Sonnabend, Abends, den 5ten May.
_Liebster Tieck_.
Dein Brief hat mir unaussprechliches Vergnügen gemacht; ja, er hat
mich wirklich bis zu Thränen gerührt. Wenn Du weißt, wie weich ich
bin, wirst Du mir das glauben. Tieck, ich bin entzückt, daß Du mich so
liebst! Werther sagt ganz himmlisch schön, daß er sich selber anbetete,
wenn seine Geliebte ihm die Neigung ihres Herzens kund thäte, -- und
er wiederhohlt sich selbst einmal über das andre die Worte: Lieber
Werther, in dem Tone wie sie sie ihm ausgesprochen hat.
O Tieck, ich möchte mich auch selber anbeten, wenn ein Mensch, wie Du,
dessen Worte mir Orakel sind, mich so mit dem veredelten Bilde meiner
selbst in Rausch und Taumel versetzt. -- Und wenn ich ja in Deinen
Augen etwas werth bin, wem hab’ ich es anders zu danken, als Dir? Dir
verdank’ ich Alles was ich bin, Alles! Was möchte aus mir geworden
seyn, wenn ich Dich nie kennen gelernt hätte? O Tieck, lies Dir diese
Worte mit Feuer vor, und sey stolz darauf, daß Du einen Menschen auf
immer glücklichst machst durch Deine Freundschaft, -- so stolz als ich
bin, daß Du mich würdigst, mein Freund zu seyn. Bleib es, lieber Tieck,
bleib’s; Du weißt, daß ich in alle Ewigkeit Dich über alles lieben
werde.
Herzlich freue ich mich, daß Du so schön und angenehm jetzt auf
dem Lande lebst. Ueber Deinem ganzen Briefe schwebt ein so sanfter,
schöner, heiterer Geist des Frohsinns, den Dir das Ergötzen an den
Naturschönheiten eingeflößt hat. Suche ja in dieser Stimmung zu
bleiben, und befolge ja doch selber die Regel, die Du Bernhardi giebst,
nicht so viel zu sitzen. Möchte übrigens Deine traurige Ahndung
seinethalber nicht eintreffen. Er ist so freundschaftlich und wirklich
zärtlich gegen mich, als ich es nur immer erwarten kann, und ich
werde ihm sehr, sehr gut. Wir sprechen nicht selten von Dir. Gestern
bin ich mit ihm im Komödienhause gewesen; wo sich eine Mamsell auf
der Harmonika hören ließ. Er hörte das Instrument zum erstenmal und
freute sich sehr darüber. Ich hörte es (zum 3tenmal) mit sehr vielem
Vergnügen. -- Wenn ich in ein Konzert gehe, find’ ich, daß ich immer
auf zweyerley Art die Musik genieße. Nur die eine Art des Genußes ist
die wahre: sie besteht in der aufmerksamsten Beobachtung der Töne
und ihrer Fortschreitung; in der völligen Hingebung der Seele in
diesen fortreißenden Strom von Empfindungen; in der Entfernung und
Abgezogenheit von jedem störenden Gedanken und von allen fremdartigen
sinnlichen Eindrücken. Dieses geizige Einschlürfen der Töne ist mit
einer gewissen Anstrengung verbunden, die man nicht allzulange aushält.
Eben daher glaub’ ich behaupten zu können, daß man höchstens eine
Stunde lang Musik mit Theilnehmung zu empfinden vermöge, und daß daher
Konzerte und Opern und Operetten, das Maaß der Natur überschreiten.
Die andre Art wie die Musik mich ergötzt, ist gar kein wahrer Genuß
derselben, kein passives Aufnehmen des Eindrucks der Töne, sondern
eine gewisse Thätigkeit des Geistes, die durch die Musik angeregt
und erhalten wird. Dann höre ich nicht mehr die Empfindung, die in
dem Stücke herrscht, sondern meine Gedanken und Phantasieen werden
gleichsam auf den Wellen des Gesanges entführt, und verlieren sich
oft in entfernte Schlupfwinkel. Es ist sonderbar, daß ich, in diese
Stimmung versetzt, auch am beßten über Musik als Aesthetiker nachdenken
kann, wenn ich Musik höre: es scheint, als rissen sich da von den
Empfindungen, die das Tonstück einflößt, allgemeine Ideen los, die sich
mir dann schnell und deutlich vor die Seele stellen. -- Wie ich bey
Schauspielen die Musik zwischen den Akten genieße, habe ich Dir wohl
schon sonst gesagt. Die erste Symphonie vor dem ersten Akt, höre ich
immer mit gespanntem Gefühl und inniger Theilnahme an; aber bey allem
folgenden ist mir das unmöglich, und ich sehe die Zwischenmusik nur als
eine Leinwand, als ein Tuch an, (dies Bild hab’ ich mir schon immer
davon gemacht,) worauf ich mir die Scenen des vergangenen Aktes noch
einmal vormale. Wird die Musik alsdann unterbrochen; so ists, als würde
mein Gewebe zerrissen, und ich habe nichts, woran ich die Bilder meiner
Phantasie anheften kann. Hat jeder dies Gefühl?? Ich möchts gern wissen.
* * * * *
Rambach hat mir einen Theil einer neuen Ausgabe von Sineds (Denis)
Liedern geliehen. Die Ausgabe ist in 4ᵗᵒ 1791 in Wien prächtig
gedruckt, (so wie hier Unger druckt) und enthält in 6 Bänden die
Uebersetzung Ossians, und die eigenen Gedichte. Ich lese jetzt diese,
worunter auch seine Uebersetzungen aller nordischer Gedichte, aus der
Edda u. s. w. mit aufgenommen sind. Er scheint zu denen zu gehören,
welche gerne die schönen Götter des griechischen Parnaßes mit den
schlechten Dichtern, deren heisere Stimme ihre Namen entweiht hat,
in Eine Polterkammer werfen, und die alten nordischen Gottheiten aus
ihrem langen Schlummer erwecken und auf den Thron der Dichtkunst setzen
wollen. Aber dies widerstreitet noch immer meinem Gefühl. Daß die
alten Barden und Skalden der Natur treu auf der Spur folgten, und die
Empfindung rein und ungeschminkt darstellten, weiß ich. Auch find’ ich
in manchen von Denis Uebersetzungen, sanfte, wenigstens sich dem sanften
nähernde Stellen, die den Stempel der Natur an sich tragen. Und daß die
Eigenthümlichkeit der Bardenlieder, die sie fast alle zu Kriegsliedern
macht, worin _Tapferkeit_ und Muth im wilden Schlachtengetümmel
als die erhabensten Männertugenden gepriesen werden, daß dieses ein
Anstoß für den gebildeten Ton unsers Zeitalters sey, fang’ ich auch
an, nicht mehr zu glauben. (Denn gern überzeug’ ich mich von Deinem
Grundsatz: „ein wahrer Dichter macht alles dichterisch-schön!“) Allein,
-- wird es ein Gewinn seyn, wenn wir die ausgebildete Mythologie des
edelsten, feurigsten, feinsten Volks, das je die Erde trug, mit dem
rohen Wuste der Nord. Barbaren vertauschen? Und was ist der Grund?
Denis will blos darum Barde und Skalde seyn, weil Odin und Thor u.
s. w. sonst _vaterländische_ Götter waren. Dieser Grund ist mir
nur sonderbar. Was will man denn in unsern Zeiten mit _dieser_
Vaterlandsliebe? Doch scheint jetzt eine gewisse Mode hierin zu
herrschen. Gemeine Schullehrer scheinen wirklich zu glauben, daß
sie wer weiß wie große Fortschritte in der Pädagogik gemacht haben,
wenn sie ihren 8jährigen Knaben jetzt die Brandenb. Geschichte,
als Geschichte des _Vaterlands_ recht weitläuftig erzählen.
Ein Bürger, oder sonst einer, der nicht Gelehrter werden will,
braucht doch wahrlich in unsern Zeiten, im Grunde die vaterländische
Geschichte so wenig als eine andre; und es würde nach meiner Meynung
also zweckmäßiger seyn, wenn man irgend eine _interessante_
Geschichte, ohne Rücksicht, ob dieses oder jenes alten oder neuen
Volkes? -- in unteren Schulen vortrüge. -- Wie gesagt, ich glaube man
könnte eine ganze Menge Gründe wider die unzeitige Vaterlandsliebe
von Denis und seiner Anhänger, vorbringen. Wer noch jetzt die Trümmer
der nord. Mythologie zu einem Gebäude zusammensetzen und die Lücken
ausfüllen wollte, würde ein schönes Flickwerk zu Stande bringen. Und
es ist doch gar nicht zu läugnen, daß bey aller vortrefflichen, großen
Simplicität, bey aller der erhabenen und feurigen Phantasie, die die
alten nordischen Dichtungen zeigen, dennoch so viel Ungeheures, was ans
Lächerliche und Ungereimte gränzt, so viel Schwerfälliges, so viele
entsetzlich harte, unschmackhafte Bilder vorkommen, daß man, wenn man
beständig sein Auge auf die eingepelzten Götter Skandinaviens heften
wollte, allen Sinn für ein sanftes griechisches Profil verlieren würde.
Der Unterschied ist wie Nebeldämmerung und Morgenröthe, wie -- -- nun
Du magst Dir selbst Vergleichungen aussinnen.
* * * * *
Heute fand ich in der Allg. Deutschen Bibliothek recensirt: Poetische
Versuche von _Hamann_. Ist denn das der unsrige? Mich dünkt, eine
schläfrige Erinnerung sagt mir halblaut ins Ohr, daß er einmal in die
Berlin. Zeitung ein Gedicht eingerückt hat. Die mitgetheilte Probe,
die ich in dem Journale las, war vom Schlage des _Gewöhnlichen_;
zuweilen schien der Reim auch den Sinn, der drein hätte liegen können,
geraubt zu haben. Der Recensent urtheilte auch so.
* * * * *
Spillner habe ich nur noch einmal besucht. Er wird wohl diesen
Donnerstag abgereiset seyn. -- An Piesker schreibe ich, was Du
verlangst, (morgen nämlich,) und bitte ihn, mir auf alle Fälle zu
antworten, damit, wenn er auch in der kurzen Zeit, die Du noch in
Bülzig bleibst, Dich nicht sollte sehen können, ich Dir doch den
Grund seines Ausbleibens künftig schreiben kann. -- Den Brief an
Deine Schwester habe ich abgegeben, und dabey Deine liebe Stube
wiedergesehen. Wäre ich Alexander, so würde ichs mit der eben so
machen, wie jener mit Pindars Hause. Sie müßte eine ewige Reliquie
bleiben, wenn auch ganz Berlin untergienge. Ich werde die Stube nie
ohne Rührung, nie ohne von wehmüthigen Erinnerungen gepreßt zu seyn,
ansehn. Es ist eine herrliche Stube!
* * * * *
Könnte ich doch bey Dir seyn, und auch mit Deinem allerliebsten Lamme
spielen. Die Mutter von Matthison würde mir, wie Dir, eine sehr
interessante Bekanntschaft gewesen seyn. -- Was Schmohl betrifft, so
grüß ihn herzlich. Ich sollte denken, daß Dein Feuer nothwendig durch
längern Umgang in sein kühleres Blut übergehen, und ihn immer mehr vom
Felde der trockenen Betrachtung abziehen müßte, um ein Jünger Deiner
Götinn, der Phantasie, zu werden.
* * * * *
Es ist bald 12 Uhr Nachts. Ich lege mich jetzt schlafen. Ich merke daß
es eine wahre Wonne ist, an Dich zu schreiben. Selig, selig ist der
Tag, den ich mit dem Gedanken an Dich beschließe. Er wird mich auch im
Schlafe nicht verlassen. Träume Du auch von mir. Denkst Du jetzt an
mich? Oder träumst Du von mir? -- Eine allerliebste schmelzend-sanfte
Elegie von Voß fängt an:
„Denkt mein Mädchen an mich?“
Es ist eine höchst natürliche schöne Empfindung darin. -- Jetzt hat es
grade 12 geschlagen. Gute Nacht. Tieck, fliege her, und ich drücke den
feurigsten Kuß auf Deine Lippen. Gute Nacht, der Himmel sey mit Dir!
Gute Nacht!
* * * * *
Den 6ten May, Sonntag, Morgens.
Sieh! ists nicht schön, daß ich mit dem Gedanken an Dich zu Bett
gegangen, und mit dem Gedanken an Dich wieder aufgestanden bin? -- Du
siehst, daß ich prompt im Antworten gewesen bin. Meinen ersten Brief,
den Rambach eingeschlossen hat, wirst Du wohl empfangen haben. Ich
schrieb ihn grade an demselben Tage, da Du Deinen schriebst, den 1sten
May. Du wirst mir nun wohl nicht eher, als aus Halle antworten; aber
wenn Du kannst, erfülle meine Wünsche bald. Ich werde mein Versprechen
in Ansehung des Schreibens gewissenhaft halten. -- Noch eins! Sey so
gut und mache künftig keinen Brief an mich mehr frey. Wozu sollst Du
meinetwegen unnütze Ausgaben haben? Hörst Du? Du mußt es aber auch
gewiß thun. Es bleibt dabey. --
* * * * *
Ja lieber, bester Tieck, wir müssen uns auf Michaelis wiedersehen,
ich harre sehnlich auf diese Zeit. O auch mir ist das Andenken an
unsre Spaziergänge das heiligste, das ich kenne. Du kannst wohl leicht
denken, wie ich mich itzt im Thiergarten befinde, wann ich ihn besuche;
jeder Gang, jeder Baum ruft mir Dich zurück; bey jedem Schritte denk
ich an Dich und will Deinen Arm in den meinigen nehmen, und fühle, daß
mir immer etwas fehlt. Aber dennoch, -- oder, was sag ich -- vielmehr
eben deswegen, werd ich den Thiergarten noch beständiger und häufiger
als jeden andern Ort mit Vergnügen besuchen. Die Bäume darin prangen
itzt mit dem herrlichsten, frischesten Grün; einem Grün, das man im
Sommer in der verdörrten und versengten und bestäubten Farbe des Laubes
gar nicht mehr wiedererkennt. -- Mitschicken kann ich Dir noch nichts.
Ich habe seit Ostern noch so viel fatale und häßliche Abhaltungen
gehabt, daß ich kaum meine gemeinen Alltagsverrichtungen habe thun
können.
* * * * *
Ein recht ärgerlicher Streich! und _ich_ bin Schuld daran. Ich
erfahre eben, daß, da die Post heute früh um 9 Uhr abgeht, die Briefe
schon gestern Abend um 7 hätten hin gebracht werden müssen. Meine
dumme Unwissenheit hat also über meine Gutwilligkeit, Dir gleich zu
antworten, den Meister gespielt. Verzeihe mir’s. Der Brief könnte
nun erst den Mittwoch abgehn (nach Bülzig), und weil er Dich alsdann
_vielleicht_ nicht mehr in Bülzig treffen sollte, so schick’ ich
ihn lieber nach Halle.
* * * * *
Den 11ten May, Freitag, Mittags.
Ich vollende jetzt meinen Brief und ärgre mich nochmals, daß meine
Bereitwilligkeit mir und Dir nichts geholfen hat. Mein Brief wird Dich
nun wohl in Deiner neuen Residenz in Halle begrüssen. An Piesker habe
ich gleich geschrieben, und so dringend als möglich: aber die kalte,
unbeugsame Seele hat mir nicht einmal geantwortet auf meine rührenden
Klagen und Vorwürfe. Gestern Abend bekomm’ ich ganz unerwartet einen
Brief von Wißmann.
* * * * *
Abends.
O Freude, o Freude! heut Mittag hab’ ich schon einen zweyten Brief von
Dir bekommen; Du kannst gar nicht glauben, wie ich triumphirt habe.
Aber ein Ding ist sonderbar. Du hast meinen ersten kleinen Brief --
(3 Oktavseiten lang, -- es war nichts Merkwürdiges darin) -- den ich
den Dienstag vor 8 Tagen, als den 1sten May an Rambach zum Einschluß
gab, nicht bekommen. Und was noch sonderbarer ist: ich bringe heut
nach Tische gleich den Brief an Deine Schwester, und sie sagt mir, sie
hätte 2mal an Dich geschrieben, und in Deinen Briefen sagtest Du, daß
Du auch nichts von ihr bekommen hättest. Liegt die Ursache von diesen
Konfusionen in Einer Ursache? Ist der Herr Fuhrmann in Wittenberg etwa
Schuld? -- Fast verdenk’ ich es Dir, daß Du nicht unruhig darüber
geworden bist, oder nicht deswegen auf mich ein wenig mehr gescholten
hast, daß ich, nach Deiner Meynung, noch nicht, wenigstens mit der
Feder in der Hand, an Dich gedacht habe. Du weißt indeß nun den ganzen
Zusammenhang und den Verlauf der Sachen: und ich werde also wohl in
Deinen Augen exculpirt seyn.
Ist es denn wirklich Dein Ernst, lieber Tieck, daß Du mich nicht
vergessen kannst? O! er muß es wohl seyn! Es hat mich recht gerührt,
daß Du schreibst: „es war recht _unvorsichtig_ von uns, daß wir
uns die letzte Zeit in Berlin so oft sahen.“ Es hat mich recht gerührt.
O Tieck, Tieck, ich habe es geglaubt, daß Du mir gut wärst; aber kaum,
kaum hab’ ich es je glauben können, daß Du _so_ zärtlich gegen
mich denkst. Und daß Du mir nichts als wahre Empfindung Deines Herzens
äußerst, weiß ich. Womit soll ich’s Dir vergelten? Du demüthigst mich.
-- Ich breche ab.
* * * * *
Wie bist Du denn zu den ausgebreiteten Bekanntschaften in Koswig
gekommen? Und, ums Himmels willen, wie ist es möglich, daß Du in einer
Gesellschaft so lange hast Karten spielen können? Das ist ja ganz
schrecklich. Ich glaub’ ich hätte vor Aerger geweint, wenn ich Dich
in eine solche Situation geklemmt gesehen hätte, -- _Dich_ am
Spieltisch, dem Thron von Affen und Laffen, -- Dich! Es ist wahrlich
viel? Ich bedaure Dich. -- Auch die andre Gesellschaft, die Du in
Koswig gehabt hast, muß gar herrlich für Dich gepaßt haben. Aber daß
Du Karten spielen mußtest, und in die Nacht hinein, das ist mir noch
immer das schauerlichste. Ich kanns gar nicht vergessen. Das Fatum muß
nothwendig einen Fehlgriff in der Urne gethan haben, da es das Looß
dieses Tages für Dich zog: das fatale Fatum!
* * * * *
Du stiehlst meiner eigenen Werkstätte von Gedanken etwas, wenn Du
mir die Bemerkung machst, daß um das Große in den schönen Künsten
zu fassen, ein selbst groß und erhaben denkender Geist der Kritiker
seyn müsse. Das hab’ ich schon immer gedacht, und, wenn ich nicht
irre, Dir auch schon gesagt. Aber das was Du hinzusetzest, kann ich
nicht ganz billigen. Ich weiß nicht recht, warum das Erhabene Dich
_eher_ zu _Thränen_ rühren sollte, als das Empfindsame.
~Ad vocem~ Empfindsam, will ich Dir doch einen Zweifel und eine
Bemerkung mittheilen. Ich bin nicht recht mit mir einig, was man
eigentlich _Empfindeley_ nennen solle. Mir scheints am Ende blos
_affektirte_ Empfindung zu seyn; ich will Dir sagen, warum.
Empfindungslose Empfindsamkeitspötter nennen oft etwas Empfindeley,
was an sich schöne, feine Empfindsamkeit ist, und nur dann falsche
Empfindung oder Empfindeley wird, wenn jemand es affektirt, zu haben.
Ich sehe z. B. nicht ein, warum der Vorsatz, nicht aufs Feld gehen zu
wollen, weil man da mit jedem Tritt eine Menge kleiner im Sonnenschein
spielender Geschöpfe vernichtet, -- in gewissen Situationen, auf eine
kurze Zeitlang, nicht wahre, ächte Empfindung seyn sollte. Sagt aber
jemand, der an der Modesucht krankt, solche Dinge, und sehe ichs
ihm an den unnatürlich verdrehten Augen an, daß er gern beliebte
Paradoxa hervorbringen will, kurz, erkenn’ ich an ihm die Symptome der
Affektation, so würde ich sagen: er empfindelt. Denn an sich sehe ich
nicht ein, warum es nicht möglich seyn sollte, _bey allen Dingen
unter der Sonne, unter gewissen Umständen, etwas zu empfinden_. Und
wenn jemand in eine Stimmung versetzt wird, daß er Empfindungen in
seinem Busen fühlt, in welchen er noch keinen Vorgänger gehabt, so muß
diese seine Empfindung doch für ihn wahr und richtig seyn. Oder willst
Du noch falsche Empfindung und Empfindeley unterscheiden? Ich habe mich
verirrt und erwarte Deine Fackel in diesem kleinen dunkeln Labyrinth.
-- Sey so gut und belehre mich doch über dergleichen Anfragen, Dubia u.
s. w., wenn Du Lust hast. --
-- -- Um noch einmal zu Deiner Materie vom Erhabenen zurükzukehren, so
scheinst Du mir da etwas verwechselt zu haben. Daß das Erhabene Dich in
eine Art von Wuth d. i. in den höchsten Paroxismus der Begeisterung
und Entzückung versetzt, will ich glauben. Aber Thränen kann wohl nur
das Rührende entlocken, -- und, -- (wie wir es mündlich ausgemacht
haben) -- das Schauerliche, Schreckliche.
Daß Schmohl durchaus kein freiwilliger Diener der Musen werden, nicht
auf dem Altar der Grazien opfern will, wundert mich doch. Sein fremdes,
frostiges Betragen gegen Deinen vertrauten Freund Shakespear muß Dich
wohl natürlich beleidigt haben. Sollte Dein Geschmack denn gar nicht an
seiner Denkungsart abfärben, wie an der meinigen?
* * * * *
Bernhardi hab’ ich in dieser Woche einmal, Rambach zweymal nicht
zu Hause getroffen. Daher hab’ ich mir von diesem auch noch nicht
Deine Anna Boleyn geben lassen können, so gern ichs gethan hätte. Es
geschieht aber noch: ich werde sie noch aufmerksam lesen, und soviel
ich kann, Dir darüber sagen, wenn auch nur in Kleinigkeiten. -- Unter
allen den Abhaltungen, die mich an tausend Dingen verhindert haben,
nur nicht an Dich zu denken und zu schreiben, habe ich denn doch auch
eine höchst angenehme gehabt. Du weißt, oder weißt nicht, daß ich in
Sachsen, bey Jena, einen _Freund_ habe: er ist es wirklich, denn
ich schätze ihn sehr, und habe mich überzeugt, daß er zur Freundschaft
geschaffen ist. Vor ein paar Jahren lernte ich ihn hier kennen, und
seitdem habe ich meinen unterbrochenen Umgang mit ihm durch Briefe
fortzusetzen gesucht. Sein Nahme? Er heißt Schuderoff und ist Prediger
in Drakendorf und Zöllwitz, 1 Meile von Jena, ein liebenswürdiger
junger Mann, dessen jugendlichschöne, feine Gesichtsbildung eine
geläuterte Denkungsart und ein edles Herz ankündigt. Er ist zum Besuch
hier und kommt bey seiner Rückreise _vielleicht_ durch Halle. Er
ist Kantischer Philosoph, und hat neulich Briefe über die moralische
Erziehung herausgegeben, die ich itzt lese und die recht schön sind.
Zweymal bin ich mit ihm im Thiergarten gewesen. Das frische Grün ist da
ganz zauberisch schön. Die gewölbten Birkenalleen sind das lieblichste
Bild des Frühlings. Und weißt Du wohl was ich gestern in der gekreuzten
Birkenallee für eine Freude hatte? Du wirsts errathen. Verschwunden war
die verdammte Statue ohne Kopf. Ich möchte wissen, welcher gute Genius
sie fortgeschleppt, oder in die Tiefen der Erde hinuntergeschleudert
hat. Der Gang ist nun noch einmal so schön.
* * * * *
Vom Theater willst Du etwas wissen. Hier ist etwas fragmentarisches,
so viel ich Dir geben kann. -- Vor einiger Zeit ist ein neues Stück
von Jünger: die Geschwister vom Lande, gegeben, das nicht vorzüglich
seyn soll. Die Hagestolzen und Axur werden oft wiederholt. Ein gewisser
Lißner scheint hier zu bleiben; und ein andrer Schauspieler, Garly,
soll auch hier engagirt seyn. Dieser soll eine sehr schöne Bildung
haben und viel Anlage besitzen. Diesen Mittwoch ist Emilia Galotti
aufgeführt: ein durchreisender Däne, Herr Preisler, hat den Prinzen,
und Garly den Marinelli gespielt. Ob es wahr ist, daß Czechtizky und
Mattausch noch wegkommen werden, weiß ich nicht. -- (~N. B.~ Seit
dem Don Juan, der, als Du in Fredersdorf warst, gegeben ward, bin ich
nicht im Schauspiel gewesen.)
* * * * *
Dank für das kleine Gedicht von Deinem Freunde Toll. Es ist süß und
lieblich, und wird mir sehr werth bleiben. Ich werds, wie Deine Briefe,
als ein Kleinod aufbewahren. -- Verzeihe nur meiner Armuth, daß ich
Dir jetzt unmöglich etwas mitschicken, und meinem Mangel an Zeit,
daß ich Dir nicht etwas abschreiben kann. Wolltest Du so gefällig
denken, die Länge meines Briefes als einen Ersatz dafür anzunehmen?
-- Unsre Korrespondenz soll sich nun nicht wieder verwirren. Du bist
wohl so gut, und schreibst mir zuerst wieder, wenn ich nicht zu viel
verlange. Doch schreib so wenig oder so viel Du Zeit hast; je mehr
natürlich, je besser, aber nur bald. Doch beinahe möcht’ ich glauben,
mit diesem dringenden: Bald, Deine Delikatesse zu verletzen, weil mir
Deine 2 schnell aufeinander folgenden Briefe eine sehr hohe Idee von
Deiner reizbaren Briefschreibethätigkeit eingeflößt haben. Ich werde
Dir dann gewiß bald antworten. Oder hoff’ ich zu vorschnell, und bin
ich unbillig wenn ich von Halle aus, wo Du in mehr Verbindungen und
Geschäfte kommst, so oft etwas von Dir zu lesen erwarte? -- Aber was
schwatz’ ich denn? Du bist mein Freund, und wirst schon wissen, was mir
gut und lieb ist. So will ich denn mit festem Muth auf Dich hoffen, und
mein Vertrauen allein in Deine Freundschaft setzen.
* * * * *
Den 12ten May Sonnabend Mittags.
Von Denis eigenen Oden, Elegien und Liedern muß ich Dir noch sagen,
daß mir manches sehr darin gefallen hat. Am schönsten dünken mich
die Gedichte zu seyn, die er Klagen nennt: z. B. über Gellerts Tod,
über den Mißbrauch der Dichtkunst u. s. w. Der letztere Gegenstand
ist vortrefflich behandelt. Da wirds recht mit lauten dreisten Worten
unserer entarteten Dichterrepublik gesagt, daß nur Empfindung,
Empfindung der Genius seyn solle, der das Lied beleben könnte, daß
Witz ein verzogenes Kind sey, das nur jenseit des Rheins zu Hause
gehöre; und mehr dergleichen, was, wie Du weißt, schon lange meine
Herzensmeynung gewesen. „Soll Witz, soll Witz im Liede seyn?“ fragt
Denis und ich frags mit ihm.
* * * * *
Ich habe nicht länger Zeit, und muß Dir also ein herzliches Lebewohl
sagen. Sag mir doch manchmal Deine Meynungen über meine Meynungen, die
ich Dir so in meinen Briefen äußre. Schreib mir nur ja bald, recht
bald; ich antworte dann gewiß auch bald. Sorge für Deine Gesundheit
und grüße Halle. O die liebe Reichard’sche Familie! Wenn ich doch
Miekchen auch sehn könnte! Grüße sie herzlich von mir; auch Schmohl;
auch die kleinen Mädchen bey Reichards, die ich noch alle bey Namen
weiß. Vielleicht versucht meine Muse bald wieder eine Kleinigkeit, ich
schicke sie Dir dann. Schreib mir bald und bleib’ mein Freund. --
_W. H. Wackenroder_.