Das Tanagra-Figürchen

Man sprach in allen Salons der Stadt von dem Duell Erwin Reiners. Auch

einige Zeitungen bemächtigten sich des Gerüchts; in einem Arbeiterblatt

wurde die Behörde gefragt, wie lange sie noch die blutigen Spiele

unter den oberen Zehntausend zu dulden gedenke, und in einem Journal,

welches dem Klatsch diente, versah ein Reporter von mittlerer Begabung

die Angelegenheit mit einer Reihe prickelnder Zutaten. Erwin erhielt

eine polizeiliche Vorladung. Nach seinem Gegner gefragt, zuckte er die

Achseln und erwiderte, keine Macht der Erde könne ihn zur Indiskretion

zwingen. Er stellte sogar den Sachverhalt in Abrede, erklärte aber,

sich den Beweisen beugen zu wollen, die man gegen ihn finden würde.

Die Feierlichkeit der Beamten belustigte ihn ebensosehr wie die

aufgeregte Neugier seiner Freunde, und er hatte Mühe, seinen Ernst zu

bewahren. Da auch kein andrer Mensch den Namen des Partners in diesem

Schattenkampf herausbringen konnte, erschien die ganze Geschichte

um desto geheimnisvoller. Man munkelte, daß eine sehr schöne Frau,

deren Beschützer er war, die Ursache des Duells sei, aber wer auch

immer befragt wurde, mußte seine Unwissenheit bekennen. Einen ganzen

Vormittag lang läutete das Telephon fast ununterbrochen, und Stimmen

aus allen Gegenden der Stadt erkundigten sich voll Teilnahme nach

Erwins Befinden. Wichtel gab jedesmal den Bescheid, daß sich sein Herr

eines trefflichen Wohlseins erfreue. Unter der eingelaufenen Post

befand sich auch ein Brief von Helene Zurmühlen, der einer wahrhaften

und leidenschaftlichen Besorgnis Ausdruck gab. »Könnt ich nur wissen,

aus welchem Grund Sie Ihr teures Leben in die Schanze geschlagen

haben«, schloß das Schreiben; »ich zittere in dem Gedanken, daß Sie

dem Tod gegenüberstanden sind. Für mich hat ja der Tod keine Schrecken

mehr, für Sie hat er in meinem Herzen tausend. Alles ist mir fremd

geworden, Vergangenheit und Gegenwart haben sich von mir abgelöst, ich

bin mir selber fremd geworden und müßte mich hassen, wenn ich stark

genug dazu wäre.«

Erwin antwortete: »Bauschen Sie eine Niaiserie nicht zur Katastrophe

auf, Helene. Ich bin munter wie ein Fisch im Wasser. Sich selber fremd

sein – ein beneidenswerter Zustand, dem die Dichter unsterbliche

Eingebungen verdanken. Aber mit Haß? Nein. Fremd sein in Liebe, uns

selbst, uns einander, das ist der Weg zur Erfüllung und zum Genuß der

Welt.«

Während er Wichtel den Brief zur Besorgung übergab, trat sein Vater

ein. »Guten Tag, Alter«, sagte Michael Reiner. »Was ist denn los? Die

Leute reden ja massenhaft dummes Zeug. Bist du blessiert? Nein? Gott

sei Dank.«

Er sprach ein wenig keuchend; sein Gesicht hatte die Zinnoberfarbe

vollblütiger Greise, und er trug den österreichischen Bart mit

ausrasiertem Kinn. Er war athletisch gebaut und sah aus wie jemand,

der Widerwärtigkeit, üble Laune und Glücksfälle ohne viel Federlesens

hinunterschlingt und ausgezeichnet dabei gedeiht. Aber die unendliche

Liebe, die er für seinen Sohn hegte, kennzeichnete jede Gebärde. Er lag

gleichsam stets auf den Knien vor ihm, lauschte atemlos auf alles, was

er sagte, überlegte es später, erquickte sich erinnernd daran, wenn er

nachts nicht schlafen konnte, und hatte Herzklopfen in seiner Nähe.

Unglücklich Liebende haben eine Neigung zum Gesinde; er hatte draußen

schon den Diener ausgeholt, ob er über das Vorgefallene Bescheid wisse,

doch in solchen Dingen war Wichtel zugeknöpft wie ein Diplomat.

Die flackernden Blicke des Alten, welche die Unruhe und Unsicherheit

eines Mannes nicht verleugnen konnten, der gewohnt ist, daß man Geld

von ihm fordert, und nichts anderes als Geld, suchten in den Zügen des

Sohnes ängstlich nach einer Kundgebung der Freundlichkeit. Erwin saß

an dem großen, runden Tisch, der mit erlesenen Prachtwerken englischer

und amerikanischer Buchkunst bedeckt war, und schrieb von Zeit zu

Zeit kurze Notizen auf ein Blatt Papier, eine Tätigkeit, die der Alte

andächtig schweigend verfolgte.

»Bleibst du zum Essen?« fragte Erwin endlich kühl. – »Wenn du

gestattest, gern«, antwortete Michael Reiner und räusperte sich, was

wie das dankbare Knurren eines Hundes klang.

»Ich erwarte noch einen Gast, den jungen Zimmermann,« fuhr Erwin fort,

»das wird dich ja weiter nicht stören. Ich habe mit dir zu sprechen,

Papa, und wir wollen es gleich erledigen. Ich brauche nämlich eine

größere Summe, eine sehr bedeutende Summe. Wenn dir’s nicht paßt, sag

einfach nein, ich bin dir nicht böse, obwohl die Sache von Wichtigkeit

für mich ist.«

»Freut mich, daß du mir dein Vertrauen schenkst,« erwiderte

Michael Reiner, »freut mich, Erwin. Stehe dir selbstverständlich

zur Verfügung.« Mit seinen plumpen Schritten begab er sich zum

Schreibtisch, riß ein Blatt aus dem Bankbuch, das er in der Tasche

trug, und schaute Erwin fragend an. Dieser nannte die Summe, und

nach wenigen Minuten war er im Besitz des Schecks, den er gelassen

einsteckte. Der väterliche Reichtum beschämte ihn; er achtete nur

den aristokratischen Reichtum, der von Geschlecht zu Geschlecht

vererbt und mit der unnachahmlichen Noblesse gehandhabt wird, die den

Emporkömmlingen versagt ist.

Michael Reiner hatte nun seinerseits ein Anliegen. Seit fünfzehn Jahren

verbrachte er fast alle Abende bei Frau Engelhardt, der wohlhabenden

Witwe eines Getreidemaklers. Wie schon der Doktor Zimmermann gegen

Virginia und deren Mutter angedeutet, hatte er sich allmählich an

den Wunsch und Gedanken gewöhnt, die ihm grenzenlos ergebene Frau zu

heiraten. Er hatte niemals davon mit Erwin gesprochen, aber Erwin

wußte, wie die Dinge standen, und sein Verhalten war das ablehnendste,

das es gibt: er übersah die Freundin seines Vaters. Diese kränkte sich

darüber schon lange, und Michael Reiner machte nun mit klopfender Brust

den Versuch, Erwin zu bewegen, daß er Frau Engelhardt die Ehre einer

Visite erweise. »Du könntest mir wahrhaftig den Gefallen tun«, bat

er. »Wäre dir riesig erkenntlich. Ich hab’s der Malwine in die Hand

versprochen, und sie wird dich empfangen wie einen Prinzen. Sag nicht

nein, Erwin, dich kostet’s eine Stunde und mir macht’s eine Freude fürs

Leben.«

Erwin lachte. »Du bist nicht aufrichtig, Papa«, antwortete er tadelnd

und eindringlich. »Ich finde es nicht geschmackvoll, daß du mich über

deine Absichten täuschen willst. Es steht mir natürlich nicht zu, dir

bei der Ausführung irgendeines Vorhabens in den Weg zu treten, aber

ich würde die Lächerlichkeit dieses Vorhabens den Augen der ganzen

Welt enthüllen, wenn ich dir dabei behilflich wäre. Nein, Papa, nein!

Trotz aller Ehrerbietung, die ich dir schulde, werde ich nie und nimmer

die Schwelle des Hauses übertreten, in dem jene Frau wohnt. Du willst

heiraten? Schön. Nur verlange nicht von mir, daß ich es gutheiße. Ich

habe nichts damit zu schaffen. Die fremde Frau meines Vaters wird

niemals meine Mutter werden. Sie wird stets die spekulative Witwe eines

Kornhändlers für mich bleiben.«

Der Alte war sehr niederschlagen und schwieg. Früher haben die Väter

ihre Söhne abgekanzelt, dachte er, jetzt ist es umgekehrt; so ändern

sich die Läufte. Er überlegte, warum das so sei, und kiefte an dem

Elfenbeingriff seines Stockes. »Wenn man mit fünfundsechzig Jahren

heiratet,« fuhr Erwin lächelnd fort, »muß man schon eine Herzogin

nehmen, um den Spott der Welt zu ersticken. Passionen dürfen

plebejisch sein, denn sie sind vergänglich; durch eine Eheschließung

ruft man die Unsterblichkeit zum Zeugen auf. Bedank’ dich, Papa, für

die gute Meinung. Im übrigen,« fügte er lebhaft hinzu, »ehe ich’s

vergesse, da ist noch eine kleine Geschichte. Die Rosanna Schörk hat

eine junge, begabte Kollegin, der es momentan schlecht geht. Ich habe

versprochen, etwas für das Mädel zu tun. Du bist doch bekannt mit den

Theaterdirektoren, erlaubst du, daß ich dieses Fräulein, Martens heißt

sie, Christie Martens, zu dir schicke?«

Michael Reiner nickte, ohne im entferntesten zu ahnen, in welcher

Schlinge er sich da fangen sollte. Während des Mittagessens blieb er

finster in sich gekehrt, und da er wußte, daß seine schmatzende Art zu

kauen Erwin nervös machte, aß er fast gar nichts, stocherte, solang

Ulrich Zimmermann redete, mit der Gabel lustlos auf dem Teller herum,

aber wenn Erwin sprach, festigte sich sein Blick, und er merkte genau

auf. Nach beendeter Mahlzeit küßte Erwin den Vater zärtlich auf die

Wange und bot ihm für die Siesta sein Schlafzimmer an.

Ein prächtiges Verhältnis zwischen den beiden, dachte Ulrich

Zimmermann, der sich gleichwohl durch die Gegenwart des Alten beengt

fühlte; er gehörte zu den Beobachtern, die nichts sehen, aber alles

gesehen haben.

Erwin und Ulrich setzten sich in der Bibliothek einander gegenüber,

rauchten und tranken aus kleinen goldnen Tassen Mokka. »Was arbeiten

Sie?« fragte Erwin.

»Ich versuche mich jetzt an der Geschichte des Mirowitsch«, antwortete

Ulrich Zimmermann. »Wissen Sie, wer Mirowitsch war?«

»Nein.«

»Mirowitsch war ein Rebell aus der Zeit der großen Katharina.«

»So? Das ist lang her. Was hat es für eine Bewandtnis mit ihm?«

»Soll ich ausführlich erzählen? Wird es Sie nicht langweilen? Also

hören Sie zu. Mirowitsch war ein kleiner Edelmann aus einer zugrunde

gegangenen Familie und diente, schlecht besoldet, in einem Regiment

der Kaiserin. Es lebte damals noch ein Prätendent auf den zarischen

Thron, der braunschweigische Prinz Iwan Antonowitsch. Dieser war auf

der Festung Schlüsselburg unter dem Titel des namenlosen Gefangenen in

grauenhafter und langjähriger Einsamkeit inhaftiert. Aber das ganze

Land redet heimlich von ihm, und wo man nicht die Ohren der Spione

fürchtet, beklagt man sein Schicksal. Katharina muß natürlich wünschen,

daß dieses unbequeme Überbleibsel einer früheren Dynastie verschwindet,

und sie hat Auftrag gegeben, daß die beiden Offiziere, die ihn bewachen

und die auf solche Art nicht ohne Plan selbst zu Gefangenen gemacht

wurden, den Prinzen töten, wenn der geringste Verdacht entsteht, daß

er fliehen will oder durch Aufruhr zur Flucht ermuntert wird. Nun,

Mirowitsch kommt mit einer von den Kompagnien, die abwechselnd den

Wachdienst in der Festung versehen, nach Schlüsselburg. Mirowitsch

ist einundzwanzig Jahre alt. Er hat den Staatsstreich erlebt, er hat

erlebt, wie kleine Leute, die der Kaiserin zum Thron verhalfen, mächtig

und reich wurden, und er will ebenfalls mächtig und reich werden, denn

er hat nur Schulden, drei hungernde Schwestern und einen hoffnungslosen

Prozeß mit der Krone. Er kann nicht rauchen, er kann nicht trinken, er

kann nicht Karten spielen, er hat für alles das kein Geld. Es gibt kein

Opfer, das er nicht bringen würde, um aus seiner Armut und Dunkelheit

emporzusteigen. Bald genug erfährt er, daß der streng bewachte Häftling

niemand anders ist als Iwanuschka, der Kaiser, der heimliche Kaiser.

Mirowitsch beschließt, den Kaiser zu befreien. Ganz allein und auf

eigene Faust will er den Kaiser befreien, dann ist er reich, geehrt,

kann wieder rauchen, trinken und Karten spielen. Schlägt’s fehl, so

schlägt’s fehl; er ist ja auch so ein verlorener Mensch.«

»Er ist ein Narr, dieser Mirowitsch«, sagte Erwin trocken; »wie fängt

er denn das an, – ganz allein?«

»Ja, ganz allein«, fuhr Ulrich Zimmermann fort, der unter der Gewalt

seiner Eingebung erglühte. »Er verfaßt Ukase und Manifeste im Namen

des künftigen Zaren. Unter seinem Kopfkissen liegen schon alle

Papiere, die Kundgebung an das Volk, die Form der Eidesleistung, der

Befehl an die Regimenter. Er hat keine Teilnehmer, keine Mitwisser,

keine Genossen, als er eines Nachts mit seiner Kompagnie die Wache in

der Festung bezieht. Alles ist in mitternächtlicher Ruhe, da greift

Mirowitsch zu Schärpe, Degen und Hut, rennt in die Wachtstube und

schreit: ›Zu den Waffen!‹ Seine Soldaten gehorchen. Der Kommandant

stürzt im Schlafrock auf die Treppe und fragt: weshalb stellen sich

die Leute ohne Befehl in die Front und laden die Gewehre? Mirowitsch

schlägt ihn nieder. Er begibt sich an die Spitze seiner Truppe, und

auf den Ruf der Schildwache antwortet er: ›Ich gehe zum Kaiser‹. Die

Schildwache schießt, Mirowitsch läßt gleichfalls feuern, aber kaum ist

die erste Salve abgegeben worden, so sind die beiden Offiziere, die

Iwans Leibwache bilden, bei dem Gefangenen eingedrungen und haben ihm

den Degen ins Herz gestoßen, denn dazu sind sie ermächtigt. Der eine

dieser Mörder begegnet Mirowitsch und seinen Leuten auf der Galerie.

Mirowitsch zwingt den Mann, ihn zum Kaiser zu führen. Die Tür der

Kasematte wird geöffnet: es ist finster drinnen. Man holt Fackeln. Auf

der Diele liegt ein toter Körper, schwimmt Iwan Antonowitsch in seinem

Blut. ›Ihr Elenden,‹ ruft Mirowitsch, ›weshalb habt ihr das Blut des

Kaisers vergossen?‹ ›Was das für ein Mann war, wissen wir nicht,‹ ist

die Antwort, ›wir wissen nur, daß er ein Gefangener war.‹ Selbst die

Soldaten erbeben bei dem schrecklichen Anblick. Mirowitsch tritt an

die Leiche heran, kniet nieder, küßt die Hand und den Fuß Iwans, denn

jetzt, erst jetzt ist er zum Vasallen dieses Menschen geworden, der

bis zu dieser Frist nur das Merkziel seines Ehrgeizes war. Er läßt den

Leichnam in feierlicher Prozession durch die Festung tragen, und der

volle Generalmarsch ertönt. Nochmals küßt Mirowitsch die erkaltete

Hand und spricht: ›Seht, Brüder, das ist unser Kaiser Iwan. Wir sind

aber nicht glücklich, sondern unglücklich zu heißen. Und schuldig bin

nur ich, ich trage die Verantwortung für euch alle.‹ Damit war der

Aufstand zu Ende, die Truppen der Kaiserin überwältigten Mirowitsch’

Schar, und Mirowitsch wurde hingerichtet. Er starb mit Heldenmut und

Größe. Als das Volk den Kopf in der Hand des Scharfrichters sah,

ertönte ein lautes Ach, und die Menge erzitterte so, daß die Newabrücke

schwankte und das Geländer abfiel.«

Ulrich Zimmermann schwieg; er erhob sich und wanderte umher.

»Ich verstehe ungefähr,« sagte Erwin nach einer langen Pause, »ich

verstehe den Impuls ...«

»Sie müssen es empfinden, Erwin! empfinden müssen Sie’s!« versetzte

Ulrich schon in der Angst vor der Verstimmung, welche bei Künstlern den

Stunden des Enthusiasmus und des Vertrauens folgt. »Ganz allein begibt

sich Mirowitsch an ein Unternehmen, das aussichtslos, das vollkommen

bodenlos ist. Ganz allein steht er da gegen einen Staat, gegen eine

Welt. Und nicht darum handelt er, weil er überzeugt ist von der Größe

seiner Tat, nicht weil er den Menschen dienen will, nicht weil sein

Inneres ergriffen ist von Mitleid, Ehrfurcht oder Liebe, sondern weil

er sich nach Ämtern sehnt, weil er rauchen, trinken und Karten spielen

will. Er ist eitel, genußsüchtig und streberisch. Aus Eitelkeit,

Genußsucht und Streberei ersinnt er den vermessensten aller Pläne.

Eitelkeit, Genußsucht und Streberei begeistern ihn zu einer Tat, die

innerlich hohl ist, aber alle Züge der Genialität aufweist: Kühnheit,

Selbstverleugnung, Opfersinn und Leidenschaft. Und zuletzt, als ob die

Tat sein Schicksal geadelt hätte, wird aus dem gesetzlosen Schwärmer

und selbstsüchtigen Besessenen etwas wie ein Held. Denn zuletzt muß er

lieben. Das ist’s; unterliegend muß er lieben. Indem er zusammenbricht,

trifft ihn eine Ahnung des Wirklichen, weil sein Herz erwacht, weil er

liebt. Darin liegt der Kern: daß er liebt, wenn es zu spät ist. Denn

die Liebe hätte ihn vielleicht gelehrt, zu entsagen. Aber Mirowitsch

kann nicht entsagen. Er will rauchen, trinken und Karten spielen; er

will Ehren und Auszeichnungen. Niemals wird Mirowitsch entsagen.«

Erwin sah den jungen Schriftsteller aufmerksam an. »Und das ist die

Frucht, die Amerika in Ihnen gereift hat?« fragte er.

Ulrich Zimmermann zuckte zusammen. »Amerika? Nein. Das Leben. An

jeder Straßenecke seh ich einen Mirowitsch, auf jeder Tribüne, in

jedem Konventikel, in jedem Kaffeehaus, alte und junge, heimliche und

bekennende, freche und heuchlerische, führende und verführte.«

»Also doch eine Allegorie; und wieder eine Allegorie«, entgegnete Erwin

kopfschüttelnd. »Was ist mir Hekuba? Was ist mir eine Schlüsselburger

Kasematte von siebzehnhundertsiebzig? Was ist es gegen unsre Not,

unsern Hunger, unsern Wahn, unsere Leiden? Wieder ein Schwächling,

wieder ein Schatten! Und der Befreier sein soll und Prophet, schließt

sich in ein Antiquitätenkabinett ein. Ach, Ulrich, Ulrich! Ich habe Sie

nach Amerika geschickt, in das Land des Lebens und der Zukunft, damit

Sie Botschaft des Lebens und der Zukunft bringen, und nun studieren Sie

Leichen und wühlen in der Vergangenheit. Aber tun Sie, was Sie müssen,

vielleicht bin ich im Unrecht, denn ich liebe und bewundre zu sehr

unsere Gegenwart, diese Zeit, deren Geschöpf ich bin!«

Ulrich Zimmermann war bleich geworden und starrte unbeweglich auf

den Teppich. Seine Not? Seine Leiden? wo sind sie? dachte er. Nicht

zum erstenmal legte sich diese gebieterische Hand über die Schwingen

seines Geistes. Er sah sich unbegriffen aus Herrschsucht, das spürte er

und wagte es doch nicht zu glauben. Er war ohnmächtig zum Widerpart,

weil er in Abhängigkeit war. Dafür gab es kein Gericht; es lag in

Abgründen, in die niemals die Leuchte gegenseitiger Verständigung

dringt. Sein Werk büßte den Hauch der Wahrheit ein, es wurde feindselig

und gewöhnlich. Was kann ich schließlich verlieren? dachte er in seiner

Melancholie, mich selbst kann ich nicht verlieren.

Aber indem er so dunkel bewegt in das Antlitz des Freundes blickte,

schauten ihn zwei Augen an, zwei Augen wie offenbarte Rätsel. Und wie

es eine Minute gibt, wo die Mutter zum erstenmal das Kind in ihrem

Schoß sich regen fühlt, so erblühte jetzt in seiner Phantasie, aus

Hemmung und Zweifel heraus, das neue, beredte, beängstigend nahe Bild

seiner Schöpfung und seiner Gestalt. Doch Lust und Qual ward hier zu

einem; denn er liebte Erwin, er war ihm tief verpflichtet und mußte zum

Verräter werden durch den Zwang eines zweiten Gesichts. So wie er mit

schlechtem Gewissen hinwegging, ließ er den anderen unzufrieden und

verstimmt zurück.

Es lagen zwei leere Stunden vor Erwin, das Unerträglichste von allem:

leere Stunden. Da sein Körper von gefesselter Kraft ungeduldig war,

begab er sich zu Salviati und focht mit dem Säbel, bis ihn der Schweiß

überströmte und er erschöpft in einen Sessel fiel. Dann ging er in

die Universität und arbeitete bis acht Uhr über einer altenglischen

Handschrift. Für acht Uhr hatte er den Wagen bestellt, er fuhr zum

Souper in den Klub und dann nach Hause. Das Fahrzeug schnarrte mit

vierzig Kilometer Geschwindigkeit durch die schon verödeten Gassen, als

ob es groß was gälte.

Wichtel meldete, der Herr Graf Palester warte in der Bibliothek. Erwin

trat ein; Palester lag lang ausgestreckt, blaß und regungslos auf einem

Diwan und schlief.

Widerlich, einen Mann schlafen zu sehen, dachte Erwin, indem er auf

das edle Gesicht und die schlanke Gestalt des Grafen niederschaute wie

auf einen Leichnam, den er sezieren sollte; schlafen, starr daliegen,

dachte er, nichts von sich wissen, träumen, was man nicht träumen mag,

und noch dazu gesehen werden, ist das menschenwürdig?

Er zündete eine kurze Pfeife an und paffte mit düsterem Gesicht. Er

wähnte sich unbeobachtet, und sein Gesicht verdüsterte sich immer mehr.

Plötzlich gewahrte er, daß die kobaltblauen Augen des Grafen still und

ernst auf ihn gerichtet waren. Er erwiderte den Blick und lächelte

freundlich. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte Palester und erhob sich,

»ich war ein wenig müde.«

»Ganz nach Bequemlichkeit, Graf. Wollen Sie etwas zu sich nehmen?«

»Eine Tasse Tee, wenn ich bitten darf.«

Der Tee stand längst auf dem Tisch, und die beiden jungen Leute hatten

außer den förmlichen Redensarten noch kein Wort gewechselt.

»Schöne Person, außerordentlich schöne Person«, unterbrach auf einmal

Palester das Schweigen mit seiner melodischen Stimme.

Erwin drehte langsam den Kopf herüber. »Wen meinen Sie?« fragte er

abweisend.

»Nun, dieselbe, die Sie meinen«, antwortete der Graf ruhig.

Erwin entgegnete lange nichts. Dann sagte er spöttisch: »War das eins

von Ihren okkultistischen Kunststücken?«

»Nein.« Palesters Augen schimmerten plötzlich grün. Augen, wie er

sie besaß, können weder lachen noch weinen. Es sind Deuteraugen,

Adeptenaugen, die Augen des Letztgeborenen eines ermüdeten Geschlechts.

»Klären Sie mich auf, Erwin,« begann er nach einer Weile; »ein Mann

wie Dalcroze, der doch sicherlich seine fünf Sinne beisammen hat,

entschließt sich freiwillig zu einer so langen Trennung von einer Frau,

wie es diese Virginia ist. Zwei Jahre! Der zwanzigste Teil von dem, was

ihm das Leben im besten Fall noch bewilligen wird! Warum hat er sie

nicht mitgenommen? Ist das Stumpfsinn oder Ahnungslosigkeit? Daß er den

ungeheuern Glücksfall, Welt, wirkliche Welt, fremde Länder, erhabene

Natur zu schauen, nicht würdigen kann, weil ihn die Sehnsucht blind

machen wird, ist für mich ohnehin zweifellos.«

»Manfred ist vorläufig noch nicht reich genug, um einer Frau das

bieten zu können, was er ihr bieten möchte«, erwiderte Erwin

sachlich. »Er wollte zunächst seine Examina hinter sich haben, wollte

Lebensgewißheiten erringen, dann kam das mit seiner Lunge; die

Krankheit auszuheilen, erschien ihm gegen Virginia als Pflicht, und da

er als Mitglied einer wissenschaftlichen Vereinigung reist, mußte er

allein bleiben. Was ist da zu verwundern?«

»Es ist, als ob einer den kostbarsten Diamanten auf einem

Wirtshaustisch liegen ließe«, murmelte Palester.

»Die kostbarsten Diamanten sind wertlos für die Diebe,« versetzte

Erwin, und da Graf Ottokar lächelte, fügte er hinzu: »Es müßte denn ein

Dieb sein, der nicht aus Habsucht stiehlt, sondern aus Kennerschaft und

Liebhaberei. Da aber die menschlichen Diamanten ihren Besitzer nicht

willenlos zu wechseln pflegen, wäre für solch einen Dieb ein Handgriff

nicht genug, er müßte streitbar auftreten und aus einem Eskamoteur

zum Eroberer werden. Wir befinden uns hier auf der Grenzscheide der

Begriffe Raub und Krieg.«

Palester schwieg. Er lehnte den schmalen Kopf hintüber und blickte zur

Büste Athenes empor, deren fleischgelber Marmor auf einem Büchergestell

leuchtete.

»Sie haben recht«, begann Erwin wieder, der aufgestanden war und

vor dem Kamin hin- und herging wie ein Leopard. »Das ist einmal ein

Gesicht und nicht bloß eine lebendige Attrappe. Wie herrlich, in ein

Gesicht zu schauen, in ein Menschenantlitz! Die Natur verleugnet

plötzlich ihre sonstige Flickschneiderei und Falschmünzerei, ewiges Eis

schmilzt von unseren Herzen, die Blutadern sind symphonisch gestimmt.

Haben Sie das Mädchen beobachtet, Graf? Die Bewegung? Wie wenn ein

Mittagshauch übers reife Korn läuft. Der Schritt! Als ob die Erde sich

gefällig böge. Wie sie tanzte, großer Gott, wie sie tanzte! So ein

Leib wird zum Mysterium, seine Haut ist die schimmernde Wand vor dem

Unerforschlichen.«

Palester rührte sich nicht. Er schloß die Augen bis auf einen engen

Spalt. Der rötlich gelbe und gegen die glattrasierten Wangen scharf

abgeschnittene Kinnbart sah auf dem zarten Gesicht wie aufgeklebt aus.

»Und zu denken,« fuhr Erwin fort, erregt, leise und oftmals stockend

wie in einem Selbstgespräch, »zu denken, daß dieser sanfte und

standhafte Blick aufgewühlt werden kann zum Verlangen; daß das

gemessene Spiel dieser Gebärden dem Rhythmus der Leidenschaft folgt; zu

wissen, daß diese vollendeten Linien durch eine Begierde zu großartiger

Entfaltung gebracht werden können, daß eine Flamme diese kühlste

Stirn übermalen wird, daß diese Schultern zittern, diese Lippen

herrlich geöffnet sein, diese blauen Adern stürmischer pulsen, diese

tugendhaften Haare ungekettet fließen werden, daß es eine Macht gibt,

um diese beschlossene Ruhe in alle Grade der Unruhe zu verwandeln:

von der Erwartung zur Sehnsucht, von der Sehnsucht zur Beklommenheit,

von der Beklommenheit zur Qual, von der Qual zur Entselbstung und nun

hinab- und hinaufgeschleppt in die Abgründe der Schwermut und auf den

Gipfel des Glücks! Das zu denken! Das zu denken!«

»Genug, Erwin, genug!« flüsterte der Graf kaum hörbar.

»Genug? Warum genug? Niemals genug! Niemals!«

»Und Manfred?«

Erwin runzelte finster die Brauen. »Manfred! Manfred besitzt nicht die

Macht, von der ich rede. Manfred hat sich mit dem ersten Anfang des

Phänomens begnügt. Er hat Virginia bis an den Rand des Feuers geführt,

um ihr zu sagen: verbrenne dich nicht. Er hat furchtsam den Kopf

abgewendet und ihre Hände gefaßt und nicht gespürt, daß sie das Feuer

wollte und daß sie von ihm erwartete, er möge ihr Sträuben besiegen.

So sind sie stehen geblieben, in Angst voreinander, und haben nicht

gewagt, Menschen zu sein, und haben das Paradies nicht betreten, aus

Besorgnis, daraus vertrieben zu werden. Das sind Philisterdinge,

Graf, Philistergeschicke. Die Fügung hat diesem feinnervigsten aller

Philister ein Himmelswunder von Weib beschert, die heiter spielende

Kreatur, ein Wesen, geschaffen zur Hingabe und sinnlichen Verwandlung,

und er? Er führt sie bis dorthin, wo Ahnung noch nicht Gewißheit

ist, wo der gestörte Schläfer nicht mehr schlafen und auch nicht mehr

träumen kann. Ich sehe, ich fühle ja das alles, und es läßt mich

nicht. Es geht über meine Kraft, den Diamanten auf dem Wirtshaustisch

liegen zu lassen. Welch eine Glorie, diese aufgesparte Fülle, denn

die Schönheit ist wie das Genie eine Krönung, ein Friedensschluß im

Zwiespalt der Generationen, diese Fülle aus ihren Hülsen und Bollwerken

zu treiben! Man müßte so wenig Phantasie haben wie ein Frosch, um

Einwänden Gehör zu schenken, die nur für Schwachköpfe und Feiglinge

eine Schranke sind. Da haben Sie mich, Graf, da haben Sie mich mit Haut

und Haar.«

Palester öffnete die Lider und schaute Erwin mit einem tiefen und

sonderbar gütigen Blick an. »Sie irren«, erwiderte er. »Ich habe Sie

nicht. Weder die Haut noch das Herz. Sie sind nicht zu haben, Erwin,

das wissen Sie vielleicht selber kaum. Man besitzt Sie nicht, und Sie

besitzen nichts; niemand und nichts.«

Erwin lächelte. Der Graf fuhr fort: »Aber das ist hier kein Argument.

Mein Argument besteht aus drei Worten: Virginia liebt Manfred. Gegen

Liebe kämpft auch ein Gott vergebens.«

»Virginia liebt Manfred«, wiederholte Erwin. »Liebt! Ja, es ist

unleugbar. Aber diese Liebe ist unvollendet und kein besiegeltes

Schicksal. Zwischen Manfred und Virginia ist viel unerforschtes

Terrain, das meine Neugier reizt. Nichts weiter. Es gibt kein

Gefühl in der Welt, das für einen darauf gerichteten Willen nicht

hervorzubringen wäre. Ja, das Gefühl wird mit dem Willen schon geboren,

und nicht nur in der Bruder- und Schwesterseele, sondern in jeder

Seele, sogar in jedem Element. Wo zwei Menschen beisammen sind, ist das

Gefühl in der Brust des einen schon Zwillingskind. Jede Leidenschaft

kann erzeugt, kann zerstört, kann übertragen werden. Es ist eine Frage

der geistigen Energie und der Fähigkeit, Illusionen hervorzubringen

oder vorbestimmte Illusionen zu ersetzen.«

Palester mußte lachen über den ernsthaft dozierenden Ton, der eine

Schelmerei zu enthalten schien. Erwin stimmte in die Heiterkeit mit

ein. »Sie beruhigen mich vollkommen«, sagte Graf Ottokar herzlich.

»Sie sind ein famoser Logiker und, was mehr bedeutet, Sie haben Humor.

Das beruhigt mich wieder. Dieser Homunkulus in der Retorte ist eine

possierliche Sache.«

Erwin lachte abermals, und hell wie ein Kind. »Was würden Sie zum

Pfand setzen, Graf, gegen das Gelingen meines Experiments?« fragte er

übermütig.

»Alles was Sie wollen«, antwortete Palester gelassen.

»Auch die Froweinschen Miniaturen?«

Palester stutzte. »Auch die Miniaturen«, versetzte er dann

achselzuckend.

Erwin sah ihn aufmerksam an und gewahrte in den Zügen Palesters jenen

Ausdruck mystischer Versunkenheit, der ihm zuweilen lächerlich,

zuweilen übernatürlich erschien. Dann fragte er: »Soll das gelten? Sie

verkaufen mir die Miniaturen an dem Tag, an dem ich Ihnen beweisen

kann, daß mein Versuch gelungen ist?«

»An diesem Tag würden Sie die Miniaturen allerdings erhalten.« Palester

erhob sich. »Was für Scherze, was für Spiele«, sagte er lächelnd und

mit leichtem Mißbehagen. »Aber es ist spät, ich muß nach Hause.«

»Übernachten Sie doch bei mir«, schlug Erwin vor. Der Graf schüttelte

den Kopf und verbeugte sich dankend. Erwin hatte plötzlich ein

Verlangen, zu wissen, was es mit den geheimnisvollen Umständen dieses

Mannes auf sich habe, und er fragte unbefangen, ob er ihn einmal

besuchen könne. »Es wird mir ein Vergnügen sein«, entgegnete Graf

Ottokar mit kaum merklichem Widerstreben; »aber Sie müssen sich vorher

anmelden, sonst bleibt das Tor versperrt.«

Als sein Gast gegangen war, wanderte Erwin in dem weiträumigen Zimmer

auf und ab. Er verlöschte die elektrischen Flammen bis auf eine einzige

Glühbirne neben dem Schreibtisch. Seine Mienen zeigten eine gewisse

Anstrengung, doch nicht die Anstrengung des Nachdenkens, sondern die

der Erwartung oder der Ungeduld vor dem Erreichen eines Ziels. Auch

mit den Schultern machte er bisweilen kleine ungeduldige Bewegungen.

Manchmal blieb er stehen, und seine Hände preßten sich zu Fäusten

zusammen.

Da fiel sein Blick auf ein Tanagrafigürchen, das auf dem Lesetisch

stand. Dieses Figürchen hatte die reizendste Gestalt, die sich denken

läßt, und ein Köpfchen von entzückender Lieblichkeit. Doch fehlten ihm

die Arme. Erwin nahm es in die Hand, auf seine Lippen trat ein dünnes,

unschlüssiges Lächeln, und der sonderbar angestrengte Ausdruck seines

Gesichtes verstärkte sich. Er warf sich in einen Sessel, stellte das

Figürchen auf den Rand des Tisches vor sich hin und heftete nun den

magisch gehaltenen Blick mit der äußersten Steigerung jener Anstrengung

länger als eine halbe Stunde darauf. Er wurde blaß, und seine Augen

nahmen eine schwarze, glanzlose Färbung an. Allmählich ermüdete sein

Blick; er sprang empor, stellte das Figürchen auf den Handteller, und

seine Lippen schoben sich verlangend vor. Verlangen und Hingerissenheit

drückte sich auch in seiner Haltung aus, und sein Blick war immer

noch befehlend, erfüllt von der magischen Faszinierung. Er wollte das

Figürchen an einen entlegenen Platz bringen; während seines Schreitens

entfiel es ihm und lag nun vor seinen Füßen auf einer vom Teppich nicht

bedeckten Stelle; mit abgebrochenem Kopf lag es vor ihm da.

Läßt sich eine Beziehung zwischen einer solchen Handlung und einer

Schläferin denken, die fern davon weilt? Ein Strom der Angst, der

Bezauberung, der Ahnung, der durch Häusermauern dringt?

Zur gleichen Zeit hatte Virginia folgenden Traum. Sie stand allein auf

einer Art von Terrasse über dem fünften Stockwerk eines brennenden

Gebäudes. Es gibt keine Treppe mehr, die Ausgänge sind verschwunden,

ringsum liegen rauchende Aschenhaufen. Sie steht am Dachfirst und

schaut in die Tiefe hinunter; auf der Straße ist es, als ob nichts

geschehen wäre; Wagen fahren und Leute gehen wie sonst. Sie ruft um

Hilfe, doch niemand hört es. Wieder und wieder ruft sie um Hilfe, aber

plötzlich merkt sie, daß sie gar nicht wirklich um Hilfe ruft, sondern

daß sie nur die Absicht hat, und daß ihr das Wort nicht einfällt. Jetzt

winken einige Leute herauf, so teilnahmslos, daß ihr das Herz stille

steht. Da klettert an der zerbröckelnden Hauswand mit wunderbarer

Geschicklichkeit Erwin Reiner herauf. Sie ist ziemlich verlegen, denn

sie erinnert sich, daß sie nur notdürftig bekleidet ist und daß sie

eine Schürze anhat, der die Taschen fehlen. Hinter ihr ist eine riesige

Sandsteinstatue. Mit geheimnisvollem Wesen erklärt ihr Erwin, daß unter

dieser Statue ein verborgener Gang auf die Straße führt; der Kopf der

Statue sei drehbar, und nur er unter allen Menschen könne den Hebel

finden, durch den sich der Kopf drehen läßt und der Gang sich öffnet.

Sie befindet sich mit ihm in dem finstern Gang. Er schweigt. Sein

Schweigen ist furchtbar. Sie ruft ihn, doch sie vergißt seinen Namen,

während sie ruft. Jetzt fällt ihr das Wort Hilfe ein, und sie ruft um

Hilfe. Rufend erwachte sie.

Von da ab litt sie viel von Träumen, und das Merkwürdige war, daß auch

Manfred von Träumen schrieb, deren ungreifbarer Sinn ihn schmerzlich

beschäftigte.

Die Masken Erwin Reiners · 第 7 / 20 题