IV.

Dienstag, den 15ten Juni, Abends.

Mit nassen Augen fang’ ich an, Dir zu schreiben. O Tieck, Du hast mir

schon manche Thränen ausgepreßt; tausend süße, für die ich alle Schätze

der Welt nicht verlangte; aber auch bittere, herbe Thränen, die in

meinen Augen gebrannt, und mich zu einer melancholischen Sympathie

erhitzt haben. Du hast mich lange nicht so erschüttert als durch Deinen

letzten Brief. Wenn Du weißt, wie heftig ein solcher Donnerschlag, ein

solches Ungewitter, das dem Wohl eines Freundes droht, in dem Herzen

seiner anderen Hälfte wiederhallen muß; wenn Du Dir vorstellen kannst,

wie schrecklich wahr und lebhaft alle Züge und Bilder vor mir stehen,

die Dein flüchtigkühner Pinsel auf das Papier wirft; o so wirst Du

empfinden wie das, was Du mir zu erzählen wagst, den kältesten Schauer

über mein Gebein gegossen, und alle meine Nerven gewaltsam durchbebt

hat. Gütiger Himmel! auf welchem entsetzlichen Rande hast Du gestanden!

O Tieck, -- Gott möge verhüten, daß unsre Freundschaft, die ein

Beyspiel der möglichen Menschenglückseligkeit seyn sollte, keinen Stoff

zu einem Trauerspiel gebe.

Um alles in der Welt willen, welcher Dämon macht sich denn ein

Vergnügen, Dich unglücklich zu machen? Ich weiß nicht wie meine Zunge

zu Dir sprechen soll; sie erstarrt.

Aber ich muß, ich muß Dir laut zurufen auf Deinen gefährlichen

Irrwegen; Du möchtest, -- Gott! wie hat es denn dazu kommen müssen.

Halt Dir Dein Ohr nicht zu, wenn ich jetzt mit starker Stimme zu Dir

spreche, ich muß. -- Sprich? bin _ich_ Dir denn so nöthig, um Dich

von Verirrungen und schwelgerischen, verderblichen Ausschweifungen

in den Genüssen des Geistes zurückzureißen? Ist Schmohl denn so ein

kaltes, stummes, theilnehmungsloses Marmorbild? Ich bitte Dich, um

alles was Dir heilig ist: wende ein Körnchen Deiner Vernunft an, und

betrachte was Du gethan hast. Welch ein entsetzliches Unternehmen, 2

Bände in einem Nachmittage und einer Nacht hintereinander in einem

Athem zu lesen! Nicht genug! Ein Buch, was alle Phantasie aufs äußerste

umherjagt, über die Gränzen der Besinnung herumjagt! Wie ist es denn

möglich, daß Du Dich selber nicht mehr kennst? Oder opferst Du einer

lüsternen Begier, einem Kitzel, etwas außerordentliches Dir selbst

vorzuthun, Deine Zufriedenheit auf, deren Zerstörung Du voraussiehst?

Tieck, ich schäme, ich verdamme mich, daß ich solche Ausdrücke brauchen

muß, aber ich kann nicht anders. Das Todte, Unbelebte des Buchstabens

mag der Nachdruck der Worte ersetzen. Ist Schmohl denn so blutwenig um

Dich besorgt? Wie ist es zu begreifen, daß er Dir immer hat zuhören,

und, als wärst Du eine Sprechmaschine, dabey einschlafen, ruhig

einschlummern können?

Tieck, ich wollte vieles aufopfern, wenn meine Freundschaft ein

einziges von Dir verlangen könnte. Ich weiß, daß Du das Leben

nicht achtest, daß Du Dich als einen der Welt schon abgestorbenen

betrachtest, der in einem gleichgültigen Mittelzustande lebt, alles

um sich her wie aus dem Grabe, wie durch das Gitterfenster eines

düstern Gewölbes ansieht; der ohne Ueberlegung aus Laune seinem

Körper und Geiste Pönitenzen auflegt, und sich selbst wie einen

Nichtswürdigen behandelt, weil er nichts an sich verlieren zu können

glaubt. Wann wirst Du von dieser unseligen Krankheit genesen? O

daß ich alle Beredsamkeit, die in allen Welttheilen je menschliche

Herzen gebeugt hat, zusammenrufen, und auf einen Punkt konzentriren

und damit wie durch den Sonnenstrahl vom Brennspiegel Dein verirrtes

Herz mit Wahrheitsglanze blenden könnte! Tieck ich beschwöre Dich

bey allem was Dir heilig ist, bey der göttlichen Kraft die die Welt

beseelt, und deren Funken in Deiner Seele glüht; ich beschwöre, frage

Deine übertäubte Vernunft um Rath. Unaufhörlich stürmst Du auf die

Gesundheit Deines Körpers und Deiner Seele los, -- wie kannst Du

etwas anderes als Mißbehagen fühlen? In einem Anfall schrecklicher

Melancholie würde der Gedanke, das Innere des heiligen Geheimnisses,

des Lebens, zu zerstören, zu welchem die Natur allein den Schlüssel

hat, er würde in einem heiteren Lichte Dich umschweben, und es würde

Deinem Schooßkinde, der Phantasie, gar herzlich kitzeln, wenn sie

die Vernunft wie eine weinende Bettlerinn, vor ihrem Thron harren

sähe. Aber hier, hier ist es Zeit an Deine Liebe zu appelliren! Hier

stelle ich unsre Freundschaft Dir vor die Füße; diese mußt Du zuvor

umstürzen, ehe Du die abentheuerlichen, zauberhaften, erquickenden

Freuden eines lebenlosen Lebens oder -- des Nichtdaseyns selbst kosten

kannst. O sammle Dich Freund, in diesen Augenblicken muß ich Dich mit

dem kühnsten Stolze angreifen, mit der gespanntesten Empfindung Dich

in das Geleise des gemeinen Nachdenkens zurückbringen; -- -- doch es

ist Unsinn was ich schreibe, Du hast kein Acht auf mich, Du hörst

mich nicht. Soll ich Dich feiner angreifen? Soll ich Dir im Spiegel

der Zukunft die thränenvollen Tage, das unglückselige Schicksal

zeigen, das mich verfolgen würde, wenn Du, aus Ungeduld der langsamen

Natur zu folgen, oder Lust ein großer Geist zu werden, Dich immer

unglücklicher machtest? Und bin ich der einzige? Du weißt nicht, wie

sehr z. B. Bernhardi Dich liebt; ich weiß es. Und Du, Du, Tieck, Du

könntest unbesonnen genug seyn, aus muthwilligem Humor, aus bloßem

armseligem Kitzel, aus Sucht, Dir ein schaales kleines Vergnügen zu

machen, etwas zu thun, wodurch Du Deine Freunde auf ihre Lebenszeit

unglücklich machst, Elend auf ihr heiteres Leben säest, und durch sie

auf die sie umgebende Welt auch noch trübsinnige, melancholische

Gefühle verbreiten willst? Du denkst: „Ich möchte doch sehen, ob ich

das Buch in einem Abend ganz durchlesen könnte, -- ich möchte doch

wissen, ob ich es aushielte, mehrere Nächte hintereinander oder in

einer heftigen Geistesspannung zu arbeiten, -- ich hätte wohl einmal

Lust, in einem Tage 14 Meilen zu gehn, -- ich möchte gern aus Spaß

einmal in einer ganz finstern Nacht auf den Giebichensteiner Felsen

an den gefährlichsten Stellen heraufklettern“ -- und tausend andre

Sachen. Entsetzlich! Deine Laune, die durch einen elenden Genuß einer

angenehmen Stunde befriedigt seyn will, Deine Laune soll der Götze

seyn, an dessen Altar Du die Freundschaft, die Glückseligkeit von

wahren Menschen schlachten willst, die Du zu lieben, über alles zu

lieben vorgabst? Alle die hohen Gefühle, die wir Dir geweiht haben,

alle die Seligkeiten, die Dein wachsender, immer wachsender Geist uns

künftig versprach, stößest Du die unter nichtsbedeutendem Lächeln, und

mit abgewandtem Gesicht, in den furchtbaren Ocean des Nichts? Tieck,

ein Engel ruft durch mich Dir zu: Erhalte Dich, schone Dich, mache Dich

glücklich _um Deiner Freunde willen_!!

Pfui, daß ich so abscheuliches Zeug habe sagen müssen. Ließ es schnell,

und zerreiß’ es, -- zerreiße das Papier und die Worte, -- aber den

Sinn, den ich Dir durch dieses Gewirre krasser Ausdrücke ins Herz

habe prägen wollen, den präge hinein, -- mit brennenden Flammenzügen.

Alles, alles bezeugt meine innige Liebe zu Dir, und diese, wenn Du

mich kennst, und mich zu durchschauen würdigst, wirst Du auch durch

alle heftigen Vorwürfe, die ich Dir je gemacht habe, hell und glänzend

durchscheinen sehen. --

Ach ich hatte doch geglaubt, daß Du froher in Halle leben

würdest; Deinen Rückfall, was sag’ ich, Dein Fortschreiten in der

fürchterlichsten Schwermuth, hatte ich wahrlich nicht erwartet. Du

flößest mir eine tiefe Betrübniß ein. Mir kommen wirklich wieder die

Thränen in die Augen: Tieck -- Du hast es jetzt nicht ganz vergessen,

daß Du vor -- langen Jahren einmal mit mir vergnügt warst? Oder

erinnerst Du Dich, daß Du in Deinem Leben mehr als einmal gelacht

hast? Um Gotteswillen! Ist die Trennung von mir, von Deinen Freunden

die Ursach Deiner beklagenswürdigen Stimmung? Willst Du zu eben der

Zeit, da ich Deine Lehren über eine weise Gleichmüthigkeit gegen die

Kleinigkeiten des vulgären Lebens, auszuüben anfange, wieder mir durch

ein entgegenstehendes Verhalten Anlaß zur Trauer geben? O Wehe, Wehe!

daß ich in der That einen schwarzen Trauermantel um meinen Freund, um

meinen besten, einzigen Freund anlegen möchte! Denn mein Freund ist --

unglücklich! O wenn mein heißes Gebet zum Himmel Erhörung herabzöge!

-- Tieck, es _muß_ besser werden mit Dir, _besser_ sag’

ich, -- schiele nicht nach dem traurigen Platz um die Kirche hin, wo

Hügel und Kreuze stehn, und falber Wermuth wächst, -- nein! besser

in _diesem_ Leben. Sollte der Himmel Dir einen erhabenen Geist

blos zu Deiner eigenen Qual gegeben haben? Und willst Du, unter dieser

Voraussetzung, immer selbst Deiner vermeyntlichen Bestimmung zum

Unglück, entgegenarbeiten? -- Es ist nicht möglich, Tieck! Du bist ein

Engel! und Du solltest ewig unglücklich seyn?

* * * * *

Sonnabend, Mittag.

Auch Deine Antwort auf meine Zweifel wegen meiner Wahl einer Akademie,

hat mich etwas frappirt. _So_ hatte ich sie nicht ganz erwartet.

Du überzeugst mein Herz, wie wehe es dem Deinigen thun werde, Dich

aus Deiner Situation in Halle herauszureißen, und doch setzest Du mit

einer Kälte, mit einer Trockenheit, die mich erschreckt hat, weil

sie die Frucht einer verzweiflungsvollen Stimmung zu seyn scheint,

hinzu, Du würdest am Ende doch wohl noch mit mir nach Erlangen gehen.

Bedenke genau was Du thust; frage dich selber sorgfältig um Rath,

ehe Du hierüber etwas, vielleicht aus Uebereilung, die Du späterhin

bereuen möchtest, zu beschließen wagst. Zürne nicht, und (was noch

tausendmal ärger wäre) mißverstehe mich nicht, argwöhne nichts, was

ich Dir verschwiege, unter dieser Vorsicht versteckt. Es ist dies ein

Punkt, über den ich mit der nacktesten Offenheit mit dir sprechen muß.

Also noch einmal: bedenke zuvor, ehe Du Dich entschließest; und glaube

nur um Gotteswillen nicht, daß ich aus einer gehässigen Kälte und aus

Vernünfteley zu unrechter Zeit die Wirkung Deiner leidenschaftlichen

Liebe zu mir stören will. Es ist zu Deinem besten, was ich sage. Du

wirst in Halle bis Ostern gewiß immer mehr Behagen fühlen, wirst in

angenehme Verbindungen verkettet werden und manchen schönen Umgang

anspinnen. Nun prüfe Dich selber ja mit Strenge, ob Du stark genug

bist, alles dies aufzuopfern, um -- einem einzigen Menschen zu

gefallen, von dem Du doch nach 1 oder 1½ Jahr alsdann _wieder_

getrennt wirst, 30 Meilen weiter in die Mitte von Deutschland hinein

zu ziehen. Es würde nichts kränkender für mich seyn, als wenn Du dies

mißverständest, und nur auf einen Augenblick verleitet werden könntest

zu glauben, meine Liebe zu Dir wäre um einen Gran verringert geworden.

Mein Vater meynt, es würde Dir vielleicht nicht leid thun, mehr von

Deutschland gesehen und in Erlangen einige Zeit gelebt zu haben. Nun --

vielleicht ist uns der Himmel günstig. Vielleicht, daß es möglich wäre!

-- könnte meine Gegenwart die Wolken von Deiner Stirn scheuchen. Aber

dann die Trennung wieder! Welch ein neuer Blitz für uns beyde! -- Nur

keine Aufopferung von Deiner Seite, Tieck! Ich will keine Schuld auf

mich geladen wissen! Und wenn ich künftig auch nur _etwas_ weniger

Deine Liebe verdienen sollte, und Du auch nur _etwas_ von Deiner

heißen Liebe nachgelassen hättest, -- -- doch, wo gerath’ ich wieder

hin. O, ist es denn nicht vergönnt, daß wir zusammen glücklich seyn

können? Nun -- _vielleicht_! Die Hoffnung soll mich nie verlassen!

Möchte sie Dir auch beystehen!

* * * * *

Vergieb mir, wenn mein Brief heftig und sonderbar ist. Ich küße Dich

zärtlich, und -- verspreche, wenn es nur irgend angeht, Dir künftigen

Posttag wieder zu schreiben. Gott sey mit Dir.

_W. H. Wackenroder_.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 198 / 310 题