer Frau erfreulicher als den Trieb nach

schöpferischer Gestaltung; »übrigens,« fuhr er fort, »besitze ich eine

ausgezeichnete Intarsia eines modernen Franzosen, der das Material in

einer besonders lehrreichen Manier behandelt. Wollen Sie sie nicht

anschauen?«

Virginia erwiderte, das möchte sie gerne.

»Sie können daraus Nutzen ziehen«, sagte Erwin. »Kommen Sie doch gleich

mit mir«, schlug er vor, indem er sich erhob.

Virginia zögerte mit der Antwort. »Das geht doch nicht«, versetzte sie

ein wenig erstaunt.

»Das geht nicht?« fragte Erwin, anscheinend noch viel erstaunter,

»warum geht es denn nicht? Ach so,« fügte er hinzu und schlug sich mit

der Hand gegen die Stirn, »Sie meinen, daß wir eine Aufsichtsdame

nötig hätten! Verzeihen Sie, es war ein freundschaftliches Anerbieten,

und auf die Ohrfeige war ich nicht gefaßt.« Er griff nach seinem Hut.

»Finden Sie denn wirklich,« mischte sich Frau Geßner, die Zeugin dieses

Wortwechsels war, zaghaft ein, »daß ein junges Mädchen so ohne weiters

einen jungen Mann in seiner Wohnung besuchen darf?«

»Nein, teure Mama, absolut nicht,« antwortete Erwin mit höflichem

Ernst. »Ich finde auch meine Besuche bei Ihnen durchaus ungehörig.

Doktor Zimmermann hat Ihnen ja bewiesen, wie gefährlich das ist.

Ein junges Mädchen darf niemals den Abgrund zwischen Mann und Weib

vergessen, und wahrscheinlich gibt es kein neutrales Gebiet für ihre

Gedanken und ihre Arbeit. Wahrscheinlich ist es ein Verbrechen, wenn

sie die Sorge um ihre körperliche Unbescholtenheit außer acht läßt. Man

kann ihr nicht so viel Stolz und Überlegenheit zumuten, daß sie sich

sagt: was ich tue, hat sein Gesetz und seine Rechtfertigung in sich

selbst. Das ist vollkommen in der Ordnung. Nur wäre es ehrlicher und

für mich weniger erniedrigend, wenn man mir gleich sagen würde: gib

deinen Handkuß und rede nicht von Philosophie.«

Ohne Zweifel wußte Erwin, welche Beschämung er mit diesen Worten bei

Virginia hervorrief. Nie war sein Auge funkelnder, seine Beredsamkeit

hinreißender, seine Gebärde zwingender als in Momenten, wo er durch

Kundgebungen des Zornes und der Verachtung das Bild eines zürnenden

und verachtenden Mannes bot. Sein Blick eilte erobernd durch den Raum

und schien einen Widerstand zu suchen, an dem er seine Macht erproben

konnte, nur Widerstand, sonst nichts. Virginia ihrerseits sah ein,

daß sie einen Fehler begangen, aber auch, daß man ihn über Gebühr an

ihr rächte, denn dieser kalte Hohn verletzte sie tief. Sich verletzt

zu geben erschien ihr zu harmlos und zu klein; am besten war es, die

Beleidigung zu überhören; ihm gehorsam zu willfahren, widerriet ihr

ein ahnungsvoller Instinkt. Dennoch entschloß sie sich, ihm zu folgen,

und obwohl ihr Auge abweisend glänzte, sagte sie mit dem Ton eines

gemahnten Schuldners in der Stimme: »Ich gehe mit Ihnen.«

»Bravo, Virginia!« rief Erwin. »Aber womit soll ich die rasche

Sinnesänderung büßen?« fügte er sanft hinzu. »Lassen wir’s doch heute.

Die Vernunft hat gesiegt, mehr kann ich nicht wünschen. Schließlich,

man besucht mich, wie man in ein Museum geht.«

Aber Virginia hatte den Hut aufgesetzt und sagte mit ruhigem Lächeln:

»Ich bin fertig.« Frau Geßner, die nicht immer verstand, was Virginia

tat, sah neugierig zu.

Schweigend gingen sie die weiße Wendelstiege hinab. Es war etwas

Mutiges in Virginias Schritt, von ihrem Hut hing ein blauer Schleier

herab, dessen Enden beim schnellen Gang über die Schultern flatterten.

Fast war Erwin versucht, diesen Schleier zu packen, wie wenn er dadurch

Virginia lenken könnte. Im Vorderhof schlich eine Katze. Virginia blieb

einen Augenblick stehen und lockte sie. An Tieren und an Blumen konnte

sie nicht vorübergehen ohne eine kleine Zwiesprache oder liebkosendes

Betrachten.

Eine halbe Stunde später waren sie am Ziel.

Die Villa Erwins war ein Bau aus der Kongreßzeit und hatte einem

mächtigen Staatsmann jener Tage als Ruheort gedient. Ihre äußeren

Verhältnisse, streng und gefällig zugleich, erstrebten eine vornehme

Anpassung an ländliche Umgebung. Das Innere des Hauses überraschte

sowohl durch die Zahl als auch durch die Tiefe und Wucht seiner

Räumlichkeiten. Von der hohen, aber etwas düsteren Eingangshalle

führten fünf Türen zu den Gemächern des unteren Stockwerks und eine

breite, zweimal geeckte Holztreppe mit flachen Stufen in die des

oberen. Der Empfangsraum, dessen Stil und Ausstattung an Sanssouci

erinnerte, hatte gegen den ausgedehnten Park eine ovale Wand; eine

große, mit geschliffenen Scheiben versehene Glastür bildete den

Zugang zur Freitreppe. Zur Linken befanden sich das Speisezimmer, das

Musikzimmer und einige reich ausgestattete Boudoirs, zur Rechten die

Bibliothek und die Räume für die Sammlungen. Erwins Privatgemächer, die

Fremdenzimmer und die eigentliche Gemäldegalerie lagen im oberen Stock.

»Mein Gott, so viele Bücher!« rief Virginia aus, als sie durch die

Bibliothek gingen, und ein achtungsvoller Blick streifte ihren

Begleiter. Erwin lächelte; er führte sie in das nebenan gelegene

Zimmer, das mit grünem, gepreßtem Leder tapeziert war. Er läutete dem

Diener, raunte ihm einen Befehl zu, sodann öffnete er einen mächtigen

Ahornschrank und nahm die Intarsiatafel heraus.

Virginia betrachtete sie mit Aufmerksamkeit. Ihre Bemerkungen verrieten

neben echtem Verständnis die amüsante Trockenheit eines eifrigen

Schülers. »Warum hängen Sie es nicht auf?« fragte sie. Er erwiderte,

er habe keinen Platz mehr, auch gebe es gewisse Dinge, für die er

sein Auge nicht abstumpfen wolle, so wie ein Feinschmecker den Genuß

gewisser Köstlichkeiten für seltene Anlässe verspare. Von Erwin auf

einige Einzelheiten der Ausführung hingewiesen, meinte sie seufzend:

»Was werden Sie da zu meiner Stümperei sagen?« Er bestätigte ohne

Tröstung: »Mit den Meistern wetteifern ist schwer.«

Nun zeigte er ihr die Bilder, die er besaß, die Plastiken, die

Keramiken und schleppte Mappen mit Stichen, Radierungen und

Handzeichnungen herbei. Er zeigte ihr die Vasen, die Münzen, die

Schnitzereien aus Elfenbein, die Porzellanfiguren, die Fayencen, die

Teppiche, die Stoffe, die alten Spitzen und Stickereien, die Gemmen

und Kameen, die Ringe, Ketten, Dosen und Petschafte. Er hatte eine

erlesene Sammlung von Halbedelsteinen, die sich in verschließbaren

Kristallgläsern befanden, und die er mit den sorgfältigen und

liebevollen Handbewegungen eines Juweliers vor ihr ausbreitete, um das

Licht in ihnen spielen zu lassen, ihre Herkunft zu erklären und den

Zauber, den sie auf ihn ausübten.

Da war der zeisiggrüne Pistazit, da waren veilchenblaue, pflaumenblaue,

nelkenbraune Amethyste; »Amethyst bedeutet rauschverhütend,« sagte

er, »und ist ein Mittel gegen alle Art von Trunkenheit.« Da war der

Korund, der aus Ceylon stammt, und der Onyx, der seinen Namen von der

rosigen Farbe des Fingernagels hat; da war der blutige Karneol vom

alten Stein, der apfelgrüne Chrysopras, der an dunklen Orten verwahrt

werden muß, das Tigerauge, das einen schönen, wogenden Lichtschein

aussendet, der perlmutterglänzende Kascholong, der Serpentin, der als

Mittel gegen Schlangengift gilt; da waren Smaragde, Berylle, Turmaline,

der tiefschwarze Granat von Arendal und der weinrote indische Rubin.

Er zeigte ihr ein riesiges Herbarium und ein Dutzend Schachteln, voll

von wunderbaren Schmetterlingen. In zehn Schubladen eines niedrigen

Kastens lagen seltene Mineralien, und in einer Vitrine standen

ausgestopfte Paradiesvögel und Kolibris, deren Gefieder so schön war,

daß Virginia beim Beschauen vor Lust errötete. Es war ihr zumut, als

ob dieser Mann mit allen Dingen der Erde auf Du und Du verkehre; die

Natur schien so wenig wie die Kunst Geheimnisse vor ihm zu haben. Ihre

Augen wurden immer größer, und wenn er sie bei ununterbrochener Rede

anblickte, sagte sie immer nur »ja«, – »ja«, – »ja«, wie ein gehorsames

Kind.

Um die Folge der Sehenswürdigkeiten durch Bildnisse der Menschen zu

vervollständigen, die er schätzte oder die in seinem Dasein eine

Rolle gespielt, zeigte er ihr auch viele Photographien von Männern

und Frauen. Jene waren Virginia gleichgültig; die eine oder andere

Berühmtheit sprach sie mit zu alltäglicher Miene an, als daß sie

Teilnahme oder gar Ehrfurcht hätte empfinden können. Nur bei dem

Porträt eines Schauspielers verweilte sie, eines Mannes von Gaben und

menschlichem Belang, wie alle spürten, die nur einmal den Klang seiner

unvergeßlichen Stimme gehört hatten. Virginia fand, daß er Manfred

ähnlich sehe. »Sie kennen ihn?« fragte sie neugierig. Erwin runzelte

die Stirn und entgegnete mit einem Anflug von Ungeduld: »Ja gewiß;

ich kenne ihn. Ein Komödiant, nur verführerischer als die anderen.«

Virginia legte das Bild hastig beiseite.

Mit wärmerem Gefühl betrachtete sie die Frauengesichter. Mit einer

Scham, deren sie sich schämte, weil sie die Ursache nur dunkel empfand,

mit Bedauern, mit Kränkung, mit vorwurfsvoller Verwunderung, denn

sie wußte schließlich doch, was sie von ihnen zu halten hatte. Viele

traurige Augen; schöne, aber traurige Augen. Sie schauten so stumm; sie

hatten so mancherlei erlebt. Was mochte begehrenswert an ihnen sein,

da sie jedes Begehren zu erfüllen so schnell bereit gewesen waren?

Virginia war unentschieden, wie sie die Schaustellung nehmen sollte,

Widerwillen erwachte in ihr, doch Erwin beraubte sie jeder Gebärde der

Abwehr, da er von ihnen sprach, wie er von den Steinen, den Münzen, den

ausgestopften Vögeln gesprochen.

Er schilderte ihre Hände, ihre Haare, ihren Gang und die Art ihres

Temperaments. Er verwies auf einen Mißklang zwischen Stirn und

Mund, was auf einen von gefangener Sinnlichkeit beunruhigten Geist

deutete. Bei dem Worte Sinnlichkeit, wie er es aussprach und betonte,

spürte Virginia einen Schauder über den Nacken rieseln. Vom Schicksal

redete er nicht. Er wiederholte sich niemals. Hierin unterstützte das

Gedächtnis den Geschmack.

Der Diener bat zum Tee. Virginia folgte der Aufforderung mit einer

beinahe drolligen Artigkeit. Das reiche elektrische Licht des

Bibliothekssaals blendete sie. Erwin gegenübersitzend, erschien sie

sich in dem großen Raum verhängnisvoll einsam mit ihm. Er machte

mit vollendeter Anmut den Wirt und bot ihr auf silberner Platte

Süßigkeiten. Sie sagte, daß sie nachmittags nie etwas esse, aber vor

der duftenden Verlockung kam der Grundsatz ins Wanken. Da es ein wenig

kühl im Zimmer war und Virginia fröstelte, holte Erwin einen kostbaren

indischen Schal und umhüllte ihre Schultern damit. Unter seltsamem

Prickeln ward sie sich bewußt, daß ihr Stoff und Farbe außerordentlich

gut zu Gesicht standen. Ihre Augen glühten froher. Erwin konnte es

gewahren. Er konnte beobachten, daß ihr Auge, wenn es behaglich oder

durch die Freude erregt war, innerhalb des Sterns eine grünliche

Marmorierung erhielt. Dieser Umstand prägte sich ihm ein. Indem er

darüber nachdachte, daß es möglich sein könnte, die Veränderung einst

ganz, ganz nahe zu genießen, ja, ganz, ganz nahe, Wimper fast an

Wimper, bemächtigte sich seiner Gedanken eine eigentümliche, heiße

Erstarrung.

Erschreckt von einer unwillkommenen Redepause, die Erwin nicht ohne

Berechnung auszudehnen suchte, erhob sich Virginia, dankte und reichte

Erwin die Hand. Er machte sich anheischig, sie zu begleiten, doch sie

schüttelte den Kopf und sagte, sie habe Kommissionen in der Stadt zu

besorgen. Er begriff, daß sie allein zu sein wünschte, und fand es

förderlich, wenn sie jetzt sich selbst überlassen blieb. So führte er

sie in den Flur und half ihr in den Mantel. Beim Abschied sagte er zu

ihr mit einem Lächeln, in dem Bitterkeit nur als Erinnerung wohnte:

»Ich hoffe, Sie oft bei mir zu sehen, Virginia. Ich bin zuhause nicht

gefährlicher als draußen. Sobald Sie hier eintreten, sind Sie die

Herrin.«

Ein trotziger Blick wollte ihm erwidern; sie ließ den Blick besinnend

fallen. Sie ahnte irgendwie einen Triumph in seinen Worten, aber

ängstlich erstickte sie die Regung des Widerparts. Hätte er sich nur

launisch gezeigt, Launenhaftigkeit gibt Blößen und verleiht dem Trotz

als Waffe etwas Spielendes. Aber seine Ruhe, seine despotische Ruhe,

seine zarte und zärtliche Ruhe, sein Insichverschlossensein und das

Nieversagen, Nieverraten in Wort und Blick, das beirrte sie wie ein

Schleier vor einem Spiegel.

Unzufrieden erledigte sie ihre Geschäfte und war nicht froher gestimmt,

als sie nach Hause kam.

Die Wände erschienen ihr kahler als sonst, die Stuben ärmlicher. Was

man Gemütlichkeit nennt, ist doch nur die Zuflucht der Armen; so

ungefähr dachte sie. Eine Andeutung des geschauten Glanzes stimmte

auch die Mutter wünschevoll, von der sie Stillung, ja Zurechtweisung

gehofft hatte.

»Herrgott, Mädel,« sagte Frau Geßner, »wenn ich so denke! Wenn ich mir

so vorstelle, wieviel Reichtum es in der Welt gibt! Sag mir nichts von

der Genügsamkeit. Wer genügsam ist, bleibt ewig ein Tropf. Hat man

einmal von der Fülle und von der Schönheit gekostet, dann kriegt man

den Geschmack nicht mehr los.«

Virginia bereute schon. Sie schüttelte stumm den Kopf.

»Eigentlich ist’s schade um dich«, fuhr Frau Geßner seufzend fort. »So

jung, so frisch, so prächtig! Kein Palast war für dich zu gut. Könntest

eine große Dame sein. Lockt dich das nicht, eine große Dame zu sein?«

»Mutter!« Es war etwas Abschneidendes und ein ernster Nachdruck in

diesem Ruf. Virginia erhob sich, dehnte den Arm und sagte schmerzlich

bewegt: »Warum ist er denn fort und warum gar so weit!«

Frau Geßner sah beinahe überrascht aus, denn die gute Frau hatte

Manfred schon vergessen. Er kam ihr je ärmer und geringer vor, je

länger seine Abwesenheit dauerte. Sein schwärmerisches Gesicht war

hinabgetaucht auf die andere Seite, die Nachtseite der Erdkugel.

Alternde Frauen besitzen nicht mehr die Phantasie des Herzens; sie

können lange trauern, doch sie vergessen schnell.

Vielleicht auch trug der Einfluß Erwins an solcher Kurzlebigkeit eines

durchaus nicht schwächlichen Gefühles Schuld. Denn dieser Mann erfüllte

sie mit unbegrenztem Respekt, und ohne daß sie es merkte, hatte sie

den Mut verloren, ihm zu widersprechen. Sie hatte niemals einen Mann

kennen gelernt, der an Glanz, an Würde, an Bestimmtheit, an Geist,

an Liebenswürdigkeit mit ihm sich nur im entferntesten hätte messen

können. Sie staunte ihn an, das war alles. Sie träumte von ihm. Er

gab ihr einen neuen Begriff von der Welt und von einer Zeit, deren

Heraufkunft sie einfach verschlafen hatte.

Bisweilen saß sie und dachte darüber nach, weshalb er sie eigentlich

eines so ausführlichen Umgangs und so vertraulicher Gespräche für wert

hielt. Aber wie tief sie auch grübeln mochte, sie entdeckte keine

andere Ursache als seine unverkennbare Seelengüte und eine wahre,

freundschaftliche Ergebenheit. Wenn die jungen Leute so viel Herz und

Takt haben, sagte sie sich, dann braucht man nicht in Sorge zu sein um

die Zukunft der Menschen.

Als er ihr den Plan entwickelte, die Geldspekulation in etwas größerem

Maßstab zu wiederholen, falls es ohne Wagnis geschehen könne, stimmte

sie ihm gläubig zu. Seine Geschicklichkeit täuschte sie vollkommen,

und nicht eine Sekunde lang spürte sie die Fessel, mit der sie der

Verlocker umschnürte. Es kam ihr nicht unmöglich vor, an der Hand

dieses Hexenmeisters zum Wohlstand zu gelangen, und da doch alles für

Virginia war, an der sie mit jeder Faser ihres Lebens hing, die sie

abgöttisch bewunderte und glücklich, sorglos, beneidet und umworben zu

sehen wünschte, hätte sie Argwohn als frevelhaft empfunden.

Nichtsdestoweniger wurden die angeblichen Börsengeschäfte vor Virginia

vertuscht. Virginia sah nur, daß ziemlich viel Geld ins Haus kam,

und daß die Mutter, die ja von Erwin systematischen Unterricht darin

erhielt, sich zu ungewöhnlichen Ausgaben sowohl für die Küche wie für

die Bequemlichkeit leichten Sinns entschloß. Wohl atmete sie auf, als

es nicht mehr notwendig war, mit jedem Kreuzer ins Gericht zu gehen und

wieder und wieder mit der Mutter erwägen zu müssen, ob man sich trauen

dürfe, dies oder jenes zu kaufen. Aber ihr Gemüt war ahnungsvoll, und

wenn sie ihrer zögernden Beunruhigung Worte verlieh, um dem schwer

durchschaubaren Wesen Klarheit abzuringen, konnte Frau Geßner äußerst

ungehalten werden. »Du bist mißtrauisch von Natur aus,« sagte sie dann

erregt, »in dir sitzt das Mißtrauen wie ein böses Gift. Andre würden

jubeln, und du gehst herum, als ob man dir was gestohlen hätte. Endlich

einmal ein Freund, der’s ehrlich mit uns meint und der Bescheid weiß um

die Brunnen, wo gar viele ihren Segen holen. Was geht’s dich an? Dir

kommt’s zugute, und du solltest auch ein bißchen dankbar sein können.«

Virginia schwieg; sie schüttelte den Kopf in der langsamen und

wehmütigen Art, die sie hatte, wenn ihr etwas nicht gefiel. Solche

Worte hätten sie beschwichtigen können, hingegen bei den Liebkosungen

und versprechenden Reden der Mutter wurde sie stets zweifelsüchtig. Die

alte Ordnung war eben gebrochen, und die neue hatte etwas von schwülem

Wind und Gewitternähe.

Inzwischen war es Frühjahr geworden, und wie nun die ersten lauen

Tage kamen, ließ sich Virginia gern zu gemeinsamen Spaziergängen mit

Marianne von Flügel bereit finden. Der lange Winter hatte sie heuer

mehr als sonst bedrückt.

Sie entfernten sich selten aus dem Weichbild der Stadt; zumeist

wandelten sie unter den Bäumen der Ringstraße, betrachteten von einer

Brücke aus den Sonnenuntergang, verfolgten das Blätterwachsen und

Knospenkeimen von Tag zu Tag, tranken die würzevolle Luft und sprachen

vom Sommer.

Marianne gab sich als Freundin der Natur und als Flüchtlingin aus der

ungesunden Luft ihrer Welt. Mit vieler Kunst gab sie sich so, denn sie

erwarb Virginias Zuneigung damit. Was Enttäuschungen und Haß in ihr an

Frivolität gesammelt hatten, verbarg sie geschickt, aber da man sich

seines Charakters doch nicht entledigen kann wie eines Kleides, und

da sie auch keineswegs gewillt war, eine Nonne vorzustellen, brach

durch diese Verhaltenheit ein immer kühner werdendes Predigen von

Lebensgenuß. Das war der Pakt mit allem Leid und Unbehagen: genießen,

genießen, genießen. Nichts unter den Tisch fallen lassen, alles ins

Körbchen stopfen, am Ende kommt der Tod, und ein zweites Leben gibt es

nicht.

Virginia machte bei solchen Verkündigungen große Augen und wußte nicht,

was sie sagen sollte. Genießen, was war damit viel bedeutet? Genoß sie

denn nicht auch? Die Stunde, wenn sie gut, den Tag, wenn er schön war,

das innere Glück und das äußere Gelingen? Mariannes Reden dünkten sie

irgendwie unbescheiden, und sie konnte sich nicht anders helfen, als

daß sie durch eine lustige Bemerkung, was sie davon begriff und was

sie ahnend abwehrte, ins Hausbackene herabzog. Das fand Marianne zum

Küssen, wie sie sich ausdrückte, nahm sich aber doch ein wenig besser

in acht.

Es dauerte nicht lange, so hörte Erwin von diesen Frühlingsgängen

und wünschte teilzunehmen. Nun wurde es ein ander Ding; man flog

im Automobil hinaus ins Land, ließ das Fahrzeug auf der Straße

stehen und streifte im Wald, über Hügel und durch Täler. Erwin war

unerschöpflich in guter Laune, in Scherz, in Aufmunterung, im Erzählen,

in Erinnerungen, in Plänen und in Belehrung.

Als Vierter im Bund gesellte sich bisweilen Ulrich Zimmermann hinzu.

Wenn er stumm und gedankenvoll kam, so taute er doch inmitten des

Lachens und Plauderns auf, und niemand bemerkte, daß sich ein Wurm

um sein Herz ringelte. Er begegnete Virginia mit einer pagenhaften

Ehrerbietung, und so oft eine Verwegenheit in Erwins unbesorgten Worten

sie zum Erröten brachte, schwieg er fünf Minuten stille und stapfte mit

hastigerem Schritt voraus.

An einem strahlenden Apriltag holten Erwin, Ulrich und Marianne kurz

nach Tisch Virginia ab. Sie fuhren bis zum Stiftswald und wanderten

zwischen Hameau und Rohrerhütte beim roten Kreuz unter Buchen und

Fichten und den langnadeligen Föhren, die Lenau besungen hat. Virginia

pflückte Veilchen und Leberblümchen im Vorübergehen, und Erwin erzählte

von seinem Buch über das Leben der Ameisen, welches demnächst auf dem

Markt erscheinen sollte. Die Vielseitigkeit seines Wissens und die

unbedingte Herrschergebärde, mit der er es behandelte, erweckten in

Ulrich Zimmermann nicht zum erstenmal ein eifersüchtiges Staunen, und

seine etwas knifflichen und groben Fragen drückten mehr Argwohn als

Erkenntnislust aus. »Wo nehmen Sie um Gottes willen bloß die Zeit zu

all den Arbeiten und Studien her,« rief er schließlich beunruhigt, »die

ja gar nicht zu Ihrem Fach gehören! Sie, der Sie leben wie kaum einer,

und von dem man nicht sagen könnte, wann er am Schreibtisch sitzt,

falls man gefragt würde!«

»Fach! Ich habe kein Fach!« erwiderte Erwin abschätzig. »Mein Fach ist

die Natur, die Menschheit, die Kunst, ist alles was mich will und alles

was sich mir widersetzt. Für den, der zur Leistung entschlossen ist,

hat ein Tag ungefähr sechzehn Stunden, mein lieber Ulrich. Ihr Dichter

freilich, ihr rechnet schon das Träumen mit zur Leistung; ihr dürft es

tun, wenn euch die Träume zur Wirklichkeit werden; =meine= Wirklichkeit

darf mir nie zum Traum entschwinden, sonst bin ich verloren.«

Marianne schaute messend zu dem mit stolzen Schritten Schreitenden

hinüber und verfehlte nicht, Virginia durch einen Blick zu einem

Zeichen des Beifalls aufzumuntern. Wie stumpfsinnig diese Person ist,

dachte sie, als Virginia davon keine Notiz nahm. Diese hatte Erwins

Antwort nicht ganz begriffen; halb glaubte sie ihn demütig und halb

anmaßend, trotz alledem, man mußte die Menschen und ihre Geschäfte

so sehen, wie sie sich in seinem Geiste formten. Ulrich Zimmermann

marschierte eine Weile unzufrieden für sich allein, bis ihn Virginia

mit lächelnder Ermahnung aus seinem Brüten weckte. Er dankte ihr durch

ein heißes Aufblitzen seiner Augen und sagte: »Heute müßte man Gedichte

lesen.«

»Oh, das wäre famos,« erwiderte Virginia; »haben Sie denn welche mit?

Lesen Sie doch.«

»Ich wäre nicht abgeneigt«, versetzte Ulrich Zimmermann gnädig.

Erwin, der Ohren hatte wie ein Indianer, hatte das Gespräch belauscht:

»Nicht abgeneigt ist gut!« rief er voll Spott. »Das Attentat war doch

schon beschlossen, als Sie Ihre Verse in die Tasche steckten, wie?«

Ei, das ist grausam, dachte Virginia, als sie Ulrich erblassen sah,

zu dessen Lastern Empfindlichkeit sonst nicht gehörte, nur heute, nur

jetzt. Beinahe hätte sie ihn, wie einen Bruder, am Ohrläppchen gezupft,

um ihn harmloser zu machen.

Aber während sie dann auf einer Lichtung rasteten, Marianne und

Virginia gegenüber Erwin und Ulrich auf frischgefällten Stämmen saßen,

jeder in seiner Stille webend, dem Flug der Schmetterlinge nachsinnend,

den seidigen Glanz des Lichtes auf Moos und Laub betrachtend,

unterbrach Erwin das Schweigen und glich die kleine Felonie von vorhin

wieder aus, indem er Ulrich beim Wort nahm. Dieser holte ein paar

beschriebene Blättchen aus der Brusttasche und las mit wenig geübter

Stimme zaghaft vor. Nach einer Weile griff Erwin ungeduldig nach den

Blättern. »Sie zerstören ja alles,« sagte er; »die zarten Gebilde; es

ist schade drum. Geben Sie her.«

Und nun las er selbst mit prächtigem Ausdruck und seelenvoller Betonung.

Ulrich horchte erstaunt; das klang ja wie Musik. Aber er konnte Erwin

nicht danken, denn aus der versonnenen Miene, mit der Virginia diesen

betrachtete, schloß er, daß sie ihn, den Dichter, völlig vergessen

habe. Und eine solche Wirkung hatte er eigentlich nicht beabsichtigt.

Bei der Rückkehr gerieten sie im Wald an eine morastige Stelle; während

Marianne den Rock bis zu den Knien hob und verwegen hindurchging, zog

Virginia den Umweg am steilen Hang vor. Einige Dornen rissen ihr die

Haut am Handgelenk blutig. Es war ein Bächlein in der Nähe; Erwin wusch

die Wunde rein und verband sie mit Virginias Taschentuch. Sie lachte

über den doktormäßigen Ernst, mit dem er die unbedeutende Verletzung

behandelte, auch Marianne ließ es an spitzem Spott, der allen beiden

galt, nicht fehlen. Erwin hielt dabei noch immer Virginias Hand in der

seinen und bastelte an dem weißen Tuch. Endlich entriß sie ihm die Hand

und versteckte sie instinktiv in einer Kleidfalte. Ulrich stand an

einen Baum gelehnt und schaute mit weiten Augen in den blauen Himmel.

»Seit meiner Kindheit ist es meine größte Angst, daß ich einmal in

einem Sumpf versinken könnte«, sagte Virginia, als sie sich wieder auf

den Weg gemacht hatten, zur Entschuldigung ihrer Zimperlichkeit. Sie

erwartete, daß Erwin darüber lächeln würde, doch sie täuschte sich.

»Also auch Sie tragen heimliche Schatten herum«, antwortete er mit

verstehendem Blick. »Man ahnt gar nicht, wie solche Schreckbilder die

ganze Lebensstimmung beeinflussen. Die dunklen Gewalten sind eben doch

die mächtigsten.«

»Ja, Virginia, ja!« bemerkte Marianne anscheinend fidel, »vor dem Sumpf

müssen Sie sich hüten. Gerade wenn man zu weit hinaus schaut, übersieht

man den Schlammtümpel vor den Füßen.«

»Keine Prophezeiungen, Marianne,« sagte Erwin hart; »das Unken trifft

die Schwalbe nicht.«

Marianne schoß ihm einen bitterbösen Blick zu. Virginia fing ihn auf

und erschrak vor dem Haß und der beredsamen Wildheit dieses Blicks.

»Auch ich bin einst geflogen«, erwiderte Marianne düster, »aber man hat

mir die Flügel abgeschnitten. Was hilfts; man liegt dann da und piepst

vor sich hin, und das nennen die Leute unken.«

Erwin zuckte die Achseln. Virginia war sonderbar bewegt und schob ihren

Arm fast zärtlich in den Mariannes, sie, die so selten ein werbendes

Gefühl zu unmittelbarem Ausdruck brachte. Jedoch Marianne schüttelte

kurz und brüsk den Kopf und schritt hastig voran. Bald ging sie an

Erwins Seite; unterdrückten Tons und in raschen Sätzen sprachen sie

miteinander und entfernten sich immer weiter von Ulrich und Virginia,

die wortkarg und bedrückt den schmalen Pfad bis zur Landstraße

verfolgten, wo das Automobil wartete.

Dort verabschiedete sich Ulrich Zimmermann unter dem Vorgeben, er

wolle noch den Abend außerhalb der Stadt verbringen. Stumm saßen die

drei während der Fahrt, die so schnell war, daß es Virginia schwindlig

wurde. Die sanfte Frühlingsluft schien zum Sturm aufgeregt. Virginia

hatte Erwin bisher noch nicht so schweigsam und kalt gesehen. Manchmal

heftete er den Blick prüfend auf sie, und sie glaubte den Blick

ertragen zu müssen, damit er wieder versöhnt werde. Sie hatte von

Minute zu Minute stärker das unerklärliche Gefühl, als wünsche er von

ihr ein Wort zu hören, das die Verdunkelung seines Innern zerstreuen

könne. Sie war dessen nicht fähig, und ihr war, als zürne er ihr,

als leide er darunter; kurzum, ein Wirrsal von Empfindungen der

Abhängigkeit und der Schuld.

Als der Wagen in der Piaristengasse hielt, begleitete sie Erwin durch

die Höfe bis zur weißen Wendelstiege. In der Torbogendämmerung sagten

sie sich kühl gute Nacht. Schon auf der Treppe, wandte sie sich noch

einmal um und nahm mit Verdruß wahr, daß er auf der Steinschwelle stand

und ihr mit den Blicken folgte. Unwillkürlich zog sie den Fuß zurück,

auf den sein Auge sich zu heften schien. Das matte Flurlampenlicht

beleuchtete seine Züge, und sie sah, daß er lächelte, so bestrickend,

heiter und kameradschaftlich, wie nur er zu lächeln vermochte.

Gott sei Dank, dachte Virginia, es ist alles wieder gut.

In der Nacht träumte sie, daß sie sich in einem Zimmer mit sechzehn

Türen befinde. Sie war ohne Aufhören damit beschäftigt, die Türen zu

schließen aus Furcht vor einem übermäßig großen Hund. Aber jedes Mal,

wenn sie eine Tür geschlossen hatte, stand der Hund, groß wie ein

Kalb, vor einer andern, offenen. Er war nicht eben boshaft, doch war

in seiner Ruhe etwas unbeschreiblich Quälendes, als wolle er sie erst

vollkommen erschöpfen, bevor er sich auf sie stürzte.

Während des Waldspaziergangs war verabredet worden, daß Erwin am

zweitnächsten Tag Marianne und Virginia den Wagen schicken und daß

diese ihn dann abholen sollten. Als sie vor der Villa ankamen, begann

es zu regnen. »Aus der Landpartie wird heute nichts«, sagte Marianne.

– »Es wird ja wieder aufhören zu regnen«, meinte Virginia. – »Und wenn

auch nicht«, versetzte Marianne spöttisch; »haben Sie Angst, hier zu

bleiben? Wir werden in diesem gemütlichen Gasthaus Tee trinken.«

Virginia blickte Marianne forschend und bedächtig an. Sie machte

plötzlich die Erfahrung, daß sich die kleinen Verkettungen der

Geselligkeit oft unlöslicher erweisen als die großen Pflichten, weil

die möglichen Widerstände zu belanglos sind.

Erwin war im Frack. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte er, »ich hatte

leider vergessen, daß ich um sieben Uhr bei der Fürstin Liebenberg sein

muß. Wenn Sie wünschen, überlasse ich Ihnen natürlich den Wagen, aber

es wäre hübsch, wenn Sie mir ein bißchen Gesellschaft leisten würden.«

Virginia war zu sehr Neuling, um bei dem gleichgültig ausgesprochenen

Namen einer Fürstin ihren Respekt zu unterdrücken. Ein naiver kleiner

Ausruf veranlaßte Marianne und Erwin, zu lächeln.

»Es ist nach Ihnen telephoniert worden,« wandte sich Erwin an Marianne,

»Wichtel hat die Nummer aufgeschrieben, die Sie rufen sollen.«

Marianne ging hinaus. Als sie zurückkam, bat sie Erwin hastig, er möge

ihr für eine halbe Stunde das Auto geben, sie müsse zu einer dringenden

Besprechung in die Stadt. Überrascht schaute Virginia empor. Ein

unbestimmter Argwohn wallte in ihr auf.

»Bis ihr zum Tee geht, bin ich wieder da«, fügte Marianne hinzu und

verließ mit ihren starken und entschiedenen Schritten das Zimmer.

Erwin lachte. »Immer hat sie wichtige Geschäfte«, sagte er.

Eine Weile herrschte Schweigen. Nicht etwa das Schweigen der

Vertraulichkeit, sondern das Schweigen, in dem sich bedeutungsvolle

Worte vorbereiten. Virginia spürte es, und ihr war nicht geheuer dabei.

Erwin, der im Staatskleid prächtig schlank und jünglingshaft aussah,

wanderte rauchend auf und ab. Der Regen prasselte an die Fenster. Im

Kamin schnurrte der Wind.

Wie ahnungslos sie ist, sagte sich Erwin; und um wieviel leib- und

seelenhafter sie erscheint, seit die andere fort ist; man sollte junge

Mädchen nicht miteinander verkehren lassen, das Geschlecht hebt sich

gegenseitig auf, ihr Magnetismus wird halbiert, indem sie sich unbewußt

verbünden.

»Sie haben eine wunderbare Macht über die Menschen, Virginia«, begann

er endlich, und seine Stimme klang nicht metallisch wie sonst, sondern

sordiniert. »Jedesmal wenn ich Sie sehe, erhebt sich ein Vorwurf in

mir. Was hast du geleistet? frag’ ich mich. Es ist ein geheimnisvolles

Bedürfnis, mich in irgendeiner Weise vor Ihnen zu rechtfertigen.

Als die ersten Weltumsegler zu den wilden Völkern kamen, schickten

diese, durch den bloßen Anblick der Fremden zur Ehrfurcht bezwungen,

Abgesandte mit Gold und Edelsteinen und erklärten sich aus freien

Stücken für tributpflichtig. Wenn Sie Ehrgeiz hätten, wie Sie keinen

haben, wüßt ich nicht, welche Grenze ich Ihrer Laufbahn ziehen sollte.

Runzeln Sie nicht die Stirn, Virginia, das steht Ihnen schlecht,

auch ist kein Anlaß dazu. Ich möchte Sie zu einem höheren Grad des

Selbstbewußtseins erziehen. Der Makellose soll Muster sein. Warum

zum Teufel bekreuzen Sie sich andächtig, wenn von einer Fürstin die

Rede ist? Sie stehen über jeder Fürstin. Wären Sie meine Schwester,

ich wollte eine deutlichere Sprache führen und Sie durch zwingendere

Beweise überzeugen. Ich wollte denen ein Licht aufstecken, die sich für

vollkommen halten und es nicht sind, die weder stehen, noch gehen, noch

sitzen können und sich zu bewegen glauben, wenn sie zappeln. Ich für

meine Person, ich habe ein Interesse daran, daß das Leben schöner wird

auf dieser Welt, daß es einen Aufschwung gibt, einen Aufblick, ein

hinreißendes Beispiel, ein Unbezweifelbares und Unbedingtes. Deshalb

rede ich mit Ihnen darüber, aus keinem andern Grund. Wer als Fackel

geboren ist, muß leuchten.«

Virginia wechselte während seiner Rede beständig die Farbe, doch in so

feinen Übergängen, daß es bisweilen kaum zu merken war. »Was wollen Sie

von mir, Erwin?« rief sie mit gefalteten Händen. »Bitte, sprechen Sie

doch nicht so, bitte!«

Der flehentliche und rührende Appell machte Erwin betroffen. Diese

Stimme, der Ausdruck, der Blick, die Gebärde des Mädchens, all das

traf ihn unversehens und rüttelte an ihm wie ein Zorn, wie ein Durst,

wie ein Feind. Virginias Augen verfolgten ihn mit Besorgnis, während

er ungeduldiger auf und ab schritt. Er fand es für angezeigt, den Ton

brüderlichen Vertrauens anzuschlagen. »Als ich Ihnen damals meine

geringen Schätze vorwies,« sagte er einschmeichelnd, »hatte ich das

Gefühl eines Vasallen, der seinem Lehnsherrn Verantwortung schuldig

ist. Mir war, als ob Ihr Blick auf all den Dingen nur zu ruhen

brauchte, um sie in Besitz zu nehmen, oder als ob mein Besitztitel erst

durch Sie anerkannt werden müßte.«

Virginia lächelte verwundert, doch Erwin fuhr fort: »Weil wir eben von

Schätzen sprechen, Virginia, von Gütern, die keinen Besitzer haben,

obgleich sie einem gehören, muß ich Ihnen doch noch etwas zeigen.«

Er eilte rasch ins Nebenzimmer und kam nach kurzer Weile mit einer

mäßig großen Schachtel in der Hand zurück, aus welcher er eine

herrliche Perlenkette hervorzog. »Wie gefällt Ihnen das?« fragte er mit

einer Stimme wie einem Kind gegenüber.

Virginia nahm die Kette in die Hand. »Oh, wundervoll!« rief sie mit

auflodernden Augen.

»Nicht wahr? Solchen Schmuck wünschen sich die Häßlichen, damit man

ihre Häßlichkeit vergesse; und die Schönen, die erhalten königliche

Weihe dadurch.«

Virginia ahnte kaum den hohen Wert des Juwels, aber wie ein Jagdhund

rebellisch wird, wenn das Horn schallt und die Rosse schnuppern, so

kann ein echtes Weib mit gesunden Sinnen unmöglich zurückhaltend

bleiben oder sich unempfindlich stellen beim Anblick eines Halsbandes

aus drei Schnüren erbsengroßer Perlen, enggereiht wie die Zähne im Mund

eines Kindes, violett und rosig strahlend wie ein kleiner Regenbogen,

durchsichtig fast wie Seifenblasen und warm anzufühlen wie blutgeäderte

Haut. Edler Schmuck hat etwas Unleugbares wie die Elemente.

Von den erwarteten Merkmalen der Freude und Erregung nahm Erwin in

aller Heimlichkeit Notiz. Da ihn Virginia, ohne zu bedenken, daß ihm

die Antwort unter Umständen schwer fallen konnte, neugierig fragte,

welcher Herkunft das Kollier sei und weshalb er es im Haus habe,

erwiderte er, er habe die Kette einst, vor Jahr und Tag, für eine Frau

gekauft, der er niemals nah gestanden und die er nur ganz aus der Ferne

angebetet. »Ich hatte keine Hoffnung,« sagte er gedankenverloren,

»denn sie war die Tugend selbst und rein wie eine Vestalin. Sie hat

die Perlen, von denen mir jede einzelne heilig war wie ein Blick aus

ihren Augen, niemals an ihrem Hals getragen, und ich, ich habe mich

begnügt, sie damit geschmückt zu träumen, ich habe sie im Traum damit

verschönt. Sie war die einzige, die mich hätte verwandeln können, so

wie große Liebe verwandelt, die große Leidenschaft, die keine Dämonen

kennt, sondern nur Genien und die die Seele fromm macht und den Geist

gelehrig; aber sie schwebte am Horizont meines Lebens vorüber wie ein

fremder Stern, ein frühzeitiger Tod hat sie hingerafft, und mir ist,

als hätte sie mir die Perlen als Erbteil gelassen.«

Virginia war ergriffen von diesem Bekenntnis. Sie hatte Erwin nicht

solcher Trauer, solcher Wärme, solcher Beständigkeit des Gefühls für

fähig gehalten. Die intensive feuchte Bläue ihrer Augen, der milde und

von jedem Argwohn gereinigte Blick verriet ihm, daß er ihr inneres

Wesen anzurühren verstanden hatte. »Bis auf den heutigen Tag konnte

ich mir nie vorstellen, daß dies Gehänge den Hals einer andern Frau

schmücken könnte«, fuhr er fort. »Aber wie eigentümlich die Phantasie

doch spielt! Als Sie vorhin ins Zimmer traten, Virginia, schoß es mir

mit der Sekunde, wo ich Sie sah, durch den Kopf: nur die und keine

andere dürfte meine Perlen tragen. Ach tun Sie mir doch den Gefallen«,

bat er dringend und mit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit, als er

wahrnahm, daß Virginia ängstlich die Brauen zusammenzog. »Legen Sie die

Kette um Ihren Hals! Nur zur Probe; nur damit ich es sehe!«

»Wirklich? Soll ich es wirklich?« flüsterte Virginia mit wunderlich

scheuem Lächeln. Sie wußte nicht, wie sie ihm sein Verlangen hätte

abschlagen sollen; und außerdem hatte sie selbst nicht wenig Lust zu

wissen, wie es wäre, gleichsam nur naschend zu erfahren, wie es wäre,

wenn man eine Perlenkette trug. Beinahe war sie Erwin dankbar, daß

er ihr die Erfüllung dieser Begierde so leicht machte. Da sie ein

halsfreies Kleid trug, waren keine Vorbereitungen nötig. Erwin trat

hinter ihren Stuhl, um ihr beim Schließen der Kette behilflich zu sein.

Nichts wäre für einen Zuschauer verblüffender gewesen als der jähe

Wechsel seiner Mienen in diesem Moment. Alles bog sich in den Zügen;

die Stirnknochen schoben sich stärker über die Augen; die Nüstern

wölbten sich auswärts; die Lippen kräuselten sich, die Finger

krümmten sich, ehe sie zugriffen, und mit einem prüfenden, bohrenden,

habsüchtigen und beutesicheren Blick, dem Blick eines Menschen, der

gewohnt ist, zu greifen, zu nehmen, zu rauben und Wert von Scheinwert

genau zu unterscheiden, starrte er auf ihren schimmernden Nacken herab,

dessen weiße Glätte ihm etwas wie Furcht einflößte.

Sodann holte er einen silbergefaßten Handspiegel und ließ Virginia

hineinschauen. Diese konnte ihre selige Befriedigung nicht bemeistern.

Sie blickte in den Spiegel, als erkenne sie sich selbst nicht, und in

ihren Augen war ein beredter Glanz. »Nein, so was«, hauchte sie mit

leisem Kopfschütteln, halb lachend, halb bedauernd.

»Wie gern möchte ich Ihnen die Kette schenken,« sagte Erwin, indem

er sich dicht vor ihr auf dem Stuhl niederließ; »wie glücklich würde

ich sein, wenn Sie eine solche Gabe leicht und frei aufnehmen, ohne

Ziererei und Künstelei empfangen wollten!«

Virginia wurde zuerst purpurrot und danach ganz blaß. Sie hob in einer

energischen Art den Kopf. »Aber Erwin!« rief sie erschrocken, »was

fällt Ihnen denn ein? Ich glaube, Sie halten mich zum besten.«

Mit jener Raschheit, die ihn oft so rätselhaft erscheinen ließ,

veränderte sich Erwins Wesen zum Feierlichen und Gehaltenen. »Es ist

mein Ernst,« sagte er; »es ist mein Wille. Es ist mein heftigster

Wunsch. Für Sie allein sind diese Perlen auf die Schnur gereiht worden.

Jene andere war die Berufene, Sie sind die Erwählte. An Ihrem Hals

gleichen sie den gewachsenen Blüten am Zweig. Wozu sie aufbewahren,

wenn man das leblose Kapital in lebendiges verwandeln kann? sehe ich

Sie damit geziert, so genießen meine Augen die Zinsen. Könnten Sie

doch ein Vorurteil verachten, das so albern und müßig ist, daß es mich

ekelt, davon zu reden, so würden Sie mich reicher machen als ich bin

und sich selbst kostbarer und beschwingter.«

»Aber Erwin! Erwin!« unterbrach ihn Virginia mit ungewöhnlicher

Lebhaftigkeit und legte im Eifer ihre beiden Hände sacht auf seinen

Arm, eine Berührung, die ihm einen traumhaften Genuß verschaffte, »das

ist ja alles Unsinn. Sie wissen genau so gut wie ich, daß ich das

nicht annehmen könnte. Es gibt Gesetze, die für Sie vielleicht nicht

gelten, die ich aber nicht übertreten darf, ohne ins Abenteuerliche

zu geraten. Und Sie wissen das, Erwin, Sie wissen es, Sie wollen mich

nur auf die Probe stellen. Mein Gott, wie käm’ ich auch dazu! Schnell,

schnell, herunter mit dem Ding, Sie machen einem ja ganz heiß, räumen

Sie’s weg, daß ich’s nicht mehr sehe.«

Entzückend, dachte Erwin, entzückend, als er die stürmische, liebliche

Beweglichkeit verfolgte, mit der sie das Kollier abnahm und ihm

überreichte, wie wahr, wie einfach die Angst, wie ungeheuchelt das

Begehren! »Ich werde an Manfred schreiben,« versetzte er gelassen wie

ein Notar, der einen Vertrag bespricht, »ich werde bei ihm in aller

Form um die Erlaubnis ansuchen, Ihnen das Halsband verehren zu dürfen,

– als ein Bundeszeichen von ihm zu mir, von mir zu Ihnen. Ich bin

überzeugt, daß er die Sache so betrachten wird, wie ein Mann von seinem

Charakter und seinen Anschauungen sie betrachten muß. Würden Sie sich

dann noch sträuben?«

»Gewiß,« antwortete Virginia mit festem Blick; »Manfred kann doch nicht

Richter über uns beide sein.«

»Vortrefflich, ah, vortrefflich,« rief Erwin belustigt, »jetzt

ergreifen Sie schon die Flucht, und wie schlau noch dazu.« Gar nicht

schlau, dachte er triumphierend für sich, sie fängt sich ja mit diesem

famosen Wort: Richter über uns beide. »In wenigen Wochen können wir

Manfreds Bescheid haben,« fuhr er fort, »und dann sehe ich keinen Grund

mehr für Sie, eigensinnig zu sein. Manfred kennt mich und weiß, daß er

mich beleidigen würde durch jedes Wie oder Warum oder Aber. Eines Tages

werde ich seine Einwilligung haben, und ich werde vor Ihnen erscheinen

und die Kette um Ihren Hals hängen. Wenn Sie wollen, mit verbundenen

Augen.«

Da nun Virginia inne wurde, daß ein wahrhaftiger Ernst hinter all dem

steckte und nicht bloß ein versucherisches Spiel, entschwand ihre

heitere Sicherheit. Sie schaute bang vor sich hin, das Herz klopfte

ihr, und sie wußte nichts mehr zu sagen.

»Freilich, es gibt keinen uneigennützigen Schenker, es gibt kein

Geschenk ohne Hoffnung auf Entgelt«, fuhr Erwin mit einer Kühnheit

fort, die er nur wagte, weil er es für gefahrloser hielt, sie

auszusprechen, als sie der stillen Überlegung Virginias zu überlassen.

»Lange genug waren Sie streng und unzugänglich für mich, und alles, was

ich verlange, ist Ihre freundliche Gesinnung. Ich bilde mir natürlich

nicht ein, diese Gesinnung erkaufen zu können, das hieße niedrig von

uns beiden denken. Kein Kauf soll es sein, ein Opfer soll es sein, eine

Opfergabe, eine Entäußerung, das ist es, das ist das rechte Wort: eine

Entäußerung.«

»Eine Entäußerung?« wiederholte Virginia mechanisch und in beklommener

Nachdenklichkeit.

Erwin nahm ihre Hand in die seine, und sie ließ es geschehen. »Schauen

Sie mich einmal ganz offen und ohne zurückweichende Befangenheit an,

Virginia«, bat oder vielmehr befahl er.

Sie gehorchte. Sie lächelte. Es war etwas Seltsames um dieses

zaudernde, fliehende, ungewisse und dennoch aufrichtige und gütige

Lächeln.

»Können Sie Vertrauen zu mir haben?« fragte Erwin. »Ich will, daß

Sie mir vertrauen. Auch Sie müssen sich entäußern. Sie müssen sich

der uralten, sinnlich-übersinnlichen Feindseligkeit entäußern, die

zwischen den Geschlechtern herrscht wie ein Grenzstreit. Es soll kein

Grenzstreit sein zwischen uns, es soll Frieden sein, geschwisterlicher

Frieden. Inmitten der Menschenwüstenei lebt sich’s schön im Zelte des

Vertrauens, Virginia.«

Virginia schwieg. Sie erhob sich nach einer Weile und schüttelte ernst

den Kopf. Es war ihr nicht unbefangen zumute. Erwins Worte sollten ja

wohl unbefangen klingen, in einem höheren Sinn, aber ihr war nicht

so zumute. Sie zog die Uhr aus dem Gürtel und sagte etwas bedrückt:

»Marianne bleibt lang.«

Erwin antwortete nicht. Virginia, immer noch erregt und verwirrt, trat

auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Bitte, Erwin, lassen Sie

uns nie mehr davon sprechen. Ich will ja gern Ihre Freundin sein, aber

eben deshalb lassen Sie uns davon nicht mehr sprechen.«

»Gut; wir werden nicht mehr davon – sprechen«, entgegnete er mit

eigentümlicher Verhaltenheit, indem er das Haupt langsam senkte und

ihre Hand langsam hob, um seine Lippen darauf zu drücken.

In diesem Augenblick trat Wichtel mit dem Samowar ein, und nach kurzer

Weile kam auch Marianne. Sie blieb schweigsam und rauchte eine ziemlich

große Anzahl ihrer winzigen Zigaretten. Ihre forschenden Blicke

wanderten von Erwin zu Virginia, von Virginia zu Erwin. Um sechs Uhr

brachen die jungen Damen auf.

Die Masken Erwin Reiners · 第 8 / 20 题