III.

Montag, den 4ten Juni. Abends.

Eben leg’ ich Deinen Brief wieder aus der Hand, den ich wieder gelesen

habe. An meinen _verlaßnen_ Freund Tieck soll ich denken? O ich

denke oft, und mit ganzer Seele an ihn, -- aber daß er verlassen sey,

-- daß eine düstere Traurigkeit sich wieder wie ein Staar über das

heitere Auge seines Geistes gezogen hat, -- daß er in Halle noch nicht

vergnügt gewesen ist, -- das, das hatte ich nicht erwartet. Schreibst

Du doch fast grade so, wie Wißmann, dem ich heute früh geantwortet

und Trost einzusprechen gesucht habe. Von ihm ahndete ichs; -- aber

von Dir, wahrlich, von Dir hatte ichs nicht erwartet. Ich glaubte, Du

würdet dort Dich zerstreuen, und -- wenigstens in den Augen Deiner

Freunde, und auch in Deinen eigenen, wenn Du nicht zu tief in Dich

hineinblicktest, -- einer frohen Heiterkeit genießen. O wehe! daß ich

mich getäuscht habe. Du bist in Halle noch gar nicht vergnügt gewesen!

Ich bitte Dich, lieber Tieck! Du bist ja lange hinweg über die Periode

in dem Lebenslaufe empfindender Menschen, da sie sich alles zu Herzen

_ziehen_, und ihre üble Laune nur pflegen, und es für Sünde halten

sich aus ihren Klauen loszureißen! Du weißt ja über Dich zu siegen, Du

hast es mich ja gelehrt, so daß ich auch mir wenigstens Mühe gebe, es

eben so weit zu bringen. Aus Bülzig schriebst Du mir so heiter, daß ich

mich recht freute. Was soll ich nun sagen? Ich möchte mich schämen, daß

ich hier noch zufriedner leben soll, als Du in Halle. Tieck, ich bitte

Dich, wache auf Dich! -- Und, was mich in ein bittersüßes Erstaunen

setzt, ist, daß Du mich so vermissest. O Tieck, so liebst Du mich denn

mehr, als ich je kühn genug war, und seyn konnte, zu erwarten? Es ist

als hättest Du mir meine Empfindungen gegen Dich aus meinem Herzen

geraubt und ströhmtest sie nun auf mich zurück. Du giebst mir wieder,

alles was ich Dir geben kann? Ich beschwöre Dich, hör’ auf! Es ist die

göttliche Seligkeit, die ein menschliches Herz zu fassen vermag, aus

dem Munde eines Freundes sein Lob zu hören! aber dieser Nektar möchte

Gift für mich werden. Hör auf mit diesem Wiedergeben und Wechseln der

Freundschaftsergebenheit, denn du berauschest mich, und wir machen uns

in unsrer jetzigen Lage (da kein Sprachrohr einmal dem einen Worte des

andern überbringen kann), nur noch unglücklicher. Ich erschrecke aufs

heftigste, wenn Du mir in die Augen sagst: ich sey Dir zum _leben_

nothwendig! Noch einmal! Was stiehlst Du mir meine Gefühle, -- warum

verwechselst Du die Rollen in dem schönen Duodram, das wir zusammen

spielen, und nimmst die meine? Tieck, ich müßte mich ja in den Staub

legen und trauern, wenn ich wüßte, daß _meine_ Entfernung Dir so

viel trübe Stunden brächte. Ich habe das nie so geglaubt! Du hast mir

das nie so deutlich zu empfinden gegeben. O ich möchte verzweifeln,

-- ich weiß nicht was ich thun soll, um Dich glücklich zu machen. Du

nennst meine Sprache Schwärmerey. O wenn ich Dich je weniger lieben

könnte, -- ich wäre der bedaurenswürdigste Mensch unter der Sonne.

Und wenn ich je Deiner Freundschaft weniger werth seyn sollte, o so

erinnere Dich, daß Du mich geliebt hast, und sey so mitleidig, mich

wieder zu Dir hinaufzuziehn; verachte mich nicht! -- Aber genug! Tieck

laß die wilden Ströhme unsrer Empfindungen sanfter fließen. Wir jagen

alles heiße Blut in unsre Adern und bringen uns durch diese schädliche

Erhitzung in einen kranken Zustand.

Wie sehr muß ich es bedauren, daß Schmohl mit Dir nicht _mehr_

harmonirt. Ich hatte auch _das_ nicht erwartet. Er scheint sich

eher von Dir zu entfernen als sich Dir zu nähern. Was Du mir von Bothen

sagst, Du kannst leicht denken, wie auffallend und unvermuthet auch

_das_ mir gewesen ist. Aber ich glaube es, weil Du es sagst.

Wie Menschen sich ändern können! Wenn du zwischen diesen beyden Dir

heterogenen Köpfen hin und wieder schwankst, so kannst Du freilich

nicht in Ruhe seyn. Aber -- ach! Gott! eben wollt’ ich einen Trost für

Dich aussinnen, und -- Du wirst Dir meine Gedankenstriche erklären

können. Ja! es ist schwer für mich, Dich zu trösten. Doch wohl Dir,

wenn Du keines Trostes bald mehr bedarfst; wenn der rasche Flügel der

Zeit die Gewölke vor Deinen Blicken zertheilt hat, wenn der allmählige

Aufenthalt Dir behaglicher wird, und Du Umgang, und in Dir selbst

Zufriedenheit findest. Nimm deine Kraft zusammen und erhalte Deinen

Körper und Geist aufrecht und fest. -- Ach! ich schreibe konfuses Zeug!

Wollte Gott, Du wärst glücklich. O Du wirst, Du mußt es werden.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 197 / 310 题