Montag, den 4ten Juni. Abends.
Eben leg’ ich Deinen Brief wieder aus der Hand, den ich wieder gelesen
habe. An meinen _verlaßnen_ Freund Tieck soll ich denken? O ich
denke oft, und mit ganzer Seele an ihn, -- aber daß er verlassen sey,
-- daß eine düstere Traurigkeit sich wieder wie ein Staar über das
heitere Auge seines Geistes gezogen hat, -- daß er in Halle noch nicht
vergnügt gewesen ist, -- das, das hatte ich nicht erwartet. Schreibst
Du doch fast grade so, wie Wißmann, dem ich heute früh geantwortet
und Trost einzusprechen gesucht habe. Von ihm ahndete ichs; -- aber
von Dir, wahrlich, von Dir hatte ichs nicht erwartet. Ich glaubte, Du
würdet dort Dich zerstreuen, und -- wenigstens in den Augen Deiner
Freunde, und auch in Deinen eigenen, wenn Du nicht zu tief in Dich
hineinblicktest, -- einer frohen Heiterkeit genießen. O wehe! daß ich
mich getäuscht habe. Du bist in Halle noch gar nicht vergnügt gewesen!
Ich bitte Dich, lieber Tieck! Du bist ja lange hinweg über die Periode
in dem Lebenslaufe empfindender Menschen, da sie sich alles zu Herzen
_ziehen_, und ihre üble Laune nur pflegen, und es für Sünde halten
sich aus ihren Klauen loszureißen! Du weißt ja über Dich zu siegen, Du
hast es mich ja gelehrt, so daß ich auch mir wenigstens Mühe gebe, es
eben so weit zu bringen. Aus Bülzig schriebst Du mir so heiter, daß ich
mich recht freute. Was soll ich nun sagen? Ich möchte mich schämen, daß
ich hier noch zufriedner leben soll, als Du in Halle. Tieck, ich bitte
Dich, wache auf Dich! -- Und, was mich in ein bittersüßes Erstaunen
setzt, ist, daß Du mich so vermissest. O Tieck, so liebst Du mich denn
mehr, als ich je kühn genug war, und seyn konnte, zu erwarten? Es ist
als hättest Du mir meine Empfindungen gegen Dich aus meinem Herzen
geraubt und ströhmtest sie nun auf mich zurück. Du giebst mir wieder,
alles was ich Dir geben kann? Ich beschwöre Dich, hör’ auf! Es ist die
göttliche Seligkeit, die ein menschliches Herz zu fassen vermag, aus
dem Munde eines Freundes sein Lob zu hören! aber dieser Nektar möchte
Gift für mich werden. Hör auf mit diesem Wiedergeben und Wechseln der
Freundschaftsergebenheit, denn du berauschest mich, und wir machen uns
in unsrer jetzigen Lage (da kein Sprachrohr einmal dem einen Worte des
andern überbringen kann), nur noch unglücklicher. Ich erschrecke aufs
heftigste, wenn Du mir in die Augen sagst: ich sey Dir zum _leben_
nothwendig! Noch einmal! Was stiehlst Du mir meine Gefühle, -- warum
verwechselst Du die Rollen in dem schönen Duodram, das wir zusammen
spielen, und nimmst die meine? Tieck, ich müßte mich ja in den Staub
legen und trauern, wenn ich wüßte, daß _meine_ Entfernung Dir so
viel trübe Stunden brächte. Ich habe das nie so geglaubt! Du hast mir
das nie so deutlich zu empfinden gegeben. O ich möchte verzweifeln,
-- ich weiß nicht was ich thun soll, um Dich glücklich zu machen. Du
nennst meine Sprache Schwärmerey. O wenn ich Dich je weniger lieben
könnte, -- ich wäre der bedaurenswürdigste Mensch unter der Sonne.
Und wenn ich je Deiner Freundschaft weniger werth seyn sollte, o so
erinnere Dich, daß Du mich geliebt hast, und sey so mitleidig, mich
wieder zu Dir hinaufzuziehn; verachte mich nicht! -- Aber genug! Tieck
laß die wilden Ströhme unsrer Empfindungen sanfter fließen. Wir jagen
alles heiße Blut in unsre Adern und bringen uns durch diese schädliche
Erhitzung in einen kranken Zustand.
Wie sehr muß ich es bedauren, daß Schmohl mit Dir nicht _mehr_
harmonirt. Ich hatte auch _das_ nicht erwartet. Er scheint sich
eher von Dir zu entfernen als sich Dir zu nähern. Was Du mir von Bothen
sagst, Du kannst leicht denken, wie auffallend und unvermuthet auch
_das_ mir gewesen ist. Aber ich glaube es, weil Du es sagst.
Wie Menschen sich ändern können! Wenn du zwischen diesen beyden Dir
heterogenen Köpfen hin und wieder schwankst, so kannst Du freilich
nicht in Ruhe seyn. Aber -- ach! Gott! eben wollt’ ich einen Trost für
Dich aussinnen, und -- Du wirst Dir meine Gedankenstriche erklären
können. Ja! es ist schwer für mich, Dich zu trösten. Doch wohl Dir,
wenn Du keines Trostes bald mehr bedarfst; wenn der rasche Flügel der
Zeit die Gewölke vor Deinen Blicken zertheilt hat, wenn der allmählige
Aufenthalt Dir behaglicher wird, und Du Umgang, und in Dir selbst
Zufriedenheit findest. Nimm deine Kraft zusammen und erhalte Deinen
Körper und Geist aufrecht und fest. -- Ach! ich schreibe konfuses Zeug!
Wollte Gott, Du wärst glücklich. O Du wirst, Du mußt es werden.