V.

_Berlin_, den 18ten Juni, Montag Abend.

Da ich versprochen habe, Dir wiederzuschreiben, so kann ich unmöglich

Deine Erwartung täuschen. Ich halte solch ein Versprechen, dir

gethan, für das kräftigste Mittel, mich zu etwas zu zwingen, wenn

das Geschäft an Dich zu denken, das mir das süßeste ist, noch eines

Zwanges bedürfte. Aber wahrlich, ich fühle es, ich hätte Dir ganz

gewiß, wenigstens ein Paar Zeilen geschrieben, wenn ich auch die

zeitraubendsten Abhaltungen gehabt hätte, denn ich weiß es selber

gar zu gut, was es heißt, vergeblich warten und seine sicheren

Hoffnungen vereitelt sehn. Aber Abhaltungen und Zerstreuungen habe

ich jetzt doch bis zum abscheulichsten Ueberdruß. Es ist ein großer

Trost, den ich Dir geben kann, daß du frey, nach Deiner eigenen

Willkühr, in schöner Unabhängigkeit Deiner Zeit genießen kannst; indeß

ich durch Geschäftsgänge, und durch überhäufte Vergnügungen, durch

meinen trägen Körper, der eines eisernen Schlafes gewohnt ist, und

durch die inkonvenienten Verhältnisse mit manchen meiner Bekannten

beständig nicht nur an Beschäftigungen, sondern auch an selbstgewählten

Erholungen und an besserem Umgange gestört werde. Rambach und Bernhardi

lieb’ ich sehr. Letzteren kenn’ ich bis jetzt noch besser und bin

ihm also auch noch mehr zugethan als jenem. Ich habe mich gewundert

neulich, als er mir manchen geheimen Winkel in seinem Inneren aufdeckte

und mich mit allerhand sehr feinen Bemerkungen unterhielt, in ihm so

viel Aehnlichkeit mit Dir zu finden. Wisse, daß Du ein sehr lieber

Gegenstand unsers Gesprächs bist; und werde durch mich überzeugt, daß

er Dich innig schätzt, und von den Abenden, da Du mit ihm zusammen

gewesen bist, mit einer lebhaften und frohen Erinnerung redet. Ich

bin mit ihm seit ein Paar Wochen 2 mal im Theater gewesen, und habe

beydemal dicht bey ihm vorn in der Mitte gestanden. Wenn ich so einen

Menschen zu meiner Seite habe, von dem ich weiß, daß er alles so tief

fühlt als ich, -- ich weiß nicht, dann ists mir immer so wohl, und ich

finde mich in dem Gewühl der Menge Zuschauer so glücklich, als wäre ich

allein auf meiner Stube mit einem Freunde. Stehe ich aber so verlohren

und einsam in dem lachenden und witzelnden und albernen Parterre,

so ist mir alles so öde und wüst. Bey keinem aber, als bey Dir, ist

mir jenes Gefühl so laut und deutlich gewesen: faßte ich Dich unterm

Arm, so wars mir so wohl, als wenn ich mich nach einer erschlaffenden

Ermattung des Abends in mein Bett warf, oder als wenn ich mich vor

Wintersturm und Regen in mein sicheres Stübchen rettete. -- Die 2

Stücke die ich sah, waren, -- höre hoch auf, denn ich spreche große

Worte: -- Kabale und Liebe, und Ifflands Elise von Valberg, Schauspiel

in 5 Aufzügen. Ist das letztere, das von Kennern für das Meisterwerk

des Verfassers erklärt wird, gedruckt, so lies es ja. Es macht einen

erhabneren, weniger rührenden Eindruck, als die Hagestolzen und hat

eine weit, _weit_ lebhaftere, raschere Handlung. Nichts übersteigt

das Interesse der Situationen, den originalen Stempel einiger großen

Scenen, den Effekt, den kleine Züge hervorbringen, -- und nichts

übertraf, als ich das Stück sah (es ward zum erstenmale gegeben), das

Spiel von Fleck, der Unzelmann, Garly (kennst Du diesen talentvollen

Anfänger?) u. s. w. Auch Czechtizky, auch die Baranius spielten gewiß

sehr schön; auch Mattausch übertrieb seine Gebehrden wenigstens nicht.

Als die unschuldige, unbefangene Elise mit der Fürstinn sprach, als

das ungezierte, offene Mädchen Muth bekam, ihr Dinge zu sagen, die

ein Kenner der Menschen und des Hofs an dieser Stelle kaum zu denken

gewagt hätte, als sie die Fürstinn überzeugte, daß sie völlig rein,

vom Fürsten noch nicht befleckt sey, und ihr dagegen ihre Pflicht als

Gemahlinn ans Herz legte, und ihre Kälte, ihren anscheinenden Stolz

gegen ihn ihr vorhielt; da dacht’ ich an die Scene in Maaß für Maaß, wo

auch das schüchterne Mädchen in Gegenwart des Herzoges so enthusiasmirt

wird. Das Stück ist höchst vollendet und ausgearbeitet; der Gang höchst

natürlich. Und noch eines, was ich noch nicht gesagt habe, setze ich

hinzu; die Feinheit und Delikatesse in den Aeußerungen der Personen

ist unübertrefflich, unnachahmlich. Beyspiele liefern besonders die

Abschiedsscene zwischen Elise und Witting, und die Versöhnungsscene

zwischen dem Fürsten und der Fürstinn. -- Kabale und Liebe hat auf mich

gewirkt wie es soll: stark, entsetzlich stark. Ich freute mich, das

Ganze besser zu verstehen, als da ich es vor einigen Jahren las. Ich

weiß mich der Zeit noch sehr gut zu erinnern, da ich diese Verse von

Göthe: „Trocknet nicht, trocknet nicht, Thränen der heiligen Liebe!

Auch dem halbtrocknen Auge schon, wie öde, todt ist die Welt!“ -- gar

nicht verstand. Aber, als ich das Gefühl der Liebe, in seinem schönsten

Aufblühen, in seiner reinsten, sich selbst nicht kennenden Unschuld,

in dem Reiz, wie die edelsten und süßesten Minnedichter es schildern,

-- als ich es empfand, -- da empfand ich auch, was jene Verse sagen

wollten. So erweitert sich allmählig der Kreis der Empfindungen, und

wo vorher das Herz kalt blieb, treibt es das Blut nun rascher und

wärmer durch die Adern. So gings mir ohngefähr bey einigen Stellen

in Schillers Stück. Ich habe es nun göttlich gefunden: es gehört mit

zu den einzigen Triumphen, die den glorreichen Dichter zum höchsten

Gipfel des Ruhms erheben. Wer hat die Empfindung stärker gemahlt, als

er, in der Scene, da der Vater die Geliebte des Sohnes seinen Händen

entreißen läßt? Diese hat mich am schrecklichsten erschüttert. Und das

Ende! Es kann keine heftigere Spannung der Leidenschaften geben! Ich

fühlte es, wäre ich in Ferdinands Lage, -- wahrlich, Tieck, ich hätte

kaum anders gehandelt. Was meynst Du? Fleck, die Unzelmann, Herdt

und vornehmlich auch Unzelmann als Kammerdiener, spielten herrlich.

Kaselitz hat nur wenig edles und ausdrucksvolles; und die Engst schien

in den großen originellen, vielumfassenden Charakter der Brittinn

nicht ganz zu passen. Ihr Mund will sich immer nur zu einem leichten

Lächeln verziehen; ihr Auge immer unter den schwarzen Augenbrauen

mit schalkhaftem Muthwillen hervorblicken, ihre Stimme immer über

anmuthige Scherze mit einem sanften Accente dahingleiten: und dieser

ihr angebohrner Charakter, wie es scheint, schimmerte immer hervor,

wenn sie sich auch Mühe gab, mit ihrem Arm pathetisch zu gestikuliren

und mit ihrer Stimme die treffenden Töne wahrer, erhabener Empfindung

zu modulieren. Die ächt Schillersche Sprache in dem Stück ist oft der

kühnste Schwung der Poesie.

Ich habe Göthens Groß-Cophta gelesen, worin sehr viel artiges ist. Auch

habe ich Pfeffels Gedichte durchgelesen, die zwar manche allerliebste,

anpassende Fabel enthalten, aber auch einiges, was nicht für meinen

Geschmack ist, als: Romanzen auf alte Leisten, vom gewöhnlichen

Schlage; gemeine, alberne Erzählungen; kleine Erzählungen, die nakt da

stehn ohne Interesse, und man weiß nicht wozu, in eine geringe Anzahl

von Versen zusammengepreßt sind; endlich, mehrere fade oder läppische

Witzeleien, die für Epigramme verkauft werden. Daß man es sich doch

nicht der Mühe verdrießen läßt, sogar solch allgemeines und gemeines

Courantgeld, als die Epigramme sind, zu verfälschen! -- Uebrigens

scheint mir Pfeffel der einzige blinde Dichter zu seyn, der in seinen

Werken keine Spur von finstrer Phantasie zeigt, sondern vielmehr durch

seine heitere Laune sich und andre aufheitern will. Wie kommt das? Es

ist viel!

Wenn Burgsdorff wieder solider geworden ist, so freut michs sehr. Grüß’

ihn herzlich. -- Die Geschichte Deiner selbst wird mir immer willkommen

seyn, und mir zu einem heiligen Unterpfande unsrer immerwährenden

Freundschaft dienen.

Bernhardi denkt, wenn er irgend kann, in den Hundstagsferien nach Halle

zu reisen, und freut sich sehr zu Dir. Er hatte schon auf einen Brief

von Dir gewartet. Ich habe ihm Deinen gegeben; auch die an Deine liebe

Schwester hab’ ich abgegeben. Warum schreibst Du ihr nicht öfter?

Versäume ja nicht, lieber Tieck, an sie und Deine Aeltern zu schreiben.

Hörst Du? Deine Schwester verräth ein so gutes, sanftes Gefühl, und so

viel Liebe und Zärtlichkeit für Dich! --

* * * * *

Dienstag Mittag.

Ueber das Naive hab’ ich noch nicht recht Muße gehabt, nachzusinnen. Es

ist ein so schwerer als interessanter Gegenstand. Bernhardi hat jetzt

Deine Anna Boleyn. Es geht ihm beynahe so wie mir: es wird ihm schwer,

etwas zu tadeln oder Verbesserungen vorzuschlagen. _Ich_ habe

mir alle mögliche Mühe gegeben; aber glaub’s mir, ich finde wahrlich

nichts. Den 2ten Akt versteh ich immer besser, und find ihn immer

schöner und schöner. Ganz vortrefflich ist’s, daß die Anna am Ende

vornehmlich nur ihrem Heinrich zu Gefallen entfliehen will; nur ihm

zu Liebe, damit ihre Gegenwart ihn nicht stören soll. Aeußerst feiner,

trifftiger, rührender Grund!

Lebe wohl und sorge für Deine Gesundheit und Zufriedenheit. Schreib mir

bald, lieber Tieck.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 199 / 310 题