Eines Tages wurde ein wenig gebieterisch die Glocke gezogen, Frau
Geßner öffnete und trat mit Marianne von Flügel ins Zimmer. »Sie dürfen
mir nicht böse sein, daß ich Sie überrumple«, sagte das Fräulein, auf
Virginia zugehend und ihr die Hand reichend, mit einer Stimme von
geübtem Wohlklang. »Erwin Reiner hat mich ermutigt, Sie aufzusuchen.
Erwin und ich, wir sind alte Freunde, mehr als Freunde, fast wie
Geschwister. Er hat mir soviel von Ihnen erzählt, und seit ich Sie
kennen gelernt, hab ich soviel an Sie gedacht, daß es mich eigentlich
keine Überwindung gekostet hat, den ersten Schritt zu tun.«
»Es ist sehr lieb von Ihnen«, antwortete Virginia ziemlich steif.
Frau Geßner, die gleich angefangen hatte, Stühle zu rücken, Deckchen
zu glätten und ein paar Sächelchen dorthin zu tragen, wo sie ohnehin
schon gestanden waren, schleppte einen Sessel herbei und bat das
Fräulein, »sich nur ja nicht umzuschauen«, als ob eine so glänzende
Dame hier Schaden erleiden könne, wiewohl in letzter Zeit viel für
die Wohnung geschehen war. Neue Vorhänge hingen über den Fenstern,
einige Möbelstücke waren neu beschafft worden, und ein bescheidener
Blumentisch stand an sonnigem Platz. Virginia ärgerte sich über das
demütige Wesen der Mutter, und ihre Miene wurde zusehends fremder, bis
die besiegende Herzlichkeit der andern ihrem spröden Widerstand ein
Ziel setzte.
Es war etwas Aufgelöstes und Ungehemmtes an Marianne von Flügel.
Sie gab sich wie jemand, der das Leben groß sieht und die Menschen
klein. Sie war um Worte nicht verlegen, um die kühnsten nicht; ihre
Zunge spielte wie ein Weberschifflein hinter den starken Zähnen. Wie
sie saß und ein Bein über das andre schlug, wie sie ein goldenes
Zigarettendöschen aus der Tasche nahm, ein winziges Zigarettchen
zwischen die Lippen schob und beim Plaudern den Rauch verfließen
ließ, das hatte seine Art; da steckte Humor drin. Und Humor steckte
in ihren Bemerkungen über das Treiben der Leute; es waren kleine,
schelmische Nadelstiche, ein Lächeln, ein Wenden der Hand und alles
war vorüber: irgendeiner war tot, der vorher noch lustig gelebt hatte.
Um so gewichtiger mußte der Ausdruck der Bewunderung klingen, die
sie Virginia entgegenbrachte. »Es ist mein fester Vorsatz, daß wir
Freundinnen werden müssen«, sagte sie, und Virginia konnte nicht umhin,
sich darein zu ergeben. Als Marianne ging, bat sie Virginia, einen
Abend, der sogleich bestimmt wurde, bei ihr zu verbringen; es kämen nur
einige Freunde, Erwin natürlich auch. Virginia versprach es.
Am Morgen des betreffenden Tages wurde Frau Geßner unwohl und legte
sich fiebernd zu Bett. Virginia telephonierte vom nahen Postamt dem
Doktor Zimmermann, einem seit dreißig Jahren im Bezirk sässigen Arzt,
der schon den Vater Virginias behandelt hatte und, so selten er kam,
ein obsorgendes Verhältnis zu den beiden Frauen unverbrüchlich
pflegte. Es war ein graubärtiger Herr von gedrungener Gestalt, stramm
und scharf in Geste und Wort und infolge einer leichten Taubheit zu
selbstgefälliger Beredsamkeit geneigt. Er glich den Fehler aus durch
Klugheit, Erfahrung und ein expressives Temperament.
Er war nicht wie die meisten jungen Ärzte gekränkt, wenn man ihn
zu einem Schnupfen holte. Ein Schnupfen gehörte zur Soldateska des
Todes so gut wie ein Magengeschwür. Er erklärte den Fall für harmlos
und verfaßte ein tröstendes Rezept. Dann setzte er sich ans Bett der
Patientin und fragte nach diesem und jenem. Frau Geßners Erlebnisse
waren nicht so weitschichtig, daß sie den Namen Erwin Reiners bei
solchem Anlaß unerwähnt gelassen hätte. Das Gesicht des alten Doktors
veränderte sich; er hielt die Hand ans Ohr und ließ sich den Namen
wiederholen. »Ist das der Sohn von dem reichen Michael Reiner?« fragte
er. »Dieser – besondere Erwin Reiner? Der ... Kunstgelehrte oder ...
Naturforscher, was weiß ich? Der?« Und als Frau Geßner triumphierend
nickte: »Den Mann kennen Sie? Doch wohl« – mit dem Daumen über die
Schulter nach Virginia weisend – »das Fräulein Tochter nicht?«
»Ja, gewiß,« entgegnete Frau Geßner, »er ist der intimste Freund von
Ginas Bräutigam.«
Virginia war draußen im Wohnzimmer mit Holz und Schnitzmesser am Tisch
gesessen; jetzt erhob sie sich und trat leise durch die offene Tür.
»Na, da gratulier’ ich«, murmelte der Doktor und schüttelte den Kopf.
»Was gibt’s denn?« fragte Virginia heiter, indem sie sich gegen die
Schulter Doktor Zimmermanns herabneigte; »was haben Sie denn gegen
Erwin Reiner einzuwenden?«
Mit energischem Ruck wendete sich der Doktor und blickte das Mädchen
mit seinen braunen, lebhaften Augen an. »Ich?« antwortete er mit der
geräuschvollen Stimme der Schwerhörigen; »was ich einzuwenden habe? Das
will ich Ihnen erzählen. Ich habe einen Neffen, Ulrich Zimmermann mit
Namen, der einzige Verwandte, den ich besitze, überhaupt der einzige
Mensch, der mir dem Blut nach nahesteht. Diesen Neffen hab ich von früh
auf bewacht, bemuttert darf man sagen, denn er verlor beide Eltern
nach seiner Geburt. Ich habe für seine Erziehung gesorgt, ich habe
ihn aufs Gymnasium und auf die Universität geschickt, kurz, ich habe
meine Hoffnung auf ihn gesetzt und gedacht, der junge Mensch wird mal
meine Praxis übernehmen und quasi mein Leben fortsetzen. Wir führen ja
einen guten Namen, schon mein Vater war Arzt dahier und mein Großvater
gleichfalls. Eines Tages kommt der Bursche zu mir und sagt: ›Onkel, ich
will nicht mehr studieren.‹ ›So?‹ frag ich, ›und aus welchem Grunde
denn, mein Verehrtester?‹ ›Ich habe keine Lust an der Medizin‹, sagt
er. ›Nun, wozu hast du aber Lust?‹ frag ich. ›Ich will Dichter werden‹,
gibt er mir zur Antwort. Ich schau ihn mir von oben bis unten an und
sage: ›gut, mein Junge, wenn du Dichter werden willst, so laß dir das
von deinen zukünftigen Lesern bezahlen, von mir bekommst du keinen
Heller.‹ Er geht weg, und von der Stunde an hab ich ihn nicht mehr
gesehen. Das ist jetzt drei Jahre her. In liederlichen Kneipen hat er
die Nächte durchschwärmt und die Tage, Gott weiß wo, verschlafen. Ist
ein Schuldenmacher, ein Schwarmgeist und Phrasenritter geworden, ein
Kerl, der nichts arbeitet und in der Welt herumschmarotzt. Und wer,
glauben Sie nun, hat das auf dem Gewissen? wer, glauben Sie, hat mir
meinen ordentlichen, fleißigen, treuen und dankbaren Ulrich gestohlen
und zu einem Landstreicher gemacht? Ihr Erwin Reiner war das. Ganz
genau derselbe. Von dem Tag an, wo Ulrich den Mann kennen gelernt hat,
war er verhext. Ich habe ihm das Geld entzogen, um ihn durch Not zur
Vernunft zu bringen, aber der gewissenlose Freund hat ihn unterstützt,
hat seine Einbildungen genährt, sein angebliches Talent aufgebauscht,
hat ihn, mit einem Wort, unglücklich gemacht. Vor einem Jahr ist Ulrich
nach Amerika gefahren; dort wird er vollends verdorben sein.«
Der Doktor starrte eine Weile düster vor sich hin, dann fuhr er fort:
»Das wäre meine private Erfahrung. Von andrem möcht ich nur ungern
reden, um Ihnen den Gusto nicht zu verderben, mein schönes Kind, obwohl
die Spatzen es von den Dächern pfeifen. Der Mann ist über Leichen
gegangen, im wörtlichsten Sinn. Er atmet in der Luft des Skandals. Ein
Blütenzerknicker; ein Seelendieb; der echte moderne Selbstgott. Da
war vor ein oder zwei Jahren eine unselige Affäre, eine Weiberaffäre
natürlich, wobei es zum Duell kam. Ein junger, hoffnungsvoller Mensch,
Offizier, einziger Sohn seiner Eltern, hat sein Leben lassen müssen.
Die Sache ist vertuscht worden, kam nicht einmal in die Zeitungen,
aber Ihr Erwin Reiner kann das junge Blut nimmer von seinen Händen
abwaschen. Die Eltern sind bald darauf vor Kummer gestorben, und die
Frau, um deretwillen das Unheil geschah, hat den Schleier genommen.«
Virginia hatte den Kopf gesenkt und schwieg.
»Kennen Sie ihn denn persönlich?« fragte Frau Geßner mit bekümmerter
Miene.
»Wie?«
»Ob Sie ihn persönlich kennen?«
»Nein. Ich kenne ihn nicht. Ich wünsche ihn nicht zu kennen. Ich kenne
seinen Vater. Ein vortrefflicher Herr. Wir sehen uns bisweilen bei Frau
Malwine Engelhardt. Dort hat der alte Mann, der sich einsam fühlt,
etwas wie ein Heim gefunden. Es wird sogar davon gesprochen, daß die
beiden sich heiraten sollen. Aber der junge Reiner sucht das natürlich
zu verhindern. Es wäre eine Mesalliance in seinen Augen.« Der Doktor
lachte heiser und erhob sich. Virginia reichte ihm kühl die Hand. Es
tat ihr weh, den Freund Manfreds so verunglimpft zu wissen. Da Erwin
die Beschuldigungen des Doktors nicht widerlegen konnte, Aug in Auge,
wie es hätte sein sollen, nahm sie im Innern seine Partei.
Desungeachtet war sie verstimmt und hatte, auch weil die Mutter
bettlägerig war, die Lust verloren, den Abend außer Haus zu verbringen.
Erwin hatte versprochen, sie abzuholen, und gegen acht Uhr kam er.
Virginias Weigerung erstaunte ihn; den Hinweis auf die Kranke ließ
er nicht gelten. Er trat ins Nebenzimmer an Frau Geßners Lager und
fragte sie selbst. Sie redete Virginia zu, aber ihre Verlegenheit fiel
Erwin auf. Er roch Unrat, und alsbald erfuhr er, daß Doktor Zimmermann
dagewesen sei.
»Ach so«, sagte er; »ach so.« Er schaute Virginia, die ihm gefolgt war,
forschend an und trommelte mit den Fingern auf den Bettpfosten. »Und da
hat er wohl von seinem Neffen erzählt?« Virginia nickte. »Und bei dem
Neffen ist es wohl nicht geblieben?« Virginia nickte.
»Wissen Sie, wie sich die Geschichte mit dem Neffen verhält?« begann
Erwin ruhig. »Ich lernte Ulrich Zimmermann im Hörsaal der Anatomie
kennen. Er interessierte mich durch ein Wesen, das ich tönend nennen
möchte und das man nur bei genial veranlagten Naturen trifft. Wir
traten uns näher, und ich hatte bald Gelegenheit, mich seiner
anzunehmen. Seit seiner frühen Jugend ging er künstlerischen Neigungen
nach, sah aber keine Möglichkeit, sich vom verhaßten Brotberuf zu
befreien. Sein Onkel ist reich; er hat im Verlauf einer langen Praxis
ein Vermögen zusammengescharrt, ist aber von einem unnatürlichen Geiz
besessen.«
»Das stimmt, geizig ist er«, fiel Frau Geßner ein. »Seit zehn Jahren
spricht er von einer Reise nach Italien, was seine größte Sehnsucht
ist, aber er hat nicht das Herz dazu. Er gönnt seinem Stellvertreter
nicht die Einnahmen, die ihm dann entgehen würden.«
»Man macht oft die Erfahrung, daß Leute, die sehr langsam und durch
mühselige Arbeit zu Geld gekommen sind, sich ebenso schwer davon
trennen, wie sie es erworben haben«, erwiderte Erwin verteidigend.
»Nun, dieser Geiz allein hatte Ulrich verzweifelt und trübsinnig
gemacht. Jedes Mittagessen, der Kauf jedes Buchs mußte schwarz auf
weiß bescheinigt werden. Er hatte wochenlang gedarbt, um von dem
Alten nicht Geld fordern zu müssen, aber dieser Umstand erlöste sein
Gemüt auch allmählich von der Last der Dankbarkeit. Mich fesselte es,
das wilde Talent zu formen und aus dem Staub zu ziehen. Ich habe den
unbeschreiblichen Genuß gehabt, Zuschauer zu sein, wie ein lebendiger,
wollender Geist zu seiner Bestimmung heranwächst. Daran ändert kein
Onkel auf Erden etwas.«
Das klang nun ein wenig anders.
»Übrigens können Sie Ulrich heute abend in Mariannes Salon sehen«,
fügte Erwin, gegen Virginia gewandt, hinzu.
»So?« fragte Frau Geßner erfreut, »er ist also nicht in Amerika
zugrunde gegangen?«
Erwin lächelte. »Er ist vor acht Tagen zurückgekommen«, sagte er. »Ich
kann Ihnen ja verraten, daß ich selbst es war, der ihm die Mittel
verschafft hat, nach Amerika zu gehen. Es hatte einen bestimmten
Zweck; davon zu sprechen, ist hier überflüssig. Aber ich merke
schon und sehe es Ihnen beiden an,« fügte er bitter hinzu, »daß man
mir einen tüchtigen Nasenstüber versetzen wollte. Glauben Sie, es
überrascht mich? Es ist mir nichts Neues. Ich greife zu, wo die andern
schwatzen, mich lockt das Leben überall, das schöne, große, bunte,
dunkle Leben, aber hab ich in irgendeinem pestvergifteten Schacht eine
Goldader gefunden, dann fährt mir die ganze Meute der Neinsager und
der Kopfschüttler ans Genick, und wo ich etwas gerade gebogen habe, da
kommen alle, die sonst ihre Löcher nur verlassen, wenn’s brennt, um zu
konstatieren, daß das Krumme besser war. Ich schäme mich meiner Taten
nicht. Ich verheimliche sie nicht. Ich rechtfertige sie nicht. Ich
schäme mich meiner selbst nicht. Ich flüchte nicht vor mir. Ich habe
geliebt, ich wurde geliebt, ich habe gehaßt, ich wurde gehaßt, und ich
resigniere nicht, niemals, denn jede Form des Handelns ist besser als
selbst die edelste Resignation.«
Er stand da mit funkelnden Augen und schüttelte den ganzen Arm mit
der ausgestreckten Faust. Virginia, die sich um eine Last erleichtert
fühlte, blickte ihn mit ehrlicher Freude an und sagte: »Ich gehe mit
Ihnen, Erwin. Warten Sie. In einer Viertelstunde bin ich fertig.«
Und sie verschwand in ihrem Kabinett.
* * * * *
Der Abend verlief angeregt. Die Huldigungen, die Virginia erfuhr,
beeinträchtigten keineswegs die bescheidene Meinung, die sie von sich
hatte. Erwin tadelte ihre hervortretende Bescheidenheit. »Ein bißchen
Hochmut ist nützlich,« sagte er, »das erzeugt Distanz.« Aber sie
konnte nicht hochmütig sein, weil ihre Anmut sie daran verhinderte.
Fritz Kynast, einer von Erwins Freunden, wollte finden und wünschte
es von Erwin bestätigt zu hören, daß sie der Lukrezia Tornabuoni von
Botticelli ähnlich sehe. »Nur ist die Tornabuoni tragisch gefaßt,
während für Fräulein Geßner eine innere Heiterkeit charakteristisch
ist.« Virginia nahm diese umfassende Kritik lieblich zweifelnd hin.
»Man soll nicht Seelenanalysen auf Grund eines Soupers treiben«, sagte
Erwin kalt.
Es hatte natürlich bei dem einen Abend sein Bewenden nicht. Marianne
von Flügel schien die Aufgabe übernommen zu haben, Virginia in die
Gesellschaft einzuführen. Virginia sträubte sich oft, aber Mariannes
Energie entwaffnete ihren Widerstand. Sie ging zu einem Tee bei der
Baronin Resowsky, und mit dieser Dame fühlte sie sich alsbald durch
eine lebhafte Sympathie verbunden. Marianne bemerkte es ungern und säte
Mißtrauen.
Marianne von Flügel war die Tochter des berühmten Professors und
Klinikers von Flügel, der sich eines Tages, verfolgt von Erpressern,
zerrütteten Geistes, eine Kugel in den Kopf geschossen hatte.
Beschmutzende Gerüchte hafteten an dem Ereignis. Mariannes Mutter
war vor zehn Jahren mit einem Pianisten durchgebrannt. Nach dem Tod
ihres Gatten war sie zurückgekehrt, alt und stumpf. Sie war wunderlich
geworden, und man versteckte sie vor den Leuten. Drei Brüder lebten
wie große Herren, auch nachdem sie ihr Erbteil verpraßt hatten.
Marianne führte ein Haus; niemand wußte, woher das Geld kam. Verleumder
erzählten, in ihrem Salon werde nächtlicherweile gespielt. Verblaßter
Glanz war in den Räumen, welche aussahen, als ob die Sonne sich von
ihnen abgewendet hätte. Das Elend, das hinter Damastvorhängen und
fahlen Gobelins grinste, hatte Marianne gelehrt, wie man kurzsichtige
Gäste täuscht. Der Name ihres Vaters schien ihr die Pflicht der Haltung
aufzuerlegen. Die Brüder waren wie Bastarde, die das Gut dieses Namens
frech verschleuderten, die Mutter hatte ihn längst mit Füßen getreten.
Es läßt sich schwer ein Begriff von dem vernichtenden Hohn geben, mit
dem das achtundzwanzigjährige Mädchen heimlich auf das Getriebe einer
Welt blickte, die sich in immer konzentrischen Kreisen ermüdend um sie
bewegte. Die einzige Rettung war eine reiche Heirat, das stand für sie
fest. Ebenso fest stand es für sie, daß Erwin es war, der sie heiraten
mußte.
Man konnte in Zweifel sein, ob sie hübsch war. Sie wußte sich zu
tragen. Sie hatte die Grazie zweiten Ranges, die auf Übung, Urteil
und Geschmack beruht. Sie hatte Figur. Sie war es nicht. Sie täuschte
gefällig. Ihr Teint hatte etwas von der entwerteten Mattheit
gewaschener Seide. Ihr Profil war bewundernswert. Es gab Bilder von
ihr, auf denen das Profil statuenhaft bedeutend war. Im Leben war es
tot.
Ihre Undurchdringlichkeit hatte Erwin einst gefesselt. Auch jetzt
noch liebte er die Schauder, von denen er sie durchzittert fühlte,
wenn er neben ihr ging oder saß. Das war es eben, was ihn lockte, was
ihn unersättlich machte. Die Schauder waren es, die ein liebendes
Geschöpf vor ihm entkleideten, eine Stunde der Ergriffenheit, der
Anblick stiller Ekstase, die sein Welt- und Selbstgefühl zur weiteren
Schwingung trieben. Die sich an ihn verloren, die Seelen, von denen
nährte er sich, ihre Sehnsucht war seine Erfüllung. Da war er dann
brüderlich rücksichtsvoll, und seine Gebärden waren einschmeichelnd wie
die eines entflammten Knaben.
Jetzt spannte sich sein Wille glühend gegen ein anderes Ziel. Marianne
ertrug es wie ein Schicksal. Sie war erbötig, das Sprungbrett zu
halten, von welchem er in die Brandung stürzte, und sie hoffte, sie
erwartete es, sie rechnete damit, daß er einmal mit zermalmtem Herzen
zurückkommen würde, um nach ihr zu greifen, weil keine sonst ihm nahte.
Sie dachte niemals ohne Haß an ihn, und nie ohne Furcht, und nie ohne
die Neugier eines Menschen, der nicht weiß, was sich hinter einer Mauer
begibt, an der er täglich vorübergeht.
Es war an einem Abend im Januar. Marianne von Flügel feierte ihren
Geburtstag, deshalb war Virginia zu ihr gegangen. Sie traf Ulrich
Zimmermann dort, den sie heute erst zum zweiten Male sah. Marianne
bemutterte ihn; sie behandelte ihn als einen Poeten, das heißt,
sie behandelte ihn schlecht. Er war schweigsam. Er gehörte zu jenen
Naturen, die in Gesellschaft ein unsichtbares Schneckenhaus um sich
tragen, worin sie trotzig und scheu menschenfeindlichen Anwandlungen
zur Beute werden, die eine Folge unbefriedigter Eigenliebe sind.
Virginia fand sich beengt, da seine Blicke mit Hartnäckigkeit an ihr
hingen. Zum Glück kam Erwin bald; er brachte den Grafen Palester
mit. Der Graf kannte Marianne flüchtig. Als er Virginia vorgestellt
wurde, war sein Gruß ohne Förmlichkeit, sein Lächeln ohne Zwang. Seine
vornehme Art gefiel ihr; bald war sie mit ihm in eifriger Unterhaltung
über Manfred und Manfreds Reise, und sie spürte, wie sie es noch bei
keinem gespürt, daß er Manfred aufrichtig zugetan war.
Im Verlauf des Abends war Marianne so munter und kapriziös, daß
Mitrede und Widerpart allen Vergnügen bereiteten, und schließlich
hatte sie den Einfall, man solle doch an einem der nächsten Tage eine
Schlittenpartie ins Hochgebirge machen. Dem wurde beigestimmt, man
setzte den zweitfolgenden Tag fest, auch die Stunde des Stelldicheins
auf dem Bahnhof; Erwin sollte den Schlitten telegraphisch bestellen.
Er fragte Virginia um Einzelheiten, als ob sie Sachverständige in
Schlittenpartien sei; sie war im Zweifel, ob sie mittun solle, fügte
sich aber dem allgemeinen Drängen.
Während der nachflatternden Erörterungen ergriff Marianne plötzlich
Virginia bei der Hand und führte sie in ein Gemach nebenan. Ein
Hängeteppich statt der Tür trennte den Raum von dem Zimmer, wo die
andern waren. »Sie sind schön, Virginia«, sagte Marianne leise, »Sie
müssen auf Ihrer Hut sein.«
Virginia entfärbte sich. Ihre Lippen öffneten sich zur Frage. »Haben
Sie wissentlich jemand beleidigt?« fuhr Marianne fort, »vielleicht bei
der Resowsky? Oder gestern bei Wellhausens? Besinnen Sie sich einmal.«
»Ich weiß von nichts,« hauchte Virginia erschrocken, »was ist denn
geschehen?«
»Also unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit, Virginia: Erwin
hat Ihretwegen ein Renkontre gehabt.«
»Was heißt das?«
»Was das heißt? Ein Herr hat eine ungehörige Bemerkung über Sie
geäußert, und Erwin hat ihn zur Rede gestellt.«
»Eine ungehörige Bemerkung? Über mich?« Virginias Augen funkelten, aber
aus ihren Wangen wich vollends jede Farbe. Marianne hatte eine Regung
des Mitleids und der Reue, andrerseits entzückte sie das Bild rührender
Entrüstung und schmerzlichen Erstaunens. »Seien Sie vernünftig,« mahnte
sie, »beherrschen Sie sich. Solchen Dingen ist man eben preisgegeben.
Die meisten Gespräche in unseren Kreisen sind Hinrichtungen Abwesender.«
»Was war es für eine Bemerkung?« – »Das weiß ich nicht.« – »Wer war
es?« – »Das – brauchen Sie gar nicht zu erfahren.« – »Und Erwin?« –
»Erwin? Er hat geantwortet, wie ein Freund antworten muß. Ich habe
Ihnen ja gesagt ...« – »Ich versteh’ es nicht.« – »Er wird sich
schlagen.« – »Ein Duell?« – Marianne nickte.
Noch einmal funkelten Virginias Augen auf, dann bemächtigte sich ihrer
eine tiefe Verstörtheit. »Ich möchte jetzt nach Haus«, sagte sie; »kann
ich von hier aus gleich in den Flur?« – »Ja, aber Sie können doch nicht
allein gehen.« – »Ich fürchte mich nicht. Ich will allein sein.« –
»Das geht nicht, in der Nacht ... Ulrich soll Sie begleiten.« Marianne
schob den Teppich zur Seite und rief Ulrich Zimmermann. Er übernahm den
Auftrag mit befangener Freude.
Marianne begab sich ins Speisezimmer zurück. »Fräulein Geßner läßt
Sie beide grüßen, sie hat sich unwohl gefühlt und wollte nicht weiter
stören«, sagte sie zu Palester und Erwin. Dieser zuckte auf und sah
Marianne drohend an. Wenige Minuten später empfahl sich Graf Ottokar.
»Was habt ihr miteinander gehabt?« fragte Erwin, als jener gegangen
war, und sein Blick wurde noch drohender.
Marianne zog ihr Döschen aus der Tasche, zündete eine der winzigen
Zigaretten an und fragte gleichmütig: »Wie stehst du denn eigentlich
mit ihr?«
Erwin zuckte mißfällig die Achseln. »Du bist taktlos, Marianne, diese
Eigenschaft ist mir neu an dir«, sagte er.
»Ich will dir behilflich sein, weiter nichts,« erwiderte Marianne,
und über Erwins verständnislose Miene etwas gezwungen lachend, fuhr
sie fort: »Ich habe dich unwiderstehlich gemacht. Ich habe dich in
ein Duell verwickelt. Man hat in Gesellschaft abschätzig über sie
gesprochen, – das fleckenlose Lamm hat gar nicht daran gezweifelt –,
du bist als Ritter für ihre Ehre aufgetreten, die Folgen ergeben sich
von selbst. Ich habe einfach etwas erfunden, wozu die Wirklichkeit zu
stümperhaft war.«
Erwin machte große Augen. »Und du denkst im Ernst, daß ich das aufrecht
erhalten werde?« fragte er.
»Du mußt. Was ficht’s dich an?«
»Köstliche Antwort: was ficht’s dich an. Ich meinerseits habe einen Ruf
zu verlieren.«
»Bah. Dir glaubt man alles. Du bist in Mode.«
»Ein Duell ohne Gegner, ohne Ursache, ohne Folgen?«
»Findest du das nicht prachtvoll? Endlich einmal etwas Originelles.
Du führst die ganze Gesellschaft an der Nase herum, denn alle müssen
es natürlich wissen, sonst hat es keinen Zweck, sonst bleibt deine
marmorne Göttin ungerührt. Ein Weiberherz, und mag es beschaffen sein
wie es will, wird immer davon bestimmt, wie die Welt über einen Mann
urteilt. Für die Verbreitung werde ich schon sorgen. Was riskierst du?
Nichts. Du hast deinen Gegner nicht getötet, denn er hat nie gelebt.
Und weil er nicht lebt, wird man ihn auch nicht finden. Wir beide, wir
schweigen.«
Erwin setzte sich rittlings auf den Stuhl und packte die Lehne mit
beiden Händen. So, den Kopf vorgeneigt, lachte er lautlos mit offenem
Mund, in dem die starken weißen Zähne blitzten und eine Goldplombe
leuchtete. »Deine Experimentalpsychologie ist unbezahlbar, liebe
Marianne«, versicherte er endlich, wobei in seiner Miene das Vergnügen
über den Einfall mit einer gewissen Verachtung gegen die Person
kämpfte. »Das hat Geist, ja, das hat Geist, ich kann’s nicht leugnen.
Aber du nimmst mir’s ja nicht weiter übel, wenn ich Virginia so bald
wie möglich aufkläre. Der papierne Lorbeerkranz ist mir ein bißchen
peinlich.«
»Das wäre die größte Dummheit, die du begehen könntest. Du würdest das
Mädchen für immer erkälten. Sie würde dir niemals verzeihen, daß sie
umsonst für dich in Sorge war.«
»In Sorge?«
»Gewiß. Sie ist besorgt für dich. Sie muß es sein, wenn sie Gemüt im
Leibe hat. Sie ist gekränkt worden, und du bist der Rächer. Zerstörst
du diese Einbildung, so erscheinst du ihr lächerlich, ob sie will oder
nicht. Das ist Frauenart. Der gut imitierte Lorbeerkranz ist also
besser als eine Narrenkappe.«
»Weshalb?« sagte Erwin leichthin, »man kann Narrenkappen so würdevoll
tragen wie Kronen.« Er runzelte die Stirn und stützte das Kinn auf das
Holz der Lehne.
»Außerdem – soll ich vielleicht als Lügnerin dastehen?«
»Mein Gott, ein Irrtum, ein Klatsch –«
Marianne sah ihn fest an. »Du wirst es nicht tun, Erwin. Ich kenne
dich. Es wäre ja philisterhaft, den Faschingsscherz ins Tragische zu
wenden. Der Kavalierstandpunkt gilt doch nicht unter uns.«
»Aber welches Interesse hast du daran, Marianne, du?«
»Ach, ich möchte, daß das kleine Abenteuer bald hinter dir liegt, es
beschäftigt dich über Gebühr«, entgegnete Marianne etwas frostig.
Erwin mußte lächeln. Es war Lust und Begierde in seinem Lächeln. Indem
er an Virginia dachte, sah er sie wie eine Lilie, deren weißer Glanz
allein Schutz genug ist gegen häßliche Berührung, und indem er das
Bild Mariannes hinzugesellte, wurde es von dem weißen Glanz verzehrt
wie Fackellicht von einer Magnesiumflamme. Ihn ekelte ein wenig vor
der billigen Heldenrolle, die ihm Marianne aufdrängte, doch sah er
ein, daß er damit viel gewann; und weil eine ihm tief innewohnende
Geringschätzung gegen Menschen und ihre Einrichtungen ihn stets reizte,
die Fesseln der Konvention für nichts zu nehmen, so pedantisch er sie
auch zu achten schien, überredete er sich leicht, in diesem Wagnis ein
heiteres Spiel zu sehen, welches er in jedem Augenblick mühelos beenden
konnte.
Ohne sich von solcher Erwägung etwas anmerken zu lassen, erhob er sich
und sagte kühl: »Auf übermorgen also. Ich hole dich und Virginia ab.«
»Gibst du mir nicht die Hand?«
Er reichte ihr die Hand, wie man einem Bedienten den Hut reicht.
»Und die andre, was ist’s mit der?« fragte Marianne mit gesenkten
Lidern.
»Welche andre?«
»Die Schwester von Fritz Kynast ...«
»Frau Zurmühlen meinst du? Es geht ihr vortrefflich. Gute Nacht,
Marianne.«
Als Erwin das Zimmer verlassen hatte, blieb Marianne an der Tür stehen,
um seinem verklingenden Schritt nachzulauschen und dann zu grübeln. Der
freundliche, gesellige Ausdruck ihrer Züge hatte sich im Nu verwandelt,
von Müdigkeit in Düsterkeit, von Düsterkeit in jene Verzweiflung, die
ein altgewohnter Kampf hoffnungsloser Gedanken erregt. Sie fühlte sich
schon an der Wende der Jugend, übersättigt und lustlos, ohne Zuversicht
und ohne Liebe, ohne Kraft und ohne Ruhe. Die Spule leerer Vergnügungen
war abgesponnen, und die öden Tage folgten einander scheinbar belebt,
wie auf einer Bühne ein schlechtes Stück, das nur Neulinge flüchtig
zerstreut, ewig wiederholt wird.
Sie bildete sich aber ein, daß sie zu den Schauspielern, zu den
Hauptdarstellern dieses schlechten Stücks gehöre, und das war ein Glück
für sie. Denn es verursachte immerhin Bewegung, gebot die Pflicht der
Haltung, ließ Schminke und Verstellung unerläßlich erscheinen. Die
amüsierten Zuschauer vernahmen nicht den blechernen Klang der Stimmen
und das puppenhafte Knarren der Gebärden, und so führte man die Rolle
zähneknirschend durch und konnte der Versuchung endlich kaum mehr
widerstehen, einmal aufzuschreien, den Ingrimm sich einmal vom Herzen
zu schreien und das blutsaugerische Lügenwesen zu enthüllen.
Hätte man nur nicht fürchten müssen, dann zur Rolle des Zuschauers
verdammt zu werden.
* * * * *
Virginia konnte die Nacht hindurch kein Auge schließen. Hundertmal
überlegte sie, was sie dort, wo sie gewesen, für Worte gesagt, was man
ihr geantwortet, sie ließ die Gesichter vorüberziehen, die untreuen,
die undurchdringlichen. Um drei Uhr machte sie wieder Licht, nahm ihren
Handspiegel und prüfte mit Sorgfalt die eigenen Züge. Sie argwöhnte, zu
oft gelächelt zu haben.
Am andern Vormittag krochen die Stunden träge hin. Sie konnte nichts
arbeiten, und ihre Befürchtungen schlugen folgsam die Richtung ein,
die Mariannes Worte ihr gewiesen. Es wurde ihr schwer, sich vor der
Mutter zusammenzunehmen, obgleich diese nicht viel sah, weil sie
viel spintisierte. Sie wollte eine Absage für den morgigen Ausflug
schreiben, blieb jedoch unschlüssig. Unschlüssigkeit war ein Zustand,
den sie sonst nicht kannte, ein verhaßter Zustand, der ihre Sinne
trübte.
Da Erwin am Nachmittag nicht kam, ging sie gegen sechs Uhr zu Marianne.
Marianne war nicht zu Hause. Sie bat das Dienstmädchen, telephonieren
zu dürfen, und ließ sich mit Erwins Villa verbinden. Erwin war
gleichfalls nicht zu Hause. Während sie abklingelte, vernahm sie aus
einem der Zimmer zwei wild streitende Männerstimmen. Plötzlich stürzte
ein großer, totenbleicher Mensch im Zylinderhut heraus, an ihr vorüber
und durch die offene Tür die Treppe hinunter. Nun blieb es still.
Virginia ging erschrocken weg.
Kaum war sie daheim, so läutete es. Es war Marianne. Sie trug einen
kostbaren Chinchillamantel und einen großen Hut mit schwarzen
Straußfedern. Die Winterkälte hatte ihr Gesicht gerötet, und
Schneeflocken hingen in ihrem Haar. Sie weigerte sich, ins Zimmer zu
treten, da sie in Eile war. »Ich wollte Ihnen nur sagen, daß alles
glücklich vorüber ist«, flüsterte sie atemlos, schlang ihre Arme um
Virginias Hals und küßte sie schnell auf die Wange.
»Alles vorüber? Erwin ist gesund?« fragte Virginia, der es zumute war,
als löse sich eine klammernde Hand von ihrem Nacken. »Und der andere?«
»Unbedeutende Verletzung. Ein Denkzettel, weiter nichts. Gute Nacht,
Liebe, auf Wiedersehen! Halten Sie sich bereit für morgen. Wir werden
sehr, sehr lustig sein.«
Virginia blieb nachdenklich, und nicht froher wurde ihr ums Herz.
Andern Tags um neun Uhr früh fuhr sie mit Marianne und Erwin zum
Bahnhof, wo Ulrich Zimmermann und Graf Palester warteten. Im Kupee
setzte sich Ulrich Zimmermann neben Virginia; so scheu er noch gestern
gewesen, so zutraulich gab er sich jetzt. Virginia, die ein feines
Gefühl für äußere Formen besaß, hatte bislang an seinen Manieren Anstoß
genommen, nun versöhnte sie sich damit, denn was er sagte, hatte eine
geistige Schwere, die durch Selbstironie wohltuend gemildert wurde. Er
erzählte von Amerika wie jemand, der des Anblicks einer erhabenen und
schrecklichen Vision teilhaftig geworden ist.
Von Payerbach aus wurde der Schlitten benutzt, und die Fahrt ging ins
Höllental. Die Luft brannte vor Kälte, der Himmel vor Bläue, es wehte
kein Wind, über den Bäumen lag der Schnee gleich riesigen Watteknäueln,
grünblaue Eiskatarakte glitzerten an den Felswänden, die Häuser nah und
fern schienen ausgestorben, leergefroren, und in der höchst feierlichen
Stille tönten nur die zahlreichen Glöckchen am Geschirr der Pferde.
Auf einer einsamen Meierei wurde ein Imbiß genommen. In einem
Nebengelaß spielte ein alter Bauer die Harmonika, Marianne führte
ihn Arm in Arm herüber, und er sollte Walzer zum besten geben. Dies
vermochte er jedoch nicht, und man holte einen, der die Kunst verstand.
Erwin und Ulrich tanzten mit den Mädchen. Graf Ottokar blieb ruhig auf
seinem Platz. Marianne ersetzte durch Temperament, was ihr an junger
Grazie fehlte, aber Virginia, die tanzte! Die konnte tanzen, als ob
die ganze Süßigkeit und Glut eines Frühlings in ihren Adern gärte, als
ob die liedervolle Stadt da unten im Tal ihre Zauber, ihre Rhythmen
nur ihr allein zu eigen gegeben hätte. Sie war aus allem Gleichmut
gerissen, von Licht und Luft und Sonne und blühweißem Schnee berauscht
und wiegte sich in Erwins Arm, Kopf hintüber, Hals gespannt, Schultern
gelöst, Glieder beschwingt, mit unhörbarer Sohle wie ein Elfenwesen
am Rand mondbeschienener Wässer. Die andern ließen ihr beschwerteres
Treiben und schauten zu, auch die Hausbewohner drängten sich auf die
Schwelle.
Auf einmal, mitten im Tanz, hielt Virginia inne, blieb ein Weilchen
inmitten der verdämmernden Stube stehen, schloß die Augen und trat dann
erbleichend aus dem Kreis.
Sie dachte an Manfred – und an das, was zwischen ihr und Erwin lag. Sie
tanzte nicht mehr.
Auch auf der Rückfahrt schien sie verstimmt, und was ihr sonst immer
ergreifend war, der Abend in der Natur, sie vermochte ihn nicht zu
spüren. Marianne, der Graf und Ulrich waren auch schweigsam geworden,
nur Erwin, immer befeuert, immer an ein Ungemeines gebunden, rezitierte
Verse, alte deutsche Lieder und solche, deren Herkunft nicht genannt
wurde; eins davon bewegte Virginia, so daß sie ihn bat, es zu
wiederholen. Er wiederholte das Gedicht, mit dem Refrain hinter jeder
Strophe: »Einst konnt’ ich gehen, ohne müd’ zu werden, jetzt bin ich
müd’, ohne zu gehen.«
Aber als sie in der Dunkelheit Erwins dunklen Blick auf sich ruhen
fühlte, wallten plötzlich Zorn und Scham in ihr empor. Denn sie
mochte diesem Manne nichts verdanken, sie mochte ihm nicht das Recht
einräumen, für sie aufzutreten, sie wollte keinerlei Verpflichtung
tragen, sie wollte ihm nichts schuldig sein. Es mußte kommen, daß
darüber geredet würde; ach! Zungen, die hinter ihr her zischten!
Manfreds Stolz war in ihr beleidigt, ihr Zuihmgehören war bedroht.
Das Leben erschien ihr nicht mehr so einfach wie bisher. Insonderheit
mit Manfred war es so wunderbar einfach gewesen. Jetzt wirkten einfache
Ereignisse bedeutungsvoll, ohne daß sie den Grund erkannte. An einem
der nächsten Vormittage ging sie durch eine enge Gasse in der Stadt.
Ein daherstürmender Fiaker streifte einen Handwagen, von welchem
ein länglicher Blechkasten, durch den Anprall aus dem Gleichgewicht
gebracht, aufs Pflaster stürzte. Der Deckel des Kastens fiel ab, Wasser
strömte heraus, und sogleich wimmelten Dutzende von Goldfischen auf
dem frischgefallenen Schnee. Wimmelten und wandten sich, schnappten
mit den Kiefern, schlugen mit den Schwänzchen und schnellten kraftlos
in die Höhe. Es war ein liebliches und schmerzliches Schauspiel.
Virginia blieb stehen und sah versunken den Händen vieler Leute zu, die
geschäftig waren, die Tierchen wieder in den Trog zu werfen. Zu spät;
als man Wasser herbeigeschafft hatte, waren die meisten schon tot.
Das Bild verfolgte sie. Auch in ihrem Brief an Manfred war sie
versucht, es zu schildern, fand aber keine sinnvolle Anknüpfung. Es war
ein stürmischer Abend, das Mondlicht glitzerte auf den Schneebändern
der äußeren Fenster. Vom Turm der Piaristenkirche schlug es zwölf Uhr;
sie saß, den Federkiel an der Stirn, den Blick gegen die absterbende
Kohlenglut im Ofen gerichtet und dachte an die Goldfische. Die Mutter
rief sie zur Ruhe, aber Virginia antwortete, sie hätte noch viel zu
schreiben. Im Honigschatten ihres aufgelösten Haares lag das schmale
Antlitz, wie die Putten auf alten Gemälden in rosige Wolken geschmiegt
sind.