Virginia hatte die Gewohnheit, sich nachts, wenn sie aus dem Schlaf
erwachte, ans Fenster zu begeben und dort in einem Sinnen, das die
Erlebnisse des Tages spielend streifte, so lange zu verweilen, bis sie
den Schlummer wieder nahen fühlte. Sie tat es auch in dieser Nacht.
Einen gelben Überhang um die Schultern, der vor der Brust geschlossen
war, saß sie in der Dunkelheit und schaute in den mondbeschienenen Hof.
Mit wunderlichem Gruseln roch sie die eigene Leibeswärme.
In solchen Stunden denkt man nicht; man läßt sich hinziehen von
Befürchtungen zu Erwartungen, geheimnisvoller Ehrgeiz treibt im Dämmern
der Seele schillernde Blasen. Virginia war fast noch traumbefangen.
Unter den Bildern, die sie gegenwärtig hielt, war das ihrer eigenen
Erscheinung, wie sie sich im Spiegel gesehen hatte, mit der Perlenkette
um den Hals, zugleich berückend und unheilvoll.
Ich hätte ablehnender sein sollen, dachte sie erregt und ballte schnell
die Faust; dann: es könnte mir gehören; dann wieder: wie hat er es
wagen können?
Am andern Morgen schrieb sie an Manfred. Sie bedurfte der Aussprache,
um Klarheit zu gewinnen, aber sie konnte nicht schlüssig werden, wie
sie die Geschichte mit dem Halsband schildern sollte. Scherzhaft?
Daran hinderte sie die Erinnerung an Erwins Dringlichkeit und Wärme.
Gewichtig? Dann konnte Manfred glauben, sie sei wünschevoll und
unbescheiden.
Indem sie sich so mühte, die rechte Art zu finden, bezichtigte sie sich
schon der Unehrlichkeit. Ihre Hand widerstrebte dem Wort, ihre Feder
der Hand, Manfreds fernes Antlitz verbarg sich wie hinter Schleiern,
und was sie schon niedergeschrieben hatte, glich einer Rede in die
leere Luft.
Der Zufall fügte es, daß während dieses Zwiespaltes der Postbote einen
Brief von Manfred brachte.
Der Brief kam von der Stadt Colombo auf Ceylon. Als er ihr schrieb,
war Manfred schon über die wissenswerten Vorgänge daheim unterrichtet.
Er hatte Kenntnis von dem Duell, er hatte Kenntnis davon, daß Erwin
der beengten Wirtschaftslage des kleinen Geßnerschen Haushaltes durch
einen entschlossenen Handstreich zu Hilfe gekommen war. Dies letztere
hatte er von Erwin selbst erfahren, und der Ausdruck »entschlossener
Handstreich« war Erwins eigener. Was Virginia darüber gemeldet,
hätte Manfred keine Deutlichkeit geben können, in Erwins Erzählung
war der Ton herzlicher Teilnahme mit jenem edlen Spott gemischt, der
Anerkennung oder Dank weit zurückwies und einen ungewöhnlichen Eingriff
als freie Laune betrachtet wissen wollte, unter Männern nicht der
Rede wert. Es war dem Brief nicht zu entnehmen, wie Manfred darüber
dachte; beruhigte ihn nicht das stolze Vertrauen zum Freund, so mußte
die Kunde eines Zweikampfes unter Umständen, welche Virginia derart in
Mitleidenschaft gezogen, eine Verfinsterung seines Herzens erregen.
Aber dem war nicht so. Er schien sich zu sagen: meine Befürchtungen
haben mir nicht umsonst schlimme Bilder vorgemalt, und ich habe einen
Wächter bestellt, dessengleichen es nicht gibt. Wenn Manfred unruhig
war, so war er es im Hinblick auf alle Fährnisse, die dem Auge des
Wächters entgehen mochten, und er riet Virginia, er flehte sie an, in
Erwin einen Bruder zu sehen, mehr als einen Bruder, einen, vor dem sie
kein Geheimnis zu haben brauchte. Und das war viel gesagt.
Im übrigen war der Brief einfach gehalten. Es schien, als ob Manfred
alle Gefühle gewaltsam unterdrückte, die eine heftige Bewegung in
Virginia hervorrufen konnten, als wolle er den klaren Strom ihrer
Neigung nicht durch das Widerspiel der quälenden Sehnsucht trüben, die
er, in so großer Ferne, sicherlich über jedes Mitteilbare hinaus hegte.
Bis auf eine einzige Stelle war er sachlich, fast ein wenig pedantisch
in der Schilderung von Zuständen und Begebnissen, fast ein wenig zu
spirituell in der Andeutung dessen, was ihn beschäftigte und wonach er
strebte. Die Einsamkeit war zu spüren, in der er sich unter arbeitenden
Gefährten befand. »Ich untersuche Radiolarien, Salpen, Medusen und
Siphonophoren, lauter winzige Tierchen, die wir mit dem Schleppnetz aus
dem Ozean fischen und von denen gewisse Arten nachts die Fläche des
Meeres mit Feuer bedecken, so daß ich oft stundenlang schaue, Orion,
Bär und südliches Kreuz über mir am Sternenhimmel, und der dumpfe
Wellenschlag am Holz des Schiffes macht mich traurig, ich weiß nicht
warum.
»Ich habe hier im Bungalow eines vornehmen Engländers, an den ich
Empfehlungen hatte, gastliche Aufnahme gefunden, da der ›Phönix‹
im Hafen von Colombo drei Wochen lang verankert bleibt. Ich wandle
im Paradies, zumindest im Paradies der Pflanzen. Alles gedeiht ins
Riesenhafte: die Arekapalme, die Kokospalme, die Pisange, Bambusen
und Benyanen, der Brotfruchtbaum, die Melone, die Pfeffererbse. In
reizenden Festons und Kränzen hängen Schmarotzerblüten von allen
Ästen, und unten bilden die kolossalen Blätter der Bananen, Caladien,
Cassaven, die Farne, Orchideen und Lianen ein undurchdringliches
Gewirr. Schilfrohr, das bei uns drei Fuß hoch wächst, strebt dreißig
Meter hoch empor; unsere kümmerliche Alpenrose wird zum gigantischen
Rhododendron mit mannsdickem Stamm, und Malven, Euphorbien, Lilien
und Lantanen überwuchern den Boden so, daß das Reiche und Anmutige
zum Unheimlichen wird. Ich glaube, inmitten dieses Übermaßes werden
auch meine Gedanken zum Übermaß getrieben. Ich darf nicht zweifeln:
Zweifel wird schon Verzweiflung; Heimweh ist ein schreckliches Fieber,
das mich toll macht, so daß ich die Zähne in die Faust beiße und mich
am Strand hinwerfe, um das Gesicht ins Wasser zu tauchen. Aber dann
kommt wieder der überirdisch feierliche Frieden eines Abends; die
Frösche rufen mit Glockenstimmen aus den Dschungeln, Flederfüchse
schwirren, und das Meer tönt, wie wenn ein ungeheures Seidenkleid
über ungeheure Marmorplatten schleift. In dieser Stunde seh’ ich dich
am deutlichsten, meine geliebte Virginia! Da glänzt dein Haar, ja,
es glänzt wie der Strom der pelagischen Tiere, die zuweilen mitten
im Ozean eine silberne Straße ziehn; da stehst du vor mir mit einem
Lächeln voll unerwarteter Schelmerei, bist in mir, mein Atem, mein
Gedanke, meine Welt. Und dann sag ich mir: ich bin deiner nicht würdig,
meine Liebe ist zu klein, zu ängstlich und zu selbstsüchtig. Das Feuer
verzehrt sich im Innern, anstatt nach außen zu strahlen, es blendet
mich, anstatt mich stärker und tätiger zu machen. Ich vergleiche mich
mit meinen Kameraden, die verständige und korrekte Menschen sind:
nicht ehrgeizig aber fleißig, nicht glänzend aber tüchtig. Man kann
mit ihnen sympathisieren, ohne lebhaft für sie zu fühlen. Indem ich
mich von ihnen absondere, werde ich meiner Überheblichkeit verstimmend
bewußt. Ich bin verwöhnt, es kann nicht lauter Erwin Reiners geben,
ich habe meine Ansprüche überspannt, und das ist bedenklich. Doch ich
kann nicht mit ihnen reden. Sie sind mir zu ernst oder zu kalt, oder zu
lustig, oder zu simpel, oder zu verzwickt. Ich sehe die Korallengärten
im Meer und denke mir: armselig ist unser Treiben dagegen, denn das
ist auch Fleiß, aber ein Fleiß, der Schönheit erzeugt, Schönheit für
Jahrtausende. Und wir machen Bibliotheken. Speicher sind noch keine
Mühlen, und Mühlen schaffen erst Brot, nicht Glück, nicht Schönheit.
Darf ich dir’s gestehen, Liebste? Es ist ein Aufruhr in mir, ich weiß
nicht wogegen, eine Flamme, eine neue Flamme, ich weiß noch nicht
wofür. Ich habe meine Jugend kraftlos verträumt; ich will anders
werden, ich muß umsatteln; Tüchtigkeit, ja danach verlangt mich, aber
nicht nach jener Tüchtigkeit, die an den Vorteil gespannt ist wie ein
Ochs an den Pflug; nicht an den Ochsen denk’ ich dabei und an den
Pflug, sondern mehr an den Adler, an reine Luft und frischen Wind; und
an dich, die mir Flügel gibt, Mut, Selbstvertrauen und den Willen zur
Verantwortlichkeit. Wenn es einmal in meinem Leben eine innere Abkehr
von Erwin geben wird, so wird sie in der Erkenntnis wurzeln, daß ich
andere Wege gehen muß als er, den das Schicksal zu einem Einzelnen, ja
zu einem Wunder vielleicht in seiner Art gemacht hat, und daß ich mich
nicht werbend und nacheifernd an ihn verlieren darf.«
Manche Stellen dieses Briefes ließen Virginia, bei aller Bereitschaft
zum Mitempfinden, um den geliebten Mann bange werden. Die drangvolle
Leidenschaftlichkeit im Geistigen quälte sie, denn sie hatte keine
Formel dafür. Sie ahnte eine Verwandlung, aber sie konnte nicht Grund
und Ziel ermessen. Nur was sie zärtlich ansprach, was in ihrem innigen
Gefühl ein gegenwerbendes Echo weckte, das ergriff sie mit Freude
und entzückte sich daran. Immer wieder nahm sie den Brief zur Hand,
dessen Problematisches ihr viel zu schaffen machte, und sie wollte ganz
verstehen, wovon Manfred so bewegt und durchströmt war, – Dinge, die
sie jenseits der Liebe geglaubt, die er aber so ausdrucksvoll damit
verknüpfte, daß sie sich verpflichtet hielt, ihm beizustehen. Ein wenig
von der holden Kinderzuversicht ging freilich auf solche Art verloren.
Während ihr Inneres so benommen war, geschah es, daß sie im Flügelschen
Hause einen der Brüder Mariannes kennen lernte, eine Begegnung, die
Marianne sehr unerwünscht war, denn sie sah die Folgen voraus, und
Virginia, die die Widerwilligkeit, mit der ihre Freundin notgedrungen
die Zeremonie der Vorstellung übernahm, wohl vermerkte, fühlte sich
durch das aufdringlich-selbstsichere Wesen des jungen Mannes aufs
entschiedenste abgestoßen. Es war derselbe, der damals augenlos an ihr
vorübergeeilt war, als sie Erwin in Gefahr gewähnt und im Flur draußen
ihn durchs Telephon zu sprechen gewünscht hatte. Sie hatte nicht
vergessen, daß ihr die verstörten und entformten Züge gleichwohl den
Eindruck der Roheit und Verwilderung gemacht hatten.
In der Tat war Sixtus von Flügel ein recht übler Typus der modernen,
jungen Lebewelt; ein Spieler im allerschlimmsten Sinn, ein elegantes
und tückisches Raubtier, einer von jenen Eingefleischten der großen
Metropolen, denen es schwindlig wird, wenn sie keine fünfstöckigen
Häuser mehr um sich sehen, und deren Beruf es ist, keinen Beruf zu
haben. Er war ein Meister der Mode, und ihn beobachten hieß, die Mode
selber, das wetterwendische, lemurische Ding, ihren prahlenden Cancan
aufführen sehen.
Er wollte Virginia nach Hause begleiten. Sie lehnte ab, doch ließ
er sich dies nicht anfechten. Marianne suchte ihn zurückzuhalten,
es fruchtete nicht. Virginias edle Unnahbarkeit hinderte ihn nicht,
zudringlich zu sein. Unter der Hülle einer geschäftsmäßigen Galanterie
sah er in einer Frau ungefähr dasselbe, was ein Taschendieb in fremden
Börsen sieht: etwas zum Eindecken und Mitnehmen. Taschendiebe sind
die Kleinkrämer des Verbrechens, und diese »Herzensräuber« vom Schlage
Sixtus von Flügels betreiben ihr Handwerk zu wahllos und werden zu
leicht durchschaut. Sie sind ganz einfach nur da, um durchschaut zu
werden, aber das wissen sie nicht, und kraft ihrer Unwissenheit sind
sie hartnäckig wie die Hornissen.
Virginia war froh, als sie sich seiner entledigt hatte und daheim war,
aber wie groß war ihr Mißbehagen, als sie, gegen Abend aus dem Hause
tretend, ihn auf sich zukommen sah! Sie erwiderte kalt seinen Gruß
und wollte vorbeigehen; er verstellte ihr den Weg. Es war nicht eben
gemütlich, sie anzuschauen, wenn ihr Auge stolz verachtend glänzte,
aber daraus machte sich der junge Herr nicht das mindeste, denn er
war von seiner Unwiderstehlichkeit durchdrungen. Sie gab ihm zu
verstehen, daß ihr seine Gesellschaft unerwünscht sei; umsonst; sie
antwortete nicht auf seine Fragen, doch ihn störte das nicht, er hielt
Schritt mit ihr, er redete auf sie ein, er war vertraulich, verbissen,
sarkastisch und voll niederträchtiger Anspielungen. Virginia verstummte
ganz. Zorn und Ekel ergriffen sie. Sie flüchtete in einen Laden, er
wartete draußen mit frecher Geduld. Wie gehetzt kam sie nach Haus,
immer an seiner Seite. Sie schrieb ein paar Zeilen an Marianne. Ohne
Erfolg. Am anderen Morgen stand er wieder vorm Tor, als ob er dort
genächtigt hätte. Sie sagte ihm gerade heraus, er möge sie ungeschoren
lassen, er zuckte die Achseln und lachte. Ihr Widerstand erboste ihn.
Er schien einen Spion zu besolden, denn zu welcher Zeit immer sie
das Haus verließ, so dauerte es nicht lange, und er war hinter ihr,
dann neben ihr. Seine klebrige, giftige Zudringlichkeit hatte etwas
Gespensterhaftes. Er schmähte und schmeichelte in einem Atem, er war
beleidigend, dumm und glatt. Einmal am Abend folgte er ihr über die
Treppe hinauf und machte sich lustig über ihre Entrüstung.
Sie war gewohnt, in Reinlichkeit zu leben; der ständigen Besudelung
war ihr Gleichmut nicht gewachsen. Das häßliche Erlebnis erfüllte sie
mit Abscheu, mit leidvollem Erstaunen und endlich mit Gewissensunruhe.
Etwas von dem kühnen Trotz wich aus ihren Zügen, und sie hegte Scheu,
mit andern Menschen zu sprechen. Marianne ließ nichts von sich hören,
sie aufzusuchen konnte sich Virginia nicht entschließen, weil sie nicht
in das Haus des Unholds gehen wollte. Sie überwand sich und teilte sich
der Mutter mit, der ihr verändertes Wesen schon aufgefallen war, die
sich aber niemals einfallen ließ, Virginia auszukundschaften. Sie war
nicht neugierig, und diese Abwesenheit eines weiblichen Gebrechens trug
manches zu dem Eindruck von Vornehmheit bei, den sie machte.
»Da gibt’s nur eines,« erklärte Frau Geßner, »du mußt dich an Erwin
wenden.«
Virginia erschrak bei dem bloßen Gedanken. Sie hatte genug von jener
Duellgeschichte, über die das Gerede noch immer nicht verstummt war.
Sie wies den Vorschlag ab. »Du sonderbares Kind,« meinte Frau Geßner,
»den Menschen wirst du noch oft brauchen, öfter als du denkst.« Ein
Ausspruch, der nicht danach angetan war, Virginia unbesorgter zu
stimmen. »Er hat dich schon lange nicht besucht«, sagte sie zur Mutter.
»Nein. Er macht sich jetzt selten.«
»Findest du, daß er sich selten macht?« versetzte Virginia
nachdenklich. Ȇbrigens ist er nicht in Wien. Er ist beim Grafen
Hennsdorf in Böhmen zu einer Jagd geladen.«
Immerhin, etwas mußte geschehen. Es fügte sich, daß sie im Wandelgang
der Akademie Ulrich Zimmermann traf, der mit einem bekannten Maler
im Gespräch auf und ab ging. Er war beglückt, Virginia zu sehen,
diese fand die Gelegenheit günstig, und unter dem Druck der Umstände
vertraute sie sich ihm an. Er war außer sich. Seine temperamentvolle
Empörung gab Virginia Anlaß zu neuen Befürchtungen. »Was wollen Sie
tun?« fragte sie. »Lassen Sie mich nur machen,« antwortete er feurig,
»ich werde Sie von diesem Desperado befreien.«
Und was machte der unglückselige Dichter? Er fuhr zu Erwin hinaus, der
am selben Tag zurückgekehrt war, erzählte ihm die Schmach, die Virginia
erlitt, fragte, was dagegen zu unternehmen sei, und erbot sich, Sixtus
von Flügel zu fordern. Erwin erblaßte bei der Mitteilung. »Sie sind ein
Narr,« sagte er zu Ulrich Zimmermann; »ich werde den jungen Mann ein
bißchen einschüchtern, verlassen Sie sich darauf. Heut über drei Tage
befindet sich Herr von Flügel nicht mehr in Wien.«
Ulrich Zimmermann staunte.
Die Sache war die, daß Sixtus von Flügel bei Erwin nicht nur tief
verschuldet war, sondern daß er auch vor einiger Zeit auf den Namen
des Freundes seiner Schwester eine bedeutende Fälschung begangen hatte.
Somit war Erwin gegen ihn im Besitz einer stärkeren Waffe, als es
Degen und Pistole sind. Am gleichen Mittag zwischen zwölf und ein Uhr
fand sich Erwin im Flügelschen Hause ein. Marianne hatte ihn erwartet,
Sixtus war wie vor ein Gericht bestellt worden. Die Unterredung
dauerte nicht lange. Erwin war unerregt und stellte mit eisiger
Ruhe seine Bedingungen, deren Nichterfüllung Skandal und Schande
hervorrufen würde. Sixtus mußte sich dazu entschließen, einen demütigen
Abbittebrief, den ihm Erwin in die Feder diktierte, an Virginia zu
richten; ferner mußte er einen Schein unterschreiben, worin er das
ehrenwörtliche Versprechen gab, für die Dauer eines Jahres nach Paris
oder London zu gehen, gleichviel wohin, jedenfalls aber Wien zu meiden.
Dagegen verpflichtete sich Erwin, seine dringlichsten Schulden zu
zahlen und ihm überdies eine mäßige Summe für seinen Unterhalt während
der nächsten Monate auszusetzen.
Die Wut und die Erniedrigung verwandelten den jungen Mann in ein
Steinbild. Wäre nicht Marianne gewesen, die etwas wie eine seelische
Gewalt über ihn ausübte, er hätte in der Raserei, die ihn durchtobte,
Unheil angerichtet. So fügte er sich knirschend.
Von dieser Stunde an trug Marianne gegen Virginia unauslöschlichen
Haß, jedoch schien es ihr noch nicht an der Zeit, ein solches Gefühl
zu offenbaren. Sie verschloß es in ihrem Busen, um es reifen zu
lassen. Der Haß hat seine Sehnsucht, wie die Liebe. Als es Abend
wurde, begab sie sich in Virginias Wohnung. Virginia hatte schon den
Entschuldigungsbrief erhalten und war verwundert über die zauberhafte
Schnelligkeit, mit der Ulrich Zimmermann sein Gelöbnis erfüllt hatte.
»Ach, Virginia,« sagte Marianne mit sanftem Vorwurf, »hätten Sie doch
noch ein wenig Geduld gehabt, ich hätte alles in Ordnung gebracht. Mein
Bruder ist ein unleidlicher Wildfang, aber im Grunde seines Herzens
ist er ein Kind. Nun haben Sie Erwin auf ihn gehetzt, von dem er in
Geldabhängigkeit ist, und wer weiß, was daraus entstehen kann. Das war
nicht freundschaftlich gehandelt.«
Virginia war sprachlos. »Ich hätte Erwin auf ihn gehetzt?« flüsterte
sie endlich.
»Ja natürlich; woher hätt’ es denn Erwin wissen können?«
»Sie dürfen mir glauben, Marianne, daß das ohne meinen Willen geschehen
ist«, versicherte Virginia hastig. Gerade Erwins Dazwischentreten habe
sie vermeiden wollen und sich deswegen an Ulrich Zimmermann gewendet.
»Das ist gerade so, wie wenn Sie sich an Erwins Rockschoß gehängt
hätten«, antwortete Marianne trocken. »Man sollte wirklich denken, daß
Sixtus ein Menschenfresser ist«, fügte sie ärgerlich hinzu, lenkte
jedoch rasch ein, als sie wahrnahm, daß Virginias Blick befremdet und
funkelnd auf ihr ruhte. »Sie haben ja Recht,« sagte sie, »und mein
Bruder sieht es ein. Er ist in Sie verliebt, und um der Geschichte
ein Ende zu machen, reist er morgen für ein Jahr ins Ausland. Sie
können also wieder in Frieden Ihre Straße ziehen, der Wegelagerer ist
nicht mehr zu fürchten. Dummer Teufel, der er ist, hat keine Kunst und
keine Feinheit.« Nach diesem kleinen Nadelstich, der aber sein Ziel
verfehlte, zog sie ihr Döschen heraus und fing an zu rauchen.
Virginia trug Ulrich Zimmermann einen um so tieferen Unwillen nach,
als sie sich durch diesen Verlauf in eine immer unzerreißbarere
Verbindlichkeit gegen Erwin getrieben sah. Ihr war, als regiere ein
herrischer Arm über ihrem Leben, behüte sie, das wohl, heische aber
auch Gehorsam und Dank dafür. Sie zollte ihm Dank; dankbar zu sein,
lag im Kern ihres Wesens, doch die Umstände waren gar zu heikel und
erzeugten Fesseln, von denen sie sich unfroh gehemmt fühlte. Dazu
kam die Unsicherheit, wie er all dies aufgenommen: ob er es nicht im
stillen tadelte und unehrlich fand, daß sie sich an einen Dritten
gewandt, da er doch der Meinung sein mußte, der Umweg sei nur ein
Verlegenheitsspiel gewesen.
An einem der nächsten Vormittage ging sie über den Graben, und schon
von weitem erblickte sie Erwin in einer Gesellschaft von zwei Herren
und zwei Damen, höchst elegant gekleideten Leuten. Alle fünf Personen
waren in einem heiter belebten Gespräch, und als Erwin Virginia
erblickte und näher kommen sah, flammten seine Augen eine Sekunde
lang auf, und er entschloß sich zu einer ebenso verwegenen wie
raffinierten Komödie. Er redete nämlich mit den beiden Damen weiter,
die, überrascht von Virginias Erscheinung, sie mit schiefen Blicken
verfolgten, Blicken, die für Männer peinlich und unergründlich und eine
Mischung von Feindseligkeit, Wohlwollen, Neugier und Verrat sind. Er
redete ruhig weiter, während er seine Augen an Virginias Augen vorbei
auf ihre Wange heftete und sie vorübergehen ließ, ohne sie zu grüßen.
Virginia hatte sich schon zum Gruß bereitet; sie hatte schon die Lippen
zu freundlichem Lächeln gehoben, und als das Unerwartete eingetreten
war, wußte sie nicht, wie ihr geschah, glaubte sie in die Erde
versinken zu müssen. Am liebsten hätte sie sich gegen die Mauer eines
Hauses gelehnt, denn Schwäche überfiel sie, und sie dachte im Verfluß
weniger Sekunden an viele Dinge wie einer, der in einen Abgrund stürzt.
Mit Mühe schleppte sie sich zu einem Einspänner, fuhr nach Hause, und
dort wurde ihr so übel, daß sie sich aufs Sofa legte.
* * * * *
Erwin hatte in der letzten Zeit Virginias Nähe nicht ohne Plan
gemieden. Da es zu seinen mystischen Überzeugungen gehörte, daß
nicht nur der Wille zum Ziel führt, sondern daß auch das Ziel den
Willen bindet und an sich reißt, wähnte er der handelnden Anteilnahme
entraten zu können, wenn die Erzeugung und Entladung großer Spannungen
gültigen Ersatz für die kleinen und alltäglichen Fortschritte boten.
Er arbeitete, hörte Kollegien, hielt selbst Vorträge in der Aula, zu
denen sich ein erlesenes Publikum drängte, er ritt, er focht, spielte
Tennis und Fußball, ging ins Theater, in Gesellschaft, pflegte seine
zahllosen Beziehungen mit Umsicht und Kaltblütigkeit, aber in dieser
wechselreichen Bewegung blieb Virginia der Augenpunkt wie ein ferner
Leuchtturm für ein nachtfahrendes Fischerboot.
Um diese Zeit war es auch, daß das Verhältnis mit Helene Zurmühlen
seine Reife erlangte und einen Charakter annahm, der das Schicksal der
jungen Frau besiegelte.
Helene Zurmühlen stammte aus einem guten Haus; die Kynasts waren eine
alte, hochangesehene Patrizierfamilie. Helene hatte mit achtzehn Jahren
geheiratet. Frühreif, wie sie gewesen war, hatte sie den Zwang der
Jungmädchenschaft als drückend empfunden. Robert Zurmühlen, den sie in
sich verliebt zu machen gewußt, behandelte sie auch in der Ehe wie ein
höheres Wesen. Das Talent, das ihm zum Kaufmann großen Stils fehlte und
das eine Mischung von strategischen und rechnerischen Fähigkeiten ist,
ersetzte er durch den zähen Fleiß eines Mannes, der jeden Daseinsgenuß
zu opfern vermag, um reich zu werden. Denn Helene sehnte sich nach
Reichtum. Sie hatte ein Kind von fünf Jahren. Sie schien glücklich
zu sein. Sie achtete ihren Mann, sie schien ihn zu lieben. Er stand
völlig unter ihrer Botmäßigkeit; sie suchte ihn zur Eleganz, zu einem
weltmännischen Gehaben zu erziehen und wollte ihm Geschmack an moderner
Literatur beibringen. Doch er war kleinlich, in Gelddingen krämerhaft,
das verdroß sie, und sie kämpfte vergebens gegen diesen Fehler. Er
hatte zahlreiche Verwandte in der Stadt, und Helene sah sich gezwungen,
einen großen Teil ihrer Zeit diesen fremden und gleichgültigen Menschen
zu widmen. Sie schien bescheiden, aber entsagungsvoll; sie war
aufregungsbedürftig und stellte sich blasiert, war lecker, naschhaft,
ja ausgehungert und stellte sich übersättigt, war menschensüchtig und
stellte sich weltmüde. Keineswegs nur aus Lust an der Gebärde; der
Zwiespalt lag wie eine angeborene Krankheit tief in ihrer Natur.
Einige Seelenforscher versichern, daß die in der bürgerlichen Welt
zutage tretenden Leidenschaften vornehmlich von Freiwilligkeit
regiert werden, was ungefähr dasselbe heißen will, wie wenn man eine
Feuersbrunst auf Brandstiftung zurückführt. Vom ersten Augenblick an,
wo sie Erwin Reiner durch Vermittlung ihres Bruders kennen lernte,
war es für Helene ausgemacht, daß sie diesen Mann gewinnen müsse. Er
zeigte sich ihr als der wahrgewordene unter den kühnsten ihrer Träume.
Sie fühlte ihre vollkommene Wehrlosigkeit gegen ihn. Sie war geblendet
und erlag der Energie seiner Persönlichkeit mit einer fatalistischen
Ruhe. Es war noch nicht gewiß, ob er sie vom Boden aufheben würde,
aber sie kniete schon, erschöpft vom Horchen, vom Zuschauen, vom
Warten, angewidert von Familienabenden, gelangweilt von Pflichten und
Rücksichten, sie, die stets von Pflichten und Rücksichten sprach und
einem Schutzengel der Tugend glich. Was setzest du aufs Spiel? fragte
Erwin, der die Eroberung zu leicht fand. Mich! antwortete Helene.
Dieses Temperament des Vornichtszurückschreckens hatte immerhin den
Kitzel der Neuheit. Erwin bedurfte keiner Worte, keiner Künste, keiner
Beteuerung, keiner Narkose; hier hatte eine Macht, die er kennen mußte,
da er einer ihrer Emissäre und Agenten war, so umfassend vorgearbeitet,
daß ihm eigentlich nichts mehr zu tun übrig blieb.
Aber die Frau gefiel ihm. Sie war zierlich, außerordentlich zierlich.
Sie gefiel ihm, wie ihm eine kostbare Vase gefallen hätte. Er verglich
sie mit einem Nokturno von Chopin, stimmungsvoll vorgetragen. Sie hatte
Poesie; sie hatte Witz und Schliff. Es beschäftigte ihn angenehm,
das lüsterne Herzchen mit Leckerbissen aus seiner sublimen Küche zu
füttern. Er übte sich an ihr; er konnte nachlässig sein und befeuert
sein, er konnte schwermütig sein und rebellisch sein, er konnte lächeln
wie ein Faun oder wie Apoll, für Helene verlor er nie von seinem Wert;
sie bewunderte seine meisterhafte Haltung.
Wie verführt man ein junges Mädchen? fragte sich Erwin; indem man
sich zu ihrem Ideal macht. Nichts ist leichter und einfacher. Wie
verführt man eine Braut? Indem man ihre Ideale revolutioniert. Das ist
schwer und mühevoll. Bei einer verheirateten Frau jedoch hat man nur
nötig, gegen den Gatten Kehrt zu machen, indem man die Vesprechungen
erfüllt, die er nicht eingelöst hat. Die Größe in Erwins Lebensführung,
die Freiheit seines Geistes, die Tiefe seiner Ansichten war es wohl
zunächst, was Helene bezauberte; aber wodurch sie sich ihm bis zur
Selbstvergessenheit unterworfen fühlte, das war seine Zärtlichkeit. Er
verwöhnte sie durch Zärtlichkeit, er verwandelte sie in eine Sklavin
durch Zärtlichkeit, er wußte sie aufzuschüren, freudig, glühend, ja
bacchantisch zu stimmen durch Zärtlichkeit. Sie hatte nie dergleichen
für möglich gehalten, schon sein anrührendes Wort verwandelte sie;
alles Kleinmütige und Hausbackene entschwand, und die Beunruhigungen
des Gewissens erschienen ihr in seiner Nähe, durch die Kraft seiner
Zärtlichkeit, so banal wie das Lampenfieber. Sie war nicht mehr die
anständig gewesene Frau, die Ehebruch beging und mit Pein und Schauder
über die gewundenen Pfade der Heimlichkeit schritt; sie war in seinen
Armen über solch niedriges Los hinausgerückt, und so lange seine Arme
sie hielten, konnte sie nicht fallen. Mit erstaunlicher Sicherheit
hatte Erwin erkannt, daß er dieses im Kern erschlaffte Geschöpf durch
sinnliche Entflammungen nur noch verderblicher erschlaffen würde;
demgemäß war seine Zärtlichkeit so vielfältig, so besonders, so fremd,
so geistig, so behutsam, so tiefgründig, daß es oft den Anschein hatte,
als wolle er eine neue Art von Liebesgefühl und Verlockung erzeugen,
und die Wirkung, die er ausübte, half ihm hinweg über die Ärmlichkeit
und Flüchtigkeit der Beziehung zu einer Frau, die leer war, nachdem
sie sich geschenkt hatte. Ja, er probierte, er erfand, er forschte
nach dem unwiderstehlichen Mittel, dem Rezept der Rezepte; es war für
ihn gleichsam ein Versuch am Gipsmodell vor der Arbeit gegenüber der
lebenden Figur.
Vielleicht, da er nun so im tiefen Spiele war, sollte es eine
Fortsetzung des Spieles sein, was ihn bewogen hatte, Virginia
vorübergehen zu lassen, ohne sie zu grüßen. Planlos geschah es nicht.
Er zerbrach für eine Stunde die Kette, die er dann um so fester
schmieden konnte.
Genau eine Stunde später war er in Virginias Wohnung.
»Sagen Sie mir um Gotteswillen, bin ich Ihnen nicht vorhin in der Stadt
begegnet?« fing er an. »Es ist mir wie ein Traum.«
Virginia war noch immer verstört, aber sie atmete auf. »Was war denn
das?« flüsterte sie mit nicht verhehltem Unwillen.
»Ich bitte tausendmal um Verzeihung«, sagte Erwin; »es war eine
Halluzination, oder vielmehr die sonderbarste Umkehr von Halluzination.
Sie sind zu jeder Zeit in meiner Vorstellung so gegenwärtig, daß es mir
wie einem Kind ergangen ist, wenn es sich tagelang auf seine Mutter
gefreut hat, und wenn die Mutter wirklich ins Zimmer tritt, sich
benimmt, als wäre sie gar nicht fortgewesen. Etwas Ähnliches ist mir
nie passiert. Verzeihen Sie mir.«
Er schien es sehr ernst zu nehmen, das versöhnte Virginia, und
sie mußte sogar lachen. Im Grunde war sie froh, an den häßlichen
Zwischenfall nicht mehr denken zu müssen. »Ich habe noch eine Bitte«,
begann Erwin wieder; »ich gebe Ende nächster Woche meinen Freunden und
vielen andern Leuten, denen ich gesellschaftlich verpflichtet bin,
einen Abend, eine Art von Fest, wenn Sie wollen. Frau von Resowsky wird
die Liebenswürdigkeit haben, die Honneurs zu machen. Darf ich Sie und
Ihre Mutter dazu einladen?«
»Die Mutter geht nicht in Gesellschaft«, erwiderte Virginia rasch und
im Gefühl, daß die Anwesenheit der Mutter gar nicht gewünscht werde;
»davor hat sie Angst wie vor einem Eisenbahnunglück.«
»Das wird mich aber hoffentlich nicht Ihrer Gegenwart berauben«,
versetzte Erwin förmlich. »Wenn ja, so würde ich allen Leuten noch in
letzter Stunde absagen«, fügte er hinzu, als er eine Bedenklichkeit bei
Virginia bemerkte. »Ich habe Sie mir versprochen; es ist mir wichtig,
daß Sie da sind, und Sie werden da sein.«
Oho, dachte Virginia erstaunt, so spricht man mit mir? Sie versuchte
zu lächeln, konnte aber Erwins Blick nicht ertragen. Es kam plötzlich
etwas Schweres, schwer zu Tragendes über sie, und sie wußte nicht,
woher es kam.
»Ihre Weigerung würde Unglück für mein Haus bedeuten«, fuhr Erwin
hartnäckig fort.
»Sind Sie denn abergläubisch?«
»Ich bin abergläubisch wie alle, die nichts als sich selber haben, um
daran zu glauben. Geben Sie mir Ihr Jawort und Ihre Hand.«
Virginia gab ihr Jawort, aber nicht ihre Hand. In der Küche draußen
ließ Frau Geßner die Wasserleitung plätschern. Virginia trat langsam
zum Fenster. Erwins Nüstern flogen, als er ihren edelschleichenden Gang
bis in die Einzelheiten des Rockfaltenwurfs verfolgte. Mein, mein,
mein, mein, jubelte es in ihm.
Ihre offensichtliche Verstimmung tat ihm wundersam wohl, wie ein
Nachthauch, wenn man aus erhitzten Zimmern tritt. Es war etwas so
Pflanzenhaftes an ihrem plötzlichen Traurigsein, etwas, was gleichsam
mit dem Mond zusammenhing und an den Fall von Sternen erinnerte. Dies
liebte er in den Frauen, dies Wurzeln in dunkler Erde und Auftasten zu
den Sphären.
Es konnte ihm in der Folge nicht entgehen, daß sie scheuer geworden
war, seit er sie vor den Nachstellungen des jungen Flügel gerettet.
Ulrich Zimmermann hatte ihm da einen vortrefflichen Dienst erwiesen.
Doch Ulrich selbst war untröstlich, denn er war von Marianne belehrt
worden, wie sehr Virginia gegen ihn erzürnt sei. Der Anlaß wurde ihm
nicht klar, er dachte entschlossen gehandelt zu haben, und als er
eines Nachmittags zu Erwin kam und ihm dieser sagte, Virginia rechne
ihm sein Benehmen als Feigheit, ja fast als Verrat an, war er wie aus
den Wolken gefallen. Und plötzlich begriff er. Er sprang von seinem
Stuhl und wollte fortstürzen. »Wohin?« rief Erwin streng. – »Zu ihr.« –
»Das lassen Sie nur hübsch bleiben«, sagte Erwin stirnrunzelnd. »Eine
Dummheit erklären wollen, heißt sie verdoppeln. Sie sind mir ein wenig
Haltung schuldig, mein Freund. Am Samstag treffen Sie Virginia hier.
Bei der Gelegenheit können Sie ihr sagen, daß ich mit Sixtus Flügel
eine alte Rechnung ausgeglichen und zu meinen Gunsten bilanziert habe.
Ich selbst habe mit ihr noch nicht über die Geschichte gesprochen, und
ich wäre froh, wenn sie sich mir gegenüber frei fühlte. Das kann sie,
wenn sie erfährt, daß ich dabei meinen Nutzen gehabt habe.«
»Diese Politik ist mir zu gewunden«, antwortete Ulrich Zimmermann
mürrisch, aber er fügte sich, weil er mußte. Er war gekommen, weil
er Geld brauchte. Stumm saß er hinter Erwins Sessel, der an seinem
Schreibtisch arbeitete. Es vergingen anderthalb Stunden, deren
Schweigen nur von den wiederkehrenden Glockentrillern der kostbaren
Spieluhr auf dem Kamin unterbrochen wurde. Endlich stand Erwin
hochatmend auf. »Wie viel wollen Sie?« wandte er sich freundlich an
Ulrich Zimmermann, dessen Anwesenheit er vergessen zu haben schien.
Ulrich errötete. »Riecht man denn das, wenn einer Geld braucht?« fragte
er mit wehmütigem Humor. »Ach, könnten Sie ahnen, was es heißt, um
Geld zu bitten!« fuhr er ungestüm fort. »Den Mörder bittet man um das
Leben, und man fühlt sich nicht gedemütigt, aber vom Reichen, und ist
er ein Freund, Geld fordern, heißt sich grenzenlos erniedrigen. Und das
Furchtbarste: stets genießt der Gebende, was der Empfangende so schwer
verwindet.«
»Der gibt schlecht, der nicht dankt, wenn er gibt«, stimmte Erwin bei,
den die Großherzigkeit und Beschwingtheit in Ulrichs Worten sympathisch
berührte.
Als Ulrich Zimmermann die Villa verlassen hatte, blieb er auf der
Straße stehen und schaute nachdenklich zurück. Sein Blick fiel auf das
Giebeldreieck, auf welchem in den Stein gemeißelt das Wort »Sansara« zu
lesen war. Das war der Name von Erwins Haus.
»Sansara,« murmelte Ulrich, seinen Weg fortsetzend, »Sansara!« Das hat
Pathos, grübelte er, das hat Hintergrund. Plakatierte Metaphysik. Der
Übermut des Besitzes erweist der Religion der Armut seine Ehrfurcht.
Die asiatische Firmentafel, gerade gut genug über der Zwingburg
europäischer Geistigkeit. Der Bürgeraristokrat macht einen platonischen
Purzelbaum zum Nabel des Buddha und verewigt sein Kunststück durch eine
steinerne Fanfare.
Aber sollte darin nicht auch etwas Ergreifendes liegen? fragte sich
der junge Dichter; der aufgestachelte Widerpart des Gottlosen gegen
den Despotismus einer unbeseelten Ordnung? Flucht vor der dutzendmäßig
beschnittenen Gemeinheit aller übrigen Geschicke? Tröstlich vermessenes
Aug-in-Auge-stehen gegen eine Gewalt, die man am Ende doch selber
aufgerichtet hat, um nicht in den luftleeren Raum zu stürzen? Ich
könnte meinem Buch den Titel geben: Mirowitsch oder die wesenlose
Opposition.
* * * * *
Virginia war um halb acht Uhr fix und fertig. Sie trug ein Kleid
aus veilchenblauem Battistlinon, verziert mit irischen Spitzen. Der
Brustausschnitt war bescheiden. Das Haar war zu einem griechischen
Knoten geknüpft. »Nein, das ist zu schön, zu schön«, rief Frau Geßner
immer wieder und streichelte das Kleid mit zagen Fingern.
Virginia wünschte, daß Manfred sie sehen könnte; doch stünd ich hier,
fuhr es ihr durch den Sinn, stünd ich so hier, wie ich bin, wenn
er mich sehen könnte? Sie heftete den Blick in den Spiegel, – fast
mißbilligend. Man rief nach ihr, so schien es, und ungern folgte sie,
obgleich erglüht.
Sie hatte einen Wagen bestellt und fuhr hinaus. Vor dem Eingang zur
Villa stand eine lange Reihe von Fiakern und Automobilen. Man konnte
einen Teil des Parkes wahrnehmen und sah Lampions unter den Bäumen.
Jede Frau, die in festlichem Anzug einen Ballsaal, ein Theater, einen
Salon betritt, zeigt das nämliche alberne, besorgte, trunkene und
phantastische Lächeln, als ob sie sagen wolle: jetzt kommt das große
Unerwartete. Virginia beobachtete dies, während sie sich in der Halle
ihres Mantels entledigte. Ein Diener half ihr dabei. Wichtel, kaum daß
er Virginia gesehen, ging, um seinen Herrn zu benachrichtigen. Erwin
kam. »Ich muß zwei Worte mit Ihnen sprechen«, raunte er ihr zu. Sie
folgte ihm betroffen in ein kleines, von dem orangeroten Licht einer
Ampel beleuchtetes Gemach. Er schloß die Tür.
»Was bedeutet das?« fragte sie ängstlich.
Er legte den Finger an die Lippen, riß hurtig eine Lade auf und hielt
ihr das Perlenhalsband zwischen beiden vorgestreckten Händen entgegen.
Ohne den Blick abzuwenden, trat Virginia einen Schritt zurück. »Sie
haben mir versprochen –« stammelte sie.
»Ich habe nicht davon geredet«, erwiderte er mit verführendem Lächeln.
Virginia wich noch weiter gegen die Tür. Erwin folgte mit der Kette.
»Wir haben keine Zeit zu Verhandlungen«, sagte er leise und mit einem
Lachen in der Stimme. »Fragen Sie nicht! Fragen Sie nicht! Ja, Manfred
hat geschrieben. Soll ich’s Ihnen schwarz auf weiß zeigen? Ich kenne
sein Vertrauen. Er aber kennt Ihr schimpfliches Mißtrauen nicht.« Und
als sie eine abweisende Gebärde machte, einen hilflosen, verwirrten,
bittenden Blick auf ihn warf, flehte er: »Nur diese eine Nacht! Nur
diese eine Stunde! Gönnen Sie meinen Augen die Lust!«
Schon hatte er die Kette um ihren Hals gelegt und klatschte nun
begeistert in die Hände. »Herrlich! Göttlich! Unvergleichlich!«
Eine Uhr tat neun Schläge. Aufruhr und Zorn gegen den Mann, der sie
schmückte, erwachte in Virginia; aber dahinter wirbelte eine ungestüme
Freude. Gut, dachte sie, einen Abend lang, weshalb nicht. In ihrem
Innern glaubte sie nicht mehr an so kurze Dauer. Sie hatte ein
Weihnachtsgefühl, und fand es doch seltsam, daß Manfred eingewilligt,
zumal die verflossene Frist ein wenig knapp schien. Bei alledem ist
wesentlich, daß sie von dem Wert des Schmuckes weder einen Begriff
hatte noch sich Gedanken darüber machte. Ganz von fern stieg in
Sekunden eine Befürchtung auf, ein Schatten, die Schwere eines
Unrechts, der Ruhm der Perle an sich, aber durch jedes Einzelne wähnte
sie den untadeligen Sinn des Gebenden zu beleidigen.
»Vertrauen Sie mir«, sagte Erwin fest, und Kraft, Ermunterung,
Ritterlichkeit, hochaufgerichtete Ritterlichkeit strahlten an ihm.
»Wenn es nur nicht eine Torheit ist«, sagte Virginia, reichte ihm aber
doch die Hand, die kalt war vor Freude sowohl wie vor Bestürzung. An
einem Spiegel vorüberschreitend, erblickte sie die Perlen. Dieser
Moment erfüllte sie mit Glück und Stolz. Ihr war zumute, als sei sie in
ein Märchen versetzt, – und heute wollte sie das Wunderbare gewähren
lassen.
»Und wenn man mich fragte?« wandte sie sich treuherzig an Erwin.
»Marianne zum Beispiel könnte doch fragen.« Sie zögerte wieder. »Nein,
Erwin, nein,« flüsterte sie beklommen, »ich fühle, es geht nicht.«
»Marianne ist nicht hier«, antwortete er kurz, und ein Unwillen, der
ihr Schrecken einflößte, malte sich auf seiner Stirn. »Haben Sie mich
im Verdacht, daß ich mich brüsten werde? Glauben Sie mir nicht? Weiß
ich am Ende Ihre Nachgiebigkeit nicht zu würdigen? Ist Ihr Verlobter
nicht ein Mann, der so ein Halsband auf seinen Kredit beanspruchen
kann?«
Virginia schwieg errötend. Er verließ durch eine Tür zur Linken das
Gemach. Virginia trat wieder in die Halle. Erwin kam draußen auf sie
zu; jetzt verstand sie den Umweg und erschrak aufs neue. Sie war nur
wenige Minuten mit ihm allein gewesen, aber daß es heimliche Minuten
waren, hatte sie nicht bedacht. Er führte sie zu Frau von Resowsky, die
sich liebevoll ihrer annahm und sie von Gruppe zu Gruppe geleitete.
Von den Namen, die man ihr nannte, blieben wenige ihrem Gedächtnis
eingeprägt. Der Glanz des Lichtes betäubte sie. Sie sah nur Umrisse
von Gesichtern, blonde, schwarze, weiße Bärte, viele Blumen, die stark
dufteten, viele Augen wie lebhafte kleine Tiere, die Kleider der Damen
als zartestes Farbengemisch und die Haut ihrer Büsten verletzend wahr
und nahe.
Fast alle blickten sie staunend an. Gleichwohl hatte sie den Eindruck,
daß andere Frauen schöner seien als sie. Sie war durchaus nicht beengt,
sie gewann im Gegenteil mehr und mehr Freiheit durch die Wahrnehmung,
daß es zwischen ihr und den meisten dieser Menschen kein lebendiges
Band gab.
Ulrich Zimmermann trat zu ihr und begrüßte sie. Sehr zur Unzeit fing
er an, die Erklärungen zu stottern, die er sich vorgenommen hatte,
sprach sogar, genau mit Erwins Worten, von einer Rechnung, die jener
»zu seinen Gunsten bilanziert«, aber Virginia schüttelte verwundert
den Kopf und schien alles vergessen zu haben. Plötzlich starrte Ulrich
mit hochgeründeten Brauen auf die Perlenkette. Er hatte Virginia arm
geglaubt, das war aus seinem Erstaunen zu lesen. »Sie tragen ja ein
Vermögen an Ihrem Hals«, sagte er gedrückt, ohne zum Bewußtsein seiner
Taktlosigkeit zu gelangen.
Virginia stutzte; der ferne Schatten wuchs. Dann aber lächelte sie
an Ulrich vorbei. Ein Übermut war auf einmal in ihr, wie sonst nur,
wenn sie tanzlustig war. Ulrich Zimmermann senkte die Stirn vor ihrer
Schönheit.
Das Lampenlicht verlieh dem feinen Sammet ihrer Haut einen metallischen
Glanz. Manche Herren wollten sich erinnern, sie schon gesehen zu haben,
und drückten es in schmeichelhafter Weise aus. Graf Palester, blaß,
ernst, kalt, verschlossen, verbeugte sich korrekt, ohne das Wort an
sie zu richten. Jedoch war er nur ihretwegen der Einladung Erwins
gefolgt.
Einige Attachees umringten sie; ein japanischer Arzt, ein paar junge
Statthaltereibeamte wurden ihr vorgestellt. Sodann machte Erwin sie
mit Helene Zurmühlen und deren Gatten bekannt. Helene erschien ihr
wie ein Spielzeug, und in der Tat war die Gestalt der jungen Frau von
einer fast unnatürlichen Schlankheit. In ihrem Gang war der edelste
Anstand, und eine Vorsicht, als lägen überall Steine. Alles schien
zerbrechlich an ihr, der rührend weiße Hals, die apathischen Arme, die
mageren, gelben Hände, die oft zu Fäusten geballt waren wie bei kleinen
Kindern, wenn sie schlafen, der schmale, stets seitwärts geneigte,
von leuchtend schwarzer Haarflut übermäßig belastete Kopf, in dem ein
lilienhaftes Antlitz, herzförmig geschnitten, von den Schatten einer
süßen Melancholie überdunkelt war. Aber diese Melancholie hatte etwas
Grelles, und die Natur selbst strafte sie Lügen durch den starken,
brennenden Mund, welcher List, Neugier und Unruhe verriet.
Um das ernüchternde Beisammensitzen an einer großen Tafel zu vermeiden,
war im Speisesaal freies Büffet errichtet, und fünf Diener versorgten
die immer wechselnden Gäste. Ein paar Räume weiter endete die Flucht
in einem kleinen Gemach von köstlichem Luxus. Dorthin hatten sich
Ulrich Zimmermann, Graf Palester und ein Freund des letzteren, ein
Herr von Hefforig, zurückgezogen. Alle drei rauchten. Auf dem Tische
vor ihnen stand eine Flasche Bocksbeutel, aus welcher Ulrich von Zeit
zu Zeit in die Gläser nachgoß. Herr von Hefforig war ein schweigsamer
junger Mann und beteiligte sich nur durch aufmerksames Zuhören am
Gespräch. Man wußte wenig mehr von ihm, als daß er aus einer Familie
von Selbstmördern stammte. Er war drei Jahre in Südamerika gewesen, wo
er Studien über die Schädelbildung der Patagonier gemacht hatte.
»Charakteristisch find ich die jetzige Mode der Damen«, sagte Ulrich
Zimmermann; »ich möchte behaupten, es liegt Verständnis für die
Epoche darin. Wahre Prachtliebe neigt zur Unscheinbarkeit. Die ganze
Farbenskala, die uns blendet, ist nämlich ein Betrug, denn alle diese
Heliotrop und Violett und Blaßblau ergeben in Summa einen traurigen und
kranken Ton. Man stellt sich lärmend und ist leise wie im Zimmer eines
Sterbenden. Ich finde das stilvoll.«
»Ob ich Ihnen beipflichte oder nicht, kann das Ihre Meinung ändern?«
versetzte der Graf.
»Man kehrt langsam zu den echten Spitzen zurück,« fuhr Ulrich
Zimmermann hartnäckig fort, »und in New York versicherte mir eine junge
Milliardärin, Perlenketten seien vornehmer als Diamanten, weil bei
diesen die Imitationen von Jahr zu Jahr besser würden.«
Palester warf Ulrich einen kurzen, verleugnenden Blick zu.
»Ein solcher Abend ist für mich ein Alpdruck«, sagte Ulrich
schuldbewußt. »Und doch ist alles in mir wach, alles bäumt sich auf,
Scham, Ehrgeiz, Spott, Verachtung; ich denke die schlechten und
selbstsüchtigen Gedanken einer ganzen Tafelrunde, ich möchte aufstehen
und reden, alle sind meine Feinde, und alle will ich überzeugen. Aber
niemand glaubt mir, und eh noch ein Wort über meine Zähne gekommen ist,
werde ich aus einem Apostel zu einem Lakaien.«
»Sie haben damit den Kern des Prozesses treffend bezeichnet«,
antwortete der Graf mit regungslosem Gesicht; »die Gesellschaft
verwandelt den Apostel auf stummem Weg in den Lakaien.«
»Ja, so ergeht es mir«, sagte Ulrich mit lodernden Augen. »Ich
werde in Sold genommen und festgeschmiedet. Meine Seele wird zum
Wallfahrtsziel aller andern Seelen. Ich spüre die Vorwürfe der
Ehebrecherin und die Angst der Modelöwin, die ihr Wirtschaftsgeld
für einen neuen Hut verausgabt hat. Ich sehe das Zähneknirschen des
präterierten Beamten und die sorgenvollen Berechnungen des Börsianers.
Ich weiß, daß dieser junge Mann mit seinem gemeinen Grinsen irgendwo
im Mundwinkel an eine Kokotte denkt, während er einer anständigen
Frau den Hof macht, und daß diese anständige Frau von dem Gespenst
einer unerwünschten Schwangerschaft gequält wird; ich kenne die
verzweiflungsvolle Frechheit des Überlings, der da spricht: für mich
gibt es keine Moral, sondern nur Zweckmäßigkeit, und mir graut vor den
verbrecherischen Gelüsten des jungen Mädchens, das ins Leben tritt wie
eine robuste Stallmagd, die die Kuh zu melken sich anschickt. Hinter
dem geistreichen Geflunker gewahre ich Aktien und Kurszettel, hinter
den sozialen Wohlfahrtsphrasen eheliche Zänkerei, hinter dem gebadeten
Lächeln Gram, Eifersucht und Stumpfsinn, hinter dem diplomatischen
Getue werden Völker in ungerechte Kriege verstrickt. Sie sind mir zu
nackt, allesamt, sie vergiften mir das Gewissen, und erst das schlechte
Gewissen verkauft mich an die Idee, und meine Idee muß noch größer sein
als meine Demütigung, sonst kann ich aus der Sklaverei, in der ich mich
befinde, kein Kapital schlagen.«
Es entstand ein Schweigen. Herr von Hefforig erhob sich, grüßte höflich
und ging hinaus. Eine zu heftige Beredsamkeit beleidigt oft den
feinfühligen Zuhörer.
»In einem finsteren Zimmer, oder im Freien, auf einer Wanderung im
Gebirge, würden mir Ihre Worte einen stärkeren Eindruck machen«, sagte
Palester seltsam.
Da trat Erwin unter die Tür und drohte scherzhaft mit dem Finger. »Eine
kleine Verschwörung?« fragte er.
Ulrich trat zu ihm und ging mit ihm hinaus. »Haben Sie sich nicht über
das Perlenkollier gewundert?« begann er mit verräterischer Hast. Erwin
blieb stehen und wandte ihm das Gesicht voll entgegen. Sein blitzender
Blick war kalt, durchbohrend und mitleidig.
Ulrich griff mechanisch an die Stirn. Erwin kehrte sich ab und ging
allein weiter.
Aber Ulrich hatte verstanden. Er irrte eine Weile zwischen den Menschen
umher, dann begab er sich in die Garderobe, warf den Überzieher um die
Schultern und, den Hut in der Hand tragend, verließ er das Haus. Sein
Gehirn war wie erfroren. Er wanderte weit, weit; durch die ganze Stadt
und in den Prater und bis zur Donau. Auf dem Rückweg sang er laut,
um nicht denken zu müssen. In der Hauptallee setzte er sich auf eine
laternenbeschienene Bank und stocherte in kummervoller Zerstreutheit
mit der Stockspitze im Sand herum. Endlich schrieb er, schrieb Verse:
Die Seele, die berührst du nicht,
die ist im Leib vergraben;
sie weiß nicht, was die Lippe spricht,
will’s auch nicht Kunde haben.
Im stillen träumt und blüht sie hin,
läßt Leid und Glück verfluten
und ziehet ewigen Gewinn
vom Bösen und vom Guten.
Beim Morgengrauen trat er in ein mit Dirnen und Zuhältern besetztes
Kaffeehaus. Sein Frack erregte hämisches Aufsehen. Der beginnende
Marktlärm verscheuchte mit den übrigen Gästen auch ihn. Er hatte sich
verwandelt, aber keineswegs in den Lakaien.
* * * * *
Da die Hitze in den Zimmern zu groß wurde, hatten sich viele Gäste in
den illuminierten Teil des Gartens begeben, wo Kaffee, Eis, Früchte
und Likör serviert wurden. Erwin wanderte mit Frau von Resowsky und
einem würdigen Exzellenzherrn auf der Terrasse auf und ab, deren
massive Brüstungen sich zu beiden Seiten der flachgestuften Treppe
mit anmutigen Bögen zum Garten hinabschwangen. Sie sprachen von den
politischen Verfinsterungen, die sich im Osten des Reiches erhoben, und
die Exzellenz erstaunte über die Einsicht und Tiefe in den Urteilen
des jungen Mannes. »Und eine solche Kraft soll für den Staat verloren
sein!« rief er scherzend.
Erwin lachte. Er war gespannt und ungeduldig; er bohrte die Nägel
in die Handflächen und hielt die Daumen wagrecht wie kleine
Balanzierstangen; sein Blick war zerstreut, nur seine Zunge redete. Sie
hatte seit neun Uhr gerade so einsichtig und tief mit den Medizinern
über Medizin, mit den Agrariern über die Landwirtschaft, mit den
Fabrikanten über Zölle und Rohprodukte, mit den Frauen über Erziehung
und Lebenskunst gesprochen.
Nach einer Weile bemerkte er Helene Zurmühlen, die an der Glastüre
stand, den geöffneten Straußfedernfächer vor Brust und Hals, das Auge
wie gebrochen ins Weite gerichtet. Der Ausdruck ihres Gesichtes mißfiel
ihm, ihr wehmütiges Lächeln erbitterte ihn; dennoch trat er mit einer
Verbeugung zu ihr.
Sie wußte nichts zu sagen, sie bebte vor Ergebenheit. Was sie
verschwieg, war Furcht vor Virginias Bild, Schmerz über deren
Gegenwart, Gefühl von deren Überlegenheit.
»Waren Sie gestern beim Rennen?« fragte Erwin und sah aus, als hätte er
die weichste Liebkosung geflüstert.
Sie schüttelte den Kopf, und die Spannung ihrer Züge milderte sich.
Er wollte erzählen, sie unterbrach ihn jedoch, nachdem sie einen
forschenden Blick umhergesandt, und murmelte mit erstickter Stimme: »Du
hältst mein Leben in deiner Hand.«
Unwillkürlich starrte er auf seine Hand. Sie ist eine Närrin, die nicht
einmal versteht, sich im Preis zu halten, dachte er.
Da ging Virginia vorbei und über die Treppe in den Garten.
Hochaufgerichtet ging sie vorbei, strahlend und in ein heiteres Lächeln
versunken. Alsbald tauchte sie in die violette Parkdämmerung. Erwin
zuckte empor. Sein Gesicht wurde gesammelt und unbeweglich. »Wir werden
uns an einem so schönen Abend nicht zur Trauer verführen lassen«,
sagte er zu Helene, die in freudiger Unterwürfigkeit vor ihm stand.
Seine Worte sollten offenherzig und tröstend klingen, aber indem er
hinwegeilte, spürte er selbst, daß er nur ungenügend zu täuschen
vermocht hatte.
Helene hielt sich an der Steinbrüstung fest und schloß die Augen. Sie
wollte nicht sehen, ihr graute vor der Klarheit der Dinge. Ihr Name
wurde dicht neben ihrem Ohr genannt. Es war ihr Mann. Er legte den Arm
um ihre Schulter und küßte sie auf die Stirn. Dann führte er sie in die
Halle und wickelte sie in den Mantel wie ein müdes, krankes Kind.
Der Garten duftete von Rosen und Jasmin. Er war von herrlichen Bäumen
bestanden, Blutbuchen und Edelkastanien, Sumpfzypressen und Mangos,
birkenblättrigen Pappeln, Ahorn- und Gingkobäumen. Virginia hatte ein
wenig Sekt getrunken, und sie fürchtete Dummheiten zu reden, wenn sie
sich mit Menschen ins Gespräch einließ, deshalb wich sie einer angeregt
plaudernden Schar von jungen Männern und Mädchen aus und lenkte den
Schritt unbedenklich über ein Stück Rasen. Erwin verlor sie an dieser
Stelle aus den Augen, und er ging am Tisch der Lustigen vorbei, die ihn
anriefen und ihn zu bleiben aufforderten. Er winkte ihnen zu und eilte
weiter, sah auch von fern Virginias Gestalt durch die dunkeln Büsche
schimmern und hatte sie bald erreicht. Jene aber wollten sich nicht
zufrieden geben, und übermütig riefen ihre Stimmen immer wieder seinen
Namen.
»Kommen Sie, Virginia«, sagte Erwin, als ob er sie vor Verfolgern in
Sicherheit bringen wollte; »kommen Sie!« drängte er und ergriff ihre
Hand. – »Warum denn?« versetzte sie verwundert, »ich kann nicht so
laufen, hier ist’s zu finster.« – »Fliehen wir, Virginia, verstecken
wir uns vor ihnen, sie mögen uns nur suchen.« Seine elastische
Raschheit brachte die Luft ins Wirbeln; Virginia lachte, und um nicht
Spaßverderberin zu sein, ließ sie sich zur Eile überreden. »Schnell,
schnell,« drängte er von neuem, sonderbar gepreßt und wild, »noch
fünfzig Schritte und wir sind oben im Pavillon, und keiner wird wissen,
wo wir hingeraten sind.«
Und wirklich, Virginia lief, was hier im Dunkeln, wo die ebene Fläche
sich zu einem Hügelanstieg entschloß, nicht eben leicht war. Es ähnelte
einer Trunkenheit, daß sie lief; die Sommergerüche, nächtlich schwül,
der schwüle Bodenhauch und das lebendigere Blut trieben sie hin, und
sie atmete mit offenem Mund, lachte lautlos mit offenem Mund. Erwin,
der sein Entzücken über ihre Schlankheit und Gazellengrazie hinter
geschlossenen Zähnen verbarg wie man einen Aufschrei zurückhält, konnte
nicht den Blick von ihr wenden und ließ ihre Hand erst los, als sie vor
dem Pavillon standen.
Es war das ein zierliches, von wildem Wein und Efeu behangenes Rondell,
in dessen Mitte unter gekreuzten Balken eine chinesische Laterne mit
roten Gläsern hing und Bank und Tisch, das Laubgewind und Weg und Busch
mit sanftem Scharlach übergoß.
Virginia sank hin, lehnte sich weit ins Staket hinein, preßte beide
Hände gegen die Brust und stammelte: »Mein Gott, was war denn das?
weshalb sind wir denn so gerannt? Ich kann nicht mehr.«
Erwin setzte sich zu ihren Füßen auf die Schwelle. »Ruhen Sie sich
aus«, antwortete er. »Niemand wird uns stören.«
Eine Pause entstand. Allmählich kam Virginia zur Besinnung. »Weshalb
sagen Sie das so wunderlich: Niemand wird uns stören –?« fragte sie.
»Es ist mir nur so in den Sinn gefahren«, entgegnete er mit müder
Stimme.
Und wieder Virginia: »Warum kauern Sie denn auf der Erde? Sie können ja
auch auf der Bank sitzen. Ihre Kleider werden ja schmutzig.«
Die müde Stimme von unten antwortete: »Vielleicht find ich meine Lust
daran, vor Ihnen auf der Erde zu kauern, Virginia. Was kann mir die
Erde anhaben gegen das Gefühl, Sie über mir zu wissen.«
Virginia dachte über seine Worte nach und schwieg. »Es ist so still
hier«, murmelte sie dann.
»Es ist sehr still hier«, bestätigte Erwin. »Die Glühwürmchen fliegen
schon. Nur die Sterne sind zu blaß. Man sollte nicht an Orten wohnen,
wo die Sterne so blaß sind im Mai.«
Virginia suchte mit den Augen die Sterne. »Von meinem Platz aus kann
ich die Sterne nicht sehen«, sagte sie.
»Kommen Sie zu mir herab«, versetzte Erwin mit angehaltenem Atem.
Virginia wurde nicht aufmerksam auf den Ton seiner Rede. Zu dieser
Stunde schlief sie an andern Tagen längst, und ihre Lider wurden
schwer. Plötzlich fragte sie mit innigem Klang in der Stimme: »Denken
Sie auch manchmal an Manfred, Erwin?«
»Ob ich manchmal an Manfred denke, Virginia?« fragte Erwin langsam
dagegen, und er griff mit der Hand nach einer Rebe, die er abriß. »Ich
denke immer an Manfred, immer, immer, immer. Ich denke Tag und Nacht an
Manfred. Bei Tag, indem sich mir das Licht verdunkelt, bei Nacht, indem
ich in die Kissen beiße. An wen könnt ich sonst denken als an Manfred?
an wen mit gleichem Neid als an Manfred? ich, der Bettler, an Manfred,
den Reichen, den Besitzer, den Unantastbaren, den, der vor mir kam?«
»Was soll das heißen?« fragte Virginia ahnungslos und sehr bestürzt.
Jetzt war die Reihe zu schweigen an Erwin. Er war sicher, daß Virginia
die Frage wiederholen würde. So geschah es auch.
»So muß ich denn reden?« fuhr Erwin fort, und seine Stimme war dumpf
und ingrimmig. »Dürft ich denn reden? Nein, Virginia, nein. Wozu am
Ende. Gehn wir lieber ins Haus zurück.«
Dies war ein trefflicher Schachzug, durch den Virginia in ihrem blinden
Schrecken bestärkt wurde. »Ist denn etwas mit Manfred passiert, etwas,
was ich nicht weiß?« fragte sie in rührendem Mißverstehen. »Sprechen
Sie doch, Erwin, quälen Sie mich nicht.«
»Haben Sie Angst um Manfred?« kam es bitter von Erwins Lippen. »Ruhig
Blut, Virginia. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß er der starke
Felsen ist, an dem mein Glück und Wille zerschellt. Und wenn ich
denn sprechen soll, so sei es, – der Nacht wegen, die so vergeßlich
macht, und weil Glühwürmer im Laub spielen und weil die Sterne so
blaß sind. Ist es doch über mich gekommen wie die Krankheit über den
Lebenslustigen; dabei weiß ich nicht, wie arm, wie reich, wie elend,
wie beschenkt ich mich dünken darf. Ich habe nicht daran geglaubt.
Ich habe nicht an Liebe geglaubt. Alle Leidenschaften waren nur wie
Bilder, an denen das Auge genießend hängt, oder wie Stunden, in denen
man sich verliert, um sich noch wissender zu besitzen. Daß ich mich
unwissend ins Hoffnungslose verlieren könnte, habe ich nie für möglich
gehalten. Alle Frauen, auch die, die mir unentbehrlich waren für die
Dauer eines Sommers, waren mir nur Gespielinnen. Sie rührten mich,
sie erregten mich, sie verlockten mich auf eine Höhe des Daseins, sie
wappneten mich mit meinen verborgenen Kräften und – ich glaubte nicht
an Liebe. Hören Sie mir nicht zu, Virginia. Schließen Sie die Ohren mit
den Fingern. Lassen Sie mich reden, wie jene Figur im Märchen von der
Gänsemagd redet, die sich in einen Ofen stellte, um zu klagen, was ihr
widerfahren war. O Falada, der du hangest, heißt es in dem Märchen.
O Herz, das du hangest, muß ich klagen. Virginia, ich liebe. Ich bin
unterminiert. Es ist etwas Geisterhaftes mit mir geschehen. Ich bin in
einem Zustande der Niederlage, der Beschämung, der Verzweiflung, daß
ich, allein bei mir, des Abends bei den Büchern, mit meinem Gehaben das
Mitleid eines Schlächtergesellen auf mich ziehen würde. Denken Sie es
ungesagt, Virginia. Ich will an mich halten. Ich will mich ducken, und
Sie sollen mir von Mund und Stirn nichts ablesen können. Genug jetzt.
Genug.«
Damit bedeckte Erwin das Gesicht mit den Händen und blieb unbeweglich
sitzen.
Virginia hatte sich langsam aus ihrer bequemen Lage aufgerichtet. Ihr
Gesicht war weiß geworden und brannte aus dem Zwielicht weiß heraus wie
das Innere einer Mandel. Zweimal griff sie mit der Hand an die Wange
und strich die Härchen zurück: eine zweimalige Gebärde der Trauer,
der Entmutigung und der Bestürzung. Fühlbar wurde ihr Herz kleiner,
und alles, was dieser Mann da vor ihren Füßen sprach, so tief es sie
berührte, so menschlich sie es faßte, war etwas vollkommen Unerwartetes
für sie, und ihr wurde kalt und weh dabei. Ein lebhafter Schauer flog
über ihre fast unbeschützte Brust, und sie erhob sich.
Sie schritt an Erwin vorüber und trat ins Freie. Erwin stand lautlos
auf, trat lautlos neben sie. »Wir wollen es vergessen«, flüsterte er
ihr mit erstickter Stimme zu.
»Ach, Erwin,« sagte Virginia mit zuckenden Lippen, »ach, Erwin.« Sonst
nichts. Aber diese beiden Worte, einfach wiederholt, rissen Erwin hin
wie eine nie vernommene Musik, und er glaubte das Unmögliche noch
in derselben Stunde möglich machen zu müssen. Entflammt von diesem
Körper, dem kühlen, in seinen wunderbaren Schleiern kühlen Wesen des
Mädchens, dessen Wert er spürte, wie ein Luftschiffer den Azur spürt,
in dem er schwimmt, stürzte Erwin auf die Knie, und aus seinem Mund
kamen gebrochene Töne, die Virginia für Schluchzen halten mußte. War
es Wille, Plan und Berechnung? Aber es mußte auch ein Ungemeines darin
verborgen sein, Instinkt und Glut.
»Ich will jetzt nach Hause gehn«, sagte Virginia.
Erwin begriff, daß er mehr nicht wagen durfte. Er richtete sich empor.
»Sie müssen sich abputzen«, sagte Virginia und blickte auf seine Knie.
Er gehorchte. Er führte sie auf einen Pfad, der sie von der Seite her
zur Terrasse zurückbrachte. Virginia war froh, als sie wieder Leute sah
und niemand sie fragend anschaute. Erwin geleitete sie bis zum Schlag
des Wagens. Er reichte ihr die Hand und sagte »auf Wiedersehen«. Sie
zögerte. Auf Wiedersehen? Dem beizustimmen, war ihr nicht möglich. Doch
da er die Hand noch immer ausgestreckt hielt, fand sie es am besten,
ihm zu willfahren; verwirrt und flüchtig legte sie die Fingerspitzen in
seine Hand, aber er packte sie fest. Seine verwegene Begierde, seine
freche Einbildungskraft besaß in diesem Augenblick weit mehr als die
vibrierende Hand, umschloß mehr als das kalte Fleisch der Finger, deren
Berührung eine Siegeshoffnung war.
Fröstelnd saß Virginia im offenen Wagen, und die Welt erschien ihr
schwarz und öde. Die raschen Hufschläge der Pferde erinnerten sie
an das Pochen ihres Herzens, und sie legte beschwichtigend die Hand
auf die Brust. Da berührten ihre Finger die Perlenkette. »Kutscher!«
rief sie plötzlich, »Kutscher!« Der Mann hielt die Pferde an, wandte
sich zurück und fragte nach ihrem Befehl. Ihr war zumute gewesen, als
müsse sie auf der Stelle umkehren. Doch wie, mit welchen Worten, mit
welchem Gesicht sollte sie ihm das Halsband geben? Im Kreis seiner
Freunde? oder allein mit ihm? Sie beschuldigte sich des Leichtsinns,
des Verrats, und sie erkannte auch, daß sie betrogen worden war. Stumm
und ratlos blickte sie vor sich hin. Ihre heiße Ungeduld konnte den
Gedanken kaum ertragen, daß die Entscheidung erst dem morgigen Tag
anheimfiel. Mit der Hand winkte sie dem Kutscher, weiter zu fahren, und
dieser gehorchte kopfschüttelnd.
Der Kreis der Gäste war klein geworden, als Erwin ins Haus
zurückkehrte. Der Garten lag leer, die Diener löschten die Lampen
aus und räumten die Tische ab. Eine Gesellschaft von zehn oder zwölf
Personen befand sich im Musiksalon, wo eine junge Sängerin französische
Lieder sang. Erwin bereitete eine Erdbeerbowle, die unter beifälligem
Gemurmel aufgetischt wurde, denn die jungen Leute waren durstig und
fühlten sich ein wenig geistlos. Erwin erfüllte sie mit neuem Leben;
nach kurzer Zeit hatte er alle erobert, die Schweigsamen und die
Schläfrigen; ein Taumel von Lustigkeit war an Stelle der drohenden
Langeweile getreten. »Wenn ein amüsanter Abend langweilig endet, war er
langweilig,« sagte Erwin, »wer zuletzt lacht, vergißt zu schimpfen.«
Zum Schluß wurden hypnotische Experimente vorgenommen, und ein etwas
beleibtes Fräulein, das sich als Medium hergab, trieb durch ihre
transzendente Plumpheit das Vergnügen auf den Gipfel.