Dienstag, den 15ten Juni, Abends.
Mit nassen Augen fang’ ich an, Dir zu schreiben. O Tieck, Du hast mir
schon manche Thränen ausgepreßt; tausend süße, für die ich alle Schätze
der Welt nicht verlangte; aber auch bittere, herbe Thränen, die in
meinen Augen gebrannt, und mich zu einer melancholischen Sympathie
erhitzt haben. Du hast mich lange nicht so erschüttert als durch Deinen
letzten Brief. Wenn Du weißt, wie heftig ein solcher Donnerschlag, ein
solches Ungewitter, das dem Wohl eines Freundes droht, in dem Herzen
seiner anderen Hälfte wiederhallen muß; wenn Du Dir vorstellen kannst,
wie schrecklich wahr und lebhaft alle Züge und Bilder vor mir stehen,
die Dein flüchtigkühner Pinsel auf das Papier wirft; o so wirst Du
empfinden wie das, was Du mir zu erzählen wagst, den kältesten Schauer
über mein Gebein gegossen, und alle meine Nerven gewaltsam durchbebt
hat. Gütiger Himmel! auf welchem entsetzlichen Rande hast Du gestanden!
O Tieck, -- Gott möge verhüten, daß unsre Freundschaft, die ein
Beyspiel der möglichen Menschenglückseligkeit seyn sollte, keinen Stoff
zu einem Trauerspiel gebe.
Um alles in der Welt willen, welcher Dämon macht sich denn ein
Vergnügen, Dich unglücklich zu machen? Ich weiß nicht wie meine Zunge
zu Dir sprechen soll; sie erstarrt.
Aber ich muß, ich muß Dir laut zurufen auf Deinen gefährlichen
Irrwegen; Du möchtest, -- Gott! wie hat es denn dazu kommen müssen.
Halt Dir Dein Ohr nicht zu, wenn ich jetzt mit starker Stimme zu Dir
spreche, ich muß. -- Sprich? bin _ich_ Dir denn so nöthig, um Dich
von Verirrungen und schwelgerischen, verderblichen Ausschweifungen
in den Genüssen des Geistes zurückzureißen? Ist Schmohl denn so ein
kaltes, stummes, theilnehmungsloses Marmorbild? Ich bitte Dich, um
alles was Dir heilig ist: wende ein Körnchen Deiner Vernunft an, und
betrachte was Du gethan hast. Welch ein entsetzliches Unternehmen, 2
Bände in einem Nachmittage und einer Nacht hintereinander in einem
Athem zu lesen! Nicht genug! Ein Buch, was alle Phantasie aufs äußerste
umherjagt, über die Gränzen der Besinnung herumjagt! Wie ist es denn
möglich, daß Du Dich selber nicht mehr kennst? Oder opferst Du einer
lüsternen Begier, einem Kitzel, etwas außerordentliches Dir selbst
vorzuthun, Deine Zufriedenheit auf, deren Zerstörung Du voraussiehst?
Tieck, ich schäme, ich verdamme mich, daß ich solche Ausdrücke brauchen
muß, aber ich kann nicht anders. Das Todte, Unbelebte des Buchstabens
mag der Nachdruck der Worte ersetzen. Ist Schmohl denn so blutwenig um
Dich besorgt? Wie ist es zu begreifen, daß er Dir immer hat zuhören,
und, als wärst Du eine Sprechmaschine, dabey einschlafen, ruhig
einschlummern können?
Tieck, ich wollte vieles aufopfern, wenn meine Freundschaft ein
einziges von Dir verlangen könnte. Ich weiß, daß Du das Leben
nicht achtest, daß Du Dich als einen der Welt schon abgestorbenen
betrachtest, der in einem gleichgültigen Mittelzustande lebt, alles
um sich her wie aus dem Grabe, wie durch das Gitterfenster eines
düstern Gewölbes ansieht; der ohne Ueberlegung aus Laune seinem
Körper und Geiste Pönitenzen auflegt, und sich selbst wie einen
Nichtswürdigen behandelt, weil er nichts an sich verlieren zu können
glaubt. Wann wirst Du von dieser unseligen Krankheit genesen? O
daß ich alle Beredsamkeit, die in allen Welttheilen je menschliche
Herzen gebeugt hat, zusammenrufen, und auf einen Punkt konzentriren
und damit wie durch den Sonnenstrahl vom Brennspiegel Dein verirrtes
Herz mit Wahrheitsglanze blenden könnte! Tieck ich beschwöre Dich
bey allem was Dir heilig ist, bey der göttlichen Kraft die die Welt
beseelt, und deren Funken in Deiner Seele glüht; ich beschwöre, frage
Deine übertäubte Vernunft um Rath. Unaufhörlich stürmst Du auf die
Gesundheit Deines Körpers und Deiner Seele los, -- wie kannst Du
etwas anderes als Mißbehagen fühlen? In einem Anfall schrecklicher
Melancholie würde der Gedanke, das Innere des heiligen Geheimnisses,
des Lebens, zu zerstören, zu welchem die Natur allein den Schlüssel
hat, er würde in einem heiteren Lichte Dich umschweben, und es würde
Deinem Schooßkinde, der Phantasie, gar herzlich kitzeln, wenn sie
die Vernunft wie eine weinende Bettlerinn, vor ihrem Thron harren
sähe. Aber hier, hier ist es Zeit an Deine Liebe zu appelliren! Hier
stelle ich unsre Freundschaft Dir vor die Füße; diese mußt Du zuvor
umstürzen, ehe Du die abentheuerlichen, zauberhaften, erquickenden
Freuden eines lebenlosen Lebens oder -- des Nichtdaseyns selbst kosten
kannst. O sammle Dich Freund, in diesen Augenblicken muß ich Dich mit
dem kühnsten Stolze angreifen, mit der gespanntesten Empfindung Dich
in das Geleise des gemeinen Nachdenkens zurückbringen; -- -- doch es
ist Unsinn was ich schreibe, Du hast kein Acht auf mich, Du hörst
mich nicht. Soll ich Dich feiner angreifen? Soll ich Dir im Spiegel
der Zukunft die thränenvollen Tage, das unglückselige Schicksal
zeigen, das mich verfolgen würde, wenn Du, aus Ungeduld der langsamen
Natur zu folgen, oder Lust ein großer Geist zu werden, Dich immer
unglücklicher machtest? Und bin ich der einzige? Du weißt nicht, wie
sehr z. B. Bernhardi Dich liebt; ich weiß es. Und Du, Du, Tieck, Du
könntest unbesonnen genug seyn, aus muthwilligem Humor, aus bloßem
armseligem Kitzel, aus Sucht, Dir ein schaales kleines Vergnügen zu
machen, etwas zu thun, wodurch Du Deine Freunde auf ihre Lebenszeit
unglücklich machst, Elend auf ihr heiteres Leben säest, und durch sie
auf die sie umgebende Welt auch noch trübsinnige, melancholische
Gefühle verbreiten willst? Du denkst: „Ich möchte doch sehen, ob ich
das Buch in einem Abend ganz durchlesen könnte, -- ich möchte doch
wissen, ob ich es aushielte, mehrere Nächte hintereinander oder in
einer heftigen Geistesspannung zu arbeiten, -- ich hätte wohl einmal
Lust, in einem Tage 14 Meilen zu gehn, -- ich möchte gern aus Spaß
einmal in einer ganz finstern Nacht auf den Giebichensteiner Felsen
an den gefährlichsten Stellen heraufklettern“ -- und tausend andre
Sachen. Entsetzlich! Deine Laune, die durch einen elenden Genuß einer
angenehmen Stunde befriedigt seyn will, Deine Laune soll der Götze
seyn, an dessen Altar Du die Freundschaft, die Glückseligkeit von
wahren Menschen schlachten willst, die Du zu lieben, über alles zu
lieben vorgabst? Alle die hohen Gefühle, die wir Dir geweiht haben,
alle die Seligkeiten, die Dein wachsender, immer wachsender Geist uns
künftig versprach, stößest Du die unter nichtsbedeutendem Lächeln, und
mit abgewandtem Gesicht, in den furchtbaren Ocean des Nichts? Tieck,
ein Engel ruft durch mich Dir zu: Erhalte Dich, schone Dich, mache Dich
glücklich _um Deiner Freunde willen_!!
Pfui, daß ich so abscheuliches Zeug habe sagen müssen. Ließ es schnell,
und zerreiß’ es, -- zerreiße das Papier und die Worte, -- aber den
Sinn, den ich Dir durch dieses Gewirre krasser Ausdrücke ins Herz
habe prägen wollen, den präge hinein, -- mit brennenden Flammenzügen.
Alles, alles bezeugt meine innige Liebe zu Dir, und diese, wenn Du
mich kennst, und mich zu durchschauen würdigst, wirst Du auch durch
alle heftigen Vorwürfe, die ich Dir je gemacht habe, hell und glänzend
durchscheinen sehen. --
Ach ich hatte doch geglaubt, daß Du froher in Halle leben
würdest; Deinen Rückfall, was sag’ ich, Dein Fortschreiten in der
fürchterlichsten Schwermuth, hatte ich wahrlich nicht erwartet. Du
flößest mir eine tiefe Betrübniß ein. Mir kommen wirklich wieder die
Thränen in die Augen: Tieck -- Du hast es jetzt nicht ganz vergessen,
daß Du vor -- langen Jahren einmal mit mir vergnügt warst? Oder
erinnerst Du Dich, daß Du in Deinem Leben mehr als einmal gelacht
hast? Um Gotteswillen! Ist die Trennung von mir, von Deinen Freunden
die Ursach Deiner beklagenswürdigen Stimmung? Willst Du zu eben der
Zeit, da ich Deine Lehren über eine weise Gleichmüthigkeit gegen die
Kleinigkeiten des vulgären Lebens, auszuüben anfange, wieder mir durch
ein entgegenstehendes Verhalten Anlaß zur Trauer geben? O Wehe, Wehe!
daß ich in der That einen schwarzen Trauermantel um meinen Freund, um
meinen besten, einzigen Freund anlegen möchte! Denn mein Freund ist --
unglücklich! O wenn mein heißes Gebet zum Himmel Erhörung herabzöge!
-- Tieck, es _muß_ besser werden mit Dir, _besser_ sag’
ich, -- schiele nicht nach dem traurigen Platz um die Kirche hin, wo
Hügel und Kreuze stehn, und falber Wermuth wächst, -- nein! besser
in _diesem_ Leben. Sollte der Himmel Dir einen erhabenen Geist
blos zu Deiner eigenen Qual gegeben haben? Und willst Du, unter dieser
Voraussetzung, immer selbst Deiner vermeyntlichen Bestimmung zum
Unglück, entgegenarbeiten? -- Es ist nicht möglich, Tieck! Du bist ein
Engel! und Du solltest ewig unglücklich seyn?
* * * * *
Sonnabend, Mittag.
Auch Deine Antwort auf meine Zweifel wegen meiner Wahl einer Akademie,
hat mich etwas frappirt. _So_ hatte ich sie nicht ganz erwartet.
Du überzeugst mein Herz, wie wehe es dem Deinigen thun werde, Dich
aus Deiner Situation in Halle herauszureißen, und doch setzest Du mit
einer Kälte, mit einer Trockenheit, die mich erschreckt hat, weil
sie die Frucht einer verzweiflungsvollen Stimmung zu seyn scheint,
hinzu, Du würdest am Ende doch wohl noch mit mir nach Erlangen gehen.
Bedenke genau was Du thust; frage dich selber sorgfältig um Rath,
ehe Du hierüber etwas, vielleicht aus Uebereilung, die Du späterhin
bereuen möchtest, zu beschließen wagst. Zürne nicht, und (was noch
tausendmal ärger wäre) mißverstehe mich nicht, argwöhne nichts, was
ich Dir verschwiege, unter dieser Vorsicht versteckt. Es ist dies ein
Punkt, über den ich mit der nacktesten Offenheit mit dir sprechen muß.
Also noch einmal: bedenke zuvor, ehe Du Dich entschließest; und glaube
nur um Gotteswillen nicht, daß ich aus einer gehässigen Kälte und aus
Vernünfteley zu unrechter Zeit die Wirkung Deiner leidenschaftlichen
Liebe zu mir stören will. Es ist zu Deinem besten, was ich sage. Du
wirst in Halle bis Ostern gewiß immer mehr Behagen fühlen, wirst in
angenehme Verbindungen verkettet werden und manchen schönen Umgang
anspinnen. Nun prüfe Dich selber ja mit Strenge, ob Du stark genug
bist, alles dies aufzuopfern, um -- einem einzigen Menschen zu
gefallen, von dem Du doch nach 1 oder 1½ Jahr alsdann _wieder_
getrennt wirst, 30 Meilen weiter in die Mitte von Deutschland hinein
zu ziehen. Es würde nichts kränkender für mich seyn, als wenn Du dies
mißverständest, und nur auf einen Augenblick verleitet werden könntest
zu glauben, meine Liebe zu Dir wäre um einen Gran verringert geworden.
Mein Vater meynt, es würde Dir vielleicht nicht leid thun, mehr von
Deutschland gesehen und in Erlangen einige Zeit gelebt zu haben. Nun --
vielleicht ist uns der Himmel günstig. Vielleicht, daß es möglich wäre!
-- könnte meine Gegenwart die Wolken von Deiner Stirn scheuchen. Aber
dann die Trennung wieder! Welch ein neuer Blitz für uns beyde! -- Nur
keine Aufopferung von Deiner Seite, Tieck! Ich will keine Schuld auf
mich geladen wissen! Und wenn ich künftig auch nur _etwas_ weniger
Deine Liebe verdienen sollte, und Du auch nur _etwas_ von Deiner
heißen Liebe nachgelassen hättest, -- -- doch, wo gerath’ ich wieder
hin. O, ist es denn nicht vergönnt, daß wir zusammen glücklich seyn
können? Nun -- _vielleicht_! Die Hoffnung soll mich nie verlassen!
Möchte sie Dir auch beystehen!
* * * * *
Vergieb mir, wenn mein Brief heftig und sonderbar ist. Ich küße Dich
zärtlich, und -- verspreche, wenn es nur irgend angeht, Dir künftigen
Posttag wieder zu schreiben. Gott sey mit Dir.
_W. H. Wackenroder_.